Kapitel XIV

Kapitel XIV

Nun war endlich der Frühling wieder in das nordische Land gekommen. Unversehens zwischen den Sträuchern oder unter einem Knicktor stieg ein schweres süßes Düften herauf, das in den Menschen hineintastete wie unbewußtes Sehnen. Und im Holz die feinen jungen Buchenblätter strömten ihren weichen, süßen Atem in die Abendluft. Es war ein stiller, grauer Tag gewesen, und nur ein weiches, rötliches Scheinen kam vom Westen. Die junge Wintersaat wogte ganz heimlich, als Lars über die Koppel ging. Am Waldrand blieb er stehn und atmete den starken Jelängerjelieberduft. — Nun es ringsum aufstieg und wuchs aus den dunklen Gründen, wie nicht zu dämmende Kräfte, da war auch in ihm wieder der Drang nach etwas Fernem, Besserem erwacht und war fast zur Qual angewachsen. Er sah über die weiten Koppelflächen hin in ihrem zarten, milden Grün und hinab auf die stille, strahlende Fläche, wie sie weich gebettet lag zwischen den breiten Hügeln bis dort, wo sich das ferne Ufer im stillen, lichten Grunde widerspiegelte. Und wie eine Sehnsucht reiste sein Blick hinaus, wo am fernen Horizonte Himmel und Meer sich küßten.

Aber die Amsel aus der schimmerigen Waldestiefe wußte mit ihren langgezogenen Tönen mehr von der drängenden Qual zu sagen als er. Er ahnte kaum, warum er stand und in die Weite sah. Die Heimatschönheit war ihm nur halbbewußt, und auch sie legte sich auf ihn wie eine Last und wie ein sehnender Drang.

Ohne daß er darauf acht hatte, klang aus dem bläulichen Wunderdämmern zwischen den stillen, grauen Stämmen näher und näher kommend sachtes Blätterrascheln und leises Knacken trockener Zweige wie von Tritten. Und die sehnsüchtigen Vogelstimmen klangen dazwischen, und wieder lauter und näher kamen die Tritte.

Und dann hatte ihn der Ton endlich aufgeweckt. Er wandte den Kopf und sah scharf in die frühlingsflimmrige Dämmerung hinein. Da schimmerte ein helles Kleid aus der Tiefe. Und jetzt stand jemand am weißen Knicktor und spähte nach ihm hin. Und das lichte, junge Blattgewebe war rings um die feine, helle Gestalt, und der Kopf mit dem weichen Blondhaar hob sich vom dämmerigen Waldgrund.

Er rührte sich nicht und sah darauf hin, eine wache Frage in den Augen, bis er ihrem lachenden Blick begegnete.

Da wandte er sich herum.

„Miete,“ rief er. Dann fiel ihm gleich alles ein, was gewesen war, und seine hart gewordene Arbeitshand. Und die Unbeholfenheit kam über ihn, daß er langsam herantrat und ihr linkisch die Hand reichte. Aber ihr helles Lachen, wie frohes Wasserplätschern, half ihm wieder zurecht, und in seiner ganzen neugewonnenen Männlichkeit, ein wenig gütig und ein wenig unbeholfen, begann er mit ihr zu reden, und hier und da sah er scheu in die lachenden Augen hinein. Sie aber sah an der großen, starken Mannesgestalt hinauf, und das Blut stieg unter die feine weiße Haut.

Sie mußte ihn erst bitten, daß er mit ihr käme, dann ging er neben ihr, so als erweise er ihr eine Gunst.

Sie kam vom Hoekhof und war auf dem Heimweg.

Und wie sie zusammen über die Koppeln wanderten, war die düfteschwere Dämmerung rings um sie her mit ihrem wunderlichen, grünschimmerigen Licht. Und Lars sah auf den hellen Kopf neben sich und sah die weichgeformte Backe, in der das Blut unter der zarten Haut zu wogen schien. Und von Zeit zu Zeit traf ihn ein lachender Blick von der Seite wie ein warmes Geheimnis. Sie redeten dies und das,und allmählich vergaß er alles andere über der schlanken, lichten Gestalt im grünlichen Schimmerlicht und der lachenden Stimme und den lachenden heimlichen Blicken. Leise wogte das junge Korn, und durch die unsägliche Stille fielen wie goldiges Rinnen sehnsüchtige Vogelstimmen.

Und auf einmal standen sie zusammen vor dem grauen Hause, und überall die Straße entlang aus den niedrigen Fenstern blinkte traulicher Lichtschein in die Dämmerung heraus.

Er fuhr fast zusammen, so erschrocken war er, und wußte durchaus nicht, wie es hatte geschehen können, daß er bis hierher mitgekommen war. Er griff aber eilig nach der Mütze und wollte fort.

Aber sie packte lachend seinen Ärmel. „Vater,“ rief sie, „Mama!“

Zwischen dem Blattgewirr der Laube spielten wunderliche Lichter und Schatten und malten große unheimliche Gebilde auf den Rasen. In der Laube saßen Onkel Gust und Tante Jette bei der Lampe.

Jetzt kamen sie.

Es mutete Lars sonderbar an, der altbekannte quietschende Ton der Gartentür. —

Miete hatte ihn immer noch beim Ärmel, aber er sah fast zornig auf sie und wie ein großes unbeholfenes gefangenes Wild.

„Sieh mal an, was Miete da eingefangen hat! Das ist mal recht, klein’ Deern!“ Und Onkel Gust klopfte ihm auf die Schulter, wie in alter Zeit, und als lägen die langen, harten Jahre nicht wie ein großes Wasser zwischen ihm und dem steifen, zornblickenden Fischer. „Komm nur, Tante macht uns noch einen kleinen Grog.“

Aber Lars rührte sich nicht.

Da streckte ihm Tante Jette die Hand hin. „Komm doch, Lars, das ist nett, daß du dich mal sehen läßt.“

Und Miete zupfte ihn am Ärmel. Da ging er mit.

Und als er im flackerigen Lampenschein stand, da war es, als sei die schwerfällige Widerspenstigkeit von ihm geglitten. Der selbstbewußt vornehme Anstand, der fest im innersten Wesen seines Volkes sitzt, war ihm zu Hilfe gekommen. Bald war er mitten im Erzählen von der Zeit in des Kaisers Rock, und keiner konnte ihm ansehn, wie die trotzigen Gedanken aufstiegen und das heimlich zarte Genießen überflutete, bis ein schelmisch heißer Blick seitwärts unter den weichen blonden Wimpern hervor ihn wie ein Schreck durchfuhr und das Blut wie in lustig hüpfendem Tanz durch die Adern jagte.

Es war zu der Zeit, wenn aus der nordischen Dämmerung fast Dunkelheit geworden ist. Ein wunderliches, geisterhaftes Scheinen liegt noch über den Dingen. Da stand er auf und sagte „Gute Nacht.“

Als er an der Haustür vorbeiging, trat das Dienstmädchen heraus, um Lampe und Gläser aus der Laube zu holen. Ein heller Schein fiel aus dem Hause, daß Lars einen Augenblick geblendet stand.

Da kam eine Stimme, wie ein Jubelruf: „Lars!“

Lars mußte sich besinnen. Ach richtig, Trina Lassen mußte das sein. Da stand sie im Dunkeln und hielt seine Hand, und er sprach ihr freundlich von Peter und von den Eltern und Geschwistern. Sie aber schwieg ganz still und hielt nur immer die große harte Hand.

Da trat Miete mit der Lampe aus der Laube. Es war nur einen Augenblick, daß das Lampenlicht über Trina hinglitt.

Aber auf dem Heimwege grübelte Lars nicht mehr über das drängende Sehnen nach. Es war ein anderes Fühlen in ihm, das füllte sein ganzes Wesen wie eine heiße Freude. Manchmal sah er zornig vor sich hin. Was wollte das kleine, blonde Mädchen von ihm? Er wolltefrei sein von ihr und ihrer Art, und er richtete sich grade auf.

Dann aber zog er wieder die Stirne kraus und sann: „Warum hat mich Trina Lassen so angesehn wie in bittrer Not?“ —

***

Herr Asmussen war wieder in der Fischerhütte gewesen. Mutter Stina hatte ihm den besten Stuhl angeboten, und Großvater hatte sich feierlich an die andere Seite vom Tisch gesetzt und hatte ihm unverwandt ins Gesicht gesehn. Und beide schwiegen sie, Großvater und Mutter Stina. Aber Herrn Asmussens Stimme füllte den kleinen Raum mit tieftöniger Freundlichkeit.

Dann bückte sich Peter Lassens lange Gestalt zur Haustür herein. Es war nichts von Staunen in seinen Mienen über den Gast. Er stand da in seiner ganzen Länge, ein wenig lässig, mit der einen Hand am niedern Deckenbalken angestemmt, und wippte gemächlich beim Sprechen hin und her.

Und Herr Asmussen saß gut zurückgelehnt und holte die Stimme tief aus seinem Fett herauf und sprach herablassend und mit Wohlgefälligkeit. Und er wog die dicke Uhrkette vorder runden Weste mit der hohlen Hand und lächelte gütig zu Peter Lassen hinauf. Und wenn er Andeutungen machte auf eine Einladung zu Frau Henriette, dann war es, wie wenn einer mit Geld in der Tasche klimpert. Peter aber sah aus klugen, wachen Augen und nickte freundlich und wie in Freude.

Und Herr Asmussen erzählte wohlgefällig seiner Frau von den braven Fischerleuten. Und von dem frischen, aufgeweckten, jungen Menschen, den er mit seiner Freundlichkeit gewonnen hatte. Und dann breitete er mit Behagen seinen neuen Plan vor ihr aus. Nun würde er Lars ganz gewiß für die gute Sache zurückgewinnen, denn mit seiner Freundlichkeit wollte er auch Lars’ Freunde zugleich einfangen.

Aber Frau Henriette warf einen raschen Blick über die Schulter nach ihm, der sah aus wie Mitleid und Spott. Und in der Küche sagte sie zu Miete: „Laß ihm man sein Spielzeug, diesmal ist es ein ungefährliches.“

Aber Miete ging mit aufgehobenem Kleide am rußigen Herde vorbei. Und wie sie ins Feuer sah, war ein eigentümliches Blitzen in ihren Augen.

Und danach war Lars öfter bei Onkel Gust und Tante Jette. Wenn Mutter Stina sah,daß er sich auf den Weg machte, dann wandte sie rasch den Kopf nach ihm hin, aber sie sagte kein Wort. Und Großvater sagte auch nichts, er sah sich nicht einmal um. Und doch legte es sich über Lars wie ein Unbehagen, als hätten sie ihm einen Vorwurf gemacht. Und er war mürrisch mit ihnen.

Es war zuerst fast wie eine Neugier gewesen. Mietes freundliches Wesen mit der ganzen schelmischen Fremdartigkeit hatte sie in ihm geweckt. Darum hatte er Onkel Gusts erstem drängenden Einladen nicht widerstanden bei all seinem widerspenstigen Trotz. Als aber ihre Nähe erst ein paarmal auf ihn gewirkt hatte, da war das heiße Blut, das bei dem langsamen Volke doch so wild aufsieden kann, zum erstenmal erwacht. Und Lars wollte kein Hindernis mehr sehen auf seinem Wege.

Aber wenn er allein war, konnte er nicht recht zur Ruhe kommen. Es stimmte nicht an irgend einer Ecke. Es war etwas, das nicht recht klingen wollte mit seinem Ton. Aber er mochte nicht darüber nachdenken, woher es kam. Das durfte es nicht sein, daß das blonde Mädchen über ihn herrschte gegen seinen Willen und ihn dort hinzog, wo er nicht sein wollte. Er hatte auch immer noch die fast großartigeHerrscherart mit ihr. Aber gerade diese ungelenke Männlichkeit reizte sie, daß sie ihre Kraft darein setzte, ihn zu beugen. Und ihre feine, geheimnisvolle Art, die so anders war wie alles, was ihn sonst umgab mit kantiger Schlichtheit, nahm ihn immer mehr gefangen, daß er bei ihr das zu finden wähnte, was er von immerher suchte.

Und es kam dazu, daß Onkel Gust nun vorsichtig nach seinem neuen Plan zuwege ging und auch den andern, die zu Lars gehörten, mit gleicher Freundlichkeit begegnete.

Er hatte auch Peter Lassen in sein Haus eingeladen. Einmal hatte Peter sein gutes blaues Zeug angezogen mit dem kleinen steifen Vorhemd und war mit Lars hinaufgegangen.

Lars sah ihn manchmal von der Seite an. Laut und lustig pfiff er vor sich hin. — Peter pfiff immer falsch, aber laut. — Und die ganze Zeit saß etwas in seinen Augen, wie ein verschmitztes Lachen. Aber er sagte weiter nichts.

Peter Lassen war ein schöner Mensch, und die Mädchen sprachen viel mit ihm. Und er hatte eine Gelassenheit, und das Reden ging ihm viel leichter als Lars, daß er nichts Unbeholfenes hatte.

Aber wenn sie dort bei Onkel auch viel mit ihm sprachen, es war dabei etwas Wohlwollendes, als schenkten sie ihm etwas mit jedem Wort.

Und Tante Jette sah ihn überhaupt nicht an.

Lars meinte, Peter Lassen merke es gar nicht, weil er so freundlich blieb, aber wenn er ihn wieder mitnehmen wollte zu Onkel Gust, so hatte Peter immer zu tun.


Back to IndexNext