Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, während Wenk an der Spitze der andern zur Haustür hinaufeilte und auf die Klingel drückte.
Doch schon war die Sprengbombe bereitet.
Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lärm, der unerwartet die Straße erfüllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der geschlossenen Läden über der Haustür angebracht war. Er sah im ersten Blick: es war die Polizei!
Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefäßen zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert hatte.
Während er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem entgehen ließ, was draußen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine Polizistenuniform heraus.
Er hörte die Hausglocke läuten.
In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen mit Georg während einiger Nächte durch den Boden zu einer Villa gelegt hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstück zusammenstieß. Er drückte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. „Spoerri?“
„Ja!“
„Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach verabredetem Programm. Die Gräfin holen. Das neue Auto für mich bereiten. Zündung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schluß.“
Während er noch sprach, begann er eilig über seine Kleider die Polizistenuniform anzuziehen.
Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustür öffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur.
Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk war für sich gegen die Treppe abgeschlossen.
Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tür ins Haus drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen Reichtum waren die Täfelungen aus edeln Hölzern ausgearbeitet, mit den kostbarsten alten asiatischen Teppichen behängt. Er sah das im Laufen im ersten Blick.
Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Türen, die aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die Löcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle elektrischen Lampen waren ausgeschaltet.
Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestürmt. Die Tür, die in den getäfelten Wänden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus abschloß, war offen. Die Männer stürzten hinein in einen dunkeln Flur. Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwühlten mit den Spitzen ihrer Revolver die Gegenstände, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten. Nirgends ging das elektrische Licht.
Es dauerte eine Weile, bis genügend elektrische Taschenlampen zur Verfügung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Türen, die auf den Flur führten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie zogen die Schlüssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den Räumen sahen, über die Kisten her und brachen sie mit den Äxten auf.
Mabuse lauschte dem Lärm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine Fabrik erschütterte.
Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tür, die ins erste Stockwerk hineinführte, in das Täfelwerk eine Kabine einbauen lassen. Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehörte, hatte ihm die Arbeiten gemacht.
Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltungdes Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tür, die vom innern Flur in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getäfels eingefaßt, daß niemand eine Öffnung dort vermuten konnte.
In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustür gehört hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen Villa. Während die Treppen noch den Lärm der Heraufstürmenden durch die Holzwände über ihn warfen, drückte er auf den Weckknopf und nahm das Hörrohr.
Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa.
Spoerri war also schon fort.
Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich nah waren.
Die Kabine hatte eine zweite Tür. Diese, ebenso wie die innere, in die Architektur des Getäfels eingepaßt, dem Auge unauffindbar, öffnete sich unmittelbar auf die Treppe. An diese Tür legte Mabuse das Ohr.
Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines Bluts, um nur Trommelfell sein zu können. Geräusche, Stimmen, Axtschläge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer atmeten, empfing er wie ein Mikrophon.
Aber nur auf eines mußte sich das Trommelfell einstellen: auf die erste Sekunde, auf die erste Abbröckelung einer Sekunde, in der es keinen Schritt, keinen Lärm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen eines Menschen auf der Treppe hörte.
Dieser Splitter eines Augenblicks mußte eintreten, bevor sämtliche Räume des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte.
Dann konnte ... dann würde die Flucht gelingen!
Es war ihm, als spüre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut versprühn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendünnen Strahl niedergehn, der sein Gehör für diese notwendige Fähigkeit vorbereitete. Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Riechens. Sein Willeschlug sich wie eine triumphierende rote Bande durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so groß wie der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem Bröckchen Erde, das er an seinen dünnen Lackschuhsohlen kleben fühlte. Alles andre in ihm ward ein Eis, ward anästhetisiert. Aber sein Ohr eine vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte.
Und da hörte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte.
Er stieß die schmale Tür zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn nicht getäuscht. Aber er sah gleich: es glückt!
Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: „Er hat sich im Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...“
Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die Treppe anstürmen. In der Haustür stehn zwei Männer. Sie stehn mitten in der zertrümmerten Tür, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Körper hervorragend, scheinen ihnen wie die Spieße eines Heiligenkranzes in die Rücken einzudringen.
„Verstärkung holen ...,“ schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, „... im Badezimmer verschanzt ...“
Sie lassen ihn durch. Er läuft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend, mit der andern den Browning haltend.
... Ja, er kommt hinaus ...
Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und der Beglückung um ihn. Entzückte, flammende Visionen besprühen seinen Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht draußen in vollen Zügen in die Augen.
„Was ist?“ schreit einer der Männer draußen auf den Einstürmenden.
„Befehl des Staatsanwalts ... Verstärkung holen! Badezimmer verschanzt!“ schreit Mabuse zurück.
„Nimm das Motorrad!“ brüllt der andre.
Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fällt hinein, er bettet sich hinein. Er fällt wie von einem Turmherab in ein weltengroßes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn fangen wollten.
Eine Viertelstunde später wirft er das Rad in den Würmkanal und schwingt sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen streckt den Schnabel nach Südwesten und rast schnaubend und wie ein vor Entzücken der Schnelligkeit zirpendes Geschoß die Chaussee dahin. Der Wagen ist gepanzert ...
*
„Was ist los?“ rief Wenk den davonstürmenden Polizisten nach.
„Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt!“ schrie einer zurück.
Wenk raste die Treppen hinauf. „Wo?“
„Im Badezimmer!“ brüllte es von allen Seiten.
„Alle Mann zum Badezimmer!“ kommandierte Wenk.
Man lief. Die kleinen Scheinwerfer der Taschenlaternen rasten an den Wänden ineinander und durcheinander. Wohin läuft man? Zum Badezimmer! Fünfzehn Mann stürzten zum Badezimmer.
Da fragte Wenk: „Wo ist denn das Badezimmer?“
Aber niemand wußte, wo das Badezimmer war.
Und nun schrie es durch alle: Was war das? Was war das?
Die Zimmer wurden kopfüber gestellt. Die losgeschraubten Sicherungen wurden am Schaltbrett wieder angedreht. Helligkeit wirft sich durchs Haus. Die Räume glänzen ... Reichtum und Pracht, Gemälde, Teppiche, Bronzen, Möbel. Das Badezimmer wurde gefunden. Es hatte eine Wanne aus Marmor.
Aber das ganze Haus war leer!
Wenk raufte sich die Haare. Ihm war, als sei er ein leerer Schacht, und alles Gute, Schöne, aller Erfolg, Stolz, alles sei durch den Schacht hinab in ein unauffindbares Loch gefallen.
Man ging mit den Äxten an die Wände. Man vermutete etwas. Und bald hatte man die Lösung des Rätsels und die geheime rettende Kabine gefunden.
Aber Wenk faßte sich. Es stand noch irgendwo eine zweite Mausefalle. In Schachen! Die Villa Elise!
Der Staatsanwalt brauste zur Zentrale des Fernsprechamts. Alle Linien wurden für ihn geschlossen. Er hatte alles bis aufs letzte vorbereitet. In Strahlen um München herum waren die Landstraßen unter den Augen der Polizei! Die Strecke München-Lindau hatte acht Posten und jeder einen Fernsprecher, der in einer Minute die Ereignisse, die vor ihm geschahen, durch die Nacht nach München warf.
Wenk gab Alarm nach allen Richtungen.
Er hatte durch den Kniff Mabuses reichlich eine halbe Stunde versäumt. Wenn es ginge, wie er es sich dachte, und wenn er das Auto des Fliehenden auf achtzig bis neunzig Kilometer schätzte, so blieben zehn Minuten, bis Buchloe den Durchgang melden mußte.
Aber kaum hatte er das berechnet, mit dem Bleistift am Rand der Kilometertafel, so meldete Buchloe.
Wenks Herz sang auf.
„Hier Buchloe! Ein Auto gerade durch! Polizeiwidrige Schnelligkeit. Richtung Kempten. Großer gedeckter Wagen!“
Es war 2 Uhr 10. Eine Viertelstunde später kam Kaufbeuren.
„Großer gedeckter Wagen etwa achtzig Kilometer Geschwindigkeit soeben durch. Richtung Kempten.“
Es war 2 Uhr 25.
Wenk begann rasch die Schnelligkeit auszurechnen, mit der der Wagen fuhr.
Aber da meldete sich Buchloe ein zweites Mal: „Ein zweiter Wagen soeben durch! Kleiner offener Wagen mit einer Person!“
Und zehn Minuten später folgte Kaufbeuren mit derselben Meldung.
Sie fliehen truppweise. Der zweite Wagen fuhr schneller. In ihm wird Mabuse sein. Im ersten Helfershelfer!
Ober-Günzburg meldete die Durchfahrt der Wagen schon in einem Gespräch. Der zweite Wagen folgte dem ersten, als der Beamte gerade den Durchgang des ersten angezeigt hatte.
Einen ähnlichen Bericht brachte Buchenberg.
Da hielt Wenk es an der Zeit, Schachen anzurufen. Er gab die Anweisung, das Eintreffen von zwei Wagen abzuwarten und dann nach dem vorgezeichneten Plan loszuschlagen. Der Mann, auf den es vor allem ankäme, trage wahrscheinlich die Uniform eines Münchener Polizisten. Man solle sich dadurch nicht irremachen lassen. Das sei Mabuse!
Wir haben sie sicher, sang alles in Wenk, als weiter Meldung auf Meldung folgte. Und alle Meldungen ihm versicherten, daß der Weg der Fliehenden auf Schachen ginge.
Ortsnamen auf Ortsnamen glühten vor Wenk an der Namenstafel auf. Aus der Nacht riefen ihn Dörfer und Städtchen an und banden sich an ihn. Unsichtbares Geisterband warf er über Landschaften, die bis an die Grenzen des Reiches gingen. Die heimliche Tat einer weiten Landstraße riß er so aus der Finsternis an sich, und die Landstraße wußte nichts davon. Er hatte mit dem kleinen Hebel diese ganze ungemessene, in Finsternis gehüllte Chaussee, über die die Tat tobte, in seiner Hand.
Die Etappen, die er eingerichtet, hatten ihm nicht versagt ... ihm, dem Feldherrn. Keine einzige!
„Hergatz“ leuchtete es auf, und das kleine Geräusch des Weckers in der Maschine vor ihm erscholl ihm so vertraut, als sei es sein Name, der gerufen wurde.
„Ja!“ sagte er, „Staatsanwalt Wenk, München!“
„Ein kleines offenes Auto mit großer Schnelligkeit vorbei auf Lindau zu. Zwei Personen drin. Doch nicht sicher erkannt.“
„Danke. Lassen Sie die Verbindung offen! Es wird noch ein Auto kommen!“
Wenk wartete. Er hörte in den verstummten Drähten alle Geräusche, die die Nacht zwischen München und einem kleinen Ort Hergatz, in dem er nie gewesen, summte.
„Sind Sie noch da?“ fragte Wenk nach einer Weile.
„Jawohl!“
„Ist das zweite Auto noch nicht vorbei?“
„Nein!“
Nach einer Weile fragte Wenk wieder. „Nein!“ hörte er nochmals.
Eine Viertelstunde rief er Hergatz von neuem an.
Es kam kein anderes Auto, antwortete der Beamte.
Da warf Wenk erregt die Landkarte vor sich auf. Er suchte fieberhaft. Buchenberg — Isny — Gestratz — Opfenbach ... da Hergatz! Und hinter Isny bog eine Landstraße nach Wangen und dem Württembergischen oder links eine andere nach dem Österreichischen.
Wenk rief Wangen an. Aber es antwortete nicht. Er wiederholte. Er ließ zehn Minuten im Sturm läuten. Es war vergeblich. Wangen hatte er nicht in seine Berechnungen und nicht in seine Vorbereitungen gezogen. Nach dem Österreichischen aber konnte er keine Weisungen geben. Über diese Gebiete erstreckte sich die Macht seines Hebels nicht mehr. Ein Auto entwand sich ihm. Ein Auto wurde ihm von der Nacht gestohlen, von den fremden, feindseligen, in Finsternis gehüllten Straßen entrissen.
Aber dann überlegte er sich, es könnte eine Panne den großen Wagen auf den Weg gelegt haben. Ja natürlich war es so. Denn deshalb hatte der kleine Wagen auf einmal zwei Personen, der bis Hergatz immer nur mit einer gemeldet worden war. Der neue Umstand durfte nicht mehr stören. Durfte ihn nicht aus der Glückserie herausdrängen. Er vertraute, und es mußte losgeschlagen werden.
Er rief Schachen an.
„Wahrscheinlich kommt nur ein Wagen. Lassen Sie ihn einfahren! Warten Sie zwanzig Minuten, ob nicht der zweite folgt, und umstellen Sie die Villa dicht. Und dann Schlag auf Schlag!“
Kaum war sein letztes Wort im Sprachrohr verklungen, als der Weckapparat wieder rief. Die letzte Etappe — der Bahnhof von Enzisweiler!
Ein kleines offenes Auto sei in rascher Fahrt von der Landstraße Lindau-Friedrichshafen abgebogen und fahre Schachen zu. Zwei Personen!
Es war vollbracht! Weiteres konnte Wenk selber nun nicht mehr tun!
Er mußte warten. Vielleicht begann in wenigen Augenblicken die Schlacht am Bodensee, die seine Strategie vorbereitet hatte. Er befahl noch, auf den zweiten Wagen nicht erst zu warten, sondern beim Eintreffen des ersten gleich hinter seinen Insassen in die Villa einzudringen, sie zu fesseln, die Lichter zu löschen und eine Stunde lang noch auf den zweiten Wagen zu warten.
Wenk schaute auf die Uhr. Er legte sie vor sich. Es war 3 Uhr 18 Minuten.
Eine Unruhe bebte ihm in den Hand- und Fußgelenken und verzitterte in sein Hirn. Er fühlte sie wie einen schmerzenden Wirbelwind aus seinen Lenden in den Kopf rasen. Dort blieb sie stehen, ein Weilchen nur. Dann pumpte sie sich wieder denselben Weg durch und ungezählte Male immer denselben Weg von den Lenden ins Hirn.
Spoerri hatte die Gräfin aus der Villa im Westen, in der sie eine halbe Stunde lang gewohnt hatte, ins Auto gerissen.
Mabuse hatte mit seinem neuen kleinen Wagen das große Fahrzeug zwischen Kaufbeuren und Günzburg eingeholt. Sie fuhren, ohne anzuhalten, weiter. Es war alles zwischen ihnen seit langem so festgelegt.
Als die Straße nach Wangen von der Lindauer Chaussee abbog, hielt mit einem Schlag der vorfahrende große Wagen. Das kleine Auto fuhr dicht an. Die Gräfin wurde herübergehoben. Mabuse raste weiter. Spoerri fuhr nach Österreich.
Mabuse hatte angeordnet, von hier aus die Flucht geteilt vorzunehmen. Spoerri sollte über den Rhein in die Schweiz. Ein jeder mußte Dr. Ebenhügel in Zürich seine Adresse geben, der sie dann beiden austauschen könnte. Mabuse und die Gräfin fuhren nach der Villa Elise. Dort wartete Georg, der durch Brieftauben unterrichtet war, mit dem Koffer, in dem die Dokumente und Edelsteine gesammelt waren, die Mabuse mit auf die Flucht nahm. Sie sollten dann zu dreien ohne Verzug über den See in dieLuxburger Ach fahren und mit einem Auto, das dort wartete, auf der Romanshorner Straße weiter nach Zürich. Für Zürich war nur ein kurzer Aufenthalt vorgesehen, in dem Geschäfte erledigt wurden.
Es war zu erwarten, daß die bayerischen Behörden die Schweiz baten, nach den Flüchtigen zu fahnden. Mabuse wollte deshalb den Aufenthalt in der Schweiz so kurz wie möglich halten und gleich zur italienischen Grenze weiter eilen. Pässe hatte er für sich und die Gräfin auf einen portugiesischen Namen anfertigen lassen.
Ein italienischer Beamter war gekauft. Von ihm an fielen alle Schwierigkeiten zu Boden wie Blätter im Herbst.
Die Gräfin lag im Hintersitz des Wagens. Sie war verborgen von der auffallend hohen Karosserie. Vor sich sah sie unbewegt wie ein Urgestein Mabuse sich über das Steuer errichten. Das werfende Federn des rasenden Wagens und die ungewisse Nachtdüsternis ließen die Umrisse seiner breiten Gestalt ins Gespenstische verfließen. Nur diese Umrisse hatten Leben. Mabuse machte nicht die geringste Bewegung. Er war dort vor ihr herausgewachsen wie ein Felsblock aus einer Wiese.
Straßenalleen, Bauerngehöfte, Dörfchen flogen zurück. Der Bodensee kam in die Nacht. Einige Lichter, an fernen Ufern verteilt, Flächen, versinkend in der Finsternis, von der Ahnung der Menschen ertastet, ein Wechsel der Luft, die man einatmete und die das Gesicht badete ... Zwei ferne Städtchen schwammen wie erleuchtete Schiffe auf dem Meer. Das war schon die Schweiz.
Lindau blieb abseits. Villenstraßen bogen sich über das sausende Fahrzeug.
Und dann kam die letzte Minute. Der Wagen prallte über das Geleis am Enzisweiler Bahnhof, tobte auf die Villa Elise zu. Mabuse sah von weitem durch die Nacht mit seinen scharfen und geschulten Augen, daß das Gartentor weit offen stand.
Die Tauben waren also richtig und rechtzeitig angekommen. Ihm war, als ob er aus dem Brausen der Schnelligkeit heraus, das hinter ihm zusammenschlug, in der Finsternis eine fremde Bewegung empfunden hätte. Es war kurz nach halb vier Uhr.Er paßte mit allen Sinnen rund um sich, ohne die Schnelligkeit zu bremsen.
Als er ins Tor einbiegen sollte, warf er, und er ließ dem Wagen seinen vollen Lauf dabei, die Bremsen alle mit äußerster Kraft einen Augenblick lang zu. Der Wagen schlug wie ein Fisch hinten auf, warf herum und schoß, wieder losgelassen, grade ins Tor hinein und in den Gartenweg. Eine bleierne Finsternis fiel über Mabuse.
Da fühlte er, daß etwas den Wagen angesprungen war. Eine Gestalt schwang von der Bremserseite über die Tür, preßte sich zwischen die Seitenlehne und Mabuse. Zwei Hände fuhren über seine Hände, entrissen ihm das Steuer. Ein heißer Mund, wild, schwarz, hinreißend wie die Nacht, flüsterte in ihn hinein:
„Herr Doktor! Ich. Georg. Geben Sie das Steuer. Wir sind umstellt. Gleich in den See ...“
Mabuse ließ das Steuer, warf sich von den Bremsen. Der Wagen in der neuen Faust dröhnte wie Schnellfeuergeschütze an die nachtgrauen Wände der Villa, schnob um eine Ecke, setzte auf einen Rasen, tollte halb über den Rasen, halb durch den Kies eines Gartenweges auf die Mauer zu, die sich vor dem See errichtete, niedrig, den hohen Garten vom Wasser abhaltend. Der Wagen schwänzelte einmal wie ein wildes Pferd und tobte einen geneigten Holzsteg hinab, dessen Bretter unter ihm donnerten wie ein Gewitter.
Einen Augenblick später schlug er die Nase ins Wasser. Der See kreischte auf.
Georg machte einige blitzschnelle Griffe, von Mabuse unterstützt. Den Schrei der Gräfin warf die Nacht zurück. Dann fuhr das Fahrzeug, mit einigen wilden Schwankungen zuerst, aber bald ruhig, nur vorwärts drängend, im Wasser weiter.
„Es funktioniert wie Zauber!“ rief Georg.
Denn dieser Wagen war eine Erfindung von ihm. Man konnte ohne Aufenthalt mit ihm von der Landstraße ins Wasser; ein paar Hebelgriffe verwandelten ihn in ein Motorboot.
„Die Tauben sind schuld!“ sagte Georg, als er das Fahrzeug ganz in seiner Gewalt hatte. „Als sie in der Dunkelheit kamen, vor einer Stunde, da hörte ich auf einmal, als ginge eine flüsternde Stimme in einem Buschwerk. Ich paßte scharf auf. Ich glaubte zu bemerken, daß eine Bewegung um den ganzen Park herumschlich. Hier ... dann zwanzig Schritte weiter ... dann wieder zwanzig Schritte weiter ... im Kreis herum, ganz im Kreis herum, und da wußte ich, daß wir umstellt seien. Na, ich kam unbemerkt wenigstens bis ans Gartentor. Fünfzig Minuten habe ich gebraucht für die hundert Meter. Wenn wir den Bootwagen nicht hätten, säßen wir jetzt mit Handschellen drinnen in der Villa Elise ...“
Die Polizeibeamten, die sich mit aller erdenklichen Vorsicht um die Villa herum verteilt und bis zum Schließen des Ringes vier Stunden gebraucht hatten, da einer nach dem anderen gekommen war, hörten das Auto durch die Nacht heranbrausen. Sie lagen gespannt auf ihren Posten und warteten auf den Pfeifenruf, der sie über das Haus und die Verbrecher loswerfen sollte.
Es war ein kleines Intermezzo vor einer Stunde eingetreten. Ein Vogel war auf einmal durch einen Baum geflogen und im Dachwerk des Hauses verschwunden. Einer der Beamten, die dem Haus zunächst lagen, hatte ihn wahrgenommen. Er hatte gesehen, wie der Vogel am Dach herumflatterte und auf einmal irgendwie verschwand, ohne daß er das Dach wieder verlassen hätte. Seine Vermutung, es könnte eine Brieftaube gewesen sein, wurde bald durch die Erscheinung eines zweiten Vogels bestätigt, der auf dieselbe Weise im Dachwerk verschwand.
Der Beamte schlich sich zum Kommissar zurück und meldete, was er gesehen und vermutete. Der Kommissar erfaßte sofort die Bedeutung, die diese Boten haben konnten: daß Poldringer von München her und von den dort Geflohenen gewarnt wurde.
Er ließ deshalb mit großer Vorsicht einen Beamten von Posten zu Posten gleiten und die Tatsache mitteilen, daß der Hausinsasse nun wahrscheinlich gewarnt sei und daß man mit doppelterVorsicht, aber auch vervielfältigter Schlagkraft in der gegebenen Minute los müsse.
Diese Bewegung, die der Bote des Kommissars um das Haus zog, war es, die Georgs feine Witterung empfunden hatte.
... Das Auto Mabuses sprang in den Park. Der Kommissar mit zitternden Fingern hob schon die Signalflöte an die Lippen. Er wollte im Augenblick, wo die Insassen den Wagen verlassen und die Tür der Villa hinter sich zuziehen wollten, das Zeichen geben.
Zwei Beamte lagen in den Sträuchern links des Hauseinganges und waren an der Tür, bevor im Innern der Schlüssel umgedreht werden könnte. Aber der Kommissar war nicht zum Flöten gekommen.
Das Auto umbrauste die Ecke und hielt nicht an der Tür. Es stürzte ums Haus herum, als wollte es Hals über Kopf sich in den See werfen. Der Kommissar, in der Aufregung und Enttäuschung alle Vorsicht aufgebend, sprang hervor, ihm nach und sah nun wirklich, daß das Auto in den See hinein verschwand. Es hob sich gleich einem unheimlichen Amphibium über das Mäuerchen, donnerte den Holzsteg hinab und sprang in die Nachtflut.
Da erst pfiff er. Die Beamten liefen von allen Seiten herbei und eine Weile durcheinander. „Ans Ufer!“ brüllte der Kommissar.
Sie sahen kein Auto mehr. Sie hörten schon zweihundert Meter vom Ufer entfernt ein Motorboot in die Finsternis entlaufen. Sie suchten unter dem Steg, das Ufer hinab und hinauf, kopflos und erschüttert, aber vergeblich.
Da erst verstand der Kommissar, was vor sich gegangen sein mußte. Die unendlichen Mühen, Anstrengungen und Hoffnungen eines ganzen Monats waren zerschlagen. Der große Fang war ihm entglitten. Er war so zerdrückt von diesem wahnsinnigen Gedanken, daß er den Revolver, den er nackt in der Hand hielt, unbewußt an seine Schläfe führte, als habe er sein Leben durch das Mißglücken des Unternehmens verwirkt.
Er riß ihn eine Sekunde später wieder weg, und der Schuß fuhr, seine Haare versengend, vergeblich in die Nacht. Auf demSee blinkte ein Lichtzeichen auf. Weiter ein zweites. Der Schuß hatte die Aufpasserboote mobil gemacht.
Da erst erinnerte sich der Kommissar dieser Helfer, die er im Ansturm der Verzweiflung ganz vergessen hatte. „Die Morselampe!“ schrie er. War es möglich, daß er die Boote vergessen hatte?
Die verabredeten Lichtzeichen wurden zu den beiden Booten gesandt: „Flüchtlinge in Motorboot auf den See entkommen!“
„Verstanden!“ blinkte es zurück, und einige Augenblicke später schlugen die Scheinwerfer über das finstere Wasser.
Es ging nicht lange, so hatten sie das fliehende Boot entdeckt, aber auch gewarnt. Denn es war im Begriff gewesen, in sie hineinzurennen.
*
Mabuse und Georg bemerkten sofort die Gefahr. Die beiden Scheinwerfer kamen ihnen entgegen wie die geöffneten Kiefer eines Ungeheuers, das nahte, um sie zu verschlucken. Georg trieb das Steuer nach Backbord, das Boot fiel geneigt in voller Fahrt in die neue Richtung. Das Wasser strömte am Steuerruder auf wie ein Hügel und leuchtete brausend in der Nacht. „Es bleibt nur eins,“ sagte leise Mabuse, „die Rheinmündung!“
Er überlegte kühl und rasch. Er stand wieder in einer Lage, die ihm bekannt war, weil er sie ungezählte Male in Gedanken durchlebt und besiegt hatte. Am deutschen Ufer, an das sie leicht hätten zurückfahren können, war wohl weitab alles gegen sie mobil. Am österreichischen lag nur Bregenz, das die Scheinwerfer leicht auf die Beine brachten. Die Rheinmündung hatte zwischen zwei Ländern ein breites, fast unbewohntes Gebiet. Sie konnten in zwanzig Minuten drüben an Land sein und zwischen Österreich und der Schweiz wählen. Glückte es, das Fahrzeug so gut aufs Land zu bringen, wie es ins Wasser gekommen war, so hatten sie einen Vorsprung, der ihre Rettung sicher machte.
Aber eins der verfolgenden Boote lag weit im See. Es schien die Absicht der Fliehenden zu erraten. Es folgte ihnen nicht direkt.Es glitt über Steuerbord, Fahrt mit ihnen haltend, dem Schweizer Ufer zu, als wollte es im günstigen Augenblick ihnen den Weg verlegen.
Vielleicht wollte es aber auch nur sich zwischen sie und die Schweiz legen. Die Scheinwerfer der beiden Boote schlugen zusammen über Mabuses Boot her. Der Motor schrie. Über dem Pfänder lag ein kaum merkbarer Streifen des kommenden Tages. Schüsse klangen hinter ihnen. Das eine der Boote lag nun in ihrem Kielwasser, blieb aber leicht zurück. Die beiden Verfolger signalisierten durch Morselampen miteinander.
Georg steuerte eine Weile in leichten Zickzacklinien. Das Fahrzeug warf hin und her unter dem oft wechselnden Druck des Steuers auf das Wasser. Georg wollte vortäuschen, als versuchte es, nach der Schweiz durchzubrechen. Aber er war auch von den Scheinwerfern erregt. Es gelang ihm nicht, auch nur auf Augenblicke aus der Lichtbahn herauszukommen.
Das eine der Boote, das ihnen im Rücken fuhr, ging wohl nur deshalb jetzt so langsam, weil es keine andere Aufgabe hatte, als sie unter Licht zu halten und ihnen den Rückweg nach dem deutschen Ufer abzuschneiden? Die Morsezeichen waren geheim. Weder Georg noch Mabuse, die sich sonst auf derartiges gut verstanden, weil sie beide viel auf See gewesen, verstanden sie.
Auf einmal erlosch auf dem Fahrzeug, das steuerbordseits mit ihnen fuhr, der Scheinwerfer. Sie hörten über dem Höllenlärm, den ihr eigener Motor machte, wie die Maschine dieses Bootes gegen vorher um einen Ton heller und näher klang. Ihr eigener Motor stand auf seiner Höchstleistung.
Die Schüsse hatten aufgehört. Über den Geräuschen ihres Bootes erhob sich ein anderer Lärm. Mabuse hielt seine beiden Ohren hin, ihm entgegen, stahlkalt und aufgereckt, grell beleuchtet von dem Scheinwerfer. Er trug noch die Polizistenuniform, die ihm die Flucht ermöglicht hatte.
Die Gräfin hatte anfangs in einer halben Ohnmacht am Boden gelegen. Die Schüsse, das schießende Dröhnen des Bootes, die Eile, die Aufregung der beiden Männer hatten sie nach undnach wach gereizt. Sie begann zu erfassen, was geschah. Sie auch hörte über dem Lärm ihres Fahrzeuges ein zweites Geräusch. Sie richtete sich auf. Sie hob den Kopf über Bord und hielt das Ohr in die Dunkelheit, woher der zweite Ton kam.
„Was ist das?“ fragte sie Mabuse, der neben ihr stand, mit dem Rücken gegen die Fahrt, breitbeinig und sicher scheinend. An die Reeling mit den Händen gestützt, ließ er das Licht des Scheinwerfers auf sich liegen, nur um zu horchen ...
„Nichts!“ zischte er zurück. „Schweig’!“
„Was ist das?“ fragte die Frau noch einmal mit scharfer Stimme, und ein Ton klang auf in dieser Stimme, den sie lange nicht mehr an sich gehört hatte.
Ihr war, als löste sich ein Stein, der ihr Herz eindeckte, langsam in eine breiige Masse auf. Sie gab sich diesem Vorgang, der halb außer ihres Bewußtseins lag, immer heftiger hin. Sie erkannte immer deutlicher, was in ihr zu geschehen im Begriff war. Da schrie sie auf einmal, sprang auf und stellte sich gegen Mabuse: „Jetzt aber! ...“
Und hörte den verfolgenden Ton von See und Nacht über sich herfallen wie ein Glück, das außer Rand und Band geraten war. Sie saugte sich mit den Ohren und mit dem Herzen an das leichte, süße Geräusch ... Sie spürte, wie es sekundenweise stärker wurde. Sie verstand:
Der Verfolger fuhr rascher als sie, kam näher ...
„Was ist: jetzt aber?“ rief Mabuse sie heftig an. „Schweig’ und setz’ dich!“
„Was ist das für ein Ton ... dort?“ fragte sie mit einer singenden Stimme.
„Der Tod ... vielleicht!“ sagte Mabuse ruhig zurück.
„Für dich!“ schrie die Frau über das kreischende Heulen des aufgewühlten Wassers in sein Gesicht. „Ich darf dich abschütteln! Ich werde gerettet vor dir! Der Werwolf wird gefangen. Deine Macht über Menschen und über mich ist aus!“
„Das will ich dir zeigen,“ raunte Mabuse ihr zu, sich dicht über sie bückend.
Dann geschah es, so rasch, daß sie kaum auseinanderhielt, was vor sich ging.
„Georg!“ rief Mabuse. Nur dies eine Wort. Dann zog er sich die Polizistenuniform von den Kleidern und warf sie hin, und schon hatte Georg sie angezogen und stand neben der Gräfin, sich dem Licht des Scheinwerfers preisgebend, Mabuse aber am Steuerrad.
Sie hörte einen Ruf nahe. „Anhalten!“ schrie nochmals eine Stimme aus dem zweiten Ton heraus, der so wollüstig in ihr Ohr gesaugt lag. „Anhalten!“ ...
Eine Kugel zwitscherte. Ein Knall zerspellte die Luft.
Georg schoß zurück. Das Boot schwankte auf. Aber dann hatten es plötzlich zwei hohe Dämme eingefaßt. Wo war der See? Wo war die weite Nacht? Es rauschte. Es kämpfte gegen die Frühjahrswasser des Rheins.
Der Scheinwerfer war verschwunden. Eine sachte, milde Grauheit hob die Flut und die Dämme aus der Finsternis. Sie waren glatt wie Eisenbalken. Eine Brücke stellte sich quer über sie. Der Schall des Motors schoß von ihrem Gewölbe herab auf sie nieder.
Da schlug eine fremde Kraft die Gräfin zu Boden. Das Boot bohrte sich mit einem rasenden Schlag hinten in die Höhe. Aber die Frau wurde aus dem Niederstürzen aufgefangen. Etwas nahm sie hoch. Das fühlte sie noch. Etwas lief. Schreie erstickten in einem roten Nebel.
*
Georg lag an Land. Er hatte einen Arm gebrochen. Er hob mit der gesunden Hand den Polizistenhelm auf und stülpte ihn auf seinen Kopf. Er war von dem Fall leicht betäubt. Aber er hätte fortlaufen können. Dennoch blieb er liegen.
Es dauerte nicht lange, so sah er zwei Revolver auf sich gerichtet. Zwei elektrische Laternen brannten ihre Kreise in seine Augen. „Es ist der mit der Uniform!“ sagte eine Stimme.
Georg blieb ruhig. Er wurde vom Land in ein Boot gerissen, an eine Bank gefesselt. Ein Motor setzte an. Das Fahrzeugraste auf der Strömung hinab. Es fuhr quer dann über den See nach Schachen zurück.
Der Tag begann, als sie Georg den Holzsteg hinaufschleppten. Sie zogen ihn in die Villa hinein und schlossen ihn in einen Raum, der vergitterte Fenster hatte und aus dem er nicht hätte fliehen können, selbst wenn nicht zwei Männer bei ihm geblieben wären.
Der Kommissar sagte: „Das ist er, Gott sei Dank! In der Polizistenuniform! Gott sei Dank!“
*
Wenk stieg um fünf Uhr in der Früh mit dem Wasserflugzeug in München auf und landete zwei Stunden später vor Schachen. Er flog die Treppen hinauf in die Villa Elise und zu dem Raum, in dem der gefangene Räuberkönig seiner wartete ... des Besiegers ...
„Hier ist der Doktor Mabuse!“ schrie ihm der Kommissar entgegen. „Jetzt haben wir ihn, Gott sei Dank!“
Wenk, ganz Musik, ganz Rauschen, Sieg, Kraft und Trompeten, trat in die Tür und sah auf den an den Stuhl festgebundenen Polizisten.
„Wo?“ fragte er.
„Dort ... auf dem Stuhl der!“
Wenk schaute genauer hin.
Schon wußte er: Entkommen! Schon fiel alles wieder zurück in den endlosen, leeren schwarzen Schacht, noch bevor er ein weiteres Wort hörte oder sprach.
Auf einmal sagte der Kommissar: „Aber das ist doch der Poldringer, den wir hier überwacht haben!“
„Ja, das ist der Poldringer!“ antwortete Wenk traurig.
Mabuse war entkommen.
Mabuse trug die ohnmächtige Frau mit hastigen Schritten vom Ufer des Rheinkanals fort in das nächste Haus. Es wohnte ein Rietbauer drin.
„Wir sind verunglückt!“ sagte Mabuse. Dann stellte er sich ans Fenster und überwachte den Weg draußen, der vom Kanal kam.
Als eine Stunde so vergangen war und die Frau die Augen wieder öffnete, sah Mabuse, wie sie aufzuckte, als sie ihn erkannte, und sich, von einem Schrecken gefaßt, fortwandte. Er ging rasch zu ihr und flüsterte, über sie gebeugt, ihr zu: „Wir sind gerettet! Wir sind aneinander geschmiedet!“
Seine Worte legten sich eindringlich und im Flüsterton mit einer heißen Heimlichkeit auf ihr Gemüt. Sie widerstand dem Mann nicht mehr und begann sich zu erheben. Die Bäuerin versprach ihr beizustehen.
Mabuse schaute auf einer Karte das nächste Dorf nach. Dann ging er, sicher, nun nicht mehr unmittelbar verfolgt zu sein. Georg war als Opfer geblieben und hatte ihn gerettet. Schuld daran war die kleine Dummheit der Polizistenuniform.
Das Dorf war nicht ferner als zwanzig Minuten. Es hatte einen Fernsprecher in einem Gasthaus. Mabuse bestellte Kaffee und rief Zürich an. Es kam nach einer halben Stunde. „Wer spricht?“ fragte er.
„Rechtsanwalt Ebenhügel, Zürich!“ wurde geantwortet.
„Ist Spoerri angekommen?“
„Spoerri ist gerade angekommen. Er ist noch hier.“
Spoerri stürzte ans Telephon.
„Spoerri, ich bin verunglückt. Georg ist liegengeblieben. Wir beide gerettet. Kommen Sie gleich mit dem Auto. Bringen Sie ein Reisekleid und einen Reisemantel für meine Frau mit. Ich erwarte Sie um zwei Uhr am Bahnhof von Au im Rheintal.“
„In Ordnung!“ rief Spoerri zurück.
Meine Frau, sagte ich, wohl mit Berechnung und aus Vorsicht ... meditierte Mabuse dann. Aber er lehnte sich gegen dieBezeichnung auf. Sie klang wie eine Fessel. Dann schüttelte er aber diese Vorstellung ab: Sie ist meine Frau, ein Besitz von mir ... Mein! So ist es wahr!
*
Spoerri kam pünktlich ... „Ich fahre Sie durchs Engadin gleich an die italienische Grenze,“ sagte er, nachdem Mabuse erzählt hatte, was vorgefallen war.
Aber Mabuse sagte nur ein Wort dagegen: „Nein!“
„Herr Doktor,“ flehte Spoerri, „in der Schweiz können Sie nicht bleiben. Die Münchener Polizei hat Sie jetzt schon hier angekündigt. Wir kämen nicht bis nach Toggenburg. Eher noch nach Deutschland zurück!“
„Etwas anderes will ich auch nicht! Spoerri, das Leben des Staatsanwalts Wenk steht von heut ab unter meiner Garantie. Sie ziehen sofort meine früheren Befehle an die Beseitigungskommission zurück.“
„Merkwürdige Freundschaften schließt der Herr Doktor, hihihi!“ lachte Spoerri.
„Ruhig! Unter meiner Garantie!“ befahl Mabuse, und sie fuhren durch die flache Ebene zu dem Bauernhaus.
Die Gräfin stieg gleich ein, und das Auto eilte der österreichischen Grenze zu. „Was für Passierscheine haben Sie für uns?“ fragte Mabuse.
„Schweizerische! Nehmen Sie bitte!“
Er reichte die beiden Heftchen, in denen eine Anzahl nachgemachter Stempel ein Vertrauen erweckte, das stets getäuscht, aber nie klüger wurde.
Um drei Uhr fuhr das Auto über die Landstraße Bregenz-Kempten nach Bayern hinein. Fuhr an einem Haus vorbei, in dem in der Nacht nach München gemeldet worden war, daß es vorbeigerast sei, und fuhr aufs Württembergische zu.
Die Reisenden übernachteten in einem Städtchen südlich von Stuttgart.
Abends kam Mabuse nochmals zu Spoerri in dessen Zimmer und sagte: „Für mich gibt es jetzt nur noch ein Ding in Deutschland, in Europa ... den Staatsanwalt Wenk lebendig in die Hand zu bekommen. Lebendig wie eine Fliege in einem Glas. Merken Sie sich das! Die Gräfin und ich bleiben morgen hier. Sie fahren nach Stuttgart und kaufen um jeden Preis einen Flugapparat mit zwei Sitzen. Wir sind hier sicher. Der Wirt hat nicht einmal unsere Namen einschreiben lassen. Wenn also die Polizei kontrolliert, muß er uns verschweigen, sonst bekommt er eine Buße zu zahlen. Haben Sie Kognak da?“
Spoerri erschrak. Seine Marter kam wieder. Aber er hatte trotzdem drei Flaschen mit aus der Schweiz geschmuggelt. „Natürlich haben Sie Kognak da!“ sagte Mabuse, bevor noch Spoerri antworten konnte.
Mabuse trank aus dem Reiseglas, das er stets in der Tasche hatte. Spoerri mußte sich das Wasserglas vom Waschtisch voll gießen.
Mabuse sehnte sich nach einem Rausch, nach einem bleischweren Rausch, der ihn am Hals faßte und unter das Wasser drückte ... als gäbe man ihm einen Mühlstein als Schwimmgürtel.
Er sah, als er die zweite Flasche geleert hatte, daß es nicht ging.
„Haben Sie nicht mehr?“
„Es ist alles. Ich wagte nicht mehr mit über die Grenze zu nehmen!“
Da lachte Mabuse.
„Glänzend. Spoerri hat drei Eisenbahnwagen voll Salvarsan, zwei Wagen Kokain, drei Freudenhäuser voll Mädchen über die Grenze gebracht, aber beim Kognak reicht sein Mut nicht über drei Flaschen hinaus. Leeren Sie Ihr Glas in das meine. Verdient er nicht genug am Kognak?“
Als die dritte Flasche leer war, begab sich Mabuse, klar im Kopf wie zuvor, aber feuriger im Blut, zum Zimmer zurück, das die Gräfin neben dem seinigen hatte. Er war verstimmt. Es war ihm wie einem heißgelaufenen Motor. Alles verdampfte auf den in Glut geratenen Zylindern, und sie waren nicht in Gang zu bringen.
Er trat zur Gräfin ans Bett. „Wir haben einen Vertrag zusammen. Du hast ihn gebrochen. Du warst bereit, mich zu verraten!“
„Ja!“ sagte sie kleinlaut.
Da überfiel den Mann eine mörderische Raserei. Er erfaßte sie aus dem Bett, hob sie, wo er sie zu packen bekam, mit einem Ruck hoch in die Luft über sich, als wollte er sie wie eine morsche Kiste an der Wand zerschellen. Er haßte sie. Sie war die Fleischwerdung aller Schwächen in ihm. Sein Willen war an ihr gebrochen zehn Minuten lang, als das Wachtboot ihnen auf den Fersen war. Und jetzt konnte er sie zerstören und den Kopf, der ihn verraten hatte, an der Wand einschlagen.
Die Frau, mit einem leisen Schrei, sah sich in der Luft hängen und erkannte die Kraft der Arme und die Unbezwinglichkeit des Willens, dem sie anheimgegeben war — — — unentrinnbar! Sie wünschte den Tod. Leise betete sie einen Satz aus dem Ave Maria, den sie behalten hatte aus der Kinderzeit, und wußte, stürbe sie jetzt, so zöge sie den Mann mit in den Tod.
Aber in Mabuse, da er so seine Macht über den Leib der Frau spürte, den er hochgestemmt hielt, kühlte sich unvermittelt der rasende Anlauf. Er hatte wieder den Anschluß an sein Leben, an seine Rettung und ihr Glück. Er ließ sie nieder, fast sanft, und begrub sich in sie mit Taumeln, die seine Adern durchklangen, wie die tausendjährige Eiche im Sturz den Wald.
Die Gräfin blieb mit einer irren Enttäuschung im Leben zurück. Jeden Flecken ihrer Haut fühlte sie erniedrigt, entweiht, verpestet. Und ihr Gemüt floß aus wie ein Bach von Blut ... stundenlang ... die ganze Nacht hindurch ... tränenlos, wo sie nur den einen Wunsch hatte, mit ihren Tränen sich in das Nichts zu erlösen.
*
Am Morgen des nächsten Tages flog Mabuse mit ihr von Stuttgart nach Berlin.
Dort lebte er, eingedeckt in die unentwirrbaren Schlüsse, die die Millionenstadt und seine Bande, deren Instinkte er ausbildete und benutzte, um ihn legten, nur dem einen Ziel entgegen. Eine Vorstellung wuchs wie ein einsamer, machtvoller Baum aus seinem Blut und überragte ihn. Ein Gedanke ließ ihn ununterbrochen in seinem eigenen Gehirn herumkreiseln in taumeliger, alles verzehrender Schnelligkeit.
Dieser Gedanke, die Vorstellung, das Ziel bekamen ihr Blut von dem bösesten und stärksten Trieb, der mit diesem Mann geboren worden war: von der Herrschsucht! Es gab einen Menschen in der Welt, der es unternommen hatte, seinen Wegen zu folgen, der ihn in seinem Land aufgefunden und aus seiner Burg ausgestöbert hatte. Es gab einen Menschen nur, der es gewagt hatte, sein Ziel zu stören, ihn zu einer Flucht zu nötigen, die sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Es war die Schuld dieses Menschen, daß sich ganze Organisationen in seine Rechtsprechung gegen die Menschen mischten, deren Entfernung sein Willen verlangte.
Er hatte der ersten Frau, die ihn bis auf den Grund seines Wesens in Flammen gesetzt, ihren Willen abgerungen gegen alle Macht, die ihre Persönlichkeit gegen ihn aufgeworfen hatte. Das war sein Stolz. Er hatte ihr Dasein, ihre Schönheit, ihre Selbständigkeit, ihre Ausschließlichkeit in die Hand gerissen und an sich befestigt. Das war wie der höchste geistige Ausdruck des Bildes seiner Fähigkeiten. Aber zwischen ihm und ihr gab es zehn Minuten, in denen sie seinem Zwang entfallen war, in denen er auf den Besitz dieses Symbols aller menschlichen und aller männlichen Kraft hatte verzichten müssen. An diesen leeren zehn Minuten, die wie ein Loch unauffüllbar in seinem Leben lagen, war dieser Mensch schuld ...
Seine Flucht mit der Frau aus Deutschland und über den Atlantik bereitete er von Berlin aus so vor, daß nur das Schicksal Tod sie stören konnte. Sein FürstentumEitopomar wartete mit Urwäldern, schwarzen Tigern, Klapperschlangen, in denen der Tod in einer Sekunde verabreichbar war, mit Gebirgen und Wasserfällen, mit wilden Stämmen auf ihn, um ihn von Europa zubefreien ... zu erlösen. Jeder Tag konnte ihn zum Kaiser krönen.
Aber er wäre wie abgestandenes Wasser für den Rest seines Lebens verdorben gewesen, wenn er nicht mit aller Grausamkeit der Herrschsucht und des Hasses diesen Mann an sich gerissen und zerstört hätte. Sein eigenes Leben und das dieses Mannes liefen um die Wette nach Sein oder Nichtsein.
Dieser Mann war der Staatsanwalt Wenk.
Einmal, wie Mabuses Adern schwollen von seinen Plänen gegen ihn, konnte er die Flut nicht mehr von seinem Mund zurückdämmen, und er sagte der Gräfin, die ihn fragte, wann sie Deutschland denn nun verlassen würden: „Ich fange ihn lebend. Ich fange ihn wie eine Meise auf der Rute. Er wird in meinem Leim zappeln. Eher nicht!“
Die Frau wandte sich scheu ab. Sie vermutete nur, wen er meinte. Sie war seit jener Auflehnung und den Hoffnungsaugenblicken auf Freiheit sklavischer ihm verfallen, traumhaft grausamer, dämonischer aufgerührt als zuvor. Sie wagte nicht, etwas zu entgegnen noch zu fragen.
Mabuses Unternehmen gegen Wenk wuchs langsam. Aber Ring um Ring, unaufhaltsam ...
*
Wenk saß in München.
Georg hatte man dorthin ins Gefängnis geliefert. Er spielte den Taubstummen. Seit seiner Verhaftung hatte kein Mensch ein Wort von ihm gehört. Man stellte ihn zusammen mit den Beamten, mit den Kaufleuten aus Schachen, die ihn wochenlang gesehen hatten, mit den Burschen, die er in die Fremdenlegion hatte ausliefern wollen.
Keiner zögerte einen Augenblick, ihn zu erkennen.
Er blieb stumm.
Eines Tages fand man ihn an seinen Hosenträgern erhängt. Er hatte ein Wort an die Wand der Zelle geschrieben, das einGeneral Napoleons nach der verlorenen Schlacht von Waterloo berühmt gemacht hatte.
Die Durchsuchung der Villa Elise brachte wenig zutage. Man fand nur einige Beweise, daß Mabuse die Gelder, die er durch Spiel und Raub gewann, sofort in einer Schmuggelorganisation in mächtigem Stil weiter vervielfältigte. Man arbeitete zusammen mit den Schweizer Behörden, da man annahm, Mabuse halte sich in der Schweiz auf oder habe sie wenigstens durchreist. Wenk fuhr alle vierzehn Tage nach Zürich. Dann und wann packte man einen Nebenmann von Mabuses Garde. Aber alle waren so streng geschult, daß keiner ein Wort des Verrats über die Lippen brachte.
Von Frankfurt kamen Nachrichten an Wenk, daß dort ein Spieler arbeitete, dessen Ähnlichkeit mit Mabuse so groß war, daß er sofort hinreiste. Aber als Wenk ankam, war nichts mehr von dem Mann in Frankfurt zu spüren. Drei Tage später wurde Wenk aus Köln, dann aus Düsseldorf, darauf aus Essen und schließlich aus Hannover alarmiert.
Wenk war immer unterwegs. Es bestand für ihn kein Zweifel, daß es Mabuse war, der so vor ihm davonwich. Er mußte Aufpasser in München haben, die Wenk beobachteten und ihm folgten. Wenk ließ keine Vorsicht außer acht. Er wandte alle Listen an, die er erfinden konnte. Er benutzte Züge, Autos, Flugzeuge für jede Reise durcheinander. Er kontrollierte, als der Verdacht sich nicht mehr abweisen ließ, daß Mabuse unter Wenks eigenen Leuten Helfershelfer hatte, diese aufs hinterlistigste. Er wechselte seinen Chauffeur, seine Haushälterin, änderte Fernsprechnummer und Wohnung, logierte im Hotel, bei Freunden, auswärts.
Sobald er aber in die Stadt kam, aus der der Spieler gemeldet wurde, war dieser spurlos verschwunden und tauchte einige Tage später in der Nachbarschaft auf. Das ganze Reich dehnte das Dasein und Wirken des Räubers schon zu einer Sage aus.
Dr. Mabuse, der Spieler! zog wie eine Ballade, aus der alle Dämonie des tiefsten Widerstandes der Menschen gegen Gesetz und Ordnung in die Phantasien verschwelte, von Ort zu Ort.
Die Polizei schritt in allen Städten gleich zu Massenverhaftungen. Aber sonderte man die Eingefangenen aus dem Netz, so war nie dieser Einzige dabei, um den man alle Verbrecher sämtlicher Gefängnisse hätte laufen lassen wollen. Aber eines fiel Wenk bald auf — die Geographie! Unverkennbar zog Mabuse im Kreis durch das Reich auf Berlin zu.
Wenk erbat von seiner vorgesetzten Behörde Urlaub aus Bayern und setzte sich mit den preußischen Gerichten ins Einvernehmen, die ihn als Spezialisten nach Berlin holten.
Er reiste sofort hin und mietete sich im Zentrum ein. Mabuse sah ihn aus dem Bahnhof gehen und kannte eine Stunde später seine Wohnung.
Nun hatte er ihn hier, wohin er ihn zur Vollendung seiner Rache gewünscht und gelockt hatte. Mabuse hatte in Wirklichkeit Berlin nie verlassen. In allen den Städten, in denen Wenk seiner Spur nachging, waren falsche Mabuses aufgetreten, Leute seiner Truppe, von ihm unterrichtet und abgesandt. München war zu klein für das, was Mabuse vorhatte. Die Abgründe Berlins waren das sichere Jagdgebiet.
Die Jagd begann schon am zweiten Tag.
*
Wenk hatte diesen Tag über mit einem jüngeren Kollegen von der Berliner Polizei seine Akten über den Fall Mabuse durchgesprochen. Sie hatten sich über einen Wirkungsplan unterhalten, waren aber in ihren Gesprächen zu keinem Ergebnis gekommen als zu dem Entschluß, in der ersten Zeit den Spieler selber handeln zu lassen. Ins Blinde hinein nach ihm zu zielen, war höchstens angetan, den Stand des Jägers vorzeitig zu verraten.
Abends, nachdem Wenk in der „Traube“ zu Nacht gegessen hatte, ging er in ein Café und dann, ermüdet von den langen Gesprächen, durch die Taubenstraße seiner Wohnung zu. Da hielt ihn ein Mann an, in einer Haustür, entfernt von der Laterne. „Bitte!“ sagte der Mann.
„Was wollen Sie?“ fragte Wenk unwillig zurück.
„Ist dem Herrn vielleicht Äther gefällig?“
Wenk ging weiter, ohne zu antworten. Er sah, der Mann folgte. Er kam dann aber in das Leben der Friedrichstraße und verlor ihn.
Wenk machte sich bald Vorwürfe, so davongegangen zu sein. Er hätte mit diesem Hausierer der Lasterhaftigkeit sprechen sollen. Denn der kam aus dem Land, in dem Mabuse daheim war. Er wollte wieder zurück, ließ sich aber von seiner Müdigkeit abhalten und ging nach Hause.
Am nächsten Abend kam er denselben Weg von der „Traube“ durch die Taubenstraße. Aber der Mann war nicht da. Wenk verweilte noch hin und her. Wie er dann in die Nähe seiner Wohnung am Gendarmenmarkt kam, trat ihm ein Mann aus einer Haustür entgegen und flüsterte: „Wünschen Sie Nackttänze zu sehen?“
Wenk blieb stehen. Er sagte: „Sie kommen mir gerade recht. Ich bin kein Berliner. Ja, so ein echtes Berliner Nachtleben möchte ich einmal mitmachen. Wo sind Ihre Tänzerinnen? Los!“
„Foljen Sie mir. Ick jeh voran! Und wo ick rin mach, da man fix hinterher vonwejen die Polizei!“
Wenk versprach es zu tun.
Der Mann ging um die Ecke, horchte stehenbleibend, ob er folgte, und ging dann weiter. Auf einmal war der Mann verschwunden. Wenk ging noch einige Schritte geradeaus. Der Mann mußte doch in eine der nächsten Haustüren eingetreten sein. Wenk verlangsamte seine Schritte, als er ihn nicht fand. Er schaute dann spähend rundum.
Plötzlich sagte in seinem Rücken die Stimme des Mannes leis und vorwurfsvoll: „Det nenn ick nu jar nich fix. Sie wollen sich wohl von die Polypen rankriejen lassen. Also man rasch herin!“
Der Mann schob ihn in ein Haus weit zurück, zog ihn in eine Tür. Die Tür öffnete sich in einen finstern Flur. Unversehens und geräuschlos schloß sie sich sofort hinter ihm, und im selben Augenblick war der Flur beleuchtet. Vom Flur ging es in einWohnzimmer, von dort in einen kleinen Saal, der gedrängt voll Menschen saß.
Zwei Herren, nahe der Tür, machten Wenk liebenswürdig Platz.
Der Mann war verschwunden.
Was Wenk sah, war eindeutig und hatte nur Interesse in der Heimlichkeit, in der es geschah.
Er horchte den Gesprächen seiner Tischnachbarn zu. Der eine sagte: „Also mich interessiert daran nur, wie dieser Unternehmer hundert und mehr Personen so jahraus, jahrein in das Haus locken läßt, ohne daß die Polizei es merkt. Nu, sag’ du mir das mal als Mann vom Fach!“
Der andere antwortete in einem fremden Deutsch: „Das weißt du ja nicht, ob das Lokal der Polizei bekannt ist oder nicht. Es gibt solche Anstalten, die die Polizei duldet, weil sie für sie Verbrecherfallen sind, ja geradezu Verbrecherfallen! Bei uns in Budapest ...“
Wenk horchte gespannt zu.
Die Herren zogen ihn in ungezwungener Weise bald selber ins Gespräch. Man nannte sich Beruf, dann Namen.
Der eine der Herren war, wie Wenk aus dem Gespräch gleich vermutet hatte, ein höherer Polizeibeamter. Man traf sich öfter.
Der Ungar erzählte interessante und verwickelte Fälle aus seiner Praxis. Er erzählte von den Lasterhöhlen von Budapest, streifte auch die heimlichen Spielhäuser, die seit Kriegsausgang überall so überhand genommen hätten, und ereiferte sich gegen die immer unverschämter werdende Kühnheit, mit der Verbrecher und Gesindel hervorträten.
Wenk, in einem letzten uneingestandenen Mißtrauen, verhielt sich vorsichtig und behauptete, er sei nur auf Urlaub in Berlin. Seine Tätigkeit liege in München. Aber Berlin, als das größte Sumpfnest, sei gerade für ihn als Münchener Staatsanwalt eine gute Schule.
Wenk streifte das Dasein Mabuses, ohne seinen Namen zu nennen und nur einige seiner grauenhaften und frechen Taten erzählend.
„Wir haben,“ nahm ihm der Budapester das Wort ab, „bei uns jüngst einen ähnlichen Abenteurer festgemacht, und zwar auf eine etwas extravagante und nicht gerade gesetzmäßige Weise. Aber wir kamen anders nicht mehr weiter. Wie bei Ihnen ist auch in Ungarn die Zuhilfenahme der Hypnose als rechtliches Zwangsmittel verboten. Wir hatten den Mann, von dem wir ziemlich genau wußten ... aber Herr Staatsanwalt, Sie verraten mich nicht, doch mich rechtfertigt das Interesse, das Sie solchen abseitigen Existenzen entgegenbringen, beruflich entgegenbringen müssen ... also ziemlich genau wußten, daß er derjenige sei, der eine Bande leitete, auf deren Lasten schon mehrere Morde lagen. Wir hatten ihn, wie gesagt, im Gefängnis. Er stellte sich taubstumm. Wir konnten seine Papiere nicht nachkontrollieren. Niemand kannte ihn. Aber wir waren fast sicher. Das ist eine ganz scheußliche Lage für einen Fachmann, wie? Denn wenn er vor die Geschworenen gekommen wäre, wäre die Gefahr eines Freispruchs aus Mangel an Beweisen Sicherheit geworden. Das wollte mir nun gar nicht schmecken. Ich hatte über ein halbes Jahr drangesetzt, ihn hochzukriegen. Sein Unschädlichmachen war meine Leistung. Da hab’ ich ganz etwas Verwegenes unternommen. Einer meiner Freunde hatte hypnotische Gaben. Er war Rechtsanwalt und hatte manchmal einiges von seinen Fähigkeiten in Privatgesellschaften vorgeführt. Ich überredete ihn, mit ins Gefängnis zu kommen. Er sagte aber: Ich mach’s von draußen! Und wirklich: eine Viertelstunde später wußte ich, daß wir wirklich den Bandenchef hatten, und es wurden mir Dinge verraten, die mir erlaubten, ihn in kurzem an den Strick zu liefern.“
Der Ungar wurde Wenk bei dieser Erzählung unangenehm. Er empfand einen starken seelischen Widerwillen gegen ihn. Aber er konnte sich nicht erklären, was einen solchen Umschwung in seinem Gefühl verursacht hatte. „Interessieren Sie dergleichen mit suggestiver Kraft ausgestattete Persönlichkeiten?“ fragte der Polizeidirektor.
„Ungemein!“ antwortete Wenk.
„Möchten Sie einmal mit meinem Freund zusammenkommen und etwas von seinen Gaben sehen?“
„Ist er denn in Berlin? Gewiß, das wünsche ich aufs lebhafteste!“
„Ja, er ist hier. Er hat seine Praxis aufgegeben und zeigt seine Fähigkeiten öffentlich. Er ist rasch berühmt geworden. Den Namen Weltmann haben Sie gewiß schon gehört!“
Wenk genierte sich Nein zu sagen. Er antwortete mit einem halb unterdrückten: „Gewiß!“
„Nun, dieser berühmte Weltmann ist es. Sie wissen, er ist bekannt, weil er nur eine Hand hat. Die andere liegt in den Karpathen — 1915! Also abgemacht! Ich werde ihn morgen benachrichtigen. Haben Sie Telephon?“
Wenk nannte seine Nummer.
Die beiden Herren gingen dann in ein Haus, in dem Äther, Kokain und Opium zu bekommen waren, im Durchschnitt aber viel handgreiflichere Laster gepflogen wurden.
Am nächsten Tag schon wurde Wenk gerufen. „Hier Polizeidirektor Vörös! Es trifft sich wie bestellt für Sie, Herr Staatsanwalt. In einem Privathaus bei einem Landsmann von uns, über den ich Ihnen lieberentre nousetwas Persönliches sage, gibt Weltmann heut abend eine Soiree. Es genügt, daß Sie den Wunsch äußern, und Sie können sich als eingeladen betrachten. Ohne weitere Formalität. Es ist ein sehr gastliches Haus. Sie werden sich nicht im geringsten als Fremder fühlen. Es sind mindestens sechzig bis siebzig Leute geladen. Ich übernehme alles Weitere, und wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie per Auto um neun Uhr ab. Die Villa liegt etwas weit draußen. Hinter Nikolassee.“
„Ich danke Ihnen vielmals. Sie überhäufen mich mit Liebenswürdigkeiten,“ antwortete Wenk zurück. „Und ich kann es Ihnen gar nicht entgelten.“
„Wir Ungarn halten es immer so. Es macht uns Freude,“ lachte die andere Stimme zurück. „Also es ist abgemacht!“
„Abgemacht!“
Wirklich, wie liebenswürdig die Ungarn sind! sagte sich Wenk. Er fand sich undankbar, daß er auf einmal seine Sympathie fürden Kommissar aufgegeben hatte. Es war ihm peinlich vor sich selber.
Den Nachmittag verbrachte Wenk im Archiv der Kriminalpolizei, wo er zusammen mit dem Herrn, der mit ihm den Fall Mabuse behandelte, die Lichtbildersammlung des Erkennungsdienstes durchschaute. Gesicht an Gesicht zog an seinen Augen vorbei. Er wollte nicht aufhören, bis er die ganze Sammlung durchgesehen hatte, und als er nach Hause kam, ganz ermattet von der langwierigen Arbeit, hatte er gerade nur noch Zeit, den Gesellschaftsanzug anzulegen.