Kapitel XIII
Der Wind hatte die ganze Woche eiskalte Regenböen über das Wasser gepeitscht. Weiße Säume waren an ihren Kleidern, wenn sie wie rasend über dem schwarzen Wasser dahergelaufen kamen. Und die Fischerboote duckten sich und bäumten auf und scheuten, wie wildgewordene Pferde, wenn sie auf sie einstürmten. Es war ein saures Arbeiten, und ein paarmal waren ihnen die Boote voll Wasser geschlagen, daß sie alle ernste Gesichter machten und zu schöpfen begannen auf Tod und Leben. Aber es war noch immer gut gegangen, und sie wollten nicht gern zu Hause bleiben, weil der Fang reich war in diesen Herbstmonaten. Aber den Alten war diese Zeit sauer geworden.
Der alte Händler, bei dem Großvater schon so lange, wie Lars denken konnte, seine Fische verkaufte, war gestorben, und sie mußten sich einen neuen suchen.
Die Fischer rings um die Bucht hatten alle viel gefangen, darum drückten die Händler die Preise unmäßig herunter. Peter aber hatte gelesen, daß die Heringe in der Nachbarstadt weit höher im Preise standen. Da schickten sie die Fische dorthin. Aber die Händler hattenes gemerkt, und, weil sie untereinander verbunden waren, nahmen die in der anderen Stadt die Fische nicht an. Der Bescheid kam an die Fischer, daß die Sendung unterwegs verdorben sei.
Da war das schwere Ringen mit dem schwarzen nassen Feinde umsonst gewesen. Großvater streckte die steifen milden Glieder und sagte weiter nichts. Aber in Lars stieg wieder der finstere Zorn auf.
Der Herbst hatte trotz der vielen Fische keinen guten Verdienst gebracht. So mußte im Winter tüchtig gearbeitet werden. Aber es war ein harter Winter. Eine Zeitlang stand das Eis auf der Bucht, da mußten sie zu Hause bleiben. Lars holte wieder einmal seine lieben, alten Bücher hervor und saß in der Stube bei Mutter Stina und las und las, und wenn sie mit ihm sprachen, gab er keine Antwort und sah sie alle zornig an. Und Mutter Stina ging leise um ihn herum und sorgte, daß er Ruhe hatte.
Und dann stand Lars wieder am Strand und sann darüber nach, was das Leben wohl von ihm wolle.
Als es ein wenig taute, und der Wind das Eis an die andere Seite der Bucht trieb, gingensie wieder hinaus. Aber es war nicht gut mit den Fischen. Vor der Bucht hatten die Fischer von draußen Stellnetze gezogen. Die draußen hatten einen guten Verdienst, aber die Heringe fanden keinen Weg mehr in die Bucht herein, und so war hier der Fang nur gering. Peter Lassen schimpfte und fluchte jedesmal, wenn sie mit dem kleinen Fang nach Hause kamen, und Lars hatte zornige Augen. Aber die beiden Alten blieben ganz gleichmütig. Und alle vier blieben stetig bei der Arbeit, selbst wenn sie kaum der Mühe zu lohnen schien. Und in ihrer zähen Stetigkeit brachten sie es doch weiter als manche andere.
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Sie hatten alle Achtung vor den beiden Jungen.
Viele von den struppig-grauen, wetterharten Köpfen nickten bedächtig, wenn sie von Lars Asmussen und Peter Lassen sprachen.
Unter den Jungen waren aber manche, die mit der breiten Hand durch die Luft schlugen, als wäre es nicht viel wert, von den beiden zu reden. Sie gingen so ruhig vor sich hin und unternahmen auch nichts Rechtes.
Aber Peter sagte: „Ja, das ist eine feine Art, wie dazumal Klaus Toms. Der fuhr heraus in Sturm und Eis außen vor die Bucht und ging da vor Anker, Mut hatte er wohl, und Fische kriegte er auch die schwere Menge da draußen. Und dann wollte er Gut davon haben und ging jeden Abend nach Seegade an Land ins Wirtshaus. Und als er nach vier Wochen wieder zur Frau zurückkam, brachte er ihr ein feines Geschenk mit; weißt du, was das war? — Hundert Mark Schulden!“
Aber die andern gingen fort und murmelten, es sei man bloß, weil die zwei sich fürchteten mit ihrem eigengemachten Boot.
Aber wenn dann die zwei Jungen ihre Segel setzten und in ihrem neuen Boot so ruhevoll, fast feierlich dahinglitten und ihnen allen vorbeiliefen, dann waren sie still und sahen nach der andern Seite.
Und auch darauf hatte Peter eine Antwort, wenn sie an ihm stichelten, daß er und Lars zu keinem Spaß zu haben seien.
„Wo viele zusammen sind,“ sagte er, „da hat immer einer Durst. So kommt das Trinken zuwege. Ein ordentlicher Mensch ist besser für sich.“
Und Lars und Peter wußten es, daß sie ordentliche Menschen waren. Und sie trugen den Kopf hoch und steif. Lars vergaß esmanchmal über all seinen krausen, grübelnden Gedanken, aber bei Peter war das Bewußtsein eigentlich immer gegenwärtig. Das gab ihm etwas Sicheres, Zufriedenes und seinen Augen ein fröhliches Licht. Nur ganz selten kamen wohl aus der Rumpelkammer von Peters Herzen Erinnerungen herauf an etwas Helles, das in sein Leben hereinfiel wie Sonnenlicht. Dann wurde er mürrisch, und sein großartiges Wesen war herausfordernd und verletzend.
Peter und Lars waren auch selten mit andern jungen Leuten zusammen. Aber wenn bei Hans Peter Lassen die Fischer von Wanbyll saßen, dann kamen die zwei mit ernsten Gesichtern und gesellten sich dazu.
Zwei von den Fischern waren ältere Männer. Kords, der dritte, war noch jung, aber so gut wie ein Krüppel. Beim Netzeinziehen hatte er einen Seeteufel mit der Hand gefaßt. Da war eine böse Vergiftung entstanden, und der Arm blieb gelähmt. Dem Fischer kam nur die Unfallversicherung nach dem landläufigen Tagelohn zu, und die war gering. Kords hatte etwas Finsteres, als wäre er immer in Zorn. Das kam, weil er mit der Frau und den vielen kleinen Kindern im Elend saß.
Auch die beiden andern Fischer gehörten zu den Unzufriedenen.
Vom roten Trollsen sagte Peter lachend: „Der hat sein Geld versoffen, und nun schimpft er.“
Maszen aber mit den verkniffenen Zwinkeraugen und dem borstigen Graubart hatte das Schimpfen ebenso an sich wie das gute Rechnen. Und auf dem Gebiet hatten sich die aus Wanbyll mit Hans Peter Lassen zusammengefunden, denn Hans Peter sah auf sein Geld.
Aber Lars hatte einen andern Grund, wenn er sich in Hans Peter Lassens Hütte setzte und still zuhörte, wenn die aus Wanbyll sprachen, oder immer wieder zu fragen hatte.
Als Junge hatte es ihm immer schön geschienen, was die Wanbyller wollten. Alles sollte so eingerichtet werden, daß die Arbeit zu ihrem Rechte kam in der Welt, und keiner es besser hätte als der andere. Und alle wollten sie zusammenhalten bis in den Tod. Aber seit er in die Welt herausgekommen war, da war er mißtrauisch geworden. Der Zwang und das Dreinreden waren ihm einmal zuwider. Beim Militär war es ihm auch schon verhaßt gewesen. Aber das hatte er nun verstanden, daß die Leute da sein mußten, um das Vaterland zubeschützen. Auch merkte er wohl, wie die stramme Zucht eine harte, feste Männlichkeit in ihm aufgezogen hatte. Das andere aber verstand er nicht, darum mißtraute er dem. Er las jetzt viel in den Zeitungen, und ihm schien das, was die Führer der Genossen sagten, gar nicht so recht nach dem zu klingen, was er sich gedacht hatte. Es kam ihm so unvernünftig vor, und als suchten sie ihren eigenen Vorteil. Eben, wie Großvater sagte, sie machten zu viel Spektakel. Und nun suchte er von denen aus Wanbyll mehr zu erfahren. Aber die schimpften wohl einmal mächtig los auf alles, wie es jetzt war. Aber so ganz verstanden hatten sie es nicht, wie es werden sollte, und Lars kriegte von ihnen überhaupt keinen rechten Bescheid. — Da wurde er immer stiller und merkte wohl, daß er sich solche Dinge alle selbst herausgrübeln müßte. Und er kam auch seltener in Hans Peters Haus, wenn die Männer aus Wanbyll da waren, sondern hielt sich nun noch mehr allein. Und Hans Peter war zufrieden, wenn Lars fortblieb, denn das, worüber der sprach, hatte für Hans Peter Lassen kein Interesse. Er redete über Fische und Fischpreise, und Jung-Peter hatte da auch viel zu sagen.
Jung-Peter arbeitete gern einmal hart,wenn ein guter Verdienst in Aussicht stand. Aber das taten sie auch wohl in der andern Hütte. Klaas Klaaßen war für das Anpacken und Sparen. Und trotz des schlechten Winters gelang es den beiden Jungen, ein wenig Geld zurückzulegen.
So verging Lars der Winter in einsamem Grübeln und harter Arbeit.