Der Prior von Sankt Martin.

Der Prior von Sankt Martin.

Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds.Ihmhat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner heißen Fahrt. — Und sicherlich eine Hagelwolke einemAndern, der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht — undauchdes Freinhofs gedenkt, — und auch einen Gruß hinübersendet, — aber nicht aus treuem Herzen undblauenAugen an die reizende Julie, sondern aus einer falschen Seele undpechschwarzenAugen an den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten Kollmann.

Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatzeseiner gegenwärtigen Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten.

Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen.

In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen, soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen.

In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten Jahre Egiptens in Permanenz erklärt.

Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände in Fonds zu operirenversuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge zu bewegen. — Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer eigenen Faulheit und Indolenz.

In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund, — worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, — und besaß ein in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild.

Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefelstangen und Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen wußten. — Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen, kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, — dafür aber auch keine „Narren ihr Lebelang“ sind. Sondern — sie halten Weib, Wein und Gesang — statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente — für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet, die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, — in welcher Beziehung auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht gegen sie erfüllt.

Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten, taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung, als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal. Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers NamensValentinausersehen.

Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St. Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum“ anschrieben, und wieder abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den Bauern mit Erschlagen bedroht wordenwaren. —

Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen desRückschrittes. Sie schienen ihmalleingefährlich für die Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers, der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem Organismus nicht gestörtwurde. —

Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen Helldenkenden seines Standes mit dem Vorgefühle der schlimmsten Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin undstarb.“ —

„Wir wollen es besser haben als gut, — sagte er, und werden es schlechterhaben.“ —

Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander. Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene, niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte.

Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich dem Konkordatmit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten, dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß.

Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster, und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete. Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als dessen Stelle erledigt worden.

Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten.

Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle Popularität verloren.

Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem er sich zuerst die Gunst seinesBeschützers gesichert, indem er in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen, bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in derAusführungdieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten.

Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen rechnen konnte.

Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe hinaus.

Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher Oberhirt des Waldklosters zu verleben. Wenn er jetzt schon in seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines Kardinalshutes.

Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht, welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte.

Dieß Gewicht war dieEitelkeitdes Priors, die ihn hindertevollständigimPrinzip aufzugehen. Er konnte sich die kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber dasprestigeder eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Standeist aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden, vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche, die Form der Ueberzeugung ablegen. — Pater Bernhard ließ so gern ein „wir verstehen uns“ durchblicken, — er war Parvenü, indem er sich gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske lüften dürfe.

Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof, der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte, ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in Korbach besondere Bedeutung gewann.

Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden Konfessionen bestand ein ungetrübtfreundliches Einvernehmen. Die Wahl der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche, fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben, die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten.

Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen.

Der sogenannte „aufgeklärte Katholik“ der gebildeten Stände — eine Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht mitwiegt, wenigstens mitzählt— wird sich im Verkehr mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe“ bewahren: es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet, Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält.

Nicht so der gemeine Mann, — der Arbeiter. Ist er einmal in beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr alseinenWeg nach jenem Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden materiellenAnstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen.

Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen, welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans.

Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam, wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, — er werde sie kräftiger unterstützen als bisher, — ihr Bethaus könne man nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil dem andern nachgeben, — sie würden sammt ihren Kindern selig werden, ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen und sich „lutherisch machen lassen“ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte sie mit der aufeigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten. — Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf dem Papiereblieben. —

Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälatles bras croisésdem Unwesen zusehen werde — und er hatte geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen.

Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach für einen Bekehrten.

In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst ungelegen.

An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzendencoup d’étatzu bezeichnen. — Der Thron von St. Martin sollte jetzt erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen. Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz der hohen kirchlichen Diplomatie haben, — römisch-katholischer Staatsmann werden.

Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. — Mit der Mine, welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu brechen, bedurfte es einescasus belli.

Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisseEtwas, dieHandhabe.

Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: — Kollmann.

Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit aussehende Pläne verfolgte.

Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort, das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.“

Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht. Die ganz plumpe hielt er fürkeine. Nachdem er sich ziemlich weit gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.“

Nun suchte er ihn auf, — sprach Anfangs reservirt, im Tone des Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, — innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.“ — Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.“

Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich in drei Tagen,“ war eben nicht die Sprache eines „Werkzeuges.“ — Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die seinem hohen Gönner sehrmißfallen haben dürfte, und fühlte sich gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben.

Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf, den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior, ging aber hinüber.

„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann — ich liefere Ihnen den Kriegsfall. — Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum, sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. — Die Korbacher Fabrik verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. — Es wird somiteine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu überwerfen. — — Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. — Wir wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.“

Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. — Er begriff nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er, so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu einemExzeßin Korbach kommen — ein Paar zerschlagene Räder und Drahtspulen — vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach der Residenz — die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allenappui; — es kann der Fall eintreten,daß Sie die weltliche Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des Protestantismus in Korbach dastehen.“ Der Prior hatte nun die Wahl, entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie, eine Niederträchtigkeit — oder einfach und schlecht auf Alles einzugehen.

Undviel zu viele Minutenhatte er mit der Antwort gezögert, um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung loszubrechen — — mit diesem Schweigen hatte er denPriesterabgelegt — denPfaffenangezogen. — Es war ein historischer Moment in seinemLeben. —

Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einenPrüfsteinder anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen, darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St. Martin gerufen.

Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior mit offizieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die gute alte Zeit des Waldklosters.

Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo, siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen. Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, — als dieser eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren, ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, — dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit geglaubt, er schlummere nur. — Unbegreiflich sei ihnenAllen seine Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten gewesen.

Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. — Der Prior überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und entließ sie.

Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben, wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten, zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre habeu. s. w.“

Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger Berechnung. — Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie gewirkt, zu Gemüthe zu führen.

Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß den Vorgeschmackder Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird.

Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen.

— — — Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends.

Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, — und wie sie eben mit traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, — gingen sie nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende Wirthshaus.

Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der Gebildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, — der Herrgott hat ihn zu sich genommen.“ — Die Arbeit gehtfort. —

— Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße, welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem Klostergebäude hielt.

Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater. — Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben — den alten Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und nannten den Uebrigen den Namen des Mannes,der seines Karakters und Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand.

Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen, untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der Todtenkapelle abholen würde.

Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren.

Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, — nun aber erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. — Er nahm seinen Platz neben Leo, den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß undnoch in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der katholischen Gemeinde angehört.“

„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus reinem Herzen kommt!“

„So ist es!“ riefen Andere. — — Der Prior war ja mit dem Bischofweggefahren. —

Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich höre, daß nichtAlleso denken, wie Sie und Gott sei Dank! die Meisten.“

„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir über ihn, erwiderte Leo, — die Andern, die Sie begleiten werden, waren ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.“

Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle, wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere Priester gekommen waren.

Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum. — Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte entschlummert.

Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete sie an den Stufen nieder und betete.

Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der Verklärung betrachtete.

Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung:

„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen“ — die Geistlichen näherten sich aufmerksam und schweigend. — „Wenn ich spreche, so ist es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen ist.“

„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist das letzte Wort, das der Verblichene an Ihren würdigen Bruder, den Pfarrer von Korbach gerichtet hat, — mit welchem er ihm und Ihnen Allen sein letztes Lebewohl sagt.

„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es, Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, — man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben einWunderim wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedankenwohlgefälligwaren.

„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den Willen des Empfängers — aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den Sie mit mir beweinen!“

Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde, als er das Papier entfaltete und las:

„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich Rechenschaft ablegen übermein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren, mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten, die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung. — Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten Brüdern als der Würdigste erkannt werden, wieichSie dafür erkenne und vor dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem Throne fragte, wer soll Hirt meiner Herde sein. — Und somit werden Sie wenigstensEineStimme für sich haben, die aber auf Erden nicht zählt! Wenn aber unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung im Sterben glaube, Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden siemuthigundtreuimTodezumirhalten, wie es Alle imLebengethan!“

Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen.

Nun legte er den Brief auf die Brust der Leicheund schloß: „Ich habe Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht gegen ihn isterfüllt.“ —

Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, — und wollte die Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daßmehrals Einer treu und muthig zu dem Verklärten hält!“ „Wir, wir Alle halten zu ihm!“ tönte es durch den Raum — ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, — die auf Erden nicht zählte.— — — — — —

Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang hinan, — in den Tannenwald, — fort durch die sternenhelle Nacht.

Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit Innigkeit. — „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er, und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aberacht, — und im Kapitel werdenvierundzwanzigstimmen.“ —

Im Augenblicke, wo dieß gesprochen wurde, waren es nicht mehracht. —

Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hatten als unwiderstehliche Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die Kraft einesletzten Willensfür sie hatte, und den sie Andern mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme des Todten diese Gewalt haben,mußtesie aber auch haben: ein Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und Bedrängnissen ins Auge sehenwollten. —

— Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster zurück. — Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle gewesen und wieder abgereist sei — mehr nicht. — Die acht Priester mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben.

Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den Schlaf von seinemLager. —

Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles solldeinsein — hatte der Satan zu ihm gesagt, — wenn du niederkniest und mich anbetest“ — Erhatteihn angebetet, — und ehe der Mond wieder heraufstieg, mußte dieß Alles seinwerden! —

Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens.

Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne Ziel, — ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufeerklommen. —

— — Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.“

Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten für Valentin.


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