Drittes KapitelDie Arbeit in der Fabrik
Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war, umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber, denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die Landstraße vorbei. Von hiernimmt sich die Fabrik fast schmuck aus. Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert.
Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig. Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer, daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden, und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte, ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen. Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub. Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich während der Arbeit ein Blatt davon geholt.
Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver, mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren. Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht.
Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin.
In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte, lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter und freundlicher — gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da schafften — wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte es nicht wenigstens einer sein?
Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöckeder Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte, eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere, jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich, die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag, stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser.
Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundertfünfzig, die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler, öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit, die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird.
In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln.
Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher, die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede, Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler, Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure, andre Handlanger jeder Art und Bestimmung — denn auch unter ihnen herrscht die Arbeitsteilung —, Kutscher und Portier, eine bunte Kette, in derdoch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll, ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird.
Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert, voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen. Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser 120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen, „Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail.
DieserArbeitsprozeßwar schwer, kompliziert, langsam; aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu würdigen.
Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine, etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe von Maschinen gearbeitet.Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale, war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb. Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze, das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken- und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller Tischler blaß.
Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“ zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung unterstand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten.
Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt. Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u. s. f.
Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in derselben Abteilung im Bau begriffen sind — was für den erziehlichen Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus der Hand des Modellmeisters überwiesenengroben Stücke, vermögen der beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen die meisten Stücke noch durch viele Hände.
Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte. Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen — das eine steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen Lineale, Schienen u. s. w. nachtragen, halten und stützen müssen; aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende, einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z. B. die Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen, der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter, deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum Ausdruck kommt.
Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden. Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener. Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen zu arbeitenhatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter 160–170 Mark im Monat haben, während z. B. der Anreißer die Stunde nur 29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte, dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern — wenn ich recht berichtet bin — den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch durchschnittlich jünger als die andern.
Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten, so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen. Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten. Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen, so mit Nuten, Rissen, Einschnittenund Spitzen zu versehen, daß sie für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges, geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist: gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife.
Als eine geradezu bedauernswerte Arbeit aber erschien mir immer die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt nachzubohren — alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche Charakterbildung möglich?
Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen, geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs, immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das elfte und zwölfte mal noch vergeblichzusammenzupassen. Die glatten Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren, mußten — eine schwere Mühe — mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd, liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer, Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal.
Auch hier waren Schlosser und Monteure stationiert, und ein andres Stück Arbeit begann. Denn nicht sofort arbeitete die neue Maschine. Viele male wurde versucht, der Gang genau beobachtet, die kleinsten Störungen bemerkt, ihre Ursachen beseitigt, hie und da nachgeholfen — bis endlich eine tadellose Funktionierung des neuen Werkes erreicht war. Dann noch eine letzte Hauptprobe vor dem Direktor, dem Werkführer und dem Monteur, der sie gebaut hatte, und sie wurde den Händen der Lackierer überantwortet, die dem schwarzen Ungetüm ein freundliches, glänzendes Gewand gaben, und von denen die Packer als die letzten sie in Empfang nahmen.
So viel schwieriger und langwieriger diese Arbeit der Schlosser auch war, so viel höher muß eine ethische Würdigung sie über diejenige der Maschinenarbeiter stellen. Dort ist Schablone, hier Freiheit. Dort ewige Teilarbeit, hier organisch fortschreitende Thätigkeit, deren Produkt zuletzt ein geschlossenes Ganzes darstellte. Wohl kommt auch hier mancher öde Auftrag zwischen hinein, manche Stundelangweiligen Feilens, Meißelns, Bohrens; aber das ist nicht die Regel, und es dient der andern gehaltvollern Arbeit und bringt, vollendet, erfreulichen Fortschritt. Es erregte wirklich Freude und Befriedigung, wenn nach langem, mühsamem Probieren das bearbeitete Stück endlich saß, die Welle gleichmäßig im Lager lief, der Hebel leicht arbeitete, die Flächen fest aufeinander schlossen. Wie oft habe ich solche Freude an jungen und alten Schlossern beobachtet, wenn sie es mir, sobald ich davon sprach, auch nicht immer eingestehen wollten. Daß immer in derselben Gruppe mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in Arbeit und in verschiednen Stadien ihrer Vollendung begriffen sind, war, wie gesagt, nur eine neue Ursache, das Interesse an der Arbeit zu vermehren. Denn wenn der Mann, je nach dem Stande der Vorarbeiten, ein paar Tage an dieser Maschine, dann einige Stunden an jener, wieder einen Nachmittag an einer dritten zu arbeiten hatte, so zwang ihn das zu doppelter und dreifacher Aufmerksamkeit, bei der Sache zu sein, die in Arbeit befindlichen Teile nicht zu verwechseln und die ganzen Maschinen miteinander zu vergleichen. Und das ist so förderlich und bedeutsam, daß dadurch auch das sonst so nachteilige Prinzip der Arbeitsteilung, das selbstverständlich innerhalb der Montagen ebenfalls im Schwange ist, für den einzelnen Mann seine schlimmen Folgen fast völlig verliert. So geht aus allem hervor, daß für den ethischen Charakter der Arbeit unsrer Schlosser, ebenso wie der Tischler, der großkapitalistische Fabrikbetrieb nicht nur nicht schädlich war, sondern geradezu einen Fortschritt bedeutete. Denn er hob beide Berufe über die handwerksmäßige, beschränktere Art des kleinmeisterlichen Betriebes zu höhern Aufgaben empor und machte sie der eigentlichen Kunstschlosserei und Kunsttischlerei nahe verwandt.
Auf andre, gleich alte und ehrwürdige Handwerker hatte dagegen derselbe Betrieb die gerade entgegengesetzte Wirkung. Berufe, wie die der Maler, Sattler, Schmiede, Klempner und Zimmerleute, waren in unsrer Fabrik zu bloßen Hilfsberufen degradiert. In andern Fabriken werden es wieder andre, vielleicht gerade die der Schlosser und Tischler sein — das wird sich je nach dem richten, was produziert wird. Jedenfalls aber gilt nach meinen Erfahrungen für sie alle dasselbe, was oben über den sittlichen Wert der Arbeit der Stoßer, Bohrer, Dreher und Hobler gesagt wordenist. Auch für sie gab es im ganzen nichts als langweilige, unbefriedigende Flick- und Teilarbeit. Die Maler hatten bei uns immer nur die Maschinen mit derselben graugrünen Fabrikfarbe zu lackieren, die Schmiede immer nur einzelne meist sehr einfache schmiedeeiserne Stücke und sonst ebenso wie der Klempner nur Reparaturarbeiten zu liefern, die Sattler immer nur Treibriemen in die gewünschte Länge umzuflicken, und die drei Zimmerleute standen ausschließlich dem Packmeister zur Verfügung, für den sie nichts als Kisten und Gestelle zur Verpackung der bestellten Maschinen zu nageln hatten.
Freilich wurde — und damit komme ich auf das Gesamturteil über die Arbeit in unsrer Fabrik — bei ihnen wie bei jenen andern niederern Arbeitskategorien der Bohrer, Hobler, Schlosser und Dreher die schlimme Folge dieser Teilarbeit durch den Gesamtcharakter gerade unsers Arbeitsprozesses wesentlich gemildert und auch ihre Thätigkeit ethisch vertieft. Denn dieser Prozeß beruhte bei uns auf dem Prinzip der Arbeitsbeteiligungallerandemselbeneinen Arbeitsprodukte. Vom Meister und Monteur herab bis zum Packer und Transporteur, schaffte jeder einzelne mit an dem gleichen Objekt, an einem einzig sinnvollen Ganzen, dem komplizierten Kunstwerke einer Werkzeugmaschine. Damit aber blieb einmal das Bewußtsein gegenseitiger Unentbehrlichkeit und Verantwortung unter allen rege, und zweitens das Interesse auch des einfachsten Schablonenarbeiters und Handlangers an dem Ganzen lebendig. Denn jede einzelne Arbeitskategorie war für den Arbeitsprozeß notwendig, jede einzelne mit ihrem Pensum auf die prompte, akkurate und verständige Leistung der andern angewiesen. Man wußte genau, wieviel z. B. für die Schlosser darauf ankam, daß der Bohrer genau nach Vorschrift bohrte; man sah, wieviel Mühe es allemal kostete, Sachen, die einer verpfuscht hatte, wieder gut und brauchbar zu machen; und man fürchtete die berechtigten Vorwürfe und Klagen der Arbeitsgenossen, die einen in solchen Fällen zu unangenehmer Verantwortung zogen. So orientierte man sich lieber in zweifelhaften Fällen über Bestimmung und Zweck des Stückes und verrichtete auch die langweiligste Teilarbeit nicht ganz ohne Aufmerksamkeit und Überlegung und mit verständnisvoller Rücksicht auf die Zusammensetzung der ganzen Maschine. Und indem so fast jeder der 120 Mann an dem Gelingenfast jeder Maschine, die aus unsrer Werkstatt hervorging, seinen Anteil und sein Verdienst hatte, kam es, daß auch ein jeder, selbst der schlichte Handarbeiter, der Teile und Ganzes fünfzehn, zwanzigmal transportiert hatte, ihre Bezeichnung und allgemeine Konstruktion mehr oder weniger genau sich klar zu machen suchte, und daß der und jener, wenn das Kunstwerk fertig und zum erstenmal im Gange war, mit prüfendem Auge und innerer Befriedigung hinzutrat, um die Stücke zu suchen, die sein Hobel geglättet, sein Bohrer durchbrochen, sein Meißel getroffen, seine Hand mühsam hin und her geschleppt hatte. Wohl den meisten war der heilsame Einfluß dieses ganzen gemeinsamen Arbeitsprozesses nicht bewußt, aber er trat mir immer sofort deutlich vor die Augen, wenn mich der Zufall, die Neugierde oder ein Auftrag einmal in die Säle der Stickmaschinenfabrikation führte, in der ganz anders als bei uns die Thätigkeit vieler Arbeiter in allersimpelste Schablonenarbeit auseinanderfiel, ohne daß der Betriebsorganismus, den sie hatten, denselben Vorteil und Ersatz hätte bieten können wie der unsre. Hier gab es Arbeiten zu verrichten, von denen man mit Recht sagt, daß sie aller sittlich erziehenden Momente, wie sie die evangelische Auffassung der Arbeit fordert, bar sind, bei denen der Mann, selbst wenn er es wollte, gar nicht die Möglichkeit hatte, Streben, Sorgfalt, Fleiß zu beweisen, anzuwenden, was er gelernt hatte oder für gut hielt, wo er vielmehr willenlos, gedankenlos, kraftlos nur immer dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle durch immer dieselbe Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen oder nichts als Maschen, immer Maschen zu zählen hatte, Tag um Tag und elf Stunden an jedem — Arbeiten, die für einen strebsamen, vorwärtsdrängenden Mann in der That kein Gottesdienst mehr sind, sondern Höllenqual. Freilich auch in jenem andern Teile der Fabrik gab es solche Arbeiten noch nicht so massenhaft, wie wir sie in andern Industrien kennen, aber immerhin zahlreich und ausgeprägt genug, um den Kontrast gegen den Charakter unsers Arbeitsprozesses scharf hervortreten zu lassen, der bei allen vorhandenen Schwächen und Nachteilen doch wenigstens den einzelnen Mann nicht äußerlich und innerlich isolierte und ihn in eine rührige Arbeitsgemeinschaft hineinstellte, die ihn trug, erhob und ihm auch eine mühselige Teilarbeit erträglicher machte.
Aber vor einem großen sittlichen Schaden behütet die Leute auch dieser so hochstehende Arbeitsprozeß nicht wie wohl überhaupt kein großindustrieller Betrieb in der heutigen Form der Organisation: nämlich vor einer gewissen Unselbständigkeit des Charakters, die immer da eintritt, wo der Arbeiter nicht imstande ist, über sein Arbeitsprodukt auf dem Markte frei zu verfügen. Es fehlt ihm, was auch der einfache Handwerksmeister noch besitzt oder doch bis vor Jahrzehnten besessen hat, die persönliche Verantwortlichkeit für die Verwertung und den Vertrieb seiner Produkte. Der Arbeiter in der Fabrik, auch in der unsern, stellt die ihm aufgetragene Arbeit her; aber in dem Moment, wo er sie dem Monteur, dem Meister, dem Direktor abliefert, hat er kein Verfügungsrecht und nicht den geringsten Anspruch mehr darauf; sie existiert nicht mehr für ihn, wie er nicht für den wirtschaftlichen Markt, auf dem sie zum Verkauf kommt. Hierin befindet sich jeder großindustrielle Fabrikarbeiter, mag er noch so tüchtig und alt sein, immer und ewig auf dem Niveau des frühern Handwerksgesellen; darin liegt die Ursache der dauernden schülerhaften Abhängigkeit von dem Leiter der Fabrik, der an seiner Stelle seine Arbeit auf den Markt bringt und für ihn das Risiko des Verkaufs übernimmt, damit zugleich aber für ihn einen der wichtigsten Faktoren beseitigt, durch den auch die schlechteste Berufsarbeit eines Mannes noch anregend und interessant und das Haupterziehungsmittel eines geschlossenen Charakters, einer befriedigenden, ihres Lebenszieles klaren Persönlichkeit wird. Es fehlen die Sorgen um die Verwertung seiner Arbeiten, die Freude daran, wenn sie gelungen ist, der Stachel und Ehrgeiz, die rechten und besten Wege für ihren Absatz zu finden. Gerade das aber reift, klärt, stählt den Willen, den Charakter, die geistige Fähigkeit des Mannes, macht ihn erst zu eineeinem ganzen Manne. Jetzt aber ist an diese Stelle, wie gesagt, die schülerhafte Abhängigkeit getreten, die nicht sich, sondern immer einem Höhergestellten und immer nur diesem Einzigen verantwortlich ist; gegenüber seiner Gunst sind Geschick und Glück, gegenüber seinem Willen und Machtwort, seiner Anordnung und Verfügung ist der eigne gute Wille, ist die eigne, selbst die größte Geschicklichkeit minderwertig, und das Selbstbestimmungsrecht im Beruf und der künftigen Existenz jetzt null und nichtig. Soist es nur natürlich, daß der Arbeiter sich mit andern bald gleichgiltigen nebensächlichen, kindischen Dingen, bald wieder mit zu schwierigen, seinem Fassungsvermögen fernabliegenden Problemen zu beschäftigen oder sich ins Vergnügen oder politische Radauleben zu stürzen sucht. Jedenfalls aber macht es ihn unnormal und prägt seinem Charakter den Stempel innerlicher Unfertigkeit auf, den ich auch an meinen Arbeitsgenossen zum Schaden für ihre sittliche Lebensführung bemerkt habe. Und also beseitigt, wie sich mir dies bei uns deutlich und täglich zeigte, der großkapitalistische Fabrikbetrieb selbst gerade das, was heutzutage noch eine große Majorität zu Verfechtern des individualistischen Wirtschaftssystems macht, die Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Berufsarbeiters, seine männliche Selbständigkeit vor der Öffentlichkeit des Wirtschaftslebens, die Möglichkeit des persönlichen Risikos, die Freiheit der Produktion und der Selbstgestaltung der eignen Zukunft und damit edeln Ehrgeiz und starkes Streben.
Und diese verhängnisvolle, im technischen Großbetriebe notwendig wurzelnde Wirkung wurde durch dieArbeitsordnungnoch vermehrt, die bei uns in Geltung war. Diese im Folgenden darzustellen, ist meine nächste Aufgabe. Sie war, nebenbei bemerkt, in einem Büchelchen von dreizehn Oktavseiten im Druck erschienen und wurde jedem in die Fabrik neu eintretenden Arbeiter eingehändigt unter der Bedingung der Zurückgabe beim Austritt aus der Fabrik.
Ich beginne der Vollständigkeit wegen mit der Arbeitszeit, deren schon früher erwähnt worden war. Sie dauerte also von früh 6 Uhr bis mittags 12 Uhr, und von 1 bis 6 Uhr nachmittags. Montags, oder überhaupt an jedem ersten Arbeitstage einer neuen Woche erfolgte der Beginn morgens eine Stunde später, erst um 7 Uhr, eine von allen dankbar empfundene Erleichterung, für viele, namentlich junge Leute, die des Sonntags sich austollten, die Sonntagabend bis 12 Uhr auf dem Tanzboden und den Rest der Nacht oft bei ihren Mädchen zubrachten, die Möglichkeit, nun wenigstens ein paar Stunden noch schlafen zu können und nicht ganz übernächtig und kraftlos die Arbeit der neuen Woche anzutreten. Auch am Sonnabend war eine Stunde gestrichen. Da wurde schon um 5 Uhr nachmittags Feierabend gemacht. Sonstfand eine Unterbrechung dieser Arbeitszeit nur am Vormittag zwischen 8 und 8,20 Uhr statt, wo das Frühstück, das ich bereits schilderte, genommen wurde; die Nachmittagsvesperpause war beseitigt, um die Leute schon 6 Uhr nach Hause schicken zu können. Abweichungen von dieser Arbeitszeit fanden, so lange ich der Fabrik angehörte, nicht statt. Doch war in dieser Zeit mehrmals unter den Arbeitsgenossen von in Aussicht stehenden Überstunden die Rede, wenn die Nachricht von neuen umfangreichen Maschinenbestellungen, die gemacht seien, aus dem Kontor in die Arbeitsräume drang. Solche Gerüchte wurden nie mit Befriedigung aufgenommen und kolportiert; denn in dem Falle, daß sie sich bewahrheiteten, traten zwei Absätze unsrer Fabrikordnung in Kraft, diealleArbeiter ohne Widerrede zur Übernahme solcher Überstunden bei dem gleichen Stunden- und Akkordlohne zwangen und folgendermaßen lauteten: „Abweichungen von der gewöhnlichen Arbeitszeit werden durch Anschlag bekannt gemacht“ und „Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zu vereinbartem Lohne auch nach Feierabend zu arbeiten.“
Dagegen hing es vom freien Willen des einzelnen ab, Beschäftigungen an Feiertagen zu übernehmen. Auch sie fanden in meiner Anwesenheit in bemerkenswertem Umfange nicht statt; übrigens erschwerte sie auch das sächsische Gesetz über das Verbot der Sonntagsarbeit erheblich. Die Überstunden- und Sonntagsarbeit, die in jenen Sommermonaten vorkamen, beschränkten sich infolgedessen auf das geringe Maß der notwendigen Reparaturarbeiten und auf Hilfsdienste der einen Hälfte der Arbeiterschaft an einem Sonn- und Montage, an dem die jährliche Inventur stattfand. Hierzu wurden die Leute befohlen, zu jenem die verwendet, die sich freiwillig anboten. Nur einmal erlebte ich einen Fall, in dem die angebliche Freiwilligkeit nackter Zwang war. Das war an einem Sonnabende, als vier Mann von uns dem Maschinenmeister zu einer plötzlichen, gründlichen Reinigung der einen großen Dampfmaschine zur Verfügung gestellt wurden. Ich gehörte zu den vieren und hatte an dem Abend gerade den Besuch einer wichtigen sozialdemokratischen Versammlung vor. Da aber die Sache, wie der Meister schlauerweise vorgab, nur eine Stunde dauern sollte, trat ich mit an. Doch zeigte sich sofort, daß die Arbeit dreimal länger währen würde. Eine Stunde machte ich mit, dann bat ich, mich zu entlassen, und nur mit derallergrößten Mühe erreichte ich mein Ziel. An meine Stelle wurde ein Bohrer kommandiert, der um diese Zeit mit sechs andern vom Kehren und Aufräumen des Fabrikraums kam, das allsonnabendlich von diesen sieben Freiwilligen besorgt wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, mein Nachfolger zu sein, dennoch blieb er. „Was will man machen?“ sagte er. „Man kann es ja doch nicht mit dem Meister verderben.“ Übrigens fanden jene schon genannten sonntäglichen Reparaturarbeiten, wenn sie sich nötig machten, immer während des Vormittags und des Gottesdienstes statt. Die beiden einzigen aber, die ohne Unterbrechung an jedem Sonntagvormittage kontraktlich vorgeschriebene, vom Betrieb notwendig geforderte Arbeit zu thun hatten, waren die beiden Maschinenwärter, die ihre Maschinen nur in diesen Stunden putzen konnten, in denen sie außer Gang waren.
Unsre Arbeit wurde uns teils durch Stunden- teils durch Akkordlöhne bezahlt, deren Höhe meist beim Eintritt in die Fabrik gewöhnlich vom Meister, selten durch den Direktor selbst bestimmt zu werden pflegte. Der Stundenlohn überwog in unsrer Abteilung. Jenen verderblichen Gruppenlohn aber, bei dem ein oft ganz ungeschickter und gar nicht berufsmäßig vorgebildeter, nur äußerlich gewandter und geschmeidiger sogenannter Akkordmeister für die Herstellung einer Maschine oder eines andern Produktes eine bestimmte Summe erhält, von der er nun die ihm zugewiesenen und von ihm nur beaufsichtigten, nicht einmal bei der Arbeit unterstützten Arbeiter häufig so zu lohnen pflegt, daß ihm der Löwenanteil der Summe zufällt, also mit nackten Worten das englische Schwitzsystem in deutschem Gewande, gab es meines Wissens bei uns glücklicherweise gar nicht. Und ein Widerwille gegen den Akkordlohn war auch nicht, höchstens bei einigen sozialdemokratischen Prinzipienreitern, vorhanden, wäre in unserm Falle auch die reinste Thorheit gewesen. Denn die große Gefahr, die die Akkordarbeit in sich birgt, und die sie auch, wie mir von Arbeitsgenossen erzählt wurde, thatsächlich in einer der andern großen Chemnitzer Maschinenfabriken haben sollte, daß die Arbeiter während der ganzen langen Arbeitszeit durch das Akkordlohnsystem bis aufs Blut angestrengt würden, wurde bei uns durch das glücklich gewählte nicht zu langsame und nicht zu schnelle Arbeitstempo vermieden, das in der ganzen Fabrik herrschte und seinerseits viel dazu beitrug, daß auch die nüchternste Teilarbeiterträglich wurde. Ohne daß gebummelt und gefaulenzt wurde, war doch dem Einzelnen einigermaßen so viel Freiheit und Spielraum gelassen, daß er sich in dieser Stunde einmal nach seinen zufälligen Bedürfnissen etwas Zeit nehmen konnte, um es in einer andern bessern Stunde wieder nachzuholen. Und das galt noch viel mehr gerade von den in Akkordlohn stehenden als von der andern Lohngruppe. Ich weiß, daß ein paar Stoßer, die sehr gute Verdiener waren, in der ersten Hälfte der vierzehntägigen Lohnperiode fast nur mit Auswahl und nach Belieben an ihrer Maschine fleißig waren und sich erst in der zweiten Hälfte recht ins Zeug legten. Von andern, die im Stundenlohn arbeiteten, wurden diese Akkordlöhner fast immer beneidet; ein Bohrer hatte es zu seiner großen Befriedigung und seinem pekuniären Vorteil noch kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik durchgesetzt, daß er künftig im Akkordlohn beschäftigt wurde, was mir andre später noch mehrmals ostentativ erzählten. Und ein gewandter, mir befreundeter Schlosser klagte mir mehrmals über die Langweiligkeit seines Stundenlohnes und sehnte sich herzlich nach Arbeit im Akkordlohn, da man da mehr Abwechslung im Verdienen und auch Aussicht auf mehr Verdienst hätte.
Daß die Auszahlung der Löhne aller vierzehn Tage stattfand, sagte ich bereits. In der Fabrikordnung war die Bestimmung so formuliert: