VIII

Wenk blieb allein. Er war innerlich ganz kühl. Er hatte vermocht, alles, was das Verbrechen an Schrecken und Grauen erregender menschlicher Anteilnahme in ihm aufgewühlt, ruhig zu unterdrücken.

Den Beweggrund des Mordes kannte er. Es war nicht Rache, sondern etwas viel Gefährlicheres und viel Böseres. Es war Terror! Das verriet ihm der Brief an die Zeitung, der den Mord über die Polizei hinweg bekanntmachen sollte. Es war Terror gegen die alle, die sich als Opfer des Spielglücks jenes blondbärtigen Mannes fühlten.

Wieviel durfte dieser Spieler wagen, daß er selber sein Verbrechen der Zeitung mitteilte, damit es so wirkte, wie er es haben wollte? Wieviel Menschen hatte er im Sold, um ein Verbrechenauf diese weit vorbereitete große Art ausführen zu können? Was waren das für Menschen? Was für Beispiele gab er den Phantasien jener Menschen, die noch unentschieden zwischen Gut und Böse sich hielten? Was für Zuläufer mochte das Bekanntwerden der Tat ihm wieder sichern?

Hull war tot, weil er ihm, dem Staatsanwalt, das Erlebnis mit dem Wechsel erzählt hatte und weil der falsche Herr Balling ein Beispiel aufstellen wollte, wie es denen erginge, die sich gegen ihn richteten. Vielleicht, ja wahrscheinlich war der Anschlag auch mit auf ihn geplant gewesen, und er war nur gerettet worden, weil sein Unwille ihn aus jenem Hause davongetrieben hatte.

Nun war es vielleicht unmöglich, aus taktischen Gründen unmöglich, das Haus „Fort“ schließen zu lassen ... Es mußte, wie so viele seinesgleichen, als Falle geduldet werden.

Und die Carozza? Werde ich sie zum Verraten bringen können, wem sie als Treiberin gedient hat? Was? ... Wen verraten? ... Und habe ich ihn dann, wenn ich schon einen Namen und vielleicht eine Hausnummer weiß? Kenne ich seine Geheimnisse? Seine Vorsichtsmaßregeln gegen mich?

Ich werde noch nicht zur Carozza gehen. Ich werde sie in Haft setzen lassen, sie warten lassen ... Dann sieht sie, daß sie sich keines Guten zu versehen hat. Sie ist lasterhaft, verweichlicht ... Vielleicht macht sie das von selber mürb?

Aber zuletzt entschloß sich Wenk doch anders. Nein! sagte er, ganz das Gegenteil werde ich machen. Ich werde sie durch Anteilnahme einschläfern. Sie ist schlau, aber sie gehört zum Theater. Je mehr es mir gelingt, die genauen Ränder der Ereignisse, die zu ihrer Verhaftung führten, in vor Teilnahme triefenden Reden verschwimmen zu machen, um so unbedachter geht sie mir zu.

Da fuhr er gleich zur Wache. Sie saß auf einem Stuhl in einer Nebenkammer.

Wenk stürzte auf sie zu: „Aber Fräulein ... Fräulein, was hat man mit Ihnen gemacht? Erst jetzt telephoniert man mir, was geschehen ist. Es ist gut, daß Sie an mich gedacht haben!“

„O, Herr Staatsanwalt, Engel, der in meinen Kerker Lichtbringt! Verlassen wir diesen Raum! Gleich! Keine Minute kann ich länger hier atmen! Furchtbar!“

Sie zog voran gegen die Tür ...

„Ja, nun muß ich Ihnen allerdings die Enttäuschung bereiten, die ich gefürchtet habe. Wir leben in einem Staat, liebes Fräulein. Jeder Staat ist grausam. Da gibt es Beamte, jeder für seinen kleinen Kreis und darf darüber hinaus nicht verfügen. Ich bin Staatsanwalt. Aber der Staatsanwalt ist nur da, um anzuklagen, und nicht, um Unschuldige zu befreien.“

„Und dann?“ fragte die Carozza auf einmal hart.

Der Ton dieser Stimme warnte Wenk. Er wurde schichtweise sachlicher. „Ihr Fall hängt nämlich vorerst nicht von mir ab, sondern vom Untersuchungsrichter. Ein Verhör durch ihn müssen Sie sich schon noch gefallen lassen. Das ist peinlich. Aber die Verkettung der Umstände ist schuld daran.“

„Und Sie?“ fragte die Carozza.

„Ja, ich? Ich kann nichts anderes tun, als dem Richter sagen, daß wir alte Bekannte sind und daß ich Sie der Teilnahme an einem solchen Verbrechen nicht für fähig halte.“

„Weshalb kamen Sie denn her? Sie sind ja der Untersuchungsrichter nicht.“

Da merkte Wenk, daß sie ihn durchschaut hatte. Er wußte damit wohl, daß sie ihm entglitten sei, aber wußte zugleich auch: Sie ist schuldig!

„Ich komme her wegen eines kleinen Umstandes. Ich will Ihnen helfen,“ sagte er rasch. „Sie haben dem Beamten Widerstand geleistet?“

„Welche Frau läßt sich widerstandslos von Rüpeln von Polizeihunden anfallen?“

„Ja, gewiß, die Lage war an vielem schuld, daß Sie sich unbesonnen benahmen und die Beamten zu ihrem Vorgehen zwangen.“

„Ich bin eine bekannte Künstlerin. Mein Name hätte ihnen Gewähr geben sollen!“

„Haben Sie denn den Beamten Ihren Namen genannt?“

„Jawohl! Jawohl! Sofort!“

„Das haben die mir merkwürdigerweise nicht gesagt. Sie nannten mir einen anderen Namen, den Sie gerufen hätten!“

Da sah Wenk, wie die Carozza ihn mit einem raschen, im Haß noch prüfenden Blick bewarf. Sie schaute gleich wieder fort und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf ihre Knie.

„O, einen anderen Namen! Merkwürdig! Mein Name ist doch bekannt genug! Umworben genug! Was wäre das für ein sonderbarer anderer Name gewesen?“

„Der Beamte nannte den Namen Georg.“

Es ging nichts vor im Gesicht der Frau, als Wenk das sagte. „So hat er schlecht gehört. Ich heiße, wie Ihnen bekannt ist, nicht Georg!“ sagte sie gleichgültig.

„Es hat aber auch ein zweiter Beamter diesen Namen aus Ihrem Munde gehört. Das ist es ja!“

„Sonderbar!“ sagte nach einer Weile des Nachdenkens die Carozza. „Mein Mann hieß Georg! Sollte ich in der Aufregung ...“

„Nun, dann ist ja alles klar. Das ist begreiflich. Nur wußte niemand, daß Sie verheiratet waren.“

„Sind!“

„Noch sind! Ja,das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten benachrichtigen? Oder haben Sie vielleicht keine Beziehungen mehr zu ihm?“

„Doch! Seine Adresse ist Frankfurt am Main, Eschenheimer Landstraße 234 ... Georg Strümpfli heißt er.“

„Es wird ihm peinlich sein. Fürchten Sie keine Schwierigkeiten, weil durch das Ereignis ja nun Ihr Name, geknüpft an den des ermordeten Hull, in die Öffentlichkeit kommt?“

Da riß die Carozza den Mund auf. Sie fiel auf den Stuhl zurück. Sie rief: „Ermordet ... Hull ...,“ und sank dann vom Stuhl auf den Boden.

Wenk war Augenblicke unsicher. Er entschloß sich dann aber, diesen Anfall nicht zu glauben. Er hob sie auf das Lager. Dann ging er, ohne sich noch um sie zu kümmern. Er befahl den Beamten, scharf auf die Dame aufzupassen und vor allem niemandenzu ihr, ja nicht einmal in die Wachtstube zu lassen. Die Waffen seien schußbereit zu halten.

Er fuhr zur Polizeidirektion zurück, verständigte den Polizeiarzt und bat ihn, gleich hinzufahren und der Kranken in unauffälliger Weise auch die Kleider untersuchen zu lassen. Darauf schrieb er einen Haftbefehl für sie aus und gab ihn weiter. Er benachrichtigte noch das Informationsbureau der Polizeidirektion, jeden Journalisten, der etwa über den Fall Nachrichten erbitten komme, zu ihm zu senden, aber selber nichts zu sagen.

Es war Tag geworden. Wenk nahm ein Bad und fuhr dann in die Redaktion der Anzeigen. Der Chefredakteur hatte ihn antelephoniert.

Nachdem Wenk ihm erzählt hatte, was vorgefallen war, sagte er: „Was mich ermutigt hat, Ihre Zeit etwas zu beanspruchen, ist nun folgendes: Wenn es ein einzelner Mord wäre, würde ich der Berichterstattung meinetwegen, wenn auch ungern, freien Lauf lassen. Aber hinter diesem Überfall steht eine Gesellschaft, an ihrer Spitze ein Mann von scheinbar starken, vielseitigen Kräften. Er muß um sein verbrecherisches Leben eine ganze Organisation geschaffen haben, die allein den Zweck hat, es zu beschützen. Der Brief, den er vielleicht selber in Ihren Kasten geworfen hat, verrät, daß er darauf hielt, den Mord selber in einer seinen Zwecken passenden Form bekanntzugeben. Damit will er warnen. Das Opfer hat mir nämlich früher erzählt, daß es mit ihm in einer eigenartigen Weise zusammengetroffen sei. Er wußte das! Er will um seine Tätigkeit im Dunkeln eine Mauer des Terrors aufbauen. Man soll wissen, daß kein Leben sicher ist, das sich an seines wagt. Sie begreifen, eine wie schwere Gefahr solch ein Mensch in einer Zeit ist, die, erweicht und zerknetet einerseits und anderseits in allen bösen Instinkten gesteigert, wie sie der Krieg zurückließ, jeder Ansteckung zugänglich ist. Ganz können wir das Ereignis nicht unterdrücken. Ich möchte mich aber bemühen, es außerhalb seines Zusammenhangs, der mir bekannt ist, der Öffentlichkeit zu übergeben, damit die Phantasien nicht aus Mördern Volkshelden machen. Dabei bin ich auf Ihre und Ihrer KollegenMithilfe angewiesen. Darf ich Sie bitten, aufs strengste darüber zu wachen, daß keine Nachrichten über den Fall Hull veröffentlicht werden, die nicht durch meine Hände gingen? Wir sind in einer Zeit geistiger und seelischer Epidemien. Jeder, dem es um das Wohl des Ganzen zu tun ist, muß sich opfern.“

„Gewiß!“ sagte der Chefredakteur.

„Ich möchte um nichts in der Welt dabei den Eindruck erwecken, als ob dieses Vorgehen von der Besserwisserei oder dem Allmachtsgefühl eines Gerichtsbeamten erwartet werde. Nichts liegt mir ferner!“

„Ich bin auf dem laufenden,“ antwortete der freundliche Redakteur.

„So danke ich Ihnen und wünsche uns beiden fruchtbare Zusammenarbeit. Unser Volk ist in schwerer Lage.“

Wenk wollte sich zu Bett legen, als er heimkam, und einige Stunden ruhen. Es war zehn Uhr geworden. Da brachte sein Chauffeur, der zugleich als Diener waltete, eine Visitenkarte: Gräfin Dusy Told.

„Bitte, bitte!“ rief Wenk lebhaft und ließ die Gräfin eintreten.

„Hier wird uns zum Gegenstück doch nicht etwa eine besorgte Gattin stören, die für unsere Veranlagung nicht das nötige Verständnis hat?“ sagte sie, indem sie Wenk die schlanke Hand herzlich hinhielt.

„Das Glück einer Genossin ist mir nicht beschieden worden!“ antwortete Wenk und empfand mit einer betörenden Süße die Nähe der Frau. Und dennoch stand sie vor ihm, wie etwas, das traumhaft in einem andern Leben lag, das er früher einmal geführt zu haben schien. Jetzt, hinter den Ereignissen der Nacht, fehlte ihm der Mut, an die Gefühle der Liebe und des Begehrens als an etwas Wirkliches zu denken.

Die Frau stand vor ihm. Er fand kein Wort für sie, und sie selber, in deren Gedanken die Tatkraft des Mannes und der Flug seiner Seele nach großen Dingen weitergewirkt hatten, wurde vor diesem Schweigen verlegen, weil es ihr wie eine Bestätigung eigner Empfindungen vorkam. Ja, sagte es in ihr, gewiß, wasich für ihn jetzt fühle, ist ... Aber sie drückte sich an dem Wort Liebe vorbei. Sie errötete darob. Wenk sah es. Ein Schauer ging durch ihn. Er kämpfte mit sich. Er beugte sich auf ihre Hand nieder.

Aber da stand auf einmal die Leiche des Ermordeten aus seinen Gefühlen auf, und er war nicht mehr so kühn, in einem Wort oder einer Gebärde die betörte Benommenheit seines Herzens mitzuteilen. Er bot der Gräfin einen Sessel an, und während er selber sich einen zweiten holte, kam ihm ein Einfall, der wie eine Errettung aus dem Zwiespalt mit einemmal seine ganze Vorstellungskraft überschwemmte: Er wollte diese Frau, die er liebte, und der er nicht gleichgültig war, seinem Unternehmen verknüpfen, und aus gemeinsamem Werk mochte ihnen die Ernte reifen.

Da sagte er ihr: „Diese Nacht ist ein gemeinsamer Bekannter von uns, Hull, ermordet worden. Karstens ist schwer verletzt. Ich entging, weil ich zufällig zwei Stunden früher das neue Lokal verlassen hatte, in das wir gelockt worden waren. Den Anstifter glaube ich zu kennen. Es ist wieder der blondbärtige Spieler und alte Professor. Die Täter entkamen spurlos, aber wir haben eine sonderbare Verhaftung vorgenommen, die eine Ihnen ebenfalls bekannte Dame betrifft. Es ist die Carozza. Sie wissen von ihrem Verhältnis zu Hull. Ich habe allerdings kaum mehr als Gefühlsbeweise für ihre Schuld. Aber ich wüßte ein Mittel, ihr die Zunge zu lösen: wenn Sie, Frau Gräfin, das Wagnis unternähmen, sich ebenfalls verhaften zu lassen, so trüge ich Sorge dafür, daß Sie mit der Carozza in einer Zelle untergebracht würden. Sie kennt Sie nicht als Gräfin Told, sondern als eine Dame aus ihren eignen Kreisen. Stellen Sie Ihr Vergehen als geringfügig hin, daß Sie bald wieder herauskämen, selbst wenn Sie wegen Teilnahme an verbotenem Spiel verurteilt werden müßten ... Versprechen Sie ihr zu helfen ... bei einer Flucht etwa ... Vorher müßten Sie ihr weis gemacht haben, daß die Lage der Carozza sehr gefährdet sei. Vielleicht Verhaftungen in derselben Sache erfinden ... Sie wird Ihnen dann wahrscheinlich sagen, wer für ihre Flucht mobil zu machen sei. Sie verstehen, Frau Gräfin. Und wir können denVerbrecher unschädlich machen. Ist das nicht ein geradezu tolles Ansinnen?“

„Ich erfülle Ihren Wunsch!“ antwortete, ohne sich zu besinnen, die Gräfin. Ihre Stimme klang wie heißgelaufen. Wenk war ängstlich berührt von der Heftigkeit, von der hektischen Hingabe, mit der diese schöne, vornehme Dame seinen Einfall hinnahm.

„Mir hat das ja gerade gefehlt,“ sagte mit leisem Ton die Frau, „etwas zu tun, nützlich zu sein, in einem kühnen Werk der Einsatz des Lebens, um das Leben zu spüren.“

„Und das haben Sie in den Spielräumen gesucht?“ sagte er.

„Ich weiß es nicht genau. Ich fühlte mich wohl in dieser Gesellschaft, weil ich keinen Rand sah. In meinem Kreis sah ich über alle Horizonte. Ich hielt das nicht aus. Ich bin Ihnen dankbar ...“

Wenk wurde es heiß in den Augen. Ein Verlangen ergriff ihn, es quälte ihn, er quälte sich selber mit ihm, und fast brutal fragte er: „Und Ihr Mann?“

Die Frau antwortete mild: „In jeder Ehe, das wissen Sie nicht aus Erfahrung, bleibt etwas unerfüllt von dem, was das Herz erwartet hat. Ich nehme meinem Mann nichts, wenn ich versuche, dieses Fehlende ohne ihn zu finden.“

„Ich verehre Sie!“ sagte Wenk. Ein leises Zittern ging durch seine Stimme.

„Nein,“ wehrte die Gräfin ab, „es ist Gesetz. Es ist natürlich. Und nun sagen Sie mir, was ich zu tun habe.“

„Ich werde Sie an einem Tag, den Sie bestimmen, mit meinem Auto zum Gefängnisdirektor bringen, und wir werden mit ihm alles vereinbaren. Wann paßt es Ihnen?“

„Am nächsten Samstag um diese Stunde.“ Sie erhob sich.

„Die grauen Mauern des Gefängnisses werden zu leuchten beginnen!“ sagte Wenk.

„Vor soviel Abenteuerei!“ lachte die Gräfin.

„Nein, Gnädigste, vor Ihrer Schönheit!“

Und es war Wenk auf einmal, als liebte er sie mit einer Leidenschaft, die wie eine Flamme aus seinen Augen schlug, unsichtbar. Er beugte sich so tief über ihre Hand, daß er sein Gesicht verbarg.Sie drückte ihre Hand mit einer heißen, freien Regung sanft an sein Gesicht an zum Eingeständnis heimlicher Übereinstimmung und huschte davon.

Draußen auf der Straße schoß ihr alles Blut zu Kopf. Sie sagte halblaut das Wort vor sich hin, das sie oben unterdrückt hatte: „Liebe ... Liebe ...“

Im Zimmer Wenks blieb ihr Duft. Wenk sog ihn ein. Dann hob er beide Hände vor sein Gesicht, und von einem Geheimnis und von Ahnungen dumpf dahin geführt, flüsterte er inbrünstig in die Dunkelheit hinein, die er so vor seine Augen legte: „Mord und Liebe! ... Mord und Liebe! ...“

*

Im Verlauf des Tages stieg das Gerücht des Mordes durch die Stadt. Es wand sich aus der trüben Ecke, wo Hull sein wertloses kleines Leben gelassen hatte. Es war ein dunkler Fleck geblieben. Das Pflaster war finster vom verwaschenen Blut gefärbt. Tauwetter hatte die Bodenrinne zwischen den Pflastersteinen weich und erdig gemacht. Die Erdkrumen hatten das Blut gierig zurückgesogen. Sie hatten sich daran berauscht. Und aus dem Rausch des handgroßen Erdflecks stieg das Scheusal auf, wand sich aus dem engen Winkel davon und errichtete sich durch die ganze Stadt.

Es kamen Menschen, seine Geburtsstelle zu sehen, und tranken an der Quelle von den Schauern der Tat. Sie sahen das Ungeheuer aufstreben. Ihre Herzen sträubten sich vor dem Unwesen. Es trampfte zwischen ihnen durch, durch sie hindurch wie durch einen Nebel, körperlos ... eiskalter, flüssiger Geist. Es ward ein Lindwurm und ringelte durch die Gassen in die breite Ludwigstraße, rannte über die Plätze ins Herz der Stadt hinein, begann zu fließen nach allen Richtungen, durch die Straßen in die Häuser.

Es rann wie eine dunkle Kloake. Es rann tagelang. Sein dumpfer, feuchtheißer Geruch von Auflösung ließ Angst in die Menschenporen dämpfen oder riß eine Kraft, die keinen guten Weg finden konnte, nach dem Bösen.

In einer Vorstadtstraße wurde in der dritten Nacht später eine Dirne ermordet. Man fing den Mörder am nächsten Tag. Es war ein Arbeitsloser, eine aus dem Krieg übriggebliebene Phantasie, die in die Barbarei zurückgeirrt war. Er sagte, er habe nicht gewußt, was er tat, als er dem Mädchen die Hände an die Gurgel drückte. Es sei aus der finstern Straße etwas über ihn geflossen, es sei um die Ecke gekommen aus der Jägerstraße ... und das hätte ihn gezwungen.

Ein Föhn durchfraß vom Gebirge her die Stadt. Er war weich und leidenschaftlich wie ein Menschenherz. Er brüllte den Frühling hinter sich her. Alle Lichter waren grell. Alle Schatten waren von einer wilden, jähzornigen Schwärze. Alle Herzen in zwei Farben gespalten.

Um vier Uhr kam von Frankfurt ein telephonisches Gespräch: „Georg Strümpfli, Artist, geboren 1885 in Basel, hat an der mitgeteilten Adresse gewohnt vom 1. Januar bis 10. Dezember des vergangenen Jahres. Verzogen nach dem Ausland. Aufenthaltsort unbekannt. Eingetragen als verheiratet. Nationalität Schweizer.“

Vom Einwohneramt wurde Wenk berichtet, die Carozza sei unter folgenden Angaben angemeldet: „Maria Strümpfli, geb. Essert, genannt Cara Carozza, Tänzerin, geboren in Brünn am 1. Mai 1892. Nach München verzogen von Kopenhagen.“

Wenk sann nach, woher die Aussprache Georch für Georg kommen könne. Beide waren süddeutscher Sprache. Georch sagte man in Norddeutschland.

Wenk suchte die Carozza nochmals auf. Sie war jetzt im Gefängnis. „Ich will nichts von Ihnen wissen,“ sagte sie schroff zu Wenk. „Sie wollen mir helfen und bringen mich ins Gefängnis.“

„Nicht ich! Das ist ein Irrtum. Der Untersuchungsrichter, wie ich Ihnen gleich sagte. Ich komme auch nur, um Sie überetwas aufzuklären. Was Ihnen die ganze Schwierigkeit bereitet, ist der Name, den Sie gerufen haben. Darüber streitet man jetzt.“

„So. Sie scheinen Sorgen zu haben beim Gericht.“

„Ha, das haben wir allerdings. Wenn Sie bereit wären, sie zu zerstreuen, könnten Sie uns und sich helfen. Sie sagten, Ihr Mann heiße ... Karl, nicht wahr, Karl Strümpfli?“

„Und wenn Sie es nochmals vergessen, er heißt Georg!“

„Er ist Schweizer?“

„Sie haben sich erkundigt, wie ich merke.“

„Gewiß. Also, er heißt Georg. Sagen Sie, es ist in Ihren Augen vielleicht eine dumme Frage: hatten Sie einen besonderen Namen für ihn?“

„Nein!“

„Nannten Sie ihn nie anders als ...?“

„Nein, nur Georg! Wann kann ich hier fort?“

„Das hängt vom Untersuchungsrichter ab.“

„So soll der Herr endlich kommen. Es ist unwürdig für eine angesehene Künstlerin wie mich ...“

„Das hat leider alles seinen vorgeschriebenen Gang. Ohne Anbetracht der Persönlichkeit, wie die Formel lautet. Mehr als meine Hilfe kann ich Ihnen nicht versprechen.“

„Sie gehen wieder? Ohne mich?“

„Mehr kann ich vorerst nicht tun,“ sagte Wenk.

Die Carozza wandte sich ab.

Wenk begab sich an den Tatort. Er hatte zu Hause die Einwohnerlisten der Häuser durchstudiert, die an die Stelle stießen, an der der Überfall vorgekommen war. Besonders genau die Finkenstraße. Er nahm zwei Geheimpolizisten mit, darunter den Beamten, der die Täter bis an die Mauer verfolgt hatte.

Er untersuchte die Mauer bei Tageslicht. Sie zeigte Kratzspuren von Schuhspitzen, und ganz oben war ein Blutfleck. Es mochte sein, daß einer hochgehoben wurde, der dort erst die Mauer mit den Händen berührte. Aus dem Fleck leuchtete das Blut des ermordeten Hull in den prallen Februartag.

Wenk ging in die Häuser. Mehrere führten, wie er sah, nach hinten auf den Park. Er sprach mit jedem einzelnen der Bewohner dieser Häuser. Einige hatten Lärm in der Nacht gehört. Aber sie hatten sich nicht darum gekümmert, weil es das jetzt immer gab.

„Und in den Häusern selber?“ fragte Wenk. „Haben Sie da nichts gehört?“

„Nein, da hatte niemand etwas gehört.“

Wenk ging auf die andere Seite der Mauer in den Park. Es war nichts zu sehen als an einer Stelle Spuren von vielen Füßen. Da waren sie scheinbar abgesprungen. Man sah das an den Eindrücken, die ziemlich tief waren. Aber die Spuren waren mit einer Hacke verwischt, und es war Karbol darüber gegossen worden. Ein Blechgefäß lag da, das, wie der Geruch verriet, das Karbol enthalten hatte.

Diese Vorsicht war zweifellos gegen die Polizeihunde gerichtet. Das Karbol mochte vorher hingestellt worden sein. Aber ganz verstand er es nicht.

Er wollte es trotzdem versuchen und ließ einen der Hunde holen. Der Hund nahm die Fährte in der Jägerstraße auf, rannte an die Mauer und sprang an ihr hoch. Als man ihn aber an die andere Seite hob, ging er nicht weiter. Er wandte die Nase entsetzt von dem Karbolgeruch ab, lief die Mauer entlang und wieder zurück und wieder entlang, immer in derselben Richtung, aber immer unentschlossen. Er versuchte hochzuspringen.

Wenk ließ ihn wieder hinüberheben. Aber wie der Hund auf dem Scheitel der Mauer abgesetzt wurde, um von dem jenseits aufgestellten Beamten herübergehoben zu werden, entriß er sich der haltenden Hand und rannte ungebärdig bellend oben auf der Mauer davon. Er lief nicht weit. Er blieb an einer Mauerstelle stehen und bellte in den Hof eines Hauses hinab, tief den Kopf bückend, und versuchte hinabzuspringen.

Auf einmal war er unten und lief auf das Haus zu, blieb dann aber an der Hauswand stehen.

Diese Hauswand untersuchte Wenk genau. Er fand verkratzte Stellen an ihr, die in regelmäßigen Abständen nach oben gingen.Hier waren Leute zweifellos mit einer Strickleiter emporgeklettert. Die Spuren führten an ein Fenster im ersten Stockwerk.

Die Wohnung, zu der das Fenster gehörte, war leer. Er fragte im Haus, seit wann sie nicht mehr bewohnt sei?

Da waren alle erstaunt; denn sie glaubten, sie sei bewohnt. Einer sagte: „Da wohnt doch der Georch drin!“

Wenks Herz machte einen heftigen Schlag.

„Wer?“ fragte er rasch. „Wie hieß er?“

Er hörte nochmals: „Georch!“

„Kannten Sie ihn auch?“ fragte er eine Frau.

„Ja natürlich, den Georch!“

„War das sein Familienname?“

„Das weiß ich nicht!“

Das wußte niemand.

„Von wem wurde er denn so genannt?“

„Von den Burschen, die immer zu ihm kamen!“

„Also Georg hieß er,“ prüfte Wenk, um ganz sicher zu sein.

„Nein, Georch wurde er genannt,“ sagte einer.

„Hat er lange da gewohnt?“

Das wußte genau niemand. Einige meinten, ein Jahr wohl. Aber er war fast nie zu Hause.

Er ließ sich den Mann beschreiben. Da geschah etwas Merkwürdiges. Schon über die Haarfarbe begannen die Leute zu streiten. Der eine gab ihm blaue Augen, der andere dunkle. Er war ein bißchen lang und mager und gekleidet wie ein Matrose. Er sah auch ein wenig aus wie ein Athlet. „Was war er denn? Was machte er?“

„Geschäftsreisender soll er gewesen sein!“

Es war sonderbar, dieser Georch war nicht in dem Haus angemeldet. Auf Wenks Liste stand er nicht.

Wenk fuhr ins Meldeamt und stellte dort mit Hilfe des Vorstehers fest, daß ein Bewohner des Hauses Georg Hinrichsen geheißen habe, gebürtig aus der Elbegegend. Daß er aber die Wohnung vor vier Wochen verlassen und sich nach Ravensburg abgemeldet habe. Die Wohnung war dann von einem Geschäftsreisenden bezogen worden, der sich Poldringer nannte.

Es war Wenk klar, daß Hinrichsen und der Geschäftsreisende dieselbe Person waren. Vier Wochen waren es her, daß Hull die Unterhaltung mit Wenk gehabt hatte. Und Hinrichsen und Poldringer waren dieselbe Persönlichkeit und auch der Mörder oder wenigstens der Anführer der Mörder Hulls. Denn die Carozza hatte nach ihm um Hilfe gerufen.

Vielleicht stimmte die Richtung der Abreise Hinrichsens wenigstens. Der Bodensee lag in der Nähe von Ravensburg. Die Schweiz war erreichbar.

Wenk telegraphierte nach den Hauptorten am Bodensee, insbesondere an die Paßstellen.

Einige Stunden später rief Konstanz die Polizeidirektion an, ein Mann namens Poldringer habe sich hier angemeldet. Als Staatsangehörigkeit habe er Bayern angegeben, was dem Meldebeamten aufgefallen sei, weil der Mann einen ganz ausgesprochenen norddeutschen Dialekt redete. Die Polizei habe ihn deshalb beobachtet. Sie habe dabei festgestellt, daß er in den Kreisen der Leute verkehre, die im Verdacht stehen, Waren über die Schweizer Grenze zu schieben und zu schmuggeln. Er fahre öfter mit dem Lindauer Dampfboot. „Erwarten Sie mich bitte noch heute in Konstanz,“ sagte Wenk zurück. „Schluß!“

Wenk machte sich gleich reisefertig. Er konnte vor der Nacht noch in Konstanz sein, wenn der kleine Schnellflieger seines Freundes, der ihm stets zur Verfügung stand, flugbereit war. Er telephonierte ihm.

Ja, das Flugzeug war bereit.

Um vier Uhr flog Wenk ab. Mit der niedergehenden Dunkelheit landete er auf dem Petershausener Flugplatz bei Konstanz.

Die Polizei bezeichnete ihm die Lokale, in denen die Leute verkehrten. Er kleidete sich um und ging als Chauffeur in eine dieser Wirtschaften, um dort zu Nacht zu essen. Er redete jemanden, den er für geeignet hielt, an. Er habe zwei Autos an der Hand, sagte er, und könne sich auch eine Art von Ausfuhrbewilligung verschaffen, wenn die allerdings nicht so genau angesehen werde. Aber wenn er einen oder besser zwei kouragierte Männer mithätte,so ginge es. Es seien einige Zehntausende zu verdienen. Denn die Autos seien noch vom Herbst 1918 gekauft und so lange verborgen gehalten worden. Es seien Prachtwagen von zwei Generälen.

Der andere überlegte nicht lang. Er werde es einem Freund sagen. Zu dreien könnten sie die Sache machen.

Sie gingen später in ein anderes Haus. Da käme der Freund hin. Sie saßen lange da. Aber er kam nicht. „Wie heißt er?“ fragte Wenk. „Vielleicht kenne ich ihn?“

„Er nannte sich Ball. Aber vielleicht hieß er früher anders. Wir haben hier alle ein bißchen andere Namen ... hi-hi, du verstehst!“

„Ich verstehe,“ sagte Wenk.

Da wurde er blaß. Denn es kam ein Mann herein, in dem er den Chauffeur zu erkennen glaubte, der ihn im Gasauto nach Schleißheim geführt hatte. Es war alles auf dem Spiel. Wenks Maskierung war mangelhaft. Wenn nun der andere vielleicht der erwartete Ball wäre! Und er käme zu ihnen an den Tisch! Dann wäre es wahrscheinlich, daß er Wenk erkenne, und alles wäre aus.

Wenk wandte alle Kraft an, sich zu beherrschen, und versuchte durch Anziehen der Gesichtsmuskeln seine Züge zu entstellen. Er hatte sowieso von vornherein die Vorsicht gehabt, sich aus dem grellen Licht heraus in eine dunklere Ecke zu setzen.

Der andere ließ sich jedoch entfernt von ihm an einem großen Tisch nieder, an dem bereits eine Schar von jungen Burschen saß. Er kehrte Wenk wohl den Rücken, aber der Staatsanwalt wollte es nicht weiter wagen und verabredete auf morgen abend eine neue Zusammenkunft. Er ging rasch durch die Hintertür hinaus.

Er ging zur Polizei, sagte, wo er gewesen, und beschrieb den verdächtigen Mann. Der Kommissar holte einen Beamten. Der sagte, nach der Beschreibung scheine das der Poldringer zu sein.

„Können Sie mir Gewißheit darüber verschaffen? Noch in der Nacht? Nur bitte ich Sie vorsichtig zu sein, denn dieser Mann ist mit allen Wassern gewaschen!“ drängte und mahnte Wenk.

Dann gehe er lieber nicht hin, antwortete der Beamte. DieStadt sei klein und alle Angestellten der Polizei, selbst die, die nur in Zivil ausgehen, den Schiebern bekannt. Sein plötzliches Erscheinen könne Alarm geben.

„Ich muß mich dann gedulden. Sie wissen, wo er wohnt?“

„Ja!“

„So führen Sie mich gleich hin!“

Der Polizist brachte Wenk in eine Gasse, in der sich ein alter, schmutziger Gasthof befand, der sich nach hinten in viele Höfe verschachtelte. Wenk sah gleich, hier war ein Überfall schwer ohne großes Aufgebot an Mannschaften. Ein solches Aufgebot aber war in einer kleinen Stadt nicht rasch und geheim genug zu machen.

Gegenüber war das Lager einer Eisenhandlung. In diesem Lager verbrachte Wenk zusammen mit einem der Beamten, die Poldringer kannten, den nächsten Vormittag, hinter einem verstaubten Fenster verborgen.

Als um elf Uhr der Mann aus dem Gasthof kam, den Wenk für den Chauffeur des blondbärtigen Spielers hielt, stieß ihn der Beamte an und raunte ihm zu: „Das ist er, der Poldringer!“

Wenk sagte: „Es ist derselbe!“

Nachmittags war eine Zusammenkunft beim Kriminalkommissar. Wenk erklärte, es käme darauf an, nicht nur die eine Person, sondern lebend die ganze Gesellschaft auszuheben. Hier bestehe sozusagen nur die Unterabteilung des Münchener Generalkommandos. Und bevor man nicht den Leiter sicher in der Hand habe, sei es ziemlich wertlos, sich dieses Dutzend Angestellter zu sichern. Er rate, sich zuerst nicht durch die Belohnung von fünftausend Mark, die gegen seinen Willen ausgeschrieben worden sei, verlocken zu lassen, sondern, da man nun eines der Nester kenne, dieses gut zu überwachen. Das sei jetzt der sicherste Weg, an den Anführer der Bande zu gelangen. Nehme man jetzt den Chauffeur, so sei der Chef doppelt gewarnt. Und der sei eine der ganz großen Nummern der Kriminalgeschichte aus den letzten Jahrzehnten. Dann sei nicht nur Belohnung durch Geld, sondern Ruhm zu erwarten. Die Beamten versprachen das Ihrige zu tun.

Abends traf Wenk den jungen Mann, der die Autos schiebenhelfen wollte. Sein Freund sei verreist, sagte er. Die Geschäfte gingen nämlich so schlecht in der letzten Zeit. Die Schweiz sei übersättigt mit deutschen Waren, und die deutschen Behörden seien wieder etwas Meister geworden über den See. Man könne zum Hungern kommen. Aber er wisse, was er täte. Verhungern wolle er nicht. Und eher, als daß er sich durch Hunger aus dem Loch vertreiben lasse, verschreibe er seine Haut der Fremdenlegion. Da sei er wenigstens auch vor der deutschen Behörde sicher. Er könne in Ruhe fressen und in Freiheit sich erschießen lassen. Hier endigten doch alle im Kittchen!

Wenk fragte, wie er es denn anstelle, um in die Fremdenlegion zu kommen? „Das ist einfacher als jemals,“ antwortete er. „Vor dem Krieg mußte man nach Belfort reisen. Das ist nicht mehr nötig. Ich kann mich hier anwerben lassen!“

„Das läßt sich für den äußersten Fall merken,“ sagte Wenk. „Und bei welcher Adresse?“

„Da brauchste nur zum Gasthof ‚Zum schwarzen Stier‘ gehn und nach dem Poldringer fragen. Oder komm abends in die Wirtschaft, wo wir gestern waren. Da saß er. Er hat die janzen Küken an seim Tisch in’ Topf jekriegt! Ich überlegt es mir noch, sagt ich ihm. Wenn unsere Töff-Töff-Sache klappt, hab ich’s nich mehr so nötig. Aber nun ist der Ball nich aufzufinden. Der fingerte so wat jlänzend. Er wird sich wohl nach dem fettern Land drüben durchjeschlagen haben. Übrigens hat der Poldringer sich jestern abend nach dir erkundigt. Was? Du mußt auch ein Schwergewichtler sein. Er meinte, er kenne dir. Ich sagt ihm aber, du kämst von Basel. Du wolltest zwei Autos überschaffen. Dann sagt er: Dann ist er’s doch nicht, der aus München! Ich dacht mir, einer kann in München jewesen sein und ist jetzt doch in Basel, wat?“

„Ich war nie in München,“ sagte Wenk, „nein, er muß sich irren!“

„Ejal! Schieben wir nur unsere Autos jetzt, wat?! Sag, kannst du mir einen Jrünen zulangen, als Abschlagzahlung?“

„Fuffzig?“ fragte Wenk.

„Wenn es dir nich jenügt, kannste auch zwei losmachen!“

„Einer genügt mir völlig!“ Er gab ihm einen Schein aus der Westentasche.

„Du brauchst dich deiner Brieftasche nicht schämen, wenn sie auch en Loch hat!“ sagte der andere.

„Für fuffzig Mark aus meiner Brieftasche kaufst du dir nicht mehr als für fuffzig aus meiner Westentasche.“

„No is jut! Wo wohnste?“

„Im Barbarossa,“ sagte Wenk auf gut Glück.

„Kotznobel, aber wenn sie dir mal an die Hammelbeine wollen, da kommste nich durch, daß de’s weißt! Geh lieber in den ‚Schwarzen Stier‘. Da is man sich druff einjerichtet. Uffs Loslösen von die Jrünen! Spurlos, sag ich dir! Wie wechjeblasen, sag ich dir!“

Wenk flog am nächsten Morgen nach München zurück. Er fühlte sich reich. Die Reise, so hoch und von praller Kälte umstrudelt, gehoben von den raschen, glücklichen Erfolgen, stärkte sein Herz. Er zog an allen Leinen. Er hatte das ganze Geschirr in der Hand. Es lief auf ein großes Netz zu. Und er, der Fischer, war bereit und stark.

*

Eine Stunde, bevor Wenk hinter den blinden Fenstern des Eisenwarenlagers die Tür des „Schwarzen Stiers“ zu überwachen begann, flog folgendes Gespräch durch die Fernsprechdrähte von Konstanz nach München: „Hallo, holla, hier Doktor Dringer. Wer da?“

„Holla, hier Doktor Mabuse! Bitte!“

„Der Kranke scheint sich hier aufzuhalten. Ich bin mir noch nicht ganz gewiß, daß er’s war. Aber ich glaube ihn erkannt zu haben. Ich erbitte Anweisungen.“

„Das ist sonderbar! Gestern kurz vor vier Uhr wurde er mir noch in München gemeldet. Ganz zweifellos gemeldet. Um wieviel Uhr glauben Sie ihn gesehen zu haben, Herr Kollege?“

„Halb acht!“

„Der Schnellzug fährt erst um sieben und ist gegen elf in Lindau. Hätte er selbst ein Auto benützt, könnte er unmöglich um halb acht in Konstanz gewesen sein!“

„Es ist möglich, daß ich mich verschaut habe, aber wenig wahrscheinlich. Ich gebe die Möglichkeit, daß es der gesuchte Geistesgestörte war, nicht aus der Hand.“

„Nein, auf alle Fälle, forschen Sie weiter. Wenn Sie sicher sind, so wenden Sie sofort, verstehen Sie, Herr Kollege, sofort die sichersten Mittel an.“

„Die eiserne Zwangsjacke, Herr Kollege?“

„Jawohl! Sie wissen, er ist gemeingefährlich. Berichten Sie weiter. Was machen die Nervenkranken?“

„Sie sind bereit, ins Sanatorium einzutreten. Übermorgen reisen sie ab.“

„Danke! Schluß. Empfehlungen, Herr Kollege!“

Mabuse ging erregt einige Male durchs Zimmer. Wie war das möglich, daß der Staatsanwalt, der gestern um vier Uhr noch in München war, um halb acht in Konstanz gesehen wurde? Täuschte sich Georg nicht?

Er kleidete sich als Dienstmann um und begab sich in die Amandastraße, wo Wenk wohnte. Er klingelte an seiner Tür. Der Diener öffnete. „Ist der Herr Staatsanwalt zu Haus?“

„Nein, er ist verreist. Geben Sie her!“

„Ich soll aber persönlich ... Wann kommt er zurück?“

„Ich weiß nicht!“

„Ist er länger verreist, oder könnte ich vielleicht am Nachmittag den Brief abgeben?“

„Der Herr Staatsanwalt hat nichts hinterlassen.“

„Ho, ich kann mich wohl auch auf Sie verlassen,“ sagte dann der Dienstmann. „Sie geben den Brief ja so sicher ab wie ich, was?“

„Natürlich! Geben Sie her!“

Der Diener las rasch die Adresse. Aber sie lautete: An Herrn Staatsanwalt Dr. Müller. „Sie sind ja überhaupt falsch. Hier wohnt Herr Staatsanwalt von Wenk.“

„Ach der Herrgott! Da hat man mir eine falsche Nummer genannt. Ich sag’ ja immer: aufschreiben, Herrschaften. Jetzt heißt’s wieder, ich hab’s falsch behalten! Also, wo wohnt denn nun der Staatsanwalt?“

„Ich kenn’ ihn nicht!“

„Da ist nichts zu machen! Also wieder zurück! Adieu!“

Der falsche Dienstmann ging und wußte halb nur, was er wissen wollte.

Unterwegs aber wurde ihm Erleuchtung. Ja natürlich, sagte er sich, er ist im Flugzeug hingeflogen. Und ich weiß wohl, weshalb ...

Den Bruchteil eines Augenblicks wurde es ihm dunkel vor den Augen. So traf ihn diese Entdeckung. Er maß zum ersten Male seinen Gegner. Diese Mittel hatte noch niemand gegen ihn angewandt. Georg hatte die entlassenen Schmuggler noch nicht abgeschoben. Ob durch einen von ihnen die Reise nach Konstanz so hastig veranlaßt wurde? Hatte sein, Mabuses, Überwachungsdienst versagt? Es war jedenfalls gefährlicher als jemals zuvor. Denn es waren mehrere Agenten der Fremdenlegion entlarvt und verhaftet worden.

Wenn Wenk die ganze Gesellschaft einsperren läßt, kann einer so viel verraten, daß die Wellen bis an mich heranschlagen. Ich bin zum erstenmal nicht mehr sicher. Ich werde ihn beiseite schaffen ... Weshalb hat Georg ihn durchgehen lassen, sobald er nur im Zweifel war, es könnte der Staatsanwalt sein? Der Teufel hole die Menschlichkeit, mit der wir ihn in Schleißheim laufen ließen! Früher lebe ich nicht mehr, als bis er fort ist, bis er ausgetilgt ist!

Ich werde meine Flucht gleich vorbereiten. Ich werde über die Schweizer Grenze fliehen, wenn ich bis acht Uhr nicht weiß, ob Georg nicht verhaftet ist.

Wo hat ihn Georg gesehen? Wenn ich das wüßte! Darauf kommt alles an!

Ungeduld, friß mich! Ich habe Fieber vor Haß auf diesen Störer. Wenn ich mein Fürstentum Eitopomar nicht erreiche!

Dann ging Mabuse in seine Wohnung zurück. Er hatte ein Paket unter dem Arm für sich selber. Auf alle Fälle! Wenn sie vielleicht heimlich im Innern schon von der Polizei besetzt war, war er ein Dienstmann, der etwas abzugeben hatte. Es warenZigarren in dem Paket. Aber die Wohnung war leer, und rundum war alles unverdächtig.

An diesem Abend verließ Mabuse sein Haus nicht mehr. Es war sicherer, daß er vom Fenster aus selber sah, wer zu ihm kam, als daß in seiner Abwesenheit jemand eindrang und am Fenster auf ihn warten konnte. Er war doch für alles bereit!

Er verbrachte den Abend damit, seine Vermögensaufstellung zu überprüfen. Zu der Summe, die er zu brauchen berechnet hatte, fehlte ein halbes Jahr Arbeit noch in Deutschland. Dort kannte er das Terrain. Überall anderswo mußte er mindestens ein Jahr dransetzen, bevor er von neuem beginnen konnte. Seine Sprachkenntnisse hätten ihn sowieso nur auf ein angelsächsisches Land beschränkt.

Ein halbes Jahr. Er trommelte das in sein Hirn, sein Herz, sein Blut.

„Ich bleib’ es!“ sagte er laut in das einsame Zimmer, und es war ihm, als hörte er wie einen Hammer auf Eisen den Trotz durch sich pochen, der ihm diesen Entschluß eingab.

Er wurde am nächsten Morgen um halb acht dringend von Konstanz angerufen. „Doktor Dringer! Herr Kollege, ich muß mich geirrt haben. Nichts mehr zu sehen. Habe alles mobil gemacht. Die anderen Patienten sind zur Abreise vorbereitet.“

„Schade, Herr Kollege! Läuten Sie abends nochmals an!“

„Hund!“ knirschte Mabuse durch das Fenster in die Stadt hinaus, in der Wenk mit ihm wohnte. „Und wenn es nur für diese halbe Stunde der Unsicherheit wäre, so gehst du um die Ecke! Das erstemal ist es durch einen Zufall mißlungen. Das zweitemal wird es keinen Zufall mehr geben.“

Mabuse verließ das Haus und ging zu Fuß davon. Er begab sich in eines der modischen Hotels und fragte nach Herrn Generaldirektor Hungerbühler.

Jawohl, er sei da. Zimmer 115.

Als Mabuse in das Zimmer eintrat, ohne geklopft zu haben, war es leer. „Spoerri!“ rief er leise.

Da öffnete sich eine Schranktür, und Spoerri kam heraus.

„Wenk scheint in Konstanz zu sein. Georg hat es mir grade telephoniert. Aufpassen! Was macht die Carozza im Gefängnis?“

„Es wäre doch gut, wenn wir sie der Beseitigungskommission überwiesen! Ein toter Mund ist sicher!“

„Nein, habe ich gesagt. Ihr lebender ist mir sicherer als ihr toter,“ entgegnete Mabuse heftig.

„Ich habe auf alle Fälle Verbindungen mit einem Wärter begonnen.“

„Wozu?“

„Um sie herauszuholen, wenn sie leben bleiben soll!“

„Esel!“ rief Mabuse unterdrückt. „Ich sage: sie ist sicher, wo sie ist. Wenn man ihr mit den Eisenstäben der Gitter die Lippen aufbricht, redet sie nicht. Lassen Sie diese Dummheiten! Sie kommt heraus, wenn ich Europa verlasse, eher nicht! Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß ich für Wenk noch einen Monat Zeit lasse. So lang, damit sicher gearbeitet werden kann. Merken Sie sich das Datum. Keinen Tag länger!“ Dann ging er wieder, fast ohne Gruß.

Am nächsten Abend war Dr. Mabuse zu Geheimrat Wendel, dem Psychiater, eingeladen. Es sollte nach einem kleinen Nachtessen eine interessante Somnambule auftreten. Im Dämmerzustand weckte sie Erinnerungen in sich auf, die bis in ihre frühen Kindertage zurückreichten ... bis in eine Zeit, in der die Ausbildung des Hirns noch nicht so weit vorgeschritten ist, daß es über den Augenblick der körperlichen Erfordernisse hinaus empfindet oder aufzeichnet.

Mit dem Geheimrat war Mabuse durch einen Patienten bekannt geworden, durch eine Dame der Aristokratie, die an schweren nervösen Hemmungen litt, und die Mabuse durch eine hypnotische Behandlung geheilt hatte. In der Gesellschaft trafen sich nicht nur Gelehrte, sondern auch Schriftsteller, Künstler undKunstfreunde von Ruf, so wie es in den letzten Jahren in der wohlhabenden Gesellschaft Mode geworden war.

Mabuse hatte als Tischdame eine Frau, die er erstaunt, ja betroffen, kannte. Sie hatte bei seinen Helfershelfern in den Spielsälen den Spitznamen: die Unaktive! Es war die Gräfin Told.

Er widmete ihr den Abend über alle Aufmerksamkeiten, deren er fähig war, erzählte spannende, ungewöhnliche Erlebnisse von waghalsigen Reisen, von Tier- und Menschenjagden in fremden Weltteilen. Er sprach mit einer grimmigen Hingerissenheit, mit einer tierischen Wut, in seinen Erinnerungen die Kraft nachgenießend, die er veräußert hatte. Er fühlte, was diese Frau in die Spielsäle trieb, und es war ihm über dieser plötzlichen Entdeckung, als blute sein Herz. Als öffne sich in seinem Blut ein Spalt, eine Schlucht, die so tief war, daß nur zuckendes Menschenherz sie füllen konnte. Er jagte mit seiner Phantasie und seiner Sprache nach diesem Herzen wie in den Dschungeln nach Tigern, die Menschenblut aufgerissen und die Jäger zu tobender Blutlust entflammt hatten.

Diese Frau war das Herz, das er brauchte. Herrschsüchtiges Begehren schoß in sein Hirn und füllte es aus. Er wollte diese Frau für sich haben. Er sah durch ihre Augen, wie seine Erzählungen ihr Blut lockerten. Das wollte sie. Er verstand sie immer ungebärdiger und umfassender. Er malte ihr die fremde Natur, er warf sie ihr hin im Kampf mit seinem Willen, seinen Muskeln, seinem Geist. Und sie sollte glauben, die ganze fremde Natur, um die er so gewaltig kämpfte, sei sie.

Sie zitterte in seinen Worten. Sie erschwachte an ihnen. Eine Glut nach Anlehnung und Zärtlichkeit überfiel sie vor den Äußerungen dieser Männerkraft so stark, daß sie sich von seinen gewaltsamen Erzählungen, mit denen er sie an sich zu heften trachtete, wie ein Stück lebendiger, blutnasser Haut losriß, zu ihrem Mann ging und in einer flehenden, heftigen Bewegung mit ihrem ganzen Leib ihn berührte.

Mabuse sah es. Es ward rot vor seinen Augen aus seinem ganzen Blut herauf. Rot von Verlangen und Blutgier. Er ertrugnicht mehr, daß andere Blicke sich auf sie legten ... daß irgendeiner der fremden Männer sie ansprechen durfte ... Lippen sich über ihre Hand beugten ... Willen nach ihr angelten. Rot von Blutgier und Verlangen.

Er mußte fort. Er raste gleich im Auto nach Haus. Alle Sinne blieben bei der Frau zurück, und sich so von ihr entfernend, seinen Körper so von dem Blut losreißend, schrie er in der Fahrt, in der er, selber lenkend, die Straßen durchtoste, das Bild heraus, das in der Schlucht lag: „Mord und Verlangen! Mord und Verlangen!“

Zu Hause trank er, bis er nichts mehr sah als in den Kreisen, mit denen die Trunkenheit das Zimmer um ihn wirbeln ließ, ihr Herz. Es war von seiner Hand dem schönen Leib entrissen, blutete über seine Finger und zuckte in sein Hirn.

*

Für die Gräfin Told kam der Tag, an dem ihr Unternehmen im Gefängnis beginnen sollte. Sie begab sich zu Wenk. Er führte sie zu der Anstalt und besprach mit dem Direktor die Angelegenheit.

Bevor sie zur Zelle geführt wurde, fragte sie noch: „Auf wie lange?“

„So lange Sie wollen, Frau Gräfin,“ antwortete Wenk. „Immerhin hängt es von Ihrer Geschicklichkeit ab. Doch selbstverständlich genügt ein Wort, und Sie sind frei, auch wenn Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben.“

Sie sagte: „Zeit habe ich. Nur möchte ich am nächsten Montag zu einer Veranstaltung mir einen Ausgehtag erbitten.“

„Aber natürlich, das läßt sich sehr gut machen! Ich werde mir erlauben, Sie abzuholen. Etwas zu berichten werden Sie ja auch dann wohl schon haben!“

„Übrigens, Herr Doktor,“ sagte sie noch, „mein Mann ist auf dem laufenden. Und gelt, Sie besuchen ihn. Er leidet! Gelt?“

Wenk verbeugte sich.

Ein Wärter übernahm die Gräfin. Sie wandte sich lächelnd nochmals zurück.

„Gut Glück!“ rief Wenk. Dann verschwand sie in dem langen Flur.

*

Die Gräfin hatte das Haus des Geheimrats Wendel in einem Taumel verlassen. Der fremde Mann war auf einmal unsichtbar geworden. Aber die Berührung mit der Kraft seines Geistes hatte sich in sie eingebadet und verließ sie nicht mehr; diese Kraft, voll Geheimnis, drängte den Staatsanwalt von ihr zurück.

Es kam ihr vor, da sich die Zellentür vor ihr öffnete, als ginge sie nun in diese Kammer hinein, in diese fremde, kalte, weltabgeschiedene Kammer, wie in eine Zeit der Prüfung.

Sie sollte ihn am Montag wiedersehen. „Ich lade zu einem zweiten Abend meiner Somnambule am nächsten Montag auch Ihren Tischnachbar wieder ein,“ hatte der alte Geheimrat mit seinem gütig-skeptischen, anzüglichen Lächeln gesagt. „Er hat ja nachzuholen, da er unerwartet fort mußte. Die Somnambule hat er nicht gesehen, aber die wache Frau Gräfin Told!“

„Wohlan!“ hatte sie nur geantwortet, kameradschaftlich, sachlich, nicht verbergend, aber auch kein Eingeständnis.

Die Zellentür schloß sich hinter ihr. Vor ihr saß eine Gestalt auf einem Stuhl. Sie drehte sich nicht her. „Nun?“ knurrte sie wie ein Hund.

„Guten Tag!“ sagte die Gräfin.

Die Carozza wandte sich gemessen um. Erst als sie der Gräfin ihr Gesicht voll zukehrte, stieß diese einen kleinen Schrei aus, und mit einem gut gespielten Erstaunen rief sie die Carozza an, indem sie lebhaft zu ihr trat. „Fräulein, Sie! Wir kennen uns ja! Welch ein Zufall!“

Sie begann gleich zu plaudern, so als bemerkte sie die grimmige Laune der Carozza nicht. „Denken Sie sich, man hat uns ausgehoben, richtig ausgehoben! Bei Schramms! Das vornehmste Lokal. Ich sag’ Ihnen, Fräulein, ein Radau war das!Einer piepste, der andere wollte zum Fenster hinaus, die doch alle zugemauert sind! Sie wissen ja. Einer setzte sich hin und weinte: ‚Meine Frau, meine vier Kinder, ich bin entehrt!‘ Es war ein Durcheinander wie in einem Taubenhaus. Ich konnte mich nicht ausweisen, und da haben sie mich mitgenommen! Sagen Sie, was soll ich tun? Das ist doch nichts Böses, in ein Spiellokal zu gehen! Und gespielt hab’ ich ja auch noch nicht einmal!“

Aber die Carozza schaute sie nur böse an. „Sagen Sie etwas! Was haben Sie?“ bettelte die Gräfin.

„Ich hab’ das Bedürfnis, von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden. War der junge Herr mit dem blonden Vollbart auch dabei?“

„Der mit dem Basch, meinen Sie? Nein, der war nicht da. Der ist seitdem nicht wiedergekommen!“

„Und der alte Professor?“

„Nein, auch nicht!“

„Sie brauchen mir nichts weiter davon zu erzählen,“ sagte dann die Carozza barsch. „Es interessiert mich nicht. Die Welt interessiert mich nicht. Ich bin unglücklich! Ich bin verraten und verlassen worden. Nichts anderes interessiert mich mehr. Ich bin verloren. Daß Sie’s wissen! Ihnen sag’ ich’s! Sie gehören zu uns. Verloren, ganz verloren, sag’ ich Ihnen. Und verraten, daß man sich weniger um mich kümmert als um eine erfrorene Maus in einer Wiese. Die bösen Hunde! ... Die bösen Hunde! ...“

Die Carozza sprang von ihrem Schemel und faßte die Gräfin an der Schulter. „Sie waren mit uns. Ich schüttle es in Sie hinein,“ rief sie, immer ungebärdiger werdend, „daß nie jemand so verraten wurde wie ich. Und ich hatte es nicht nötig. Ich war eine Künstlerin. Ich war begehrt und dann so verraten und verlassen! Als sei ich ein räudiger Katzenbalg in einer Gosse!“

„Weshalb hat er sie verlassen?“ fragte die Gräfin. Sie fragte das so schüchtern. Sie kam sich vor wie ein kleines Mädchen neben dieser großen wilden Person ... Ja, er hat sie verlassen, dachte sie sich, ja freilich, verlassen für immer, und ihr grauste dabei. Denner ist ja tot. Sie wurde unsicher vor ihrem Unternehmen. „Er ist tot!“ sagte sie leise und schwingend.

„Wer?“ rief die Carozza.

„Ihr Freund ... Hull!“ zirpte die Gräfin wie ein Insektchen und begehrte an dem Schmerz des Mädchens teilzunehmen. Der Staatsanwalt begann in ihrer Phantasie zu unterliegen.

Aber da schrie die andere auf sie ein: „Ach was! Er ist nicht tot! Den ich meine, der lebt! Und ich sitze hier gefangen! Er steht da draußen in der Stadt, so groß wie ein Turm, wie ein Fels, sag’ ich dir! Du Rotznas’, was weißt du denn, was er war? Alles andere war blödes Getändel. Untreue ein Nebensächelchen! Hull? Tot? Was ist dümmer, kleiner, als daß Hull tot ist? Aber der andere, der lebt und lebt frei da draußen, wo Liebe ist, wo Licht ist, wo Leben ist ... Wo er mich zu seinen Füßen dulden könnte ... vielleicht ... wie ein Fell, das nur dazu da ist, seine dicke Zehe warmzuhalten. Das ist der größte Mann, der besteht. Der wildeste, sag’ ich dir! Ein Bär, ein Löwenmännchen, ein Königstiger aus Bengalen ... hörst du? Nicht aus diesem frostigen Land ... Aus Bengalen, wo das Paradies war. Wo ich nie mehr hinkomm’! Weil man mich in diesem Loch verfaulen läßt!“

Auf einmal sagte sie ruhig und fest: „Sag’, glaubst du, daß es Männer gibt, die so stark sind, daß ihr Wille diese Mauer da vor mir ... um mich ... einblasen kann, wenn er weiß, daß ich das so ... so begehre?“

„Draußen gibt es sie nicht. In uns gibt es sie!“ antwortete die Gräfin. Der leidenschaftliche Atem, der sie so plötzlich aus einem Menschenherzen überfallen hatte, tobte wie ein Sturm in ihr weiter.

Wie erbärmlich war sie, einen Menschen überlisten gewollt zu haben. Sie kam sich klein vor. Sie warf alle Versprechen und Pläne als etwas Beschmutzendes ab. Sie erglühte an dieser fremden Person wie ein Faden an den elektrischen Strömen.

„Ja, in uns gibt es sie!“ wiederholte sie.

„Er! ... Er! ...“ sang die Carozza mit einem Tonfall aus der Appassionata.

Und der Gräfin trat der fremde Mann von jenem Abend wie ein Marmorbildnis aufs Herz. Mitten aufs Herz! Aber es zersprang nicht. Sie ließ die Gestalt gewähren. Sie kam und ging und kam über sie, wie sie wollte.

„Liebst du ihn?“ fragte sie die Carozza.

Aber die antwortete nur, es wegschiebend wie ein Nichts: „Ach was ... lieben!“

„Ich liebe ihn nicht!“ ereiferte sich die Gräfin, den Bewegungen der spukhaften großen Gestalt auf ihrem Herzen zu folgen. „Aber er ist doch alles! Er ist ein Mensch. Aber er ist doch eine Welt für sich. Er liegt da in solch einer Stadt von kleinen Menschen, kleinen begehrlichen Häusern und Gassen und ist ein Dschungel und ein Urwald. Mir ist, als habe er Tiger und Schlangen in sich. Alles was stark ist in der Natur. Und ganze riesenhafte Bäume und weite, undurchdringliche Schilfwälder! Weißt du, man kann hineinkriechen! Kommt an kein Ende und ist doch in ihm!“

Sie schwieg unvermittelt. Sie vermochte nicht in Worten zu sagen, was an Erscheinungen ihr Blut durchschattete. Denn jener Mann, den sie so über sich treten ließ, war wie ein Bruder. Nein, ein Vater? Gebunden in der Wollust einer Stunde, von der kein menschliches Hirn auch nur ein Atömchen wußte noch sah. In der Stunde, in der zwei Wesen in eins versanken, um ein neues in die Dunkelheit zu werfen, aus der es fern in der Zeit wieder als etwas auftauchte, was ein Leben für sich begann und nur mit schattenhaften Schnüren an jener Stunde hing. Man konnte die Schnüre zerschneiden, zertreten, auseinanderzerren. Sie blieben zusammen. Kein anderes Verlangen trug sie zu ihm zurück, als noch einmal ihre Sinne jenem Bewußtsein noch ungehemmter anheimzugeben, das wie ein Traum sie bedeckte und sie zugleich von sich stieß.

Die beiden Frauen saßen nebeneinander, die Gräfin auf dem Boden, beide wie von einer unsichtbaren Faust niedergeschlagen in diese Stellungen der Zerknirschung, Sehnsucht und Auflösung in dem fremden Blut. Ein Schweigen lag nach den heftigen, ihrem Innern entrissenen Worten über ihnen, das grauenvoll dasNichts aus dem Schoß der rinnenden stummen Zeit heraufflattern ließ. „Sagen Sie etwas!“ bat die Gräfin mit schüchternem Flehen.

„Still, oder ich erwürg’ dich ... erwürg’ dich!“ schrie die Carozza.

Da wich die Gräfin zurück. Sie fühlte sich, ungemessen und grenzenlos, wie sie bis dahin ihr inneres Leben nach außen zu wenden getrachtet hatte, der andern unterlegen wie ein Wiesel in den Krallen eines Steinadlers.

Es wurde Essen hereingeschoben. Keine der beiden sah es. Es wurde finster. Die Carozza legte sich in den Kleidern auf eine der Pritschen. Die Gräfin ahmte sie nach und streckte sich in das Stroh der zweiten Liegestatt. Die Nacht ging über sie. Die Vorstellungen versanken in einer wehen, ermattenden Schlaflosigkeit wie in einer Kloake.

Einmal mitten in der Finsternis fragte die Carozza streng: „Schläfst du?“

„Nein!“

„Weshalb bist du hier?“

Da war die Gräfin nicht mehr so kühn, ihre Lüge zu wiederholen. Sie schwieg kleinmütig.

Die Carozza blieb eine Weile stumm. Dann sagte sie mit Gleichmut: „Du solltest mich aushorchen! Hab’ ich dir etwas gesagt?“

„Ja!“

„Von ihm?“

„Ja!“

„Hab’ ich dir seinen Namen genannt?“

„Nein!“

„Das ist gut. Sonst kämst du nicht lebend hier heraus. Aber selbst wenn ich ihn genannt hätte und du lügst jetzt, so wisse, daß er keinen Namen hat. Er ist tausend Männer. Er ist ein ganzes Land! Er ist ein ganzer Erdteil!“

„So wie er!“ sagte die Gräfin bei sich. Aber einen Augenblick später wußte sie nicht, ob sie das nicht laut gesprochen hätte.

„Wann gehst du wieder fort?“

„Wann du willst!“

„Dann geh gleich! Geh, sag’ alles, was ich gesprochen hab’!“

„Nein!“ antwortete die Gräfin störrisch.

„Weshalb sagst du es nicht? Wenn du doch deshalb hergekommen bist?“

„Es ist jetzt anders!“

„Nichts ist anders,“ begehrte die Carozza wieder auf. „Es ist alles, wie es ist. Wie es war. Wie es sein wird! Er draußen in tausend Freiheiten! Ich hier ein Aas, das schon halb unter einem Rasenstück liegt. Sag’ mir alles!“

„Nein, ich sag’ nichts!“

„Weshalb, du ... du Luder?“ fuhr sie die Carozza aufschreiend an.

„Weil Sie ihn so lieben!“

Da ward die Carozza still. Aber einige Blutschläge später warf sie sich hin und begann wild zu weinen und zu schluchzen.

Die Gräfin blieb liegen. Sie spürte, wie eine Seele, entblößt, mit Tatzen, von denen Haut und Fell abgezogen waren, über ihrem Herzen lag und es gefangen hielt. Sie spürte ihr eigenes Blut über das Herz unter der Tatze rieseln und sich mit dem der Tatze vermengen.

Die Tatze ward ihre Schwester. Nun hatte sie Blutsbrüderschaft mit der Mörderin drüben an der andern Wand. Aber keine von den beiden wußte, daß es derselbe Mann war, der in der Gefängnisnacht ihre Pulse vereinigte.

Wenk bekam schlechte Nachrichten über das Befinden Karstens. Er hatte, da er sich scheinbar sofort energisch zur Wehr gesetzt hatte, wohl von einer zweiten Person Hiebe mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf bekommen, die die Schädeldecke gesprengt hatten. Er gewann das Bewußtsein immer noch nicht wieder undwar seit der Tat in einem überfeinen Zustand, der sich nicht nach der einen und nicht nach der andern Seite zu lösen vermochte.

An eine Aussprache mit ihm, sagten die Ärzte, sei in zwei, drei Wochen nicht zu denken, selbst wenn er durchkommen sollte.

Der Carozza gegenüber, über die er, wie sein Ruf, sie zu verhaften bewies, etwas hätte aussagen können, was ihre Anteilnahme an dem Verbrechen genauer bestimmt hätte, mußte sich Wenk mit dem Unternehmen der Gräfin begnügen. Heute war Montag, und um vier Uhr erfuhr er auf alle Fälle, ob etwas von der Carozza an Klärung zu erwarten war oder nicht.

Wenk verließ sein Haus an diesem Tag nicht. Die zwei Pole, zwischen denen er seine Kräfte sammelte, waren persönlich nicht erreichbar für ihn: der eine war das Frauengefängnis, der andere, wichtigere wohl war Konstanz. Von dort wurde er öfter angerufen. Dieser Poldringer durfte keinen Augenblick aus dem Apparat herausspringen.

Da er all die Stunden zu Hause verbringen und viel warten mußte, ging er in einer erregten Ungeduld hin und her und öfter ans Fenster.

Da fiel ihm schließlich ein Mann auf. Er hatte ihn um acht Uhr in der Frühe zum erstenmal gesehen. Dann vielleicht eine halbe Stunde später nochmals. Darauf nicht mehr. Aber auf einmal wieder. Der Mann ging immer rasch an seinem Hause vorbei, wenn er ihn sah, oder er stand ferner an einer Ecke.

Hatte dieser Mann die Aufgabe, ihn zu überwachen? Wenk wollte die Probe machen.

Er bat einen Beamten der Geheimpolizei, sich so zu maskieren, daß jemand, der ihn nur flüchtig sah, ihn für den Staatsanwalt selber halten konnte. Dann holte der Chauffeur das Auto zu Wenks Wohnung, wo der Maskierte wartete, und der Verkleidete begab sich hinab in einem Augenblick, wo der Unbekannte wieder an einer Straßenecke sichtbar wurde. Der Geheimpolizist stürzte rasch das kurze Stück von der Haustür auf den Wagen zu, drückte sich in eine Ecke, und das Auto sauste davon. Diesen einfachen Trick will ich mir merken, dachte sich Wenk.

Der Fernsprecher rief: Konstanz dringend kommt!

„Der Beobachtete hat 3 Uhr 16 die Burschen, mit denen er zusammen saß, zum Bahnhof gebracht. Um 3 Uhr 36 fährt der Schnellzug nach Offenburg. Es ist ungewiß, wer von der Gesellschaft mit verreist. Die einen haben Handtaschen, die andern haben keine. Vor allem ist es ungewiß, ob der Beobachtete selber mitfährt. Ein anderer hat sieben Karten gelöst, nach Offenburg. Sie sind aber mit dem Beobachteten zu acht. Einer darunter sieht anders aus und wurde hier noch nicht gesehen. Es ist möglich, daß er der Führer der Burschen wird und in französischem Dienst steht. Was sollen wir tun?“

„Stellen Sie drei Zivilbeamte bereit. Fahren alle acht, reisen auch die drei Beamten mit. Bleibt einer oder mehrere zurück, bleibt einer der Beamten ebenfalls zurück, der diesen oder diese nicht außer acht lassen darf. Es wäre möglich, daß sie getrennte Routen reisen.“

Der Beamte in Konstanz wiederholte.

„Gut! Melden Sie schon jetzt das Gespräch an für die Abfahrt des Zuges. Schluß!“

Wenk bat um Verbindung mit Offenburg. In fünf Minuten konnte er sprechen.

„Mit dem Konstanzer Schnellzug kommen sieben oder acht Leute. Geheimbeamte fahren im selben Zug. Halten Sie auf alle Fälle sechzehn Mann bewaffnet am Bahnhof bereit. Es ist wahrscheinlich, daß die Reisenden Pässe nach dem Elsaß haben. Sie sind gefälscht ... Wenn Sie verhaften, so vermeiden Sie, bitte, alles Aufsehen. Mitteilung an die Presse nur, daß es sich um Deutsche handelt, die in die Fremdenlegion gelockt worden seien, und vor allem: sie seien gleich wieder freigegeben und nach Hause expediert worden. Über die falschen Pässe zeigen Sie sich nicht unterrichtet. Falls sich einer namens Poldringer oder Hinrichsen unter ihnen befindet, so ist er abgesondert zu halten und sehr stark zu bewachen.“

Bald danach kam wieder Konstanz: „Sieben sind abgereist. Poldringer allein zurückgeblieben. Er ging zum ‚Schwarzen Stier‘ und wird beobachtet.“

„Es ist gut, danke. Bitte, läuten Sie wieder um sieben Uhr an! In der Zwischenzeit, wenn Wichtiges vorliegt, an die Kriminalpolizei!“

Dann wollte sich Wenk rüsten, um die Gräfin im Gefängnis abzuholen. Es war 3 Uhr 30. Er war allein zu Hause. Er telephonierte nach seinem Auto. Als er es unter den Fenstern rattern hörte, ging er hinaus. Er öffnete seine Tür.

Da stand ein älterer Mann draußen. Der Herr war gebeugt, hatte einen buschigen schneeweißen Schnurrbart, feste rote Backen und lichtblaue Augen.

„Herr von Wenk?“ fragte er.

„Bitte!“ sagte der Staatsanwalt. „Verübeln Sie mir nicht ... ich habe einen eiligen amtlichen Ausgang vor.“

„Einen Augenblick nur,“ antwortete der andere. „Mein Name ist Hull. Ich bin der Vater!“

Wenk verbeugte sich und ließ den Herrn herein. Er führte ihn in sein Arbeitszimmer.

„Herr von Wenk, man hat mir gesagt, Sie führten die Untersuchung. Edgar war mein einziger Sohn. Ich habe ihn schlecht erzogen. Mein Leben war meine Arbeit. Meine Fabriken waren groß. Meine Frau starb früh. Es ist vielen Söhnen unserer Zeit so gegangen.“ Er sprach mit einer graden Stimme, fast rauh. „Das nimmt meine Schuld nicht von mir. Unsere Söhne waren unser Luxus, unsere Arbeit war unsere Pflicht. Besser, wir hätten es umgekehrt gehalten. Sein Leben kann ich nicht zurückverlangen. Was ich von anderer Seite über die näheren Umstände erfahren, genügt mir. Ich will nicht mehr wissen. Ich habe mir erlaubt, wegen anderm zu kommen. Mein Sohn bekam zehntausend Mark monatlicher Rente von mir. Ich habe aus dem ganzen Unglücksfall nur den einzigen Wunsch übrigbehalten, diese zehntausend Mark monatlich so weiterzugeben, als sei er noch da. Ich will weitere zehntausend dazu legen. Das Geld soll dienen, etwas zu schaffen, was die Menschen gut machen hilft. Und was bleibt. Herr von Wenk, können Sie mir raten?“

Wenk antwortete zögernd: „Ich muß Ihnen ... gestehen ... zuerst ... Herr Hull, Sie machen mich betroffen!“

Wenk war von der Haltung des Vaters tief erregt. Gebändigte Menschenkraft, erwürgter Vaterschmerz, unbesiegbare Menschlichkeit ... alles, was da so unvermutet vor ihn hingetreten war, machte ihn im ersten Augenblick vor Bewegung und Anteilnahme unsicher. „Ja, ich weiß nicht ... Herr Hull ... weshalb wenden Sie sich gerade an mich?“

„Das kann ich Ihnen genau sagen, Herr Staatsanwalt. Sie haben die Pflicht, die Mörder zu vernichten. Ich möchte das, was Sie an Schlechtem aus unserer Heimat zu entfernen haben, durch etwas Gutes ersetzen. Das Andenken meines Sohnes soll fruchtbar werden. Von seinem Leben habe ich nichts gehabt. Sein Tod soll mir nun etwas geben, was ich mit in die Ewigkeit nehme.“ Seine Stimme blieb fest bis zum letzten Wort.

„Sie haben es eilig. Vielleicht ist es gerade dieser Unglücksfall, der Sie verhindert, mir mehr Zeit zu widmen?“

„Allerdings,“ sagte Wenk.

„Kann ich Sie morgen oder an einem andern Tag in Ruhe sprechen? Wenn Sie frei sind?“

„Ich bin morgen frei, Herr Hull. Kommen Sie, wann Sie wollen. Am besten vormittags. Sie brauchen sich auf keine Stunde festzulegen. Ich bin immer zu Hause. Ich danke Ihnen. Wir können zusammen ein Werk schaffen, glaube ich!“

„Nein, ich habe Ihnen zu danken, daß Sie mir helfen wollen, dies bescheidene Denkmal zu setzen, damit der Name des Unglücklichen nicht nur im Blut unter den Menschen bleibt.“

Sie gingen zusammen aus dem Hause.

Wenk fuhr zum Gefängnis. Er kam eine halbe Stunde später, als verabredet worden war. „Die Frau ist schon lange vor vier Uhr fortgegangen,“ sagte der Direktor.

„So!“ machte Wenk enttäuscht. „Was hat sie hinterlassen?“

„Nichts!“

„Und Sie selber wissen auch nichts? Über das Ergebnis? Hat sie Erfolg gehabt?“

„Ich habe nicht gefragt!“

„Weshalb nicht?“ fragte Wenk, durch den Ton gereizt.

„Es stand nicht in meinen Instruktionen, das zu fragen,“ antwortete der Direktor mißlaunig.

„Es handelt sich nicht um Ihre Instruktionen, sondern um den Versuch, eine der gefährlichsten Verbrecherbanden Deutschlands aufzuspüren. Sie scheinen das mißzuverstehen. Sie und Ihre Instruktionen sind absolut nichts in dieser Sache.“


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