Kapitel XV

Kapitel XV

Es war im November. Es sah gar nicht nach Sonntag aus in der Welt. Die Regenböen kamen schräg über das Wasser gefahren und peitschten den Leuten in die Augen, daß sie unter gerunzelter Stirn herausblinzelten, was denn noch werden wollte aus dem Geheul und Gebrüll. Denn „das Meer brüllt“, sagten die Leute und sahen nach der Ostsee hin.

Klaas Klaaßen stand am Strande und schnüffelte in die Luft. Dann schüttelte er den Kopf. „Zwei Tage bläst er schon von Nordost.“

Hans Peter Lassen und Jung-Peter standen bei ihm und Lars.

Dann zogen sie zusammen die Boote aufs Land.

„Immer noch höher op,“ befahl der Alte, und die drei andern gehorchten schweigend.

Als sie gegangen waren, stand der Alte noch immer, sah über See und schüttelte den Kopf.

Mitten durch den Regen kam Lars zu Onkel Asmussens Haus. Der Ölrock hing ihm lose über der Schulter, als er in den dämmrigen Flur trat. Er warf ihn ab und schüttelte das Wasser aus den Haaren. Dann ging er nach der Stube hinauf.

Miete saß am Fenster, den blonden Kopf tief über der Arbeit.

„Du verdirbst dir die Augen,“ sagte Lars, als er sich zu ihr setzte.

Sie ließ die Hände sinken. „Es geht auch nicht mehr.“

Es war eine Weichheit über der ganzen lässig hingelehnten jungen Gestalt. Lars saß vorgebeugt, den Kopf in die Hand gestützt, und seine Augen ließen nicht von ihr.

Sie schwiegen beide.

Dann wandte sie den Kopf, und er fühlte mehr ihren Blick in der Dämmerung, als er ihn sah.

„Könntest du wohl etwas für mich tun, Lars?“ fragte sie, und es war, als ob sie ihn streichelte mit ihrer Stimme.

Er konnte nicht gleich antworten. Er richtete sich auf und atmete tief, dann rückte er noch näher zu ihr. „Das weißt du selbst, klein’ Deern,“ seine Stimme klang leise und atemlos.

„Nein Lars, ich möchte doch wissen“ —

Da ging die Tür, und Lars lehnte sich im Stuhl zurück. „Seh da, Lars,“ sagte Onkel Gusts dicke wohlwollende Stimme. „Ich dachte doch auch, du würdest heute kommen. Aber ein verfluchtes Sonntagswetter. Komm, wirwollen uns mit ’nem kleinen Grog wärmen gehn.“

Lars antwortete nicht gleich.

Aber auf einmal lachte Onkel Gust behaglich in sich hinein: „Ach so — ach so,“ sagte er.

Miete aber gab Lars einen kleinen Stoß. Da stand er auf. „Na denn man zu, Onkel.“

Er tat es für sie, sagte sich Lars und folgte Onkel Gust durch die Dämmerung nach dem Gasthause.

Würdevoll und in sich gefestigt mit hallenden Tritten ging Herr Asmussen voraus. Lars blieb lässig ein wenig zurück, denn er kam widerwillig. Er wußte, was Onkel Gust von ihm wollte. Er sah immer vor sich hin, wo die großen Wasserpfützen heller auf dem dunklen Weg schimmerten; aber vor sich sah er Aage Michelsens dickes Gesicht. Das hatte jetzt einen roten Schnurrbart und würdige Falten. Denn Aage war Herrn Tiensens Mitarbeiter geworden. Er verdiente ein schönes Geld. Sein Bruder Swend hatte es Lars damals, als er Soldat war, selbst gesagt.

„Wir Dänen mögen die Sorte auch nicht,“ hatte Swend fast höhnisch gelacht. „Drüben kriegt er Geld fürs Jammern und hier fürs Schimpfen!“

Aber Herr Asmussen hatte eine große Bewunderung für Aage Michelsen, und er wollte, daß Lars ihn reden hören sollte. Lars war auch schon ein paarmal mitgewesen um Mietes willen. Und in Gedanken sah er sie alle im blauen Tabaksqualm sitzen um den Stammtisch, und das häßlich grelle Wirtshauslicht flirrte über all die selbstzufriedenen Gesichter und über die behaglich würdigen Falten der dunklen, zuverlässigen Anzüge. Lars ärgerte sich, wenn er daran dachte, und stapfte mitten durch die Wasserpfützen, daß es patschte.

Aber er wollte so gern darüber hinaus über das Einerlei des Fischefangens, und er wußte doch einmal keinen Weg. Und das wußte er, Miete wollte es so, daß er sich zu Onkel Gusts Freunden halten solle.

Aber mit eins, wie sie auf den Damm kamen, packte die beiden der Nordost, wie mit wilden, mutwilligen Fäusten. Herr Asmussen griff hastig nach seinem Hut.

Der kleine Meeresarm, den der Damm vom Wiesenland trennte, lag heute nicht wie vergessen zwischen seinen grünen Ufern. Heute wußte er es wieder, daß er ein Teil war von der Kraft, die stärker ist als der Mensch. Die schwarzen Arme langten von unten herauf undgriffen in den Damm, und aus der Tiefe kam ein fauchendes Geheul.

An der Schleuse wogte es dunkel hin und her über den Damm. Da arbeiteten die Männer. Einer faßte hart an Larsens Arm. „Wir brauchen mehr Hände zur Hilfe, Lars, sonst bricht der Damm, und es fehlt auch die Aufsicht.“ Das war Kords Stimme. Lars sah schnell nach den kleinen Häusern in der Wiese hin und dann auf Onkel Gust.

„Ja wo ist denn der Ortsvorsteher?“ fragte der.

„Der hat heute morgen früh über Land gemußt,“ sagte Kords.

„Merkwürdig, diese deutschen Beamten!“ sagte Herr Asmussen. „Komm, mein Jung, das geht uns nix an.“ — Schweigend, mit der tiefen Falte mitten auf der Stirn, ging Lars bis an die Wirtshaustür. Er sah über Onkel Gusts Schulter in den warmen, hellen Raum, und die Stimmen klangen Lars wie schnurrendes Behagen in die finstere Nacht hinaus. Sie saßen fast alle da wie immer — am dänischen und am deutschen Tisch. Da schlug er die Tür hart hinter Onkel Gust zu, und der Sturm packte ihn in der Dunkelheit mit wildem Geheul.

„Es geht nicht, Lars,“ brüllte ihm Kords zu, als er wieder bei ihm war, „mein Arm will noch nicht, und wir brauchen alle Kräfte.“ Und von unten aus der Finsternis klang es wie höhnendes Geheul zu den Männern herauf, aber sie verstanden nicht, was das Meer ihnen sagte, und packten zu mit ganzer Kraft.

Sie zündeten große Feuer auf dem Damm an und arbeiteten im flackernden Schein. Und die schwarzen hastenden Gestalten mit ihren jähen, großen Bewegungen warfen lange, unheimliche Schatten über den Damm.

Und das Meer griff herauf und biß sich in den Damm und brüllte und kreischte vor Wut.

„Her mit den Sandsäcken,“ kam Lars’ Stimme tief und laut über das Getöse. Und er hob sie, und klatschend versanken sie im weißen Gischt, und kalt und naß spritzte es ihm ins Gesicht. Und Kords hob den Hammer mit seinem einen Arm und holte weit über seinem Kopfe aus und ließ ihn auf die starken Pfähle niedersausen.

Aber die See langte mit weißen Fingern am Pfahl herauf und riß und lockerte an seinem Grund und heulte und lachte dazu mit klatschendem Jauchzen.

„Kords, das Ding haftet nicht mehr,“ sagte ein alter Arbeiter und spuckte in das wirbelnde schwarze Wasser. Aber Kords fluchte vor sich hin und arbeitete weiter.

„Komm weg, Lars, das kann hier jeden Augenblick brechen, und es nützt ja jetzt nix mehr,“ schrie einer Lars in die Ohren. Aber Lars biß die Lippen aufeinander und sagte kein Wort.

Immer die unheimlichen, weißen Finger voraus kam sie heraufgekrochen, und der schwarze, wogende, ringelnde Leib preßte sich an den Damm, und wo eine schwache Stelle war, da biß sie hinein und nagte, wuchs und wuchs.

Und endlich mußten sie zur Seite stehen und warten. Und das rote flackernde Feuerlicht zuckte auf ihren finsteren unbeweglichen Gesichtern hin und her, und der Wind kam aus der Finsternis gefahren und schrie und zerrte um sie, und sie standen und warteten.

Und es kroch herauf, immer herauf, und sie konnten nichts, als stehen und warten. Manchmal fluchte einer und sah nach den kleinen ärmlichen Häusern hinüber, wo die Lichter ängstlich hin und her tanzten. Aber meist standen sie ganz still, die Hände in den Hosentaschen mit zornigen Augen. Und die stillen,wetterharten Gestalten im roten Flackerlicht und der jaulend zornige Wind und der schwarze kriechende Feind mit seinem lachenden Geheul hielten zusammen die Wacht.

Und die Minuten rannen hin und die Viertelstunden, und es war ihnen, als ginge die Nacht darüber hin.

Und dann kam ein dumpfes Krachen und Rutschen. —

„Der Damm bricht!“ schrie Kords Stimme über das Getöse.

Da sprangen sie alle in die Wiese hinunter und liefen nach den kleinen Häusern hin.

Aber hinter ihnen von der Schleuse her dröhnte es auf — ein donnernd lachendes Brüllen.

Sie schrie ihren Sieg hinaus in die Nacht, und mit den schwarzen Armen und den vortastenden weißen Fingern packte sie in das Land hinter dem Damm und nahm es zu eigen. Schneller, immer schneller kamen die weißen Finger heran und griffen aus der Finsternis hinter den laufenden Männern her. Schon ging ihnen das Wasser fast bis zum Knie.

Bei den kleinen Häusern war es ein Wühlen, Rennen und Rufen. Und die schwarzen Arme waren schon heran, und klatschend griffen die weißen Finger an den Mauern herauf.

Die Männer wateten knietief im Wasser, als sie die Ziegen und Schweine herausschleppten.

Maurer Nissens Frau jammerte laut und aufgeregt. Jetzt packte sie Lars beim Arm: „Nu seh! Nu seh! Ach, mein Gott, da ist das Wasser halb die Stalltür herauf und das gute Schwein, das gute Schwein — oha, oha! — Kannst du’s nicht retten, Lars, mein Lieber? Ach, mein Gott!“

Lars hatte ein Kind auf dem Arm und zerrte eine Kuh hinter sich her. Er schüttelte den Kopf. „Soll ich denn wohl mitsamt Ihrem Schwein versaufen?“

Da stockte auf einmal Frau Nissens lautes Gejammer, und sie blieb stehen, wie angewurzelt.

„Na was nu?“ fragte Kords.

„Großvater ist noch drin!“

„Mensch, is sie verrückt?“

„Großvater is manchmal so bockig und kann nich hören, und er wollte nich aufbleiben mit uns und wachen. Und taub is er auch. Nu liegt er in der Dachkammer und schläft.“

Da fing sie laut an zu heulen.

Aber Lars war schon umgekehrt. Jetzt ging ihm das Wasser bis an die Hüften. Er wußte,wo dicht bei am Damm sonst ein Boot lag. Aber es war nicht leicht, sich zurechtzufinden in der heulenden Finsternis.

Und die schwarzen Arme zerrten und hielten, und die weißen Finger leckten hoch und immer höher. Da kam das Etwas aus der Tiefe seiner Seele heraufgequollen, was so weit unten im Grunde schlief und über dem das träumerische Wesen gebreitet lag, wie eine dichte Nebelschicht. Es war wie eine heiße Kraft und ein ganz unbändiges Wollen, daß er, den Kopf vorgestreckt, wie ein böser Stier gegen den wütenden, schreienden Sturm und die schwarzen Arme rang.

Jetzt brüllte sie ihm das alte Lied in die Ohren, das er als kleines Kind schon gehört: „Mein bist du!“

Aber sein Manneswillen war stärker als sie.

Und jetzt hatte er es erreicht.

Er schwang sich hinein und schnitt die Stricke los. Aber um Gottes willen die Riemen!

Es waren keine Riemen in dem Boot.

Er tastete mit der Hand. Eine Stange lag unten am Boden. So mußte er denn staken.

Das ging nicht gut, denn das Wasser stieg und stieg, und der Wind war stark.

Wie er näher zum Hause kam, hörte er die jammernde Stimme des Alten. Er wollte ihmzuschreien, daß Hilfe kam, aber ihm fiel ein, daß Großvater taub war.

Schon stand das Wasser bis ans Dach. Großvater sah zur Luke heraus und jammerte laut.

„Gammel[3]Nissen! Großvater!“ schrie Lars und hielt sich am Dachrand fest. Aber der Alte sah in die Finsternis und jammerte fort.

Da nahm Lars seine Stange und stieß nach der Luke.

Das half.

Ein gurgelndes Lallen der Freude klang herunter. Er hielt die Stange oben fest und tastete damit im Boot herum. Aber er schien noch nicht ganz beruhigt, ging murmelnd in die Kammer zurück und zündete ein Licht an.

„Schnell, schnell!“ schrie Lars hinauf.

Gammel Nissen leuchtete zum Fenster heraus. „Puh“ sagte der Wind. Da war es dunkel. Aber er hatte doch genug gesehn.

So laut, als sei Lars selbst taub, brüllte er hinunter. Dann kam er über das Dach gerutscht.

Mit dem einen Arm fing ihn Lars auf und setzte ihn ins Boot. — Dann riß er ein paar Duchten heraus. Die eine drückte er demAlten in die Hand, die andere nahm er selbst. So ruderten sie mühselig vorwärts. Zuweilen stakte er.

Und endlich hatten sie die andern erreicht.

Er ging nicht mit, um trockenes Zeug anzuziehn. Er stürzte nur einen Schnaps hinunter, den sie ihm boten. Dann stürmte er nach Hause. Aber als er bei Onkel Gusts Hause vorbei lief, kam der gerade gemächlich die Straße herauf. „Lars,“ rief er, „halt, Lars, wo willst du hin in dem nassen Zeug? Komm herauf, ich hab’ gehört, du hast dich ja großartig gemacht da beim Dammbruch. Du kannst trocknes Zeug von mir kriegen, komm nur!“

Lars war einen Augenblick mit finsterm Gesicht stehn geblieben; nun drehte er sich ohne Wort herum und lief weiter.

„Wohin rennst du bloß?“ rief Onkel Gust.

Da rief er über die Schulter: „Dahin, wo ich hingehöre, nach Hause. Ich muß sehn, wie es dort steht. Hier wohne ich nicht!“

Onkel Gust starrte ihm nach. Dann schüttelte er den Kopf, und dann lächelte er. Und so trat er gemächlich in seine Haustür, und der warme Lichtschein fiel auf die Straße. —

[3]alter.

[3]alter.

[3]alter.


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