Zimmerreise.
Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung, mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er öffnete.
Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen, individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen des Bewohners. — Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden, größtentheils Niederländern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie Moos dem Tritte nachgebende Teppich, — die kunstvolle Zeichnung der Holzmosaik des Plafonds — Alles war volle Harmonie in Farbe und Form, und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet.
Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt werden können.
Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten eineneigenenStempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder begegnet.
Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, — nureinmalüber die Erde gegangenes Vorbild: — — der Stempel, nach welchemseineZüge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten zerbrochenworden. — —
Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer und Verkäufer aus dem Tempelflohen. —
Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige: — alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner, Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit Euch.“
Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe“ — erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge verwundende Spitzen für ihnhatten. —
Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seineganze Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Mannegegenüber. —
Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl, wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen, und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen. Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint in diesem Sinne auf Sie zu zählen.“
„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, — sagte Arnold — daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die Hand dazu biete.“
Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der Kenntniß derVerhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer Personhervorgegangen.“ —
„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, — war Arnold’s Antwort — so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir unsoffenüber Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in unglückliche Verhältnisse helfendeinzugreifen.“ —
„Es handelt sich hier umetwas mehr. Ich brauche nicht zu sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, — Sie werden einem Manne, durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen Gentleman im vollen Sinne zählen können.“
Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu Gebote stand, auf, und sagte: „Ichhoffe, mich des Gleichen zuIhnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig empfangen.“
Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen zwei Augenpaaren aufgebaut, — aber die beiden Seelen am Ende derselben standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte Brückenköpfe.
Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen, als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach, bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine treue, verläßliche Hand!“ ohne sich näher über das, was Sie für mich ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen. Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist.Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minutegenügen.“ —
„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, — — und eben diesen! — Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie — aber dieser Verbündete wäre schlimmer als ein Feind! — ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn — du hast hineingeschaut bis auf den Grund — dein Bild darin gesehen — genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seelenachsinkt.“ —
Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland wünsche seine Aufwartung zumachen. —
„Soll sogleichhereinkommen.“ —
Er nahm wieder seinen Platz ein, und grüßte den Eintretenden mit einer Handbewegung und den Worten: „Sie kommen wie gerufen.“
„Ich bin sehr glücklich, HerrBaron,“ —
„Das freut mich, und ich werde noch mehr dazu beitragen, wenn Sie schnell und treu berichten.“
„Ergebenst zu dienen. Am Montag hat die ganze Gesellschaft, von der ich geschrieben, den Freinhof verlassen. Auch der fremde junge Mann, Herr Korbach; Frau von Kollmann hatte eine Unterredung mit ihm allein. In der Nacht war Herr von Kollmann eingetroffen, — die Frau war eine Stunde bei ihm, und sie ist in sehr leidendem Zustande auf ihr Zimmer gekommen.“
„Wollen Sie mir gefälligst Nachmittags Alles berichten, was Sie über die Verhältnisse dieses Korbach bis dahin erfahren können. Ich reise Abends weg. — Was machen die Ehrenschulden?“
„Ich gestehe, daß meine Posizion in der Gesellschaft gefährdet ist, wenn nicht ein wohlwollenderFreund“ — —
„In Ermangelung eines Freundes — sagte der Baron mit verächtlichem Lächeln, wird auch ein einfacher Darleiher auf Nichtwiederzahlen genügen“ — und reichte ihm eine Banknote aus dem Portefeuille. — „Was für eine ostensible Rolle spielen Sie denn eigentlich im Freinhofe?“
„Ach, Herr Baron, man gilt eben durch seine Persönlichkeit; — wenn man einmal vorgestellt ist, handelt es sich darum, den Damen angenehm zu sein, sich mit den Männern auf guten Fuß zu setzen. Auch mit dem sonderbaren Knorr ist mirs gelungen. Er hat mir angetragen Du zu sagen, aber auf so eigenthümliche Weise, — er meinte, ich meinerseits könne Sie zu ihm sagen, wenn ich wolle, es sei ihm sogar lieber, — nurerbringe es nicht über die Lippen; man darf aber an diesen Menschen nicht unsern Maßstabanlegen.“ —
„UnsernMaßstab?“ wiederholte der Baron, seinen Kopf langsam an der Stuhllehne gegen Reiland wendend — „wenn ich mich recht entsinne, so sind Sie bei einer frühern Gelegenheit von Knorr durchgeprügelt worden? Das ist vermuthlich mitIhremMaßstabegeschehen.“ —
„Es ist wahr, sagte Reiland, dessen Gesicht mit einer rothen Brühe übergossen war, — daß dieser Mensch sich in einem seiner ungeschliffenen Scherze an mir vergriffen, allein die Sache wurde schnell ausgeglichen — die Frau vom Hause wußte Alles in ein so humoristisches Licht zu setzen.....“
„Ich weiß, ich weiß — doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland, und geben Sie sich Mühe!“
„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.“
„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.“
So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle sie auf jeden Platz, wo es gilt „Herr“ zu sein — und wenn sie vor Tausenden aufrecht dastehen,Einerwird einmal vorüberfahren, dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit sind, — wenigstens in moralischem Sinne. — Reiland wird in einem fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht. Vielleicht auch von Andern. — Er ist noch kein eigentlicher Schurke, — er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham gelassen, umvor einem Andernzu fühlen, was er Ehrloses gethan.Alleinwohl niemals.
— — Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes. Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz — in seiner Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel — Sankt Georg mit dem Drachen — der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. — Wie war es möglich, daß diese Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines Gewürmes wie Reiland bediente? — Vielleicht dachte der Christuskopf, daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion bedienten?
Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert.
In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben, war Arnold die Treppe hinabgegangen. — Der Baron hatte ihn nicht nur in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er auch von letzterer in sich hatte.
Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie hatte gesagt, sie habe einen einzigenstarkenKarakter gekannt, der jenes „unversöhnlichen Hasses“ fähig. Das war Sembrick! — trotz aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. — Dann überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher Beziehung steht dieser Mann zuihr?
Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen und Molchen der Eifersuchtumringt, aber aus der Tiefe ragte das Felsenriff des Glaubens — an den einzigen langen tiefen Blick, der den Worten: „Ich vertraue Ihnen“ — auf ihrem Wege über dunkle Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. — — Doch fühlte er, daß erkämpfe, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwasvertheidige. —
Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen — an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daßsieaus Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen Beschäftigung.
Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen durch die Seele gegangen war.
Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe.
Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte: „Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen,gut gemacht, — Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung, die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die Kollmann aussprach, überzeugt, daß siedieseWendung nicht beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der Fall ist.“
„Das Schlimmste ist nur,“ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur hingegangen, um mir einen Verkehr mitdortzu erhalten! Jetzt stehe ich vor der chinesischenMauer!“ —
„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wirdselbstden Schleier zurückschlagen. Und wenn dunichtihr Kalaf bist, — bedenke die Möglichkeit — wenn Sembrick es wäre, so wird es dir nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.“
„Undwenner es ist,“ sagte Arnold entschieden, „so werd’ ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja, daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß,die ich noch nicht lösen kann, wie es mein Herzverlangt.“ —
„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken habe, baueichdir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu vortrefflichen Harkeboom — sagte Günther, den Namen eine Elle lang ausziehend im norddeutschen Accent. — Harkeboom hat die Ferientage zu einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so isteres, von dem dein Schiffer erzählte, — das unglückliche Opfer, welches Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen, wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du willst, so gehen wir gleich.“
Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr! Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen Künstlers.
Es war ziemlich spät am Abende, als sie beiihm eintraten. Der Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen Seidendecke.
„Wer kommt?“ rief er mit seinem vollen schönenOrgane. —
„Gute Freunde!“ erwiederten die Beiden, welche erst die Staffelei umgehen mußten, welche mitten stehend das Kabinet in zwei Hälften theilte.
„Ach das ist doch gar zu schön, Ihr lieben, vortrefflichen Menschen, daß Ihr des alten Harkeboom nicht vergeßt, und nu gar mein treuer guter Korbach!!“ Und so klang es fort in gemüthlicher Breite und mit einem gewissen wohltönenden Pomp aus der breiten Brust des Professors, dessen kahler Vorderkopf und wasserblaue freundliche Augen sich zu Sembricks Erscheinung verhielten, wie ein Albrecht Dürer zu einem Salvator Rosa.
Schwerlich konnte Günthers Kreuzzug zur Bekehrung des Freundes mit einem unglücklicheren Manöver beginnen als mit dem, freilich durch die Terrainverhältnisse gebotenen, Flankenmarsche um die Staffelei, auf welcher ein fertiger Freinhof mit angefangenem Wetterstein auf schwarzem Wolkengrunde wie eine maskirte Batterie lauerte. — Ein Blick Arnolds hatte Günther über die Wirkung ihres Feuers belehrt.
Der Professor hatte seine Erzählung des Ausfluges begonnen und seinen Unfall beschrieben „und wie dann der Herr Knorre, ein gar zu köstlicher, origineller Mensch, ihn mit seiner Riesenstärke eine volle Stunde weit geschleppt, und die liebenswürd’ge Frau Kollman, ein wahrer Schatz von einem Frauchen, neben ihnen hergegangen, und daß er über ihrem herzlichen Geplauder fast seines Schmerzes, und einer ganz unbeschreiblich ergreifenden Szene vergessen;“— — —
„Aber wie haben Sie denn eigentlich, — Sie unverbesserlicher alter Sünder — unterbrach ihn Günther, diesen Schatz von einem Frauchen kennen gelernt?“
„Sehr einfach, sagte der brave Mann nach einem Gelächter „wie Orgelton und Glockenklang,“ sie ist im Frühlinge in mein Atelier gekommen und hat zwei Bilder bestellt, — es war eben ganz kurze Zeit nachdem ich den Unterricht der Prinzessin Marie übernommen hatte.“
Arnold erhielt einen nicht sehr leichten Tritt auf seinen Fuß, womit Günther den Zuwachs einer neuen Hintertreppe bezeichnete.
„Dann erhielt ich, fuhr Harkeboom fort, eine gar freundliche Einladung nach der schönen Besitzung, wo ich die Feiertage zubrachte, und in der Frau des Hauses eine ganz treffliche Dilettantin fand. — Da habe ich den ganzen Tag Studien gemacht — unterandern die Ansicht, die ich dort auszuführen angefangen — das ist der Wetterstein; aber was meine Gedanken am meisten beschäftigt, das konnte ich nicht hineinmalen. Diese Frau hatte die Parthie nach diesem Berge projektirt, und als sie widerrathen wurde, so ernst und entschieden erklärt, sie gehe allein, daß ich mich denn doch schämte. Herr Knorre sagte, sie wäre vor einem Jahre an demselben Tage hinaufgegangen. Nun hatten wir die Höhe erstiegen, welche ganz senkrecht nach dem See zu abfällt, — da macht sie uns ein Zeichen, zu bleiben, und steigt auf einen etwa ein Paar hundert Schritte höheren etwas überhängenden Vorsprung des Felsens, sieht einen Augenblick hinunter, dann kniet sie nieder; Knorre sagt: „Lassen wir sie mit ihrem Herrgott allein, sie ist ihm doch dort um zweihundert Klafter näher als unten am See.“ — Nach einiger Zeit kommt sie vom Gipfel herunter; — ich habe in meinem Leben kein so ergreifendes Bild gesehen... die Spuren der Thränen auf den Wangen, die Locken im Winde fliegend, ein Zucken um die Lippen und eine Flamme in den Augen, wie von der ungeheuersten schmerzlichsten Erregung; — wenn die Frau da oben gebetet, so wars kein Herr dein Wille geschehe, sondern ein Gebet um einen Wetterstrahl aus den rings aufsteigenden schwarzen Wolken, ob auf ihr eigenes Haupt oder ein anderes, das weiß der, an den’s gerichtet war! Das Bild möcht ich malen können: ich habe denn doch eine Skizze versucht — — es ist eben nicht ganz mißlungen — ach wollten Sie wohl, lieber Korbach, sich die Mühe nehmen den grünen Karton dort am Fenster zu öffnen — da liegt’s ganzoben!“ —
Im nächsten Augenblicke hielt Arnold mit zitternder Hand das Blatt gegen das Licht; es zeigte einen mit kühnen Strichen meisterhaft hingeworfenen Umriß.
„Obgleich nun, erzählte der Künstler weiter, die Frau sich keine Mühe gab, die Zeichen ihres Gemüthszustandes zu verbergen, so lag in den ersten Worten, die sie an uns richtete, ein so entschiedenes Ablehnen jeder Frage oder Theilnahme, daß von einem Besprechen dieser Szene keine Rede sein konnte, und nach kurzer Zeit war sie in den gewöhnlichen Ton übergegangen. — Wir sind doch einverstanden, meine Freunde, daß der Moment der Skizze, von der sich Arnold heute nicht mehr trennen zu wollen scheint, unter uns bleibt? Es muß da ein psychologisches Geheimniß dahinterstecken, das wir ehren wollen. — Da seht Ihr immer das Bild an! Gallait hätt’s freilich anders gemacht; ich konnt’ es noch nicht herausbringen, — aber Etwas habe ich mir doch mitgenommen — ihre herrliche Hand, die ich in Gypsmodellirt habe — — reine Antike! — ach lieber Günther, ziehen Sie doch gefälligst den Vorhang von jener Etagèreweg!“ — —
Ehe er aufstehen konnte, hatte Arnold das weiße Modell auf rothem Marmorsockel enthüllt, — und während Harkeboom seinem vormaligen Schüler begreiflich machte, daß man ein Modell nicht mittelst Anfühlen und Wärmen in der Hand, sondern mit dem Auge studiere, hatte Günther Zeit, die Resultate des kurzen Feldzuges zubetrachten. —
Das Freinhofgemälde, die Erzählung, die Hand, die Aquarell-Skizze — das war Montebello, Palestro, Magenta, — Solferino. Er trat einen Augenblick vor den Spiegel und sagte ganz leise zu seinem Bild: O König Wiswamitra, was für ein Ochs bist du! — oder warst du heute... Doch — früher oder spätermußt’es so kommen.
— — — Die Freunde gingen schweigend nebeneinander. Endlich begann Arnold:
„Ist das auch Koketterie?“
„Nein. — Um so schlimmer; was soll werden?“
„Gehandelt muß werden!“
„Wie das? Da du unter Handeln schwerlich ein Beseitigen Kollmanns verstehen wirst, von einem einfachen Abenteuer aber, wie ich nun erkenne, keine Rede sein kann, so sehe ich nur das selige Elend eines ziel- und endlosen Verhältnisses, welches entweder ins Materielle herabsinkt, oder in welchem, wenn es oben schweben bleibt, deine ganze selbstständige Existenz aufgeht.“
„Ich handle nichtumsie, sondernfürsie. Unter Handeln verstehe ich das Aufbieten aller meiner inneren und äußeren Mittel, um den Schleier zu zerreißen und, was Feindliches für sie dahinter, zu bekämpfen. Halte mich aber nicht für so blond-gemüthlich und germanisch-treuherzig, daß ich ohne Bienenkappe in das Wespennest steche. Ich bin durch dich vor dieser Umgebung gewarnt. Wenn ich noch heute früh fragte, was sie mit einem unbedeutenden jungen Menschen vorhaben können, fühle ich mich nun bedeutend genug, für meine erste, einzige, herzinnige Liebe ihnen Allen den Handschuh hinzuwerfen. — Und wenn du mich meine Geschäfte mit lässiger Hand führen siehst, wenn ich träume, statt zu arbeiten, wenn ich über dem Pochen meines Herzens die Hämmer in Korbach vergesse, dann, und nicht früher, erlaube ich dir zu sagen, daß meine Selbstständigkeit in einem seligen Elend aufgegangen. Dich aber bitte ich, mir mit deinem scharfen Auge zur Seite zu stehen, welches eben nur dort irrte, wo es nichtselbstgesehen.“
— Günther wußte, was er für heute von seinem scharfen Auge zu halten habe, erwiederte aber— der vollendeten Thatsache gegenüberstehend — mit Nachdruck und Herzlichkeit: „So lange ich zu leben habe, rechne auf mich, — Gott mit dir!“— — — — —
Arnold war am nächsten Morgen in froherer, selbst ruhigerer Stimmung erwacht, als an beiden vorigen Tagen. Er war vollkommen klar über sein Gefühl geworden. Aber bald empfand er, daß nichts eine bestimmte Gestalt gewonnen, als eben nur sein eigenes Gefühl. Er stand gerüstet da, das Silberschild der jugendlichen Zuversicht am Arm, das Schwert des festen, von Liebe entflammten Willens in der Hand, — es fehlte nichts als nur der Feind. Nicht einmal der Schleier, hinter dem er lauern sollte, war zu fassen.
Günther suchte er nicht auf. Er scheute sich, nach dem erlassenen Manifeste: „Gehandelt muß werden!“ in seiner dermaligen Rathlosigkeit vor ihn zu treten, und fürchtete ein gewisses lächerliches Streiflicht von Don Quixote, — Prinzessinnen befreien, — Riesen erlegen. — Desto lebhafter interessirte er sich für den Zustand des wackern Professors, den er in drei Tagen zweimal besuchte. Allein der Deckel des Kartons lag plump und dumm auf der Skizze und die Hand auf dem rothen Sockel rührte keinen Finger, um den Vorhang wegzuschieben. Harkeboom sagte ihm mit dem herrlichsten Organ gar zu guteund herzliche Dinge, war aber, mit leichten Wendungen, nicht wieder auf den Wetterstein zu bringen, und einen Satz, welcher ungefähr gesagt hätte: Herr, ich bin da, um Etwas von Julie Kollmann zu sehen und zu hören, — brachte er nicht über die Lippen. — Da die Hand und das Bild unsichtbar blieben, überließ er das Bein Harkebooms dem natürlichen Heilungsprozesse und ging nicht weiterhin. —
Tag auf Tag verging: er mußte Schwert und Schild an die Wand hängen. Kaum vermochte das Eiswasser der Arbeit seinen heißen Aerger zu kühlen.
— — Ereignisse von eingreifender Bedeutung fliegen selten einzeln, meistens in Schaaren, wie Zugvögel am Himmel unseres Lebens auf, — seien es Schwalben, die einen Frühling bringen, oder Krähen, die eine Leiche wittern. Nachdem eine Woche lang an Arnolds Firmamente nichts aufgeflogen, als das Sperlingsgewimmel der täglichen Geschäfte, trat ihm eines Abends der Comptoirdiener mit zwei Vögeln von unbekanntem Gefieder, — zwei Briefen von fremder Hand entgegen.
Der eine lautete: „Ich bitte Euer Wohlgeboren, mich wo möglich morgen zwischen drei und vier Uhr mit einem Besuche zu beehren, zum Zwecke einer, wie ich annehmen darf, für Sie interessanten und erfreulichenMittheilung. Mit größter Hochachtungu. s. w.— Blauhorn,Hofrath.“ —
Der zweite enthielt eine Visitenkarte:P. Bernardus, Prior Conventus Sti. Martini, — und die darunter geschriebenen Worte „ersuchtp. t.Herrn Korbachjun.sich morgen vier Uhr gefälligst zu ihm in das Erzbischöfliche Palais zu bemühen.“
Die gegebenen Stunden trafen so aufeinander, daß eben Zeit bleiben mochte für den Weg vom Staat zur Kirche. — Arnold gab sich keine vergebliche Mühe zu errathen, was die Brieftauben brächten. Was an ihrem Halse hing, war allerdings nicht vom Freinhofe, aber die Hand, die sie fliegen ließ, konnte nur dort zu findensein. —
— — — Der Hofrath wohnte dem Finanzministerium gegenüber. Der Minister, Graf Breuneck, konnte in seine Fenster sehen und that es auch; ein Umstand, den Herr von Blauhorn nicht versäumte gegen jeden Besuchenden hervorzuheben.
Als Arnold dem Diener seine Karte gab, sagte dieser, der Herr habe befohlen ihn sogleich in sein Kabinet zu führen.
„Ich kann nicht umhin, Herr Hofrath, begann Arnold, Ihnen vor Allem ein Wort des Bedauerns über meine, wie ich mich baldigst überzeugte, ungegründete, jedenfalls voreilige Bemerkung am rothenKreuze zu sagen, und bitte, dieselbe der Vergessenheit zu übergeben.“
„Sie wäre mir nie wieder eingefallen, wenn Sie mich nicht daran erinnerten. Uebrigens war der Schein zu sehr gegen mich. Ein ritterlicher junger Mann konnte kaum anders sprechen. — Doch nun zum Gegenstande unserer Unterredung. — Wir haben, wie Sie wissen, eine Kommission gebildet, deren Aufgabe es ist, zu ermitteln, auf welche Weise unsere Finanzlage verbessert werden könne. Dieselbe hat ihre Arbeit nahezu vollendet, welche nun einer Prüfung in der höchsten Region unterzogen werden soll. — Es sollen zu diesem Zwecke von der höchsten Behörde, dem Reichssenate, zeitweilige berathende Mitglieder aus den verschiedenen Ständen zugezogen werden, von denen eine gediegene Ansicht in ihrer Sfäre zu erwarten. Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß den Mitgliedern des auf solche Weise vielleicht um die doppelte Anzahl der bisherigen vermehrten Senates eine Anzahl anderer hochwichtiger Gegenstände zur Berathung vorgelegt werde, nach jenem, welcher ursprünglich seine Neugestaltung motivirte. — Sie begreifen die ganze Wichtigkeit eines solchen Postens. Der Name Ihres geehrten Herrn Vaters hat in den industriellen Kreisen einen Klang wie wenige; seine Erfahrungen, vielseitigen Kenntnisse und erprobte Gesinnung sind allgemein anerkannt, und es dürfte sich die ehrenvollste Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu bringen. Se. Excellenz werden auf die Wahl der erwähnten zeitweiligen Senatsmitglieder — denen übrigens ein bleibendes Zeichen der Anerkennung nicht fehlen dürfte — einen gewissen Einfluß nehmen, — und es ist mir die Andeutung gemacht worden, daß die Zuziehung Ihres Herrn Vaters den Absichten Sr. Excellenz entsprechen würde. Ich habe, von Ihrer Anwesenheit zufällig in Kenntniß, nicht gesäumt, die Ermächtigung des Ministers zu meiner heutigen Mittheilung vertraulich einzuholen, und ersuche Sie, als das natürliche Organ, über dieselbe mit Ihrem Vater zu sprechen. Es könnte, so wenig eine Ablehnung denkbar, ein Hinderniß seinerseits obwalten, und ein etwaiger direkter Antrag Sr. Excellenz muß gegen jedes Nichteingehen gesichert werden.“
„Ich danke für die mich ehrende Wahl zurVermittlung“ —
„Es handelt sich um keine Vermittlung, sondern um ein indirektes Sondiren, ob Ihr Vater die ihn vor allen Standesgenossen ehrende Auszeichnung auch in diesem Sinne auffasse.“
„Ich glaube nun meinenAuftrag“ —
„Verzeihen Sie, lieber Herr Korbach, es istauch kein Auftrag, sondern eine vertrauliche Insinuazion vonmir.“ —
„Ich werde meinen Vater fragen, ob er zeitweiliges Mitglied desReichssenatszur Prüfung der Kommissionsarbeit werden will — sagte Arnold mit offenem Lächeln, das Spinnengewebe der Unterscheidungen durchreißend — ich werde Ihnen dann dieAntwortsagen, und Sie, verehrter Herr Hofrath, werden dasWeiteremachen.“
„Ich glaube wenigstens, die Meinung Sr. Excellenz richtig aufgefaßt — — da sehen Sie, der Herr Minister sieht eben herüber — mein ganzes Haus liegt offen vor meinem Chef — — was wollte ich doch sagen“ — — Graf Breuneck hatte sich wirklich drüben gezeigt und einen Blick herübergeworfen, aber die Schußlinie desselben schien Arnold nicht in das Fenster des Kabinets, sondern in ein andereseinzufallen. —
Da der Hofrath den verlornen Faden nicht wiederfand, so empfahl sich Arnold und schritt, von ihm begleitet, durch das anstoßende Zimmer, wo die schöne böse Frau, deren Julie erwähnt hatte, im Fenster stand. Sie wendete sich um, erwiederte seine Verbeugung mit freundlich würdevollem Kopfneigen und ließ einen Blick von Schutz und Gnade an ihm hinabgleiten.
— — Er hatte gestern zu Günther gesagt: „Ich werfe ihnen Allen den Handschuh hin!“ Das schienen eben keineFeinde.Warenes aber Feinde, so mochten sie sich wohl — das fühlte er — nicht bedenken, den Handschuh aufzuheben.
Es war ihm keine Zeit gegeben, für jetzt über Blauhorn’s Mittheilung nachzudenken, denn nur eine Entfernung von wenigen Minuten trennte ihn vom erzbischöflichen Palais.
— — Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und Goldleisten setzte und lange wartete.
Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen Mittheilung. — Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte er nun des Pfarrgartens in Korbach, — wie da die Rosen dufteten und Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte, als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die Lindenblüthen, die durch das offene Fenster aufdie Kanzel geweht wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem Glockenklang zusammen. — Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen.
Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über das goldne Thurmkreuz hinaus!
Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft.
Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach aus etwas Weihrauch,der von der Kirche herüberdringt, gewissen Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, — Weinduft, und dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk einer sorgenden Hausfrau.
Washierdrückt, ist nichts Materielles, sondern etwas rein Geistiges. — Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des geheimen Staatsministeriums desDogma, — den Gegensatz zur lebendigen Kraft der christlichenLiebe; — das Gespenst des Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch die parkettirten Säle zieht. — Das ist eben Vision des Unglaubens! Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! — —Wozuauch?
Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. — Es trat endlich der Dünnste unter den „Dünnen“ des Anastasius Grün heraus, — das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, — nicht so liebreich! soschelmisch! —
„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen, um deretwillen ich Sie bitten ließ. — Ihr Vater hat durch seine glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber, oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten gemacht hat.“
Arnold machte eine ablehnendeBewegung —
„Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Es fehlt nicht an naheliegenden Beweisen, oder vielmehr an nahestehenden — sagte Bernhard, über sein nicht sehr gelungenes Wortspiel lächelnd. Auch wurde der Bau des protestantischen Bethausesvorjenem der Kirche unternommen.“
„Ich muß mir die Bemerkung erlauben, — warf Arnold ein — daß unsere Protestanten, dermalen über dreihundert, eines Gotteshauses gänzlich entbehrten, während der Gottesdienst der Katholiken niemals unterbrochen wurde.“
„Ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, werthester Herr, um Ihnen irgend Etwas zu sagen, was wie ein Vorwurf klingt. Im Gegentheile bin ich beauftragt, Ihnen vorläufig, bis es auf solennere Weisegeschehen wird, zu sagen, daß die Kirche Ihrem Vater für den jüngsten Beweis seiner Treue dankt, und ich, — der ich während der Krankheit unseres Prälaten dem Kloster Sankt Martin vorstehe, erfreue mich insbesondere solcher Gesinnung, da, wie Sie wissen, diese Pfarre von uns aus besetzt wird.“
„Mein Vater kann nicht genug danken für die Wahl des Priesters, der nun seit drei Jahren zum Segen der ganzen Gegend dieses Amt bekleidet.“
„Hierbei habe ich kein Verdienst; unser Prälat hat damals — freilich schon bei geschwächtem Gesundheitszustand — diese Wahl getroffen. — Doch zur Hauptsache. Die Einweihung der auf Kosten Ihres Vaters erbauten Kirche wird in einigen Wochen stattfinden. — Ich kann Ihnen mittheilen, daß Se. Erzbischöfliche Durchlaucht die Absicht haben, diese Feierlichkeit in eigener Person vorzunehmen, um ihr, zur Erbauung der in jener Gegend besonders der Stärkung bedürftigen Gläubigen, den größten Glanz zu verleihen. — Es würde jedoch sehr guten Eindruck machen, wenn Ihr Vater in dieser Beziehung einBittschreibenan den Herrn Erzbischof richten würde. Es bietet sich hierdurch Ihrem Vater eine ihm gewiß erwünschte Gelegenheit, seineGesinnungenin einer sobestimmtenWeise auszusprechen, daß in Betreff des Schutzes, welchendas katholische Element in Korbach gegen das weitere Umsichgreifen der Irrlehre von ihm zu erwarten berechtigt ist, nie mehr einem Zweifel oder einer Besorgniß Raum gegeben werden kann. — Sie verstehen mich. Ich habe von den wohlwollenden Intenzionen des Herrn Erzbischofs erst vor wenigen Minuten einen Beweis erhalten, indem Se. Durchlaucht angedeutet, daß sie die Freigebigkeit Ihres Vaters zur Kenntniß des päpstlichen Nunzius zu bringen vorhaben, — — worauf vielleicht von Seite des heiligen Vaters ein ehrendes und beglückendes Zeichen der Befriedigung erfolgen dürfte, welche seinem apostolischen Herzen solche Handlungen der Pietät gewähren.“
Pater Bernhard hielt inne und schien die Wirkung dieser Rede abwarten zu wollen. Als Arnold ruhig, bescheiden, ernst und schweigend stehen blieb ohne eine Miene zu verändern, fuhr er mit schlecht verhehlter Gereiztheit fort: „Ich ersuche Sie, werthester Herr, diese Mittheilung ganz vertraulich Ihrem Vater zu machen, welcher, ich bin davon überzeugt, ihre Bedeutung zu würdigen wissen wird.“
„Ich werde mich beeilen, den Auftrag Ew. Hochwürden zu erfüllen.“
— — Arnold empfand beim Weggehen keine drückende Gespensterfurcht mehr. Es war ihm, alsob der gefürchtete Geist ein Mensch geworden und vor ihm gestanden, und den fürchtete er nicht.
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Er fühlte die Nothwendigkeit mündlicher Besprechung mit seinem Vater. — Der nächste Morgen trifft ihn im Bahnhofe.
Durch die Fläche, das glänzende Meer von Licht und Widerschein, fliegt der Train den blauen Bergen zu. — Nach zwei Stunden umrauschen ihn statt der Kornfelder die Zwergföhren, womit die steinige Ebene bepflanzt ist, — der Vortrab des gewaltigen hohen Waldheeres auf den Zinnen der ewigen Stadt Gottes, des Hochgebirges: schon unterscheidet man ihre Felsenmauern und schneebedeckten Thürme, und bald umschließt sie die Reisenden in den sonnedurchglühten Waggons, und labt sie mit Harzduft und Wasserrauschen.
In Pottenbach ist längerer Halt. Der aus Süden kommende Train begegnet hier jenem Arnold’s. Sein Blick ist nach einem hohen fernen Felsen gerichtet, auf der Höhe der Föhrleiten.. der zackige Stein ist auch jenseits vom Freinhofe sichtbar; — so nahe!! — — Hoch über die Gruppe der den andern Train abwartenden Reisenden wegsehend, gewahrt er nicht den Baron, der, abseits aneine Säule der Halle gelehnt, ihn einen Moment anblickt und sich langsam abwendet.
Die Dampfpfeife schrillt durch Arnold’s Gedankenmelodie — wie damals Knorr’s Stimme durch das erste Gespräch mit Julie, — die Lokomotive stößt den zischenden Athem aus der ehernen Lunge — in einer Minute fliegen er und Sembrick auseinander, — leiblich wie es bereits geistig geschehen. — In Frauenwang verläßt Arnold die Bahn; ein leichter, offener Wagen mit kräftigen Pferden wird im Orte gemiethet und führt ihn dem Korbachthale zu.
Er erreicht es am späten Abende. Noch durch eine Waldschlucht, einen Felsenpaß und weit und offen liegt es vor ihm. Die Glocke des Hochofens, das Pochen der Hämmer, das Brausen der gewaltigen Wehre begrüßen ihn, durch den blauen Schleier, welchen Abendduft und Rauch der Schmieden über den Thalgrund breiten. Nun fliegt der Wagen vorüber am mächtigen Bau, wo die Walzen den Begriff der Härte verneinen und das Metall unter ihrer Gewalt die Rolle des Wachses spielt, — am Drahtzuge mit den hundert schnurrenden Spulen, am Hammerwerke, aus dessen offenen Thüren der Feuerschein bis auf die Brücke fällt — die von der Straße abseits zum Wohngebäude führt.... nun durch die alten Linden und Tannen des Parks — und das Ziel ist erreicht.
— — Das Abendessen stand noch auf dem Tische. Ein heller, vierfacher Klang tönte durch das Zimmer, als Arnold eintrat.
Das mußte einfreier,lichterGedanke, eingottgefälligerWunsch sein, — auf dessen Erfüllung diese vier Männer ihre Gläser zusammenstießen: — — Arnold’s Vater — ihm gegenüber Sprenger, — neben ihm der katholische Pfarrer und der Pastor.