Wenk erwachte an einem Gefühl von Kälte, das ihn mit Schauern überhüpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich. Ein taumeliges Gefühl bohrte sich, nochErinnerungen erstickend, durch seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die Schloßgebäude durchleuchteten die Nacht.
Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mußte rechts und links und hin und her springen, um seinem Körper wieder Wärme zuzuführen. Wie spät war es?
Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen. Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein Notizbuch. Er war einem Räuber in die Hände gefallen. Sonderbar ... wie war es gegangen, daß er mit demLeben davongekommen war?
Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er faßte sich an den Kopf und drückte die Schläfen fest, um des verzweifelten Gefühls Meister zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Pläne ... Das erste, was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze Geschichte mit Hulls 20000 Mark stand ...
Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen könnte! Er stürmte, daß ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nächsten Bahnhof? Aber wie spät ist es? Vielleicht ist es fünf Uhr, vielleicht erst eins! Und der erste Zug? Warten ... vier, fünf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof warten!
Sollte er nicht jemand im Schloß wecken? Dann müßte er erzählen.
Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas imWagen, als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von seinem Sitz aus. Natürlich war es so!
Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte.
Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen! Weshalb nur in ein betäubendes Gas?
Sollte es eine Warnung sein?
Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde! Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.
Er ging schneller und schneller. Die Häuser schliefen in der Landschaft. Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraßen schliefen. Sie kamen ihm wie blasse Lindwürmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf den flachen Äckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in der Finsternis zur Straße heraufleuchteten, als seien sie in einem geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten, wer darüber ginge. Es schauderte Wenk.
Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam vollkommen erschöpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern aufs Bett und verfiel einer zweitenBewußtlosigkeit, aus der heraus er unvermittelt in stärkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf.
Der erste Einfall, der ihm kam, war der, daß sein Leben von jetzt an auf dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverständlich. Er kämpfte mit dem Bösen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze zwischen Sein und Zerstören war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nächsten Augenblick:
Darüber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung, mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglückt war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufühlen ... sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber auch an ihrer Überwindung.
Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter verschanzen müssen, daß er sein Leben und seine Kraft von vornherein in ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm überlegen. Der Gegner arbeitete im Finstern.
Waren Wenks Hände stark genug, da hineinzugreifen und festzuhalten, was an dunkeln Mächten sich ihnen entgegenwälzte, um sie zu zerquetschen? War er stark genug gegen diese Zeit? Denn sein Gegner war mehr als Falschspieler, Verbrecher ... war die ganze Zeit, die von der Kriegskatastrophe losgerissen worden war aus dem Höllenschoß der Schöpfung und heraufbrach über die Welt und seine Heimat.
Er sah ein, daß er gegen einen solchen Gegner die Netze weiter spannen mußte, wenn er dran denken wollte, ihn zu fangen. Er mußte seine Organisation gegen die des Verbrechers stellen. Er durfte dabei nicht, wie bisher, in seinen Bundesgenossen geistige Kräfte berücksichtigen, die er auf einen Klang mit sich selber bringen wollte. Er mußte Helfer im Lager des Feindes holen gehen.
Sofort dachte er an die Frau, der er zu der sonderbaren und zweifelhaften Flucht verholfen hatte. Er fuhr gleich zu Schramms.Ja, sie saß da. Wie immer schaute sie nur zu. Er setzte sich zu ihr. „Sie spielen nicht, Herr Staatsanwalt?“ fragte sie.
„Nein, Ihr Beispiel hat mir das Beobachten interessanter gemacht als das Spiel.“
„Das Beobachten,“ lachte sie leis zurück, „ist bei einem Staatsanwalt nicht gut ... für die Mitspieler!“
Wenk hatte einen leisen Verdacht, als ob das mit einer Nebenabsicht gesagt sei, spöttisch oder lauernd, darüber fand er sich nicht zurecht; jedenfalls im Dienst eines andern. Der saß wohl da und spielte mit. Ja, vielleicht wirkten die beiden heimlich zusammen.
Er beobachtete sie. Sie saß aber gelassen und untätig da. Sie gab ihre funkelnden Blicke nach allen Richtungen. Er sagte ihr abtastend: „Sie sahen einen Staatsanwalt selber in den Krallen des Spielteufels. Sein Bann ist beschworen für den Mitspieler!“
Er sagte für „den“ Mitspieler und dachte: jetzt zuckt sie auf, stutzt, blickt ihn rasch an. Er weiß etwas von ihr. Er wunderte sich, daß er so kühl berechnend mit ihr verkehren konnte.
Aber sie blieb ruhig sitzen und nahm seine Worte nur mit einem gesellschaftlichen Lächeln entgegen.
Sie ist schön, und es ist etwas von heimlicher, zurückhaltender Kraft an ihr. Die Männer spielen um Geld. Es wäre männlicher, wenn sie um diese Frau spielten, dachte er sich.
Nach einer Weile beugte sie sich auf dem Polster etwas zu ihm herüber und sagte leise und mit einer spielerischen Eindringlichkeit: „Ich war an dem Abend hier, als Basch verlor!“
„Ich weiß ja,“ antwortete Wenk befremdet und fragend.
„Da haben Sie auch gespielt, Herr Staatsanwalt.“
„Nun ja, ich habe gespielt. Ich sagte das ja eben!“
„Ja, ich meine, da haben Sie gespielt! Am ersten Abend, als Sie mit Hull kamen, haben Sie auch gespielt. Aber das war nicht gespielt. Und am Abend mit dem alten Professor, weiß ich nicht recht, da war eine atmosphärische Störung ... Nicht wahr?“ fragte sie auf einmal mit einer schmelzenden und ganz damenhaften Liebenswürdigkeit.
Wenk war betreten. Er fragte zurück: „Am Abend mit dem alten Professor? Mit welchem alten Professor?“
„Als Sie als Ihr Onkel aus der Provinz kamen,“ lächelte sie schelmisch.
Da sah Wenk ein, daß sie ihn erkannt hatte. Er machte ein enttäuschtes Gesicht. Aber sie bat ihn, nicht darüber traurig zu sein, daß sie ihn erkannt habe.
„Sie waren gut maskiert,“ sagte sie. „Aber ich konnte nicht glauben, daß in München zwei solcher kleinen süßen Affen auf einem Pfirsich seien, die ein chinesischer Steinschneider aus einem Amethysten gezaubert hat. Der Ring hatte mir das erstemal, als ich ihn sah, zwischen den dummen Brillanten an den dummen Männerfingern so wohlgetan.“
Wenk blickte sie abwartend an. Wer war sie? Sie fuhr dann fort: „Daß es nämlich auch in unsern Kreisen“ — wobei sie rund um den Tisch blickte — „Männer gab, die so etwas wie Geschmack hatten ...“
„Ihre sprudelnde Ironie,“ entgegnete Wenk, auf ihren Ton eingehend, „verlangt wohl kein Nein oder Ja! Schon daß Ihnen mein Ring auffiel und daß Sie seine Heimat so richtig schätzen, verlegt auch Sie in andere Kreise als die, in denen Sie sich zeigen.“
„Ich war Stewardeß auf einem Ostasiendampfer. Aber der Krieg hat uns ja nun Schiffe und Beruf weggenommen!“
„Darf ich Ihnen dann das Kompliment machen, daß Sie sich von Ihrem früheren Beruf lobenswert fortentwickelt haben?“
„Ich bin nicht dumm!“ lächelte sie.
„Es gibt nichts, was unnötiger zu versichern wäre, Frau Gräfin.“
Da gab es einen ganz kurzen Augenblick im Auge der schönen Frau, in dem es wie unmerklich gestaut in ihm stillstand. Hatte er gewußt, wer sie war? Hatte er ein wenig mit ihr spielen wollen, und wird er jetzt sich dick tun mit seinem Wissen, daß sie an solchen Orten heimlich verkehrte?
Wenk lachte heraus: „Oder kommt Ihr mit der Krone verziertes Taschentuch aus dem Koffer einer nach Ostasien gereistenGräfin? ... sagte Sherlock Holmes. Wir sind quitt, Gnädigste. Wir wollen beide uns bessern und vorsichtiger sein, wenn wir unter die Sterblichen gehn. Ich stecke einen dummen Brillanten an den Finger. Sie sticken ein Monogramm ohne Krone in Ihre Taschentücher, Frau Gräfin ...“
Sie machte erregt: „Pst!“
„Aber auch dies Mimikry wird nichts nutzen!“
„Ich verstehe Sie nicht!“
„Sie wollen mich zwingen, Ihnen Schmeicheleien zu sagen. Ich suche vergeblich nach einer Fabel, um meinen Gedanken ein Kleid zu geben, das erlaubt, Ihnen unter einem Symbol zu sagen, daß man die ‚Gräfin‘ nicht in sich unterdrücken kann.“
Gleich wird er mich zum Souper einladen! Er will ein Abenteuer mit mir! sagte sie sich. Sie fühlte sich dadurch sehr aufgeheitert. Sie war hierher das Lebensüberschuß stillende Abenteuern um nichts suchen gekommen, unter ihrer Maske, und fand einen Staatsanwalt.
„Den Umweg über Schramms hätte ich dazu nicht nötig gehabt!“ lächelte sie bei sich.
Am Tisch ging das Spiel heute ohne Sensation. Sie beschloß den Seitensprung zu machen, wenn der Staatsanwalt dorthin mündete.
Sie sagte ihm spöttisch: „Sie vermögen Ihre Schmeicheleien in eine so gute Maske zu kleiden wie sich selber, Herr Staatsanwalt. Ich muß sie annehmen, da Sie mich unerkannt überrumpeln.“
„Ich meine nur,“ beharrte Wenk, „auch die Entfernung der Krone von Ihrem Monogramm entfernt nicht, um ein beliebtes Wort zu gebrauchen, den Adel von Ihrer Stirn.“
„Ich hoffe, Sie maskieren sich noch immer!“
„Als entzückter Leser sentimentaler Romane, meinen Sie. Allerdings, Gnädigste ... Aber ist dies der Ort, unser Gespräch fortzusetzen, das vielleicht sich nach einer ernsteren Wendung sehnt?“
Sie antwortete und blickte ihn dabei von oben an, hochmütig und überlegen: „Das will sagen, Sie laden mich zum Nachtessen ein!“
„Das wollte ich eigentlich nicht sagen, weil ich es nicht wagte,“ wandte Wenk rasch ein, da er sie erkannte. Er spürte, sie meine, er wolle ein Liebesabenteuer mit ihr einfädeln. Mit dem üblichen Weg über das Nachtessen mit Champagner. Jetzt darf ich, sagte er sich, um sie zu gewinnen, ihre Meinung nicht ganz täuschen und zugleich aber auch nicht ihre Vermutungen erfüllen, und da sie mich erraten zu haben glaubt, ihr dann das Gefühl einer Überlegenheit über mich lassen. Sie darf mich nicht als dummen Kerl ansehn. Das Taschentuch mit der Krone scheint echt zu sein. Wegen Geldes kommt sie nicht. Denn sie spielt nie. Also bringt sie einer der Anwesenden her oder irgendein Abenteuer, das ich herausfinden muß. Was es auch sei, ich muß, um sie mir zu gewinnen, stärker sein als das Ungewöhnliche, das sie hierher führt.
„Was können Sie mir anbieten?“ fragte sie ein wenig frivol.
Aber es war Wenk, als empfinde er etwas von Wesenhaftem hinter dem leichtsinnigen Ton. Da antwortete er rasch, ganz intuitiv, und sobald er es gesagt hatte, fürchtete er, es sei mißlungen: „Große Abenteuer! Wirklich große Abenteuer!“
„Mit Ihnen?“ fragte sie dagegen, ebenfalls ohne sich zu besinnen. „Als Liebhaber oder als Staatsanwalt?“
„Mit mir als Detektiv!“
„Können Sie das?“ fragte sie wegwerfend.
„Soll ich Ihnen einige Proben geben? Ich bin gestern nacht in ein Auto gelockt und im Schleißheimer Park durch Gas betäubt bei vier Grad Kälte auf eine Bank abgeladen worden. Schon heute, vierundzwanzig Stunden später, weiß ich, daß der Mann, der es tat oder tun ließ, derselbe ist, den Sie kürzlich als alten Professor spielen sahen, und daß dieses gelehrte alte Haus derselbe Mann ist, der mit einem blonden Vollbart vor Ihren Augen hier Basch sein Geld abnahm.“
„Ist das wahr?“ fragte sie mit einer schweren Stimme.
„Ja.“
„Der ... da ... saß ... mit dem rötlich blonden Vollbart!“
„Der wie ein Raubtier vor Basch saß ... ja!“
„Und was soll ... ich? Was ... soll ich dabei tun?“
„Mir helfen diesen Mann suchen, von dem die Menschen befreit werden müssen.“
„Ich bewundere ihn!“
„Ich mißachte seine Kraft nicht. Aber es gibt auch Kräfte, die böse sind ...“
„Und menschlicher und größer demnach als die, die sich gut nennen!“ rief sie, und ihre Büste, schlank und voll reifster Jugend, straffte sich in Auflehnung vor Wenk auf.
„Ich verstehe Sie jetzt, gnädige Frau. Hören Sie: Nicht menschlicher und nicht größer ... Kraft ist Kraft. Man kann nicht ihre Ausmaße zum Abmessen nebeneinander stellen, sondern nur ihre Wesenheiten. Menschlich ist alles, gut wie böse. Die böse Kraft bringt immer nur aus der Zerstörung guter Kräfte Vorteile, und diese Vorteile immer nur für den Zerstörer allein. Die gute Kraft trägt Nutzen zu allen, ohne ihrem Besitzer jenen realen, rohen Gewinn abzuwerfen, den allein der Ausüber böser Kräfte zu erreichen trachtet. Welches ist die edlere? Das müssen Sie sich fragen und ihr folgen, wenn in Ihrem Temperament ein Überschuß an Kräften ist, die Sie in der Gesellschaftsordnung, der Sie angehören, nicht tätig machen können und aber auch nicht brachliegen lassen wollen ... Man wird übrigens auf unser Gespräch aufmerksam. Ich vermute, der Blondbärtige hat überall Agenten. Erlauben Sie mir, von Ihnen Abschied zu nehmen und von Ihnen eine Gelegenheit zu erbitten, unsere Unterhaltung fortzusetzen.“
„Kommen Sie mich morgen besuchen! Zum Tee, bitte. Nach Tutzing. Gräfin Told.“
Sie gab ihm die Hand. Wenk, dem der Name die Zusammenhänge bei der Flucht in jener Nacht, da der Graf Told hereingekommen war, überraschend erklärte, küßte die schmalen Finger, mit einem Male hemmungslos ihrer Schönheit hingegeben und wieder mit dem gaukelnden Gedanken spielend: Weshalb Menschen jagen und nicht diese Frau lieben?
Von diesen Vorstellungen erfüllt, ging er.
Als die Gräfin allein war, sagte sie sich: Wir Frauen haben keine Phantasie. Es ist wahr. Das Abenteuer suchte ich zwischenden vom Spiel Aufgefressenen, und als es kam, glaubte ich an einen Liebeshandel. Aber siehe, dieser ist ein Mann! Er setzt sein Leben an seine Aufgabe, und mehr als sein Leben hat kein Mensch zu vergeben, und auch nichts Stärkeres und nichts Schöneres als sein Leben! Wenn mir die Möglichkeit käme, dies zu tun!
Sie war entschlossen, Wenk zu folgen, und war ganz seinen Gedanken anheimgegeben. Sie schob ihr Leben, wie sie es bisher geführt hatte: tagsüber Dame und nachts auf der Jagd nach dem Erleben kühner und dunkler Dinge, die sich nie erfüllten, weit von sich.
*
Wenk fand am nächsten Morgen unter seiner Post ein kleines eingeschriebenes Paket. Als er es öffnete, lagen seine Uhr und seine Brieftasche drin mit allem Geld. Nur das Notizbuch fehlte. Auf einem Zettel war in Maschinenschrift folgendes zu lesen: „Ich bin kein Leichenfledderer. Die Sachen, die mein Angestellter irrtümlich von Ihnen nahm, erstatte ich Ihnen hiermit zurück. Das Notizbuch behalte ich, weil sein Inhalt mich angeht. Balling.“
Wenk war nicht überrascht. Jener spielte um Zehntausende. Was waren ihm einige hundert Mark und eine goldene Uhr? Auch die Gewißheit, daß der Anschlag wirklich ihm und in engerem Sinne seinem Notizbuch galt, hatte er zu bekommen ja nicht mehr nötig gehabt. Er schob die Uhr und die Tasche ein und setzte seine Gedanken wieder in Trab hinter der lockenden Gräfin her.
Nachmittags wurde er von ihr empfangen. Sie wohnte in einem großen Hause, das sehr reich, aber mit einem Geschmack eingerichtet war, der Wenks Empfinden verletzte. Denn seine Vorstellungen über die Gräfin hatten seit gestern einige Fortschritte gemacht, die es ihm angenehm gestaltet hätten, wenn er sie mit sich in einer stärkeren Übereinstimmung gefühlt hätte, als die Einrichtung dieses Hauses sie bewies.
Gleich an der großen Hallenwand hatte ein Pinsel Menschenakte zu verdehnten Prismen und springenden Kurven, zu Maschinenteilen und Ochsenvierteln zerfleischt. Farbenklatsche standenda aneinander und versuchten den Eintretenden zu zwingen, an die Wut des Temperaments zu glauben, das sie verfertigt hatte. „Ach, ihr seid ja klein und kühl, ihr!“ sagte Wenk zu ihnen hinauf. „Man kann irgendeinen unter euch herausnehmen, und der daneben hat nicht so viel Blut in den Adern, daß er das Verschwinden seines Bruders merkte. So kalt seid ihr.“
Der Diener, in einem Kostüm, dessen dunkle Strenge vornehm von einigen kleinen Silberknöpfchen und blauen Litzchen aufstilisiert war, nahm ihm Mantel und Hut ab und ging voran. Die Gräfin erwartete ihn am Teetisch.
„Wir sind nicht lange allein,“ sagte sie, „mein Mann kommt um fünf Uhr!“
Aber Wenk war von der Aufplusterung dieses Hauses die Laune genommen worden.
Bevor er antwortete, warf er einen flüchtig hinweisenden Blick auf die Wände des Zimmers.
Die Gräfin lachte nur. „Das ist mein Mann,“ sagte sie. „Ich halte das alles für Idiotien. Was soll denn schließlich daraus werden, wenn man eine Bluse malt, an einigen frischgestrichenen Scheunentoren abwischt und dem Beschauer sagt: Sinfonie von Beethoven? Aber, lassen wir jedem das Seine. Oder ist der Herr Staatsanwalt auch expressionistisch?“
„Ich kann das nicht behaupten,“ antwortete Wenk. „Sie behaupten, sie seien das Neue und das andere. Aber unter sich führen sie alle doch dieselbe Geheimsprache. Unser Erlösendes aber kommt nur von einer Persönlichkeit!“
„Sie wollen erlöst sein?“ fragte die Frau. „Erlösen Sie sich denn nicht selber? In Ihrem Beruf? Ich meine, in Ihrer Tätigkeit? Eine andere Erlösung, eine Erlösung von außen gibt es doch nicht!“
„Das ist wahr,“ sagte Wenk einfach und hatte das Bild der Frau wieder eingeholt, das ihn seit gestern verfolgte und ihn beim Betreten des Hauses verlassen hatte. „Das ist übrigens dasselbe, was wir gestern besprachen, als wir von der Wage der Kräfte des Guten und Bösen redeten. Und das wollte ich Ihnen heute nochmals sagen.“
„Ich habe Sie wohl verstanden,“ entgegnete die Gräfin. „Ich kann es Ihnen ja eingestehen: Anfangs dachte ich, Sie suchten ein Liebesabenteuer. Das war mir sehr lustig. Denn weiß Gott, ich suchte etwas anderes in den Spielhäusern.“
„Sie werden, was Sie suchen, in meinem Werk finden, Frau Gräfin,“ wandte Wenk rasch ein.
Da stand lautlos plötzlich der Diener im schwarzen Anzug mit den Silberknöpfchen und den blauen stilisierenden Litzchen hinter dem Sessel der Gräfin und neigte sich flüsternd zu ihr.
Die Gräfin sagte zu Wenk: „Mein Mann!“ Sie sah Wenk ruhig und verweilend an, und als der Graf kam, stellte sie die beiden Herren einander vor.
Der Graf Told war ein übermäßig schlanker, mit einer übertriebenen Lebhaftigkeit wirkender Mann. Er war auffallend jung. Er war mit Anspruch elegant gekleidet. Er hatte ein besonderes Spiel der Hände, wobei ein Ring immer wieder in den Vordergrund kam, in dem ein Stein eingelassen war, wie ihn Wenk niemals gesehen hatte.
Es mochte ein Rauchtopas sein, aber von blutigen Blitzen durchzuckt, die, milchig an den Rändern verlaufend, die kleine klare Honigglut des durchsichtigen Gesteins überschrien. Und mittendrin, wo sich all die grellen Blitze trafen, hoben sie ein Perlchen hervor, eine Insel, nicht größer als eine winzige Linse. Die aber war von einem Blau, daß ein Saphir melancholisch wurde und ein ... Das dachte sich Wenk und wandte keinen Blick von dem Stein.
„Er ist ein wenig zu groß für meine Hand,“ sagte der Graf, der die Blicke des Besuchers auf diese Weise beantwortete, „aber der Stein ist so ... wie soll ich seine Ungewöhnlichkeit bezeichnen ... nun, ich sage nichts anderes, so wie eine Erzählung von Endivian, der Ihnen gewiß bekannt ist, und von dem ich ihn auch habe. Er brachte ihn mit aus Penderappopimur.“
„Ist das jetzt der modische Edelsteinhändler?“ fragte Wenk, der ein wenig betroffen und keineswegs im Bild war.
„Herr von Wenk,“ sagte die Gräfin ernsthaft ... „Endivian ist jetzt der modische junge Goethe dieses Vierteljahrs.“ Dannlachte sie: „Nein! Endivian, der Dichter, bekam den Stein am Hof Abtimurksers II. statt des Bechers aus dem Gedicht seinesgeistigen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir nicht. Und als er zurückkam, schrieb er ihn aus in Deutschland, sozusagen, wie der Papst die Tugendrose: sein größter Bewunderer sollte ihn haben. Die Wahl traf meinen Mann. Besser, er hätte mir ihn gegeben.“
„Weshalb schwärmst du nicht für ihn wie ich?“ fragte mit mildem Lächeln der Graf Told und voll Verliebtheit sie anblickend.
„Peter Resch hat seine papiernen Lenden angedichtet. Das gibt dir darauf die Antwort!“ lachte die Gräfin zurück.
„Pfui, Peter Resch,“ sagte der Graf. „Er ist einer von den arrivierten Impressionisten. Übrigens habe ich eine neue Erwerbung gemacht, Liebste.“
„Bei den Juryfreien?“
„Kann man anderswo noch Bilder kaufen? Da ist überhaupt nichts mehr ... Und man hat die ganz klare, unzweifelhaft eindeutige Empfindung: Wenn dies Malertemperament doch auch noch auf die Farben verzichten könnte ... Es ist der Beginn der Abstraktion von allem, was zur Vermittlung der Vision eines fremden Bewußtseins Hilfsmittel braucht, die in der Schöpfung außerhalb der betreffenden Kunst liegen.“
Scheinbar ernsthaft erwiderte die Gräfin: „Gott sei Dank, man kommt weiter. Wenn wir nun auch auf dem Gebiet der Musik das Genie in Aussicht hätten, das auf den Lärm der Töne verzichten kann, um sich mitzuteilen, so wäre die Welt an ihrem Ziel angelangt.“
Der Graf schwärmend: „... Eine hehre Atmosphärenlosigkeit ... in zwei Blau ... die sich gegenseitig wie auf einer Himmelsleiter zwischen Sturm und Blitz in die Weltharmonie schleudern ...“
„Worauf Gott seinen Thron verläßt, lieber Herr Staatsanwalt, sprechend: Mein Geschöpf hat mich überholt, adieu!“
Auf diese Weise ging das Gespräch noch eine Weile weiter, und es blieb Wenk eine Stunde später nichts anderes übrig, als sich zu empfehlen. Er war traurig, als er nach Hause fuhr.
Kaum saß er eine Viertelstunde an seinem Tisch, als ihm ein Brief übergeben wurde. Er las:
„Sehr geehrter Herr von Wenk,es tut mir leid, daß unsere Zusammenkunft anders verlief, als wir beide gedacht hatten. Nicht deshalb schreibe ich Ihnen, denn wir können unsere Gespräche an einem andern Ort und zu einer andern Zeit ja wieder aufnehmen. Aber es könnte sein, daß Sie unser Haus mit der Empfindung verlassen haben, als ob mein Mann so etwas wie ein ‚kleiner Narr‘ wäre. Auch in meinen Augen. Ich bin daran schuld, und ich habe deshalb solche Eile, Sie zu beschwören, diese irrtümliche, durch mich verschuldete Einschätzung eines Menschen nicht in sich festsetzen zu lassen. Es ist wahr, mein Mann kauft expressionistische Bilder. Aber das ist mehr symbolisch aufzufassen. Ich habe immer gefunden, je ‚närrischer‘ ein Mensch beim ersten Zusammentreffen erschien, um so heftiger näherte er sich einem, wenn man ihn in ernsteren Augenblicken wieder traf.Auf Wiedersehen ... wann? und wo? ... IhreGräfin Dusy Told.“
„Sehr geehrter Herr von Wenk,
es tut mir leid, daß unsere Zusammenkunft anders verlief, als wir beide gedacht hatten. Nicht deshalb schreibe ich Ihnen, denn wir können unsere Gespräche an einem andern Ort und zu einer andern Zeit ja wieder aufnehmen. Aber es könnte sein, daß Sie unser Haus mit der Empfindung verlassen haben, als ob mein Mann so etwas wie ein ‚kleiner Narr‘ wäre. Auch in meinen Augen. Ich bin daran schuld, und ich habe deshalb solche Eile, Sie zu beschwören, diese irrtümliche, durch mich verschuldete Einschätzung eines Menschen nicht in sich festsetzen zu lassen. Es ist wahr, mein Mann kauft expressionistische Bilder. Aber das ist mehr symbolisch aufzufassen. Ich habe immer gefunden, je ‚närrischer‘ ein Mensch beim ersten Zusammentreffen erschien, um so heftiger näherte er sich einem, wenn man ihn in ernsteren Augenblicken wieder traf.
Auf Wiedersehen ... wann? und wo? ... Ihre
Gräfin Dusy Told.“
„Dusy heißt sie!“ sagte Wenk laut vor sich hin. „Lieb’ du sie! Küss’ du sie! ... Toll! ...“ Es überkam Wenk wie ein Strudel eines heißen Klimas, nach dem er sich immer sehnte ...
Dann stand er auf, schüttelte die feuchten, warmen Schauer von sich und sagte bissig gegen sich selber: „Das ist ein lieblicher Weg zu dem Verbrecher ... über die Verliebtheit in eine schöne Frau.“
Der Fernsprecher läutete. „Hier Hull!“
Hull teilte ihm mit, es sei ein neuer Spielsaal eröffnet worden. Er müsse den kennen lernen. Der Saal sei nicht nur fürs Spiel im großen eingerichtet, hundert Personen mindestens, sondern er sei mit mechanischen Vorrichtungen versehen, die bei einem Erscheinen der Polizei ihn in ein Varieté umändern könnten. Davon sollte allerdings auch er vorläufig noch nichts wissen. Aber dieCarozza habe einen Brief bei ihm liegen lassen. Sie sei ja stets über alle Sensationen in diesen Kreisen auf dem laufenden. Sie sollten auch Karstens mitnehmen. Nur wisse Hull die Adresse des Saales nicht. Sie müßten sich der Führung der Carozza anvertrauen. Von seiner Kenntnis des Briefes wisse die allerdings nichts.
Es wurde eine Zusammenkunft verabredet, und um zehn Uhr fuhr Wenk ins Café Bastin, von wo aus man hinwollte.
Das Haus, das sie betraten, lag am Rand der inneren Stadt in einer der häßlichen, gleichmäßigen Gassen, die Schwabing einleiteten. Von außen zeigte es eine unauffällige Fassade, wie alle Nachbarn. Es war eines der Laden- und Mietshäuser. Die Rolläden vor dem Geschäft zu ebner Erde waren geschlossen. Die Inschriften konnte man in der Dunkelheit nicht lesen. Wenk merkte sich die Nummer. Es war die Nummer seines Geburtsjahrs: 76!
Man ging in ein verschmutztes Stiegenhaus hinein, in dem eine schwärzliche, ausgebrannte Glühbirne mit jener traurigen Gleichgültigkeit leuchtete, in die sich die paar Dutzend unbekannter, oft wechselnder Bewohner solcher Häuser teilten. Man erstieg zwei Treppen. Eine massive Tür öffnete sich vor ihnen, und aus einem Seitenflur schwamm ein Licht auf die arme Treppe. Der Flur war der Bruder der Treppe. Er war gänzlich leer. Ein billiger Läufer, abgeschabt, melancholisch in seinem Alter und seiner Verwüstung, schwarz und weiß gewürfelt durchlief ihn. Die Wände waren mit gealterten Tapeten beklebt. „Lustig,“ sagte die Carozza. „Aber wartet nur!“
Da schwang vom Flur aus eine schmale Tür sich auf. Ein Quell von Licht stürzte in die armselige Düsternis. Ein Schwall von Luxus fiel in den Blick. Ein kleines Foyer mit Polstern, Garderoben, Büfettischchen tat sich auf. Champagner und kalte Platten rochen heraus. Einige Menschen saßen da, fremd. Man legte die Mäntel ab und ging durch in den Spielsaal.
Ja, der war etwas Neues. Er erinnerte, wenn man eintrat, an den Promenadenraum der bekannten Pariser Varietés. Man sah durch Luken oder Logen auf eine von Licht erstrahlende Platte. Diese Platte war der Spieltisch. Er war von enormem Ausmaß.
In der Mitte war eine kreisrunde Öffnung, in der ein breiter Drehstuhl stand. Das war der Platz des Bankhalters. Um den Tisch herum waren die Plätze für die Spieler als Logen eingerichtet. Jede Loge — es gab solche für eine Person, für zwei und für vier — lag in abtrennendes Dunkel versenkt, mit weichen Sitzen versehen. Durch einen Vorhang konnte man sich vollständig abtrennen, und ein Gitter, das man, die Pariser Theater nachahmend, aufziehen konnte, vervollständigte den Apparat.
Man konnte darin wie in einer Maske spielen. Man konnte, ohne erkannt oder auch nur gesehen zu werden, seiner Leidenschaft frönen.
Zwei Miniaturschienchen gingen von jedem Platz aus zum Bankhalter. Auf jeder stand ein Wägelchen. Es war zur Beförderung des Einsatzes und auf der Rückreise des eventuellen Gewinns bestimmt. Die Summe machte man durch verschiebbare Ziffernschilder bekannt. Ein Druck auf einen Knopf beförderte das Fahrzeug zu seinem Bestimmungsort.
An der Decke, die kreisrund über dem Tisch von den Logenwänden umspannt war, stand ein Spiel von Pferden in verschiedenen Farben. Die Pferdchen waren von einem expressionistischen Bildhauer als Silhouetten aus Messing geschnitten und mit Kupferemaille in ihren verschiedenen Farben bemalt worden. Sie wurden vom Bankhalter mit einer Kurbel in Bewegung gesetzt. Unter den Pferden in der Mitte hing ein kleiner Scheinwerfer, der, nach unten abgeblendet, sein Licht gegen die Decke goß.
In diesem Licht liefen die Pferde gegen die Decke, und die Decke war mit dem Spektrum der Farben in Kreisen bunt bemalt, so daß stets ein helles Pferd gegen eine dunkle und ein dunkles gegen eine helle Farbe lief, verfolgt von ihren Schatten. Das brachte ein Durcheinander zustande, das, je rascher der Lauf, um so stärker vervielfacht erschien.
Das Ziel war durch eine dünne Leiste von Glühbirnchen gebildet, die in die Decke eingelassen war. An jeder Loge war ein System von Spiegeln angebracht, durch das man untrüglich den Sieger erkennen konnte.
Wenk und seine Gesellschaft nahmen Platz in einer Loge für vier Personen, die ihnen vorbehalten zu sein schien. Die Carozza und Karstens saßen zusammen vorn, hinter ihnen die beiden andern Herren.
Der Bankhalter, als sich die Logen alle gefüllt hatten, erhob seinen sehr eleganten Frack aus der Mitte des Tisches, und wie auf einer mechanisch rotierenden Scheibe, langsam auf seinem Stuhl rundum gehend, hielt er folgende Ansprache:
„Meine Damen, meine Herren!
Dies ist das Haus ‚Fort‘. ‚Fort‘ vereinigt die Wurzel von stark und von Glück. Wir leben in einer bunten Zeit, und unser Unternehmen hat versucht, ihren gesteigerten Ansprüchen gerecht zu werden. Sie können hier spielen: Solo!à deux! en compagnie!Wie Sie wollen. Solo, indemSie sich wie in ein Domino in eine Loge zu einer Person verbergen, gleich dieser reizenden Dame, von der ich allerdings nicht mehr sehe, ja ahne, als den rosa Reiherbusch in ihrem Haar ... Sie können, wenn Sie sich lieben und in der Verbindung der Herzen einecaptatio benevolentiaefür das Glück sehen, sich zu zweit von allen Anwesenden in die düstere Laube jener Loge zum Beispiel absondern, in der der elegante Kavalier gerade seine Dame ... vermute ich natürlich nur; denn ich sehe von hier aus nicht mehr als die vor dem Einsatztablett errichteten Zahlen, die auf das Glück gesetzt werden ... An der Decke finden Sie, meine Damen, meine Herren, unser Spiel, unser Hausspiel möchte ich es nennen, denn außer ihm steht Ihnen jedes andere Spiel zur Verfügung.Les petits chevauxdes Hauses ‚Fort‘. Einer unserer ersten Künstler, dessen Namen Sie in den Ausstellungen und Zeitschriften ununterbrochen begegnen, hat sie für unser Haus ‚Fort‘ geschaffen und sie selber hergestellt. Der Kunst haben wir die Technik vereint,die stärkste Tochter unserer Zeit. Das Spiegelsystem erlaubt Ihnen, von jedem Platz aus sofort und sicher zu erkennen, ob Ihr Pferd das Finish macht. Erlauben Sie mir noch, Sie auf das angenehme, sehr kunstreiche Spiel und Gegenspiel aufmerksam zu machen, das, drehe ich an der Kurbel, über Ihnen sich an der Decke entwickelt. Peter Schlemihl hatte keinen Schatten. Von unserenpetits chevauxkann man das nicht sagen. Schauen Sie bitte hin, in welch kunstvoller Weise sich Figuren und Schatten zu einem Werk vereinigen, das in dieser reichen und originellen Absichtlichkeit unserem Hauskünstler höchste Ehre macht ...“
Er drehte an der Kurbel. Pferde und Schatten liefen wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Es war ein hübsches, spielerisches Bild.
Langsam liefen die Pferde aus.
„Auf das hätte ich gesetzt!“ rief eine Frauenstimme, als der Isabellenschimmel am Zielband hielt. Am Kopf des Schimmels leuchteten auf einmal die Augen wie zwei Sterne. Sie waren von kleinen Glühbirnen gebildet.
Der Bankhalter:
„Ihrem Glück wollen wir nicht länger, Gnädigste, einen Damm der Geduld vorbauen, als bis ich Sie nicht mit der epochalen Neuerung des Hauses ‚Fort‘ bekanntgemacht habe. Was“ ... er erhob die Stimme ... „täten Sie jetzt, meine Herrschaften, wenn plötzlich die Polizei in Ihre Logen eindränge und sie wegen verbotenen Spiels Ihres Geldes und Ihrer Freiheit beraubte? Keine Angst. Wir haben eine Einrichtung getroffen, die man einenGarde-Policenennen könnte. Das Haus ‚Fort‘ mag ruhig der Polizei verraten werden. Es mag von der Polizei umstellt, erobert werden! Wir sind gesichert. Mit meinem kleinen Finger drücke ich die ganze Polizei der Stadt von Ihnen fort. Sehn Sie ...!“
Er erhob hoch die Hand. Dann senkte er sie mit gezierter Eindringlichkeit, den Zeigefinger vorspreizend, auf den schwarzen Knopf neben sich. Einen Augenblick später setzte sich die Platte des Tisches in Bewegung. Sie begann zu sinken. Es ging geräuschlos und rasch. Der Redner sank mit hinab. Die Logenblieben. Aber von der Decke glitt das Spiel mit den Pferden und den farbigen Kreisen herab, an den Logen vorbei, die Decke folgte, und wenige Augenblicke später tanzte auf einem neuen Fußboden ein Quartett von nackten zwölfjährigen Kindern zu einem Spiel von Geigen und Flöten, das irgendwo im Unsichtbaren plötzlich zu erschallen begann.
Ein Trupp von Männern, die in die Uniform der Stadtpolizei gekleidet waren, stürmte auf die Logen zu, schreiend: „Man hat uns gesagt, hier werde gespielt! Wo wird gespielt?“
Überall lachte man in den Logen. Die Mädchen tanzten. Die verkleideten Polizisten warfen die Uniform ab und standen nun als Kavaliere im Frack da, lachend. Der Boden schwebte mit den tanzenden Mädchen hoch. Eines machte eine angelernte Bewegung nach einem einsamen Herrn. Der griff aus der Loge nach der Entschwebenden, etwas rufend, mit einem Lachen und einem knurrenden Fluch. Er erreichte das Mädchen nicht. Der Boden schloß sich an der Decke. Das Pferdchenspiel drehte vor den Spektren, und in der Spielarena war wieder der befrackte Redner.
„Sie sehen, meine Damen und meine Herren, eine Konzession machen wir der Polizei — die nackten Mädchen! Im übrigen, wenn es einmal ernst würde, hätten sie rasch ein Tüchlein um. Außerdem ist wöchentlich Programmwechsel ...“
In diesem Ton redete er noch eine Weile.
„Das ist ja dummes Kino“, sagte Wenk, indem er sich zu Karstens vorbeugte, diesem ins Ohr. „Allerdümmstes Kino! Wenn die Polizei käme, hätte sie in zehn Minuten doch den ganzen Schwindel heraus.“
Karstens zuckte nur mit der Schulter.
Wenk fragte sich, was für einen Zweck diese Anstalt habe; denn es ginge unmöglich eine Woche, bis sie entdeckt sei und geschlossen werde. Die Auslagen müßten doch geradezu enorm gewesen sein.
Hull war betroffen. Er fand noch keine Stellung zu dem, was er sah und hörte.
„Entzückend!“ rief die Carozza ein übers andere Mal. „Unsere Zeit ist genial, was? Hier werden wir Stammgäste. Gardi, wie?Auf welches setzt du? Ich nehme den Araber, den schwarzen. Ich bin für schwarz, Gardi! Weil du so blond bist!“
Karstens warf Wenk einen belustigten Blick zu.
Es wurde ein Nachtessen gegeben von kleinen, feinsten Delikatessen ... Waren, die man vor der deutschen Valuta geflohen glaubte: frische Trüffeln auf Straßburger Gansleber, Kaviar, Krammetsvögel ...
Vor dem Gebirg der Gansleber mit Trüffeln, aus denen diese süß hervorduftete, sagte Karstens: „Unsere Mark notiert heut in der Schweiz sieben. Aber Centimes. Was man hier vergessen zu machen besorgt scheint.“
„Hier ist eine Mark noch weniger wert als sieben Centimes!“ sagte Wenk. Er war niedergeschlagen. Wohin? Wohin? flehte hilfesuchend sein Herz. Er aß nicht.
Die Carozza trillerte. Hull begann allmählich sich zu schämen, jetzt, wo seine Genußsucht von dem Bewußtsein eines andern sozusagen kontrolliert wurde. Er beschloß, am nächsten Morgen der Carozza ein Abschiedsgeschenk zu schicken. Es sollte die Garnitur australischer schwarzer Opale sein, die, mit goldenen Runen bedeckt, zwischen grau, grün und Feuer schillerten, und die eine russische Fürstin verkaufen wollte. Die Fürstin hatte über die Bonbonniere Anschluß an die Carozza gefunden. Sie versuchte auf die Bretter zu kommen.
Schluß! flehte alles in diesem phlegmatischen Hull. Er war aufgebracht wie eine Glucke. Und zugleich war er melancholisch ... Sie soll ... sagte er sich ... Ich geh’ ins Kloster lieber, als ...
Eine Trüffel zerging ihm am Gaumen, bevor sie körnig noch einmal ihren Wohlgeschmack zwischen den Zähnen wiederholte und ihn der ganzen Mundhöhle preisgab. Trotzdem, sagte sich Hull! Trotzdem! Und wenn ich kein getrüffeltes Aspik mehr zu essen bekäme ... Was ja nicht gesagt ist ... übrigens!
Wenk stand plötzlich auf und ging. „Wohin?“ rief die Carozza. Sie war mit einem Male erregt.
Karstens wandte sich in demselben Augenblick zu ihr. Er trennte sie von Wenk, der den Saal ungestört verlassen konnte. ImVorzimmer nahm er rasch seinen Mantel. Er wurde hinuntergeleitet. Der Diener schloß die Haustür vor ihm auf. Bevor er aber öffnete, schaute der Diener durch das Guckloch, das in die Tür eingelassen war, auf die Straße.
Da machte er ungeheuer aufgeregt: „Mein Herr, ein Polizist!“
Aber er öffnete trotzdem. Wenk trat hinaus. Der Polizist grüßte ihn. Wenk sah, daß der Beamte lachte. Der Diener in der Tür lachte auch. Der Polizist war vom Haus „Fort“ hingestellt worden. Wenn ein wirklicher Polizist in die Straße wollte, erklärte der Hausdiener rasch dem Davongehenden, sah er, daß sie schon bewacht war, und ging.
Wenk schritt rasch auf die Stelle zu, wohin er sein Auto bestellt hatte. Er war entschlossen, dies Haus schließen zu lassen. Nur wollte er verhindern, daß das Eingreifen der Polizei durch die Zeitungen bekannt gemacht wurde und die Feder eines Reporters der armen Phantasie der Leser mit der ganzen Dummheit einheizte, als seien im Geheimen der Stadt weiß Gott was für raffinierte Lasterhöhlen.
Er überlegte während der Fahrt die Formulierung der Anzeige. Möglichst ohne Bezeichnung des Sachverhalts. Kurz etwa: Grober Unfug, Irreführung des Publikums, schwindelhafte Vorspiegelungen oder so ähnlich.
Er arbeitete lebhaft, versenkte sich immer tiefer in den Kampf mit dem Haus „Fort“ und hielt, noch im Auto, ein Plaidoyer als Staatsanwalt, das mit allen geschickten Kniffen, mit scharfen geistigen Schnitten der Öffentlichkeit diese Beule wegnahm, ohne daß sie merkte, was es eigentlich war.
Bevor er einschlief, dachte er auf einmal, scheinbar ohne Zusammenhang mit seinen Vorstellungen, an Hull. Hull war ihm in einer plötzlichen Erleuchtung wie ein Symbol des jungen Mannes der Zeit. Verbunden mit einem aufgedonnerten Nichts von einem Weib, das sich auf einer Bühne mit Talent zur Schau stellte. Elegant gekleidet, ohne elegant zu sein. Ruhelos den nervenauftreibenden Nächten ergeben und in einem Leben zwischen Spieltisch, Nachtlokal und Tänzerinnenbett Erfüllung suchend, wo esihm gar nicht so ums Herz war und er mit mehr Genugtuung und Selbstverständlichkeit einen Gutshof geführt oder ein angesehenes, ruhiges Amt verwaltet und dazu gesetzliche Kinder gezeugt hätte, wenn er nur den Dreh gefunden ...
Sie spielten alle so Kraftmenschen auf ihren Nerven und Sinnen und waren Bürger, zur Behäbigkeit neigend, denen Sinne mehr Qual als Lebensziel waren und die Nerven in kleinen, dünnen Bündeln sich zwischen arme Adern verbargen, zu schwach selbst, dem Leben diesen ruhigen Gang abzuringen, für den es von Haus aus bei ihnen bestimmt war ... diese Renaissance-Menschen zwischen Mitternacht und Morgenfrühe!
Er telephonierte dann noch an die Polizei die Adresse des Spielhauses. Der Beamte, der Herrn Hull zu überwachen hätte, sollte sich gleich hinbegeben, aber nichts anderes tun, was er auch sähe, als den Herrn im Auge behalten, sobald der das Haus verließe.
*
Aber mitten in den festen Schlaf hämmerte das Telephon am Bett. Es war zwei Stunden nach Wenks Heimkehr. Er war gleich ganz wach. „Hier Staatsanwalt Wenk!“ rief er, und er wußte, von einem Zusammenhang gepackt, der jenseits seiner klaren Vorstellungen auftrat, aber mit den Gedanken einig ging, unter denen er eingeschlafen war, daß dieses Gespräch, das in dem kleinen schwarzen Kasten auf seinem Nachttisch dort vor ihm seiner wartete, sich um Hull drehte ... in irgendeiner verhängnisvollen Weise Hull aus der tiefen Nacht der Stadt geheimnisvoll und gewaltsam hervorzerrte.
„Hier Staatsanwalt Wenk!“ rief er nochmals und war erregt durch seinen ganzen Körper.
„Ja!“ antwortete eine Stimme, „hier der diensttuende Polizeikommissar!“
„Rasch!“ sagte Wenk. Seine Phantasie durchfieberte ihm die Nerven. Was lauerte? Was lauerte?
Die Stimme jenseits des Drahts überstürzte sich: „Der Herrnamens Edgar Hull, der unter dem Schutz der Polizei stand ... der ist diese Nacht ermordet worden. Auf der offenen Straße! Um zwei Uhr etwa. Ein anderer Herr namens Karstens schwer verwundet. Der Beamte, der den Ermordeten zu überwachen hatte, ist ebenfalls verwundet. Beide sind ins Krankenhaus transportiert worden. Eine Dame, die bei den Herren war, ist auf Veranlassung des verwundeten Beamten verhaftet worden. Den Ermordeten habe ich am Tatort liegen zu lassen befohlen, bis der Herr Staatsanwalt persönlich erscheint. Das Dienstauto ist unterwegs zum Herrn Staatsanwalt. Schluß!“
„Schluß!“ zitterte Wenks Stimme nach.
Er hastete in seine Kleider. Das Auto hupte schon herauf. Wenk stürzte durch den dunklen Treppengang hinab, vergaß Licht zu machen. Dann, als er das Auto in der finsteren Straße hörte, seine Umrisse sah, biß er die Kiefer aufeinander und erkannte die Notwendigkeit, nun mit festem Gemüt diesen Tod hinzunehmen, an dem er beteiligt war, und seiner Pflicht nachzugehen über die Blutlache in der nächtlichen Straße hinweg, sich ganz einsetzend, um ganz handeln zu können.
In der Fahrt zwang etwas ihn immer wieder, sich selber zu bespiegeln: Ich hätte nicht zittern sollen, als die Nachricht mich traf. Ich muß es so weit bringen, daß ich meinen eignen Tod ohne zurückzuschrecken hinnehmen könnte. Ich muß mich weiter erziehen. Ich muß alle Liebhaberei zu Lebensziel erstarken lassen. Dann erst kann ich meinen Plänen gewachsen sein.
... Hulls Leiche lag im Finstern.
Vier Umrisse von schwarzen Männern umstanden sie und traten zurück, als der Staatsanwalt dem Auto entstieg. Wenk bat sie — es waren Polizisten —, die Zugänge zu der Straße zu bewachen und niemanden an den Tatort herangelangen zu lassen. Dieser lag in den finstern Straßenbiegungen hinter dem Wittelsbacher Palast. In den Häusern zeigte sich kein Mensch.
Ein Beamter sagte, Privatpersonen seien seit der Tat nicht vorbeigekommen.
Es war drei Uhr früh.
Mit einer elektrischen Lampe leuchtete Wenk die Leiche ab. Sie hatte einen tiefen Stich vom Hals bis in den Rücken. Sie lag mit dem Gesicht auf der Erde. So hatten die Polizisten sie gefunden, als ihr Kollege blutend, die Augen von Pfeffer erblindet, sie herbeigepfiffen hatte. Die Leiche war starr und wie ein gebogener Baumstamm aufgekrampft. Das Blut, das den Wunden entflossen, glänzte im Licht wie schwarzer Marmor.
Wenk war durchzuckt von grausigen Vorstellungen, die er zu besiegen trachtete. Er versuchte sich den Ort einzuprägen, die Lage der Leiche, die Hausnummern schrieb er sich auf. Versuchte, ob alle Türen und Fenster in der Nähe geschlossen waren. Ob Fußspuren zu sehen waren. Ob nicht Gegenstände herumlagen oder weiter in der Gasse zu finden waren ... Nichts!
Die Täter seien in den Park des Palastes geflüchtet, hatte einer der Beamten gesagt, und darin wie mit einem Schlag verschwunden.
Wenk suchte die Mauern ab. Es war nichts zu bemerken.
Ein Beamter ging ein Auto holen zur Fortschaffung der Leiche. „Bitte niemanden in die Straße lassen! Jeden, der herein will, zur Wache führen. Seien Sie höflich mit den Leuten, nicht wahr?“ ordnete Wenk an.
Er fuhr ins Krankenhaus, wo die Verwundeten lagen.
Karstens war bewußtlos. Der Arzt berichtete, er habe einen schweren Stich mit einem schmalen, scheinbar vierkantigen Dolch im Rücken, und von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand sei ihm aller Wahrscheinlichkeit nach die Schädeldecke eingeschlagen. Der Beamte war weniger schwer verwundet. Die Stichwaffe hatte ihm mehrere Fleischwunden verursacht. Schulter und Oberarm waren ihm verbunden. Aber er konnte noch kaum die Augen öffnen.
Er erzählte:
„Etwas vor zwei Uhr kam der Ermordete mit einem andern Herrn und einer Dame aus dem Haus, das mir bezeichnet worden war. Vor dem Haus hat ein Polizeibeamter gestanden. Das kam mir auffällig vor. Ich fragte mich: Weshalb steht der Polizeibeamte da, statt herumzugehen? Ich sah ihn wenigstens eineStunde so stehen. Dann wollte ich ihn anreden. Ich ging auf ihn zu. Er sagte mir barsch: ‚Was wollen Sie? Gehen Sie weiter!‘ und rückte mir bedrohend entgegen. Ich wollte ihm meine Erkennungsmarke zeigen. In diesem Augenblick aber öffnete sich die Tür, und ich sah, daß einer herauskam, in dem ich trotz der Finsternis gleich Herrn Hull erkannte. Der Polizist drängte mich weg. Ich wollte zuerst kein Aufsehen machen und ließ mich abdrängen. Ich sah, daß mit Herrn Hull noch die Dame und ein anderer Herr war.
„Sie gingen rasch in der Richtung der Ludwigstraße davon. Ich war mit dem Polizisten etwa drei Häuser in der entgegengesetzten Richtung. Da wandte er sich zum Haus zurück und sagte mir: ‚Nun gehen Sie im Guten!‘ Ich kümmerte mich nun nicht weiter um ihn und folgte in einem Abstand, der ziemlich groß war, den drei Herrschaften. Sie bogen aus der Türkenstraße in die Gabelsbergerstraße ein und verschwanden mir.
„Ich eilte nach und sah sie nicht mehr. Sie konnten aber höchstens bis zur Jägerstraße gekommen sein. Da lief ich. Ich lief in die Jägerstraße hinein. Plötzlich hörte ich Schreie. Sie waren ganz unterdrückt und spitz. Ich wußte vom Feld her, daß so Menschen schreien, die im Todesschrecken sind. Ich begann gleich, bevor ich noch jemanden sah, in meine Signalpfeife zu blasen und lief, was ich konnte, in die Gasse hinein. Zugleich zog ich meinen Revolver.
„Ich kam aber nicht weit. Auf einmal ward ich von hinten umfaßt. Meine Augen brannten mich furchtbar. Ich spürte einen Stich in der Schulter. Ich wollte meinen Revolver abdrücken, aber ich hatte ihn nicht mehr in der Hand. Mein Arm war mir ganz lahm. Da dachte ich, es sei am besten, ich werfe mich nieder und tue so, als ob ich tot sei. Das hatte unser Herr Major uns im Feld so angeraten. Da lag ich dann, und einer saß auf mir und hieb mit etwas auf mich ein, indem er mir den Mund zuhielt. Vielleicht waren es auch zwei. Ich sah es nicht, denn ich schloß die Augen. Sie müssen aus einer Haustür auf mich losgestürzt sein. Ich war dann halb betäubt.
„Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich hörte nur Schritte laufen. Ich wurde aufgehoben. Es war ein Kollege. Ich sagte ihm rasch alles, was ich erlebt hatte. Da lief er weiter in die Gasse. Ein zweiter kam angelaufen. ‚Polizei?‘ fragte ich ihm laut entgegen. ‚Ja!‘ rief er zurück, ‚was ist los?‘ — ‚Lauf um die Ecke, rasch!‘ rief ich.
„Ich zwang mich aufzustehen und fühlte, daß ich nicht so schwer verwundet sein konnte. Nur die Augen vermochte ich nicht zu öffnen. Sie hatten mir Pfeffer hineingerieben. Ich tastete mich um die Ecke. Ich konnte aber gar nichts sehen.
„Der Lärm führte mich zum Tatort. Ich hörte, wie einer sprach und eine Frauenstimme antwortete. ‚Was ist?‘ fragte ich. Da sagte die Stimme: ‚Der eine hat gesagt, wir sollten das Frauenzimmer verhaften.‘
„‚Wer sind Sie, Frau?‘ fragte ich.
„Da antwortete die Frauenstimme:
„‚Ich bin Künstlerin. Ich bin die Freundin von Herrn Hull. Was will man mit mir?‘
„Ich sagte: ‚Wenn der Herr das gesagt hat, so verhafte sie!‘
„Sie wehrte sich. Sie sagte: ‚Ich wünsche sofort den Herrn Staatsanwalt von Wenk zu sprechen.‘
„‚Später!‘ sagte der Beamte.
„Da wollte sie fortlaufen. Aber das ging alles viel mehr durcheinander, als ich es so erzählen kann. Dann mußte der Kollege sie fesseln, so wehrte sie sich, und da hörte ich, wie sie ‚Georch!‘ rief.
„‚Verhaftet sie! Verhaftet sie!‘ rief ich da.
„Weiter weiß ich nichts mehr. Ich verlor dann das Bewußtsein und bin erst im Krankenwagen wieder zu mir gekommen. Ich bin schwer verwundet. Herr Staatsanwalt, sagen Sie mir die Wahrheit: Muß ich sterben?“
Da lachte ihn der Arzt aus.
„Der Herr Staatsanwalt soll es mir selber sagen. Dem Doktor ist es Beruf zu sagen, daß man nicht stirbt.“
„Aber, Herr Boß, wie können Sie auch nur ans Sterben denken“, sagte ebenfalls lachend der Staatsanwalt. „Sie haben einigeheftige Fleischwunden und Beulen. Damit stirbt ein Mann wie Sie nicht!“
„Herr Staatsanwalt, ich hab’ meine Pflicht getan!“ sagte der Verwundete. Seine Stimme begann zu zittern, dann löste sich die verballte Spannung, und er weinte tief und ruhig.
„Mehr weiß ... ich nicht ... Ich hab’ ... meine Pflicht ... getan!“
„Das brauchen Sie nicht zu versichern,“ sagte ihm Wenk, „wer seine Haut dransetzt, tut immer seine Pflicht. Wertvolleres als das kann niemand dran wagen! Aber, Herr Boß, nicht wahr, eines versprechen Sie mir gegen Handschlag: Es wird nichts von dem, was Sie heute nacht erlebt oder gesehen haben, weitererzählt ... Herr Doktor, auch Sie bitte ich darum. Es steht viel auf dem Spiel, und zwar für die Allgemeinheit. Ich lege es Ihnen sehr, sehr ans Herz! Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, sondern um eine Verbrechergeneration.“
Von dem Beamten, der zuerst an Ort und Stelle war, ließ sich Wenk erzählen, daß er einige Gestalten noch an der Mauer des Parks gesehen habe. Die Finsternis verhinderte, ihre Zahl festzustellen. Er konnte sie auch nicht beschreiben. Er ward aufgehalten durch den einen Herrn, der versuchte sich aufzurichten und sich an seinem Beinkleid anhielt, und der ein paarmal sagte: „Frau verhaften ... Frau verhaften ...“
„Dann erst fiel er hin und ließ mich los,“ erzählte der Beamte weiter. „Ich konnte nun erst den Schritten nachlaufen und sah die Gestalten an der Parkmauer. Aber als ich am Fuß der Mauer war, war nichts mehr von ihnen da. Die Täter müssen sich gegenseitig auf die Mauer hinaufgeholfen haben. Ich wollte ihnen gleich nach, kam aber nicht hinauf, denn es war viel zu hoch. Da ging ich zurück zum Tatort.“
„Und die Frau?“ fragte Wenk. „Was geschah dann mit der?“
„Ich hatte den Eindruck ...“
„Nein, Herr Stamm, nicht Ihren Eindruck will ich kennenlernen, sondern nur, was Sie mit Ihren Augen gesehen und mit Ihren Ohren gehört haben. Seien Sie darin sehr gewissenhaft, nicht wahr?“
„Jawohl, Herr Staatsanwalt. Als ich zurückkam, hielt ein Kollege die Frau fest. Ich rief ihm zu: ‚Verhafte sie! Der Herr dort hat es gesagt. Verhafte sie auf alle Fälle. Halt sie fest! Laß sie nicht fort!‘ Wir waren alle ein wenig aufgeregt. Sie rief, sie wolle den Herrn Staatsanwalt von Wenk sprechen. Sie wollte sich nicht verhaften lassen. Sie setzte uns Widerstand entgegen. Da haben wir ihr die Hände zusammengebunden. Wir waren zu zweit und mußten dem überfallenen und verwundeten Kollegen helfen. Wir wußten noch gar nicht, was los war. Dann erst hatten wir ...“
„Wir? Erzählen Sie nur, was Sie gesehen haben ...“
„Dann erst suchte ich zu erkennen, was geschehen war. Einer lag im Blut am Boden. Er schien tot zu sein; denn er war ganz starr. Der andere stöhnte. Nun kam ein dritter Polizist. Wir schickten ihn zum Telephon wegen des Sanitätswagens und wegen Benachrichtigung der Kriminalpolizei und des Herrn Staatsanwalts. Darum hatte der Kollege Boß gebeten. Wir sollten das zuerst tun, hatte er gesagt.“
„Was tat die Frau in dieser Zeit?“
„Der zweite Kollege ging mit ihr zur Wache!“
„Unterbrechen Sie Ihre Erzählung, Herr Stamm, bis ich mit diesem gesprochen habe. Wie heißt er? Halten Sie sich weiter bereit, nicht wahr? Und kein Wort über den Vorfall außeramtlich erzählen, auch nicht Ihrer Frau. Sie geben mir Ihr Ehrenwort!“
„Jawohl, Herr Staatsanwalt. Der Kollege heißt Wasserschmidt.“
Wasserschmidt kam. „Sie haben eine Frau in der Nacht verhaftet, die bei dem Überfall auf die beiden Herren dabei war?“ fragte Wenk. „Weshalb taten Sie das?“
„Weil Polizist Stamm sagte, der eine der Überfallenen habe es ihm zugerufen, bevor er ohnmächtig wurde. Und auch der Kollege Boß hat mich dazu aufgefordert.“
In diesem Augenblick ging das Telephon des Amtszimmers in der Kriminalpolizei, in der Wenk diese Berichte entgegennahm. Wenk nahm den Horcher. „Bitte?“ fragte er.
„Hier Nachtredaktion der Anzeigen! Es wird uns soeben von einem Mord berichtet ...“
„Einen Augenblick,“ rief Wenk aufgeregt zurück. „Wer hat Ihnen das berichtet?“
„Ich kann Ihnen das sagen, ohne das Redaktionsgeheimnis zu verletzen, denn es geschah sozusagen anonym. Es klingelte an der Nachtglocke. Ich ging ans Fenster und sah einen Mann sich entfernen. Er rief herauf, als ich öffnete, und fragte, was denn los sei ... ‚Im Briefkasten!‘ Da ging ich hinunter, und es lag ein Brief im Kasten. Da stand es drin.“
„Können Sie mir vorlesen, was in dem Brief stand? Hier Staatsanwalt Wenk!“
„Ja gewiß, einen Augenblick, Herr Staatsanwalt. Also es steht drin: ‚Heut nacht wurde der Privatier Edgar Hull in der Jägerstraße überfallen und ermordet. Die Täter sind entkommen. Es scheint sich um einen Racheakt zu handeln. Der Ermordete verkehrte in Spielerkreisen.‘ Das ist alles.“
„Weiß außer Ihnen jemand in der Zeitung von dem Brief?“
„Nein!“
„Können Sie mir diesen Brief sofort persönlich bringen? Ich schicke Ihnen ein Dienstauto.“
„Herr Staatsanwalt, das hat Schwierigkeiten. Ich bin allein und muß die Redaktion fertigmachen!“
„Wie ist doch Ihr Name, Herr Redakteur?“
„Grube!“
„Also Herr Grube, das hat gar keine Schwierigkeiten, wenn ich Ihnen sehr bestimmt sage, daß Ihr sofortiges Herkommen äußerst wichtig ist und wichtiger, als daß morgen zur schwarzgebackenen weißen Semmel der Herr Hubermeier eine solche Nachricht mit verzehren kann.“
„Meine Pflicht ist ...“
„Verübeln Sie mir nicht, wenn ich Ihnen aus Mangel an Zeit nichts anderes mehr sage, als daß in diesem Augenblick das Polizeiauto zu Ihnen fährt, um Sie herzubringen. Der Beamteist ausgestattet mit allen Befugnissen. Schließen Sie die Redaktion Ihrer Depeschen bitte so, daß das Blatt gedruckt werden kann ohne die Mitteilung, die Sie mir gerade über einen Mord machten. Auf Wiedersehen, Herr Grube. Schluß!“
Wenk schickte gleich das Auto.
„Also, Herr Wasserschmidt, bitte weiter. Die Dame hat Widerstand geleistet. Wie machte sie das?“
„Sie lief einige Schritte von mir fort auf die Mauer des Wittelsbachpalastes zu, wohin die Täter gelaufen waren, und rief den Namen: Georg!“
„Das haben Sie gehört?“
„Ja, ganz deutlich. Sie sprach es aus: ‚Georch!‘ Ganz genau! Und weil sie auch noch auf diese Mauer zulief, habe ich nicht lange gespaßt und ihr die Hände gebunden.“
„Was tat die Dame dann?“
„Dann war sie ruhig und ließ sich abführen. Unterwegs sagte sie noch: ‚Ich kann doch wohl gleich mit dem Herrn Staatsanwalt von Wenk sprechen?‘“
„Da müssen Sie wohl schon warten, bis der Herr Staatsanwalt morgen gefrühstückt hat,“ sagte ich.
„Vielleicht telephonisch,“ bat sie nun sehr höflich.
Ich sagte: „Wahrscheinlich nicht.“
„Und später? Wo ist die Dame?“
„Noch auf der Wache. Sie sprach ganz ruhig und sagte noch: ‚Das ist ein böser Mißgriff von Ihnen, lieber Freund. Ich hoffe, beim Herrn Staatsanwalt ein gutes Wort für Sie einlegen zu können. Denn schließlich erfüllen Sie nur Ihre Pflicht. Ich war ja selber bei den überfallenen Herren, und der Herr Staatsanwalt war auch mit. Er ging nur früher heim. Sonst hätte er alles selber mitgemacht‘ ... ‚Warten wir ab!‘ sagte ich darauf nur.“
„Haben Sie ihr vielleicht gesagt, weshalb Sie sie verhaftet haben?“
„Nein, kein Wort!“
„Das ist gut. Bleiben Sie im Nebenzimmer.“
Wenk bat noch andere Schutzleute herein. Dann kam der Redakteur. Er protestierte laut, es sei eine Vergewaltigung der Presse durch eine Behörde, was man ihm antue, und die Zeitung ...
„Wenn für Sie Ihre Zeitung dazu da ist, um den Lesern so rasch und kopflos unzusammenhängend, wie es Ihnen berichtet wird, stets als Klatsch das Allerneueste vorzuschwatzen, sei es ein Mord oder ein mit Unglück endigender Liebeshandel, nur weil es Klatsch ist ..., so haben Sie recht. Sie haben aber kein Recht, von vornherein einer Behörde, die dazu da ist, etwas ungleich Wichtigeres zu vollziehen als dumme Leute mit Klatschprimeurs zufriedenzustellen ...“
„Sie ...,“ stotterte erregt der Redakteur, „... versuchen die Presse zu knebeln. Wir leben nicht mehr im alten System. Der Landtag wird ...“
„Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dem Landtag zu befassen. Wollen Sie mir bitte den Brief geben, von dem Sie telephonierten!“
„Ich bedaure,“ sagte der Redakteur, jetzt mit sieghafter Schlauheit. „Das ist Redaktionsgeheimnis.“
„Verzeihen Sie, Herr Grube, Sie sind ein Narr. Ich achte jedes Redaktionsgeheimnis, das die Interessen einer Allgemeinheit schützt. Die Weigerung, diesen Brief herzugeben, verletzt sie aber nur. Bevor ich Ihnen nun dieses Redaktionsgeheimnis mit Gewalt aus der Tasche nehmen lasse, indem ich Sie auf die strafrechtlichen Folgen Ihres Widerstandes aufmerksam mache, sage ich Ihnen, daß dieser Brief das einzige Material ist, das uns bis jetzt über eine ungeheuer gefährliche Mordgeschichte zur Verfügung steht. Vielleicht nehmen Sie dann Vernunft an und verbocken sich nicht länger hinter einer Berufspflicht, die ich, wie gesagt, anerkenne, aber sehr weit hinter die Interessen einordne, die mich beschäftigen.“
Grube wurde unsicher. Schließlich langte er das Papier heraus und stammelte dazu: „Unter Protest ...“
„Haben Sie noch etwas von dem Mann gesehen, der es brachte? Etwas erkannt an ihm?“
„Es fiel nur wenig Licht aus meinem Fenster auf die Straße. Ich glaubte bloß zu sehen, daß er gut gekleidet war. Jedenfalls trug er einen Zylinderhut. Eine Zeit, nachdem er in der Straße verschwunden war, hörte ich in der Richtung, in der er sich entfernt hatte, ein Auto davonfahren. Ich nehme an, daß es das seinige war.“
„Herr Grube, Sie sind so freundlich und lassen mir diesen Brief. Sie werden in einem der aufregendsten Prozesse der letzten Jahre ein Hauptzeuge sein. Ich bitte Sie um Ihr Ehrenwort, vollkommenes Schweigen über den Brief und alles, was mit ihm zusammenhängt, zu bewahren.“
Grube, nun gefügig unter den Schauern, die ihn überrannen, entflammt für die Sache, gegen die er sich gerade aufgelehnt hatte, sagte laut: „Sie haben es! Ich steh’ ganz zu Ihrer Verfügung. Das ist etwas anderes!“
„Mein Auto wird Sie zurückbringen. Bitte hinterlassen Sie Ihrem Herrn Chefredakteur, daß ich ihn zu sprechen wünsche, sobald er mir zur Verfügung stehen kann.“
Der Redakteur ging.