Clair-obscur.

Clair-obscur.

Die beiden Geistlichen zogen sich bald zurück, da sie annahmen, daß nur eine wichtige Ursache Arnold’s schneller Rückkehr nach Korbach zum Grunde liegen könne. — Dieser, wissend daß sein Vater kein Geheimniß für Sprenger habe, erzählte, und nahm so viel vom Freinhofe in seinen Bericht auf, als eben hinreichte, um den Zusammenhang nicht sowol zu erklären als zu verwirren.

„Wo der Wind hinweht, ist klar“ — meinte Sprenger.

„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach. Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer Eisen-Industrieu. s. w.Was ich ihnen im Senat zu sagen hätte, können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, — darauf können sie warten.“

Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken, wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, — und die Ablehnung des Schreibens ist ein direkter Bruch, — so ist das erste Opfer unser braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die Arbeiter gegeneinander.“

Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in der Form; er standwirklich überden Parteien, während sein Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte. Sprenger hatte die Ueberzeugung,daß ein Kampf mit der herrschenden katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher“ Konkordat. — Es lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten. Freilich lauter „Vielleicht!“ — Auf den Senat legte er weniger Werth — es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen, aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil.

Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte, sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich zur Schwester begeben,welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben.

Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar breit. — Er sah sich nach Verbündeten um.

Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt — Arnolds Mutter — ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe der protestantischen Arbeiter — jener Häuser, in welchen ihr Name in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend, ausgleichend wirken konnte.

Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei manchen wichtigen Veranlassungen mehr über den Vater vermocht hatte, als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles.

Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, — sie sah mit ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben zu sehen. — In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters in die weichste, reizendste Form gehüllt, — — als wäre ein Diamant in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, — der Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei, durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte.

Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten, nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das blühende Mädchen so blond und weiß — — und doch nichteinschmachtender Zug! — Alles so lebendig, kräftig und warm! — Die Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduftgeschaffen. —

Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten, wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne auch seine Ansicht.MeineMeinung ist, daß der Vater den Senat annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will, was er für sein Leben gern selbst thun wird,nichtschreiben soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, unddarum“ —

„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz alsich?“ — unterbrach sie Sprenger.

„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater hatdochRecht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland den dreißigjährigen Krieg,“ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes Neinausdrückte. —

„Das ist schlimm,“ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die Zukunft Arnolds.“

„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.“

„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir erlauben.“

Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hattefehlgeschlagen. —

Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme,wennder Minister keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. — Sie wollen nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.“ — Er theilte hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete. „Dem Erzbischof aber — fuhr er fort — wollen wir weiße Mädeln entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken bersten, aber geschrieben wirdnicht. Und nun mache, daß du fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um mich zu bedenken.“ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; — sie spiegelten im innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es schon Genzianen!“

„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber hinein,“ rief sie lachend. — — „Nun aber genug, — der Vater wird ungeduldig, — ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, — auch er hat nicht Recht, — heute bin ich mit Euch Allen imKrieg.“ — —

Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, — und Arnold sprang auf den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichenAblehnungen zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren.

Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns, wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten Anarchie.

Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder, — der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl, auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer Handvoll Unzufriedener“, — der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin auseinandergetrieben zu werden: — es ist offene Empörung.

Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden; — gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten,seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig. — An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, — da er nun einmal auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; — er war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zuschieben. —

Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. — Seine Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit, dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen, trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann bekommst du Antwort von Korbach?“

Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen überAllesöffnen!“ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin diesesnochbestehen solle — und es entwickelte sich nun das Feuer auf derganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. — Als dieselbe aufging, war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden.

„Sie werden, bester Herr Korbach, — sprach die Hofräthin — so gütig sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen lasse.“

„Mein Vater, — erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden Wink Blauhorns — wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.“

Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand.

„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen Auffassung einer Sache, welche wirnunmehr als abgethan betrachten müssen,“ — sagte Blauhorn gemessen und spitzig.

„Herr Korbach hat ja angenommen?“ rief die Hofräthin.

„Abgelehnt!“ sagte der Gatte, schnellerbegreifend. —

Arnolds Schweigen war die beste Politik. Das Gespräch hatte geringe Lebensfähigkeit und gefror zu zwei oder drei Eisblöcken von Redensarten, welche dießmal von keinem Gnadenblicke der Dame geschmolzenwurden. — —

Als das Paar allein war, wehte auf Blauhorns Stuhllehne die Siegesfahne. Jetzt dankte er Gott, nicht die Lokomotive zu sein. „Marianne, sagte er, laß dir dieß zur Warnung sein, keine Intriguen ohne mich einzufädeln! Zu so etwas muß man geboren sein.“ Sie verließ das Zimmer ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Sie fürchtete sich allerdings, beim Grafen kompromittirt zu sein, doch hatte sie keine Wahl gehabt — oder vielmehr nur die Wahl, auf andere Weise kompromittirt zu werden, — wie sich später zeigen wird.

In Pater Bernhards Wohnung wurde Arnold von der Mittheilung überrascht, daß derselbe nach St. Martin abgereist, und den Auftrag hinterlassen habe, ihn zum Sekretär des Erzbischofs zu führen.Dieser empfing ihn mit den noch überraschenderen Worten, Se. Erzbischöfliche Durchlaucht habe befohlen, ihn zu melden.

Nach einigen Minuten stand er vor dem höchst ehrwürdig aussehenden greisen Priester, welcher mit freundlichem, mildem Blicke und leichtem Neigen des Kopfes seine Verbeugung erwiederte und mit sanfter Stimme sagte: „Ich habe Ihnen, werther Herr Korbach, bereits im Allgemeinen durch den Herrn Prior von St. Martin mittheilen lassen, daß ich die Einweihung der Kirche in Korbach vornehmen werde, und kann Ihnen nun sagen, daß ich am Mittwoch über vierzehn Tage daselbst eintreffen werde. Ich weiß, daß hierdurch auch ein frommer Wunsch Ihres Vaters erfüllt wird, welchen er wohl, Angesichts einiger früherer unliebsamer Vorgänge, Bedenken getragen haben dürfte auszusprechen. Ich komme demselben mit Freuden zuvor, da die Dinge in Korbach eine gute Wendung nehmen. Es soll der Gesinnung Ihres Vaters an einer kräftigen Unterstützung von Oben nicht fehlen, ich gedenke dieß bei meiner Anwesenheit zu beweisen. — Sollte Sie in Zukunft ein Anliegen zu mir führen, so werde ich für Sie immer zugänglich sein.“

Ein Schritt zurück und eine freundlich entlassende Bewegung mit Hand und Kopf schnitten jedeGegenrede Arnolds ab, selbst wenn er eine solche bereit gehabt hätte. — Die Audienz war zu Ende. Nach der Abschiedsgebehrde konnte er nur bleiben, wenn er ein Schreiben des Vaters aus der Tasche zu ziehen hatte. Daß erkeineshabe, hatte der kluge Kirchenfürst beim ersten Blicke vermuthet und war nach den ersten zehn Worten davon überzeugt, da er keine Anstalt sah, ein Derlei zu Tage zu fördern. — Undeigentlichhatte er auch kein Schreiben erwartet, sondern — den alten Korbach selbst. — — Ein sehr bezeichnender Unterschied zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt lag in der Weise, wie Beide die Ablehnung behandelten. Der Erzbischof läßt es gar nicht zum Aussprechen desNeinkommen, nicht einmal gegen Pater Bernhard. Er weiß wasist, er hat ins Herz geschaut, und das genügt. Die weltliche Gewalt begnügt sich nicht mit faktischem Wissen und Handeln, sie hat noch menschliche Leidenschaften, keine Rancünen, sie zeigt Gereiztheit. Die Kirche läßt es nicht auf den Punkt kommen, daß sie beleidigt sein muß, bevor sie es angezeigt findet. — Arnold erschien sein Vater wie das arme Volk in der offiziellen Zeitung bei der Durchreise eines allgeliebten Herrschers; haben zehn Menschen gerufen, so ist es tausendstimmiger begeisterter Jubel. Hat sich kein Mund geöffnet, so ist die Rührungkeine lärmend ausbrechende, aber eine um so tiefere. — Sein Vatermußtesich nach dem Erzbischof sehnen, laut oder stumm.— — —

Nächsten Morgen begrüßte ihn, da er eben die trübe Sündflut des ganzen unerklärlichen ihm widerlichen Getriebes überschaute ohne Land zu entdecken, eine Taube mit einem Oelzweig, — ein Brief Helenens.

Sie schrieb:

„Nach deiner Abreise abermalige Conferenz, zu der ich gerufen wurde. Ich sagte von Günthers Ansicht über ein Freinhof-Komplott Alles, was ich sagen konnte ohne deinen mir anvertrauten Herzensschatz zu enthüllen. — Niemand findet eine Erklärung. — Günther, Sprenger und ich haben verschiedene Meinungen.

Günther hält nach deiner Erzählung den Freinhof für ein Gewebe, wo mitten die Spinne sitzt, welche auch Julien umklammert, und nach allen Seiten hin ihre misteriosen Fäden nach den Fliegen ausspannt.

Unser Mentor sagt: Gerade umgekehrt. Im Freinhof sitzt die Fliege, die Person, welche von all’ den Spinnen in den obern Regionen zu verschiedenen Zwecken benützt wird.

Ich sage: Beide haben Recht, Beide Unrecht. Es ist da ein Mensch, der von Einigen zu ihrenZwecken gebraucht wird, und selbst seine eigenen mit Andern verfolgt.

Ihr sucht überhaupt zu tief — Ihr wollt eine Freimaurerloge, Vehmgericht, Falschmünzerbande, kurz irgend eine prächtige Roman-Teufelei mit einem vielgestaltigen Anführer und Verschwornen in allen Ständen herausfinden. All daskönntesein, — aber esisteben nicht! Ich sehe das so klar, mit diesen meinen Augen, die trotz deines Vergleiches kein anderes Blau haben als eine frisch abgesottene Forelle. Glaub’ mir, hinter der ganzen Geschichte steckt Nichts als Ein schlechter Mensch, dessen Opfer auch die arme schöne Frau. Der Vater sagt, von seinen Freunden würde keiner so handeln, und entsinnt sich keines Feindes. Den Herrn des Freinhofes kennt er gar nicht. — Was bei uns vorfällt, erfährst dugleich.“ — —

— — — Wer sah am Richtigsten? Der Taschenteufel, — der vielgereiste Mentor oder die achtzehnjährigenGenzianen-Augen? —

**           *

Ein Streiflicht fällt, wenn nicht auf das Gewebe, doch auf die Spinne, wenn wir Sembrick folgen, der am Nachmittage nach Arnolds Besuch abgereist, Abends im Freinhofe eingetroffen war.

Mit einem Gewitter hatte drei Tage früher unsere Erzählung begonnen — es folgte ihm die Abendfeier am Himmel, die zugleich das Morgenroth einer erwachenden Liebe. — — Das heutige war auf den Raum eines Menschenherzens eingeengt — es folgt ihm aber keinAbendroth. —

Als Edmund ankam, war Julie auf ihrem Zimmer. — Er faßte mit ruhiger Hand ihre dargebotene zitternde. Tiefer Ernst, — gebändigter Schmerz lag auf seinem Gesichte — — das ihre war eine weiße Rose im Sturm.

„Edmund, ich wußte, daß Sie kommen würden!“

„Und Sie sind so bewegt, als wäre das Unerwartetste erschienen.“

„Ich bin’s, weil ich Sie erwartete! Sie erhielten meinenBrief“ —

„Ich erhielt ihn aus Korbachs Händen heute Morgen, und bin gekommen, ihn nach seinem ganzen Inhalte zu beantworten.“

„Ach Gott, Sie sprechen so gemessen, in einem so feierlichenTone“ —

„Wie es eine Stunde fordert, in welcher klar werden muß, Julie, was wir einander sind, und fortan sein können.“

„Und war denn nicht Alles so klar, wie es seinsoll und kann und mag, seinwird, wenn Sie es nicht unklar machen wollen? Edmund, ich leide genug, — können dennSiemich quälen?“

„Leid von Ihnen fern zu halten war mein Ziel, seit ich Sie gefunden. Wenn ich es nicht erreicht, noch lange nicht erreichen werde, so liegt die Schuld nicht im Mangel des Willens, noch der Kraft. Jedes Handeln ist für jetzt unmöglich!“

„Unwürdig ist unser jedes Wort, das den Gedanken verschleiert! Sie wollen mirnichtsagen, daß Sie nicht handeln können, Sie wollen sagen, daß Sie dabeialleinstehen wollen. Was Sie unklar zwischen uns nennen, das ist der Brief, mit dem ich Arnold sandte! Und Sie vergessen Ihre Worte: „Noch Eine sichere Hand, eine treue Seele, auf die Sie zählen können!““

„Ich habe sie nicht vergessen, — und statt Sie zu fragen, wie Sie in Korbach den Mann erkannt, auf den ich zählen könne, sage ich Ihnen geradezu, Sie haben recht gesehen, — eristes. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen, — und wenn sie kommt, so bedürfen Siemeinerdann nicht mehr.“

„Edmund, glauben Sie nicht, mich durch Ihre Härte dahin zu bringen, daß ich etwas sage, was Sie mit Recht verletzte, damit Sie ein hartes Wort von mir als Schild gegen Ihr eignes Gefühl haltenkönnten, das Ihnen sagt: sie bedarf meiner! —Wasistandersgeworden seit dem Tage, wo Sie von diesem Fenster auf den Berg hinüberblickten und sagten: So wahr der Geist Gottes über den Wassern und jener Höhe schwebt, der in das Dunkel, in dem Sie wandeln, hineinrufen wird, es werde Licht! so lange weiche ich nimmer von Ihnen, bis mit seiner Hülfe die Fessel gelöst ist! — Was ist anders geworden? — nicht ich, Edmund, aber Sie!“

„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es istumSie!“

(— — — Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zurselben Minutedas Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handlefürsie, nichtumsie — — — und tief mochte sich unter dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. — — —)

„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit — Siewarenwie ich Siesah! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nichtichhabe Sie hinaufgehoben — — — jetzt hinweg mit den Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund eines unglücklichen Weibes zu sein,“ — ich lasse Sie auch jetzt nicht im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke anArnoldist es, der Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen... Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, — Edmund, — in Frauenwang! — wo Sie jenes Kind gerettet — wo ich Sie zum ersten Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger und Leu’n thaten — — diekonntensich erbarmen, — sondern an den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, — im letzten Moment, — wo eskeinermehr wagte — und das Mädchen emporrissen! — — ich höre noch den Schrei der Umstehenden — der meine erstickte in der Brust — es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! — und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es auchnur einmal zu küssen — — — Sie hätten es am nächsten Tage, vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte mir’s durch die Seele,der kanndein Retter sein! — Dann gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche Geschöpf hingestellt — als wär’s ein Waarenbündel, — den nun der Eigenthümer wegtragen soll! Und ebendarum, meint’ ich, konntenSiees sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut geglaubt, herbeistürzte, — sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich — Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete, voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, — mit dem Gedanken,dieser Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben“—

„Und dann kalt und ruhig wegzugehen — — der Weihrauch der Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen Freundschaft — — das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser erhielt, — sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan, als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der Zukunft gestärkt?“

„Und ist dasNichts? — ist’s denn nicht tausendmal mehr, alsichbieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, — und hab’ ich Ihnen nicht Beides zu danken?“

„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner ganzen Menschlichkeit vor sich sahen — — die Hoffnung eines Glückes aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren habe.“

„Und anwelches konntenSie glauben — —? Edmund, dürfenSie, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, — von Enttäuschung sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen verwandte, Sie hier vorstellte, als er, — mir unerklärlich, Ihnen Alles mittheilte — — was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher, als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz weiß — da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde, daß Siemichnicht — — wie jenes Kind hinstellen würden. Ich bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, — vergebens. Ich erhielt den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mitallen Jenen, — — deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als Ihr Gefühl, — wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort ausbrach — — habe ich die Augen mit den Händen bedeckt —? habe ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? — haben Sie eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen — ein „Mein Herr, was berechtigt Sie —? Ich habe mich in Ihnen getäuscht —?“ Oder ein ähnliches Nichts? — — Hat auch nur ein gepreßter Athemzug, ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage — — so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! — — Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen, die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines Handelns und Strebens für eine Frau kennt, alssie selbst. Wenn von Enttäuschung die Rede sein kann, so binich es, Edmund, die das Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.“

— — Wenn ich sagte, ich habe überwunden — erwiederte Edmund mit sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, — um Ihr eignes Bild zu gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt — preßt ihn in’s Innerste zurück, — — Sie haben kein Ueberwallen mehr zu fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander fortan sein können, sollen sagen: Binichfortan derjenige, in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksalesalleinmit unbedingtem Vertrauen legen wollen? — Bin ich es, so sollen Sie die Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt,sohandelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund indemSinne, den sie verlangt — — ohne irgend eine andere Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. — Mit Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. — Unsere Wege führen auseinander. Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden Mittelpunkt meines Lebens gefunden, derseine Kometenbahn in eine abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, — und den ich wieder verloren. Wohin der seine? — Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette dahin. — Das verlangen Sie von Sembrick nicht. — Verlangen Sie es um Korbach’s willen nicht! — Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken,soträgt wie ich?“

„Daran habe ich nie gedacht — Edmund, Sie glauben unmöglich, daß Arnold einen Augenblick uneins mit sich seinkann“ —

„Wie erhandelnwerde, gewiß nicht; aber täuschen Sie sich nicht über sein Pflichtgefühl. Er ist mit allen Banden, durch eine hoffnungsreiche Zukunft an dieses Land gebunden, und kann über das Bestehende, über die Forderung des Gesetzes nicht so leicht hinwegsehen! Seine Ansicht, wenn ich ihn in den wenigen Minuten durchschaut, — dürfte jener nachgebildet sein, welche das Ideal jedes jungen Mannes sein soll, — er wird nicht wieMaxseinen Friedland, seine Liebe opfern, — aber er wirdempfindenwie dieser, und in den schmerzlichsten Zwiespalt mit sich gerathen.“

Julie schwieg betroffen — sie legte die Hand auf’s Herz — und sagte nach einigen Minuten leise aber heftig: „Das entscheidet! — das allein. Sagen Sie nichts mehr davon — — Sie haben mir die Augen über etwas geöffnet, was ich nicht geahnt. — — Und Sie! — Sie haben von der Last die sie trugen, geschwiegen, bis Sie dieselbe theilen sollten! Das ist groß — das ist wiederderEdmund, zu dem ich wie zum unbeweglichen Polarstern hinaufgeschaut! Sie geben sich mehr Mühe, klein zu scheinen, als Andere groß!“

„Und so bleibe ich denn am hohen kalten Himmel stehen, Julie, und wir lassen Korbach auf der warmen Erde wandeln, ohne ihn mit der Kette Ihres Geheimnisses zu umschlingen?“

„Es soll so sein — — ich werde seinen Frieden nicht brechen!“

„Und wie werden Sie gegen ihn widerrufen, was Sie im Briefe aussprachen?“

„Das überlassen Sie mir — ich werde leicht Hände lösen, die sich nicht berührt haben — — und die Ihre wird die eines treuen Freundes bleiben wiezuvor?“ —

„Ich werde wie ein solcher handeln. Und nun, Julie, — da mir Alles —Allesklar, sagen Sie mir, was Sie denn eigentlich gedacht, beabsichtigtwelchen Plan Sie im Aug’ gehabt, als Sie mirdiesenVerbündeten sandten?“

„Gedacht? — Plan? — Was ist denn, — das Eine ausgenommen, daß ich mir selbst treu bin und dem, was ich gut nenne, — wasistdenn in mir, was nicht Eingebung des Moments wäre? Was berechne ich? Eine Stunde lang sah ich Arnold, — es fiel mir nicht ein, zu denken,wieer Ihnen beistehen könne — ich mußte ihn senden, — fassen Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauenmußte? — Ich fragte mich ja selbst, warum, und da ich’s nicht weiß, ist es eben ein Gegebenes, ein Gottgesendetes, wie alles Unerklärliche, das uns hebt und besser macht! Ich konnte, nachdem ich mit ihm gesprochen, mir einen Augenblick denken, daß es Nichts in der Welt gebe, was nicht vergeben und gesühnt werden könne, und das hat mir wohlgethan. Sie sagten, wer von ganzer Seele liebe, der könne auch von ganzer Seele hassen — vielleicht bin ich des Ersteren nicht fähig — denn ich kann mir nun keinen Haß denken, selbst gegen den, der Alles gethan ihn zu verdienen, welcher nicht in ein „Gott verzeih dir wie ich!“ hinschmelzen würde, wenn er mir auf dem Sterbebette, — auf meinem oder seinem, die Hand reichte. Und noch vor wenig Tagen hatte ich —Sieerschrecken nicht vor dem Gedanken, aberich— hatte ich zu Gott um Rache gerufen, — da oben — an der Stelle selbst! — Vor Arnold könnte ich ein solches Gebet nicht laut aussprechen!“

„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.“

„Sie wußten —?“

„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir hören.“

„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen, nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. — Er lag im Bett, rauchte seine Zigarre, — ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid, — das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, — hatte die Augenlider gesenkt — da sah ich wenigstens nicht, was mir das Fürchterlichste ist. — — Sembrick — haben Sie denn je einen Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie aufschlägt und ich diese Augäpfel — wie die eines Blinden — nur mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe — — er sieht Sie durch und durch, — aber Sie können ihm nicht hineinsehen, nicht durch die äußerste Hülle der Seele. — Die schmalen, eiskalten Züge, der lippenlose Mund — das ist Alles nichtsgegen diese Augen! — Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof — ich nannte Alle, auch Arnold — er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und hätte ihn aufgesucht — nun kommt er selbst, um so besser, — so kann Alles durch dich gehen. — Ich fragte: Was hast du mit dem vor? — Nur Gutes, erwiederte er — so freundlich lächelnd — daß ich alle Mächte des Himmels um Schutz für Arnold anrief. — Und dochhater auch schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, — er befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit Pater Bernhard und reiste ab. — Ich konnte den ganzen Tag das Bett nicht verlassen.“

„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus, wo Ihre Kraft zusammenbricht, — ich fürchte, früher, als ich oder wen die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.“

„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. — Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden viel elender, und Tage und Wochenviel weniger unglücklich als Sie glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.“

„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie mirerzählten.“ —

„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.“ — — Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine Natur stößt nun einmal das Schlechtezurück.“ —

„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht — hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie muß doch untergehen, — sie hat keinenHalt, — wenn sie noch rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene anmaßende, auf sich ruhende! — — und diese ist ihnen weit verhaßter als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Apparates hinaufkriecht und auf den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben nicht anders kann und will!“

„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich dessenfreuen; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ichwaraber hundertmal das als was icherschien, ein gefeiertes junges Weib, das sich des Augenblickes freut.“

„Für mich war immer Alles rein, Julie, wo die Welt trübe sah — wenn ich aber alles Willkürliche, alles Unberechenbare an Ihnen begreife, so fasse ich dasEinenicht, wie Sie hier — so nahe jener Stelle, nach welcher Kollmann drohend den Arm ausstreckt wie ein Wegweiser zur Hölle, — wohnen, — auch nur eine Stunde frei athmen können; und doch war der FreinhofIhrGedanke!“

„Und das glaubten Sie? weil Sie hörten, daß ich den Plan angegeben, das Werk gefördert?Erhat es gewollt, — ein Nein gibt es ja nicht. Ermochte denken, dieser Ort hält das Bild lebendig, vor welchem wie vor dem Medusenschilde jeder Gedanke des Widerstandes erstarrt. — Vielleicht will er ihn auch überwachen. — Und neben der großen teuflischen Idee das kleine Gewimmel von klugen Berechnungen und Vorahnungen, wie der Freinhof so herrlich allen Zwecken entsprechen werde, wie da ganz anders auf Jeden gewirkt werden könne, jedes Wort einen andern Klang habe, wenn es die Weiber beim Ton der Zither, die Männer beim Male nach der Jagd vernehmen! — daß ich hier frei athme? wenn ich den Nächten dererstenWoche nicht erlegen, so war es gewiß, daß ich in der zweiten Ruhe fand, in der dritten die Besuchenden empfing, wie Kollmann gebot. — Ich bin eines stillen Hinliegens in ewigem Schmerze nicht fähig. Daß aber die Thränen jener Stunden, wo ich verzweifeln möchte, hinreichen werden, um das frohe Lachen der andern zu verlöschen, wenn es als Sünde in mein Schuldbuch geschrieben wird, das hoffe ich so gewiß, als ich mit Arnold an endliche Sühnung jeder Schuld glaube.“

„Vielleicht würde auch er fühlen, wenn ihm Ihr Schicksal enthüllt wäre, daß es Lagen gibt, wo der Mensch erst dann vergibt, wenn Gottes Gericht über den Schuldigen hereingebrochen, — so wie Gott vergeben mag, wo die Menschen gerichtet —!“

„Edmund —!“ rief Julie — — es war ein Aufschrei des Entsetzens — ihr Blick eine Bitte umErbarmen — —

Er faßte ihre Hand und sprach bedeutungsvoll: „Vergebung! Julie! — — Noch sehe ich keinen Ausweg, kein Licht. — Ich verlasse Sie, um nach dem Ort zu reisen, wohin Sie nicht denken sollen ohne sich zu erinnern, daß ich in einemschwererenKampfe gesiegt als der, dem ich entgegengehe!“

„Ich habe Gott darum gebeten, und er hat micherhört“ —

„Er wird auch Ihr zweites Gebet hören! — in wenig Tagen bringe ich Ihnen Nachricht.“

— — Er schied, und Julie las in seinem letzten Blick voll Schmerz und Liebe, daß Gott ihr Gebet nicht erhört habe. Das war noch nicht die hohe, ruhige Flamme, die aus dem Auge des Siegers leuchtet — es war nur Ergebung, — nicht Erhebung.

*           **

Sembrick kehrte von der Reise, welche zum Zweck hatte gewisse Verhältnisse an einem Orte, wohin wir ihm später folgen werden, zu erkunden, am vierten Tage seiner Verheißung gemäß, zurück.

Mit sichtlicher Betroffenheit vernahm er, daß Kollmann mit Julie den Tag zuvor den Freinhof verlassen. Es war einiges leichte Reisegepäcke mitgenommen worden. — Das Wohin wußte Niemand.

Vergeblich sann Edmund nach. Was Kollmann begann, wurde selten klar, ehe es durchgeführt war. Er fragte nach Knorr; es war möglich, daß dieser mehr wußte als die Diener.

Man wies ihm dessen Wohnung, welche übrigens vom ganzen Thalgrunde aus sichtbar war. Hart am Ende des Parks, der den Hof umgibt, erhebt sich eine steile, kegelförmige Anhöhe, mit Fichten rings bewachsen, auf deren Gipfel altes Gemäuer steht: die Ruine einer Kapelle und eines Gebäudes, welches einige Mönche vor Jahrhunderten bewohnt haben mögen. Kurze Zeit vor Erbauung des Freinhofes hatte Knorr, auf dessen Vergangenheit wir später zurückkommen werden, den Waldkegel sammt der Ruine von der Grundherrschaft, dem Kloster St. Martin angekauft, das Gebäude so weit herstellen lassen, daß es nun einige freundliche Wohnzimmer und eine Küche enthielt, und sich mit einer alten Bäuerin, welche seinen Haushalt besorgte, darin festgesetzt und gegen Alles behauptet, was, wie wir sogleich hören werden, aufgeboten wurde, um ihn zu vertreiben.Der übrige Theil der Ruine blieb in dem Zustande, worin er sie gefunden.

Als Sembrick den Waldpfad hinanstieg, hörte er Schüsse in kurzen regelmäßigen Zwischenräumen und fand Knorr auf dem kleinen Plateau vor seiner Wohnung beschäftigt, aus einem achtläufigen Revolver nach einem, die Spuren zahlloser Kugeln weisenden, Baumstamme zu feuern, auf welchem mit Kreide Buchstaben, Kreise und sonstige Figuren gezeichnet waren. Auf der Bank vor der Hausthüre lag ein ganzes Arsenal von vier-, sechs- und achtläufigen Revolvers nebst Kugelnu. s. w.

„Gegen wen, lieber Knorr — rief der Baron — vertheidigen Sie denn Ihr Raubnest mit einem so mörderischen Feuer?“

„Gott zum Gruß, verehrter Baron, man muß sich auf dieser Welt voll ewigen Friedens stets in der Verfassung erhalten, nöthigenfalls ein Licht auszuschießen, brenne es auf einer Millykerze oder in einem Kopfe!“

„Lassen Sie einmal sehen!“ erwiderte Edmund, dem es darum zu thun war, Knorr näher kennen zu lernen, den er bis dahin wenig beachtet hatte, aber nach Reilands Mittheilungen nun nicht für unbedeutend hielt. „Ich bin auch keiner der schlechtesten Schützen!“

„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.“ Sembrick versandte mit Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich endlich für überwunden erklären mußte.

„Nun den letzten Schuß!“ sagte Knorr. — „Sehen Sie, der geht auf den schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine Kugel in die Rinde.“

„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! — rief lachend der Baron, — Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.“

„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen. Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort. Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!“

Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf,in effigieerschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?“

Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen. Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mireinen Friedenstraktat, den Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie Oesterreich und Piemont.“

„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu bestehen?“

„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz darin, der gehoben werden muß.“

Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.“

„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist bloß bildlich zu nehmen. — Sie finden es hier nicht comfortable, aber glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im Freinhof.“

„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.“

„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, — — dem Nachbar klingt das Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du — — Schuft — —! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle, die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht. Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.“

„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren gründen; somit muß man eben durchfreundschaftliche Theilnahme das, wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern suchen.“

Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,“ sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren, wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.“

Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton nicht beachtend: „Wir verstehen uns, — man muß eben Alles der Zukunft überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu sagen, daß ichdortwar, das Terrain geprüft habe und nicht ohne Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen; fürjetztsei es aber unmöglich, Etwas zu thun.“

— — Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über sich selbst“ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in welche ihn die letzte Unterredung mitJulie zurückdrängte. Aber durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden. Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle Herrschaft behaupten, — wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches Hinaussein bedingen, — aber sicher über jene, wo man sich über ihre Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eineLeidenschaftnichtLiebezu nennen, so war dieß zwar hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern, — aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu lassen.

Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte.

Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog.


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