Kapitel IX
Es war wieder ein Sonntag, und durch die kleinen Scheiben des breiten Fensters tanzte ein warmer, goldener Strahl über den braunen Tisch und die bunten Schiebetüren von Klaas Klaaßens Bett. Aber Klaas Klaaßen hatte den guten, dunkelblauen Anzug an und saß im Lehnstuhl beim Tisch und spielte, in Gedanken verloren, mit den Zuckerstückchen in der Zuckerdose mitten auf dem Tisch, und gegenüber saß Fischer Lassen, auch in seinem blauen Sonntagszeug und hatte die Hände auf die Knie gebreitet. Und Peter Lassen saß an der Wand, ein wenig lässig hingerekelt. Der Sonntagsanzug war schon wieder ein wenig kurz und eng geworden für den großen Menschen, und er sah gleichgültig in die Stube hinein, aber die scharfen Augen gaben gut acht. Und Lars lehnte am Türpfosten und sah vor sich auf die Erde. Aber Mutters Augen gingen schnell von einem zum andern wie in angstvollem Fragen.
Die Männer sogen an ihren kurzen Pfeifen, und Mutter nahm ihr Strickzeug wieder auf, und die Sonnenstrahlen reisten weiter, die grünliche Wand entlang.
In Lars gingen die Gedanken auf undnieder wie die Wellen am Steindamm. Er hatte viel erlebt in der Zeit, seit die ersten Krokus in Onkel Gusts Garten aufblühten.
Es war eine Weile still gewesen in der Fischerhütte. Da zog Klaas Klaaßen die Pfeife aus dem Mundwinkel und strich mit der Hand über den Tisch, als lägen Krumen darauf. Er war aber ganz blank. „Ja, denn is das wohl nich anders, wenn sie doch beide Lust zu haben.“
Hans Peter Lassen, der Vater, nahm die Pfeife heraus und spuckte zur Seite. „Ja, denn soll das wohl so sein,“ sagte er, und nach einer Weile: „Aber Geld gehört da auch zu.“
Peter Lassens Augen hatten immerfort acht gegeben, nun waren sie hellwach. „Ich weiß ein Boot, das ist billig zu kaufen. Am Strand, gar nicht weit von unserer Ziegelei, sitzt doch der alte Hinrich Maaß, der so doll dänisch is. Ein bißchen dumm im Kopf ist der alte Kerl auch schon. Er will sein Boot los werden und weiß nicht, wie viel es noch wert ist.“ Peter lachte und fuhr sich mit der Hand über seine kurzen Haare. „Ich hab’ ihm schon immer vorgeredet: Das alte Ding ist nichts mehr wert. Und dachte, wer weiß, ob man’s nicht mal braucht. Achtzig bis neunzig Mark, sagt’ ich ihm,mehr gibt ihm keiner für den Klapperkasten. Aber es ist noch ein ganz gutes Boot, hat in Eckernförde seine 200 Mark gut gekostet. Das wär doch dann mal das Sommerboot!“ Peter steckte die Daumen in die Achsellöcher, zeigte die weite Reihe seiner weißen Zähne und sah von einem zum andern. Er hatte eine Siegermiene, und Lars warf einen schnellen, bewundernden Blick nach ihm hin. — Die Alten nickten mit dem Kopf und sahen gerade aus.
„Und dann die Netze und was dazu gehört,“ sagte Hans Peter Lassen.
Klaas Klaaßen sah noch tiefer auf seine Pantoffel und tat ein paar tüchtige Züge. Und so, mit dem Rauch zum Mundwinkel heraus, und nicht ganz deutlich kamen die Worte: „Meine alte Stine-Marie hat ja ein gut Teil zurückgelegt. — Etwas hat Justina bei der Hochzeit mitgekriegt, — das hat ja Asmussen alles vermöbelt, — aber etwas ist da noch, was sie nach mein’m Tod gekriegt hätte. — Recht wird’s ihr ja sein. — Na und denn“ — Eine Handbewegung machte den Schluß. —
„Jaa,“ sagte Hans Peter Lassen und wiegte den Kopf hin und her. „Jaa, aber ich hab’ noch nich so viel zurücklegen können, und mit den drei Gören, die da noch sind zu Hause.“ —Er sah starr nach der Wand gegenüber und hielt die Hände breit auf den Knien.
Großvater zog die Pfeife wieder heraus, drehte den großen, grauen Kopf nach Lassen hin und kniff ein Auge zu: „Naa, Hans Peter —min ven,[2]uns machst du nix vor. Wir machen das ordentlich zu gleichen Teilen, daß die Jungens sich nix vorzuwerfen haben und alles seine Ordnung hat.“
Hans Peter zog die Mütze in die Stirn, setzte sich noch behaglicher zurecht und brummte ein wenig in den struppigen Bart. Aber die Sache war nun abgemacht, und Mutter ging, den Kaffee zu holen.
An dem Sonntag abend war das Meer ringsum wie eine zitternde Perlmutterfläche. Und zwischen dem Wunderglänzen saß Lars in Großvaters Boot und träumte. Das Boot war fest am Pfahl, und ganz leise glucksten die Wellen daran, wie ein schläfriges Flüstern der ewig atmenden Sehnsucht. Die Welt war goldenrötlich und glasig-licht bis hin zu den fern verschwimmendsten Ufern. Und wunderlich still und rein war die Welt. — Und selbst die Möwen schienen es zu fühlen und glitten leisedahin auf sonngebadeten Fittichen. — Und groß und heilig zogen die Leuchtewolken daher auf ihrer geheimnisvollen Bahn.
Lars sah ihnen nach, und es stieg ein Ahnen seines eigenen Lebens in ihm auf. So glitt es hin. Wer sagte: „Dort liegt dein Ziel?“ — Fern — fern im Perlmutterglanz des Unerkannten, Unergründlichen mochte es sein.
Am Strande aber, eh’ er nach Hause ging, war noch eines in ihm wach geworden. Er sah hinaus über die stille, schimmernde Weite, und es läutete in ihm, wie von Glocken. Nun gehörte erihr. —
***
Bald darauf hatten sie alles mit Hinrich Maaß wegen des Bootes in Ordnung gebracht. Auch das Netzwerk war beschafft worden, wie Großvater es haben wollte. Und nun waren sie schon ein paarmal draußen gewesen. Und sie hatten ganz gute Arbeit gemacht.
Das war ein Tag unmäßigen Stolzes gewesen, als sie zum erstenmal im eigenen Boote hinausfuhren. Sie hatten Gesichter aufgesetzt, als sei es eine alltägliche Beschäftigung. Ganz gleichgültig gingen sie mit den Rudern und Netzen über der Schulter im Ölzeug zum Strand hinunter, obgleich es sehr wenig regnete. Unddie beiden hohen, jungen Gestalten mit den lachenden Augen in den gleichgültigen Gesichtern sahen aus, daß es eine Freude war im grauen Morgenlicht.
Und die Arbeit war eine Lust gewesen die ersten Male, und nur eine Lust.
Als aber die nassen Taue ihre Hände durchgezogen hatten und sie die harte Arbeit in jedem Gliede spürten, da war es ein ander Ding geworden. Peter Lassen hatte auch in der Ziegelei schwer gearbeitet, und nur das Ungewohnte war zu überwinden. Aber Lars’ Körper war noch weicher, und die Last war fast zu groß.
Peter Lassen zog den Mund manchmal ein wenig auseinander und zeigte die weißen Zähne, wenn Lars unversehens nach seinem schmerzenden Rücken langte oder aufzuckte, wenn ihm das Seil durch die offnen Wunden in der Hand glitt. Dann zog Lars zornig die Brauen zusammen und tat seine Arbeit ohne Klage. Aber nachts im Bett stöhnte er manchmal auf vor Schmerz.
Mutter sah es wohl, aber sie wußte, daß sie ihm nicht davon reden durfte.
Lars drückte die Lippen hart aufeinander, und in dieser Zeit setzte sich auf seinem Gesichtder hölzern-unbewegliche, fast finstere Ausdruck fest. Aber hinter den stillen Zügen, da arbeitete es. Wenn die harte Arbeit ihn losließ, dann kam er ins Grübeln, denn er war nicht im gleichmäßigen Einerlei von saurer Arbeit und müdem Behagen aufgewachsen. Sein Geist war wachgerüttelt worden, und das weiche, schlafende Land seiner Seele war nun schon manches Jahr bebaut worden. Und grade jetzt war der bewußte Drang nach Wissen in seiner schweigenden Jungenseele aufgestanden und hatte sich nach dem Fernen — Unbekannten gedehnt. Und es war etwas in ihm wach geworden, wie ein Hunger nach einem Großen, das er nicht kannte, und nach Taten, die ihm keiner hätte nennen können. Auch machten ihn jetzt die übergroße Müdigkeit und die schmerzenden Glieder noch mißmutig. Er konnte mit keinem von diesem sehnenden Leiden reden. Sie hätten ihn alle nicht verstanden, und Peter Lassen hätte womöglich noch gelacht. Und daß er alles so einsam trug, machte es noch schlimmer. Darum wuchs es in ihm zu einem Haß auf gegen diejenigen, die ihn so herumgeworfen hatten zu ihren selbstischen Zwecken. Wenn er an den fetten Onkel Gust dachte, oder gar an Tante Jette, dann ballte er die Fäuste.
Aber in Lars’ Seele war zu viel Leben, als daß sie hätte in Kummer und Grimm stecken bleiben können. Als das Rudern, Segeln und Fischen und der Stolz des ersten eigenen Verdienstes ihren Reiz verloren hatten, suchte er nach etwas Neuem, um seine überschüssige Kraft daran zu erproben. Das Zimmern und Bauen hatte ihm von je her mehr Freude gemacht als alles andere. Auch hatte er in der Stadt oft in seinen freien Stunden bei einem alten Bootbauer herumgesessen. Nun kroch er immer um Großvaters Winterboot, wenn er Zeit hatte, und befühlte es und hockte sich daneben und sann.
So ging der Frühling herum und ein Teil des Sommers.
An einem Sonntagmorgen, als die andern alle fort waren, saß er wieder bei Großvaters Boot, und die weich verschwommenen Sonnenstrahlen und die großen Wolkenschatten liefen über ihn hin.
Mit einem großen Seufzer stand er auf und ging nach Hause. Durchs Fenster sah er Mutter am Tisch sitzen; vor ihr lag die Bibel und das Sonntagsblatt. Die Sonne lief über ihr Gesicht und glänzte auf den weißen Strähnen in ihren Haaren. Wie viele Runzeln jetzt indem Gesichte waren, kam es ihm so in den Sinn! Er ging nun sehr langsam und vorsichtig auf die Tür zu, denn er wußte, daß Mutter ihren Sonntag feierte, weil sie die Männer weit weg glaubte. Und unklar empfand er die herbe Würde in dem stillen Gesicht. Wie sie so dasaß und las, lag es über der alternden Frau fast wie eine vornehme Unberührtheit. Linkisch und fast verlegen bückte sich Lars zur Haustür herein. Sie schob die Bibel zur Seite, und ihm war, als habe er die Mutter nicht recht bekleidet überrascht.
Er holte sein Handwerkszeug und ging wieder hinaus. Aber es wollte nicht mehr recht gehen mit dem Messen und Probieren. Mutters Sonntagsruhe war mit herausgekommen und schwamm ringsum in der milden Sommerluft.
Großvaters Boot war hoch auf den Strand gezogen, fast unter die letzten Buchenbäume der Hölzung. Reglos starrten die Blätter in die graue Luft, nur manchmal war es, als rinne ein Zittern durch den Baum bis in das äußerste feinste Geäst. Ein Silberflimmerschein lag über dem Wasser, und von Zeit zu Zeit lachte drüben das andere Ufer in Sonnenleuchtefarben aus dem Grau.
Er fühlte nun auf einmal die feierlicheRuhe ringsum. Da paßte er nicht hinein mit dem zornigen Mißmut, der immer wieder in ihm aufquoll wie eine trübe Welle. Warum ihn dies Gefühl überkam, konnte er nicht sagen. — Zur Kirche gingen sie hier nicht oft, der Weg dorthin war viel zu weit. Aber bei manchen von ihnen war ganz tief unten in ihren wetterharten Seelen eine keuschumfriedete Stelle; dort wohnte die Sonntagsstille. Da war Lars jetzt hineingetreten. Er schämte sich des Hasses und Mißmuts, die nicht klingen wollten mit der stillen Sonnenwelt. Er saß auf dem Bootrand, den Kopf ein wenig vorgebeugt, die Lider tief über den Augen, mit dem feierlich, fast finstern Ausdruck über dem Gesicht, wie er sonst in der Kirche darüber liegen mochte. Denn in der sonntäglichen Stille war es über ihn gekommen, daß er dicht um sich her eine große heilige Nähe fühlte, in der sein Denken und Fühlen ein Echo fand. „Du dummer Lars,“ klang es ihm, und er beugte den Kopf noch tiefer, — „mit deinem Sorgen und Grämen und Zürnen! Es ist ja alles für dich besorgt und das Wegziel gesteckt. Geh’ nur tapfer geradeaus, du dummer Lars!“ —
[2]Mein Freund.
[2]Mein Freund.
[2]Mein Freund.