Eine bewegte Nacht.
Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und Regierungsgeschäfte. — Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines Herrschers, welcher ihm diegloireeiner großen Nazion als Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen aufgebaut, — über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte.
In seinen schlechten Zeiten, — als ihn Luthers Tintenfaß und römische Bullen in die Enge trieben, — als er von gott- und ehrliebenden Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern undBauern aus den Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher, — von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen.
Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram Violinlekzionen bei Tartini, — ein blutunterzeichneter Kontrakt mit Faust — bei welchem er zuletzt noch betrogen war, — die Zeit vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt.
Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend nach irgend einem herzlabenden Jammer.
Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon in derContrada grande, — gesehen was Alles aus dem sanften Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere Gesichter und blonde Haare beleuchtet! — — wie ein Moment kühles Silber in glühenden Stahl verwandelt!
— — Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie vorbereitend beschützt.
Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses einer Gegenliebe“ gereicht, — aber dafür ihr eigenes aufgebaut. — Vielleicht höher und fester als das seine.
Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. — Ein Herz wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn — hatte sie zu Sembrick gesagt — was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre? — eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen — fühlen Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauenmußte?“ — Nur von Sembrick hätte es abgehangen,ausgesprochenzu hören, was er von dem Augenblick an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen.
Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, — an Julie Alles unberechnet, — und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë, der wir sieverglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre Stundegekommen. —
Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, — und als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am Fenster stand und sichFragenstellte, hatte Julie an keine Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, — ein lautes, freudiges Ja!
Wiein den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der Menschenbrust geschaffen, — vorbehalten hat.
Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, — mit fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, — aber nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte.
Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppichaus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; — dem Gemälde der Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere bat; — der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, — das Medaillon, — das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen.
— — Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt und Lorbeern gegrünt — kamerim Schiffchen heran, in der grauen Jacke, im grünen Hut — und der Harfe in ihrer Brust entflog, von derrechtenHand berührt, der himmlische Dreiklang: ich liebe dich!
Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme.
Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend, wo die Welt nur eine unglücklicheEhe sah, — einem Verhängnisse, das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, — hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen Wunderglaubens angenommen.
Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben eine bestimmte Richtung gab.
Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, — seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen Gestalten, welche sie bisher umringten, — die unwillkürliche Mahnung an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, — das wilde Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. — Der Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe, die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wosiekeinen sah.
Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe gewaffnet ausJupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer ganzen Glut und Kraft vor ihr.
Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als — Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles ein. — Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, — aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich, von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen abhänge.
Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt, daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen.
Es kam aber anders.
Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen,den sie gedacht. — Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, — — aber am rettenden Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte.
Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des schönsten Lohnes gethan hätte.
Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer „Freundschaft“ gehegt, — diese gerade darum für möglich gehalten, weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in Edmund verwirklichen.
Nun war der „Wunderglaube“ erschüttert, — der Befreier des Landes streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte geschwiegen.
Hätte dieses gesprochen, — sie würde ihn wenigstens gefragt haben, welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte: Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebunden wie ich, geräth in den Kampf zweier Pflichten! —Daerst mochte sie fühlen, daß sie vomFreundenimmermehr erwarten solle, am wenigsten verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!“ hatte sie Arnold gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an Sembrick abzuhalten.
Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von demFreundein ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu bieten.
Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen.
Wohl war der „Wunderglaube“ mit Arnold einen Augenblick erwacht: Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr unerträglich geworden. Keine Frage,wohindie Wellen tragen, sollte das Entzücken der Gegenwart trüben.
Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft! Der Gedanke, wohinsolles führen, fand nicht Raum neben dem Schatze von süßen Empfindungen, zu denen esgeführt. Bei Julie war nur Eines gewiß, wohin esnichtführen konnte: nie zu einem Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen, daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin, daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit.
So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, — sagen wir, daß Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sievon Arnold’s Arm umschlungenin den Seespiegel blicken würde, ihr Bild so rein herauflächeln sähe, als das Edelweiß, womit er ihre Brust schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach seiner Ankunftentschlummerte. —
Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, dieContrada grandehinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. — — Hatte sie doch einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges Herz —! hatte sie ausgerufen — wenn du liebend dich nicht reich genug fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!“ — — Sie fühlte sich reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten.
Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, — ein wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. — Still lächelnd schaute sie es an, — jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß!
Und als sie die Hände wieder von den Augennahm — — wo war da der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig bedeckte!?
— — Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war erreicht: diemise en scènewar ihm gelungen.
Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: — „die Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat“ — — sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen gedankt hatte, — zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen.
Mitleidig lächelnd harrte ihr Genius des Augenblickes, wo sie die beiden Trostgeber aus seiner Hand empfangen könne: Thränen und Gebet. Es währte lange, ehe die ersten Tropfen aus den brennenden Augen drangen, und den Krampf der Nerven, jenen der Seele lösten — — dann strömten sie hin, und mit ihnen eines jener Gebete, die so selten vergebens aus der Erdennacht emporsteigen. Sie werden erhört, — und das letzte flehende Wort aus der Tiefe des Herzens klingt zusammen mit einem: „Es werde Licht“ von Oben.
Nach einer Stunde solchen Sturmes mußte das Schiff des Glaubens gescheitert und versunken sein, — oder gelandet am grünen Gestade.
Sie hatte lange am Fenster gekniet; — nun stand sie auf — die Hände hoch über dem Haupte gefaltet und sagte, noch durch Thränen lächelnd: „Es ist ja nicht möglich, und darumist’snicht! — Arnold und Klotilde! Vergib mir, Allgütiger! daß ich dich bat mir wiederzuschenken, was du mir nie genommen!“
Festen und leichten Schrittes ging sie einige Male auf und nieder, — ließ Licht bringen und schrieb. — Nun hat sie geendet, und sich zur Ruhe gelegt — und leise, — leise — wie Rehe, vom Wetterstrahl verscheucht, heranschleichen zum gewohnten Spielplatz — kamen die entflohenen Träume wieder — und als sie die Augen geschlossen, lächelte der Mund, als spielten, wie man von Kindern sagt, die Engel mit der Schlummernden.
* **
Kurz war die Freude des Teufels.
Einen längeren und nachhaltigeren Genuß hätte er haben können, wäre er der kleinen Barke gefolgt, welche am Anfange der Nacht, fast zur Stunde wo das Fest begann, vom Lande stieß, den Hafen durchschnitt und einer am Ausgange desselben geankerten Dampfkorvette zusteuerte.
Letztere, unter englischer Flagge segelnd, ist am Morgen von Malta angekommen, der Kapitän hat sich mit einem Begleiter ans Land begeben — daselbst den Auftrag, dessen Erfüllung wir nun zusehen werden, bestellt, und ist wieder an Bord zurückgekehrt. — Abends entsendete er einen Matrosen mit dem erwähnten Bote nach dem Quai, wo Kollmann dasselbe erwartet.
Es nähert sich der Korvette, auf deren Vordertheil der Name Aegina zu lesen: am Bord ist Alles still und wach — der Kapitän überblickt mit scharfem Auge Nähe und Ferne.
Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen Demokratie vorzuspannen. — Die Steine, welche während seines langen Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. — Man erwies ihm in einer Residenz— (tausend Meilen von unserer entfernt) einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn dafür in sein Herzblut aufgenommen.
Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode, den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor drei Jahren zusammengetroffen,empfohlen, einen Zweiten aber, den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ansHerz gelegt.
Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen, monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden. Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahrihre Pflicht nach einem anderen Punkte ruft“ — meist nach den Bahnhöfen, und die das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges Sturm am Weitesten Getragenen“. Ein altes Schwert, das bei Einnahme des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu eng.
Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt von der Feuertaufe gestählt für immer. — Als Wangerode den Kugeln gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu fragen!
Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er war aber durch die Reife nicht besser geworden. — Das Ziel seinerjugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel: Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich.
SeinjetzigerStandpunkt war: Einheit Deutschlands — ob Republik, ob Monarchie — er hätte vielleicht einer das gesammte Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, — der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise, und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen Revoluzionschef nicht nach. — Nach wie vor bereit, seinen Kopf für seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden.
Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen faktisch als höchste Autorität.
Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, — bei einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse. Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche. Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte.
Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch warbestimmtgestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte.
In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe der Parteihineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder, daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen wird. Wollen Sie Beispiele?“ Es folgte eine Aufzählung von Personen, welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, — und die Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei noch nicht gebrochenworden. —
Das hieß schließlich doch, daßwenndas deutsche Wort ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg in deutsche Haut finden könnte.
Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt.
Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog.
Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote, durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen. Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge“, — der Jesuit lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als der Verfasser, — die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz“u. s. w.Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, — die breite Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte Gesicht“ — — doch genug.
Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Handmit den Worten: „Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen. — Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können. Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment, wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. — Lassen Sie uns die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre reservirten Berichte verschwiegen.“
Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend: „Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen, und noch mehr zu erreichen hoffe.“
„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält, ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu danken.“
„Es steht mir ein Organ zu Gebote, durch welches ich dem Minister des Innern auf vertraulichem Wege solche Korrespondenzen aus verschiedenen Provinzen zukommen lasse, welche von sicherer Hand nach meiner Angabe verfaßt und geeignet sind, ihn in seinem Centralisazionssistem zu bestärken, und welche er höchsten Ortes vorlegen kann, als Beweis der Zufriedenheit im Lande und der Ungerechtigkeit seiner Gegner.“
„Ich überschätze meine Thätigkeit nicht, wenn ich behaupte, daß mir Mittel zur Verfügung stehen, durch einen Vertrauten des General-Adjutanten und durch ein fürstliches Haus Belege in die Hand des Monarchen zu spielen, daß jede Konzession vom Volke nur als ein Zeichen der Schwäche betrachtet würde,und daß eisernes Festhalten am aristokratischen Prinzip in der Armee und unbedingte Suprematie derselben über alle übrigen Stände von den wahren Freunden der Dinastie als das einzige Rettungsmittel bezeichnet wird.“
„Ich habe in kirchlicher Beziehung auf dem kleinen Felde, worauf ich beschränkt bin, eine Saat gesäet, aus der in kürzester Zeit, vielleicht in dem Augenblick wo wir sprechen, ein Konflikt, Repressivmaßregeln und ein neuer, wenngleich nur lokaler Sieg der Konkordatpartei hervorgehen müssen.“
„Es ist nicht unmöglich, daß in Folge dieses Konfliktes eine geschäftliche Maßregel ergriffen wird, die den Wirkungskreis des Prinzen August Ernst berührt, die Spaltung zwischen ihm und dem Hofe erweitert, — daß hiedurch sein Wirkungskreis beschränkt, und somit ein populäres, wenigstenshierbesänftigendes Element beseitigt werde.“
„Ich habe mir diese Verbindungen auf keinen andern Wegen geschaffen, als die ich mirselbsteröffnete, ohneandereGeldmittel als das Vermögen, das mir meine Frau zugebracht; — habe mich aus der Stellung eines in Privatdiensten stehenden Ingenieurs zum Grundbesitzer, Kapitalisten, und auf eine Stufe emporgeschwungen, auf welcher ich mit Personen aller Kreise der Gesellschaft, die höchstenmit einbegriffen, im Verkehr stehe, und darf behaupten, daß wenn Sie in jeder Provinz drei Vertreter hätten wie ich, in einem Jahre das Konkordat in allen seinen Bestimmungen durchgesetzt, die Zensur wieder eingeführt, die Herrschaft des militärisch-aristokratischen Elementes auf die Kulminazion getrieben und somit die Revoluzion so gut als vollbracht wäre.“
„Und somit habe ich Ihnen Rechnung gelegt, und glaube unsern Mannheimer Vertrag besser gehalten zu haben, als jemals unsere Gegner einen ihrer Friedensverträge.“
Kollmann schwieg, weder seine Stellung noch die Richtung seines Blickes ändernd, und blies in gleichen Pausen das Havanna-Gewölke von sich. Es lag etwas Imposantes in der kalten Ruhe, womit er seine Leistungen auf dem Felde des „Nur so fort“ aufzählte. Der Demokrat fühlte, daß er einen Mann vor sich habe, der aus der Schaar der gewöhnlichen nach vorwärts und rückwärts wühlenden Emissäre hoch emporrage, und freute sich, seinen Werth in der ersten kurzen Unterredung vor Jahren erkannt zu haben.
Er erwiederte mit Lebhaftigkeit: „Sie haben unberechenbar mehr für unsere Sache gethan, als wir zu erwarten berechtiget, als Sie durch Ihr Versprechen zu leisten verpflichtet waren. Sie gehören nicht zu denen, deren Triebfeder das Geld der Revoluzions-Comités, — Ihre Lage ist vielmehr eine solche, die Ihnen erlaubt, Andere zu unterstützen. Eben so wenig der Ehrgeiz: Sie haben so viel erreicht, daß Sie bei einem Umsturz der Dinge kaum mehr erreichen können. Von einem Danke unserer Gesellschaft kann Ihnen gegenüber im gewöhnlichen Sinne keine Rede sein. Wir können aber mit Gewißheit darauf rechnen,quittzu werden, wenn das Ziel unseres Strebens erreicht ist. Im Augenblicke des Umsturzes stehenSieals das Opfer desselben da. Ihr Name gehört nicht mehr zu jenen, die in Zeiten der Krisis in der Masse verschwinden: er wird auf der Proskripzionsliste, die das Volk mit dem ersten vergossenen Blute niederschreibt, unter denen der gehaßtesten Reakzionäre figuriren. Sie können hundertmal beschwören, daß Sie nur auf Ihrem Wege für die Sache der Freiheit gehandelt — man wird Ihnen ins Gesicht lachen und antworten: das könnte Jeder sagen. Es istdießder Augenblick, wo dasvolleGewicht derBürgschaftunsererParteiund ihrerHäupterIhnen zur Seite stehenmußundwird! Ich habe dafür gesorgt daß, wenn die Flut hereinbricht, Sie in die neue Ordnung der Dinge auf einer Brücke hinübergehen, deren Pfeilerdie Namen der gefeiertsten Volksmänner sind, welche sich vor Sie hinstellen und sagen: Wir kennen ihn! — So viel als Antwort auf Ihre gewichtigen Mittheilungen, insofern ich als Repräsentant unserer Gesellschaft spreche, zu deren, des vollsten Dankes würdigem Mitgliede. — Als Wangerode gegen Kollmann erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Wir haben die sichersten Andeutungen, daß leider die Tage des Grafen Greuth und des Ministers des Innern und anderer für uns so unschätzbarer Männer gezählt sind, daß man mit Reformen umgeht, die Alles ins Weite schieben können.“
— „Besorgen Sie nichts! Noch stehen die Genannten fest. Und wenn sie fallen, — immerhin! — es kommt zu spät. Reformen? Ohne Zweifel bekommen wir ein oder das andere leidliche Gesetz. Wir sind aber in ein Stadium getreten, wo man die Gabe nicht mehr will wegen der Hand, aus welcher sie kommt. — Die Liebe ist dahin, — und wenn sie Jeden, der dies behauptet, auf die Festung schicken, bis das ganze Land in den Kasematten, — sie istdochdahin! Sie wissen, was ich von der Liebe überhaupt, geschweige denn von jener des Volkes halte; man kann nicht durch die Liebe allein regieren, aber auch nichtohnesie. Sie ist die Musik zum Tanze der Unterthanen. Sie tanzen jetzt nurnach demTaktstockedes Kapellmeisters. Die besten Gesetze haben keinenKlangmehr, sie tönen höchstens wie Nothschüsse eines sinkenden Schiffes.“
— „Mögen Sie recht sehen! Aber über das Wesentlichste sind wir nicht im Reinen. Ihre Idee ist in drei Worten zusammengefaßt die, das Sistem so zuzuschärfen, daß die Spitze bricht. Anwemsoll sieaber eigentlichbrechen? AmVolke?“
— „Was verstehen Sie unter Volk?“ fragte Kollmann statt zu antworten.
— „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.“
— „Ichverstehe darunter diejenigen, die das was manRechtnennt gegen das was manVorrechtnennt, vertheidigen. Der Bäcker, der den Zunftzwang — das Vorrecht — gegen Gewerbfreiheit — das Recht — vertheidiget, gehört nicht zum Volke, sondern zu den Privilegirten.Mein Volkist in allen Ständen vertheilt.“
— „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch nicht beantwortet.“
— „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck, Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß, und läßt sichnicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden. Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen, oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber, welche unmöglich aufEineProvinz beschränkt bleiben können, führen zum repräsentativenSistem, welches mit dem Zerfall unseres Staates gleichbedeutend ist.“
— „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft fehlt.“
— „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben, daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.“
— „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere —“
— „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen, sind nichtgegendas Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demselben geschaffen. Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält seine Dauben zusammen? Ein Druck vonaußen, der den Reif — entbehrlich macht, oder der Reifallein. — Der Druck von außen war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängenmächtiger Nachbarn, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat sich in dasGegentheilverwandelt: die wichtigsten Bestandtheile sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem offiziellen Geschwätz, von „Millionen“, welche ein gesammtstaatliches Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Daubenwollenauseinander; und derReif, — der kräftige, auf eine zahlreiche Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismusalleinkönnte sie halten. — Noch gibt es einDrittes: denken Sie sich die Daubengeleimt,verkittet, da sie nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist dieLiebe, — die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir ein Stück von dem Kitt, großgenug, um dieses Kajütenfenster in seinen Fugen zu befestigen!“
— „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen! Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören. Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe — Sie wissen es — unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte, ich habe aber in den zehn Jahren so vieleunausbleiblicheEreignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! — In fünfzig Jahren gibt es vielleicht dreideutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang, der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?“
— „Ein Ideengang, den auch ich nicht theile, da ich die Entscheidung aus voller Ueberzeugung näher sehe. — Ich habe Ihnen nach den Mittheilungen, deren Gewicht sie nicht verkannt haben, noch eine von geringerem Belange zu machen. Ich versäume nicht, wo ich kann, auch auf Individuen in unserem Sinne zu wirken, und habe Hoffnung in kürzester Zeit einen jungen Mann, der sich in keiner Weise bisher an Politik betheiligte, für die Sache, die Sie vertreten, zu gewinnen. Er ist der Sohn eines reichen Fabrikanten, welcher vielleicht durch meine Konkurrenz einigermaßen zu leiden haben wird, aber vermöglich genug bleibt, um beachtet zu werden. Er ist nicht aufunseremWege zu brauchen, sondern nur auf dem derdirektenOpposizion; ein gewisser Korbach. Ich werde Ihnen seiner Zeit berichten.“
— „Auch ich habe noch eine persönliche Angelegenheit zu besprechen. Richard Forster, von dem ich Ihnen bereits Einiges mitgetheilt, ist auf dem Schiffe. Eine Viertelstunde von uns liegt eine genuesische Brigg, — der Bronte, vor Anker. Ichlasse Richard vor Tagesanbruch nach derselben hinüberführen, da der Bronte im Hafen landet, während wir, sobald Sie uns verlassen haben, uns entfernen. Richard wird sich, mit richtigen Papieren versehen, in Ihrem Lande aufhalten; Sie werden ihn kennen lernen und finden, daß in dem jungen Menschen viele Zukunft. Er steht unter dem besondern Schutze des Lords, wird unsern Zwecken so zu sagen als Volontär dienen, ist treu wie Gold, aber Idealist; man muß ihn seinen Weg gehen lassen. Wenn Sie ihn sehen, werden Sie begreifen, daß die Weiber, — um die er sich nicht viel kümmert, sich desto mehr um ihn bemühten. Er hat kaum sein zweiundzwanzigstes Jahr hinter sich; ich habe selten ein solches Gemenge von poetischen Anschauungen und scharfem Blick im Leben gefunden; dabei ein froher Lebensmuth, nach so vielem Traurigen, was ihn getroffen, — und eine unbegrenzte Verwegenheit. Ich habe eine Szene mit angesehen, wo er einen mit Säbel und Pistole bewaffneten Franzosen auf eine Insulte gegen die Deutschen augenblicklich mit seinem Stock angriff; — er lachte hell auf, als der Schuß an seinem Ohre vorüberpfiff, parirte einen Säbelhieb, warf den Franzosen nieder und drückte ihm die Handgelenke wie in einem Schraubstocke mit seinen eisernen Sehnen zusammen, die Niemand in demschlanken Burschen suchen würde, — bis er widerrief. — Vielleicht können Sie ihm während seines Aufenthaltes im Hafen eine bestimmte Richtung geben?“
„Gewiß; aber warum machen Sie mich nicht hier mit ihm bekannt?“
„Ich schlug es ihm vor, aber er will, wie er sagte, am hellen Tage Land und Leute kennen lernen, und man kann, bei seiner etwas ausnahmsweisen Stellung, auf seine Laune eingehen.“
— „Das ist gleichgültig; ich werde mir seine Person jedenfalls angelegen sein lassen.“
— „Und nun, theurer Freund, nochmals Dank für Alles! Sie sind durch Ihre Thätigkeit ein Mann geworden, der für uns den Werth von Hunderten hat! Wir können uns nur freuen, Sie in einer Lage zu sehen, welche Ihre Aufgabe erleichtert, indem Sie, nach beiden Seiten gedeckt, mit voller Ruhe des Gemüthes arbeiten können. Hält sich die Regierung, so bleiben Sie der einflußreiche Industrielle und Kapitalist; fällt sie, so sind Sie durch uns geschützt. Fahren Sie fort zu wirken und seien Sie überzeugt (Wangerode sprach mit besonders herzlicher Betonung), daß das dankbare Auge der Vaterlandsfreunde Sie überall begleitet, daß Ihnen überall eine Hand zur Seite, welche aufzeichnet, was Sievielleicht zu unbedeutend finden, um sich dessen zu rühmen!“
Ob sich Kollmann in der aufzeichnenden Hand nichts als eine Schreibfeder dachte, ist schwer zu entscheiden. Er schloß mit den Worten: „Zählen Sie auf mich, wie ich auf Sie, — mögen wir uns bald am Ziele wiedersehen!“
Wangerode geleitete ihn aufs Verdeck.
Eben strahlte das Feuerwerk und die Beleuchtung der Villa in vollem Glanze.
Sie sahen einander an und ein Lächeln zuckte über die bleichen Wangen Kollmann’s und über das kräftige Gesicht des Demokraten.
„Was haben sie da oben?“ fragte Wangerode.
„Sie tanzen; der Prinz August Ernst illuminirt zu seinem Geburtstage. Sie wollen die Wölfe der ernsten Zeit durch Feuerschlagen verscheuchen.“
„Gott erhalte sie so! das Uebrige werdenwirmachen!“
— — — — — — — — — — — —
Als sich das Boot mit Kollmann entfernte, und Wangerode über das Verdeck zurückschritt, rief ihm eine Stimme vom Vordertheile des Schiffes zu: „Sind Sie einmal fertig, Sie langweiliger Verrina? Kommen Sie doch her und schauen Sie mit mir das göttliche Bild an! Wie sich der Mond durcharbeitet, und mit dem bloßen gestohlnen Widerschein der Wahrheit die ganze Pracht der feurigen Lügendemonstrazion todtschlägt! Steht nicht der Leuchtthurm dort wie die Salzsäule eines dem Sodoma da oben Entlaufenen?“
Richard Forster lag auf seinem ausgebreiteten Marinaro am Boden, den Kopf in die Hand gestützt, über welche die vollen braunen Locken von der edlen Stirn fielen und sah mit großen, dunkeln Augen zu dem Herantretenden empor, dem bei diesem Anblicke alle Bilder ins Gedächtniß kamen, alle Antinous, Mazeppa, und was sonst Künstler und Künstlerinnen aus diesem herrlichen Modell herausgefunden. Da er sich jedoch nie dazu hergab und man seiner blassen Züge, auf welchen Etwas wie ein Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, aber auch der Sieg des Letzteren lag, — auf ehrlichem Wege nicht habhaft werden konnte, so stahl man sie so gut es ging, und der jetzige Augenblick war ein solcher, wo man dem Raube Berechtigung zuerkennen mußte.
Wer aus diesem Munde einmal ein Gedicht von Byron, Heine oder Freiligrath gehört, konnte sich kaum denken, wie derselbe sich zu einem Matrosenfluche öffnen könne; und doch war nach Stimmung und Umgebung das Eine bei ihm so gut möglich wie das Andere.
„Wir haben,“ sagte Wangerode, „eine Besprechung gehabt, bei deren einem Theile mir Ihre Gegenwart sehr erwünscht gewesen wäre.“
„Und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Vergnügen der Bekanntschaft dieses scheußlichen Kerls erspart haben. Seine Eisbärenaugen leuchteten herüber, daß ich unwillkürlich nach meinem Terzerol suchte.“
„Doch ist dies der Mann, dem unsere Sache vielverdankt“ —
„Kann sein. Bei Tag mag er aussehen wie ein ehrlicher Mensch; — in der Nachtbeleuchtung sieht er einem Schuft gleich. Sie wissen, was Sie von meinen ersten Eindrücken zu halten haben!“
„Sie sollen ja vor der Hand nichts als sich ihmvorstellen“ —
„Dem da? Vielleicht der Vizepräsident der künftigen Republik, deren Präsident vor mir steht? Hinter dem Gesicht steckt Einer von denen, die Euch bei Euern wunderbaren Kombinazionen dienen sollen und bei der ersten Gelegenheit verrathen.“
„Davor wird sich dieser hüten. Wir haben unsere Bürgschaften.“
„Ihr seid von einer Schlauheit, daß man nicht begreift, wie jemals Einer von Euch gehenkt werden konnte.“
„Ich hoffe, die Sache nicht begreiflicher zu machen. — Sie werden aber, lieber Richard, den Wunsch des Lords nicht vergessen, sich in gewissen Angelegenheiten manchmal dem meinigen zu fügen. Thun Sie esihmzu Liebe! Dieser Kollmann ist Ihnen jetzt widerlich, vielleicht gewinnen Sie ihm eine andere Seite ab.“
„So sei es denn, — ich verspreche es umseinetwillen.“
„Und nun gehen Sie zur Ruhe: Sie bedürfen Stärkung für Vergangenheit und Zukunft!“
„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten finden! — Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht geschlafen!“
— Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt.
Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen derHeimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus den Armen der Kinder gerissen. — Wie sie ihn dann ins Haus getragen, mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wieich! —
Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war ein Blatt an den Lord. — Er hatte sie geliebt, — nie vergessen, als sie Forster nach Deutschland folgte, — und was er im Augenblicke der Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, — das hielt er über das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen.
Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung. Mit einer Anzahl von Talenten ausgestattet, deren jedes hingereicht hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz ausfüllen sollte. — Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft, in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm gleich die Formen Beider geläufig waren. — Der Logik Wangerode’s und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durchUeberredung, — und offenenKampf.
Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. — Sein Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte, Richard zudem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn Wangerode und dem Kapitän empfohlen.
— Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt auf hoher See war.
Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, — um wieder im Hôtel bei unsern Freunden anzulangen.
— — Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf dem schwankenden Schiffe.
Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein zu Ende zuschreiben. —
Arnold, von dessen Selbstbeherrschung wir einige Beweise erhielten, hatte dieselbe im Augenblicke von Klotildens Mittheilung vollständig verloren. Er hatte sich nicht wenig auf die Repressivmaßregeln zu Gute gethan, womit er alle Ausbrüche seines Gefühls niederzuhalten wußte; — nun brach in einer Sekunde der ganze Bau zusammen.
Seine Begleiterin war nicht wenig erstaunt, als er bei ihrem letzten Worte ihre Hand faßte, und mit einer Heftigkeit, die alle Schranken der Galanterie übersprang, ausrief: „Und das haben Sie mir verschwiegen? Das verzeihe Ihnen Gott!“
„Ich glaube, daß dieß eine der geringsten Sünden ist, die mich am jüngsten Tage belasten werden,“ erwiederte sie befremdet und sah lachend in seine von zorniger Erregung funkelnden Augen — „aber Korbach! so blond und so heftig! — Sehen Sie, das gefällt mir. Ich begreife auch jetztAlles, seien Sie ruhig, ich werde gut machen, was ichverbrochen!“ —
„Ich bitte Sie,“ entgegnete er — „wenn Ihnen irgend etwas auf der Welt heilig ist, machen Sie Nichts gut, — vergessen Sie diese Bitte, — meinen früheren Ausruf — geben Sie mir das einzige Versprechen, Nichts zu denken und Nichts zuthun!“ —
Mit jedem Worte fühlte er lebendiger die Unbesonnenheit seines ersten. Sie war nicht ungeschehen zu machen.
Klotilde antwortete ernst und ruhig: „Nicht zudenkenkann ich wohl kaum versprechen, ich rede ehrlich mit Ihnen und wünsche, daß alle Tugendspiegel so wenig falsch zeigen als ich. Daß ich nichtsprechenwerde, schwöre ich Ihnen; schlafen Sie ruhig, und glauben Sie, daß Sie ummeinetwillenIhren Ausruf nicht zu bereuen haben!“
Hierauf wendete sie sich rasch um, die Treppe allein hinaufeilend.
— — Ein Paar Minuten später trat Arnold in Sprenger’s Zimmer. Ein Blick auf die glühenden Wangen und verstörten Mienen verrieth letzterem einen Gemüthszustand, welcher seine Erklärung nicht wohl in den Ballgenüssen der Villa finden konnte.
Nach einigen Fragen und zerstreuten Antworten sagte er: „Arnold, du bist in der Verfassung eines Menschen, der ein Unglück erlebt hat oder eines hereinbrechen sieht. Ohne mich in deine Geheimnisse zu drängen, bitte ich dich, dir Ruhe zu gönnen, du bedarfst ihrer.“
Arnold erwiederte: „Schilt mich närrisch oder was du sonst willst, sage mir nichts von Ruhe — ich danke dir, daß du für mich gearbeitet, jetzt wäre ich zu Allem unfähig. Leb wohl!“ — Und damit war er wieder zur Thür hinaus, ehe Sprenger noch eine unnütze Frage an ihn richten konnte.
— — Wenn die vierundzwanzig Tischgäste des Banquiers Franchini hätten zusehen können, wie derRepräsentant des Hauses Korbach und Sohn nicht eine, sondern ein Paar Stunden dieContrada grandevon einem Ende zum andern durchmaß, bis er mit der Architektur sämmtlicher Gebäude vertraut war: sie hätten nach den gehörten salbungsvollen Tischreden den höchsten Begriff von seiner Vielseitigkeit bekommen. Was er daselbst eigentlich gedacht oder gewollt, hätten sie aber so wenig gewußt, wie er selbst.
Schwerlich konnte er glauben, daß Julie auf dem Balkon stehen geblieben, — und, nachdem er mit der Begleiterin vorübergegangen, abgewartet habe, bis es ihm genehm sein würde, ohne dieselbe zurückzukehren. Eben so wenig ließ sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge voraussetzen, daß während der Stunden von zwei Uhr Nachts bis zum Morgen sich passende Gelegenheiten zu Erklärung von Mißverständnissen, zu einem, das erste, einseitige Wiedersehen verlöschenden zweiten ergeben würde.
Der gewandte und besonnene Missionschef glaubte weder dieß noch irgend etwas Anderes — er mußte nach derContrada grande, weil er nicht anders konnte; — die Flut seiner dreiundzwanzig Jahre hatte den Damm durchbrochen und trug ihn dorthin, wo erihrnahe. — Weiter dachte er Nichts,und wir freuen uns, ihn einmal so ganz außer sich, ohne warum und wozu, ohne Reflexion und sogenannte gesunde Vernunft im Mondscheine umherlaufen zu sehen. Denn wenn er heute Nacht vernünftig gewesen wäre, so hätt’ er nicht verdient, daß Juliens Augen um ihn naß geworden.