Die Moschee hat von den 46 Kuppeln der früheren Kirche nur wenige behalten. Trümmer liegen noch sichtbar weit herum, andere mögen unter den späteren Neubauten begraben sein. Aufrecht stehen noch ein doppelter Porticus und hinter ihm zwei je dreischiffige Basiliken, die durch ein siebentes besonderes Schiff von einander getrennt sind. Denn so erkläre ich mir die sonderbare Anlage dieses Baues. Vielleicht deckten die heute fehlenden Kuppeln andere ganz gleich geformte Kirchen, die im Anschlusse an diese in einem Vierecke um einen Hof gestellt waren? Es hat dann wohl jede einem anderen Kaiser als Grabcapelle gehört. Die eine Seite, die ich jünger als das andere Mauerwerk finde, und die gewiß einmal offen zu weiterer Fortsetzung war, bringt mich insbesondere auf diese Vermuthung. Neun Thüren führen in den Porticus und ebenso viele von ihm in das Innere der Kirche. Sie sind in denselben Formen und mit demselben rothen Marmor wiedie der Aja Sophia gebaut. Die kleinen Kuppeln, die den Porticus decken, sind mit Mosaiken verkleidet; aber keine Menschenbilder, nur Laubgewinde und Blumen sind darin dargestellt. Im Inneren ist nur türkisches Machwerk.
Als Erbauer der Kirche gibt die Geschichte den dritten Komnenen an. Kaiser Johann war dann auch der Erste des Geschlechtes, der hier begraben wurde. Das war jener milde und verzeihende, dabei doch starke und kräftige Herrscher, der im Auslande das Gebiet des Reiches vermehrte, und daheim schon im zwölften Jahrhundert das Ideal unserer heutigen Menschenfreunde verwirklichte, indem er für die 25 Jahre seiner Regierung die Todesstrafe abschaffte. Das Gegentheil all’ seiner Tugenden war der letzte des Geschlechtes, der hier begraben wurde, Andronikus I., der auch der letzte Komnene auf dem Throne von Constantinopel war. Seine Lebensgeschichte ist eine so abenteuerliche, daß wer sie heute in der Regelmäßigkeit unserer Zustände liest, kaum mehr den Glauben für so bunt zusammengewürfelte Schicksale hat. Vor seiner Thronbesteigung abwechselnd der Vertraute und der Verräther seines Vetters, des damals regierenden Kaisers Manuel I., lebte er bald im Glanze und Wohlleben des Hofes zu Constantinopel, bald auf der Flucht durch Wälder und Steppen, bei Türken und Persern, bei Polen und Russen, und auch bei diesen wieder je nach dem Werthe seiner Handlungen als Fürst und Freund erhöht oder als Feind und Flüchtling in den Kerker geworfen, bald Christ und Mohammedaner, alles was der Tag und der Vortheil von ihm begehrte, treu nur in einem, in der Verführung und in der Untreue gegen die Frauen. Ueberall, wo er gewesen, von allen Nationen, bei denen er Gastfreundschaft genossen, hatte er eine entführt und verlassen. Als er dann den Sohn des Manuel, den zwölfjährigen Kaiser Alexius II., erdrosselt und sich dadurch die Krone erworben hatte, kam er hieher an das Grab seines Vorgängers, des Kaisers Manuel. Seine Begleiter wies er zurück, sie glaubten weil er sich seiner Reue und Buße schäme. Er aber murmelte statt der Gebete nur Verwünschungen, nur Flüche, Wortedes Triumphes und der Rache über den Sarkophag, denn selbst dem Todten verzieh er es nicht, daß dieser der Einzige im Stande gewesen, seine Zügellosigkeit zu bändigen. Da ihm die Macht allein überlassen war, mißbrauchte er sie zu solchen Grausamkeiten, daß ihm zuletzt das empörte Volk Augen, Haare, Zähne und Arme ausriß, und den immer noch lebenden Körper auf einem räudigen Kameele durch die Stadt trieb, bis ihm zwischen zwei Pflöcken aufgehängt ein paar barmherzige Schwerthiebe die Qual verkürzten.
So wild und kräftig, so maßlos in allen Eigenschaften waren die Glieder dieses Geschlechtes. Von Italien leitete es seinen Ursprung ab, von Asien, wohin es übergewandert, war es gekommen. Sechs Kaiser setzte es auf den wankelmüthigen Thron von Byzanz, die meisten schön und groß durch die äußere Bildung ihrer Gestalt und auch riesig durch den Werth ihrer Thaten. Dann setzte das vertriebene Geschlecht seine Herrschaft drüben in Trapezunt fort, bedeutungs- und wechselvoll wie sie in Constantinopel gewesen, daß seine Fürsten mehr als andere zu den abenteuerlichen Zwecken von Romanen und Dichtungen brauchbar sind. Neben Kapiteln, so blutig und bewegt wie die der byzantinischen Geschichte, verblassen selbst die Schicksale der rothen und der weißen Rose. Den Mord der Brüder des thronbesteigenden Prinzen, den die Türken bis zum letzten Sultan als dynastisches Hausgesetz ausgeübt, fanden sie wie anderes, das sie nach der Eroberung unter ihre Sitten aufnahmen, fertig und zur Regel geworden in Constantinopel vor. Die Willkür überhaupt, welche so lange die türkische Thronfolge erschütterte, mögen sie nach dem vorausgegangenen Beispiele gebildet haben.
Kahrjie Djami in der Nähe der Landmauern, zwischen dem Thore von Adrianopel und dem ehemaligen Viertel der Blacherner, soll noch eine der 24 Kirchen sein, welche Justinian in Constantinopel erbaute. Die Mauern mögen so alt sein, die Ausschmückung muß längst erneuert worden sein. In der Vorhalle wenigstens fand ich Mosaiken von so trefflicher und freier Zeichnung, daß ich sie in eine jüngere Zeit als die älteste der Marcus-Kirche versetze. Eine schreitende Figur des Erlösers und in der Kuppel der linken Halle aufrechte Gestalten unterschied ich deutlich. Die Kuppeln sind muschelförmig eingefalzt, ihrer drei über der Vorhalle, die in drei Vierecke abgetheilt ist, nebeneinander. Thür- und Fensterstöcke sind in denselben Formen wie in der Aja Sophia gearbeitet. In dem Kreuzgange, der später angebaut ward, sind Malereien so entwickelter Art, daß man bei dem Erlöser kaum mehr die Spur des alten byzantinischen Typus findet. Die Kuppeln, die ganze Vorhalle und auch das Innere sind nur klein; die byzantinischen Kirchen scheinen sich überhaupt nicht durch Größe ausgezeichnet zu haben, wenigstens macht unter den übrig gebliebenen nur die Aja Sophia hiervon eine Ausnahme. Die Menge derselben muß den Rauminhalt der Einzelnen ersetzt haben. Es kann ihrer nicht weniger, als heute in Venedig sind, gegeben haben. Gleich auf dem Rückwege, den wir direct zur Gül Djami suchten, auf dem wir uns aber verirrten, fanden wir in der Nähe der Mohammedje, abseits gegen den Hafen zu hinab, Ruinen, welche einmal einer altbyzantinischen Kirche angehört haben müssen. Ich finde sie auf keiner Karte und in keinem Handbuche verzeichnet. Die Kuppeln sind herabgestürzt und auch die Seitenmauern geborsten; die abgefallene Tünche stellt es außer Zweifel, daß seitdem eine Moschee hier gewesen. Die Verwüstung kann nicht alt sein, denn noch hat sich nirgends das in diesem Klima so rasche Grün um die Ruinen gelegt, und verursacht scheint sie durch eine Feuersbrunst zu sein, weil das ganze Stadtviertel ringsherum aus noch unangestrichenen Latten neu aufgebaut ist. Wie vor anderen stand auch vor dieser Kirche eine mit drei Kuppeln gedeckte Vorhalle. Eine Hauptkuppel scheint die Kirche selbst, eine zweite kleinere den Altarraum gedeckt zu haben; das unterscheidet man heute noch. Wie lange wird diese Spur dauern? Schon schleppt man Steine fort zu weltlichen Neubauten; so werden allmälig aber fortwährend auch die Ruinen der Vergangenheit ausgejätet. Kann man sich, wenn zuletzt alles Sichtbare fehlt, noch wundern, daß das Frühere der Nachwelt unverständlich wird?
Gül Djami (Rosen-Moschee), die wir endlich, aber erst mit Hilfe der Magnetnadel fanden, liegt so tief in einem Thale, daß wir an Gassen kamen, die so steil abwärts führen, daß wir, um nicht zu fallen, von den Pferden steigen mußten. Die Rosen-Moschee zeigt sich als byzantinisches Bauwerk trotz späterer türkischer Veränderungen. Sie scheint besonders fest zu sein und der Zeit zu trotzen. Von einem unterirdischen Gewölbe, welches Hammer erwähnt, wollte keiner der Moscheediener und der Umwohnenden, die in Menge herbeigekommen waren, etwas wissen.
Nach Galata hinüber ritten wir über die zweite Hafenbrücke. Eine eigenthümliche Beleuchtung wurde uns von dort aus durch das Abendlicht geboten. Der ganze Hafen war so von Nebeln und von dem Rauche der Dampfer bedeckt, daß er und die Stadt unsichtbar waren. Die untergehende Sonne färbte diese Wolkenmassen roth und blau, nur das Thürmchen der Seraispitze sah daraus hervor, aber scheinbar in die Ferne gerückt, als lägen viele Meilen zwischen ihm und uns. Schon Morgens hatte ich die Nebel beobachtet; sie zogen so dicht über die See, daß außer der Seraispitze Alles in ihnen verschwand, selbst die Körper der Schiffe. Zuweilen nur ragten die Masten und die geschwellten Segel, welche die Schiffer dem Südwinde ausgespannt hatten, daraus hervor, daß es aussah, als hätten die Wolken Segel vorgelegt, ihren Flug noch mehr zu beschleunigen und mir die eilenden Wolken, die Segler der Lüfte verwirklicht erschienen, welche die gefangene Maria Stuart grüßend an ihr Heimathland sandte.
Constantinopel, den 11. Juni.
Ich schreibe den ganzen Vormittag. Gewitter drohen und hindern eine gemeinsame Fahrt im großen Boote nach Bujuk-Dere. Ich aber wage mich Nachmittags allein im Kaïk um die Seraispitze in’s freie Meer hinaus, die Mauern der Stadt auf dieser Seite genauer zu untersuchen. Es ist herkömmlich, auch diesen Theil der Bollwerke als einen übrig gebliebenen Vertheidiger desChristenthums gegen den Mohammedanismus zu ehren. Ich brachte den Mauern dieselbe Glaubensstimmung entgegen und die Inschriften auf der Seeseite unterstützten diesen Wahn. Hört man nur sie, so baute schon Kaiser Theophilus, derselbe, welcher auch den kaiserlichen Palast so reichlich verschönerte, also 830 oder doch nahe daran diese Mauern. Erst als ich ihre Fügung, die Steine und ihre Bearbeitung prüfte, begann dieser Glaube zu zweifeln. Das Werk kann nicht das Product eines Jahrhunderts sein, das für Byzanz die Blüthezeit aller Künste und Wissenschaften war. Und wäre es das gewesen, so konnte es in dieser Gestaltung nicht dem Wogendrange und dem Wettersturme eines ganzen Jahrtausends widerstehen. Die schlecht gefügten Ziegellagen und der Mörtel zeugen gegen eine solche Alterslast. Nur tief in dem unteren Theile, der noch unter Wasser steht, sind es sorgfältiger gefügte Quadern; darüber liegen Säulenschäfte geschichtet, dicht und hoch wie Klafter Holzes, Gesimsstücke und andere Bautenreste dazwischen, Alles Zeugen der Prachtliebe einer früheren und der Barbarei einer späteren Zeit. So baut eine jede mit den Werkstücken wie mit den Ideen ihrer Vorfahren. In Aegypten schon trieben sie es nicht anders und wir treiben es wie es hier geschehen. Welch’ eine Stadt muß das gewesen sein, die der Säulen so viele hatte, daß man einmal ihre Mauern daraus aufrichten konnte! Dieses Später kann aber nicht schon die Zeit des Theophilus gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß er, dem die Verschönerung des Palastes und der Stadt so sehr im Sinne lag, so viel zerstört, und selbst wenn er damit seinen Neubauten Platz schaffen wollte, daß er das kostbare Material der früheren nicht entsprechender verwendet haben sollte. Daß aber auch die anderen Byzantiner nach ihm diese Grausamkeit nicht geübt haben, beweist mir eine andere Einwendung, die ich mir gegen den griechischen Ursprung dieser Mauern in diesen Tagen gefunden habe.
Hier hinaus gegen das Marmora-Meer zu öffnete die Stadt ehemals drei, vielleicht sogar vier Häfen. Der erste zunächst der Seraispitze, wahrscheinlich ziemlich unterhalb der Achmedjie, welcherder des Palastes, auch der des Bukoleons hieß; von ihm westlich und westlich neben der kleinen (Kütschük) Aja Sophia, dort wo der Platz heute noch Kadriga-Liman d. h. der Galeeren-Hafen heißt, der zweite, der julianische, und wenn man diesen nicht denselben mit dem nächsten glaubt, was nach den byzantinischen Schriftstellern streitig erscheinen kann, noch tiefer in den Halbmond der Küste hinein, dort wo heute noch Steintrümmer eines Molo’s im Meere den Mauern vorliegen, vielleicht bei Kum-Kapu, dem Sandthore, der dritte, der der Kaiserin Sophia, so daß dann der theodosianische zunächst dem Schlosse der sieben Thürme der vierte gewesen wäre.
1422, also nur 31 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch die Türken, besuchte sie ein Florentiner, Christof Bondelmonti, der von der Stadt unter Anderem auch einen Plan geliefert hat. Auf dem ist z. B. der erste Hafen noch deutlich eingezeichnet und vor ihm sind zwei weit in die See vorspringende Molo’s markirt; er nennt ihnportus palatii. So ist noch Manches anders dargestellt als es heute auf diesen Küsten aussieht. Nahe der Seraispitze stand eine Kirche der wegweisenden Mutter Gottes (Hodegetria), dann eine des heiligen Georg, von denen heute keine Spur mehr übrig ist. Kann das Alles in den 31 Jahren vor der Eroberung weggeräumt und umgewandelt worden sein, in einer Zeit vollkommener Entkräftung und leichtsinniger Sorglosigkeit? Das ist nicht nur unwahrscheinlich, das ist unmöglich. Uebrigens beschreibt uns auch ein noch späterer Reisender, der sogar erst nach der Eroberung durch die Türken Constantinopel besuchte, 1550, noch immer manche dieser Uferstellen anders als sie heute sind. Es können also, wenigstens auf der Seeseite der Stadt, nur die Türken die heutigen Mauern errichtet haben.
Murad IV. 1635, vielleicht sogar erst Achmed III. 1721, werden als Wiederhersteller der Stadtmauern gerühmt. Die alten Grundlagen mögen sie benutzt haben, daher unten im Wasser die stärkere Quaderfügung, auch einzelne Thürme in den Neubau mit aufgenommen haben. Daß frühere Inschrifttafeln in denMauern haften, ist kein Beweis für das Zeitgenössische ihres Werdens. Die Türken mauerten sie, so gut als man das früher schon that, und als man es heute wieder thut, an den Stellen ein, wo sie sie fanden. Die Reste alter Bauten legten sie dazwischen und erst darüber ihre schlechten Ziegel. Man stelle sich nur vor, wie viel fallen mußte, bis der Raum zu dem heutigen Serai frei ward.
Unter den Resten, die sie so verwendet haben, sind auch drei Fenster gleich neben dem ehemaligen Leuchtthurme eingemauert; ihre Formen sind die ägyptisirenden wie an den Thüren der Aja Sophia, die allen byzantinischen Bauten gemein waren. Seitab und höher oben erscheint ähnlich befestigt eine kleine Häuserfronte, zwei Löwen zu ihren beiden Seiten. Es kann das nicht der natürliche Platz dieses Baustückes sein; auch dieses muß hierher erst übertragen worden sein; so wie es da steht wäre es ganz sinnlos. Vielleicht daß es das oberste Stockwerk eines kleinen Palastes gewesen und die Löwen frei daneben standen? Gylles nennt es ein Ueberbleibsel vom Palaste des Leo Marcellus, nicht vom Bukoleon, wie Hammer ohne weiteren Beweis behauptet. Dann wären auch diese Trümmer eine Bestätigung für meine Vermuthung von der äußeren Unscheinbarkeit der byzantinischen Bauten. Sie haben nichts Großes und verrathen keinen großen Sinn; sie sind klein und manchmal auch unförmlich, wie Vieles in Kütschük Aja Sophia, Kilisse Djami und Kahrije Djami. Die große Aja Sophia ist die einzige und darum auch so sehr gepriesene Ausnahme. Denn selbst von dem Kaiserpalaste glaube ich nicht, daß er etwas unseren oder den römischen Bauten Aehnliches gehabt habe; er wird wie noch die heutigen Paläste der Orientalen aus einer Summe von Pavillons bestanden haben, über ein weites Gebiet die Hügel hinab und durch Gärten zerstreut. Kein Theil war höher als einstöckig und die Pracht daran nur im Innern.
Wilde Hunde lagen vor den Mauern auf Steinen, die dort den Anprall der Wellen aufhalten. Ab und zu wechselten Kinder mit ihnen ab, die auf jenem gefährlichen Punkte wohl nur imGenusse verbotener Frucht waren. Vom freien Meere her und von den rothen Inseln drohten dunkle Wolken mit neuem Regen und finsterer Verhüllung der Ferne, wie sie schon die Sonne verbargen.
Bei Psamatia Kapu hieß ich das Kaïk landen. Ich ging von dort in das Innere der Stadt nach der nahe dem Strande gelegenen Moschee des Oberststallmeisters (Imrachor Djami). Der Bau ist ein Rest, und bei näherer Prüfung ein überraschend wohlerhaltener, des einst so berühmten Klosters des Studius. Es war das ein Patricier und Consul, der im sechsten Jahre der Regierung Leo des Großen, auch des Fleischers genannt, also im Jahre 463 den Nichtschläfern diese Kirche erbaute. Die christlichen Lateiner verwüsteten sie, und erst Andronicus der Jüngere schützte sie wieder mit einem Dache. Das Kloster spielte in der byzantinischen Geschichte eine große Rolle; Leben und Sterben vieler Kaiser sind daran geknüpft. Einige wurden dort erzogen, denn die Mönche waren gelehrt und gebildet; Andere wurden dorthin in die Einsamkeit und Büßung verwiesen, und wieder Andere unter dem Paviment der Kirche begraben. Hier stationirten zum erstenmale die Züge, welche der Stadt vom goldenen Thore aus zum kaiserlichen Palaste hin den Sieg brachten. Alles was dieser Bau war, ist bei ihm leichter als bei anderen aus den vorhandenen Resten herzustellen. Das Trümmerfeld von Säulenstümpfen, welches Hammer rings herum gebreitet sah, ist entweder seitdem weggeräumt, oder er hat es überhaupt nicht gesehen. Es muß ihm so jedenfalls mit dem Mihrab dieser Moschee geschehen sein. Denn hätte er diesen gerade so wie bei der Aja Sophia und bei allen anderen Moscheen, welche ehemals Kirchen waren, schief in die Apsis gestellt gesehen, so hätte er dadurch allein, wenn auch sonst durch keine andere der markanten Eigenthümlichkeiten des Baues, auf die Vermuthung kommen müssen, daß er es hier mit einer ehemaligen Kirche zu thun habe, und nicht drucken lassen dürfen, daß diese Djami ein Werk des großen Baumeisters Sinan sei. Die Stätte und die Mauern sind heute noch dieselben, welche einmal den gottesdienstlichen Zwecken der griechischen Christen dienten.
Ein kleiner Porticus, getragen von zwei alten Säulen, führt in den Friedhof, der hier ausnahmsweise vor der Moschee liegt. Die Gräber zu beiden Seiten liegen höher als der Weg. Frisches Grün sproßt dazwischen, und Rosen ranken sich darüber. In dem Marmorpflaster des Weges fand ich einen Stein, der das Monogramm trägt:Monogramm; ich lese es als den Namenszug des Stifters. Steine mit anderen Zeichnungen sind mannigfaltig sichtbar.
Vor dem Baue der Basilika in ihrer ganzen Breite öffnet sich eine freie Halle. Vier Säulen korinthischer Ordnung mit reichem aber geschmacklosem Capitäl tragen ihre Decke. Gesimse mit Verzierungen desselben Styles treten überall aus der Tünche hervor. Zwei Bogen trennen die Vorhalle in drei Abtheilungen; heute ist nur noch die linke offen, die rechte zugemauert. Aus jeder scheint ehemals eine Thüre in das Innere geführt zu haben, also im Ganzen ihrer drei; auch davon ist nur noch eine, die mittlere, übrig. Das Innere ist lang, breit und hoch und durchaus im glücklichen Zusammenstimmen der einzelnen Theile. Zu klein zum Ganzen ist nur die heutige Apsis. Steht sie auch genau an der Stelle der früheren, so daß der Mihrab schief in sie gestellt werden mußte, so halte ich sie doch für ein Flickwerk der Türken. Das Mittelschiff wird auf beiden Seiten durch eine Säulenreihe von den Seitengängen getrennt. Ueber diesen Gängen und auf den Säulen ruhend liegen offene Galerien. Kleinere und enger zusammengeschobene Säulen zäunen diese ein und stützen die flache Decke; die beiden Seitenschiffe sind an ihrem Kopfende durch flache Wände, nicht durch Nischen, wie das sonst wohl üblich, geschlossen. Die Thüren, die ehemals dort offen waren, und die Karniese darüber sind heute zu- und eingemauert; ebenso die fünf Bogenfenster, welche einmal durch jede der beiden Langwände das Licht gaben. Unter ihnen treten neun Tragpfeiler aus der Wand hervor, vermuthlich um das Gebälke oder doch um querüber verbindende Balken zu tragen. Von den 14 Säulen, je sieben auf beiden Seiten des Mittelschiffes, sind sechsen die prachtvollen Schäfte aus Verde antico übrig geblieben; den anderen achten sind sie aus Mauerwerk,aus Tünche und aus grüner und weißer Farbe nachgemacht worden. Und aus demselben Stoffe hat man auch jenen sechsen wohlerhaltenen die prachtvollen Capitäle mit einer Maske verkleistert, um sie dem rohen Kopfputze der acht anderen Schwestern ähnlich zu machen. Es fehlte den Späteren das Geschick und die Liebe der Kunst, sich zur Fertigkeit der Früheren zu erheben, und so degradirten sie die Vergangenheit zu dem Ungeschmacke der Neuzeit. Die Säulen der Galerien oben sind aus Holz und ganz jung.
Wie alle Moscheen ist auch diese rein gehalten. Hügel umgeben sie, wohl Gräber des einstmals Gewesenen, und Saatfelder ziehen sich darüber.
Hinter der Kirche, dem Meere zu und wo der Blick darauf frei und unbegrenzt ist, fand ich eine unterirdische Capelle und daneben eine Cisterne. Zwei starke Säulen tragen das Gewölbe der Ersteren, drei Nischen schließen sie; sie ist breiter als tief; ihr Mauerwerk einfach und alt. In der Cisterne sind die Säulencapitäle in Blumenformen gestaltet. Nicht weit von diesen unterirdischen Bauten ist ein Ziehbrunnen in die Erde eingelassen. Ein Stein, den ich hinabwarf, verrieth nur wenig Wasser darinnen, aber ansehnliche Tiefe. Zwei starke Feigenbäume wachsen aus seiner Mündung hervor mit dichtem Blätterschmucke und wilden Früchten. Alles um dieses Gemäuer haben Bäume, Schlinggewächse und Blumen malerisch geziert, und weiter hinaus über die Mauern weg schaut das Auge die blaue See, Schiffe, welche der Einfahrt in den Bosporus harren, und links hin die Prinzeninseln.
Auf dem Rückwege nach Psamatia Kapu fand ich in der Straße, die eine weite Strecke mit dem Ufer in gleicher Richtung läuft, nur durch die Stadtmauer von ihm geschieden, Säulenschäfte und ein mächtiges Capitäl, das byzantinische Kreuz darauf. Sie liegen herren- und dienstlos, zeigen aber, was ehemals hier gestanden haben muß. Die Straßen waren leer, wie ausgestorben, ein furchtsamer Hund das einzige Lebende, welches ich begegnete. So förderte Alles die Stimmung schwermuthsvoller Betrachtung.
Constantinopel, den 12. Juni, Sonntag.
Gewöhnlich suchen die Fremden drüben in Skutari den Gottesdienst der von ihnen sogenannten heulenden Derwische kennen zu lernen. Es ist dort ein Tekke schon in Erwartung solcher Besuche hergerichtet, und man befindet sich wie in einem europäischen Theater des bloßen Zuschauens wegen. Ich begehrte heute nach einem anderen, von jeder Europäisirung möglichst abgelegenen Bruderschaftshause geführt zu werden. So kamen wir nach Kaßim Pascha, einer der ärmlichsten unter den vielen elenden Vorstädten dieser kaiserlich schönen über zwei Erdtheile ausgespannten Weltstadt. Neben Pera liegt Kaßim Pascha auf demselben Ufer des goldenen Hornes. In dem ersten Tekke, wo wir Einlaß begehrten, waren die Uebungen schon zu Ende. Es liegt in einem Garten anmuthig hinter Rosenhecken versteckt, ein dürftiger kleiner Holzbau. Der einzige Derwisch, der noch zu Hause war, saß in einer Laube, in einen weißen Kaftan gehüllt und so in die Träumereien seiner gottesdienstlichen Betrachtungen oder seines Nargileh’s versunken, daß es einer Weile bedurfte, bis wir von ihm die Auskunft erhielten, wo allenfalls in der Nachbarschaft seine Glaubensgenossen mit ihren religiösen Uebungen an diesem heißen Nachmittage noch nicht zu Ende gekommen sein könnten.
Das Tekke, wo er uns hinwies, liegt nicht so poetisch, ist zwischen den anderen Häusern eingeklemmt, selbst eine Hütte und in nichts von diesen verschieden. Unten eine kleine Eintrittshalle; in sie einmündend die Vorzimmer, wo wir Stöcke und Schuhe ablegten; aus ihr hinaufsteigend eine schmale hölzerne Stiege und oben im ersten Stocke ein mäßig großer Saal, bedeutend länger als breit, die eine Langseite von kleinen nach dem Saale zu offenen Stuben eingefaßt, die eine Schmalseite durch Fenster nach dem goldenen Horne zu geöffnet, die schöne Aussicht hereinzulassen, die andere durch das Gitter der dahinter liegenden Frauentribüne geschlossen. In der Ecke, die gegen Osten zu gekehrt ist, ist aus Teppichen und Fahnen der Mihrab aufgebaut. Das ist die ganzeHerrlichkeit, und sie ist nur aus ungedielten rohen Brettern fabricirt. Aber ausgezeichnet ist die Aermlichkeit durch außerordentliche Reinlichkeit. Daß man sich auf die Vließe von Schafen niederläßt, geschieht nur, weil es die Ordensregel so gebietet, denn der Zustand des Bodens bedingt nicht diesen Schutz. Ein Diener breitet gleich jedem Ankömmlinge das seinige aus. Man sitzt natürlich mit untergeschlagenen Beinen darauf.
Die Zuschauer waren zahlreich und aus allen Ständen gemischt; mir fielen die vielen Soldaten auf. Alle beobachteten jenen Anstand, der dem Türken angeboren ist und ihn dem ersten Eindrucke als ein Wesen höherer Ordnung erscheinen läßt. Uebrigens folgten auch ihre Mienen andächtig dem Cultus. So sitzt ungefähr eine Menge bei uns in einem Trauerspiele, nicht in einer Kirche, denn dort ist leider selten so viel Aufmerksamkeit zu Hause. Nur den Kindern war es gestattet, ungebunden und sich um nichts bekümmernd mitten durch die Reihen der Sitzenden und auch durch den ehrfurchtsvoll der Ceremonie leer gelassenen Mittelraum des Saales zu laufen. Diese Rücksichtnahme der Türken auf die Natur der Jugend hat etwas Rührendes; sie steht ihnen offenbar über jedem Menschengesetze. Es liegt etwas von dem evangelischen „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich“ darinnen.
Der Orden muß eigentlich der der Rifa’yjah-Derwische genannt werden, da der neuerliche Gebrauch die Derwische nicht mehr wie früher nach ihren Statuten und Glaubensregeln, sondern nach ihrem Stifter bezeichnet und dieser Ahmed Rifa’y hieß. Er stammte, wie alle die wesentlichsten Ordensgründer, aus Persien, der Provinz Ghilân, und starb 1182 in den Buschwäldern zwischen Bagdad und Bassora. Im ganzen Orient gilt er als ein besonders heiliger Heiliger, der sagen durfte, „sein Fuß stehe auf den Nacken aller Heiligen Allah’s.“
Die Derwische, die sich zu den Uebungen versammelt hatten, standen an der anderen Schmalseite des Saales, den Fenstern gegenüber, in einer Linie nebeneinander gereiht. Die Meistenwarfen im Verlaufe der Ceremonie ihre Oberkleider weg und legten weiße Kaftans an, so wie ihn Der getragen, den wir vor dem ersten Tekke in der Rosenlaube sitzend gefunden hatten. Der Vorbeter allein, der vor ihnen stand, trug einen Kaftan aus grünem Stoffe, die auszeichnende Farbe des Propheten und der Mantel selbst ein Symbol dessen, den Mohammed getragen hatte. Sie sprachen dem Scheich nach und sangen dann eine Weile selbständig fort. Der Körper folgte in gleichmäßigen Schwingungen von rückwärts nach vorwärts der Stimme, anfangs langsam, nachher aber mit dem Gesange so an Schnelligkeit zunehmend, daß das Auge ihnen kaum mehr folgen konnte. Dabei ward der Tact der Bewegung wie der des Gesanges keinen Augenblick gestört. Sie glauben und wollen durch diese Beweglichkeit den Körper so ermüden, daß sich die Seele von ihm loslösen und mit dem einzigen fortwährend wiederholten Begriffe „Gott“ verschmelzen könne. Einige behaupten, dieses Mittel begeisternder Absorbirung so erfolgreich erprobt zu haben, daß sie in ihrem Herzen sogar die freilich nur dem geistigen Auge sichtbaren Buchstaben des Wortes Allah durch die vielmalige Wiederholung eingeprägt tragen.
Nicht lächerlich, aber doch wie eine Verirrung des menschlichen Geistes erschien mir dieser Gottesdienst; daß er religiös und daß er wahrhaftig gemeint sei, verkannte ich nicht. Darum, so sehr mich die Raserei, denn das wurde er zuletzt, entsetzte, ich mußte doch immer dem Wahne Achtung zollen. Das Geheul verlor den Ton der Menschlichkeit, und die Bewegung der Kette beinahe den Grad des denkbar Möglichen. Einzelne schwangen im Wahnsinne nicht mehr den Oberkörper, nur noch den Kopf, so waren sie erschöpft; zwei fielen nieder, denen der Schaum auf den Lippen stand; man trug sie ohnmächtig hinaus. Andere arbeiteten aber gleich rüstig weiter, als habe die Uebung eben erst begonnen. Die Turbans, die sie verloren, wurden von Vorbetern unter dem Schutze des Mihrab’s aufgehäuft. Die Greise, welche betend dort standen, durch grüne Kaftane ausgezeichnet, legten zum Zeichen heiliger Waschungen, die das vorstellen soll, die Hände vor dasGesicht, banden sich dann wechselseitig mit Gebetsprüchen rothe Schürzen um, und die, welche sich so bedient hatten, reichten sich grüßend die Hände. Es war etwas außerordentlich Würdevolles in der Ruhe dieser alten Männer, das durch den Gegensatz des Lärmens und der Unruhe der Heuler noch erhöht wurde.
Ein Kopf unter den Heulern mit wegstehenden Haaren und roth gewordenem Gesichte haftet unvergeßlich in meiner Erinnerung. Ein junger Matrose ebenfalls; dieser war ganz Ruhe, trotz der Hast seiner Bewegungen, jener sichtbar auch innerlich ein förmlich Rasender. Zuletzt übermannte mich das Gefühl, daß das Alles über mich herstürzen und mich, den einzig Ungläubigen der zugegen, erschlagen werde. Ich floh, wie von einem Traumgespenste gejagt, und auch unten noch in der freien Luft dauerte es eine Weile, bis ich meine Sinne wieder in das Gleichgewicht gebracht hatte.
Unwillkürlich versuchte ich es auf dem Heimwege, mit den empfangenen Eindrücken die Würdigkeit des Mohammedanismus zu messen. Ich wollte ihn eben verurtheilen, als mir noch rechtzeitig die Springprocession von Echternach bei Luxemburg am St. Veitstage einfiel, die von den vorwärts gethanen Schritten immer wieder einige zurückspringt. Mit dieser Erinnerung kamen mir eine Menge anderer in den Sinn an die ascetischen Gebräuche meiner Religion. Ich ließ also von der hochmüthigen Verurtheilung ab und suchte lieber die Gründe zu finden, welche die Menschheit in solch’ wenig angenehme Sitten verführt haben mögen. Da war wohl am mächtigsten jenes ewig uralte Naturgesetz von dem Kampfe zwischen dem Geiste und der Materie, der Seele und dem Fleische, das sich als ungelöstes Problem durch die ganze Geschichte der Menschheit von ihrem adamitischen Anfange bis zu ihrem einmaligen seligen Ende hinzieht. Warum sollten davon die Kirchen und ihre Gebräuche unberührt bleiben? Alle haben die Spuren davon aufgenommen; die orientalischen, weil die Phantasie dort am lebendigsten ist, sind mit den erniedrigendsten Büßungen und den strengsten Kasteiungen ausgerüstet.
Sonderbar ist es, wie die Religionen, obwohl sie sich oft mit ihren Grundsätzen so feindlich entgegenstehen, ihre Gebräuche geliehen haben. Solche Gebetsübungen, wie die der Rifa’yjah-Derwische, die sich nur in der völligen körperlichen Erschöpfung genügen, finden sich bei uns Katholiken wie bei den Mohammedanern, und auch das endloseLa ilâha illâ-llâh(es ist kein Gott außer Gott), welches diese Beter heulen, ist unsere Gebetsform der Litanei. Der ganze mohammedanische Kirchengesang hat diese Formen; es sind Exclamationen, welche zum Lobe des Allerhöchsten in die Luft ausgestoßen werden:
„O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden: O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk! mein Volk!“
„O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden: O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk! mein Volk!“
Der Koran selbst spricht ganze Seiten hindurch in dieser einsilbigen Sprache. Es ist dieses offenbar eine alte Formel des Orients, und der Katholicismus setzt nur eine Tradition fort, die vor Jahrtausenden begonnen hat. Nicht anders ist es mit den Waschungen vor den Kirchen, die bei den Mohammedanern sich noch erhalten, im kalten Abendlande aber sich in das weniger erkältende Bespritzen mit dem Weihwasser modificirt haben. Ich finde in diesem gleichmäßigen Benutzen derselben Gebräuche durch so verschieden gedachte Religionen ein Zeugniß dafür, daß die Welt ärmer an äußerlichen Zeichen denn an Gedanken ist, und in der That selten gleichen sich zwei Menschen durch ihre geistigen Fähigkeiten, aber alle arbeiten mit den Händen und Füßen.
Wir ritten zurück durch Gassen, durch die wir gekommen waren, gefüllt mit solchem Schmutze, daß er selbst in Constantinopel überraschen durfte. Die Pferde gingen in Mitte zweier ungefähr vier Fuß erhöhter Trottoire in dem Kothe der Gasse, der an einzelnen Stellen flüssig, an anderen zu festem Brei getrocknet war. Mich unterhielt es mehr, als daß es mich verdroß; nur die allwärts gleiche Geschminktheit unserer Gassen ist mir zuwider.
Constantinopel, Montag, den 13. Juni.
Mehr aber als alles Uebrige interessirt mich immer wieder das Straßenleben. Wenn man von Pera an der französischen und österreichischen Gesandtschaft vorüber zur ersten Hafenbrücke hinabsteigt, kommt man unten am Hügel, wo rechts die Ecke nach der großen Galatagasse hinüberbiegt, an ein tscherkessisches Kaffeehaus. Ein ebenerdiges Häuschen, die rauchige Stube nach der Gasse zu offen, daneben ein kleiner Garten, die Umzäunungs-Mauer von Bäumen überragt: das ist der Sammelpunkt all der Unglücklichen, welche russisches Culturträgeramt aus der angestammten Heimath vertrieben hat. So oft ich hier vorbeikomme, immer finde ich neue Gruppen dieser elenden edlen Gestalten, Reiche und Arme, — wenn bei Heimathslosen von solchem Unterschiede die Rede sein kann — Vornehme und Geringe, unterschiedslos zusammengemischt. Es scheint, daß ein alter Brauch, vielleicht durch eine Kunde begonnen, die den Ruf dieses Kaffeehauses über das schwarze Meer in die kaukasischen Berge getragen, jeden neuen Ankömmling dieses Stammes zunächst hierherführt, um durch den Rath seiner Landsleute Leitung durch die verwirrende Fremdartigkeit dieser großen Stadt zu gewinnen. Freunde und Verwandte, die sich in der Heimath verloren hatten, mögen sich da wiederfinden; die Fremde und der Zufall gibt oft wieder, was schon aufgegeben war. Es sind große stolze Männer, die dort hinter ihren Wasserpfeifen auf den Strohschemeln sitzen, ausgestreckt auf dem Boden liegen, oder mit gekreuzten Armen an der Gartenmauer lehnen. So ruhig ihre Blicke, keiner ist geistlos; Alle, der ärmlichst wie der reich Gekleidete, haben, wie sie schmächtig und in die Höhe gezogen sind, auch etwas Aufrechtes und Gerades in ihrer Haltung und in ihrem Gange, wie das bei uns nur den Männern eigenthümlich ist, welche gewohnt sind, auf den Höhen des Lebens zu stehen. Keinen sah ich, der den Kopf mit dem adelig langen Oval des Gesichtes anders als hoch erhoben mit frei in die Welt hinausschauendem Blicke auf dem länglichen Halse getragen hätte.Die Schultern fallen stark abwärts, ganz das, was man in Frankreichune belle chute d’epaulenennt. Stierköpfig und breitschulterig habe ich keinen Tscherkessen gesehen. Es wird ihre Körperbildung überhaupt von einem das Kolossale Liebenden getadelt werden.Svelteist das einzige Wort, das ihre Erscheinung und ihre Bewegung wiedergibt; ihre Knöchel sind es und ihr Gang ist es. Es ist ein Volk, als ob es von Göttern abstamme; vielleicht weil ihre Berge so hoch in den Himmel hinaufragen. Bekleidet sind sie gewöhnlich auf dem Kopfe mit einer hohen spitzen Pelzmütze, auf dem Leibe mit einem langen engen Rocke, von einem Stoffe, den wir hären nennen würden, und der schmutziggrau aussieht. In den beiden Brustseiten des Rockes sind fünf bis sechs Röhren für die Patronen gesteppt, ähnlich den Cigarrentaschen, die man vor Kurzem bei uns trug. Ein Gürtel hält den Rock zusammen, zwei Dolche stecken darin; die weiten Hosen unter dem Rocke, die aber kaum sichtbar werden, sind in die hohen Stiefel gesteckt. Der größere Reichthum macht wenig Unterschied in dieser Kleidung, wenigstens erscheint er nicht. Ich sah die ärmlichsten Fetzen mit solcher Hoheit getragen, daß das Kleid geadelt war, und das Sprichwort im umgekehrten Sinne galt. Man versuche einmal bei uns für diese Behauptung ein Beispiel zu finden.
Vor dem Kaffeehause ist ein kleiner Platz. Mehr als irgendwo sonst liegen auf ihm wilde Hunde herum; gehe ich Nachts diesen Weg, so stolpere ich gewiß immer hier über eine dieser unangenehmen Bestien. Die Abfälle einiger Fleischerbuden mögen sie hierher locken. Der Geruch, den diese Gewerbe jetzt in der Hitze verbreiten, ist empfindlich und treibt mich über diesen Platz immer mit größerer Eile. Zu Pferde gelingt mir das auch; bin ich aber zu Fuße, dann halten mich die Surugis auf, die hier ihren Standpunkt haben und ihre Pferde an den Mann bringen möchten.
Auf dem Ufer zwischen dem goldenen Horne und der langen Galatagasse, der einzigen, welche eine so weite Strecke gerade fort läuft, steht der Stadttheil, welcher alle ärgste Liederlichkeit und Verworfenheit Constantinopels an sich gezogen hat. Auch wer andas Schlimmste unserer europäischen Hauptstädte gewöhnt ist, wird hier noch überrascht werden. Man hat mich gewarnt, dieses Stadtviertel zu betreten, und zur Nachtzeit mag es allerdings ein Wagniß sein. Ich will auch diesen Theil des hiesigen Lebens kennen lernen, und treibe mich dort öfters beobachtend und betrachtend herum. Hart an dem Wasser, so nahe daran, daß kein verbindender Kai davor herführt, stehen die Häuser der verschiedenen Dampfschifffahrts-Compagnien. Der anständige Zugang zu ihnen ist zu Wasser, zwischen den in dichten Reihen davor liegenden Schiffen durch, der rückwärtige führt durch die Höfe, Thorwege, Gäßchen und Winkel eben jenes verrufenen Viertels. Einen Wirrwarr der Wege wie dort habe ich nirgends sonst gefunden, und ebenso nicht anderswo einen ähnlichen Schmutz. Von den Kohlen der verschiedenen Dampfschifffahrts-Depôts ist der Boden seit langem ein schwarz gefärbter; darauf werden aus allen Häusern die Abfälle geworfen, und die Gossen, die darüber zusammenrieseln, haben das Ganze in eine dunkle nachgiebige Masse verwandelt. Die Häuser selbst zu beiden Seiten sehen nicht viel appetitlicher aus. Ihre Wände sind auch geschwärzt vom Kohlenstaube, hängen nach vorne oder auch der Seite über, Thüren und Fenster sind zum Theile eingeschlagen, mit Papier verklebt, wenn nicht gar ihre Fassung aus der Mauer theilweise herausgebrochen. Beinahe bei allen sieht man offen und frei in das Innere des Hauses und dort in rauchigen hölzernen Stuben die Inwohner mit den scheußlichsten Lastern beschäftigt. Spiel, Trunksucht, alle Gattungen von schlechten Ausartungen, auch Raub, Mord und Todtschlag sind hier die gewöhnlichen und Allen sichtbaren Beschäftigungen. Schreitet die türkische Polizei in diesem Sodoma nach irgend einem gar zu grellen Falle ein, so sind gleich die europäischen Gesandtschaften zur Hand, sich vertheidigend vor ihre verleumdeten Schützlinge zu stellen, und die gesammte europäische Presse trommelt hinter ihnen den Sturm gegen türkische Unduldsamkeit, gegen muhammedanischen Christenhaß und barbarische Civilisations-Feindseligkeit. Der italienische und französische Gesandte sind hierbei gewöhnlich die bereitwilligsten. Diemeisten der ständigen Bewohner dieses Quartieres sind Italiener, Griechen, Malteser, die Fremden meistens englische und italienische Matrosen und Flüchtlinge aller Nationen.
Ich beobachtete heute eine solche Scene, die mit ihrer Schilderung andere vertreten mag. Aus einem Freudenhause führte ein jüngerer Matrose seinen älteren Genossen. Beide waren Engländer, der ältere mit beinahe weißem Haare so besoffen, daß er keinen Schritt ohne die Unterstützung des jüngern vorwärts thun konnte. Der war ein hübscher Bursche, nicht älter als 22 Jahre; das Haar stand ihm wirr zu Berge, die Mütze hatte er vergessen. Sein Gesicht, stark geröthet, lachte fortwährend, wenn er zurückblickte. Dort sahen aus jedem Fenster, eine über die andere gelehnt, geschminkte Dirnen heraus; unten in die Thüre trat eine, die hatte nichts an als ein blendend weißes mit Stickerei eingesäumtes Hemd, falsche Rosen in dem schwarzen Haare und ebenso falsches Roth krustendick auf den Backen. Ihr, als sie erschien, winkte der junge Matrose zu, indeß er mit der rechten Hand, die er über die Schulter des älteren gelegt hatte, hinter dessen Rücken diesem drohend eine Faust ballte. Das schien als Scherz gemeint, der auch den lohnenden Beifall des ganzen Mädchen-Chores erntete. Ich zweifle nicht, daß auch bei den Türken das Laster in mannigfaltigen Arten heimisch ist, aber in so schamloser und öffentlicher Gestalt sah ich es bei ihnen nie auftreten.
Wohl zur Bewachung dieser Räuberhöhle ist in der Galata-Gasse das Wachthaus so stark mit Polizeimannschaft besetzt. Die Seite dieser Gasse, welche mit der Rückwand ihrer Häuser in dieses eben beschriebene Stadtviertel sieht, ist beinahe durchgehends von offenen Schreinerwerkstätten eingefaßt. Dort arbeiten sie jene Truhen, in welchen der Türke seine Schätze in der Moschee hinterlegt oder auf Reisen mitnimmt. Aus Cypressenholz gezimmert, duftet die ganze Gasse danach. Dann werden sie gewöhnlich grün angestrichen und zuletzt mit goldenen Nägelköpfen beschlagen. Die andere Seite der Gasse ist in ihren unteren Geschossen ebenso beinahe ausschließlich von einem Gewerbe besetzt; es sind Schusterbuden, nur daß sie ihr Handwerk nicht so offen zu Jedermanns Schau ausstellen. Civilisirter als die Schreiner haben sie Auslagekästen, und zeigen darin Producte, die wirklich den Wettstreit mit den besten französischen, italienischen und wiener Waaren nicht zu scheuen brauchen. Die Kaufläden weiter unten in der Gasse, wo man der Brücke näher kömmt, und in denen weiße Sonnenschirme, fertige Sommeranzüge, Handschuhe und andere Kleidungsstücke verkauft werden, gleichen ganz unseren hölzernen Meßbuden, nur daß hier über der offenen Auslage noch ein oder zwei Stockwerke eines Hauses stehen.
Ist das Gedränge schon weiter zurück in der Galata-Gasse dicht, so wird es hier oft beinahe stockend und einige Schritte vorwärts, wo die Gasse um ein scharfes Eck zu dem Brückenkopfe umbiegt, undurchdringlich. Sieben Gassen münden dort in die eine schmale zusammen, alle aus den belebtesten Stadttheilen herauskommend. Den Berg herab über vielfältige Absätze und Stufen steigen zwei, darunter eine an dem Feuerthurme von Galata vorüber, der Hauptverbindungsweg nach Pera hinauf. Die bedeutendsten englischen Waarenmagazine liegen in oder an derselben, wo man Alles und zuweilen, nach dem Eintreffen großer Sendungen, Manches recht gut und sogar wohlfeiler als bei uns kauft. Die anderen Gassen münden links aus dem liederlichen Stadtviertel und rechts aus jenem Theile Galata’s ein, in welchem die größten Waaren-Depots der europäischen Produktion und auch das ist, was hier die Börse vorstellt. Das Aergste, was man von dem Gedränge unserer europäischen Hauptstädte in der Erinnerung hat, verschwindet neben dem Knäuel, der hier zusammenläuft. Dort sind es doch immer Wagen, welche die Mitte der Straße besetzt und diese dadurch wenigstens scheinbar frei halten; hier ist Alles, die Seitenwege an den Häusern wie die Mitte der Gasse mit Menschen gefüllt. Ob Reiter oder Fußgänger, das ist gleichgiltig und unterschiedslos zusammengemischt. Wagen kommen selten, beinahe nie vor, dazwischen aber die um Platz schreienden Hamale mit ihren ungeheuren Lasten, Pferde und Esel mit Thürmen von Ziegeln odermit Balken auf dem Rücken, deren eines Ende ihnen dort aufliegt, das andere weit abstehend auf dem Boden nachschleppt. Sie passiren die Menge wie Mauerbrecher oder Schneepflüge. Wer die Vorstellungsgabe hat, der stelle sich das nun Alles zusammen; hat er es jemals gesehen, so wird ihm durch das wieder erschienene Bild auch das Geschrei und der Lärm lebendig werden, welche die Ohren betäuben, und die Buntheit der Farben, welche die Augen verwirren. Wie oft ist es mir nicht schon geschehen hier auf dieser Seite der Brücke oder drüben auf dem Stambuler Brückenkopfe, daß, wenn ich zu Fuße war, mir eine Pferdsnase plötzlich über die Schulter weg ins Ohr pustete, oder wenn ich zu Pferde ritt, eine fremde Hand in die Zügel griff, um das Thier gemächlich aufzuhalten, bis sich der Fußgänger daran vorüber gequetscht.
Auf der Brücke ist der Raum etwas freier; die Menge strömt nach den beiden Seiten auf die Localdampfer ab. Links liegen die, welche hinaus in den Bosporus, nach Scutari und den Prinzeninseln gehen, rechts die, welche den Verkehr nach dem inneren Hafen besorgen. Durch diese Raumerweiterung wirkt die Brücke wie eine Erholung, ähnlich einer Mozart’schen Beruhigungssonate nach einem Wagner’schen Dissonanzen-Gedränge. Es ist auch die Freiheit des Bildes, die sich nach beiden Seiten auf die spiegelglatte Fläche des goldenen Hornes und vor sich auf die kuppelgekrönten Hügel Stambuls aufthut, welche zu dieser Stimmung beiträgt. Außer diesem Wohlgefühle lohnt die Brücke auch noch durch andere Reize allein die Reise nach Constantinopel. Wer nur sie und sonst nichts von dieser Großstadt gesehen, hat immer noch mehr gesehen, als ihm das ganze übrige Europa zeigen kann. Ich bin oft halbe Tage hier, auf und ab wandelnd, oder mich wie die anderen Müßigen und die Bettler auf die erhöhten Balken der Trottoire setzend. Da ziehen denn Türken und Griechen, Perser und modische Franken, Kurden und Armenier, Tscherkessen und Neger, beinahe alle Völker der Welt, Männer und Weiber, zu Fuß und zu Pferd und die elegante Europäerin in der Portantine an mir vorüber, und das Alles so bequem zu sehen, als sei eseigens wie die Wandeldecoration einer Ausstattungsoper zu meinem Vergnügen hergerichtet. Auch ein Wagen kam so an mir vorbei, ein ungedeckter Karren auf vier hohen plumpen Rädern, in dem eine zahlreiche Tscherkessenfamilie saß, Weiber und Kinder und all’ ihr flüchtiges Hausgeräth mit darinnen; die Männer gingen treibend neben den Pferden. Eines der Mädchen, das weniger dicht als die anderen Frauen in alte Schleier und Lumpen verhüllt war, zeigte ein classisch-schönes Gesicht; Augen dunkel, wie ihr rabenschwarzes Haar, aber Hunger und Kummer um die Lippen eingegraben und die Gleichgiltigkeit des abgestumpften Elends in den Blicken. Eine herrliche Gestalt lehnte neben mir, ein Araber in weiße Gewänder und in einen Burnus weißlich gelb mit violetten Streifen gehüllt, um das edle herrische Gesicht ein Bart schwarz wie Ebenholz. Besonders aufmerksam sah er den Dampfschiffen zu und den Passagieren, die hinabstiegen. Die meisten waren Soldaten, Officiere und Gemeine, die kommen aus den Aemtern, um mit den Dampfern nach ihren entlegenen Wohnsitzen zurückzukehren. Fällt mir irgend Jemand auf, das Fezz auf dem Kopfe aber sonst in unsere Kleider gekleidet, weil sein Anzug besonders gewählt, seine Hose besonders weit und seine Cravatte übertrieben bunt ist, so ist das, wenn ich ihm dann von vorne ins Gesicht sehe, immer ein Neger und gewöhnlich ein Eunuche. Die Neger und Eunuchen sind hier die Dandys der Gassen, das was man in Wien die feschen Kerle nennt; sie tragen Moden und Farben am auffallendsten. Alles ist sehr eilig, und der herumlungernde Faulenzer, als welcher gewöhnlich der ganze Orient geschildert wird, erscheint hier wenigstens nur in vereinsamter Ausnahme. Was mich aber am meisten befremdet, ist die absolute Gleichgiltigkeit dieser Leute für einander. Nicht der beturbante Alttürke und nicht die modische Dame, nicht der zerlumpte Kurde und nicht der stutzerhafte Eunuche sehen sich neugierig an. Es ist die Stadt der schärfsten Gegensätze, aber zugleich die der vollkommensten Ausgleichung und darum mehr als jede andere eine Groß- und eine Weltstadt. Das siehtsich hier auf der Brücke aus dem Völkergedränge als Ganzes und aus jedem einzelnen Gesichte im Besonderen heraus.
Drüben in Stambul, wo die Brücke aufliegt, ist der Platz weiter und freier. Dort halten sich darum auch die meisten der Hausirer auf, solche, die fest hinter ihren Körben stehen, in denen von Laubkränzen umwundene Südfrüchte ausgeboten werden, und andere, die aufdringlicher ihr Wasserglas mit dem gellenden Rufe „Saka! Saka!“ zum Munde des Vorüberwandelnden hinhalten, oder den weißleinenen Sonnenschirm auf den Sattelknopf des Reiters legen. Verstummen der Augen und des Mundes ist das sicherste Mittel sich ihrer zu erwehren. Reite ich ruhig weiter ohne Blick nach rechts und links, den Sonnenschirm unberührt liegen lassend, dann ist der Kerl bald wieder da, um ihn schweigend zurückzunehmen. Das ganze Geschäft macht sich, als ob es nicht geschehen wäre. Ein Wort der Zurückweisung aber verschafft ihm den Sieg; er antwortet, und je gröber man wird, immer humoristischer und artiger, daß man zuletzt, blos um Ruhe zu haben, ihm seine dreißig Piaster hinwirft. Die stumme Sprache ist diesen Leuten die einzig imponirende; es liegt auch nur in ihr die wahrhaftige Würde. Die meisten dieser Sonnenschirmverkäufer sind Armenier. Buben tragen Zündhölzer, Cigarrettenpapier; einzelne alte Türken Pfeifenköpfe und papierne Cigarrenspitzen; Griechen reichlich überzuckertes Backwerk. Alle schreien, aber am lautesten die Wasserverkäufer.
Unmittelbar der Mündung der Brücke gegenüber ist ein großer Obst- und Gemüseladen; nie kam ich ohne Aufenthalt an seiner appetitlichen Auslage vorüber. Aus den absichtlich umgestürzten Körben strömen Erdbeeren, groß wie unsere Pröbstlinge, hellrothe Kirschen, weiße Maulbeeren, gelbe Mispeln, kleine weiße und große dunkle Feigen, duftende Melonen, frühreife Trauben und Artischoken groß wie Kinderköpfe, der weiche Blumenkohl und die Perle aller Gemüse, die köstliche Melensane, heraus. Um die Oeffnung jedes Korbes ist ein buschiger Lorbeerkranz gewunden, und Büsche frischen Laubes, die Fliegen abzuhalten, sind um die ganze Budegesteckt und werden von dem immer geschäftigen Verkäufer, der dahinter steht, zu ihrer Abwehr geschwungen. Der hat, wie alle Leute dieses Standes, möglichst wenig an, eine Jacke über der Brust zusammengezogen, den Shawl um den Bauch, kurze Pumphosen, Arme und Beine nackt, einen dünnen Turban auf dem Kopfe. Aber der Mann ist artig und zuvorkommend; jedesmal hat er ein anderes freundliches Wort für mich; gebildet möchte ich ihn nennen, wie das bei uns die Menschen durch die Erziehung werden, wie sie es im Süden durch die Natur sind.
Wenige Schritte links von diesem Laden in der Gasse, die parallel mit dem Ufer des goldenen Hornes zu dem Serai führt, ist die Treppe hinauf zu der Jeni Djami, der Moschee der Sultanin Valide, der Sultanin-Mutter Achmed III., welche, zum Unterschied von einer in der Mitte der Stadt auch von einer Valide erbauten Moschee, die neue (Jeni) genannt wird. Die Treppe ist eine doppelarmige. Zwischen den beiden Aufgängen liegt ein Brunnen; die Stiege ist nur schmal, und da über sie der kürzeste Weg zu den Bazaren und dem heutigen Montags-Markte in den Außenhöfen der Jeni Djami hinaufführt, ist sie immer menschengefüllt.
Auf dem Markte sind die Ersten, wenn man von dieser Seite kommt, die Verkäufer der Jacken, welche die Hamale, Surugi’s, Saka’s, die Kaïkgi’s, die Schiffer, Matrosen und andere Arbeitsleute der unteren Stände tragen. Die meisten verschieden in der Farbe, je nach dem Stande, dem sie bestimmt, dunkelbraun, grau, schwarz aus haarigem Kotzentuche, aus einem Gewebe von Kameelhaaren, weiß aus grober Leinwand, bei Allen die Nähte mit wollenen Borden, bei den weißen mit schwarzen Litzen besetzt. Dazu die kurzen Pumphosen aus grobem weißen und blauen Zwillich, die in ihrer freien Entfaltung, wenn sie der Verkäufer mit ausgestreckten Armen dem Käufer zum verlockenden Angebote entgegenhält, ein sonderbares, zu ihrer späteren Verwandlung unbegreifliches Viereck bilden; die rothen Binden um den Leib, die Shawls und die Fezz für den Kopf, die gestickten Westen und die feinen mit Seiden-, Gold- und Silberstickereien verzierten Schnupftücher, dasliegt in Thürmen aufgeschichtet, hängt über Stricken und wird den Vorübergehenden mit derselben Beflissenheit wie unten die Sonnenschirme auf der Brücke aufgedrungen. Ein niederer Thorbogen, unter dem man bei weiterer Wanderung durchgeht, ist ganz mit solchen Waaren austapezirt.
In den zweiten Theil des Hofes hängen aus dem abgeschlossenen Garten, dem Friedhofe der Moschee, ein paar prächtige Bäume herüber; ein Feigenbaum lehnt sich weit über die Mauer hinab.
Der dritte Theil des Hofes, der neben der anderen Langseite der Moschee, hat seine eigenen Bäume; Platanen, alt, hoch und breit, geben kühlen Schatten. Zwischen den zackigen Blättern zittern einige Sonnenstrahlen hindurch; um auch sie abzuwehren, sind von einem Stamme zum anderen Zelttücher gespannt. Hier ist das geschäftliche Treiben am lebhaftesten; die Trödler haben noch weit werthloseren Tand ausgebreitet, als man ihn auf den Tandelmärkten von Wien und Graz sieht. Obst- und Gemüsehändler sind in großen Mengen vorhanden, auch bewegliche Garküchen. Eine ganze Gasse von Zeltbuden verkauft gefälschte Tabaksorten. Quacksalber tragen in offenen Kistchen ihre Heilmittel herum; zu ganz unglaublich hohen Preisen finden sie willige Käufer. Scheerenschleifer, aber auch Barbiere treiben offen unter freiem Himmel ihr Geschäft; Rasirmesser und Seife sind die einzigen Erfordernisse ihres Gewerbes. Als Sitz für seine Kunden benutzte der eine, den ich heute beobachtete, die Wurzeln einer Platane. Er rasirte einem sonnenverbrannten Perser das Kinn und den Schädel; der Perser fuhr, als die Operation vollendet, wohlgefällig prüfend über die Kopfhaut, dann setzte er die gestickte Mütze darauf und wickelte sie sich mit einem weißen Turban fest. Der Mann sah mehr als ärmlich aus, seine Kleider waren nur Lumpen, aber sein Körper erschien reinlich. Ich beobachte ihn nun seit drei Montagen; jedesmal sitzt er auf demselben Platze, hat dieselben Eisenreste, verbogene Nägel und zerbrochene Messerklingen vor sich liegen, spricht aber mit keinem Nachbar ein Wort, als gälte es Juwelen zu bewachen.
Zog ich mich dann aus dem Gedränge nach dem Harem, dem inneren Vorhofe der Moschee zurück, so fand ich dort im erquicklichen Gegensatze geachtete Ruhe, die abgelegenste Einsamkeit. Hohe Säulenhallen umfassen ihn auf allen Seiten und in Mitte seines Viereckes den nie fehlenden Brunnen. Eine Tscherkessenfamilie hatte in dem Winkel des Säulenganges, wo sie zusammengedrängt saß, mehr als ich, nicht blos die Ruhe und Erholung, geradezu die Unterkunft gesucht. Was ihr der habgierige Czar genommen, verlangten sie von dem lieben Herrgott. Die Männer allein gingen ab und zu, wieder Gestalten von jenem wunderbar leichten elastischen Schritte, den Kopf mit dem schönen Profil, der freien Stirne und den offenen Augen stolz tragend, und herabschauend als hätten sie keine Sorge, keine Kümmerniß. Es ist ein eigenthümlicher Typus, der mich an Menschen mahnt, wie sie sonst nur die Phantasie sieht. Die Weiber dagegen erschienen gedrückt und getroffen von der Schwere ihres Schicksals. Eine Alte saß da, den Kopf und den Körper in ihre Schleier gehüllt, den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die hohle Hand gestützt und den Blick stumpf vom erlittenen Kummer wie die Hekuba, die gleichgiltig ist für Troja’s Fall und den Mord der Ihrigen, auf dem erschütternden Bilde des Cornelius, dieses einzigen Riesen der Gegenwart, in den Marmorsälen der Münchener Glyptothek. Ich habe unter den tscherkessischen Frauen, die russische Barbarei von ihrem Herde vertrieben hat, noch nicht ein sorgloses Gesicht gesehen. Alle scheinen karg an Worten aber erfüllt von trauernden Gedanken zu sein. Wie sie da saßen, alt und jung, neben jener Aeltermutter an die Mauer des prächtigen Säulenganges gelehnt, in elende abgeblaßte Fetzen gehüllt, konnte ich nur an die Juden denken, die von den Ufern des Euphrat Seufzer an die Heimath sandten. Zwei Kinder, ein Bube und ein Mädchen, spielten dabei, heiter und zufrieden mit der Gegenwart, durch die Vergangenheit nicht bedrückt und unbesorgt um die Zukunft. Mit einem alten Fetzen verfolgten sie sich, schlugen sich, wenn das Eine das Andere erreicht hatte, und unterhielten sich als sei es das kostbarste Spielzeug. Daßihnen dabei die weiten Pumphosen fortwährend herabfielen, sie zum Stillestehen zwangen, machte mich lachen; den Alten blieb es gleichgiltig, die Väter verwiesen sie wohl auch noch zur Ruhe.
Als ich mich einigermaßen erholt hatte, trat ich wieder hinaus vor den Harem. Eine Marmortreppe führt auf den Platz hinab. Auf ihren Stufen stehend überschaute ich das ganze Bild. Neben mir, an die Mauer der Moschee gelehnt, lag eine wilde, sonnenverbrannte Gestalt; sie war beinahe nackt. Der Mann schlief. In den äußeren Arcaden der Djami saßen Gelehrte, die studirten. Wie deutsche Professoren schienen sie in der Gesellschaft ihrer Gedanken das Augenmerk für die Außenwelt verloren zu haben. An den Brunnen, die aus dem Sockel der Moschee herausfließen, wuschen sich Soldaten und andere Bursche der unteren Stände die Füße; Scheerenschleifer drehten emsig die Räder, und auf den Wurzeln der Platane wurde eben ein Derwisch barbiert.
Nur mit mühsamer Ueberwindung riß ich mich von dieser Beschau zu weiterer Wanderung los. Sie ging durch die enge Gasse hinter der Moschee hinauf zu den Hallen des Besestan. Dieser Hohlweg dient als Gemüsemarkt. Es war heute dort vielleicht das undurchdringlichste Gedränge von Constantinopel. Wie in einem Theaterparterre stand ich Momente lang, ohne einen Schritt vor- oder rückwärts thun zu können. Der Boden ist weich wie eine Matratze durch die aufgehäuften Gemüseabfälle, auf welchen man geht. Der Besestan von Stambul ist größer als der von Brussa; im Vergleich mit diesem auch schöner, aber auch nur im Vergleiche, denn ich möchte damit keine Vorstellungen von Tausend und Einer Nacht geweckt haben. Alle Gänge, die alten wie die neuen, sind rauchig, winkelig, meistens niedrig, dunkel, ohne Schönheit der Architektur und offenbar ohne die Absicht gefälliger Wirkung nur für den praktischen Gebrauch gebaut. Amerika könnte sich nicht realistischer erweisen, als das hier der oft als so überschwänglich verschriene Orient gethan. Ueberhaupt, je mehr ich mich umsehe, die Länder des Südens sind die des eigentlich praktischen Wirkens. Auch die Staatsverfassungen sind hier gesünder, so langeman sie nicht mit dem Gifte der europäischen Cultur zersetzt. Die Unnatur läßt sich eben nur in nordischen Studirstuben aushecken. Wie einer dieser Träume um den anderen schwindet und der Orient mir immer realistischer erscheint, so würden mir wohl auch, wenn ich mich auf einmal in so weite Vergangenheit zurückversetzen könnte, die Gassen des alten Rom und Athen ähnlicher den heutigen orientalischen erscheinen, als sie uns unsere Schulmeister vorzeichnen. Der Besestan ist gewiß nur ein ausgearteter Abkömmling der berühmten Kaufhallen des byzantinischen Constantinopel. Die Chroniken schildern sie als säulengetragen und prächtig über allen Vergleich; aber ich finde allen Grund, wenn ich das Uebriggebliebene mit ihren Schilderungen vergleiche, diesen Chronisten zu mißtrauen und von ihrem Worte einiges abzustreichen. Schildern nicht so auch die türkischen Geschichtschreiber ihre Bazare? Europa, das sich so viel auf seine Fortschritte zu gute thut, wiederholt doch nur in den glänzendsten Sammelpunkten seines Lebens, was der Orient schon lange vor ihm besessen. Die Passagen und Markthallen in Paris sind nur etwas kleiner als die Bazare und Besestane von Constantinopel.
Der hiesige Besestan füllt eigentlich ein ganzes Quartier der Stadt. Von der Jeni Djami zieht er sich mit einem Arme nach rechts neben dem goldenen Horne hin, mit einem anderen steigt er gleich vom Marktplatze der Moschee die Hügel hinauf. Oben in dem Dreiecke zwischen der Nuri-Osmanjieh, der Bajasid Moschee und dem Seraskeriate liegt sein Hauptkörper. Vom Thurme des Seraskeriates gesehen ist er ein ganz unerklärliches Durcheinander von kleinen Bleikuppeln und langgestreckten Wölbungen; unten, wenn man in ihn eintritt, ein Labyrinth von Gängen, in dem ich mich ohne Führer lange nicht zurechtfand. Allmälig unterschied ich drei Theile; das Alter ihres Bestandes scheint sie abgesondert zu haben. Der finsterste und wohl auch der älteste ist der, wo die Waffenhändler ihre Magazine haben, das gesuchte Ziel aller persische Dolche, Streitäxte, Morgensterne und andere Raritäten liebender Fremden, der Engländer insbesondere. Es ist das einziemlich regelmäßiges Viereck, die hohe Halle von Pfeilern getragen, die Wände geschwärzt vom Zeitschmutze, der Boden festgetretene Erde, die aber feucht ist von der eingesperrten Moderluft. An den Wänden hoch hinauf stehen alte Schränke übereinander; in ihnen hängen die Waaren. Auch durch die goldigste darunter kann diese finstere Höhle nicht freundlicher werden. Mir erschien dieses Schatzhaus persischer und türkischer Kostbarkeiten wie eines der unterirdischen Verließe unserer Ritterburgen. Der Waffen-Besestan hat, was die anderen Theile des Besestan nicht absondert, seine besonderen Thore. Einer alten Sitte zufolge werden sie um die Mittagsstunde schon gesperrt.
Der zweite, der jüngere Theil des Besestan, ist auch der größere; die Gassen laufen neben einander her und kreuzen sich. Gedeckt sind sie mit niedrigen Gewölben, die wenig Licht einlassen, und auf beiden Seiten mit Arcaden eingefaßt. Dort sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Füßen auf ihren Auslagstischen, die Waaren hinter sich in den Gestellen an der Wand, das Bessere aber in der kleinen Stube verschlossen, die keinem Stande fehlt. Der vornehme Fremde wird dort hinein gezerrt, mit Kaffee und Zuckerwerk tractirt und dann von redlichen Griechen und Armeniern geprellt. Wer hier nicht bis auf die Hälfte herabhandeln kann, mag das Bewußtsein nach Hause tragen, betrogen worden zu sein. Die meisten Gewerbe sind in gesonderten Quartieren vereinigt. So gibt es Quartiere der Schuster, der Buchhändler, der Juweliere u. s. w., jedes mit vielen Gassen. Das Princip der Arbeitstheilung ist also in dieser Beziehung hier weiter ausgebildet als selbst England es zu Stande brachte.
Mich ziehen die Buchhändler immer am meisten an. Gewöhnlich drängt sich eine begierige Menge davor; sitzend oder stehend ist Jeder aufmerksam in ein Buch oder Manuscript vertieft. Komme ich nach Stunden wieder, so stehen immer noch dieselben Gestalten dort. Es zeigt das einen eifrigen Willen zum Studium und auch eine andere Art des Buchhandels, als sie bei uns üblich ist; sie erinnert an die, wie sie in Italien ehemals gepflegt wurde undwie sie auch Goethe schildert. Statt sich die Bücher zur Einsichtnahme zuschicken zu lassen, geht man hin und sucht sie sich. Die Frucht wird nicht gleich in den offenen Mund gesteckt, man muß sie sich erst pflücken; vielleicht genießt man sie dann auch etwas bedächtiger. Der Orientale wenigstens liest sein Buch öfter, er hat deren nur einige, aber die wandern durch sein ganzes Leben. Es bleibt erst noch die Frage, welche Gattung von Studium nutzbringender ist: europäische Vielleserei oder orientalische Sparsamkeit.
Was ich den dritten Theil des Bazars nenne, nach dem Alter seiner Herstellung, sind größere, breitere Gassen, von gerader, in weite Ferne sich verlierender Länge, auch höher und lichter. Hier passiren auch Wagen und Pferde. Der Verkehr ist am lebendigsten in der so gestalteten Verbindungshalle zwischen der Nuri-Osmanjieh und der Bajasid Moschee. Das Gedränge schiebt und hält zugleich auf. Die Lastträger gehen hier durch und die Hausirer schreien auch hier ihre Waaren aus. Vor einer Bude stand ein Brougham, die Pferde ganz gemächlich ausgespannt, weil die darin sitzenden türkischen Frauen seit ein paar Stunden sich unterhielten, Stoffe und die Vorübergehenden anzusehen. So polizeiwidrig unseren Begriffen ist hier der Verkehr geordnet. Ein anderer Wagen, ein altmodisch vergoldeter, der wackelig in den Federn hing, kam hinter mir her, langsam von den Pferden geschleppt; der Kutscher ging daneben her und Weiber und Kinder sahen aus den Fenstern heraus. Auf mich zu aus dem Dunkel der Entfernung, das nur stellenweise durch die Lichtstrahlen der Kuppelöffnungen unterbrochen ist, kam auf einem Esel ein silberbärtiger Greis.
Zurück nahm ich den Weg durch die lange gedeckte Gasse den steilen Hügel hinab zu dem Besestan der Specereien, der Gewürze, der Farbehölzer, der Rosenöle, der Ambra, der Tamarinde, des Sandel- und Aloeholzes, der Henna und all’ des Duftenden, was sonst noch die gesegneten Stammländer der heil. Drei Könige uns senden. Liegt auf dem oberen Markte gar manches europäische Product zu Kauf, wie es bei der Herrschaft, welche das Fremdländische sich über alles Einheimische anzumaßen weiß, nichtanders möglich ist, so ist hier unten Alles dem Heimathslande der ausgebotenen Waaren getreu. Die Verkäufer sind ausländisch in Kleidung und Wesen. Ich bewunderte das Geschick, womit sie den unförmlichsten Gegenstand zierlich aufstellen. Vor und in den Buden steht Alles in großen Körben so appetitlich hergerichtet, daß jeder Korb dem Gaumen eine Versuchung wird.
Eine solche Wanderung, die sieben Stunden dauerte, gibt deutlicher als alle statistischen Zahlen einen Begriff von dem Handelsumfange dieser Stadt. Lebhafter habe ich nirgends ein Bild des menschlichen Treibens gesehen.
Constantinopel, Dienstag, den 14. Juni.
Um die Eindrücke aneinander zu reihen, weil mir die der heulenden Derwische noch frisch im Gedächtniß stehen, besuchte ich heute ein Tekke der tanzenden. Der Stifter dieses Ordens war der große mystische Dichter Mewlânâ Galâl addyn Rumy, der zu Balkh in Persien geboren, 1273 starb. Nach ihm wird der Orden auch heute von den Eingebornen benannt. Die Mewlewijjeh-Derwische bewahrten sich der Richtung ihres Gründers getreu, die sich scharf gegen die Glaubensenge des arabischen Islamismus kehrte, einen rein türkischen Charakter. Auch haben die Araber ihnen nirgends ein Tekke errichtet. Der Saal des Ordenshauses neben dem kleinen Campo, in das ich trat, ist achteckig. Säulen tragen eine breite Gallerie mit den Logen des Sultans und der Frauen; unter ihnen ist der offene Gang für die männlichen Zuschauer. Das Material ist Holz; der Anstrich grell in den Farben, neu, aber nicht ohne Uebereinstimmung der Töne. Das Ganze mahnt mich wieder an den Eindruck chinesischer Bilder.
Dem Eingange gegenüber, gerade gegen Südost, ist die Gallerie unterbrochen für den Mihrab. Rechts und links sah durch die offenen Fenster die blaue Fluth und das rothe Hügelland des Bosporus herein, ein wundervoller Anblick und eine stimmungsvolle Decoration zu dem, was sich im Saale begab.
Im Achtecke, das in der Mitte des Saales frei blieb, drehten sich auf dem, eine Stufe tiefer liegenden, glatt gewichsten Boden sechzehn Derwische; vierzehn gewöhnlich einen äußeren weiten Kreis bildend, zwei, manchmal auch drei in seinem Centrum einschließend. Von den Hüften hängt ihnen ein weites, langes, weißes Kleid, ähnlich einem Weiberrocke; der Stoff ist Wolle. Unten ist etwas wie eine Schnur eingenäht, das den Rock beim Stillestehen niederzieht, beim Tanze ihn aber aufschwellen macht. Die Füße unter dem Rocke sind nackt, die Beine in weiße Hosen gekleidet. Den Oberkörper tragen sie in einer Jacke aus demselben Stoffe wie der Rock; den rechten Zipfel der Jacke in den Gürtel gesteckt; unter der Jacke ein buntgestreiftes Hemd; auf dem Kopfe die bekannte cylinderförmige Mütze aus Kameelhaaren, Kulah genannt, die nach dem Muster der Vase geformt sein soll, welche die Seele des Propheten vor ihrer irdischen Geburt in der Geisterwelt enthielt. Denn der mit indischen Schwärmereien vermischte Glaube der Mewlewijjeh-Derwische stellt sich die Seele als ein immer existirendes Licht dar, das aber, weil es körperlos ist und das Auge nur die Eigenschaften eines Spiegels hat, dem Menschen unsichtbar bleibt. Als der Tanz begann, hoben die Derwische die Arme langsam von dem Gürtel und breiteten sie wie Flügel aus. Die rechte Hand strecken sie mit der Fläche nach aufwärts, die linke mit der Fläche abwärts. Den Kopf lehnten einige hinüber zum rechten Arme, was ihrem Tanze etwas besonders Zierliches gab, an Tänzer auf antiken Vasengemälden erinnernd. Den Tanz selbst möchte ich die Ruhe in der Bewegung nennen. Man sieht eigentlich nur das Umkreisen der eigenen Person und merkt kaum das Bewegen nach vorwärts, und doch legen sie in kurzer Zeit den Weg um den ganzen Saal zurück. Mit gleitenden Schritten geben sie den rechten Fuß über den linken und schieben sich so weiter. Eine eigenthümliche Musik, die unsichtbar über mir herabtönte, Flöten, Tamburin und ein Triangel, gab den Tact dazu; nicht schnell und nicht lärmend. Störend in dem beinahe märchenhaften Eindrucke, den das Ganze auf mich machte, war nur der Gesang,der von Zeit zu Zeit einfiel. So ganz individuell ist das Ohr der Völker gebaut. Sie fanden gewiß dieses Gekneife nicht weniger bewundernswerth, als der selbstgefällige Held in Hofmann’s Kater Murr seine Arien.
In gemessenen Pausen unterbrachen die Derwische ihren Tanz durch einen gravitätischen Umgang, der mir den Chor in Schiller’s Kranichen des Ibikus in die Erinnerung zurückbrachte. Vor dem Scheich verneigten sie sich jedesmal. Es waren alle Altersstufen unter ihnen vertreten, auch ein bildschöner Knabe von höchstens zwölf Jahren. Der älteste war der Scheich. Er stand in dunkle Gewänder gehüllt, einen grünen Turban um die Derwisch-Mütze geschlungen, innerhalb der Umzäunung des Mihrab; ein würdiger kleiner Alter mit langem Silberbarte, der die Verehrung, welche ihm die Jüngeren zollten, schon durch sein Aussehen zu verdienen schien. Assistirt ward ihm von einem anderen, der zum Schlusse die weitärmeligen Arme erhob und ein Gebet sprach. Die Tänzer fielen dabei nieder und lauschten dem Gebete mit zur Erde geneigtem Haupte. Ein Diener warf ihnen dunkle Kaftans um, offenbar um die sehr Erhitzten vor einer Erkältung zu bewahren.
Früher als ich es erwartet hatte, war die Ceremonie zu Ende. Man hat sie viel commentirt und durch die mannigfaltigsten Hypothesen zu erklären gesucht. Ich wage keine Deutung und erinnere nur an die vielen Gebräuche in beinahe allen Religionen, die ihren Ursprung verloren haben, aber gewiß einmal wesentlich durch denselben waren und es heute durch ihr Alter geworden sind. Wer sie abschaffen will, der versteht eben nur sich und nicht den Geist des Volkes, der meistens historischer denkt als die bloßen Rationalisten es begreifen können. Und der Einzelne selbst, der Hochgebildete, der sich erhaben glaubt über all’ solchen Albernheiten der Menge, wie viele solcher Gebräuche schleppt er nicht widerstandslos durch sein Gesellschaftsleben? Man übt sie eben, weil es nun einmal Sitte, und weil sich in der Sitte, wenn auch undefinirt, doch ein wirkliches Gefühl ausspricht; der erste Anfang mag sich verloren haben, aber der Gedanke, der ihn geweckt,wirkt noch fort. Es ist wie mit jenen wunderbaren Seepflanzen, die aus endloser Tiefe kommend auf dem Meere mit ihren Blättern und Blüthen herumschwimmen und deren Wurzeln nicht zu finden sind. Mir hat der Tanz der Derwische nur andächtige Eindrücke geweckt und ich sah nicht ein Gesicht unter den Tanzenden, das von anderen als gottesdienstlichen Gedanken bewegt sein mochte.
Man übersetzt das Tekke der Türken, wie hier diese Uebungshäuser der Derwische heißen, in den europäischen Sprachen durch das Wort „Kloster“ und gibt damit zugleich auch einen irrigen Begriff von der ganzen Art und von der Lebensweise der Derwische. Die Derwische gleichen weit mehr unseren Bruderschaften, denn wie diese leben sie auch außer dem Hause, jeder in anderen Lebenskreisen und seinen Berufspflichten nachgehend. Der Scheich allein residirt in dem Tekke und überläßt die Sorge für seinen Unterhalt der Vorsehung. Von den 200 Klöstern in Constantinopel sind nur 50 genügend mit Unterhaltscapitalien versehen. Die Derwische treten nur periodisch zur Uebung ihrer religiösen Gebräuche zusammen, und was ihre Versammlungsorte betrifft, so finde ich diese unseren Theatern ähnlicher als unseren Klöstern. Man sitzt dort ohne unmittelbare Theilnahme nur als stummer Zuschauer und läßt den Eindruck auf sich wirken. So war auch der Ursprung unseres Theaters und der jedes Theaters überhaupt: eine religiöse Wirkung, die durch das bloße Zuschauen und Zuhören erzielt werden sollte. Es war der sinnliche Theil des Menschen, den man für die Religion auf diese Weise fassen wollte.
Im entfernteren Oriente lebt auch wirklich noch das Theater mit diesen Absichten und Formen fort. In Persien ist es mit der Darstellung der traurigen Schicksale der Aliiten in den Unglückstagen von Kerbella ein wesentlicher Behelf des Cultus. Es ist eine Gattung Charwoche, die sich dort auf der Bühne vor den erschütterten Zuschauern abspielt und das ganze Volk lebt diese Charwoche wieder mit. Auch die äußeren Räume des persischen Theaters geben die Anknüpfungspunkte, um die Aehnlichkeit mitdem altgriechischen zu behaupten. Und diese Tänze der Derwische, ich halte sie für nichts anderes als die Ueberbleibsel solcher religiös-theatralischen Darstellungen.
Unbegreiflich ist es mir, wie ich jetzt Abends die ganze Ceremonie wieder überdenke, daß sich unser Theater, das doch so lüstern nach den Eigenthümlichkeiten fremder Völker ist, diese Effectscene noch nicht angeeignet hat. In einem Ballette müßte solch’ ein Tanz der Derwische, begleitet von der gehörigen Musik, einen ganz unwiderstehlichen Eindruck machen.
Pera, den 16. Juni.
Ich speiste gestern mit dem Fürsten Cousa; ein großes Diner von einigen dreißig Personen in der österreichischen Internuntiatur. Nach dem Essen war allgemeiner Empfang, zu dem viele Diplomaten erschienen: Moustier, Bulwer, Brassier u. a. Fürst Cousa ist ein mittelgroßer, starker, breitschulteriger Mann. Der Kopf, welcher ihm in den Schultern steckt, ist nicht schön; die Nase unedel spitz geformt. Ein spitzer Knebelbart entstellt ihn beinahe. Aber die Augen sind scharf; sie scheinen zu lauern und zu lauschen, so lange er schweigt, bis sie plötzlich zugleich mit einem kecken Worte in das Gespräch blitzen. Wie der Fürst gerne den Charakter des Soldaten herauskehrt, so trägt er auch meist die militärische Uniform; dann steckt er die Hände in die Seitentaschen der weiten Beinkleider und stellt die Füße breitspurig auseinander. Schon der Eindruck seiner äußeren Erscheinung läßt an dem Manne nichts Geschliffenes, aber viel Derbheit, ein muthiges Nichtbeachten der gewöhnlichen Formen erkennen. Und so ist auch seine Rede, sein ganzes Wesen. Der Fürst wagt es, kräftige Gedanken, die sonst die Heuchelei der guten Erziehung zu verschlucken zwingt, offen auszusprechen. Er erstürmt mit einer Frage seinen Zielpunkt, zu welchen Andere mit überflüssigen Winkelzügen herankriechen. Dadurch überrascht er und wirft Menschen, die solch’ kurzes offenes Verfahren nicht gewohnt sind, noch ehe er sie eigentlich angegriffen,aus dem Sattel. Es ist dies ein Vortheil, den die meisten Eingebornen der hiesigen Länder uns gegenüber voraus haben, vielleicht gerade, weil sie weniger „erzogen“ sind.