XX

Der Polizeidirektor Vörös war pünktlich.

„Wissen Sie, ich muß Ihnen nun noch einiges über unsere Gastgeber und meine Landsleute draußen bei Nikolassee sagen,“ begann er gleich, als das Auto anfuhr. „Es ist ein ehemaliger Fürst von Komor und Komorek, und er hat eine Tänzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie natürlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, daß er ihnen eines Tages sagte: ‚Gut! Da habt’s ihr euern Fürsten. Ich pfeif’ euch drauf. Von heut an heiß’ ich Komorek.‘ Und ist dann ausgewandert. Reich war er sowieso und nicht von der Familie abhängig. Das einzige, was er noch vom Fürsten hat, ist eine fürstliche Villa da draußen. Sie werden sie ja sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick und apart. Aparter als eine Fürstin. Nur natürlich nicht mehr ganz jung. Haben Sie schon zu Nacht gegessen?“

„Nein!“

„Ist auch nicht nötig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an Delikatessen erleben.“

Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprächig? und ließ den peinlichen Gefühlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf.

Wenk war heimlich erregt. Es war schwül in seinem Gemüt. Die Augen schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr.In ihren Winkeln saß eine unaufhörlich siechende Wundheit, die ihn unglücklich machte. Die tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrückt gehandhabte Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen, obschon es unmöglich zu machen war.

„Läge ich doch in meinem Bett!“ flehte er.

Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar. Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er früher oft gemacht, und er dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und die seit dem Krieg so spärlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine innere Stimmung schuld daran?

„Wir müßten doch eigentlich schon in Nikolassee sein!“ sagte er.

„Ich kenne mich nicht aus!“ antwortete Vörös.

„Früher hatte ich Freunde draußen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber das war ja vor dem Krieg!“

„Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders!“ Dann schwiegen sie.

Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine mehr.

Nach längerem Schweigen sagte Wenk: „Der fährt doch nicht etwa drüber hinaus!“

„Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut aus.“

Wenk nahm das Sprachrohr: „Chauffeur, Sie wissen doch, Nikolassee ... Villa Komorek?“

In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der Tiefe einer Allee.

„Wir sind da!“ sagte der Polizeidirektor.

Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastüren, die sich auf sie öffneten.

Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vörös führte ihn zur Garderobe, die stark mit Kleidungsstücken überfüllt war. Eine Uhr in der Halle schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mühsam mit Zählen nachkommen.

Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fünfundvierzig Kilometer machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwölktes Mißtrauen erfüllte ihn.

Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie auf die große Flügeltür los.

„Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Fürstin bringen!“

Ein Diener zog die Tür auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in einen mäßig großen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bühne klein und halbrund sich aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Stühle und ein Tisch standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal füllten, bewegten sich Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren waren es, und die Damen waren alle auf eine auffällige Art modisch gekleidet.

Da sagte Vörös: „Die Fürstin!“ Er stellte Wenk vor.

„Ihr Freund, den Sie uns ankündigten?“ fragte die Dame mit einem gewinnenden Lächeln. „Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich glaube, wir brauchen nicht in Sorge darüber zu sein, daß Sie den Abend in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem Mann übergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr! ...“

Die Frau trat einen Schritt näher in den Kreis eines der Lichter, die in tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, daß die Frau, die er für sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr Kleid war entsetzlich grell, so daß ererschrak, als sie ihn plötzlich, sich von ihm trennend, mit einem übermäßig freundlichen Lächeln anblickte.

„Mein Gatte!“ sagte sie dann.

„Fürst, grüß’ Gott!“ lärmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse zusammengestellt hatte.

Die Dame des Hauses war verschwunden.

Der Fürst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewöhnlichkeit, war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe, zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprächsstoffe lagen sozusagen außerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen eine Form zu geben. Sonst wären sie unbeachtet liegen geblieben.

Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mäßige Gaben, aber diese feine Sehnsucht nach Form, die die größte Trivialität mit solcher Grazie schaumig macht. Aber wie er aussieht!

Der Fürst leitete ihn in die erste Stuhlreihe.

Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war Weltmann, den Wenk an der Einhändigkeit ja erkannt hätte, nicht zu sehen.

Wenk saß zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien.

Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehänge, und es trat ein breiter, großer Mann mit einem etwas gewölbten Rücken heraus. Er war mit bester Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gästen, die alle im Frack und Dekolleté waren, einen dunkelgrauen Straßenanzug aus englischer Wolle. Man sah gleich, daß die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich Wenk. Trotz des deutschen Namens.

Weltmann hatte denSchnurrbart schwarz und dicht und an den Enden hängend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen,dunkeln Winkeln rasch über den Aughöhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekämmt und umgelegt.

Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte: Die Gaben, die er vor den Gästen der Fürstin und des Fürsten Komorek zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, daß den Gästen Tatsachen nähergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas zu erklären zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklärt werden könne.

Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorführen und jemanden bitten, einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Fürstin sei vielleicht bereit.

Die Fürstin rief: „Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!“

„Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Fürst die Dame!“

Der Fürst sagte ohne langes Besinnen: „Wen soll ich anders bezeichnen als meine Gattin?“

Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die künstliche Hand in auffälliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der Tasche seiner Jacke.

„Frau Fürstin,“ sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt hatte, „habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?“

„Ich wüßte nicht!“ antwortete die Fürstin.

„Diese Uhr hat die Nummer 56403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!“

Die Fürstin zog die Uhr heraus, öffnete den Deckel, schaute und nickte. Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: „Es stimmt!“

„Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!“

Die Fürstin überlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel.

Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zögernd: „Es ist eine Farbe, die Sie in Ihrer Nähe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie ist durchsichtig, also wahrscheinlich voneinem Stein. Ich kann nicht genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett ist dabei!“

„Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk,“ bat die Fürstin, und man sah, daß der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein durchsichtiges Blauweiß umfärbte.

„Welchen Herrn nannte die Fürstin?“ fragte Weltmann.

„Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!“

„Mein Herr, Sie haben,“ sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, „in Ihrer Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65045 der eine und der andere Serie E, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst kontrollieren, ob es stimmt?“

Wenk griff lächelnd nach der Tasche. „Nein,“ sagte Weltmann, „ich habe die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.“

Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Fürstin neigte sich herüber. Er roch das Parfüm ihres Puders. Sie sagte: „Nun, Herr von Wenk?“

Der Suggestor lächelte auf ihn herab und sagte noch: „Sie können den Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe erlaubt. Er ist in München erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen zu lassen.“

Höhnte dieser Mensch ihn in einem Traum?

Er legte alles heraus. Es stimmte alles.

„Genug!“ sagte Weltmann. „Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der Willensübertragung überzugehen. Bitte einen der Herren!“

Jemand kam auf die Bühne. „Ist der Herr Ihnen bekannt, Fürstin?“

„Ja, es ist der Baron Prewitz!“

„Genügt das allen Herrschaften, daß der Baron der Fürstin bekannt ist, um etwa den Glauben an ein Einverständnis zwischen dem Herrn und mir fernzuhalten?“

Es wurde „Ja“ gerufen.

Inzwischen schrieb schon Weltmann etwas auf einen Block so, daß der Baron unmöglich lesen konnte, und warf den leichten Block in den Saal. Er schaute Prewitz an, ganz ruhig und nicht lange. Dann setzte sich Prewitz in eine schleichende Bewegung, verließ die Bühne und ging vorsichtig und langsam von Stuhl zu Stuhl, indem er jedem eine Weile ins Gesicht schaute.

Weltmann rief: „Ich bitte vier Herren oder Damen sich rasch zu mir heraufzubegeben. Rasch!“

Ein Rudel stürzte vor. Drei Herren und eine Dame wurden oben behalten; die anderen gingen zu ihren Sitzen zurück. Der Suggestor setzte sie um den Tisch. Er wies auf ein Spiel Karten, das auf dem Tisch lag.

„Sind diese Dame und die drei Herren der Gesellschaft bekannt?“

Die Fürstin winkte Ja. Viele Stimmen riefen: „Jawohl!“

Prewitz näherte sich allmählich dem Stuhle Wenks.

Weltmann schrieb lange wieder auf einen Block und schaute in kurzen, gedrängten Pausen die vier auf den Stühlen Sitzenden an.

Einer von ihnen sagte plötzlich: „Einundzwanzig oder Poker?“

Weltmann schrieb stumm weiter.

Man einigte sich auf Einundzwanzig und begann gleich zu spielen.

„Es fehlt einer,“ sagte die Dame.

„Ich komme gleich!“ antwortete Weltmann. „Halten Sie die Bank, Gnädigste!“

Inzwischen war Prewitz an Wenk herangekommen. Er schaute ihn lange an, griff ihm dann mit großer Sicherheit in die linke Brusttasche und zog den Browning heraus. Er stellte sich, die Waffe in der Hand, seitlich von Wenk auf.

Weltmann sagte von der Bühne herab: „Weil Sie so unvorsichtig sind, einen nicht gesicherten Browning in der Tasche herumzutragen! Bitte,“ wandte er sich in den Saal, „vorlesen, was ich auf den Block geschrieben habe!“

Jemand las vor: „Der Baron soll die erste Reihe abgehen, Stuhl für Stuhl, und wo jemand einen unentsicherten Browning in der Tasche hat, diesen herausnehmen und sich seitlich damit aufstellen.“

Man klatschte. Weltmann, mit einer kurzen Handbewegung, verbat sich das. Er hielt mit Schreiben ein, reichte der Fürstin den Block hinab und setzte sich zu den Spielenden.

„Seite eins!“ sagte er der Hausfrau.

Sie las es für sich, hielt dann ihrem rechten Nachbar den Block hin und schaute gespannt auf die Bühne. Dort ging folgendes vor sich:

Der Suggestor gewann Spiel auf Spiel. Manchmal schaute er fort vom Tisch, und es war dann Wenk, als zwinkerte er ihm zu, heraufzukommen. Wenk wußte wohl, es war eine Täuschung. Irgendein Licht, das sich so sonderbar in Weltmanns Auge brach, mußte schuld daran sein. Aber er fühlte sich dennoch beunruhigt. Es nistete sich dann, immer stärker drängend, bei ihm die Vorstellung ein, hinaufzugehen und dem Mann von nahe in die Augen zu schauen, um sich zu versichern, daß die blinzelnden Blicke nicht ihm galten. Aber das wäre ja närrisch! sagte er sich.

Er versuchte, den Zwang von sich abzuschütteln.

Plötzlich, ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre, lehnte sich einer der Spieler zurück und sagte mit kurz aufbellender Stimme, wie laut aus einem Traum sprechend: „Was habe ich jetzt getan? Ich hatte einundzwanzig. Da hat jemand gesagt mit meiner Stimme: Ich habe wieder nichts!“

Er griff seine weggeworfenen Karten wieder auf und zeigte ein As, einen Buben und einen Zehner.

„Zu spät!“ sagte Weltmann, der Bankhalter.

Wenk faßte sich an die Schläfen. Dieses Begebnis hatte er schon einmal erlebt. Wann? Wo? Mit wem? Er zersiebte seineErinnerungen. Er quälte sein Hirn ab. Das Bild stand wie eingeschnitten in ihm. Aber es war losgelöst von aller Atmosphäre des Wann und Wo und mit wem?

Hinter seiner Stirn wuchs eine Form auf in einer Gleichzeitigkeit mit dem Nachgrübeln hinter der nicht zu erfassenden Erinnerung, die ihn geisterhaft bedrückte. Die Form ... war es ein Mensch, eine leblose Säule, ein Untier ... er hätte es nicht sagen können ... Da blutete die Form irgendwo, und Wenk sah nun durch die flüchtigen, wie Nebel hingehauchten Bilder dieser neuen Vorgänge, daß die Form einen Mund hatte und diesen Mund plötzlich spitzte und skandierend das Wort sprach: „Tsi ... nan ... fu!“

Dieses Wort erinnerte sich Wenk nun ganz genau aus dem Mund des alten Professors gehört zu haben, der kein anderer war als der Dr. Mabuse, dessentwegen er nach Berlin gekommen war.

Dr. Mab... Dr. Mab... flüsterten die heimlichen Stimmen. Wenk versuchte sich das Bild des alten Professors zu vergegenwärtigen und fand es nicht mehr genau zurück. Nur der Mund ward ihm deutlich, der den Namen der chinesischen Stadt so sonderbar eindringlich gesprochen hatte.

Weshalb, fragte sich Wenk unter dem Strom von Bildern, die aus diesen Erinnerungen aus ihm auftrieben, denke ich jetzt an diesen verkleideten Professor? Weshalb gerade an den Professor und nicht an Mabuse in einer andern Gestalt, zum Beispiel in seiner wirklichen Gestalt, wie ich sie von dem Abend im Saal der Vier Jahreszeiten gut in Erinnerung habe?

Mabuse als Suggestor! Welche Kühnheit! Als öffentlich auftretender Suggestor! Ob Mabuse von ebenso verblüffenden Fähigkeiten war wie Weltmann, und ob Weltmann ein ebenso von Abgründen durchhöhlter Verbrecher war wie Mabuse? fragte sich Wenk. Immer weiter, unklarer und unwirklicher verglitten ihm die Gedanken. Es waren keine Gedanken. Es waren Dunstgebilde, die aus einem Druck dieser zerreibenden Augen da oben seiner Phantasie entströmten und vor seinem Hirn durchtrieben.

Er versuchte und richtete dabei seine Blicke mit zwingender Starrheit auf Weltmann, diesem einen langen, rotblonden Bart umzuhängen, wie jene erste Form, in der Mabuse an seinen Weg getreten war, sie gehabt hatte.

Und da wußte Wenk auf einmal über einen Weg unerkenntlicher Zusammenhänge, woher er die Situation mit dem Spieler kannte, der seine Karten, ohne zu halten, wegwarf, obschon er einundzwanzig und von vornherein gewonnen hatte. Er kannte sie aus der Erzählung des ermordeten Hull. Er hatte sie nach der ersten Unterhaltung mit Hull in seinem Notizbuch wörtlich aufgezeichnet. Sie standen auf einer der ersten Seiten des Buches, das der Chauffeur Mabuses ihm aus der Tasche genommen, als er ihn nachts im Schleißheimer Park abgesetzt hatte. Ja, die Form, an der es blutete, war Hull selber. Sie lehnte sich jetzt über Wenks Stirn wie eine Trauerweide. Leise rannen und raunten die bluttropfenden Blättlein: Von mir ... Hull! Von mir ... Hull!

Da geschah es in dem bewegten Nebelgebäude, das sich in Wenk ruhelos und so vielgestaltig zusammenbaute, daß, wie ein Knochen aus dem astralhaften Schatten, mit dem die Röntgenstrahlen das Gebein aus dem durchleuchteten Fleisch hervortreten ließen, etwas aufwuchs ... ein dunkler Kern, ein wilder, todgeladener Stein ... so schwarz ... ein Mann!

Die Fürstin reichte ihm den Block Weltmanns. Es schob sich in seinen Vorstellungen etwas zurück. Er kämpfte, um die Worte zu fassen, die er las: „Der Bankhalter gewinnt jedes Spiel. Hat einer der Spieler eine bessere Karte als der Bankhalter, so ist er unfähig, gegen ihn zu halten.“

Kaum hatte Wenk das gelesen, so rief Weltmann mitten aus dem Spiel mit einer Stimme, die Wenk wie ein niederbrechender Felsen durchschlug: „Blatt zwei lesen!“

Entsetzt drehte Wenk um. Er las: „Unter der Macht des Suggestors versucht einer der Mitspieler die Karten falsch zu geben und sich ein As nach unten zu legen. Er wird erwischt!“

Da raste Wenk alles Blut ins Herz. Wie eine Lawine riß es ihm durch die Adern. Seine Augen wurden kalt und vereist.Seinen Händen, zitternd, entfiel das Blatt. Eine grauenhafte Erkenntnis wälzte sich über ihn: Das Geheimnis des Falles Told!

Mabuse hatte den Grafen unterhalb des Bewußtseins gezwungen, falsch zu spielen, um ihn vor seiner Frau zu zerstören, die der Verbrecher haben wollte! Das war es, daß die Gräfin damals nachts aus der Wohnung Mabuses kam. Mabuse hatte den Grafen getötet!

Was auf dem Blatt stand, geschah auf der Bühne. Die Dame, die inzwischen die Bank wieder übernommen hatte, mischte falsch und wurde erwischt.

Damit schloß Weltmann dieses Experiment. Er erlöste die vier Leute aus dem Zustand, und sie suchten, verstört und mit Augen, die irgendwo fern sich noch verloren, ihre Stühle wieder auf.

Weltmann schaute auf Wenk herab.

Wenk wußte: Du bist Mabuse!

Die Plötzlichkeit der Erkenntnis hatte seinen Willen gelähmt. Er rang mit sich um Ruhe und Überblick. War er in eine Falle gelockt worden? War der Ungar ein bestellter Zutreiber? War dies ganze, von Siedlungen entfernte Haus, die Gesellschaft drin ... ein Hinterhalt, nur seinetwegen geschaffen?

Langsam kämpfte er sich durch.

Er stand zwischen zwei Polen. Entweder war alles um ihn im Bund mit Mabuse. Dann gab es für ihn keine Rettung. Dann war, was er hier erlebte, die Vorbereitung einer Rache, an deren Ende nur sein Tod stehen konnte.

Oder es war nur ein Zufall, daß er in eine Gesellschaft geraten war, in der ebenfalls durch einen Zufall Mabuse auftrat? Es konnte ja sein, daß Mabuse Ungar war. Es konnte ja sein, daß er früher Rechtsanwalt in Pest gewesen. Seine Beziehungen zu Geheimrat Wendel bewiesen, welches Doppelleben er geführt hatte. Das war also alles nicht von vornherein ohne Übereinstimmung mit der Annahme, ein Zufall habe ihn und den Verbrecher hier zusammengebracht.

Die nächste Frage, über die Wenk Klarheit zu bekommen versuchte, war die, ob Mabuse ihn kannte.

Da sagte er sich, rasch, erbleichend: Ja, er kennt mich. Er hat mich bei Schramms gesehen und in den Vier Jahreszeiten. Das ist sicher.

War dieser Mann so tollkühn und über sich gewiß, daß er trotzdem, ja wie zu einer teuflischen Verspottung Wenks, das aufführte, was Wenk soeben droben auf der kleinen Bühne gesehen hatte ... ihm geradezu Aufschluß über all die Rätsel gab, mit denen er seine verbrecherischen Handlungen eingekleidet hatte ...

An Hilfe der Polizei war nicht zu denken; denn Wenk wußte nicht einmal, wo er war. Aber wenn er den Fürsten ins Einverständnis zöge? Aus der Gesellschaft heraus sich Hilfe holte, um den Mörder dingfest zu machen?

Das aber könnte er nur tun, wenn er der Gesellschaft vollkommen sicher wäre; sonst wäre von vornherein alles verloren. Stimmte es schon mit dem Haus, so war ihm durch Erfahrung bekannt, daß dieser Verbrecher stets von einem Teil seiner Bande schützend umgeben war, und daß dies Leute waren, die vor keinem Teufel zurückschreckten. Um ihn saßen gewiß zahlreiche Helfershelfer Mabuses.

Aber wenn Wenk sich wie unabsichtlich irgendwo an eine Tür machte, hinausginge und im Schutz der Nacht entflöhe, den Gang mit Mabuse für eine Gelegenheit aufsparend, bei der Wenk bessere Waffen zur Verfügung hätte ... Oder wenn er unauffällig ein Telephon aufsuchte, im Hause und die Polizei um Hilfe riefe? Aber wohin sollte er sie rufen?

„Grandios, haben der Herr Staatsanwalt jemals Ähnliches gesehen?“ fragte Vörös.

Wenk vergaß zu antworten. Er hatte die Frage gehört und sich, noch war sie nicht ausgesprochen, vorgenommen, dem Ungarn harmlos und umständlich begeistert zu antworten. Aber der Vorsatz war rasch in der Flut der Überlegungen und Pläne, die ihn durchtobte, davongeschwommen. Er merkte es nicht einmal.

Vörös warf ihm einen raschen Blick zu. Da erbat der Suggestor neue Mitwirkende.

Wenk, plötzlich zu einem Entschluß kommend, wie mit einem Ruck gefaßt, kühl und kühn, eilte selber hinauf als der erste. Lieber den Wolf im Gesicht als im Rücken!

Da sah er, wie der Baron Prewitz, den man vergessen hatte, ihm folgte. Mit automatisch dem seinen angepaßten raschem Schritt sprang er hinter ihm her, den Browning in der Hand. „Sie wagen sich nur unter Bedeckung in mein Land, Herr Staatsanwalt,“ lächelte der Suggestor.

Das ist Hohn! sagte sich Wenk. Er kennt dich!

Wenk verbeugte sich nur, wie um zu sagen, er heule mit den Wölfen. Er stand nun neben dem Suggestor. Die beiden Gestalten maßen sich aneinander. Wenk hatte diesen Werwolf gehaßt und mit der Rachsucht verfolgt, die er dem Feind der Ordnung, in der allein das Volk gesunden konnte, entgegenbringen mußte.

Wie er sich nun aber neben ihm erhob, eine Weile allein mit ihm auf dem Podium, abgesondert von allen andern, und sie beide auf dem Gipfel des Kampfes umeinander standen, war ihm, als seien sie zwei gleich starke Kräfte, die nur nach verschiedenen Richtungen gingen. Die Begriffe Gut und Böse verwelkten an diesem heimlichen Optimismus und fielen ab. Es war nur mehr: Mensch zu Mensch!

Und aus seinem bedrängten Blut stieg etwas wie ein Vertrauen auf die Ritterlichkeit seines Gegners ... ein Vertrauen, das auf einen schwingenden, kaum wahrnehmbaren Instinkt zurückging: sie mußten beide kämpfen stets unter dem Einsatz ihres Lebens. Sie hatten sich wohl einer gegen den andern gewandt; aber das mußten sie sich nachsehen jetzt, in dieser aufs letzte getriebenen, feierlichen, heißen Minute.

Wenn ich schlafen könnte, sagte sich Wenk mit einer innigen und zarten Sehnsucht.

Er sah Weltmann von nahe in die Augen. Er übersah sein ganzes Bild. Es war die aus Muskeln zusammengereckte Gestalt, und Wenk riß in Gedanken den aufgeklebten Schnurrbart weg und die Augenbrauen und die schwarze Perücke, und daruntersah er den kahlgeschorenen, hochgeschwungenen Schädel des Dr. Mabuse.

Wenk hätte ihn jetzt unter allen Verkleidungen erkannt. Er schaute Mabuse ruhig an. Die Blicke des andern flackerten gegen ihn. Die grauen Augen verzehrten sich selber in ihrer Größe und dem kalten Feuer, das sie von sich gaben.

Der Suggestor schien dann eine Weile Wenk nicht mehr zu beachten. Er widmete sich den Heraufkommenden. Kaum hatte einer die Bühne betreten, so machte er unversehens kehrt und begann zurück in den Saal zu laufen. Einer nach dem andern! Ein Dutzend, mehr ...

Die unten blieben, lachten. Der kleine Saal wollte entzweibrechen vor Gelächter. Es kamen immer mehr. Einer machte es wie der andere.

Wenk erfaßte mit einer Hand das Gelenk der andern Hand und fühlte, ob er noch Bewußtsein über seine Nerven und Muskeln hatte. Er wollte widerstehen. Die Aufwallung von Herzensgröße und Edelmut war rasch verkältet. Er haßte, bedrohte, verwünschte jetzt. Er nahm den letzten Kampf auf.

Sein begieriges Blut flammte den Gegner an, überwachend und zugleich auf Selbstwehr bedacht. Irgendwo in seinem Körper klang eine Saite an, wie von einer Mandoline. Er begann dieser sonderbaren Musik hinzuhorchen. Sie war so zart und fern. Aber gleich schlug er sich zurück auf seinen Posten der Wehr und Wache.

Da überfiel ihn ein geradezu wunderbarer Einfall: Wenn er jetzt so täte wie die andern und liefe wie im Zwangstraum, da ... an den Stühlen vorbei ... die Allee von Stühlen, die süße, rettende Allee ... die Tür war offen, groß, verheißungsvoll ... Rettung und Pflicht zugleich ... ans erste Telephon draußen in der Nachbarschaft ... Polizei rufen ... eine glänzende List! und schauen, wie die andern es machten, und es denen gleichtun und harmlos traumumfaßt tuend, zurück in den Saal kommen und warten ... auf die Polizei, die helfende ... Eine wunderbare List!

Ein Muskel schon zog sich in einem Bein an ...

Da rief Weltmann dem Baron streng zu: „Weshalb passen Sie nicht auf? Revolver hoch! Sehen Sie denn nicht, daß dieser Verbrecher fliehen will?“

Er wies auf Wenk, und Prewitz hob den Browning mit einer traumverlorenen Lässigkeit, mit einer Entsetzen gebenden stupiden Gleichgültigkeit. Er hob die Waffe Wenk vors Gesicht. Wenk sah das kleine Loch, und schwarz, tief gefährlich tobte die Hölle da drinnen. Er wußte, die Waffe war entsichert.

„Sie schießen beim ersten Schritt, den er tut, ohne meinen Befehl,“ sagte Weltmann mit einem vieldeutigen strengen Lächeln.

Wieder klang aus diesem furchtbaren Augenblick heraus die feine Zupfsaite in Wenk an, an einer andern Stelle als vorhin. Eine milde, wehmütige, gut gekannte Weise erklang, als bliese sein Vater an seiner Wiege auf einer Flöte ein Schlaflied.

Er horchte hin und er rutschte in diesen paar Blutschlägen, wo er sich so an das Horchen nach den rätselvollen Klängen verlor, zwei Handbreiten von der Wirklichkeit ab, die er noch gerade ganz klar mit der einen Hand am Puls des andern Handgelenkes gespürt hatte.

Die Flöte ward die Zauberflöte. Was rundum diese eine Vorstellung einbettete, ward ein Zaubergarten; eine hohe, wilde Hecke umschloß seine beängstigende Wirrnis. Aber ein Loch in dieser Hecke war offen. War von ganz weitem offen, unbewacht ... der Himmel der Freiheit flutete herein und kam auf ihn zu, wie mit silbernen Zangen aus Äther, um ihn an sich zu reißen und zu befreien.

Und da lief er trotz der Pistole des Barons. Er machte springende Sätze über die Bühne ... der Revolver entsank der Hand des Barons ... Wenk hetzte mit einem Sprung die Treppen hinab. Er durchraste die Allee der Stühle auf die Tür zu, warf die Beine wie ein Füllen, das auf der Wiese den Sommer spürt.

Der ganze Saal brüllte vor Ergötzen über diesen Streich des Suggestors. Aber Mabuse sandte ihm ein Lachen nach, das greulich berstend an den Saalwänden zerschellte.

Wenk lief spornstreichs zwischen den Dienern an der Tür durch, die hinter dem Handrücken mit ernsten Gesichtern lachten. Er lief durch die Halle, die offene Tür auf die Freitreppe, purzelte die Stiegen hinunter, riß die Tür des Autos auf, das dort stand ... Schon sprang das Auto an und war in wenigen Augenblicken in der Allee und der Nacht verschwunden.

Im Saal sagte Mabuse, sein Lachen auf einmal unterbrechend: „Er fährt ins Café Hölle, Ihnen eine Weizensemmel holen!“

Der Schlag, mit dem das Auto anfuhr, warf Wenk in den Polstersitz. Aber kaum berührte er den Sitz, so war ihm, als öffnete sich das Leder. Wenk sank rasch zurück in ein Loch hinein. Etwas schlug über ihm zusammen. Es krachte wie von Eisen.

Da erwachte er aus der Hypnose. Er lag unglücklich und unwissend, wie er hingekommen, den Kopf hintenüber, scheinbar in einer Vertiefung des Rücksitzes. Er wollte sich erheben, verstört, nach Ruhe und Erkennen suchend. Aber er vermochte nicht aus der Vertiefung hochzukommen. Etwas preßte ihn immer wieder zurück. Eine harte, unnachgiebige Fessel lag über ihn mehrfach gekreuzt.

Das Auto fuhr mit einer werfenden Tobsucht. Es schüttelte ihn gegen die Eisenstäbe, als die er bald die Fesseln erkannte, die ihm das Aufstehen unmöglich machten. Sie lagen eng über ihn gepreßt.

Er stemmte sich in einer aufflammenden Verzweiflung gegen sie. Aber er merkte gleich, das war alles vergebens. Das war alles für die Katze! Also war er verkauft und verloren. Er war auf den Leim gegangen.

Mit einem bösen Trotz wandte er sich gegen sich selber: So ist es recht! Der Stärkere gewinnt! So warst du der Schwache!

Weshalb war er der Schwache? Weil er etwas unternommen hatte, das von vornherein den Rand seiner Fähigkeiten überstieg. Ein jeder bescheide sich zu sich selber.

Was hatte ihn verführt, über sich selbst hinaus zu wagen? Weshalb konnte er jetzt, im verlorensten Augenblick, den sein Leben jemals besessen hatte, und der ihm so unglaubhaft schien, daß ein letzter süßer Zweifel, es möchte alles böser Traum sein, ihn nicht verlassen wollte ..., weshalb konnte er seine Gedanken führen wie kleine, kühle, wohlgezirkelte arithmetische Probleme und Lösungen? Was hatte ihn verführt?

Er wußte es. Das Gute in ihm war es gewesen. Die Einordnung in die fließende Macht des Gewissens, das er gegen sein Volk hatte. Er hatte diesem helfen wollen. Und weil sein Gewissen mächtiger war als seine Fähigkeiten, war er dem Verderben entgegengegangen.

Wenn dies Erlebnis seinen Tod am Ausgang hatte, so starb er einen Tod, der edel war. So waren die seelischen Atome, die aus seinem Vergehen in neu entstehendes Leben hineinschwebten, von edler Fruchtbarkeit ... Er lebte im Geist weiter unter den Menschen ...

Der Schall des Motors pochte durch den Wald. Das hörte Wenk.

Was hatte der Feind mit ihm vor?

Das Auto schlug sich mit einer Raserei durch die Nacht wie ein Schiff durch einen Taifun.

Wozu? Wohin brachte man ihn?

Nach München? Aber weshalb?

Wenn man ihn richten wollte, weil er die Wege böser Kräfte gestört hatte und ihnen unterlegen war, weshalb setzte man die Rache noch aufs Spiel, indem man ihn stundenlang verschleppte?

Er sah, die Fenster des Autos waren nicht verhängt. Er erblickte Sterne, die mit bebenden Sprüngen die Scheiben durchtanzten. Nach München kam man nicht bis zum Morgen. Bei Tageslicht aber konnte man es unmöglich wagen, ihn gefesselt hinter unbedeckten Scheiben durch halb Deutschland zu fahren.

Man verschleppte ihn irgendwohin. Wohin? Wohin? flehte er inbrünstig.

Es mochte Mitternacht gewesen sein, als er die Villa verließ. Aber auch das war nicht ganz sicher. Denn er wußte gar nichtsmehr von dem, was mit ihm geschehen war, während er noch mit der einen Hand den Puls der andern gefaßt gehalten hatte.

Da stand eine raum- und lichtlose Kluft in ihm. Er kam nicht hinein und nicht hindurch. Der Puls war das letzte, was er jenseits noch in der Erinnerung erblicken konnte.

Ja, er wurde zur Richtstätte geführt.

Er erinnerte sich mit einer Sehnsucht, die keine Grenzen hatte, und die ihn wie in ein Meer warf, an seinen toten Vater. Mit allen Sinnen und allen Nerven klammerte er sich an diese von einer schreienden Melancholie hingepeitschten Erinnerungen.

Das Werfen seines haltlosen Körpers im Auto durch Stunden zusammen mit der Erregung seines Innern machte ihn krank. Er besudelte sein Gesicht. So wurde er hilflos und verzagt. Sein Gehirn verließ die Kraft, den Vorstellungen genaue Umrisse zu geben. Spuk trieb aus ihm auf. Teufel spielten Ball mit ihm zwischen dem Gaurisankar und dem Aconcagua, ließen ihn fallen und erhaschten ihn wieder, einen Augenblick, bevor er auf dem einsamen Kap der Guten Hoffnung zerschellte.

Dann wieder war ihm, als sei er von einer riesenhaften schwarzen Hand in eine Höhle gestopft worden wie ein Sack. Die Wände der Höhle waren so eng, daß er sich nicht einmal umlegen konnte. Aber plötzlich, langsam und ohne Unterbrechung, begannen die Wände zu wachsen. Sie wuchsen aber nicht auseinander. Sie bewegten sich von allen Seiten mit demselben Maß auf ihn zu. Und vor ihm stand greifbar schon der Augenblick, in dem die Felsen zwischen sich seine Knochen bersten und sein Hirn zerplatzen ließen.

Das Bewußtsein verließ ihn in einem traumähnlichen Zustand, den eine dumpfe, aus der Tiefe gellende, unsichtbare Todesangst beherrschte.

Als er erwachte, lag er ausgestreckt auf einem Ledersitz. Die eisernen Bänder waren nicht mehr über ihm. Aber seine Arme waren an seinen Rücken gefesselt und seine Beine übereinander gebunden. Über das Gesicht war ein breites Tuch mit schmerzendemDruck geknüpft, das ihm den Mund fest verschloß und ihm den Atem schwer machte.

Es war Tag.

Er hörte ein Brausen, das in gleichen Absätzen aufscholl und verklang. Bald wußte er: es ist das Meer!

Ein Mann schaute herein und über ihn. Das Tuch verhüllte Wenk nur ein Auge. Er sah mit dem andern über den Rand der Binde halb die Dinge, die auf gleicher Höhe lagen. Er kannte den Mann nicht.

Der Mann rief einen zweiten an: „Komm! Er ist wach!“

Da kam auch der zweite schauen. Jedoch auch diesen hatte Wenk nie gesehen.

Er hörte die beiden zusammen sprechen. „Es geht auf fünf Uhr. Der Doktor muß bald da sein!“

Der andere antwortete: „Wenn er gesagt hat, kurz nach fünf, so kommt er dann auch! Wir müssen uns parat machen!“

„Sieht man noch nichts?“

Die Männer entfernten sich.

Wenk versuchte, den Kopf zu heben. Aber er sah nicht über den Rand des Fensters. Die Landschaft mußte flach sein. Nur Himmel stand draußen.

„Gib das Glas! Da ist er!“ hörte Wenk auf einmal rufen. Jetzt kommt die Entscheidung, sagte er sich. Er sammelte alle Kraft, den Vorstellungen zu widerstehen, die mit grauenmachenden Fragen seine Phantasie bestürmten und aus dem Dunkel heraus Züge von Bildern zu zerren versuchten, vor denen ihn graute.

Was nun geschah, ging sehr rasch vor sich.

Die Tür des Autos wurde aufgerissen. Hände faßten ihn an der Schulter. Die Schulter lag in der Nähe der Tür. Die Hände zerrten sie hinaus. Seine Füße schlugen schmerzend auf das Trittbrett und dann auf den Boden. Der zweite Mann hob die Beine auf, und sie trugen ihn ein Stück weit.

Da sah Wenk kurz vor sich Dünen. Nur ein paar Schritte waren es bis zu ihrem Kamm. Diesem kletterten die Männer nun mit ihm entgegen.

„Rascher!“ rief der hinten, indem er sich umdrehte und rückwärts in die Landschaft schaute.

Wenk hörte einen Motor. Er wußte, das ist Mabuse, der Motor! Auf einmal baute sich ein lichtes Gewölbe über ihn. Erst nach einer Weile erkannte er, daß es die Tragflächen eines Eindeckers waren.

Die beiden Männer verrichteten alles mit hastigen Bewegungen. Wenk wurde auf den Sand gelegt. Zwei Stricke wurden ihm unter Brust und Armen durchgeknüpft. Ein Mann hob ihn an den Beinen hoch, und auch diese wurden mit zwei Stricken, die irgendwo am Gestänge schon vorbereitet waren, hochgebunden. Ein dritter Strick wurde dann um seinen Leib geschlungen.

Es dauerte nicht lange, bis Wenk erkannte, daß er mit dem Rücken an die Wand der Gondel des Flugzeuges angebunden hing. Er lag da, angepreßt wie ein Paket, das mit auf die Reise genommen wurde. Mit dem freien rechten Auge sah er über den Rand der Binde hinweg, daß das Flugzeug auf einem vorbereiteten Platz über einer sanft ins Meer fallenden Laufbahn stand. An ihrem Fuß lief der Strand weiter. Es war Ebbe.

Ich werde eine Reise übers Meer machen! sagte eine traurige Stimme in ihm. Wie lang ist es seit meiner letzten Seereise her! Der ganze Krieg liegt dazwischen. Aber jetzt kommt für mich erst der Krieg ... erst die Granate.

Aus der Tiefe seiner Muskeln brüllte eine Antwort gegen dieses kleine, wehmütige Stimmlein. Die Muskeln lehnten sich gegen die Fesseln auf. Sein Körper warf sich in den Stricken hin und her. Die Tragfläche bebte unter den Schlägen und schwankte über ihm.

Da neigte sich ein breites Gesicht und ein hochgeschwungener Schädel über ihn, und zwei Augen brannten seinen ganzen Leib an. „So!“ preßte sich ein Laut aus dem Mund des Mannes, der sich über ihn neigte.

Ja, das ist der Feind! Mabuse! durchfuhr es Wenk.

„Steig’ ein!“ rief dann Mabuses Stimme.

Man hörte ein Rauschen wie von Frauenkleidern. Dann stieg aus dem Rauschen eine Stimme ... eine Stimme, die ihm unter dem Fleisch auf die Knochen bebte. Er kannte sie! Das Kleiderrauschen wurde heftig und nah, die Frauenstimme rief: „Was ist das?“

Wenk hörte Entsetzen, Qualen und Grausen aus dieser Stimme und Frage.

„Was ist das?“ rief die Stimme schrill und versagend nochmals.

„Steig’ ein!“ schrie Mabuse dagegen.

Da fragte die Stimme der Frau, diese wohlbekannte, süße und dunkle Stimme der Gräfin Told, wie verschüchtert in sich zurückgesunken: „Was geschieht mit diesem Mann?“

Wenk sagte sich: Sie kennt dich nicht!

„Steig’ ein! Er geht mit auf die Reise! Es ist kein dritter Sitz da! Steig’ ein, rasch!“ rief Mabuse.

Wenk sah, wie Mabuses Arme die Frau erfaßten und über ihn hinweg in die Gondel hoben. Dann stieg Mabuse nach. Er benutzte als Tritt Wenks angebundenen Leib, und wie er im Führersitz saß, keine zwei Finger breit über Wenk, beugte sich Mabuse herüber zu seinem Kopf und sagte mit rauhem Hohn: „Der Herr machen die Reise mit. Wohin? Glück auf!“

„Fertig?“ fragte Mabuse dann rückwärts.

„Alles in Ordnung!“

Der Propeller klopfte, und unversehens rutschte das Flugzeug in die Bahn, und mit dem Augenblick, wo Wenk den Motor stoßen fühlte, waren die Räder schon vom Boden frei, und die Erde fiel unter seinem halben Auge hinab ins Grausige.

Das Flugzeug stieg jäh aufwärts. Es war Wenk, als stünde sein Körper fast aufrecht. In der Gondel wurde kein Wort gesprochen. Die Luft prallte brutal an ihn, als sei sie aus fliegendem Holz. Bald begann ihn zu frieren. Die Kälte schlug ihm durch den breiten Ausschnitt des Frackhemds mitten ins Herz. Er spürte nur, daß die Kälte immer tiefer in ihn eindrang, wie mit wühlenden Messern. Seine Haare waren starr und standenaufrecht. Sie waren wie Nadeln schmerzhaft in seine Haut gestoßen.

Von aller Fähigkeit zu denken war nichts mehr in ihm als eine mit dunklen Farben aufgemischte, fließende Scheibe. Eine kleine, unklare Vorstellung sprang ihm daraus nun wieder in die Hände: als erleide er ein Martyrium und als erleide er dieses Martyrium der Gräfin Told zuliebe, die er einmal geliebt habe, wo es nicht erlaubt war.

Dann fühlte er einen kurzen Fauststoß an seinen Kopf. Eine Stimme fragte roh wie ein Holzknüttel auf ihn hernieder: „Ist Ihnen viertausend Meter hoch genug?“

Nach wenigen Augenblicken fragte es nochmals: „Oder haben Sie sich aus Angst schon vorher verabschiedet?“

Die Stimme ging fort, wie ein Geist. Wenk spürte, wie sich das Flugzeug grade richtete. Als es eine kurze Weile so geflogen war, kam eine Hand an seinen Kopf. Sie riß hastig und mit heftigen Stößen die Binde fort.

Da sah Wenk, wie sich weit über seinen Kopf das Gesicht Mabuses vorbeugte. Er blieb stumm. Aber die Züge waren wie auseinandergerissen von einer Lust, die Entsetzen verbreitete. Die grauen Augen hatten keine Form und keine Iris mehr. Sie waren wie alte verwitterte Steine. Sie waren hart und voll von einem Tod, der sich Wenk gleich einem spaltenden Hieb durch den Körper schlug.

Dann sagte der verdehnte Mund und öffnete sich wie der Spalt einer Klamm, die ins Rutschen kam: „Sie haben gewagt, meinem Weg entgegenzutreten. Sie stehen vor Ihrem letzten Augenblick. Ich habe Ihnen den Knebel vom Munde gerissen, daß ich mich an dem Schrei ergötze, mit dem Sie die viertausend Meter zurück zu Ihrer Welt fallen!“

Wenk hörte die Stimme wie einen über einen Blitz einkrachenden Donner. Er spürte, wie die Hände Mabuses die Stricke an den Beinen lösten. Er zerrte und riß daran. Auf einmal waren seine Beine frei. Sie fielen hinab, einen Augenblick nur, dannhielt der Strick, der den Leib umschlang, sie wieder an. Die Hände rasten um diesen. In kurzen Sekunden war er gelöst.

Wenks Leib im weiteren Fall richtete sich aufrecht, nur noch gehalten von den Stricken, die seine Brust an die Wand anschnürten. Er fühlte plötzlich, daß seine Hände frei waren, und mit diesem Gefühl schlug eine jähe Hoffnung durch sein Blut.

Aus dem Verhüllten seiner Phantasie stieg, wie ein Märchen, prangend, mit Wollust und Sehnsucht beladen, mit Glück durchstrahlt, die Erinnerung, daß er die Schönheit und Menschlichkeit der seinem Ende jetzt so nahen Gräfin Told einmal angebetet und nicht vergessen hatte. Eine wundersame Macht ging von diesem Gefühl aus, das sich im nächsten Blutschlag schon, in der Kraft des letzten Augenblicks vor dem Tod, zu einer unlösbaren Blutsbrüderschaft gesteigert hatte und wie ein Gewölbe voll Stolz und Mut über den wilden Schädel des Mörders hinweg auf der anderen Seite auf das menschliche Herz dieser Frau einen Fuß absetzte.

Er sah, wie auf einmal die Augen der Gräfin irr, wie Vögel, die aus dem Äther abgeschossen werden, über Mabuses weit und gierig vorgebeugten Kopf sich errichteten ... Er sah, wie die Hände aus den Pelzhandschuhen zuckten und weiß funkelten, so nackt, als böte sich ihm ihr ganzer Leib in keuschem, heißem Opfer dar, sich an Mabuses Schulter krallten und ihn zurückreißen wollten.

Aber Mabuse schüttelte die Frau mit einem Ruck seines Körpers zurück. Er hob die Hände mit einer tobenden Wut an den letzten Strick. Sie rissen die ersten Knoten auf ... der Körper Wenks rutschte etwas tiefer ... schlugen Wenks Hände, die nach dem Rand der Gondel irrten, mit geschlossenen Fäusten zurück ...

Da erhob sich ein letzter Widerstand aus einem flutenden Schein von Lebenswillen heraus, und Wenks Stimme brüllte in die Luft hinauf, die das Flugzeug brausend umschwankte: „Der ist der Mörder des Grafen Told. Der ließ ihn falsch spielen! Der gab ihm das Rasiermesser in die Hand, um sich die Kehle zu durchschneiden!“

Eine Faust schlug ihn in den Mund. Er spürte Blut hinter der Zunge fließen, und es schmeckte in diesen vorletzten Augenblicken, in denen er noch sein Leben besaß, voll von einer seinen Geist vulkanisch durchbrausenden Süßigkeit.

Dann war es, als wollte ihn eine letzte Gewalt aus dem Strick stoßen. Ein furchtbares Gewicht preßte sich auf seinen Kopf, rollte über seinen Leib, um ihn abzudrücken. Das Gewicht war grenzenlos, schwarz, von einer tosenden Eile erfüllt.

Aber mit einemmal war das eiserne Gewicht von ihm abgerutscht. Ein Teil löste sich vom Flugzeug ab, unerkenntlich, und versank. Wenks Hände hielten den Rand der Gondel umklammert wie Schrauben. Das Flugzeug schwankte, als sei es von der hohen dünnen Luft betrunken.

*

Es war folgendes geschehen:

Als der Name des Grafen Told durch die Luft klang, wie hergeworfen von der raum- und zeitlosen Höhe, war es der Gräfin, als erwache sie aus einem Traum auf dem Grund eines Moores. Seit jener Nacht, die sie von ihrem Mann gerissen und an den bösen Willen Mabuses gefesselt hatte, war dieser Name von ihr nicht mehr gesprochen und nicht mehr gedacht worden. Er hatte sich in ihr Inneres, tief in das Chaos, aus dem sich ihr Leben nährte, verkrochen. Er war da hineingeschlagen worden von der dämonenhaften Gewalt des Herrschwillens Mabuses, und die Frau hatte es geduldet, in einer Art unbewußter Selbstwehr. Sie wäre sonst ganz und ohne Rettung dem Werwolf verfallen gewesen.

Dort im Innern hatte der Name nun gelegen und gewartet, hatte gelauert, bis er wieder emporsteigen konnte, um ihre Seele zu retten.

Wenks letzter Schrei hatte ihn aus dem Unterdunkel hervorgerissen. Die Gräfin hatte ihn empfangen wie eine erste Waffegegen die geheime Kraft des Mannes, der ihren Willen und ihre ganze Persönlichkeit so lange vergewaltigt hatte. Sie war auf einmal wieder zu sich selber emporerwacht. Das Erstarrte zerschmolz. Die Finsternis, in die sie eingekrallt lag, erleuchtete sich. Es ward Tag in ihr.

Und da bekam sie all die stolze junge Kraft ihres Gemüts wieder in die Hand. Sie geriet in einen Grimm, den Gott ihr einflößte. Ihre Muskeln nährten sich an ihm unüberwindlich. Ihre Hände wurden eisern wie ihr Herz, und sie nahm die erste Waffe, die herumlag, den schweren Schraubenschlüssel, und schlug dem Verbrecher zur Rache und zur Befreiung mit ihm von hinten den Schädel ein.

Mabuse, gerichtet, bekam das Übergewicht und stürzte über Wenk hinüber in die Tiefe, die ihn gleich begrub ...

*

Wenk erreichte mit den Beinen eine Querstange, schob sich blitzschnell hoch, der Knoten über der Brust, gelockert, löste sich von selber. Wenk fiel in die Gondel. Das Flugzeug stürzte schon in irren Schwankungen im Raum. Da bekam Wenk noch rechtzeitig die Hebel zu fassen. Der Motor tobte weiter. Das Flugzeug errichtete sich wieder, und nach einer raschen Orientierung den Motor ausschaltend, ließ es Wenk im Gleitflug zur Erde zurück und auf das Ufer zu sinken.

Es landete an den Dünen der ostfriesischen Küste.

Wenk half der Gräfin aus der Gondel. Sie war bleich, aber bei vollem Bewußtsein. Sie fiel vor ihm nieder und drückte ihr Gesicht an seine Hände.

Er hob sie auf und sagte: „Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet. Wir wollen schweigen! Und versuchen zu vergessen. Trennen wir uns!“

Aber da sagte die Gräfin: „Nein! Ich habe nichts zu verschweigen und nichts zu vergessen. Das Blut, das ich vergießenmußte, kam vom Bösen. Ich habe ihn von sich selber und die Menschen von ihm befreit. Wer kann gegen mich zeugen?“

Wenk schaute sie stumm an. Langsam begriff er. Dann gingen Schauer durch ihn. Wie stolz! wie kühn sie ist! wollte er sich sagen. Aber sein Herz warf Strahlen auf in ihm. Er breitete die Arme aus in einer selbstopfernden und sich hingebenden Gebärde. Das Leben, jung, wiedergewonnen, überstürzte ihn, und in demselben Augenblick brach die von so vielen Geschehnissen verschüttete Liebe wieder auf, die sich nie erfüllt hatte.

Dann stiegen sie zusammen über die Dünen dem nächsten Dorf und wieder den Menschen zu.


Back to IndexNext