Kapitel XII

Kapitel XII

Ob die alte Uhr zu Hause im großen, weißen Bauernhof noch geht? Wenn das Wasser noch plätschert im Brunnen mitten auf dem Hof und die weißen Mauern schützen ihn noch nach drei Seiten vor dem harten Seewind, wie liebevolle Arme einer guten Mutter, dann muß auch die Uhr noch ticken, denn das gehört alles zueinander. Dann ist es viele tausend und abertausend Schritte so hingegangen „Ticke-Tack“ mit unerbittlichem Schreiten.

Lars ist darüber zum Mann geworden.

Mitten in das sachte Hinträumen in der vertrauten Gewohnheit war wie ein scharfer Ruck die Einberufung gekommen.

In der großen, fremden Hafenstadt hatte zuerst das Heimweh an ihm gefressen. Da hielt er sich ganz für sich, und sein Wesen hatte etwas Scheues, daß seine Vorgesetzten und Kameraden ihn für einen Dummen hielten. Ihr Spott wurmte ihn, und der Zorn über ihre Mißachtung weckte ihn auch zuerst aus seiner träumerischen Dumpfheit. Und wie damals in der Schule, so gewann er sich bald ihre Achtung, als er sich erst einmal zusammenraffte. Die in ihm schlafende zuverlässige Tüchtigkeit kam baldan die Oberfläche seines Wesens. Und auch seine Vorgesetzten hielten etwas auf ihn. Da wachte auch die Selbstachtung mehr auf. Nun war das Streben nach Männlichkeit ein bewußtes Wollen geworden. Darum versagte er sich auch den Weihnachtsurlaub. Er wollte das Heimweh nicht wieder wecken, und von Haus hatte er den Sinn für das Geldzurücklegen als erste Bedingung der sicheren Verläßlichkeit mitbekommen. Da legte er das Reisegeld an und ging in den freien Weihnachtstagen mit den Händen tief in den Taschen vergraben und seinem unbeweglich ernsten Gesicht in den Straßen der Stadt herum. Und mit dem stillen, ernsten Blick trank er vieles in sich hinein und grübelte darüber, bis er verstand, worum es sich handelte. Am liebsten war er am Hafen, und er fing auch in seiner ruhigen, ernsten Art hier und da ein Gespräch mit einem Werftarbeiter an. Die älteren Arbeiter mochten auch den zuverlässig-stillen Soldaten gern leiden. Allmählich gewann er dort einige Männer zu Freunden. Und eines Tags traf er Hans Todtsen.

Hans Todtsen von der Schule war bei der Werft angestellt. Der wollte Lars bereden, daß er dort eintreten sollte, sobald er frei kam. „Du kannst dich als Werftarbeiter leicht heraufarbeiten und es zu etwas Ordentlichem bringen. Was ist denn das für dich, das Fischerspielen!“

Da tat es sich noch einmal auf vor Lars wie große, weite Möglichkeiten, daß er ordentlich tief Atem holen mußte. Aber dann dachte er an den Zwang, daß diese Arbeiter nicht handeln durften, wie sie wollten, sondern von irgendwo eine fremde Gewalt über ihnen war, daß sie gehorchen mußten und doch nicht recht verstanden wem und wozu. Und es war, als ob etwas Starkes, Weites in ihm aufstand und sich reckte, daß ihm gleichsam die Brust weiter wurde dabei. Er dachte an die selbstgebauten Boote zu Hause und das freie Leben, wo er sein eigener Herr war und keiner ihm zu sagen hatte. Und dann fiel ihm gleich Großvater ein, wie müde er jetzt oft zusammensank nach der harten Arbeit, und Mutters stilles Quälen und Mühen. Und er sann, was die Alten machten in all der Zeit ohne ihn, und was sie sagen würden, wenn der Brief kam, wo es drinstand: Lars kommt überhaupt nicht wieder. Sein Geld braucht er selbst, um weiter zu kommen. Vielleicht später einmal, wenn er sich heraufgearbeitet hat, dann kann er euch helfen. — Später. — Und wenn er dann endlich gekommen wäre, und die Alten hätten sich fertig gequältund wären fortgezogen in das unbekannte Land, wo sie sein Geld nicht mehr brauchten? — Da sagte er Hans Todtsen, daß er keine Lust hätte, Werftarbeiter zu werden, und reiste nach Hause.

Zu Hause war es ihm erst viel zu still, und die öde, graue Einsamkeit machte ihn mißmutig. Es stieg auch der Gedanke wieder auf, ob er auch recht getan habe mit der Heimkehr; denn er meinte, daß sich da immer noch etwas in ihm regte, das Besseres hätte leisten können, als Fische fangen. — Lars hatte Zeit zum Grübeln; denn ihm fehlte die Arbeit in dieser Zeit.

Peter arbeitete schon lange wieder auf der Ziegelei. Als es dort keine rechte Arbeit für ihn gab, war er in der Ernte zum Bauern gegangen. Lars hatte er geschrieben, daß die Ernte spät sei und der Bauer noch viel Arbeiter brauchen könnte.

Da ging Lars bald nach seiner Ankunft ein paar Stunden ins Land hinein zum großen Bauernhof. Es sah sauber und fein aus auf dem breiten Hof, und die bunten Blumen standen hoch vor den weißen Wänden. Aber der Bauer blinzelte ihn mit den hellen, kalten Augen an und sagte, daß er seinen Großvater wohl kenne und von Herrn Asmussen gehörthabe, was für einer Lars sei. „Ich kann deutsche Arbeiter nicht brauchen“, sagte er, und Lars mußte ohne Mittagbrot den weiten Weg immer zwischen den hohen Knicks nach Hause wandern.

Ein Stück weit gab ihm Peter das Geleit. „Ja, so ist er,“ sagte Peter. „Wir müssen dänische Lieder singen und im dänischen Blatt lesen und, wenn wir’s nicht tun, gibt uns die Frau einen schlechten Mittag. Das ist rein zu doll hier oben. So wie Jens Steen sind sie fast alle ringsherum auf den großen Höfen. Wenn hier ein deutscher Schmied oder Zimmermann herzieht, der kann alle Tage Sonntag feiern. Arbeit geben sie ihm nicht. Sie tun ja auch alle so, die kleinen Leute, als wenn sie wunder wie bissig wären auf die Deutschen, dann geht’s ihnen fein. Ich wär auch schön dumm, wenn ich merken ließe, wie ich denke.“

Aber Lars ging mit großen Schritten neben ihm und sagte kein Wort. Dann schlug er auf einmal mit der Faust durch die Luft. „Eine Schande ist es,“ sagte er. „Nun kommt man aus der Stadt nach Haus und denkt, hier auf dem Lande sind die Leute frei und ihre eigenen Herren, und da ist es wieder.“

„Was denn?“ sagte Peter Lassen.

„Der verfluchte Zwang, Mensch. In der Stadt bin ich natürlich oft bei der Werft herumgekrochen, wenn ich Zeit hatte. Da habe ich ein paar ordentliche ruhige Leute gekannt. Genossen waren sie natürlich, wie die andern auch alle. Und du weißt ja, Peter, ich hab’ das auch immer schön gefunden, was die da in Wanbyll wollten. Aber bis zu vier Mark mußten sie manchmal in der Woche an den Verband abgeben. Und glaubst du, daß sie so dachten, wie die andern? Is ja all dummen Snack, sagten sie. Wie die das haben wollen, wird das nie, und unterdessen stockt mit dem ewigen Streiken der Handel, und wir Arbeiter haben den größten Schaden. Aber sie mußten mit, und wenn sie noch so gut im Verdienen waren, gefeiert mußte werden, ob sie wollten oder nicht. Und der Zwang ärgerte mich. Ich habe mir da manchmal gedacht, wenn ich bei der Werft geblieben wäre, hätte ich mich wohl heraufarbeiten können. Hans Todtsen von der Schule habe ich in der Stadt getroffen. Der kommt gut vorwärts, und der wollte mich da auch gern festhalten, aber ich will hier lieber frei und mein eigener Herr sein. Den Teufel aber auch, wenn es hier nicht besser ist.“

***

So mußte denn weiter gefeiert werden, bis Peter nach der Ernte beim Bauern frei kam. Sie konnten mit dem Heringsfang nicht beginnen, weil sie vier Mann brauchten in den zwei Booten.

Aber endlich war die untätige Zeit vorbei, und Peter war wieder da. Da fing die schwere Arbeit an.

Großvater war sehr alt geworden in den letzten Jahren, und Hans Peter Lassen hatte angefangen zu kränkeln.

In jedem Boot ging nun einer der Jungen mit einem der Alten hinaus, und der Junge mußte eine weit größere Arbeitslast tragen als sonst.

Da kam mit der Arbeit die ruhige Sicherheit zurück, und Lars fing wieder an, die starke Seeluft tief einzuatmen und zu fühlen, daß er zu Hause war.


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