Kapitel XXV

Kapitel XXV

Trina hatte manchmal Näharbeiten übernommen. Sie hatte das Nähen bei Frau Asmussen gut gelernt. Jetzt hatte sie es wieder aufgenommen. Mit ihrer Hände Arbeit schaffte sie manches für Lars heran, was ihm sonst gefehlt hätte. Denn in dieser Zeit tat es not, daß noch etwas Geld verdient wurde. Auch die Linds gaben ihr manchmal etwas zu tun. Karen hatte die Arbeit öfter zu ihr hingetragen. Aber jetzt ging sie nur zu der Zeit, wenn die Fischer auf See waren.

Es war ein früher Märztag. In der Luft lag das Geheimnis. — Kahle Zweige ragten in die graue Luft, und öde, graue Flächen dehnten sich über die Koppeln. Und doch lag das Geheimnis in der Luft. Ein weiches Flügeln und Streicheln huschte über die Dinge und tastete sich bis in die Menschenherzen hinein. Und die Lerchen trieb es hinauf — hinauf und drängte und weitete die kleine Brust, daß sie sich Luft schaffen mußten in zwitscherndem Gejubel und die Flügel regten im Takt, immer hinauf in das weiche Grau.

Denn die Lerchen glaubten an das Licht hinter den Wolken. —

Oben auf der Koppel, von wo der freie Blick über das Wasser geht, stand Karen und horchte hinauf nach den Lerchen. Ihre hohe, schlanke Gestalt stand dunkel vor der Luft, aber es war etwas Helles auf ihrer Stirn.

Karen war aufrecht ihres Weges gegangen, und keiner hatte über sie zu klagen gehabt. Da war nichts Zerdrücktes, Schwächliches an ihr. Ihre Last hob sie auf und deckte sie sorglich mit ihrem Stolze zu und ging damit vorwärts mit gehobenem Haupt.

Aber das Weiche, Tastende in der Luft hemmte ihr frisches Vorwärtsschreiten, daß sie sinnend einhalten mußte und hinaufhorchen nach den Lerchen und in sich hinein. Und die Gedanken stiegen auf und lagen auf ihrer Stirn, daß sie die Brauen zusammenzog über den hellen Augen und langsam weiterging, den Blick am steinigen Wege. Sie konnte und konnte es nicht verstehn. Warum saß diese Liebe ihr so grundtief im Herzen, daß sie sich selbst nicht denken konnte ohne diese Liebe? — Es hatte doch alles Ding einen Sinn im wundersamen Weltgefüge. Wo war er hier? Warum konnte sie nicht einen andern lieben? — Es gab tüchtige, starke Männer genug um sie her, und sie hätten die Arme weit aufgemacht für dies stolze, frische, junge Leben. Dann wäre sie reich geworden. Eigenes, zartes, junges Sein hätte sie an der Brust gewiegt. Und wie Siegesstolz wäre des Weibes höchste Lust ihr aufgegangen, wenn rote Kinderlippen sie Mutter nannten.

Aber es hätte alles angefangen mit einer großen Lüge.

Sich ohne Liebe zu geben, dazu sagte ihr ganzes Wesen „Nein“. Und ihre Liebe wohnte bei dem einen, für den sie zwecklos war in dieser rätselvollen Welt.

Und Karen setzte die Füße fest auf, als wollte sie die grübelnden Gedanken unter sich treten. Da sah sie die Fischerhäuser vor sich liegen, und sie atmete tief auf. Sie mußte irgendwo zugreifen — vielleicht daß sie ihm helfen könnte durch die Frau. Sie mußte eben aufhorchen und achten, wenn der Augenblick kam, daß diese stumme Liebe zur Tat werden konnte.

Da stand sie vor dem Hause und schob die Gartentür auf. Mutter Lassens laute Stimme fiel ihr schrill entgegen, daß sie zurückstutzte. Denn dieses Volk zwischen den großen, stillen Weiten hat oft einen Abscheu vor dem Lauten und Rohen. Und Karen war auf einem einsamen Hofe ausgewachsen zwischen schweigsamen Leuten. Dann trat sie rasch über die Schwelle, aber in ihrer Art war etwas Gezwungenes. Und wie sie Trina ansprach, fühlte die es gleich, und das laute, breite Lachen grüßte Karen wie ein Schlag.

Da ging es wie ein kühler Hauch über ihr Wesen, und im harten Kampf gegen ihre Art bekamen die klaren, hellen Augen fast etwas Hochmütiges. Das verwirrte Trina nur mehr, daß sie nicht verstand, was Karen von ihr wollte, und ihre Art immer unsicherer und alberner wurde. Und dazwischen kam immer wieder das laute Lachen und breitete Trinas Gesicht, bis das Rohe es fast unkenntlich machte. Es war Karen fast unheimlich, mit ihr zu reden, und sie wandte sich an Mutter Lassen mit ihrem Auftrage. Die stemmte die Arme ein und kam diensteifrig heran, und ihr Gesicht legte sie in würdige Falten. Aber der Gedanke, daß diese zwei zu Lars gehörten, stieg in Karen auf wie ein zorniger Widerwillen. Mutter Lassens schwatzender Bereitwilligkeit antwortete sie mit knappen Worten, und in den Worten und den hellen Augen lag es immer wie Hochmut.

Dann wandte sie sich nach der Tür, undihr Abschied von den beiden war wie eine Flucht.

Sie ging langsam über die Koppeln hinauf; denn seit dem Tode der Eltern hatte noch niemals so schwere Last auf ihr geruht wie heute. Und bei jedem Schritt stieg deutlicher das Bewußtsein von ihrer eigenen hochmütigen Kälte in ihr auf. Es war fast unerträglich, diese wachsende Scham. Und all das ahnungsjunge Frühlingshoffen von vorhin ward daneben wie ein lächerlicher Hohn.

Sie kam am Waldesrand entlang. — Und tief aus den kahlen, dämmerigen Tiefen zog ein Klingen hinaus in die weiche, graue Luft. Es legte sich um das Menschenherz wie unsagbares Sehnen nach unerreichbarem Licht, und wieder wie ein zartes wachsendes Hoffen auf wunderlich-rätselvoll Verborgenes, ein Aufquellen aus geheimnisvollen Gründen, ein jauchzendes Erschauen und dann ein zart verklingendes, ahnungsvolles Hoffen.

Es war die erste Drossel, die Karen in diesem grauen Vorfrühling sang. Und sie legte die Hand über die Augen, und ihre Seele ging langsam Schritt um Schritt aus ihrer eigenen Unrast hin zu der hellen, rauschenden Quelle, aus der sie sich schon so oftmals junge, freie Kraft geschöpft hatte.

Im Flecken traf sie Jakob Lind. Der hatte gehört, daß Lars in den letzten Wochen oft betrunken gewesen war.

Aber sie sprachen nicht über das, was sie drückte, diese beiden. —

Jakob Lind und Karen gingen schweigsam den Weg nach Aalby nach Hause. Und das weiche, tastende Geheimnis aus der grauen Luft strich ihnen leise über die ernsten Stirnen.

Karen versuchte es noch ein paarmal, wenn Frau Lind Näharbeit zu Trina Asmussen besorgt haben wollte. Es gelang ihr auch wohl, daß die kühle, fast hochmütige Art aus ihrem Wesen fern blieb. Aber sie kam darum doch nicht viel weiter mit Klein-Trina, und sie fühlte wohl, daß noch etwas wie ein Widerwillen in ihrem Herzen saß gegen die arme Kranke.


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