Der Taschenteufel.
Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, — und zwischen jenem, wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen.
Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen wird, und die ganze Einrichtung deskleinen Salons, des Schlafzimmers und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit, Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen.
Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird, und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und Korrespondenzen arbeitet, — Bestellung von Aufträgen seines Vaters an Geschäftsfreunde, — ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.
Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.
Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten Reisetage eine Woche zwischen diesem und dem Abschiede von der Heimat zu liegen scheint, — daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen, welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne gerückt werden?
Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.
Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause hinaufgeblickt hatte.
Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche, kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.
Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vorihm verhüllt; — aber den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen, ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.
Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte nicht gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegenSinnenliebe, sondern suchte vor Allem in seinem Telemach jenen Stolz zu entzünden, der vor Wegwerfen seiner selbst und vorZersplitterungbewahrt.
Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften gebührt, einzunehmen, dichpositivauszuzeichnen, ist dir nichtimmer, ist dirjetztnicht geboten: abernegativ, durch Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das kannst du immer; — liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können bloß deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste ihres Geschlechts. — So wenig der Mann sich „heirathen lassen“ soll, so wenig soll er sich „verlieben lassen.“ — Kurz du darfst nicht Mittel einesWeiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung einer Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. — Liebe Eine,welchedich liebt, aber nicht,weilsie dich liebt. — Du wirst Derjenigen, die dich erfüllen und fürs Leben beglücken kann, nicht begegnen, ohne dich früher mehr als einmal getäuscht zu haben, das heißt du wirst nicht heirathen, ohne vorher ein Paar Narrheiten zu begehen, aber es seien wenigstens selbstständige, aktive Narrheiten, kein „halb zog sie ihn, halb sank er hin“ — kein passives Aufgehen in einer begehrlichen Laune einer Erfahrnen, welche an deinem frischen unverdorbenen Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie eine von der Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in „Dorfgeschichten“ und „Zwischen Himmel und Erde“ stürzt.“
Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden: das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seineHöhe. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden, nutzlos.
Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen Wasser, die ihn einige Monate hindurch in Paris und London umspülten, reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold, wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, — hatte ihn an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen, behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.
Er stellte sich aber die Frage: „Vielleichtwarenes für ihn keine Versuchungen?“
Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint nie anders als erist, und wenn er das ganze hohe und niedere Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu verrathen, daßes ihn reizt, sohates ihn eben nicht gereizt. — Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur fürdieses?“
Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein gehen: führen können wir ihn nicht weiter.“
Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold, die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft dahin.
Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.
Aber ein kristallreiner Gebirgssee, — und eine weiße Wasserlilie —?— — — —
— — Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.
Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung — ein sehr ungleiches,als sie einander beim hellen Lampenschimmer betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz prächtiger Junge geworden!“ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind, das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind unzerreißbar.
Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar Abendstunden. — Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sichFertigseins.“ —
Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, — sie hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nachblättern da weiterlesen konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.
Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge, langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte. Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben „an Freiherrn Edmund von Sembrick“ gezeigt, welchen er heute nicht bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen“ — schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!“ — worauf Günther erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten,geschwiegen, den mußt du mir erst erzählen.“
— „Ich habe dir Alles gesagt.“
— „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt dazu gesagt hätte — das habe ich Alles bekommen. Was deinHerzdazu gesagt hat, das hast du weggelassen. — Ich bitte dich zu bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zugelangen, und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten Gelöbniß, uns nie Etwasnachträglichzu vertrauen!“
Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, — ich kann dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ichweißnicht wie mir geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß nach dem Freinhof gemacht hätte!“
„Also hat doch der Teufel — —!“ rief Günther auf den Boden stampfend, und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlichdarin, daßmir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als was dich betrifft. — Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im Freinhof gehört — einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender Münze bezahlen.“
Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde, welcher rief: „Und nun leb’ wohl — bet’ und schlafe, daß dir besser werde!“ — und ging.— — — — —
Als Arnold allein, — als die Lampe verlöscht war, trat ein altes ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen — der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager. Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte, er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhausesehen. — —
Günther las zu Hause den Zettel. — Die Namen waren für ihn keine todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und Gehörtes vor.
Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einenspiritus familiaris, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische, in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den dieDemuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt, hindurchblicken lasse.
Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, — Ehen, an deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt unsichtbar blieb — Alles schien im Register des Taschenteufels aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte Blatt hinhielt. — Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern geradezu verächtlicheKlatsch. —
„Ich suche nicht und frage um Nichts — sagte er mit Recht — die Dinge kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.“ — Der Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. — Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.
Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit derdurch keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe derLiebenswürdigkeit— jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.
— Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. — Er besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht, daß „der Günther Alles sagen dürfe“ — — es lag eben in demwie— — er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher Gespräche ohne auszugleiten.
Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten Kreisen jene „Eisenfeile“ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend, ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendstenSchlüssen. —
Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossenlieber drei Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. — Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.
Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.
Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß.Dasschadet mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr früher zur Erbschaft verhilft. — Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. — Nun frage ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit noch ohne Streuzucker gebenkann?“ —
„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht einmal unterbrechen.“
„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken kann. — Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt. Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen, in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagenin effigie, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hieraufin persona, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen, denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert, und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg. — Weiter. — Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister desInnern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten. Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie interessiren. — Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. — Nummer drei: — der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. — Was den Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. — Schließlich Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau gesprochen. Er ist aber doch nur durchsievom Finanzminister in die Kommission ernannt worden. — Ich gebe dir noch als Vermuthung gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich zu beheben. — Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. — So weit einstweilen die Steckbriefe. — Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.“
In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener Erklärung. — Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:
„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die Behauptung aufzustellen, daßdie ganze Gesellschaft im Freinhof, wie sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist, was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren, um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, einGesindelheißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar meistens obenauf.“
Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es hatte ihm ja selbst weh gethan, sichihrBild indiesemRahmen zu denken.
„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen — das ist der Probierstein — und Alle, bei denen duJasagen kannst, gehörenherüberund alle Andernhinüber. — Nun aber eine andere, wichtigere Wahrnehmung. — Es muß dir auffallen, daß alle diese Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den alten Fürsten Leuchtendorfu. s. w.gewirkt werden kann — alles indirekt und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so sicherer. — — Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, — ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand keinenSchlüssel.“ —
„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das, wasmirjener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern freundlich zu sein?“
— „Weder du noch ich. Aber das Folgende gehtdichan: wenn der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht zusammengezogen sind, so bistduzu einem solchen Faden bestimmt so gut wie die Andern.“
— „Und welcher Prinz oder Minister soll durchmichin Bewegung gesetzt werden, durch einen unbedeutenden jungen Menschen ohne Rang und Verbindungen?“
— „Keiner; sondern du selbst.“ — Günther sprach mit jenem Ernst, der eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern Eindruck zu machen pflegte. — „Täusche dich nicht hierüber. Gott erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß — verzeih die Impertinenz unter Männern — ein entschieden schöner Bursche. Weißt du was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder ein Mittel zusehen.“ —
— „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; — welche Rolle willst du dennihr, die mir nur den Eindruck eines lächelnden geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen Zwecken gegenüber, anweisen?Siesoll doch nicht die Seele von Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern Getriebes sein? Ich würde dir übrigensAlles vergeben, so lang du sie nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?“
„Thatsächliches, über den Lichtpunkt — Nichts! Daß Kollmann vor ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, — um das zu erfahren, brauchst dumichnicht zu fragen.“
„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt, — gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele blicken ließ, und heute hältstduzurück. Deine Meinung übersieist es, die ich von dir erwartete.“
Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn —! deine ganze Julie Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabteKokette! und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen Dekorazionen, in dem ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, — nur eben so viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck finden kann. — Auch hat sie gesagt, daß ihrdeinName nichtfremdsei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese Frau einmal gesehen — über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein. Bist du bloßverliebtin sie — du kennst die tadelnswerthe Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, — so magst du dich, wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zulieben, wie der Franzose sagtde la prendre au sérieux, so ist Alles, was gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles — von deinem Herzens- und Lebensglück angefangen bis — das getraue ich mir zu behaupten — bis zu deinenMetallfabrikenherunter. Leb wohl und antworte mir jetzt nicht.“
Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend drückte; — seine Augen waren feucht.
So tief er auch vom Anfange der letzten RedeGünthers verletzt war — — in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde, sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.
In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.
Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.