Kapitel XVIII
Tief drin im untersten Grunde wühlte und bohrte es in Lars’ Seele. Die ruhige, klare Art in Jakob Linds Hause machte ihm den eigenen unklaren Zustand immer unbehaglicher. Jakob und die hohe stille Karen gingen so fest und sicher vor sich hin, und um die kleine tätige Frau Lind war es am allermeisten wie eine frische, gesunde Luft bewußten Frohsinns.
Und immer ließ ihn Trinas Not und ihr großes Zutrauen nicht los. Er sann und sann und konnte es doch nicht in Einklang bringen, seine behagliche Freundschaft mit den Asmussens und das ganze Elend, von dem ihm Klein-Trina auf der Treppe erzählt hatte.
Und doch tobte und kochte die Leidenschaft in ihm noch stärker als vorher. Bis er sich einen Entschluß abgerungen hatte, durfte er seinen Mund nicht wieder auf die weichen Lippen drücken; der Gedanke packte ihn wie verzweifelte Qual.
Einstweilen wollte er da anfangen, wo er erst einmal ein Stückchen Weg vor sich sah. Er wollte versuchen, etwas für Dora zu tun.
In einer nebeldicken Morgenfrühe begann er Peter Lassen im Boot von ihr zu reden.Und er sagte ihm alles, was er von Trina gehört hatte. Von Doras einsamem Kampf und ihrer Not, und wie die Verachtung der Leute und die große Scham sie jetzt fast erdrückten und doch keine einzige helfende Hand da war, die sie aufrichtete. Und die kleinen Geschwister, die sie gern mit dem eigenen Leibe vor allen Gefahren gedeckt hätte, blieben doch unbeschützt, und keiner wollte ihres Notrufs achten.
Es tat Lars wohl, etwas von dem, was ihn drückte, von der Seele zu reden. Aber Peter sah zur Seite und keiner konnte sagen, was in ihm vorging.
Sich selbst aber hatte Lars geholfen. Er hatte einen Anfang gemacht. Nun wußte er, daß Klarheit werden mußte. Onkel Gust sollte erfahren, wie er dachte, und Miete wollte er hinüberreißen in seine schlichte, reinliche Welt. Für sie konnte er sich dann wohl aufraffen und sich aus dem armselig-engen Kreise heraufarbeiten. Sie liebte ihn, so wie er sie liebte, darum würde sie auf ihn warten.
So kam es endlich, daß er gerade aufgerichtet und zuversichtlich über die Koppeln zu Herrn Asmussens Hause ging.
Im hohen grauen Hause auf der Treppe traf er Trina Lassen. Es war ihm fast wieein Schreck, so leuchteten ihre Augen auf bei seinem Anblick. Da blieb er bei ihr stehen und fragte nach Doras Geschwistern und anderem mehr, und sie sah ihm fest in die Augen und erzählte schlicht und voll großem Vertrauen.
Dann ging er mit schweren Tritten die Treppe hinauf. Das vordere Zimmer war leer. Im zweiten fand er Onkel Gust in dicken Tabakswolken hinter der Zeitung.
Da drückte er die Lippen fest aufeinander, daß sein Gesicht wieder aussah, wie aus Holz geschnitten, und trat dicht vor ihn hin.
Onkel Gust wehte mit der Zeitung die blauen Wolken auseinander. „Sieh da Lars, — endlich läßt du dich sehen,“ sagte er gütig.
„Onkel, ich habe mancherlei zu sagen,“ brachte Lars mit harter Stimme heraus.
Zum Lesen brauchte Herr Asmussen einen Kneifer. Über den Kneifer hinweg sah er seitwärts nach Lars hin. „Setz’ dich, setz’ dich, min Jung!“ Und dann: „Na?“ sagte er erwartungsvoll.
Lars saß an der andern Seite vom Tisch, nun legte er die Arme darauf und beugte sich zu Herrn Asmussen hinüber, und er sprach ganz deutlich und langsam, und Herr Asmussen rückte an seinem Kneifer.
„Ich weiß gar nicht, was du überhaupt meinst,“ sagte er und putzte den Kneifer vorsichtig mit dem Taschentuch ab.
Aber Lars blieb ruhig dabei und sprach von Trina Lassen und was die Leute ihm sagten von Onkel Gust.
„Was geht das dich überhaupt an?!“ Und Onkel Gust lehnte sich im Lehnstuhl zurück und suchte beleidigt auf Lars zu blicken.
Aber Lars achtete gar nicht darauf, und als er auf Dora Nielsen zu reden kam und ihre Geschwister, da rückte Onkel Gust ein wenig auf seinem Stuhl herum und lachte verlegen. „Naa“ sagte er begütigend und zwinkerte Lars zu. Aber Lars redete weiter, und er redete sich in Zorn und sprach von denen, die keine Hilfe fänden und keinen Schutz, weil die andern, welche die Kraft hatten und die Pflicht zu sorgen, im Wirtshaus saßen und faule Witze rissen.
Da wurde es Onkel Gust zu bunt. „Grünschnabel, geh’ und predige deinen Fischen!“ schrie er und setzte den Kneifer wieder auf.
„Ja,“ sagte Lars da auf einmal in einem ganz anderen Ton, „ich bin weiter nichts als ein Fischer, und ich habe kein Recht, zu sprechen, aber es kann sein, daß es heute das letztemalist, daß ich hier sitze, und eh’ Ihr euch entschließt, solltet Ihr wissen, wie ich denke.“
Da legte Onkel Gust die Zeitung schnell wieder hin und sah Lars mit einem Ausdruck ins Gesicht, der fast dumm ausgesehen hätte, wenn es eben nicht Herr Asmussen gewesen wäre.
Lars schwieg einen Augenblick, und sein hartgeschnittenes Gesicht war unter der Wetterbräune blaß geworden.
Draußen hörte man einen Hund bellen. —
„Ich wollte dich fragen, ob du mir Miete zur Frau geben wolltest,“ sagte er, und die Stimme war sehr tief und fast hohl.
Da veränderte sich Herr Asmussen, wie wenn im April die Sonne durch die Wolken bricht. „Mein lieber Lars!“ sagte er gerührt, und auch seine Stimme klang tief, aber mehr im Fett erstickt. „Ich habe mir immer gedacht, daß du wieder zu uns kommst. Der Stand, dem du angehörst, ist ja unmöglich für dich. Bei deiner Begabung läßt sich alles in kurzer Studienzeit nachholen. Ja, ja, ich glaube schon, daß die klein’ Deern „ja“ sagen wird. Und ihr seid ja jung; bis du dich wieder soweit eingearbeitet hast, daß du reif bist für den Posten, so lange könnt ihr ja gut warten — und —“
„Was meinst du eigentlich Onkel?“ Lars stand hoch aufgerichtet und sah ihn mit weiten Augen an.
Aber Herr Asmussen war schon an der Tür — „Miete — Miete!“ rief er die Treppe hinunter. „Ich wußte es ja, und ich habe die ganze Zeit eine nette kleine Stelle für dich im Auge behalten — aber sieh, da bist du ja schon, klein’ Deern, na, na, da will ich euch lieber allein lassen,“ und er lachte leise, — noch hinter der Tür hörten sie ihn lachen.
Miete stand vor ihm, und sie sah halb verlegen zur Seite, und in den weichgeformten Backen ging das Blut auf und ab. Und es war zwischen ihnen wie eine heiße Welle, die hin und her wogte und den Blick zu trüben schien, daß kein Überlegen mehr war, nur das heiße Müssen.
Sie wußten es beide nicht, wie lange sie so in seinen Armen gelegen hatte.
Aber wieder war es Tante Jette, die die Tür hart aufklinkte. Miete sprang auf mit glühenden Backen, und Lars stand neben ihr, hochatmend mit dunklen Augen.
„So,“ sagte Tante Jette, und setzte sich, „nun wollen wir erst mal vernünftig reden.“
Die beiden setzten sich langsam nebeneinander, und Lars fuhr sich mit der Hand über die Stirn und weit über die kurzen Haare hin.
„Also dein Vater sagt mir, Miete, daß Lars dich heiraten will und selbstverständlich in unsern Stand zurückkehrt und sich für die Arbeit bei Herrn Tiensen vorbereiten will. Eine lange Warterei wird das ja geben, und gerade keine besonders feine Stellung für dich. Aber lieber als diese Wirtschaft hier zwischen euch ist mir diese Heirat dann schließlich auch noch und —“
„Tante Jette,“ sagte da Lars auf einmal, und er war wieder ganz blaß geworden, „Onkel Gust hat mich ganz falsch verstanden. Wenn mich Miete lieb hat, wird ihr wohl jeder Stand recht sein. Es kann ja vielleicht Mittel und Wege geben, daß ich mich irgendwie weiterbilde und heraufarbeite, aber zu Herrn Tiensens Arbeit, — nie und nimmer. Hier ist bloß der Fischer!“ Er drehte sich zu Miete in seiner schwerfälligen Art. Und es stand auf seinem Gesicht wie ein rücksichtslos zorniges Fragen, aber auch etwas wie eine verhaltene Qual war in den gezogenen Linien.
Sie war fast zusammengefahren und tat einen Ruck von ihm fort. „Was, Fischerfrau?!“ sagte sie, „Lars, bist du verrückt?“ — Und sielachte schrill auf, beinah, wie ihre Stimme manchmal als Kind geklungen hatte.
Tante Jettes Brust hob und senkte sich stürmisch mit dem dicken goldenen Locket. „Das wäre dir wohl recht, das kann ich wohl glauben. Eine kleine niedliche Frau und Geld dazu. Und dann deinen Wohltätern den Rücken kehren und womöglich gegen ihre Sache kämpfen. — Ich habe dir immer mißtraut, Lars Asmussen, und diese Tändelei mit meinem Kinde war mir ein Greuel.“
„Ach Mama, du verdirbst aber auch alles,“ sagte Miete feindlich.
„Ja, ja, das tut sie immer,“ sagte Herr Asmussen, der bei dem lauten Reden eingetreten war.
„Lars,“ und Miete kam zu ihm heran, so dicht, daß er ihren Atem weich auf seiner Backe spürte, „du hast mir doch versprochen, daß du etwas für mich tun würdest, — Lars?“ — Und sie hatte ihre weiche Hand auf seine harten braunen Finger gelegt.
Es war, als versänke etwas in ihm, daß es ihn wie eine körperliche Schwäche überkam und ihm zugleich den heißen Blutstrom ins Gehirn trieb.
„Lars,“ sagte Herrn Asmussens wohlwollende Stimme, „Lars, min Jung’ — bedenke, wie du vorher geredet hast, denk an die kleinen Leute,denke, wie ein Agitator in jeden Winkel kommt und alle Verhältnisse kennt. Welchen Einfluß wirst du haben, wieviel kannst du nützen?“
Einen Augenblick sah er von einem zum andern mit seinem blassen, unbeweglichen Gesicht. Er sah jetzt seiner Mutter ähnlich. — „Leb wohl, Miete!“ sagte er.
Ihre Finger lagen noch immer weich auf seiner Hand. Jetzt lehnte sie sich an ihn, und ihre ganze Gestalt war sehnende Hingabe. „Lars, kannst du denn gar nichts für mich tun? Wenn du mir versprichst, dich zu uns zu halten, weiter gar nichts?“
Da faßte er sie plötzlich bei den Schultern und sah ihr ins Gesicht. Sie versuchte zu lächeln, aber sie konnte ihm nicht gerade in die Augen sehn. Etwas Unbestimmtes — Verstecktes glitt über das helle, weiche Gesicht. — „Jetzt weiß ich, daß du mich betrügen willst, Miete Asmussen, um mich einzufangen.“ Seine Stimme klang sehr hart. „Und Gott weiß, daß du stark bist!“ — Er schob sie fort und wollte nach der Tür. Aber Miete beugte sich vor und sah ihm in die Augen, daß der Blick sich gleichsam in sein Innerstes wühlte.
„Du kommst wieder!“ flüsterte sie.
„Nein,“ sagte er.