Kapitel XXIX

Kapitel XXIX

Lars hatte sich noch ein Stück niederes Uferland gekauft, auf das bei Wind viel Seetang getrieben wurde. Wenn Lars nicht Zeit hatte, dann stand Trina mit ihrem Jungen, und sie harkten das Seegras herein, und sie trockneten es und hatten noch einen guten Verdienst mit dem Verkauf.

Und Peter wußte, daß Lars immer mehr Geld auf die Sparkasse brachte, und daß er es zu etwas gebracht hatte in den letzten zwei Jahren. Auch sah er, wie sich die Leute von Lars führen ließen und daß es doch Hand und Fuß hatte, was er riet. Da wachte auch die alte Anhänglichkeit wieder auf, und er fing wieder an, zu Lars aufzusehn. Und hinter Lars’ Rücken rühmte er ihn vor den Leuten und machte ihnen klar, was Lars wolle, und kämpfte für seine Pläne. Und Peter kamen die Worte leichter als Lars, daß er manch einen gewann.

Sie erreichten es auch, daß der Fischdampfer nicht von dänischem Gelde gekauft wurde. Das meiste hatten die Fischer selbst bestritten, und es hatte viel Geld gekostet. Peter und Dora hätten gern gewußt, wieviel Lars dazugegebenhatte, aber sie bekamen es nicht heraus. Es mußte viel gewesen sein, meinten sie, weil er wieder so hart an der Arbeit war.

„Das ist ja gar kein Leben,“ sagte Peter und stand mit den Händen in den Hosentaschen dabei. „Man will doch einmal absetzen undwissen, daß man lebt.“

Aber Lars sah gar nicht auf, sondern hob den Ballen Seegras und trug ihn fort. Dann kam er zurück. „Sieh, Peter, wenn du mir mal hilfst, will ich hier einen Damm ziehen, damit mir die See nicht jedes Jahr über dies Land spült; dann kann das mal eine gute Wiese werden. Ein paar Kühe können wir uns dann vielleicht auch noch kaufen.“ — Peter schüttelte den Kopf, aber er faßte an und half das trockne Seegras hereinschaffen.

Peter aber konnte nicht wissen, wann Lars „lebte“. Wenn er sich freute, dann schwieg er gerade so, wie wenn er litt.

Aber doch wußte Lars jetzt, daß er lebte.

***

Es war ein warmer Frühlingsmorgen. Der Regen hatte alles reingewaschen, nun kam der weiche, starke Wind vom Meer und streichelte mit dem Sonnenschein um die Wette an denjungen, feinen Blättern herum. Neben Lars’ Garten lief eine Quelle, die murmelte und rauschte, als ließe sie sich keine Zeit, vor Lust hineinzulaufen in den Sonnenschein und hinunter zu hasten nach dem großen Wasser. Lars saß auf der kleinen Bank am Haus, und sein Schatten fiel scharf und blau an die weiße Wand.

Trina trat aus der Tür. Es war Sonntag, und Lars hatte das gute, blaue Zeug an. Trina strich ihm ein Stäubchen fort, und ihre Hand nahm sich Zeit, wie eine Liebkosung. Lars sah in die weiche Bläue hinein und hielt wohlgefällig still. Er streckte die langen Beine in die Sonne, und ihm war wohl. Er konnte einmal aufatmen ohne Sorgen und wissen, daß er an seinem rechten Platze stand. Darum war ihm wie damals, als er ein Junge war. Er hätte sich wälzen mögen in dem frischen, jungen Grün vor lauter drängendem Behagen.

Jakob Lind kam über die Höhe zwischen dem wogenden jungen Korne daher. Er schlenderte gemächlich und hatte den Hut abgenommen.

„Guten Morgen, Lars,“ sagte er und kam in den Garten. „Ich soll zu Jes Land hinüber, der will meinen Rat haben wegen seines Jungen.Er kann selbst nicht kommen mit dem kranken Bein.“

„Wer ist das denn?“

„Weißt du nicht, von dem sagen sie ja, wenn er in Wanbyll steht, dann wirft die Nase noch Schatten bis Seegaade quer übers Wasser, so lang ist sie.“

Lars lachte in sich hinein und nickte.

„Aber dich muß ich auch was fragen,“ sagte Jakob, „wegen Jung-Klaus.“

„Na schieß los, Jakob! Ist der Jung ungezogen in der Schule?“

„Das ist es nicht. Ein Musterkind ist er ja gottlob nie gewesen. Dazu hat er zu viel Leben im Blut. Aber der Jung ist klug. Du solltest ihn was lernen lassen.“

Lars schwieg und sah wieder vor sich über das blaue Wasser in die blaue Luft hinein. Er griff nach der Pfeife neben sich und steckte sie bedächtig an. Langsam tat er ein paar tiefe Züge. Dann nahm er sie heraus und rief: „Klaus!“

„Vater!“ antwortete es aus dem Hause.

„So, nun sag’s ihm, Jakob.“

Da fing Jakob Lind an und sprach bedächtig und freundlich, und Klaus stand da, stämmig und groß in der blauen Wolljacke, ein wenig breitbeinig, so, als wollte er recht festen Halt haben an der Mutter Erde, und sah Jakob stramm in die Augen. Und Jakob setzte es ihm auseinander, daß er bei den Büchern bleiben und etwas Tüchtiges werden könne. „Vater könnte das wohl durchsetzen, wenn du gern möchtest.“

„Was sollte es denn sein?“ fragte der Jung’.

„Na — vielleicht Schullehrer,“ sagte Jakob.

„Oha“, sagte der Jung’. Lars lachte. „Na, was möchtest du denn werden, du Däskopf?“ fragte er.

„Ich möchte wohl werden wie du, Vater,“ sagte Klaus und sah in fest an.

„Warum denn?“

Da steckte Klaus die Hände tief in die Hosentaschen und besann sich. „Weißt du, Vaa, das Fischen mag ich wohl leiden, immer so da draußen auf dem Wasser, und dann“ — er grub die Hände noch tiefer, „dir hat keiner was zu sagen, du tust gerade, wie du willst, so möchte ich auch sein.“

Da sahen sich Vater und Sohn noch einen Augenblick in die Augen.

„Na, denn lauf wieder zu Mutter!“ sagte Lars. — Es dauerte gar nicht lange, da kam von hinter dem Hause das trauliche Getön einer Ziehharmonika durch die Frühlingsluft.

„Er hat die Musik von Großvater,“ sagte Lars wohlgefällig. „Aber siehst du, Jakob, aus dem wird auch nichts weiter.“

Da nickte der. „Es mag wohl auch so am besten sein,“ sagte er und stand auf.

„Ich meine es beinah auch,“ sagte Lars. —

Und dann saß Lars noch eine Weile. Klaus war weiter fortgegangen mit seiner Ziehharmonika. Aus der Ferne kam das Klingen, und es paßte sich zusammen mit dem Murmeln des Baches. Und wie beides hineinschwamm in den Sonnenschein, war es wie eine heimliche Traulichkeit und ein sinniges Behagen in der weichen Frühlingsluft.

Ja dieser Zeit taute etwas auf in Lars’ Innerm. So etwas, was noch immer wie in hartem Krampf in sich verschlossen gelegen hatte. Bei all’ seiner Schweigsamkeit war doch etwas warmes Menschliches an ihm zu spüren. Trina wagte es auch wohl einmal, von Grund aus fröhlich zu sein, wenn der lange Lars in der Nähe war, und es saß jetzt manchmal in seinen Augen wie bei Großvater, ganz heimlich und versteckt, wie der Schalk. —

Sie lebten nicht mehr wie die Hamster oder Dachse, jeder nur für seine saure Arbeit und jeder in seinem eigenen Bau, sondern sie kamenalle zusammen, wenn sie Zeit hatten, und waren fast fröhlich dabei.

Am häufigsten kamen Lars und Trina mit ihrem Jungen und Peter mit seiner ganzen Familie Sonntags zu Mutter Stina herüber. Und Mutter Stina bediente sie und saß mit ihrem traurig-ernsten Gesicht zwischen ihnen, sagte selten ein Wort und war doch von Herzen froh.

Oder sie packten ihre Boote bis oben voll mit ihren schreiend-fröhlichen Kindern und fuhren mit ihnen über die Bucht, hinüber zu Kords oder nach Aalby zu und gingen zu den Linds hinauf.

Aber all das waren Feiertage in ihrem Leben, denn in ihrer harten Arbeit ließen sie nicht nach. Aber daß Lars überhaupt mit andern Feiertage haben konnte, das war das Neue, was er nun endlich in seinem Leben gelernt hatte.

Auch an Trinas Freuden und Wünsche dachte Lars jetzt manchmal. Als ihr Geburtstag herankam, da hörte er gegen Abend mit seinem harten Mühen auf und kam mit seinem Handwerkszeug vom Strand herauf. In der einen Hand trug er vorsichtig einen langen geräucherten Aal. Den brachte er ihr zumGeschenk. Der sollte heute abend gegessen werden.

Und gegen Abend kamen sie alle im guten Zeug nach Lars’ Haus heraufgegangen, Mutter Stina und Peter und Dora und die große Tochter, die bald größer war als Jung-Klaus, und der älteste, stämmige Sohn, der ganz so aussah wie Peter. Und das Jüngste, das noch auf dem Arm getragen werden mußte, brachte Dora auch noch mit. Und nachdem sie gegessen hatten, saßen sie alle herum in der Dämmerung, und Klaus spielte ihnen ein Stück nach dem andern auf seiner Ziehharmonika.

„Nicht satt zu essen gibst du, Trina,“ sagte Peter und nahm die Milchflasche seines Jüngsten an den Mund.

Dora schlug ihm auf die Hand.

„Tut man nicht so, als ob er nur Milch saugen kann,“ sagte Lars. „Weißt du noch dazumal, Dora?“

„Was, dazumal?“

„Als ihn der Wirt vom Waldkrug beredet hatte, beim Feuerwehrfest hereinzukommen, und du ihn selbst wieder abholen mußtest?“

„Is nich wahr!“ sagte Dora.

„Na und unter den Arm mußtest du ihn nehmen, und der Jung’ lief voraus und schrieimmer vor Freude: „Vater is dun“ — „Vater is dun!“

„Da war ich aber erst fünf Jahr,“ sagte der Jung’.

„Sei man still, Lars,“ sagte Mutter Stina, „du bist damals allein gegangen, aber du machtest mächtig lange, steife Schritte, und ganz gerade gingst du auch nicht.“ Und dann lachten sie alle, und als die Sterne anfingen, in das breite, niedere Fenster hereinzublinzeln, standen sie auf und sagten ‚Gute Nacht‘. Und Klaus ging ein Stück mit und spielte die Harmonika dazu.

***

Ja, das waren ein paar gute Jahre für Lars Asmussen. Gerade wie der Pflanze, tut auch dem Menschen ein wenig Sonne not, wenn er sich voll und breit entwickeln soll. Packt ihn dann auch wieder der Sturm, so kann er nicht mehr sein Wachstum hemmen und ihn in krüpplige Formen zwängen.

Unbewußt fühlten es die Leute, wenn sie mit Lars redeten: Das war einMensch, der vor ihnen stand. Es war ein rechtlich starker Mann, und es war auch ein tüchtiger Arbeiter; aber unter dem rauhen, blauen Zeuge saß auch ein menschlich warmes Herz. Damals, zur Zeitseiner hölzernen Rechtlichkeit, achteten ihn alle, aber jetzt hatten viele Leute Lars Asmussen lieb.

Ja, das waren ein paar gute Jahre, das fühlte er selbst. Aber solche Leute, wie Lars, müssen immer wieder aus dem glatten Strome heraus. Kein Mensch kann sagen, warum es so ist.

Der Sturm lauerte darauf, Lars Asmussen zu packen. Und an einem schönen Juniabend fing sein erstes, leises Drohen an.


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