Max. Nun Bruder sei nicht kindisch, möcht' ich sagen.Hoffst du, geschlagen mit dem ganzen Heer,Nun, mit dem halben, Sieg dir zu erringen?Von hier bis Wien ist nirgends eine Stellung,Die Mauern Wiens verfallen, ungebessert,Ein Wandelgang für friedliche Bewohner,Nicht eine Abwehr gegen solchen Feind.
Klesel (die Feder eintauchend, eifrig).So seid Ihr für den Frieden?
Max. Ich? Bewahr!
Klesel. Doch spracht entgegen Ihr dem Krieg.
Max. Ei, laßt mich!
Ferdinand (zu Mathias).Wozu noch kommt, daß es mich heidnisch dünkt,Für Kriegesruhm und weltlich eitle Ehre,Das Wohl des Lands, der ganzen ChristenheitZu setzen auf ein trügerisches Spiel.
Leopold. Fernand, sie haben dich.
Ferdinand. Was fällt dir ein?
Leopold. Wer billigt, der bewilligt wohl zuletzt.
Ferdinand (fortfahrend).Auch sind im Heer beinah nur Protestanten,Und wo der Glaube fehlt, wo bleibt die Hoffnung?
Klesel (zu Mathias).Beliebt's Euch hoher Herr?
Mathias. Was das betrifft,So weiß ich keinen gläubiger als mich.Doch ist das Land, sind seine höchsten StellenMit diesen Protestanten dicht besetzt.Muß ich sie schonen nicht, will ich sie brauchen?Muß ich sie brauchen nicht, wenn zwingt die Not?Und sag ich's nur: die Fähigsten, die Kühnsten,Die Ketzer sind's, ich weiß nicht wie es kommt.
Klesel (auf sein Papier herabgebeugt, wie vor sich).Der Krieg ist dieser Spaltung Keim und Wurzel.
Ferdinand (auf Klesel).Da spracht Ihr wahr, wenn irgend jemals sonst!Weil Ruhe war in meiner Steiermark,Weil ich bei Ketzern brauchte nicht zu betteln,Gelang's mir ihre Rotte zu zerstreun;Und deshalb, wäre nicht des Kaisers Wille,Stimmt' ich in Euern Antrag freudig ein.Doch gäb' es einen Ausweg, wie mir deucht,Der Krieg und Frieden gleicherweis vereint:Den Waffenstillstand—(Zu Klesel.) Schüttelt Ihr den Kopf?
Mathias. Und soll er nicht, solang sein Kopf ihm eigen?Glaubt ihr, der Türke werde müßig gehn,Für Waffenruh' und solchen armen Tand,Des Vorteils sich begeben, der ihm lacht?—Wenn er im Vorteil ja, wie's wirklich scheint.—Das ist der Fluch von unserm edeln Haus:Auf halben Wegen und zu halber TatMit halben Mitteln zauderhaft zu streben.Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg.
Ferdinand. Wenn man uns drängt, das ist nicht Brauch noch Sitte.
Mathias. Es drängt die Zeit; wir selbst sind die Bedrängten.
Ferdinand. Und kennt man die Bedingungen des Feinds?
Klesel (den Stuhl rückend).Das ist zu wissen leicht aus erster Quelle.Des Ofner Bassa Sekretär und DolmetschIst hier im Lager; wenn Ihr es gestattet,Führ ich ihn her, hört selbst dann was er bringt.
Max. Mir ist gemein nichts mit den grimmen Türken.
Ferdinand (heftig).Weiß sonst man irgend, frag ich noch einmal,Die Punkte die der Heide nimmt und gibt.
Klesel. Der Stand wie vor dem Krieg.
Max. Das wäre billig.
Leopold. Halt aus, Fernand, halt aus! Kehr ruhig heim.Ich bleibe hier; wär's als gemeiner Reiter,Wär's auf den Trümmern des zerstörten Wiens,Durch Blut und Krieg mit allen seinen Schrecken,Zu fechten für des Kaisers Macht und Willen.
Ferdinand (sich mit Abscheu von ihm wendend).Nun Frieden also denn!
Leopold. Fernand auch du?
Ferdinand. Fragst du mich noch, der du mich selber zwingst,Mir schildernd alle Greuel des Verweigerns?
Klesel (ruhig zu Mathias).Ihr seid für Krieg?
Mathias. Wenn man mich überstimmt!
Leopold. Hier ist noch einer. Ohm, wir sind zu zwei.
Mathias. Gerade deshalb Frieden auch.
Max. Wir sind zu Ende.
Klesel. Vorerst erlaubt, daß mit zwei Worten nur,Dem Pfortendolmetsch, der im Lager harrt,Den Ratschluß ich verkünde samt dem Frieden.
Ferdinand. Warum so rasch?
Klesel. Wir haben dann was IhrIn Eurer Weisheit wünschenswert erachtet:Stillstand der Waffen. Denn, o Herr bedenkt!Benützt der Türke seinen jetz'gen VorteilUnd schneidet ab das Heer im Rücken gar,So steigert er, befürcht ich, seine FordrungUnd unsre Opfer steigern sich zugleich.
Max. Schreibt immer denn!
Ferdinand. In mir ringt's wirren Zweifels.Was gäb' ich nicht wär' mir der Schritt erspart.
Max. Zuletzt hat unser Bruder jüngster ZeitSo sehr sich von Geschäften rückgezogenUnd aufgeschoben was doch unverschieblich,Daß ihm ein milder Zwang vielleicht erwünscht.
Leopold. Ihr werdet sehen was Ihr angerichtet.
(Klesel klingelt, ein Diener erscheint.)
Klesel (den gefalteten Zettel übergebend).Des Ofner Bassa Sekretär. Sogleich!
(Diener ab.)
Max. Noch einmal sag ich denn: wir sind zu Ende.
Klesel. Nicht ganz, erlauchte Herrn! (Aufstehend.) Wenn ich bisherNur auf Erlaubnis sprach und wider Willen,Tret ich nun auf in meinem eignen Amt,Als Seelenhirt, als Redner für ein VolkUnd als Vertreter unsers heil'gen Glaubens.Dieselbe Stimme, die in Wien und NeustadtZu Tausenden bekehrt mit ihrer MachtErheb ich nun mit gleichem FeuereiferIm Angesicht der Gegenwart und Zukunft.Ihr schloßt den Frieden edle Herrn, alleinWenn ihn, gesetzt, der Kaiser nun verwirft?
Max. Er wird es nicht.
Leopold. Er wird's.
Klesel (zu Leopold höhnisch).Ihr habt's getroffenUnd kennt, so scheint's, des Kaisers tiefste Meinung.
(Mathias will auffahren, Klesel hält ihn mit einer Handbewegung zurück.)
Ferdinand. Das sagt Ihr uns, nachdem der Bote fort,Der unser Wort verpfändet an den Türken?
Klesel. Die Not erkennend schloßt Ihr den Vertrag,Doch erst gehalten sind Verträge wirklich.Wenn nun der Kaiser Euern Schluß verwirft?
Max. Dann waschen wir in Unschuld unsre Hände.
Klesel. Das wäre Unschuld schlimmer noch als Schuld.Dies edle Land, es darf nicht untergehnUnd alles was dem Menschen hoch und heiligNicht von dem Überdruß, den WechsellaunenUnd der Entfernung zwischen Prag und WienAbhängig sein zu drohendem Verderben.Am heut'gen Tag, vertragend mit dem Feind,—Obgleich vorläufig nur, auf spätern Abschluß—Erkanntet in Euch selber Ihr die MachtZu sorgen für des Vaterlandes Beste.Doch nicht der Kaiser nur ist wankelmütig,Der Türk' ist treulos, als ein Heide schon,Im ganzen Reich der fernen MöglichkeitenIst nichts als Zweifel, Arglist und Gefahr.Ihr könnt nicht immer hier zu Rate sitzen,Deshalb ist nötig, daß für alle einerMit Macht bekleidet, wenns die Not erheischt,Zu handeln als des Hauses Hort und Säule.
Leopold. Er spricht für seinen Herrn.
Klesel. Diesmal nicht also!Befragt Ihr mich, wen ich vor allen liebe,Wen ich an Tapferkeit, an hohem Sinn,Voran den Fürsten mancher Länder setze,So ist die Antwort: ihn dort, meinen Herrn.Allein zu solchem Amt fehlt ihm die Festigkeit,Nicht Kraft, doch das Beharren im Entschluß.
Mathias (zornig).Ich will Euch zeigen, ob ich fest, ob nicht.
Klesel. Auch hat man uns geheimes EinverständnisMit Ketzern, Unzufriednen Schuld gegeben,Das darf nicht sein bei anvertrauter Macht.Erzherzog Maximilian wäre rein.
Max. Ich bin entwohnt des Wirkens und Befehlens,Mich träfe ganz was meinen Bruder halb.
Klesel. Nun denn: ein Muster hier der Festigkeit,Der Herr der Steiermark, der, rascher Tat,Die Ketzerei getilgt in seinem Land.
Mathias. Was fällt Euch ein? Ist Euch denn nicht bekannt,Daß diese Gräzer um des Kaisers Gunst,Mit Hoffnung wohl zu folgen auf dem Thron,Der eine laut, der andre leise buhlen?
Ferdinand (zu Klesel).Auch, habt gerühmt Ihr meine Festigkeit,Vergaßt Ihr ihre Wurzel: das Gewissen;Das eine Beugung etwa mir erlaubtZu gutem Zweck, wie etwa heut und jetzt;Doch Übertretung, förmliche VerletzungMir nicht gestattet, gält' es eine Krone.Mathias ist des Hauses Ältester,Tut not denn übertragene Gewalt,Wie es fast scheint, so sei sie ihm vertraut.
Mathias. Ja mir gebührt's vor allen und mit Recht.
Klesel (ein Papier aus dem Busen ziehend).Da braucht es nur noch Eure Unterschrift.
Leopold. Seht Ihr den Schalk? er hat's schon in der Tasche.
Klesel. Die Vollmacht ja, allein der Name fehlt.(Die Schrift hinhaltend.)Er blieb hier weiß.
Ferdinand (zu Max).Wenn's Oheim Euch genehm.
(Sie lesen die Schrift.)
Leopold. Schreibt nur Rudolphus, so bleibt's nach wie vor.Ihr habt uns hier am Narrenseil geleitet,Ich geh nach Prag und zeig's dem Kaiser an.
Mathias. Das dürft Ihr nicht.
Klesel (demütig).Herr, das war die Bedingung:Geheimzuhalten was beschloß der Rat.
Leopold (sein Wehrgehäng zurechtrichtend).So will ich nur im offnen und geheimenDen Kaiser schützen, den Ihr doch bedroht.
Ferdinand. Ich setze denn Mathias.
Max. Immerhin.
Ferdinand (unterzeichnend).Und hier die Unterschrift.
Max (ebenso).Sowie die meine.
Ferdinand (der aufgestanden ist).Wenn ich betrachte dieses UnglücksblattSo geht's durch meine Seele wie Verderben.
Klesel. Sie liegt noch hier; es braucht nur sie zerreißen,So stehen wir auf gleichem Platz wie vor.
Ferdinand. Ich fühle wohl, es muß. Komm Leupold mit nach Gräz,Es drängt mich mein Gewissen auszuschüttenVor dem der seine Zweifel kennt und löst.
Max (aufstehend).Es ist geschehn. Nun Bruder aber höre:Sei fest und treu! Vor allem aber wisse:Warst eines Sinnes du mit diesem Mann(auf Klesel zeigend) Ich hätte die Gewalt dir nicht gegeben.Drum brauch ihn, er ist klug, doch hüte dich.
Mathias (streng).Ich werde wohl, und hab ihn heut erkannt.
Ferdinand. Vielmehr begehr ich, daß Ihr ihn gebraucht,Er ist ein Eifrer für die fromme Sach.
Leopold. Du zitterst ja!
Ferdinand. Laß nur, es geht vorüber.
Leopold. Wir haben keinen guten Kampf gekämpft.
Mathias. Wollt ihr schon fort?
Max. Laß uns! wir sind betrübt.Und ohne Abschied denn!—Geht ihr?
Ferdinand. Leopold. Wir folgen.
Mathias. Zur Kutsche wenigstens nehmt das Geleit.Auf bald'ges, frohes Wiedersehn.
Die Erzherzoge. Wir hoffen's.
(Sie gehen, von Mathias geleitet.)
Klesel. Nun rasch ans Werk! Vor allem die Depeschen.(Er setzt sich und schreibt.)
Mathias (zurückkommend).Wie, du noch hier? Du trittst vor meine Augen,Nachdem du erst gesprochen wider mich?
Klesel (aufstehend).Herr, wider Euch? für Euch! Ihr habt die Schrift,Die Euch zum Herren macht in diesem Land.
(Da Mathias zu ihm tritt.)
Wenn Ihr mich stört such anderwärts ich Ruh'.Es gilt zu schreiben, schreiben, rasch und viel.Und diese Schrift, Ihr sollt mir sie noch küssen,Wie ich sie küsse jetzt.Wir sind geborgen.
(Er tritt ins Innere des Zeltes, dessen Vorhänge er herabläßt.)
Mathias. Er ist ein Rätsel was er tut und sprichtUnd seine Rede streitet mit ihm selber.—Nun ja, die Schrift (Freudig auffahrend.) He Klesel, Klesel höre!(Er tritt an den Vorhang.)Er gibt nicht Antwort. Laß ich ihn denn jetzt!Ein Meer von Bildern schwimmt vor meiner Seele.
(Auf die Seitentüre zugehend bleibt er stehen, als ob er umkehren wollte, geht aber nach einigem Besinnen ab.)
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Gegend in der Nähe des kaiserlichen Lagers.
Abenddämmerung. Man hört einige Flintenschüsse hinter der Szene.Prokop, ein bloßes Schwert in der Hand, kommt mit seiner Tochter.
Prokop. Komm meine Tochter, noch hält dieser ArmUnd fühlt sich stark genug dich zu verteid'gen.
(Zwei kaiserliche Soldaten folgen.)
Erster. Gebt Euch, sag ich, Ihr lebtet längst nicht mehr,Wär' nicht die Furcht das Mädchen zu verletzen.
Prokop (rufend).Janek! Basil!
Zweiter. Die hörten auf zu hören.Ihr seid der einzig Lebende, drum hört!
Prokop. So will ich sterben denn, mein Kind verteid'gend.Allein was wird aus ihr, wenn ich erlag.
Erster. Das eben, Herr, bedenkt und weicht der NotSonst eins, zwei, drei, und Euer Tag ist aus.
(Sie nähern sich ihm.)
Prokop. Lebt denn kein Retter mehr im weiten All?Kein Helfer, der bedrängte Unschuld schirmt?
(Trompeten in der Nähe.)
Prokop. Hört ihr?
(Ein dritter Soldat kommt.)
Erster. Was ist?
Dritter. Die Herrn Erzherzoge,Die, stark begleitet, aus dem Lager kehren,Ein Unstern führt sie eben hier vorbei.Wir sind zu schwach, entflieht!
Erster. Ich werde wohl!Der Lohn, zum Glück, ward vorhinein bezahlt.
(Sie ziehen sich zurück.)
Prokop. Wir sind gerettet Kind! Lukrezia hörst du?
(Erzherzog Leopold und Oberst Ramee kommen mit Begleitung, die bloßenSchwerter in der Hand.)
Leopold. Nicht Türken sind's, des eignen Lagers Auswurf,Zu Brudermord gezückt das feige Schwert.Verfolgt sie, gebt dem Henker seine Beute!
(Ramee und einige in der Richtung der Flüchtigen, ab.)
Leopold. Und wer seid Ihr?
(Erzherzog Ferdinand mit Dienern und Fackeln ist gekommen.)
Prokop (gegen Ferdinand gewendet).Ein Bürger, Herr, von Prag,Mit seiner Tochter, die Euch dankt die Rettung.Ein Mächtiger am Hof verfolgte sie;Deshalb nun wollt' ich sie nach Dukla bringenZu einer Tante, die dort lebt im Schloß.Allein der Kriegslärm, damals weit entfernt,Er überholte uns auf unsrer Reise.Seitdem nun irren wir auf SeitenwegenUnd hofften in dem Christenlager Schutz.
Leopold (Lukrezias Hand fassend).Erholt Euch, schönes Kind.
Lukrezia (die Hand zurückziehend).Nicht schön, doch ehrbar.
(Ramee und seine Begleiter kommen mit einem in einen dunkeln MantelVerhüllten zurück.)
Ramee. Den einz'gen nur gelang es zu ereilen.
Leopold. Verhüllt Ihr Euch? Es ist nicht Fastnachtzeit!Die Fackel her!
(Ein Diener leuchtet hin.)
Lukrezia. O Gott, er ist's.
Erzherzog Ferdinand. Don Cäsar!
Prokop. Derselbe den wir flohn.
Ferdinand. Wie kommt Ihr hieher?
Don Cäsar. Fragt nicht und laßt mich frei.
Ferdinand. Nicht also, Freund!Der Kaiser will Euch gern in seiner Nähe,Und Ihr bedürft, so seh ich, strenger Hut.(Zu einem Befehlshaber.)Geleitet ihn mit Eurer Schar von ReiternUnd sagt dem Kaiser, wenn ihr kommt nach Prag—Allein das tu ich selbst, wenn's an der Zeit.Geht nur! Ihr haftet mir für seine Stellung.
(Don Cäsar wird fortgebracht.)
Prokop. Allein was wird aus uns?
Erzherzog Ferdinand. Schließt Euch nur an,Bis Ihr die Grenze habt erreicht von Mähren,Wo sicher Euer Weg.
Prokop. Nehmt tausend Dank.Komm nur mein Kind!(Nach Don Cäsar hinweisend.)Er kann nicht weiter schaden.
(Ab mit Lukrezia.)
Leopold. Nun, Bruder, sieh, wir taten doch ein Gutes.
Ferdinand. Nachdem wir Schlimmes erst, ich fühl's, getan.
Leopold. Sei nicht betrübt, es findet sich noch alles.Was halb du weißt und halb ich dir verschwieg:Das Heer in Passau, das ich, andern Vorwands,Seit lange werb, es stellt die Waage gleichUnd gibt dem Kaiser wieder seine Rechte.
Ferdinand (die Arme auf seine Schultern legend).Nichts Unvorsichtiges mein Freund und Bruder!
Leopold (während Ferdinand sich auf ihn stützt).Voraussicht ist ja Vorsicht, oder nicht?Die Klugheit gibt nur Rat, die Tat entscheidet.Es soll sich alles noch zum Guten wenden.
(Indem sie abgehen, fällt der Vorhang.)
Dritter Aufzug
Zimmer im Schlosse auf dem Hradschin. Rechts im Hintergrunde eine türförmige Öffnung, in der ein Schmelztiegel auf einem chemischen Ofen steht. Daneben der Haupteingang.
Kaiser Rudolf kommt aus einer Seitentüre rechts.
Rudolf. He Martin, Martin! Plagt dich denn der Böse?Ist alles denn verworren und verkehrt?Es fehlt an Kohlen, Kohlen.
(Ein Mann in berußter Jacke und Mütze, einen Korb Kohlen am Arme, ist eingetreten.)
Rudolf. Träger Zaudrer!Besorgt denselben Dienst seit dreißig JahrenUnd gafft und glotzt als wär's zum erstenmal.
(Der Mann beschäftigt sich im Hintergrunde.)
Wo schüttest du die Kohlen hin? Carajo!Scheint's doch du willst mir die Retorte füllenUnd nicht den Herd. Verwünschter Schlingel!Bist du bezahlt zu Tode mich zu ärgern?
Der Mann (nach vorn kommend, seine Mütze abnehmend und sich auf einKnie niederlassend).Verzeiht, o Herr, ich bin's nur nicht gewohnt.
Rudolf. Du bist nicht Martin!—Fuego de Dios!
(Der Mann hat auch das Wams geöffnet.)
Rudolf. Ah—Herzog Julius von Braunschweig Liebden!Wie kommt Ihr her? und doch zumeist(Mißtrauisch mehrere Schritte zurücktretend.) Was wollt Ihr?
Herzog Julius. Seit vierzehn Tagen such ich AudienzUnd konnte nun und nimmer sie erhalten,Da griff ich in der Not zu dieser List.Verzeiht dem Treuen der es gut gemeint.
Rudolf. Ha, ha, ha, ha! Kein übler Spaß! Steht auf!Ihr könnt nun wenigstens dem Volk bestätigen,Daß ich noch lebe, was man, heißt's, bezweifelt.
Julius (der aufgestanden ist).Bezweifelt, und mit Recht.
Rudolf. Ja alter Freund,Damit ich lebe muß ich mich begraben,Ich wäre tot, lebt' ich mit dieser Welt.Und daß ich lebe ist vonnöten Freund.Ich bin das Band, das diese Garbe hält,Unfruchtbar selbst, doch nötig, weil es bindet.
Julius (der den Kittel ausgezogen und auf einen Stuhl gelegt hat).Doch wird das Band nun locker, Majestät?
Rudolf. Mein Name herrscht, das ist zur Zeit genug.Glaubst: in Voraussicht lauter HerrschergrößenWard Erbrecht eingeführt in Reich und Staat?Vielmehr nur: weil ein Mittelpunkt vonnöten,Um den sich alles schart was Gut und RechtUnd widersteht dem Falschen und dem Schlimmen,Hat in der Zukunft zweifelhaftes ReichDen Samen man geworfen einer Ernte,Die manchmal gut und vielmal wieder spärlich.Zudem gibt's Lagen wo ein Schritt vorausUnd einer rückwärts gleicherweis' verderblich.Da hält man sich denn ruhig und erwartetBis frei der Weg, den Gott dem Rechten ebnet.
Julius. Doch wenn Ihr ruht, ruhn deshalb auch die andern?
Rudolf. Sie regen sich, doch immerdar im Kreis.Die Zeit hat keine Männer, Freund wie Feind.
Julius. Allein der Krieg in Ungarn?
Rudolf. Der ist gut.Den Krieg, ich haß ihn als der Menschheit BrandmalUnd einen Tropfen meines Blutes gäb' ichFür jede Träne, die sein Schwert erpreßt;Allein der Krieg in Ungarn der ist gut.Er hält zurück die streitenden Parteien,Die sich zerfleischen in der Meinung schon.Die Türkenfurcht bezähmt den Lutheraner,Der Aufruhr sinnt in Taten wie im Wort,Sie schreckt den Eifrer meines eignen Glaubens,Der seinen Haß andichtet seinem Gott.Fluch jedem Krieg! Doch besser mit den Türken,Als Bürgerkrieg, als Glaubens-, Meinungsschlachten.Hat erst der Eifer sich im Stehn gekühlt,Die Meinung sich gelöst ins eigne Nichts,Dann ist es Zeit zum Frieden, dann mein Freund,Soll grünen er auf unsern lichten Gräbern.
Julius. Allein der Friede ward geschlossen.
Rudolf. Ward.Ich weiß, doch nicht bestätiget von mir,Und also ist es Krieg bis Gott ihn schlichtet.Doch daß ich nicht auf Zwist und Streit gestellt—Siehst du? ich schmelze Gold in jenem Tiegel.Weißt du wozu?—Es hört uns niemand mein ich.—Ich hab erdacht im Sinn mir einen Orden,Den nicht Geburt und nicht das Schwert verleiht,Und Friedensritter soll die Schar mir heißen.Die wähl ich aus den Besten aller Länder,Aus Männern, die nicht dienstbar ihrem Selbst,Nein, ihrer Brüder Not und bitterm Leiden;Auf daß sie weithin durch die Welt zerstreut,Entgegentreten fernher jedem Zwist,Den Ländergier und was sie nennen: Ehre,Durch alle Staaten sät der Christenheit,Ein heimliches Gericht des offnen Rechts.Dann mag der Türke dräun, wir drohn ihm wieder.Nicht außen auf der Brust trägt man das Zeichen,Nein innen wo der Herzschlag es erwärmt,Es sich belebt am Puls des tiefsten Lebens.Mach auf dein Kleid!—Wir sind noch unbemerkt.(Er hat aus der Schublade des Tisches eine Kette mit daranhängenderSchaumünze hervorgezogen.)Der Wahlspruch heißt: Nicht ich, nur Gott.—Sprich's nach!
Julius (der sein Kleid geöffnet und sich auf ein Knie niedergelassenhat).Nun denn. Nicht ich, nur Gott—und Ihr!
Rudolf. Nein wörtlich.
Julius. Nicht ich, nur Gott.
Rudolf (nachdem er ihm die Kette umgehangen).Nun aber schließ die Hülle,Daß niemand es erblickt. Du bist ein Ketzer,Allein ein Ehrenmann. So sei geehrt.
Julius (der aufgestanden ist).O Herr, wenn Ihr dem Andersmeinenden,Ihr mir die Huld verleiht, die mich beglückt,Warum versöhnt Ihr nicht den Streit der MeinungUnd gebt dem Glauben seinen Wert: die Freiheit,Euch selbst befreiend so zu voller Macht?
Rudolf. Zu voller Macht? Die Macht ist's was sie wollen.Mag sein, daß diese Spaltung im BeginnNur mißverstandne Satzungen des Glaubens,Jetzt hat sie gierig in sich eingezogenWas Unerlaubtes sonst die Welt bewegt.Der Reichsfürst will sich lösen von dem Reich,Dann kommt der Adel und bekämpft die Fürsten;Den gibt die Not, die Tochter der VerschwendungDrauf in des Bürgers Hand, des Krämers, Mäklers,Der allen Wert abwägt nach Goldgewicht.Der dehnt sich breit und hört mit SpotteslächelnVon Toren reden, die man Helden nennt,Von Weisen, die nicht klug für eignen Säckel,Von allem was nicht nützt und Zinsen trägt.Bis endlich aus der untersten der TiefenEin Scheusal aufsteigt, gräßlich anzusehnMit breiten Schultern, weitgespaltnem Mund,Nach allem lüstern und durch nichts zu füllen.Das ist die Hefe, die den Tag gewinntNur um den Tag am Abend zu verlieren,Angrenzend an das Geist- und Willenlose.Der ruft: Auch mir mein Teil, vielmehr das Ganze!Sind wir die Mehrzahl doch, die Stärkern doch,Sind Menschen so wie ihr, uns unser Recht!
Des Menschen Recht heißt hungern, Freund, und leiden,Eh' noch ein Acker war, der frommer PflegeDie Frucht vereint, den Vorrat für das Jahr;Als noch das wilde Tier, ein Brudermörder,Den Menschen schlachtete der waffenlos,Als noch der Winter und des Hungers ZahnAlljährlich Ernte hielt von Menschenleben.Begehrst ein Recht du als ursprünglich erstes,So kehr zum Zustand wieder der der erste.Gott aber hat die Ordnung eingesetzt,Von da an ward es licht, das Tier ward Mensch.
Ich sage dir: nicht Szythen und Chazaren,Die einst den Glanz getilgt der alten Welt,Bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Völker:Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar,Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große,Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die KircheHerabstürzt von der Höhe, die sie schützt,Zur Oberfläche eigener Gemeinheit,Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig.(Er setzt sich.)
Julius. Ihr schätzt die Zukunft richtig ab, das Ganze,Doch drängt das Einzelne, die Gegenwart.
Rudolf. Mein Haus wird bleiben, immerdar, ich weiß,Weil es mit eitler Menschenklugheit nichtDem Neuen vorgeht oder es begleitet,Nein, weil es einig mit dem Geist des All,Durch klug und scheinbar unklug, rasch und zögernd,Den Gang nachahmt der ewigen Natur,Und in dem Mittelpunkt der eignen SchwerkraftDer Rückkehr harrt der Geister, welche streifen.
Julius. Doch Eure Brüder denken nicht wie Ihr.
Rudolf. Mein Bruder ist nicht schlimm, obgleich nicht klug.Ich geh ihm Spielraum, er begehrt zu spielen.
Julius. War's Spiel? daß eigner Macht er schloß den Frieden,Ist's Spiel? da er den Herren spielt im Land?
Rudolf. Du spielst mit Worten wie er mit der Macht.
Julius. Man sagt, der Türke hab ihm angebotenDie Krone Ungarns.
Rudolf. Sagt! Die Krone Ungarns.Der Türke hat das Land. Was soll das Zeichen?
Julius. Die Protestanten,—Herr, ich bin ein Protestant,Doch nur im Glauben, nicht in Widersetzung—Sie haben ihm als Preis der GlaubensübungBeistand geschworen wider männiglich.
Rudolf. Mein Bruder ist katholischer als ich.Er ist's aus Furcht, indes ich's nur aus Ehrfurcht.Die Glaubensfreiheit stünde gut mit ihm!
Julius. So nützt er sie um später sie zu täuschen.Die Wirkung bleibt die nämliche für jetzt.In Mähren greift die Regung schon um sichUnd fremde Truppen ziehen durch die Städte.
Rudolf. Das ist der Tilly, den ich hingesandt—Ich bin so blind nicht all ihr etwa glaubt—Der hält das Land in Zaum.
Julius. Es sind die VölkerAus Eures Bruders ungarischem Heer.In Böhmen selbst—
Rudolf. Du weißt nicht was du sprichst.Die Böhmen sind ein starres Volk, doch treu.
Julius. Vor allem treu stammalter Überzeugung.Der Huß ist tot, doch neu regt sich sein Glaube.In Prag hält man schon Rat und knüpft Vereine.
Rudolf (gegen die Türe gewendet).Und das verschweigt man mir?
Julius. Verzeiht o Herr!Man will es Euch gemeldet haben, doch—
Rudolf. Der eine sagt mir dies, der andre das,Wie's ihm sein Vorteil eingibt, seine Meinung.Arm sind wir Fürsten, wissen das Geheime,Allein das Offenkund'ge, was der Bettler weiß,Der Tagelöhner, bleibt uns ein Geheimnis.Auch war soviel zu tun in letzter Zeit.Der Schotte Dee war hier. Ein Mann der Wunder,Der eindringt in die Urnacht des GeschaffnenUnd sie erhellt mit gottgegebnem Licht.Ich habe viel gelernt in dieser Zeit.Hätt' ich gleich ihm nur einen mir zur Seite,Ich stünde dieser Welt und ihrem Dräun.
Julius. Ihr seid verraten, hoher Herr, verkauft.Indes Ihr lernt, lehrt Ihr der Welt den Aufruhr,Der schon entfesselt tobt in Euern Städten.
Rudolf. Hast du's gesehn?
Julius. Ich nicht.
Rudolf. So sprich auch nicht!Ein jeder sieht ein andres, nein, sieht nichtsUnd gibt den Rat, der nichtig schon von vornher.
Julius. Ein Mann ist hier, er kommt von Brünn und Wien.Er hat gesehn. Es ist derselbe, Herr,Der Euern Flüchtling rückgebracht—Don Cäsar.
Rudolf. Bring ihn zu mir den Mann! Ich will ihn sprechen.Er hat geleistet mir den höchsten Dienst,Der mir erwiesen ward seit langen Jahren.
Julius. Er ist im Vorgemach.
Rudolf. Warum nicht hier?Was zögert er? Warum nicht mir genüber?Don Cäsar! Wie mein Innres sich empört!Der freche Sohn der Zeit.—Die Zeit ist schlimm,Die solche Kinder nährt und braucht des Zügels.Der Lenker findet sich, wohl auch der Zaum.
(Herzog Julius hat indessen Lukrezias Vater eingeführt.)
Rudolf (ihm einige Schritte entgegengehend).Ah du, mein Ehrenmann! (Zurücktretend.) Bleibt immer dort!Dort an der Tür. Ihr seid ein Bürger Prags?
Prokop. Ich bin es, Majestät.
Rudolf. Seit wann denn führenDie Bürger Waffen?
Prokop (auf den Dolch in seinem Gürtel blickend).Herr, die böse ZeitGebeut zu rüsten sich(Den Dolch mit der Scheide aus dem Gürtel ziehend, mit einer Bewegungnach der Türe.)Doch will ich—
Rudolf. Bleibt!Ihr habt den Flüchtling der sich Cäsar nenntGestellt uns als Gefangenen zur Haft.Wir danken Euch, und denken Eure TochterZu schützen gegen ihn; vorausgesetzt,Daß sie nicht selbst, wie etwa Weiberart,Ihn anfangs tändelnd angezogen—
Prokop. Nein!
Rudolf. Nun Ihr sprecht kurz. Ihr seid ein Protestant?
Prokop. Herr, Utraquist, des böhm'schen Glaubens.
Rudolf. So!Warum des böhmischen und nicht des deutschen?Des welschen, griechisch, span'schen?—Arme Wahrheit!Vergaß ich fast doch, daß es so viel KirchenAls Kirchenräume gibt und—Kirchhofgräber.Nun gut. Vor Cäsar lebt nur künftig sicher,Ich will ihn hüten wie des Auges Stern.Und hört ihr einst er sei zu Nacht gestorben,So denkt nur: seine Krankheit hieß VerbrechenUnd Strafe war sein Arzt.—Ihr kommt von Wien.Ich weiß was man dort treibt und halb ich duldeUnd halb ein Wink von meiner Hand zerstreut.Doch lüstet mich's zu hören was ihr saht,Ein einfach schlichter Mann.
Prokop (gegen Herzog Julius).Das von der Huld'gung?(zum Kaiser.) Ich war dabei in Wien als beide ÖstreichIm Landhaussaal geschworen Euerm Bruder.
Rudolf. Geschworen als Erzherzog, nun er ist's.
Prokop. Umringt war er von ung'rischen MagnatenAls er den Saal betrat, die laut und jubelndIhn grüßten als des Ungarlandes König.
Rudolf. Das ist nicht wahr!
Prokop (zu Herzog Julius).So kann ich wieder gehn?
Rudolf. Wenn ich Euch's heiße, früher nicht noch später.Der Ungarn König? Nun: voraus bezeichnet,Nachfolger etwa; ob auch das zur ZeitNicht sicher noch, abhängig von gar vielem.In Mähren dann?
Prokop. Ich war in Brünn zugegenBeim Einzug Eures Bruders, wo er jubelnd,Vor allem von den Dienern meines Glaubens,Empfangen ward, ein Retter in der Not.Die protestant'schen Kirchen stehen offen;Und ob er gleich sich letzter Zeit entfernt—
Rudolf. Entfernt? Wohin?
Prokop. Man weiß nicht, Herr, die Richtung.
Rudolf (zu Herzog Julius).Ich sage dir: er ging zurück nach Wien.Ihm fehlt der Mut. Ich kenne diesen Menschen:Zum Anfang rasch, doch zögernd kommt's zur Tat.(Zu Prokop.) Ich danke dir mein Freund und weiß genug;Der Aufstand ist am Schluß wie dein Bericht.
Prokop. Obgleich sich der Erzherzog nun entfernt,Blieb doch an seiner Stelle Bischof Klesel,Der mit der Grenze meuterisch verkehrt.
Rudolf. Wie war das? Klesel? Ist er doch in Neustadt,Wohin ich ihn gebannt, in seinem Sprengel.
Prokop. Er ist in Brünn, wo ich ihn selber sprachVon wegen meines sicheren Geleits,Und steht vor allen nahe dem Erzherzog.
Rudolf (zu Herzog Julius).Das wäre schlimm. Wenn jener list'ge PriesterDas was dem andern fehlt, den Mut, die Tatkraft,Ihm gösse in die unentschiedne Seele.Das wäre schlimm, und denk ich fort und weiter,Vergrößert sich's zu wirklicher Gefahr.(Zu Prokop.) Ich dank Euch guter Freund! Ihr seid entlassen,Und Euer Kind, es zähl' auf meinen Schutz.
(Da Prokop sich entfernt und die Türe offensteht.)
He Wolfgang Rumpf! Wolfgang Rumpf!
Wolfgang Rumpf (eintretend).Hier Majestät.
Rudolf. Bringt die Berichte dieser letzten Tage,Und was an Briefen, in mein Kabinett.Und will ich künftig ungestört mich wissen,So hindert's nicht, daß, wenn das Haus in Flammen,Ihr dennoch kommt und ansagt: Herr, es brennt.
Herzog Julius (zu Rumpf halblaut).War's möglich denn?
Rumpf (ebenso).Ihr wißt nicht edler Herzog.Der Kaiser drohten mit geschwungnem Dolch,Wenn jemand nur ihn anzusprechen wagte.
Rudolf. Nun wohl, Ihr habt das Zünglein an der Waage,Das ich mit Sorge hielt im Gleichgewicht,Ihr habt es rohen Drängens angestoßen,Es schwankt und blut'ge Todeslose fallenAus beiden Schalen auf die bange Welt.Leiht mir nicht Eure Schuld; wenn's etwa Schuld nicht,Daß ich vertraut, und nur ein Mensch, kein Gott.Ruft mir den Kanzler!
Rumpf. Herr, er ist schon hierUnd spricht im span'schen Saale zu den Ständen.
Rudolf. Die Stände, wie?
Rumpf. Die gleicherweise erschienenVon des Gerüchtes Stimmen aufgeregt.(Zu Herzog Julius.)O Herr, o Herr! Wir wissen's erst seit jetzt:Des Herrn Erzherzoges Mathias GnadenSind insgeheim von Brünn verrückt nach Tabor,Von wo sie nun durch Meuterer verstärktMit Heeresmacht heranziehn gegen Prag.Die Stadt ist in Bewegung, ManifesteSind angeschlagen an den Straßenecken,Die von des Kaisers Hoheit ehrfurchtlos—
Rudolf. Ich weiß den Inhalt dieser Manifeste:Daß ich, ein alter Mann, an Willen schwachEntziehe mich dem Reich und seinen Sorgen;Indes mich das Gespenst der blut'gen ZukunftVerfolgt bis in mein innerstes Gemach,Und, nachts empor auf meinem Lager sitzend,Der Trommel Ruf, des Schlachtenlärms GetosMir wachend schlägt ans Ohr, den Traum ergänzend.Dazu noch das Bewußtsein, daß im Handeln,Ob so nun oder so, der Zündstoff liegt,Der diese Mine donnernd sprengt gen Himmel.Ihr habt gehandelt, wohl! das Tor geht aufUnd eine grasse Zeit hält ihren Einzug.
Was wollen sie die Stände? Weiß man es?
Rumpf. Sie tragen eine Handfest vor sich her,Von Pergament gerollt, auf einem Kissen.
Rudolf. Es ist der Majestätsbrief, den sie früherMir vorgelegt, doch damals ich zurückwies,Berechtigung zusichernd ihrem Glauben.(Bitter.) Die Zeit scheint ihnen günstig zum Vertrag.(Die Mütze abziehend, heftig.)Allmächt'ger Gott, der du mich eingesetzt,Zu wahren deiner Ehre und der meinen,Die Doppellast sie spottet meiner KraftUnd nicht vermag ich fürder sie zu tragen.Ich stelle dir zurück was deines Reichs,Bist du der Starke doch, und was du willstFührst du zum Ziel durch unerforschte Wege.Doch was mein eignes Amt, daß diese WeltEin Spiegel sei, ein Abbild deiner Ordnung,Daß Fried' und Eintracht wohnen brüderlichVom Unrecht ungestört und von Verrat,Das will ich üben, stehst du, Gott, mir bei.(Er hat sein Barett wieder aufgesetzt.)Ich will hinüber zu den treuen Ständen;Treu nämlich, wenn—und ehrenhaft, obgleich—Anhänglich auch, jedoch—wahrhaft, nur daß—Und wie die krummen Wege alle heißen,Auf denen Selbstsucht geht und die Gemeinheit.(Er macht einige Schritte gegen die Türe, dann bleibt er stehen, mitdem Fuße stampfend.)Mich widerts an. Ich mag den Hohn nicht sehn,Die Schadenfreude auf den frechen Stirnen.Ruft sie herüber. Heißt das: einen AusschußFür alle führend insgesamt das Wort.Erträglich ist der Mensch als einzelner,Im Haufen steht die Tierwelt gar zu nah.
Was zögerst du? ruf sie herüber, sag ich.
(Rumpf ab.)
Nun Herzog Julius, fühlt Ihr noch die KraftDas Schwert zu schwingen in der alten Rechte?Mich selbst befällt ein Hauch der JugendzeitUnd an der Spitze, denk ich, meiner TreuenHinauszuziehn, um Stirne gegen StirnDen Aufruhr zu befragen was sein Ziel.Nicht daß mich lockt die stolze HerrschermachtUnd wüßt' ich Schultern die zum Tragen tüchtig,Ich schüttelte sie ab als ekle Last,Von da an erst ein Mensch und neu geboren,Doch wenn es wahr, daß Gott die Kronen gibt,Geziemt es Gott allein nur sie zu nehmen,Sie abzulegen, selbst, auch ziemt sich nicht.Wo ist mein Degen? Wolfgang! Wolfgang Rumpf!Er lehnt am Tisch zunächst an meinem Bette.
(Da Herzog Julius auf das Kabinett zugeht.)
Herr, Ihr bemüht Euch selbst? Habt Dank, o Lieber!
(Herzog Julius ins Kabinett ab.)
Rudolf (gegen den Haupteingang gewendet).Hört mich denn niemand? Sind sie schon geflohnVom Niedergang gewendet zu dem Aufgang?Das soll sich ändern, ja es soll, es muß.
(Herzog Julius kommt zurück.)
Rudolf. Ihr bringt den Mantel auch? Habt Ihr doch rechtDie Welt verlangt den Schein. Wir beide nurWir tragen innerhalb des Kleids den Orden.(Nachdem er mit Herzog Julius Hilfe den Mantel umgehängt.)Den Degen legt nur hin! Ist doch das EisenFast wie der Mensch. Geschaffen um zu nützen,Wird es zur schneid'gen Wehr und trennt und spaltetDie schöne Welt und aller Wesen Einklang.
Ich höre kommen. Nun wir sind bereit,Und frommt die Milde nicht, so hilft das Schwert.
(Der Kaiser setzt sich. Mehrere böhmische Stände treten ein. Vor ihnen ein Page, der auf einem samtenen Kissen eine Pergamentrolle trägt.)
Rudolf. Fragt sie was ihr Begehr?
(Da einer vortritt.)
Rudolf. Nicht Ihr Graf Thurn!Ihr seid kein Eingeborner, seid kein Böhme,Die Lust an Unruh hat Euch hergeführt.Laßt einen andern, laßt den nächsten sprechen.
Zweiter (vortretend).Erlauchter Herr und König, gnäd'ger Kaiser,Euch ist bekannt was sich im Land begibtUnd in dem Nachbarland an seinen Grenzen.Bewaffnet ziehen Scharen gegen PragUnd Eurer Hoheit Bruder heißt ihr Führer.Da ist das Volk nun mannigfach bewegt:Die einen wittern heimlich EinverständnisMit Eurer Majestät betrauten Räten,Und meinen, wenn das fremde Heer im Land,Werd' es die Schneide kehren gegen uns,Zum Umsturz unsrer Satzungen und Rechte.
Rudolf (vor sich hinsprechend).Sehr heimlich wär' das Einverständnis, wahrlich.
Der Wortführer. Die andern wieder werden angelocktVon dem was ihnen anbeut die Empörung:Freiheit der Meinung und der Glaubensübung,Was jedem Menschen teurer als sein Selbst.Nicht wir nur sind's die diese Sprache führen,Allein das Volk—
Rudolf. Das Volk! Ei ja, das Volk!Habt ihr das Volk bedacht, wenn ihr die Zehnten,Das Herrenrecht von ihnen eingetrieben?Das Volk! Das sind die vielen leeren Nullen,Die gern sich beisetzt wer sich fühlt als Zahl,Doch wegstreicht, kommt's zum Teilen in der Rechnung.Sagt lieber, daß ihr selbst ergreift den AnlaßMit abzuzwingen, was ich euch verweigert,Und jetzt auch weigern würde, stünde gleichEin Mörder mit gehobnem Dolch vor mir.Doch handelt sich's von mir nicht jetzt, noch euch,Vielmehr von dem was sein muß und geschehn,Soll nicht der Grundbau jener weisen Fügung,Die Gott gesetzt und die man nennt den Staat,Im wilden Taumel auseinandergehn.Ich seh's an jener Schrift. Es ist die gleiche,Wie sie seit Monden liegt in meinem Zimmer,Gleichstellung fordernd für den neuen Glauben.Was ihr hier bittet, beut euch an der Aufruhr.Vor Irrtum kann ich länger euch nicht wahren,Aufruhr ersparen aber kann ich euch.Seid ihr zufrieden wenn ich euch verspreche,Sobald gestillt die Unruh in dem Land,Frei zu bewilligen was ihr begehrt?
Ihr schweigt. Mißtraut ihr mir?
Abgeordneter. Nicht Euch, Herr Kaiser,Dem Einfluß aber von Madrid und Rom.
Rudolf. Hätt' ich gehört auf das was dorther tönt,Wär' längst getilgt die Lehre samt den SchülernUnd in Verbannung geiferte der Trotz.Ich aber duldete mit Vatermilde,Die Überzeugung ehrend selbst im Irrtum.Verfolgt ward niemand wegen seiner Meinung;Im Heer im Rate sitzen eure Jünger,(auf Herzog Julius zeigend)Selbst hier mein Freund ist euch ein Lehrgenoß.Geduldet hab ich, aber nicht gebilligt,Bestät'gen wäre billigen zugleich.
Zuckt ihr die Schulter? Nun ihr meint, das MesserSitzt eben an der Kehle, und habt recht.Will ich vergessen nicht mein weltlich Amt,Muß ich dem Himmel überlassen seines.Gebt her die Schrift! Sie ist wohl gleichen InhaltsMit jener frühern; doch da ihr mißtraut,Ziemt Mißtraun wohl auch mir. Gebt eure Schrift!(Die Rolle, die der Page ihm kniend darbietet, vom Kissen nehmend.)Ist's doch als ginge wild verzehrend FeuerAus dieser Rolle, das die Welt entzündetUnd jede Zukunft, bis des Himmels QuellenMit neuer Sündflut bändigen die Glut,Und Pöbelherrschaft heißt die Überschwemmung.(Die Schrift entfaltend und lesend.)Der Eingang, wie gewöhnlich, leere Formel.Von Treu, Anhänglichkeit—Wohl Liebe gar!Drum fordert ihr auch meiner Neigung Pfänder.
(Ein Hofdiener ist unmittelbar aus der Türe links gekommen und hat sich Wolfgang Rumpf genähert, der dem Kaiser gegenüber im Vorgrunde steht.)
Diener (leise).Erzherzog Leopold aus SteiermarkSind angekommen, heimlich, unerkannt,Und wünschen augenblickliches Gehör.
Rumpf (ebenso).Es ist nicht möglich jetzt.
Diener. Sie dringen sehr.
(Da Wolfgang Rumpf einige Schritte gegen den Kaiser macht.
Rudolf. Was soll's? Jetzt ist nicht Zeit.—Was immer. Später!
(Rumpf zieht sich zurück und bedeutet dem Diener durch Zeichen, der sich entfernt.)
Rudolf (weiter lesend).Hier ist ein Punkt der neu. Der muß hinweg.Gehorsam zu verweigern gibt er euchDas ausgesprochne Recht, wird irgendwieGeordnet was entgegen eurer Satzung.Das ist der Aufruhr, ständig, als Gesetz.Bedenkt ihr auch das Beispiel das ihr gebt?Ich nicht allein bin Herr, auch ihr seid Herren,Habt Untertanen, die in eurer Pflicht;Wenn ihr mir trotzt, so drohen sie euch wieder.Erst gebt dem einzelnen, dem Unverständ'genEin Urteil ihr in dem, wo selbst die WeisenVerstummend stehn als an der Weisheit Grenze;Dann ruft ihr ihn vom Acker auf den Markt,Zählt seine Stimme mit und heißt ihn mehrenDie Mehrzahl wider Ehrfurcht und Gesetz.Ihr stellt ihn gleich mit euch, und hofft doch künftigAls Mindern ihn zu stellen unter euch?Und wärt ihr auch so christlich mild gesinntIm Menschen nur zu sehen euern Bruder:Seht an die Welt, die sichtbar offenkund'ge,Wie Berg und Tal und Fluß und Wiese stehn.Die Höhen, selber kahl, ziehn an die WolkenUnd senden sie als Regen in das Tal,Der Wald hält ab den zehrend wilden Sturm,Die Quelle trägt nicht Frucht, doch nährt sie Früchte,Und aus dem Wechselspiel von hoch und niedrig,Von Frucht und Schutz erzeugt sich dieses Ganze,Des Grund und Recht in dem liegt, daß es ist.Zieht nicht vor das Gericht die heil'gen Bande,Die unbewußt, zugleich mit der Geburt,Erweislos weil sie selber der Erweis,Verknüpfen was das Klügeln feindlich trennt.Du ehrst den Vater,—aber er ist hart;Du liebst die Mutter,—die beschränkt und schwach,Der Bruder ist der nächste dir der Menschen,Wie sehr entfernt in Worten und in Tat;Und wenn das Herz dich zu dem Weibe zieht,So fragst du nicht ob sie der Frauen Beste,Das Mal auf ihrem Hals wird dir zum Reiz,Ein Fehler ihrer Zunge scheint Musik,Und das: ich weiß nicht was, das dich entzückt,Ist ein: ich weiß nicht was für alle andern;Du liebst, du hoffst, du glaubst. Ist doch der GlaubeNur das Gefühl der Eintracht mit dir selbst,Das Zeugnis, daß du Mensch nach beiden Seiten:Als einzeln schwach, und stark als Teil des All.Daß deine Väter glaubten was du selbst,Und deine Kinder künftig treten gleiche PfadeDas ist die Brücke die aus MenschenherzenDen unerforschten Abgrund überbautVon dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe.O prüfe nicht die Stützen, beßre nicht!Dein Menschenwerk zerstört den geist'gen HaltUnd deine Enkel lachen einst der TrümmerIn denen deine Weisheit modernd liegt.Ist eure Satzung wahr, wird sie bestehn,Und wie das Bäumchen, das vom Stein gedrückt,Die Zweige breiten, siegend ob der Last;Allein wenn falsch, so wißt, daß seine WurzelnAuflockern all was fest und alt und sicher.Der Zweifel zeugt den Zweifel an sich selbst,Und einmal Ehrfurcht in sich selbst gespalten,Lebt sie als Ehrsucht nur noch und als Furcht.Maßt euch nicht an zu deuteln Gottes Wahrheit.
Abgeordneter. Wir baun auf festen Boden, auf die Schrift.
Rudolf. Die Schrift? (Rasch unterschreibend.)Hier meine Unterschrift. Da ihrDen toten Zügen einer toten HandMehr traut als dem lebendig warmen Wort,Das von dem Mund der Liebe fortgepflanzt,Empfangen wird vom liebedurst'gen Ohr,Hier schwarz auf weiß.—Und nun noch Blut als Siegel.Blut ist das rote Wachs, das jede LügeZur Wahrheit stempelt; wenn von Volk zu Volk,Warum nicht auch von Fürst zu Untertan?Und nun hinaus, beweisen mit dem SchwertWas nur der Geist dem Geiste soll beweisen.Des Reiches Ehre soll und muß bestehn.Und ist das Tor dem Unheil nun geöffnet,Ist Mord und Brand geschleudert in die Welt,Dann denkt einst spät, wenn längst ich modre:Wir waren auch dabei und haben es gewollt.
(Ein ferner Kanonenschuß.)
Rudolf (zusammenfahrend).Was ist?—Mein Geist ist stark, mein Leib nur zittert.(Zu einem Diener der eingetreten ist und sich Rumpf genähert hat.)Was soll's?
Diener. Man hat den Wall am Wissehrad besetztUnd schießt auf Truppen, die der Stadt sich nahn.
Rudolf. Man soll nicht schießen!
(Neuer Kanonenschuß.)
Rudolf (mit dem Fuße stampfend).Soll nicht, sag ich euch!
Stände (die Schwerter ziehend).Mit Gut und Blut für unsern Herrn und Kaiser!
Rudolf. Da steht's vor mir! Der Mord, der Bürgerkrieg.Was ich vermieden all mein Leben lang,Es tritt vor mich am Ende meiner Tage.Es soll, es darf nicht. Steckt die Schwerter ein,Vertragt euch mit dem Feind! Und diese Handfest,Die ihr als Preis des Beistands abgetrotzt,Sei euch geschenkt.—Ihr selbst Herr Kanzler sehtWas sie begehren draußen vor der Stadt.Ist es mein Bruder doch, bestimmt zu herrschen,Wenn mich der Tod, ich hoffe bald, hinwegrafft.Er übe sich vorläufig in der Kunst,Der undankbaren, ewig unerreichten,In der verkehrt was sonst den Menschen adelt:Erst der Erfolg des Wollens Wert bestimmt,Der reinste Wille wertlos—wenn erfolglos.In Böhmen aber will ich ruhig weilenUnd harren bis der Herr mich zu sich ruft.(Mit einer Entlassungsbewegung gegen die Stände.)Mit Gott, ihr Herrn!
(Die Stände entfernen sich.)
Und Ihr Herr Kanzler eilt!
(Alle bis auf Herzog Julius und den Kaiser ab.)
Rudolf. So sind wir denn allein.—Ein wüstes Wort.Du tadelst mich mein Freund?
Julius. Herr, ich verehr Euch.
Rudolf. Ich bin so gut nicht als es etwa scheint—Die andern nennen's schwach, ich nenn es gut.Denn was Entschlossenheit den Männern heißt des StaatsIst meistenfalls GewissenlosigkeitHochmut und Leichtsinn, der allein nur sichUnd nicht das Schicksal hat im Aug' der andern;Indes der gute Mann auf hoher StelleErzittert vor den Folgen seiner Tat,Die als die Wirkung eines FederstrichsGlück oder Unglück forterbt späten Enkeln.Ich aber bin so gut nicht als du glaubst.In diesen Adern sträubt sich noch der HerrscherUnd Zorn und Rachsucht glüht in meiner Brust.Zu züchtigen die sich an mir vergessen,Die schwach mich nennen, schwächer weit als ich;Die alte Brust zu schnüren noch in ErzUnd in dem Glanz verletzter MajestätGenüber mich zu stellen den Verrätern,Ob sich ihr Aug' empor zu meinem wagt.Und war ein Funke Glut in diesen Männern,Die sich Vertreter nennen eines Volks,War irgend etwas nur in ihrem Blick,Das mehr als Eigennutz und Schadenfreude,Ich stünde jetzt mit ihnen drauß im FeldUnd tötete mit Blicken den Verrat.
(Die Seitentüre links öffnet sich, Erzherzog Leopold in einen dunkelnMantel gehüllt, tritt heraus.)
Rudolf. Siehst du, da kommt er der Versucher, da!Mein Sohn, mein Leopold!—Und doch, hinweg!Er steht im Bund mit meines Herzens Wünschen.Er wird mir sagen, daß ja noch ein HeerIn Passau steht, zu meinem Dienst geworben;Daß Rache süß und daß der Kampf gerecht.Mein Sohn es ist zu spät! Ich darf nicht, will nicht.Sie nennen schwach mich, und ich bin's zum Kampf,Allein zum Fliehen reichen noch die Kräfte.Versucher fort! Ob hundertmal mein Sohn.(Er eilt ins Kabinett rechts.)
Erzherzog Leopold (der den Mantel abgeworfen).Mein Oheim und mein Herr! (An der Türe des Kabinetts.)Verschließt Ihr Euch?
Herzog Julius (zu Rumpf).Geht Ihr und weilet draußen vor der Tür,Damit kein Unberufner störend nahe.
(Rumpf geht hinaus.)
Leopold. So komm ich her spornstreichs auf Seitenwegen,Verborgen, unerkannt, und bring Euch Hilfe,Und Ihr verschließt die Pforte mir, das Herz?Ja denn, noch ist ein Kriegsheer Euch bereit,Mit Müh' halt ich's in Passau nur zurück.Ein Wort von Euch und tausend Schwerter flammenZu Euerm Schutz, zum Schutz der Majestät.Doch wenn Ihr auch den Retterarm verschmäht,Stoßt nicht zurück das Herz, die Kindestreue.Laßt mich, das Haupt gelehnt an diese Pfosten,Nicht glauben Eure Brust sei hart wie sie.—Die Türe wird bewegt—sie öffnet sich—Mein Vater!(Er stürzt in das Kabinett, dessen Türe sich hinter ihm schließt.)
Julius (mit gefalteten Händen).O daß nun nicht der Groll, gekränkte Würde,Und die Empfindung, die, wenn aufgeregt,Gern übergeht in jegliches Empfinden:Von hart zu weich, von Innigkeit zu Zorn,Ihn hinreißt einzuwill'gen in das Schlimmste:Zu handeln, da's zu spät.
Rumpf (Zur Türe hereinsprechend).Herr Bischof Klesel.
Julius. Nicht jetzt, nur jetzo nicht!
Rumpf. Sie lassen sichAbweisen nicht.
Klesel (eintretend).Nein wahrlich, in der Tat.
Julius (ihm entgegen tretend, mit gedämpfter Stimme).Ihr wagt es, Herr, hier in denselben Räumen,Die Euer Rat mit Zwietracht angefüllt—
Klesel. Ich komme her im Auftrag meines Herrn.
Julius. Wollt Ihr den Kaiser zwingen Euch zu sprechen?
Klesel. Da sei Gott für! Gemeldet will ich werden,So heißt mein Auftrag und, wenn abgewiesen,Kehr ich zurück. Doch melden muß man mich.(Er setzt sich links im Vorgrunde.)
Julius. Ich bitt Euch, Herr, sprecht leise.
Klesel. Und warum?
Julius. Glaubt Ihr denn nicht die Stimme schon des Mannes,Der ihm, er glaubt's, so Schlimmes zugefügt,Muß in des Kaisers Brust, jetzt, wo EntschlüsseHart mit Entschlüssen kämpfen, Scham und Zorn—
Klesel. Jetzt ist nicht von Entschlüssen mehr die Rede,Notwendigkeit ist da und sie schließt ab.
(In des Kaisers Kabinett wird geklingelt.)
Julius. Es ist geschehn! Nun wahre Gott der Folgen!
(Wolfgang Rumpf geht ins Kabinett.)
Julius. Und war kein anderer als Ihr zu findenZu solcher Botschaft, die fast klingt wie Hohn?
Klesel. Vielleicht weil ich allein kein Schranz und Höfling,Gewohnt zu sagen gradaus was gemeint.
Julius. Die Derbheit ist nicht immer Redlichkeit.
Klesel. So ist sie denn Arznei, die schon als bitter,Den langverwöhnten Magen stärkt und heilt;Und Heilung war gemeint mit diesem Umschwung,Man wird's zuletzt erkennen, hört man mich.Wer den Ertrinkenden erfaßt am Haar,Er hat gerettet ihn und nicht beleidigt.
(Rumpf kommt aus dem Kabinette zurück.)
Rumpf. Der Kaiser ist ergrimmt, er heißt Euch gehn,Von seinem Antlitz fern der Strafe harren.Der nächste Augenblick droht Euch Gefahr.
Klesel. Ich gehe denn. Den Frieden wollt' ich bringen,Wählt man den Haß, so suche man nach Macht.Die Strafe die man droht, sie liegt so fern,Wir freuen uns indessen an dem Lohn. (Er geht.)
Julius. Es werden Stimmen laut im Kabinett.Geht Ihr hinein, versucht es sie zu stören.Ich fürchte dies Gespräch und seine Folgen.
(Erzherzog Leopold kommt aus dem Kabinette, in das sogleich Rumpf hineingeht.)
Leopold (einen Zettel in die Höhe haltend).Ich hab's, ich hab's'
(Aus der Seitentüre links tritt Oberst Ramee heraus.)
Leopold. Ramee und nun die Pferde!(Er nimmt seinen Mantel auf.)Nichts teurer ist hierlands als der Entschluß,Man muß ihn warm verzehren eh' er kalt wird.
Rumpfs Stimme (im Kabinett).Erzherzogliche Hoheit!
Julius (sich Leopold nähernd).Gnäd'ger Herr!
Leopold. Schon kommt die Reue dünkt mich, laß uns gehn!
(Erzherzog Leopold und Ramee durch die Seiten Türe links ab.)
Rumpf (aus dem Kabinett kommend).Der Kaiser will noch einmal mit Euch sprechen,Es ist noch eins zu sagen.
Julius. Er ist fort.
Rumpf. Der Herr ist wie von Sinnen, schlägt die Brust.
Julius. Ich will ihm nach! Gibt Flügel die Gefahr,So flieg ich statt zu gehn; denn das VerderbenEs steht vor mir in gräßlicher Gestalt.(Er folgt dem Erzherzog durch die Seitentüre links.)
Rumpf (sich dem Kabinett nähernd).Man bringt ihn noch zurück.—Der Herzog selber.Eh' er sein Pferd besteigt ereilt man ihn.(Er geht ins Kabinett.)
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Der Kleinseitner Ring in Prag.
Volk füllt mannigfach bewegt den Hintergrund. Die drei Wortführer derStände kommen von der linken Seite.
Graf Thurn. Laßt uns hinaus, begrüßen den Erzherzog.Der Vortrab seines Heers nimmt heute nachtQuartier in unsrer Stadt. Man hofft ihn selbstOb freilich nur im Durchzug vorderhand,Dem künft'gen Untertan den künft'gen HerrnMit mildem Segensblick vorerst zu zeigen.Wie immer denn! Kommt, schließt euch an!Ist er ja doch der Retter, der Befreier.
Schlick. Nur, fürcht ich, sproßt in ihm der alte Same,Zur Macht gelangt, wirft er die Maske weg.
Thurn. Für neues Drängen gibt es neue Mittel,Und sag ich: neue, mein ich nur die alten.Der leise Widerstand stumpft jeden Stachel,Und streiten sie um unsre Krone sich,Verarmen wie im Rechtsstreit beide Teile,Reich werden Richter nur und Anwalt, wir.Kommt Zeit, kommt Rat.—Hört ihr die Glocken?Man hat ihn von den Türmen wohl erblicktUnd dort der erste Trupp von seinen Scharen.
(Geläut von Glocken. Im Hintergrund beginnt von der rechten Seite mit Musik und Fahnen der Vorüberzug von Soldaten. Das Volk drängt sich nach rückwärts, die Blicke eben dahin gerichtet, so daß sie den Zug verdecken und der Vorgrund leer bleibt.—Erzherzog Leopold und Oberst Kamee, in Mäntel gehüllt, kommen von links im Vorgrunde. Herzog Julius folgt ihnen.)
Julius. Ich laß Euch nicht. Ihr müßt zurück zum Kaiser.
Leopold. Ich habe schriftlich seinen hohen Willen,Nun ist's an mir ihn treulich zu vollziehn.
Julius. Kommt Ihr ins Land mit fremdgeworbnen Truppen,So gärt der Aufruhr neu, des Kaisers GegnerBenützen es zu seinem Untergang.Es ist zu spät.
Leopold. Und früher war's zu früh.Wann ist die rechte Zeit?
Julius (ihn anfassend).Ich laß Euch nicht.So faß ich Euch und flehe: kehrt zurück!
Leopold (den Mantel abstreifend der in Herzog Julius' Hand zurückbleibt).Wie Joseph denn im Hause PotipharLaß ich den Mantel Euch, mich selber nicht.
Ramee (auf das Volk zeigend).Herr, wenn man Euch erkennt.
Leopold. Man soll mich kennen!(Mit starken Schritten nach rechts abgehend.)Halt ihn zurück!
(Ramee tritt zwischen beide.)
Julius. Nun denn, es ist geschehn.(Den Mantel fallen lassend.)Die Hülle liegt am Boden, das VerhüllteGeht offen in die Welt als Untergang.
(Ramee folgt dem Erzherzog.—Der Zug im Hintergrunde hat sich indessen fortgesetzt. Jetzt erscheint Erzherzog Mathias zu Roß die Menge überragend. Das Volk drängt sich ihm entgegen.)
Volk. Vivat Mathias! Hoch des Landes Recht!
(Indem Herzog Julius mit einer schmerzlich abwehrenden Bewegung sich nach rückwärts wendet fällt der Vorhang.)
Vierter Aufzug
Die Kleinseite in Prag, wie zu Anfang des ersten Aufzuges.Die Sturmglocke wird gezogen. Man hört schießen.
Bürger treten fliehend auf.
Ein Bürger. Flieht Nachbar, flieht! 's ist das Passauer Kriegsvolk.Der Kaiser hat sie in das Land gerufen,Erzherzog Leopold sein Neffe führt sie.
Prokop (aus seinem Hause tretend).Was ist? was soll's?
Bürger. Ihr wißt ja: die Passauer.
Prokop. Doch ist die Stadt bewahrt.
Bürger. Man hat die PforteGeöffnet ihnen oben am HradschinUnd nun ergießt der Trupp sich durch die Straßen.
Prokop (sein Schwert ziehend).So greift zur Wehr!
Bürger. Dort, seht Ihr? kommt ein Trupp.
Prokop. Schließt euch und haltet aus! Ist doch die StadtVon Männern voll. Tut jeder seine Pflicht,So lehren wir den Räubern wohl die Reue.(Gegen sein Haus gewendet.)Dich, Kind, indes befehl ich Gottes Hut.Der ist kein Bürger, der die eigne SorgeVergißt nicht in der Not des Allgemeinen.
Zieht euch zu jener Ecke, sie gibt Schutz,Und gehn sie vor, so fallt in ihre Seiten.
(Sie ziehen sich zurück.—Oberst Ramee tritt auf mit Soldaten.)
Ramee (zu einigen, die ihre Gewehre anschlagen).Halt ein mit Schießen! Es erweckt die Schläfer.Wir überfallen sie, und ohne Blut,So will es der Erzherzog, sind wir Sieger.
Drängt nicht zu scharf! Denn rasch in ihrem RückenEilt eine Reiterschar der Moldau zu,Besetzt die Brücke, dringt ins offne Tor;Die Altstadt unser, sind wir Herrn von Prag.
(Trompeten in weiter Ferne.)
Ramee. Die Brücke ist genommen. Jetzt auf sie!
(Mit den Soldaten nach der rechten Seite ab. Man hört Lärm des Gefechts.—Don Cäsar im Wams, ohne Hut, kommt von einigen Soldaten umgeben.)
Cäsar. Ich dank euch, Freunde, daß ihr mich entledigtDer bittern Haft, in der mich hielt die Willkür,Um jener wegen, die dort oben wacht.(Auf Prokops Haus zeigend, in dessen oberem Geschoß ein Licht brennt.)Ich will mit euch, will kämpfen, fechten, sterben,Gleichviel für wen und gleichviel gegen wen;Den der mich tötet nenn ich meinen Freund.Doch vorher noch ein Wörtchen oder zweiMit ihr, die mich verdarb.(Da einige sich der Türe nähern.)Halt, kein Geräusch!Ich kenne die Gelegenheit des Hauses,Aus früh'rer Zeit. Dort rückwärts an der MauerIst noch ein Pförtchen das ins Innre führt,Von wo zwei Treppen nach der GartenseiteZum Söller steigen nächst an ihr Gemach.Dort sei's versucht und ihr bewahrt den Eingang!