Kapitel I

Kapitel I

Er hatte so sonderbare Augen. Die Farbe hatten sie von der See. Und er sah sie auch fast immer an, die wogende, atmende, in ihrer Unruhe ewig ruhende See — wenn er im Riedgras lag. Und er lag dort oft. Mit den andern Kindern auf dem Hof hatte er wenig gemeinsam. Er spielte lieber mit der See. Er lief mit bloßen stämmigen Beinen hinein, und wenn die großen grünen Wellen gelaufen kamen, riß er aus.

Oder er watete von fern hinter den Krabbenfängern her, wenn es silbern von ihrem Netze traufte und sich die Ufer tief im Wasser spiegelten.

Oder wenn die See ihr Lied sang und in eintönig platschendem Jubelton auf die Steine schlug, dann saß er auf den Steinen und sang auch, — sang ein Lied nach dem andern.

Aber wenn die Sonnenstrahlen heiß zwischen dem storren, blauen Strandgras lagen, war er dort. Und er sah in die See hinein mit seinen großen, ernsten Augen. Die Ostluft streichelte ihm die Backen warm und salzkräftig. So still saß er, daß die Möven seiner nicht mehr achteten. Sie schimmerten in der Luft wie weiße Blitze, und wenn sie ins Wasser tauchten, gabes einen silbernen Ring. Ihr Schrei klang wild und frei und unbarmherzig wie das Meerlied. Dann sah er sich nachdenklich nach ihnen um, wenn sie so jäh aufschrien, und dann lachte er leise.

„Lars! Lars!“ rief die Mutter, aber er rührte sich gar nicht. — Sie wußte aber lange, wo er zu finden war. Sie wurde auch nicht zornig, wenn sie rufend fast über ihn stolperte im langen Riedgras. Sie zog ihn nur in die Höhe und hielt ihn fest am Handgelenk, wenn sie wieder nach dem Hof hinauf ging.

Der Hof hatte ein überhängendes Strohdach und weiße niedere Wände. Mitten zwischen den Gebäuden stand ein Brunnen. Dort plätscherte und klatschte und murmelte ein Wasserstrahl, besonders des Nachts hatte er viel zu sagen. Wenn Lars nicht am Strande war, unterhielt er sich mit dem Wasserstrahl.

Lars’ Vater stand mit der Pfeife im Mund an der Haustür. Dort stand er fast so oft, wie Lars am Strande saß. Und wenn Mutter ihn rief, lachte er freundlich, aber er kam auch nicht.

Christian Asmussen war überhaupt ein freundlicher Mann. Die Leute mochten ihn fast alle gern. Sie fanden auch, daß er ein hübscherMann wäre mit seinen freundlichen blauen Augen. Nur ein wenig dick und ein wenig rot und gedunsen war er geworden. Aber wovon das kam, wollten sie nicht so gern sagen; denn sie hatten ihn eben alle gern. Auch die kleinen Leute mochten ihn wohl leiden, denn er vertrat oft ihre Sache, und für den Armen saß ihm das Geld lose in der Hand. Darum sahen sie auch an dem großen Loch im Strohdach vorbei, das sie nun schon fünf Jahre kannten. Und daß jedes Jahr ein paar Kühe weniger auf der Koppel gingen, wollte man nicht recht bemerken. Man lachte nur, wenn Frau Asmussens ernstes Gesicht mit den ängstlichen Augen abends im Kruge bei Triensen erschien. Sie schob sich dann langsam bis hinten nach dem Stammtisch vor, wo ihr Mann saß, und tippte ihm auf die Schulter.

„Crischan“, sagte sie, „Crischan.“

„Gleich, gleich“, machte er dann. Aber manchmal kam er auch mit, und manchmal schwankte er ein wenig.

Dann lachten die andern noch mehr und sahen der Frau nach und sagten: „Die Stackel!“[1]

Aber was sie auch sagten, Frau AsmussensGesicht veränderte sich nicht. Es lag etwas darüber, als wäre es in einem großen Schweigen stehn geblieben und könne sich nie mehr regen in aufzuckendem Zorn oder lachendem Scherze. Und in dem Schweigen hatten sich tiefe Linien hineingegraben um den festgeschlossenen Mund und die angstvollen Augen. Sie sah viel älter aus als der freundliche Herr Asmussen.

***

„Ja“, sagte Herr Asmussen, „wenn wir also Geld hätten, dort könnten die Schuppen wohl stehn; meinst du nicht auch, Stina?“ Und er machte eine großartig deutende Bewegung nach der Koppel links vom Hof.

„Ja, Crischan, aber wir haben doch nun keins.“

„Ach was! Zwei müßten es sein, oder meinst du, eine wäre genug?“

„Aber Crischan!“

„Ach was! Es ist mächtig viel gewachsen dies Jahr; wenn es so weitergeht, wird es ein gutes Jahr, ein richtig gutes Jahr, ich glaube, wir brauchen zwei. — Ich meine ja nur Schuppen, billige Holzschuppen, keine richtigen Scheunen.“ —

„Crischan, duweißtes aber doch.“ —

„Ach was, na, ich werde mal nachsehen, wieviel noch da ist.“

„Das tu, du hast lange nicht gerechnet.“

Mutter Asmussen saß im Schatten der Kastanie mit ihrem Strickzeug. Es war spät nachmittag. Sie hatte Lars beredet, daß er einmal bei ihr blieb. Es hatte noch mancherlei mitgeholfen beim Bereden: die großen, gelben Sonnenlichter, die zwischen den Kastanienblättern breit aufs bläuliche Gras fielen, die große, weiße Pfingstrose und die Libellen, die ihm mit surrendem Wehen fast die Nase streiften. Er lag im Gras auf dem Rücken und konnte ein kleines Stücklein Blau zwischen den breiten dunklen Blättern sehn, und ein weißes Blütenlicht ragte hoch und steil in das Blau hinein.

Der Mai war gerade zu Ende. Und es war die Zeit, da sich in dem nordischen Lande die Erde fertig besonnen hat und nun mit Macht herausbricht in unaufhaltsamer Frühlingswonne. Sie ist lange spröde und zurückhaltend gewesen, nun ist sie über sich selbst errötet in lastenden Blüten. Kein Busch und kein Wiesenfleck, wo nicht der wallende Jubel heraufdrängt in üppigen, lachenden Farben, und noch weit hinaus zwischen dunklem Ackerland ziehn sich die weißen Hecken wie Kränze um ein lachend junges Haupt.

Eine Zeit waren sie ganz still, Lars und seine Mutter, und man hörte das surrende Schwirren der Libellen; dann fing sie leise an, wie zu sich selbst zu sprechen.

Lars rührte sich nicht, aber er hörte auf jedes Wort.

Und sie erzählte ihm von den zweien, die nicht mehr da waren, dem stämmigen Bruder und der kleinen, blonden Schwester, und daß sie in den Himmel gegangen wären und dann Lars heruntergeschickt hätten zur Mutter. Und wie gut sie es hätten dort oben, sagte sie.

Und Lars sah durch das wundersam blaudämmrige Netzwerk der Kastanie hinauf zu dem Himmelsflecklein und sah eine große blaue Halle mit zahllos weißen Blütenlichtern geschmückt, und Leute mit goldenen Kleidern gingen dort und winkten zu ihm nieder.

Und Mutter redete weiter, wie Lars nun groß und stark werden würde, und wie gut er würde und klug, denn die Geschwister aus dem Himmel hätten ihn doch der Mutter geschickt.

Und Lars saß auf einem großen, goldenen Wagen, da drin war die Mutter, und Lars hatte vier Pferde vor sich. — Peter Lassen hatte ihm in der Schule von Bauer Tomserzählt, der hätte einmal vier Pferde vor dem Wagen gehabt. — Und neben Lars stand ein Sack mit Gold, und da griff er hinein und schenkte dem alten, lahmen Tumpe-Jens und Miete Juste, der alten Fischfrau, und dem kleinen kranken Steffen Maas.

„Und dann baust du schöne, große, neue Scheunen“, sagte Mutter.

Und er dachte, wie Maurer Pertersen den nassen Lehm auf die Steine schmierte, und wie fein die Balken dadrin zusammengepaßt würden. Und dann hämmerte er und probierte und baute so groß und mächtig, und von dem, was Mutter sonst noch sagte, hörte Lars kein Wort, denn er war nun ganz bei der Arbeit.

Und mitten in das Sommergeschimmer und das Schwirren und Summen und das eintönige Reden fiel es wie ein Stein ins Wasser: „Justina“, rief der Vater.

Da ging Mutter in das Haus. — Aber noch ganz in Träumen mit dunklen Augen, die nach innen sahen, stand der kleine Lars auf und ging an den Tisch, wo Mutters Arbeitszeug lag. Und die Stricknadeln bohrte er in den Tisch und zog die Näharbeit aus der Arbeitstasche und machte das Dach damit. Und mit der Strickerei und der Leinwand machteer die Wände und nähte alles schön fest aneinander und um die Stricknadeln herum, so daß es eine feine Scheune geworden war, als Mutter zum Abendbrot rief. Aber er erzählte weiter nicht davon, denn Vater sah mißmutig aus beim Essen und sprach nicht mit ihm. Mutter aber schwieg auch. Und es war so etwas wie eine Beklommenheit in der Stube.

Sie hatten Lars voriges Jahr zu Ostern in die Schule gegeben. Er war noch kaum schulpflichtig, aber Vater hatte es gewollt, weil der Junge doch so klug war. Er meinte, er werde Ehre einlegen. Aber es war erst gar nicht recht gegangen in der Schule. Es gefiel Lars dort nicht, und so blieb er fort. — Er ging wohl von Hause weg mit dem großen Schulranzen, wenn es Zeit war, aber weiter wußte dann bis Mittag keiner etwas von ihm, am wenigsten der Lehrer. Aber Herr Asmussen hatte nur dazu gelacht. Und seitdem die zwei kleinen Gräber auf dem Kirchhof waren, hatte Mutter das Schelten ganz verlernt.

Als aber eine Mahnung kam von der Polizei wegen Schulversäumnis, da hatte sich Vater geräuspert, den Bart glatt gestrichen und Lars gerufen. Und Lars hatte sehr große,ernste Augen gemacht, als er hörte, daß die Polizei ihm einen Brief geschrieben hatte.

Aber in diesem goldenen Sommer saß es sich besonders schlecht in der dumpfen Schulstube. Da draußen war alles von Gold. Von den Sonnenstrahlen triefte es, und auf den weiten Koppeln stand es aufrecht und rauschte, und abends, wenn die Sonne sank, lag es breit auf der flimmernden See, und die Möven trugen es zwischen den Flügeln bis hinauf zu den goldenen Toren, wo die Sonne in goldgrünen Weiten ertrank.

Und Lars stand am Waldrand und hörte es dort drin aus den kleinen Vogelstimmen rinnen, wie goldene Tropfen, bis die Vögel in schlummernder Dämmerung zur Ruhe gingen oder verstummten in der satten Sommerwärme.

Herr Asmussen hatte zur Erntezeit ein paar Arbeiter mehr gemietet, um die goldenen Schätze sicher zu bergen. Und es war gut, denn gegen Ende der Erntezeit schlug das Wetter um.

Aber als das eintönige Klatschen der großen Tropfen Tag aus Tag ein auf der Steinstufe vor dem Hause erklang, da war der größte Teil der Ernte geborgen. Was nicht in die enge, alte Scheune ging, das stand in Diemen aufder Koppel. Und Herr Asmussen stand mit der Pfeife im Mundwinkel unter der Haustür und lächelte in das rinnende, fließende, platschende Grau.

Aber als er noch ein paar Tage so hinausgesehn hatte, wollten die Augen nicht mehr mit den Lippen lächeln. Und als nach einer Woche noch immer der klatschende Ton auf der Stufe klang, spuckte er manchmal rasch seitwärts hinaus und fluchte dazu. Und mit zornigen Stapfen stieg er zwischen den großen Wasserlachen hindurch nach dem Felde, wo die Diemen standen. Von den dunklen Diemen sickerte es sachte — sachte, und täglich sahen sie trübseliger und finsterer aus, und Herr Asmussen ging rund herum und stocherte mit dem Stock darin, und schüttelte mit dem Kopf und murmelte halblaute Worte. Und dann ging er wieder zurück und stand in der Haustür und spuckte in den Regen. Aber als das graue Tuch noch Tag um Tag über dem Land gebreitet lag, fuhr er die Mutter oft im Zorne an: „Die Schuppen, die Schuppen, na siehst du es nun?“

Aber Mutter sah noch ängstlicher drein und sagte kein Wort.

[1]Die Arme.

[1]Die Arme.

[1]Die Arme.


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