Kapitel XXVI

Kapitel XXVI

Jakob Lind konnte Lars’ nicht habhaft werden. Er ging ihm nun schon seit vielen Wochen mit finsterm Gesicht aus dem Wege. Da kam ein Tag, an dem sich Peter an der Hand verletzt hatte und ein paar Tage aussetzen mußte mit der Arbeit. Jakob Lind hatte davon gehört, und er ging nach Mutter Stinas Strohdachhaus, und in seinem Kopf steckte ein Plan.

Die beiden Fischer saßen dort auf ihren alten Plätzen. Aber ihre ärgerlich-harten Stimmen klangen ungewohnt unter dem niedrigen Dach hervor. Sie saßen mit den Mützen in die Stirn gerückt und sahen jeder in eine Ecke, und über Mutter Stinas stillem Gesicht lag der Kummer wie eine schwere Last und hatte mit harter Schrift unzählig tiefe Linien hineingegraben.

Sie rührten sich alle kaum, als Jakob Lind eintrat, und grüßten ihn nur mit den Augen. — Er fragte nach Peters Hand, und wen Lars zum Ersatz in seinem Boot hätte heute nacht. Denn die Luft war milde und still und günstig zum Fischen. Lars gab eine mürrische Antwort, weil er niemand hatte, denn im Sommer arbeiteten die zwei andern nicht mit ihnen. Dablitzte es fast lustig auf in Jakobs Augen. „So nimm mich mit, Lars, ich möchte einmal helfen.“

Da sahen sie wirklich aus ihren Ecken heraus und sahen sich an, und beide Fischer lachten halblaut vor sich hin. „Das wird wohl schwer halten, Herr Lehrer,“ sagte Peter, und er hatte etwas Mitleidiges dabei.

„Du kannst mich ja pullen lassen, Lars; das Auswerfen verstehe ich wohl nicht. Aber für einmal schaffe ich es wohl, mit dem Netz einziehn, wenn du mir’s zeigst. Und ich habe eben Lust dazu.“

Da sah ihn Lars sonderbar an und schwieg eine Weile. „Na, denn man zu, Jakob,“ sagte er endlich mit tiefer Stimme.

„Peter borgt mir wohl sein Zeug,“ sagte Jakob Lind.

„Es wird ein bißchen groß sein, Herr Lehrer.“ — Und in Peters Stimme saß ein verhaltenes Lachen.

Es war eine von den wunderlichen, milden Nächten. Hier und da glitten die Wolken zur Seite, und durch graue Dünste goß der Mond ein zitterig rotes Scheinen über die Welt. Aus der frühlingsatmenden Erde stieg ein reiches, schweres Duften wie ein aufquellend-sehnendes Leben. — Aber rings in der lautlos samtweichen Dunkelheit lag es wie seltsam schlummernde Dinge, wartend, aus ihrem leisen Schlafe aufzustehn und in das rötliche Geschimmer hinzutreten.

Merkwürdig laut klangen die Tritte der schweigsamen Männer auf den Brettern des Ricks. Und dann kam der Ton der Riemen in den Dollen und das leise, gleichmäßige Platschen. Das paßte sich hinein in das große Schweigen und ward selbst ein Klang der raunend-dunklen Heimlichkeit.

Es dauerte eine lange Zeit, dies schweigende Hingleiten. Aber endlich seufzte Jakob auf und nahm seinen Blick von der breiten, glitzerigen Flimmerstraße über den Wellen fort. Eine Weile sah er auf die dunkle Gestalt an den Riemen und ihr gleichmäßig schweigendes Tun. — „Lars, es ist ja nur der eine Ruck, Mensch, daß du aus dir herauskommst, nachher ist dir leichter; das weißt du!“

„Es nützt doch nichts, Jakob. Es ist doch einmal alles verwirrt, am besten, man beißt die Zähne zusammen und schweigt.“ Und Lars sah wieder gerade vor sich hin.

„Aus dem Ärgsten hast du dich schon herausgewühlt, Lars, ich weiß es. Seit fast zwei Monaten warst du nicht im Wirtshaus. Dubist schon den ersten Schritt den neuen höheren Berg hinauf. Warum redest du denn davon, daß es alles nichts nützt?“

„Weil ich nicht mehr an den Berg glauben kann, Jakob Lind. Es ist ein ewiges Auf und Ab, weiter nichts!“ Die Stimme klang, als wenn er aufschrie in seiner Not.

„Seit wann ist denn das so gekommen?“

„Das kann ich dir nicht so sagen, Jakob,“ stockend und stoßweise sprach er. „Ich habe eben mit einmal gemerkt, daß ich es alles verpfuscht habe in meinem Leben, und ich hab’ doch eigentlich immer vorwärts und hinauf gewollt, und wenn das denn doch so zugelassen wird, dann ist da ja wohl auch alles tot und still hinter der Welt. Großvater hat sich das alles so schön gedacht, aber das war wohl nur so ein Spielzeug von ihm, und nun ist er ebenso tot wie ein Hering oder wie die Mücken von gestern.“

Da waren sie lange still.

Dann seufzte Jakob noch einmal auf und richtete sich ein wenig hoch, wie mit einem Entschlusse. „Und die Liebe Lars? — Meinst du, wir wüßten nun nicht endlich, warum Karen nicht heiratet? So eine große, stille Liebe die gar nichts will und doch festhält, ist die auchnur in die Welt hineingehagelt ganz zweck- und sinnlos?“

„Das weiß ich nicht, Jakob.“ Und wieder klang das leise, gleichmäßige Patschen. Und der Mond war verschwunden, und unter dem Uferschatten lag die weiche, unheimliche Finsternis. —

Da fing er wieder an mit der sonderbaren Stimme, in der die Not hindurchzitterte.

„Wennes nur etwas gäbe, Jakob, irgendein Festes, an dem man es greifen könnte. Wenn ich alles Helle in meinem Leben verpfuscht und vertrieben habe, meinetwegen. Aber, daß man andere unter Wasser zieht, daß ich den Leuten nicht mehr helfen kann und dann“ — Lars stockte und zog die Riemen ein und lehnte sich schwer darauf.

Da beugte sich Jakob ganz vor. „Mensch! Lars, dir ist Kraft gegeben über die Menschen bei all deiner träumenden Langsamkeit. Pack’ zu! Schaff’ dir wieder Mut!“

„Ich kann nicht, Jakob, wenn ich denke, es hat alles keinen Zweck, da ist kein Berg, auf den es sich lohnt, daß ich mich und sie hinaufschleppe. — Es müßte daeinFestes sein in dem großen Tüter. Weißt du eins, an dem man es sieht, daß da eine Ordnung ist in demGanzen und ein Wille dahinter. — Früher, da dachte ich, der Jesus Christus mit seiner stillen, sicheren Art. Der sagt, daß er von Gott kommt, und dem kann man es glauben, wenn er sagt, daß er Gott gesehen hat. — Aber da hab’ ich ein Buch gelesen, da war das alles klipp und klar bewiesen, daß er sich geirrt hatte und nur ein ganz gewöhnlicher Mensch war, so ehrlich und treu er auch sonst sein mochte. Und der Gott, an den er so fest glaubte, soll ihn im Stich gelassen haben, und mit dem Schrei ist er auch gestorben. — Na, wenn der sich geirrt hat, dann ist ja doch auch nichts hinter der wirren Welt, und es ist eben alles gleich.“

„Lars, das läßt sich nicht so ausrechnen, wie die da in dem Buch geschrieben haben. Wir wissen nur so viel, daß sein bester Freund, der Tag um Tag mit ihm war, gesagt hat, er war ohne Sünde. Und das hat auch der allerbeste Freund noch von keinem Menschen sonst behaupten können. Und sieh mal, Lars, wenn dieser Mensch ohne Sünde sagt: ‚Wer ihn ansieht, der sieht Gott‘ und er ruft die ganze, große Menschheit zu sich und will sie allein zu Gott hinführen, dann muß er wohl wissen, wovon er redet.“

„Du magst ja vielleicht auch recht haben,Jakob, das ist dann doch auch wohl wieder so ausgeklügelt wie in dem Buch, nur anders herum. So recht verstehen wie ihr, die ihr euer ganzes Leben daran herum denkt, können wir einfachen Leute das ja nicht. Aber zum Weiterkommen hilft das Überlegen wohl nichts.“

„Nein, da hast du ganz recht, Lars. Ich glaube, du mußt dir mal Mutter Stinas Bibel herunter holen und die alten Geschichten ganz still für dich allein durchlesen, und dann einfach drauflos leben, so wie du fühlst, daß es recht ist für dich. Aber dann mußt du manchmal die Ohren aufmachen und in dich hineinhorchen und um dich in die wunderliche Welt. Da klingt sie schon herauf, die große Wahrheit aus der Tiefe. Weißt du, wir Männer sind mehr zum Anpacken und Vorwärtsschieben gemacht, glaube ich. Aber die Frauen, die sitzen noch näher an der großen Ordnung fest, von der Klaas Klaaßen immer sprach. Die hören die Stimmen aus den heimlichen Tiefen viel lauter. Ich glaube, die können uns helfen darin!“ —

Dann war Jakob still und wartete. Aber Lars hatte die Tür seiner Seele wieder zugeschlossen. Er schämte sich, daß er so viel gesagt hatte. Und Jakobs Reden wollte er gern unterbrechen. Darum gab er ihm die Riemenund fing an, das Netz auszuwerfen. Jakob fühlte, daß er genug gesagt hatte, und er trachtete nur noch, wie er Lars bei der Arbeit helfen könnte. Und die große, stille Nacht war um die schweigenden Männer. Und leise gluckste das Wasser, und patschend tropfte es vom Netz und glitzerte im rötlichen Mondlicht. Und weit draußen tauchten ein paar dunkle rundlich-breite Körper aus dem Wasser und versanken wieder, um weiterhin herauszuschnellen, mitten in der flimmerigen Mondesstraße.

„Sieh da, Tümmler,“ sagte Lars. Dann war es wieder still und einsam.

***

Es war an einem Sonnabend, als Lars und Peter die Fische nach der Räucherei brachten, daß Trina groß Reinemachen hatte. Es ging ihr viel besser, und Mutter Lassen hütete jetzt oft tagelang ihren Enkel in Peters Haus oder bei ihrer andern Tochter.

Die Fenster standen weit offen, und die weißen Gardinen bauschten sich im warmen, salzkräftigen Sommerwind. Ein starkes Duften trug er von den Jasminbüschen bis in die Stube hinein, und von Zeit zu Zeit summte eine Biene am Fenster vorbei.

Trina saß vor dem Tisch und räumte die Schublade auf, und der Wind hatte ihr ein paar Haarsträhnen über die Stirn geweht. Ihre Backen waren heiß, und sie glich wieder mehr Klein-Trina von früher.

Da klang ein leichter, fester Tritt vor dem Fenster. Karen trug ein Bündel im Arm, und es war, als brächten die hellen Haare und die hellen Augen noch mehr Licht in die Stube. Trina war so ganz bei der Arbeit, daß sie das Lachen vergaß, und Karen konnte ungestört ihr Bündel aufknoten.

Als sie ihr die Arbeit erklärt hatte, setzte sich Karen ans Fenster und rief Klein-Klaus heran. Er spielte vor der Tür und kam langsam Schritt vor Schritt näher, und seine prüfenden Augen ruhten ernst auf der Fremden. Aber das helle Kleid, auf dem der breite Sonnenschein lag, und die lachend klaren Augen gefielen ihm, und er stellte sich zu ihr. Trina freute sich, daß er einmal artig war, und sie sah schnell von ihrem Räumen auf.

Es war, als hätte der warme, sonnige Wind die Schwere zur Seite geblasen, die sonst in dem Zimmer zu lasten schien. Es wurde Karen heute fast leicht mit Trina zu reden.

Sie hatte eben eine Frage wegen PetersKindern gestellt, da blieb Trinas Blick auf einem Stück Papier haften, und sie gab ihr keine Antwort mehr. Karen sah erstaunt auf Trina hin; aber sie starrte immer auf den Brief. Und jetzt sah sie, wie sich Trinas Schultern hoben, wie in unterdrücktem Schluchzen. Es ging wie eine Blässe über ihr Gesicht und wie etwas Gequältes.

Da schob Karen den Jungen fort und zog ihren Stuhl zu Trina hinüber. „Was ist es, Frau Asmussen, vielleicht kann ich helfen,“ sagte sie schnell und legte ihre Hand auf Trinas Arm.

Aber Trina rückte ängstlich zur Seite. „Nein, nein,“ sagte sie hastig und deckte die Hand über das Papier. Aber große Tränen waren in ihre Augen getreten, und sie sah Karen schnell ins Gesicht wie mit einer quälenden Frage. Aber Karen scheute sich, weiter zu drängen, und sah fast hilflos auf Trina.

Da legte die mit eins die Arme auf den Tisch und grub das Gesicht in die Arme und ihr ganzer Körper bebte in heftigem Weinen. Das ging Karen ins Herz, und sie legte den Arm um ihre Schulter. „Ich kann’s gewiß hören, Trina,“ bat sie.

Trina weinte laut auf und, ohne den Kopf zu heben, schob sie ihr das weiße Blatthin. „Ist das wahr, o ist das wahr?“ schluchzte sie.

Auf dem Blatt stand ein kurzer ärztlicher Bericht über Trinas Befinden und die Angabe der Zeit für ihre Rückkehr. Und darüber gedruckt stand „Landesirrenanstalt“. — Nun wußte Trina, daß sie nicht im Diakonissenhaus gewesen war. —

Karen strich ihr still über die Schultern. „Haben Sie’s gewußt?“ kam es endlich stoßweise zwischen dem Schluchzen hervor.

„Ja, Klein-Trina.“ Und Karen streichelte sie.

„Jetzt haben Sie Angst vor mir. — Und sie mögen mich alle nicht mehr. — Und oh, ich schäme mich so.“ Und Trina wühlte den Kopf noch tiefer, und das Schluchzen war herzbrechend. Da schmolz das Harte in Karens Brust, das die Tür gegen Trina Asmussen gesperrt hatte. Jetzt hatte sie vergessen, daß dies Lars’ Frau war. Es war nur eben Klein-Trina, ein Menschenkind in großer Not. Und sie redete ihr zu wie einem Kinde und tröstete sie, und daß die große, stolze Karen noch so zu ihr sein konnte, das half Trina aus ihrer ersten Not über die Schande, die auf ihr lag, heraus. —

Aber darum war sie doch noch da, wennKaren ihr auch über dies erste Erfahrene hinweggeholfen hatte. Und Trina schämte sich. — Und am allermeisten schämte sie sich vor Lars. —

Aber von dem Tage an wußte Karen, daß sie getrost in die Zukunft hineingehen konnte. Sie hatte Klein-Trina lieb gewonnen.


Back to IndexNext