Fürst Cousa kam zumeist, um ein neues Wahl- und Verfassungsgesetz für die Donaufürstenthümer zu erlangen. Das wird ihm, wie ich schon weiß. Er brachte im Uebrigen nicht die übertriebenen Hoffnungen, mit denen ihn die Wiener Blätter hierher reisen ließen. Er verlangte allerdings zuerst mehr als er erlangt hat; aber was er erlangte, ist gewiß mehr als er gehofft. Die Türken, viel zu klug, um nicht zu erkennen, daß der Mann sie mehr brauche als sie ihn, und daß er eben dadurch ihr Werkzeug werden könne, empfingen ihn auf das freundlichste. Die Versuche Frankreichs und Italiens, den unterthänigen Fürsten feindlich gegen seinen kaiserlichen Herrn zu stellen, scheiterten an der Klugheit der beiden Orientalen. Alle bis zur Kriecherei gehenden Huldigungen des französischen Botschafters, der im preußischen Gesandten einen immer helfenden Genossen findet, vermochten nicht den Fürsten Cousa zu verblenden, daß er die richtigen Mittel zu seinen Zwecken übersehe. Noch kann der Fürst die Pforte nicht entbehren; ein Zwiespalt mit ihr würde ihn schneller als der Zusammenbruch irgend einer seiner anderen Stützen stürzen. Gewählt und erhoben aus unbekannter Unbedeutendheit — er war einfacher Oberst — hat ihn nicht die Neigung und Macht einer Partei, sondern die Uneinigkeit und Eifersucht aller. Keine wollte der andern zur Wahl ihres Führers helfen und keine war stark genug, selbständig den ihrigen durchzusetzen. Cousa war also ohne Partei und muß sich erst eine bilden. Unter den geborenen Großen des Landes, zu denen er nicht gehört, wird er sie kaum finden. Jeder dieser Herren glaubt, weil einmal seine Familie das Fürstenamt ausgeübt, immer noch Rechte darauf zu besitzen. Auch sucht Cousa seinen Halt mehr in den Mittelständen. Weil diese aber schwach sind dem eingewurzelten ererbten Einflusse der Bojaren gegenüber, muß ihm jede von außen kommende Unterstützung willkommen sein. Von Rußland kann er diese nicht erwarten, weil der Czar als oberster Glaubensherr gegenihn für die confiscirten griechischen Klostergüter auftreten muß. Diese Lage, ist sie nicht der Türkei günstig? und ist sie es nicht auch Oesterreich? Ein neuer Fürst von willenskräftigem und muthigem Charakter, fähig, die Pflichten seines Amtes zu üben, streckt hilfsbedürftig die Hände zu seinen Nachbarn aus. Ist’s da klug, ihn ohne Weiteres abzuweisen, und zur Abweisung auch noch, wie es die Wiener Presse thut, den Stachel des Spottes zu fügen? Und das nur, weil er einhomo novus, ein Abenteurer ist, und weil er wünscht, die neu erworbene Würde für seine Nachkommen erblich festzuhalten. Sind die Stirbey, die Ghika weniger Abenteurer als der Oberst Cousa? und haben nicht auch sie schon nach der souverainen Krone getrachtet? Mit hochmüthigen Witzeleien über Nachäffung des 2. December u. s. w., wie sie z. B. die „Ostdeutsche Post“ brachte, thut man den Mann nicht ab. Mir scheint es klüger, da er einmal Fürst ist und ihn zu Gunsten einiger seiner Landsleute zu stürzen kein österreichisches Interesse gebietet, zu prüfen, ob nicht Umstände denkbar sind, wo uns seine Hilfe nützlich sein könnte und ihn bis dahin durch zuvorkommende Gefälligkeit zu gewinnen und zu künftigem Dienste zu verbinden. So auch hat wohl Baron Prokesch die Lage gefaßt und ausgebeutet.
Pera, Freitag, den 17. Juni.
Den Morgen sah ich Aquarelle bei dem Maler Pretiozi an, und Nachmittags suchte ich ihre Originale in den Gassen. Unten in Galata führt eine dem Hafen parallel nach Dolma-Bagdsche. Kaufläden säumen sie rechts und links ein; dazwischen fällt ein und das andere Mal von einem freien Platze der Blick auf das Meer. Unmittelbar vor dem großen, der vor den hohen Thoren des sultanlichen Schlosses liegt, ist die Gasse noch mehr eingeengt. Rechts ragen die zierlichen, wie aus Zucker gebauten Minarete der Moschee Abdul Medschid’s empor, links hinter einer hohen Mauer und über sie herabhängend Cypressen, Platanen und buschiges Goldgrün mit rothen Granatblüthen darin. Die Minaretestehen im lichten Sonnenglanze, die Bäume und Gebüsche im tiefen Schatten. In der Gasse, die dunkel ist, kommt mir ein Engländer mit blauem Schleier auf dem Hute zu Pferde entgegen, und hinter ihm auf langsamem Eselein ein alter Türke; Matrosen dazwischen in ihrer sauberen Uniform, weiße Hosen und weißes Hemd mit Roth eingesäumt und besetzt; Soldaten, Albanesen und vermummte türkische Weiber: das Bild war fertig, wie ich es bei Pretiozi gesehen hatte.
Auf dem großen Platze vor Dolma-Bagdsche saßen hunderte von türkischen Weibern, erhöht auf einer Stufe, die sich dort über den ganzen freien Raum hinzieht. Sie schauten auf’s Meer hinaus und feierten so ihren Sonntag.
An dem Strande schiffte man eine Menagerie aus, die ein Dampfer aus Aegypten dem Sultan als Geschenk des Vicekönigs gebracht hatte. Die Giraffe war eben in’s Meer gefallen und stolzirte gar seltsamlich auf ihren hohen Füßen durch die Felsen des Ufers hindurch. Der Löwe brüllte noch auf dem Schiffe.
Ich stieg den Hügel hinauf durch den großen Friedhof. Von oben, zwischen den Cypressen hindurch, ist der Blick beinahe schöner als irgend ein anderer auf das Meer, den Bosporus und die Seraispitze. Die See lag tiefblau. Auf den Hängen der asiatischen Küste hoben sich beherrschend einige Pinien hervor.
Zwei Kinder saßen nahebei auf einem Grabe, die Füße in die Oeffnung hinabhängen lassend, die das religiöse Sittengesetz jedem Mohammedaner in der deckenden Steinplatte anzubringen befiehlt. Es war als seien sie die Engel Nakyr und Monkar, die der altüberkommene Aberglaube der Mohammedaner dort zu dem Verhöre der Todten ein- und aussteigen läßt, damit sie, wenn der Todte ihrer inquisitorischen Frage mit dem muselmännischen Glaubensbekenntnisse antwortet, ihm das Grab um 70 Ellen erweitern und ihn so bequemer gebettet ruhig bis zur Auferstehung fortschlafen lassen, wenn er aber diesem Gerichte ausweicht, sie ihm die Erde fester um den Leib schlagen, daß ihm die Rippen brechen und er gepeinigt bis zum jüngsten Tage liege.
So ist überall hier neben dem blühendsten und prachtvollsten Leben Mahnung an den Tod.
Pera, Sonntag, den 19. Juni, 3 Uhr Nachts.
Ein schwüler Tag. Der Telegraph brachte erfreuliche Nachrichten aus Europa; das und die Hitze hielten mich im Hause fest. Abends nahmen wir den Thee im Garten und betrachteten durch das Teleskop die Sterne. Dadurch ward schon meine Sehnsucht von der Erde weggewendet. Nach 11 Uhr stieg ich in Top-Hane in’s Kaïk und ließ mich um die Seraispitze herum in’s mondbeglänzte Meer rudern. Eine Nacht, ruhig, friedsam, selig wie das bewußtlose Gemüth eines Kindes. Mir wurde wohl und heiter, wie ich die Ruhe und den Frieden auf dieser Erde nicht mehr wieder zu finden erwartet hatte. Gegenwart und Vergangenheit mischten sich im betrachtenden Geiste, in der fühlenden Seele und verloren ihre Unterschiede; das ganze Leben ward ein Augenblick ohne Reue und ohne voraussichtiges Hoffen. So vielleicht wird auch einmal das Dasein in jener andern Welt, die das große Fragezeichen aller unserer irdischen Bestrebungen ist. Der Maßstab der Zeit muß erst verloren sein, damit das Leben ein ganz sorgenloses werde; die Erinnerung so gut als das Hoffen ist zeitlich und in dieser Welt geboren. Wer also sie mit in die andere nehmen will, der stellt sich diese als auch mit dem Staube unserer Erde behaftet vor.
Die See war glatt, unbewegt, von mattem Silberglanze übergossen und in der Entfernung wie in die Tiefe abfallend, als sei in meinem engen Gesichtskreise schon der Einfluß der Kugelgestalt merkbar. Nur am Horizonte lag stärkeres Licht. Zuweilen hob sich links neben dem Boote, wo das freiere Meer war, ein Delphin, und dann glänzte in der silbernen Fassung des Wassers sein Rücken goldig. Die Bäume rechts auf dem Ufer standen regungslos wie die Steine und Mauern, die sie auch in der Nacht noch gegen das Licht beschatteten. Auf den Hügeln wuchsen die Aja Sophia und die Achmedjie empor, auf dem Ufersaume hart neben mir der Leuchtthurm. Vor mir lagen hohe Segelschiffe, zwischen ihnen schweigsame Fischerboote. Sie erwarteten den Morgen und die Sonne, die einen um ihr Geschäft zu beginnen und in den Hafen einzufahren, die anderen um es zu enden und mit der eroberten Beute heimzukehren. So gibt jede Stunde Jedem anderes; dem Einen die Mühe und die Arbeit, dem Anderen den Lohn und den Schlaf. Weit draußen, undeutlich und doch erkennbar, lagen die Prinzen-Inseln. Dünste des warmen Tages lagerten um sie; aber es war, als tauchten sie abwechselnd hervor und verschwänden wieder in der Fluth.
Ich lag lange draußen auf der ruhigen See; die Ruder ruhten und das Boot trieb wie es wollte. Es war nicht, als sei die Natur erstorben, aber es war, als schlafe sie, und schlafe so fest, daß sie nicht einmal träumen könne.
Die Rückfahrt ging noch näher der Seraispitze gegen die starke Strömung. Mit ihr auf und nieder schaukelte sich der überhängende Schatten einer Pinie, die dort hart am Meere steht. Unter ihrem Dome, dem Cypressen wie Minarete der Moschee gesellt sind, bemerkte ich eine weiße Gestalt, den Kopf turbangekrönt, die sich hob, die Arme ausbreitete und dann wieder niederfiel um die Erde zu küssen. Es war ein Muselmann, der den Ruf des Muesin gehört und ihm hier, zwischen den Mauern und der See eingeklemmt, gehorchte, und mit dem Auge Mekka suchte. Der Mond stand im Osten, so konnte es scheinen, als richte der Beter seine Worte an ihn. Und was wäre es gewesen, wenn er es gethan? Gottlosigkeit, weil er in seiner Einfalt der Gabe schon gegeben, was erst dem Geber gebührt? Gott ist milder und verständiger; Er findet den Glauben, wo erist.
Soldaten schauten vom Ufer mich und die See an; sie hatten die Wache dort bei den Batterien.
Im goldenen Horne zogen sie Handelsschiffe durch die geöffnete Brücke in den Bosporus. Es war das erste Leben, das ich wieder hörte. Gespensterhaft ragten die Schiffe auf und gespenstisch war ihre Bewegung, leise und ohne die nothwendigen Segel.Und wie ich jetzt ans Fenster trete, sehe ich das Alles wieder; nur der Mond steht etwas tiefer und ein leichter Wind zieht über das Ganze hin. Es ist der Morgen, der sich kündet. Und da gibt es Menschen, die im 19. Jahrhundert die Poesie aus der Welt geschwunden glauben! Ueberall und immer ist sie; über und um uns, nur nicht in uns, wenn wir sie nicht sehen und nicht fühlen:
„Das ganze Leben ein Gedicht!“
„Das ganze Leben ein Gedicht!“
„Das ganze Leben ein Gedicht!“
Prinkipo, Montag, den 20. Juni.
Immer reizender erschienen sie mir, diese Inseln. Meine Neugierde wurde zuletzt ganz unzähmbar. Was ich so oft gesehen hatte, das Land verklärt im Sonnenglanze, oder wie heute Nacht entrückt in zweifelhaftes Mondlicht, wollte ich auch einmal selbst betreten. Nachmittags stieg ich an der Hafenbrücke mit einem Freunde auf ein türkisches Dampfboot, das den Dienst hieher besorgt. Das Schiff war, wie die Localboote hier gewöhnlich, menschenüberfüllt; die Meisten, Griechen, in europäischer Kleidung, weil die Inseln beinahe ausschließlich von diesen bewohnt sind. Einen einzigen Türken sah ich in seinem Nationalkleide. Schon ehe das Schiff abstieß, hatte er seinen Platz eingenommen, den er unbeweglich durch das Stoßen und Drängen der Kommenden festhielt. Er schrieb; Tinte und Feder nahm er aus dem Gürtel, das Papier hielt er auf der linken Hand ausgebreitet. Es war ein Brief, den er schließlich in unserer gewöhnlichen Form zusammenlegte und in ein Couvert steckte. Sorgsam und selbstgefällig, wie wenn es ihm Vergnügen mache seine Hand schaffend zu beobachten, zog er die Buchstaben. Und so wie ihn, sah ich alle Türken dieses Geschäft betreiben; malen wäre dafür vielleicht rechtmäßiger gesagt als für Manches, was sich dafür ausgibt. Schnell schreiben sah ich nie einen Türken; das Geruhigbleiben ist auch hierbei sein oberstes Gesetz. Dieses Wohlgefallen an der Schrift und an dem Schreiben selbst ist ein Theilstück seiner Natur, angeboren nicht erworben; es entspringt dem Formgefühle des Orientalen. Und daß sie doppelt wirke, die Schrift, zugleich durch den Gedanken den sie ausspricht,und den Linienzug den sie zeigt, lag von Anfang an in ihrer Absicht. Ich weiß, daß man das bestreitet, daß insbesondere Kugler behauptet: die Schrift wolle ihrem wesentlichen Zwecke nach nicht formal wirken. Der Mann hat schlecht gesehen. Schon die Stelle, wohin man sie gewöhnlich malt, und die sorgsame Weise, womit man das thut, sie in den Marmor meißelt, in Talismane gräbt, wie man sie zur Auszierung der Waffen, der Kleider und Teppiche verwendet, zeigt diese Absicht der formalen Wirkung. Und ist nicht auch bildlich, wie es die Schriftzeichen sind, die Sprache gestaltet? „Gott hat ihr Herz und ihr Ohr versiegelt!“ drückt sich der Koran aus, um die Ungläubigen zu bezeichnen, die das Wort des Propheten hören, aber ihm nicht folgen. Und so wie Schrift und Sprache, so ist der ganze Mensch des Orients; der Gemeinste hat ein feines Gefühl für die Formen. In Haltung und Kleidung tritt das immer hervor, dem Vornehmsten begegnet er mit der Sicherheit des angeborenen Anstandes und ist darum nie verlegen. Daher denn auch in dem Lande, das nach unseren Begriffen durch die Sclaverei das der entwürdigten Menschheit ist, die äußerlich wenigstens würdigsten Vertreter unseres Geschlechts. Der Beduine, den ich neulich auf der Brücke so sehr bewunderte, und der den Kopf so aufrecht und den Burnuß in so schönen Falten trug, war ein Mann der unteren Stände.
Ich will das übrigens nicht blos auf den Mohammedaner oder gar nur auf den Türken beschränken, es gilt im weitesten Sinne von allen Völkern, welche im Oriente entstanden und ihm noch mit einem Theilchen ihres Wesens angehören. Sie Alle schreiben mit Zeichen, die wie bei den Aegyptiern eine ursprüngliche Bilderschrift wahrscheinlich machen. Um wie viel schöner erscheint z. B. die hebräische Schrift neben der lateinischen? In China ist das Schönschreiben eine Kunst der höchsten Gelehrsamkeit. Eigene Professoren bestehen dafür, und die chinesische Sprache selbst nennt es malen, wie denn der Pinsel ihr Instrument dazu ist. Ich erinnere mich eines Romanes — aus dem Chinesischen übersetzt,les deux jeunes filles lettrées— der schildert den Wettstreit zweier junger Mädchen mit den berühmtesten Gelehrten deshimmlischen Reiches im Schönschreiben. Sie siegen, und der Kaiser selbst zeichnet zuletzt ihren Sieg durch seinen Beifall aus.
Wie sehr übrigens dieses Formengefühl eine angeborene Eigenschaft der Menschheit ist, das beweist jedes Kind; Schreiben und Malen sind ihm Begriffe, die es lange nicht auseinander halten kann. Einen Brief malen und einen Buben schreiben, so drückt es sich so lange aus, bis ihm erst die Erziehung eine andere Sprache eingebläut hat.
Es ist eigentlich nur die Nacht, die wir hier zubrachten. Aber welche Nacht! würdig, der gestrigen so nahe zu sein. Nicht Wochen des ungetrübtesten Sonnenlichtes gebe ich für ihre Finsterniß. Gleich nach dem Essen stiegen wir im Mondscheine die Berge hinauf. Unter Pinien rasteten wir. Dann weiter in eine wilde Region von Felsen und Strauchgewächsen; Alle athmeten Gerüche aus, daß die Luft, selbst in dieser Nähe des salzigen Meeres, balsamisch gewürzt war. Gegen Osten, wo wir hinschauten, fällt der Berg steil und zerklüftet ins Meer. Die Kaninchen-Insel liegt vor; ein unbewohnter Felsen, gerade so groß wie sich meine Kinder-Phantasie einmal die Inseln überhaupt vorgestellt hatte. Tiefer hinein zieht sich die Bucht von Ismid. Mondlicht ruhte darauf. Von Constantinopel herüber flackerte auf und erlosch wieder das wechselnde Licht des Leuchtthurmes. Es war 11 Uhr, als wir auf der Kuppe des Berges anlangten. Eine Stunde um die andere verstrich, und immer noch hielt uns der Zauber fest, der vom Himmel herabgestiegen war, der die Luft verwandelt hatte, der aus dem fernen Zittern des Meeres sprach und sich sympathisch über unsere Seelen legte. Seit dieser Nacht weiß ich, wie einem Verzauberten zu Muthe ist, und glaube ich an solche Geisterbannungen, denn ich selbst fühlte mich so. Lange sprachen wir von Heine, recitirten uns auch das eine und das andere seiner Gedichte, das durch die Aehnlichkeit der Situation geweckt ward; dann aber lehnten wir, auf einen Felsblock gebettet, lautlos. Das eigene Denken war Jedem genug.
Um 3 Uhr erst kamen wir ungebahnte Wege und mannigfaltig verirrt nach dem Städtchen Prinkipo hinab. Um nach unseremGasthofe zu gelangen, der außerhalb des Ortes auf einem anderen Theile der Küste liegt, mietheten wir in einem Caffeehause, das in die See hinein gebaut ist, und wo noch Menschen bei Limonade und Gefrorenem saßen, ein Boot. Es ruderte uns weit in das Meer hinaus, das hier finster und nächtig durch die Schatten der Inselberge war. Der Leuchtthurm von Constantinopel leuchtete das einzige Licht, und von Chalki herüber klang ein einsames Lied.
Constantinopel, den 21. Juni.
Wo sich die Vorstadt Eyub an das heutige Constantinopel anschließt, dort springt aus der geraden Richtung der theodosianischen Mauer die Stadt mit einem Quartiere hervor, das in dem Ganzen des Stadtplanes wie einer jener runden Thürme erscheint, die zur Vertheidigung in die Mauern gestellt sind. Ohne Zweifel ward dieser Theil der Mauern erst später gebaut, um in die Hauptstadt eine Vorstadt einzuschließen, die sich allmälig dort gebildet hatte, ähnlich dem, wie sich heute wieder Eyub vor den Thoren fortsetzt. Die theodosianische Mauer und nun gar die constantinische machte ursprünglich diesen Umweg gewiß nicht. Sie war, und erscheint auch noch heute so, von der Pflugschaar des Stadtgründers und nicht von der regellosen Hand des Bedürfnisses gezogen. Ein Palast der römischen Kaiser soll dort von allem Anfange an gestanden haben. Die Sage geht, daß ihn Constantin erbaute, vielleicht als Landhaus oder auch als Jagdschloß, ähnlich den mittelalterlichen Schlössern, welche unsere Fürsten ursprünglich auch außerhalb der Stadtmauern anlegten, und die heute von den Häuserfluthen unserer Stadtmeere verschlungen sind. Und so wie bei diesen, mag auch jenem byzantinischen Schlosse sich nach und nach eine feste Bevölkerung darum gesammelt haben, die, zuerst angezogen durch den Aufenthalt und die Prachtliebe des Fürsten, später ihre eigenen Interessen erhielt. Um diese und den kaiserlichen Palast vor den Anfällen der Hunnen und Avaren zu schützen, die in jenen Zeiten häufige und unerwartete waren, umzog KaiserHeraklius, der aus Afrika herüber gekommen war, das Reich von dem Usurpator Phokas zu befreien, diese Vorstadt mit einer Mauer und wies sie der Hauptstadt als ein besonderes Viertel, das der Blachernen, zu. Das geschah 635.
Ueber die zweite Hafenbrücke und durch den Fener, ein Stadtviertel der Griechen, ritten wir heute dorthin. An den Mauern der Hafenseite zeigte man mir neben einem Thore ein Hautrelief, das ich noch nicht bemerkt hatte. Wohl gearbeitet und gut erhalten stellt es eine wegschreitende Frauengestalt in faltenreichem Gewande vor, die vielleicht als eine Siegesgöttin dem Sieger entgegenkommend gedacht war. Wieder vor der Stadt, dort, wo sich eben Eyub an sie anschließt, stiegen wir von den Pferden, um den Mauern näher zu treten, denen meine besondere Aufmerksamkeit heute gelten sollte. Durch einen Stall, dessen Boden mit Säulendurchschnitten gepflastert ist, traten wir auf eine Wiese, von der die Mauern und Thürme höher als an irgend einer anderen Stelle aufragen. Ehemals standen Mühlen davor und an sie angelehnt; jetzt hat sie das Feuer weggebrannt und dadurch den Raum so groß, frei und günstig zur Besichtigung gestaltet. Trümmer aus alter und aus junger Zeit liegen über dem grünen Boden zerstreut. Ich fand darunter Ziegel mit Inschriften, die den Ruhm der Erbauer erhalten sollten. Einen, der die ZeichenZiegel-Inschriftträgt, die offenbar nur durch die Schuld des nicht darauf eingerichteten Stempels umgekehrt und eigentlich Petronos zu lesen sind. Er war ein berühmter Architekt, welchen Kaiser Theophilus zu seinen Bauten aus Kleinasien hatte kommen lassen. Ein anderer zeigt das gleichschenklige Kreuz, und man behauptet, daß dieses der erste, welcher mit solchen Zeichen gefunden worden.
In die Mauern sind Säulenschäfte und kostbare Steinblöcke verwendet; einer aus Porphyr erregte mein besonderes Mitleiden. Auch Inschriften sah ich darin eingelassen, andere herausgeschlagen. Dabei sind die Steinlagen hier wie an anderen Orten durch bandförmig gelegte Ziegel sauber abgetheilt, daß das Ganze trotz seiner Rauhheit noch etwas Gefälliges erhält. Grün hat sich überall inden Lücken festgenistet und Bäume und Büsche keimen darauf und hängen die Mauern herab. Am schönsten aber schmückt eine Cypresse, die, auf die Mauer aufgepflanzt, auch die Thürme noch mit ihrer Höhe überragt: ein Wache haltender Riese, der zugleich die Vergangenheit bezeugt und die Gegenwart abwehrt. Die Gewitter, welche die Nacht und auch den Morgen über gedauert hatten, haben das Laub frisch abgewaschen, daß das Grün noch wirkungsvoller erschien. Auf dem höchsten Thurme ragen in horizontaler Lage aus dem senkrechten Gemäuer ein paar Säulenschäfte hervor. Kinder hatten sich darauf gewagt, ritten und spielten darauf. Mir schwindelte bei dem Gedanken an dieses unbemessene Gottvertrauen. Und wie ganz anders mögen diese Säulen sonst gedient haben! So läßt die Zeit die Dinge ihre Zwecke wechseln. Auch dieser Thurm war einstens anderem Dienste bestimmt. Er hatte damals als eines der berüchtigtsten Gefängnisse byzantinischer Gewaltherrschaft entthronte Kaiser und Kronprätendenten abwechselnd beherbergt. Die ganze Gruppe dieser Ruinen scheint einmal einen ähnlichen Abschluß gebildet zu haben, wie drüben an der anderen Ecke der Landmauern das Schloß der sieben Thürme.
Nicht weit von ihnen ist ein heute vermauertes Thor, das sonst in die Stadt hinein geführt haben muß; darüber sind drei Brustbilder,en facegezeichnet, eingelassen. Nur an einem ist der Kopf erhalten, den beiden anderen sind sie herausgeschlagen. Vielleicht ein Zeichen des Sieges, der Verachtung und der nachträglichen Rache.
Wo die Mauer des Heraklius und die des Theodosius auf einander stoßen, dort bildet sich, nach außen zu offen, ein rechter Winkel. In diesen eingeschoben ist ein armenischer Friedhof. Auf die Mauern stützen sich hier jene Reste eines Palastes, von denen die Griechen behaupten, daß es der ehemalige des Constantin gewesen sei, um welchen sich eben das Blachernen-Viertel angesammelt habe. Man ist eine bedeutende Höhe hinan gestiegen und befindet sich nun auf einem Hochplateau, das mit gräbergefüllten Cypressenhainen der Türken sich weit in das Festland hineinzieht.Einmal diente auch das ganz anderen Zwecken. Hier exercirte und manövrirte das Heer, und hier empfing der römische Kaiser die Huldigungen seiner slavisch-germanischen Truppen. Es war das Marsfeld des oströmischen Kaiserreiches. Der siebente Meilenzeiger und die Marmortribüne standen hier, auf der sich der Kaiser den Soldaten vorstellte. Eine der tragischsten Scenen der Geschichte spielte auf diesem Boden. Das Heer des Gainas kehrte nach Constantinopel zurück, und Rufin, ein Minister, ehrgeiziger und fähiger als irgend einer, welcher einem Fürsten gedient, wollte sich am 29. November 395 auf diesem Flecke von den rückkehrenden Soldaten als Mitkaiser des Arkadius ausrufen lassen. Statt dessen bohrten sie ihm ihre kurzen Schwerter in den Leib, daß der Nichtsahnende seinem Herrn und Kaiser entseelt in den Schoß fiel. Die Standarten und Adler, die die kaiserliche Tribune umwehten, sahen das gleichgiltig geschehen wie so vieles Blutige, das unter ihren Fittigen geübt worden ist. So endete ein Schustergeselle, dessen Leben in Gallien am Fuße der Pyrenäen begonnen und der unter zwei Kaisern die Welt regiert hatte. Ein Schicksal, nicht weniger erschütternd als das bekanntere des Corsen, der auf einer kleinen Insel ärmlich geboren Europa beherrschte und dann wieder, im Meere vor Anker gelegt, elend zu Grunde ging.
Von dem Palaste der Blachernen an bis zum goldenen Thore ist die Mauer eine dreifache; bis dorthin, also die, welche der Kaiser Heraklius gebaut haben soll, ist sie einfach und auch ohne vorliegenden Graben. Die Abstände messen durchschnittlich 22 Fuß, und jede hintere ragt über die vordere empor. Aber die Zwischenräume sind so mit Schutt, mit herabgestürzten Thürmen gefüllt, daß man an den meisten Stellen bequem von der Fläche weg über die vorderen auf die letzte Mauer hinaufsteigen kann. Gleich neben dem armenischen Friedhofe thaten wir es, und gingen nun auf ihr fort so weit sie es nur immer erlaubt. Aus dem Gemäuer sprossen mächtige Bäume auf, die mit ihren Wurzeln ganze Mauerblöcke eingeschlossen und emporgehoben haben; die Natur überwindet auch hier das Menschenwerk. Andere Bäume ragen mit ihren Kronen ausdem vorliegenden Graben und von der Stadtseite aus den Gärten der Häuser herauf, die sich fest an die Mauer angelegt haben; Blumen und Schlinggewächse wuchern dazwischen und in der Kühle der eingestürzten Thürme schattige Feigenbäume. Ein Granatbaum, den ich so in einem Verließe gefangen fand, trug feurige Blüthen; es sah aus, als sei hier ein Rubinschatz verborgen gehalten worden. Keine Stelle dieser Mauer, die todt ist. Und weiter hinaus die Cypressenhaine, welche mit ihren Gräbern die Stadt einfassen, und frohe Menschen, die der gekühlte Tag in’s Freie lockt. Nach der Stadt zu die bunte Menge der Häuser, getrennt durch das überall ausgestreute Grün; die blaue Fluth und die Schiffe des goldenen Hornes, des Bosporus und der freien See; die letzte Ferne von den Inseln und den asiatischen Bergen begrenzt. Es war ein Anblick, der mich nicht zur Besinnung kommen ließ. Wieder verging mir im Schauen alle Reflexion. Es ist das der schönste Spaziergang der Welt, und so scheinen ihn auch die Umwohner zu schätzen, denn aus den Häusern und Dachluken heraus sind Brücken auf die Mauer gelegt, um zu jeder Stunde des Tages diesen Ausblick genießen zu können. Besonders in den Abendstunden soll dieses reichlich geschehen, und dann hier oben ein förmlicher kleiner Corso abgehalten werden. Manches ergötzliche Genrebild bot sich auch in den Häusern, in die man meistens hinein sieht.
Die Pferde hatten wir vorausgeschickt, um dann im Innern der Stadt möglichst wieder neben diesen Mauern nach Hause zurück zu reiten. Auch auf diesem Wege eine Fülle wechselnder Bilder; die engen Gassen im tiefen Schatten, nur wo eine kleine Moschee oder ein zerfallener Brunnen den Platz erweitert, ein paar eindringende Sonnenstrahlen, die die Gipfel der umstehenden Bäume goldig färben. Dort fehlt es auch gewöhnlich nicht an ein paar Menschen, die dem Bilde Leben geben, denn sonst sind diese Gassen leer und stille wie ein ausgegrabenes Pompeji.
Es war schon Nacht und die Lichter glitzerten auf dem etwas bewegten Wasser des Hafens, als wir über die zweite Brücke wieder nach Pera zurückkamen.
Constantinopel, Mittwoch, den 22. Juni.
Man staunt die Katakomben Roms als unterirdische Weltwunder an. Unbegreiflich ist mir, wie man bisher nicht mehr Lärm über etwas Aehnliches, die Cisternen Constantinopels, machen konnte. Es sind das Räume, groß genug zu einer zweiten Stadt, um ihre Häuser und auch ihre Thürme aufzunehmen. Ich selbst besuchte deren schon sieben. Die Stolpe’sche Karte gibt ihrer in jedem Stadtviertel einige an. Wahrscheinlich aber sind derer noch weit mehr, die unentdeckt, manche noch unbenutzt im Boden ruhen; dem Herkommen folgend, mögen die Hausleute ihre Eimer in den Ziehbrunnen hinablassen, ohne zu wissen, woher ihnen das Wasser kömmt. So verborgen vermuthe ich eine in den mächtigen Quaderunterbauten des Hyppodroms, und eine andereistin den Fundamenten der Aja Sophia; die Stadt ist also nicht blos meerumgeben, sie ruht auch eigentlich auf dem Wasser. Es sind hohe säulengetragene Gewölbe, bis zu drei Stockwerke übereinander, die das Wasser sammeln müssen, das vom Himmel herab und in den Leitungen aus den kühlen Wäldern von Belgrad kommt. Dem übermüthigen Sinne der Kaiser, der sich an den Außerordentlichkeiten Roms gebildet hatte, erschien nichts unmöglich, und so auch nicht diese Riesenbauten, die nicht der Eitelkeit, die dem praktischen Nutzen gewidmet waren. Wir Kinder des 19. Jahrhunderts müssen sie darob ganz besonders anstaunen. Mir übrigens geben sie deutlicher als alle Schilderungen des purpurgeborenen Chronisten von der Pracht, die in den byzantinischen Kaiserpalästen geherrscht haben soll, und die in der Aja Sophia noch übrig ist, eine Vorstellung von dem, was auf der Erde gestanden haben muß, wenn man in sie tausende von Säulen in Nacht und Finsterniß begrub. Dabei sind die Säulen und die kleinen sich darüber wölbenden Kuppeln sorgsam, die Capitäle sogar mit einem Versuche sie zu schmücken gearbeitet. Man nennt diese byzantinische Welt eine verkommene; um wie viel mehr enthielt sie aber noch von der römischen Größe als die heutige, und wie bewundernswerth mußte sie erst dem damaligen übrigen Europa erscheinen.
Neulich, bei einem wiederholten Besuche der Kilisse Djami, der zerstörten Grabstätte der Komnenen, suchte ich eine Cisterne, die dort in der Nähe liegt, und der Stolpe den Namen des ehemaligen Klosters „zum Allherrscher“ (Pantokrator) vindicirt. Der Muesin der Djami erbot sich zum Führer; aber auch mit seiner Hilfe hielt es schwer den Eingang zu finden. Er liegt versteckt; kleine, enge Gassen, den Berg hinauf und endlich in einem Garten, wo wir uns den Eintritt erbetteln mußten. Es waren türkische Weiber, die uns aufsperrten und mein Trinkgeld in Empfang nahmen. Der Garten steht auf einer Terrasse und steigt eine zweite und dritte höher hinauf. Einzelne Rosenbüsche, ein paar Granat- und Feigenbäume waren das einzig Gepflegte in einer sonst gräulichen Verwilderung. Aber über das Unkraut, die Hecken und eingestürzten Mauerzinnen weg hat man einen entzückenden Blick auf die Stadt und den unten liegenden Hafen. Der Ort in seinem Verfalle und mit der geheimnißvoll dahinter versteckten Cisterne wäre recht geeignet, ein Märchen aus der romantischen Zeit Constantinopels dort spielen zu lassen: vielleicht wie dort eine türkische Frau ihren griechischen Liebling empfängt, und ihn dann in der Zeit der gegenseitigen Verfolgung, als die Griechen auf den Inseln die Türken niedermetzelten, und in Constantinopel der Patriarch an jenem blutigen Ostertage in seinem Prachtgewande an seiner Kirchenthüre aufgehängt und dann von dem jüdischen Pöbel durch die Gassen geschleift ward, vor der Eifersucht des Gatten und der Glaubenswuth ihrer Stammgenossen in der Cisterne verbirgt.
Die Mauern, welche den Garten gegen die aufsteigende Hügelseite zu abschließen, sind mächtig als wären sie ehemalige Bastionen eines Befestigungswerkes. Möglich, daß ihnen Reste beigemischt sind aus der Zeit, als die Lateiner in dem Kloster Pantokrator ihren Sitz über dem eroberten Constantinopel aufgeschlagen hatten. Ein Theil diente unzweifelhaft dem Kloster als Unterbau, und in ihm wird auch schon von allem Anfange an die Cisterne geborgen gewesen sein. Wir fanden den Zugang in einemMauerwinkel hinter einem Misthaufen. Ein paar verfallene Stufen hinauf und dann durch einen kurzen Gang traten wir vor die Wasserfläche. Fledermäuse flogen auf und störten das schauerliche Dunkel; es brauchte eine Weile, bis sich das Auge daran gewöhnte und auch nur die nächste Umgebung unterscheiden konnte. Ich zählte nicht mehr als sechs Säulen, wenigstens reichte der Blick nicht weiter. Uebrigens glaubte ich mir gegenüber eine abschließende Wand zu erkennen; indessen will ich das nicht behaupten, es kann eine Täuschung oder auch nur eine vorspringende Mauerecke gewesen sein.
Die Cisterne, welche gewöhnlich besucht wird, und von der die Opfer der Lohndiener allein zu erzählen wissen, istBin bir direk— Tausend und eine Säule — in der Nähe des At-Meidan. Der türkische Name kömmt ihr von der Menge ihrer Säulen. „Tausend und eins“ ist ein Mehrheitsbegriff, welchen der Orientale braucht wie wir unser leichtsinniges „zahllos“ und „unendlich“. Hammer erzählt, daß die Cisterne im Auftrage des ersten Constantin von einem Senator Philoxenos gebaut worden sei, der mit dem Kaiser von Rom hieher zur Stadtgründung übersiedelt war. Mir fehlt die Zeit, seine Beweise zu prüfen.
„Tausend und eine Säule“ ist inzwischen ausgetrocknet; wie ein ausgewundener Schwamm liegt es da. Seine Zellen füllt die Luft, und Sonnenstrahlen fallen durch die zerbröckelnden Gewölbe in das unterirdische Dunkel; das veranlaßt glückliche Lichteffecte, wenn durch die Finsterniß solch ein Lichtstrahl herabzüngelt, hier eine Säule und dort gar eine Menschengruppe streift, denn in dem weiten Raume ist eine Seilerwerkstätte eingerichtet. Anfangs unterscheidet man gar nichts; ich trat in die aufgespannten Fäden, stolperte gegen die Spinner, hörte nur das betäubende und in solcher Umgebung wahrhaft spukhafte Geräusch der Räder. Erst später, da ich lange darin blieb, wurde mir Alles deutlich, und ich wanderte zuletzt zuversichtlich wie im Sonnenlichte der Oberwelt herum.
Hammer behauptet, daß eben so viele Säulen, als heute frei seien, noch in doppelter Ordnung unter der Erde stehen undglaubt, daß der Boden nur festgewordener Schlamm des früheren Wassers sei. Mit den Lichtern, welche ich anzünden ließ, untersuchten wir die Säulen. Wir fanden auf den meisten dasKNund danebenMonogrammeeingegraben; Monogramme, die eben das erste als Constantin und das zweite als Philoxenos gelesen werden. Auf anderen ist besonders oft ein Φ und ein Θ und auf einer, links vom heutigen Eingange ziemlich in der Ecke, eine Erdkugel mit dem Kreuze darauf. Es ist die vollständige Abbildung unseres Reichsapfels, wie er bei der deutschen Kaiserkrönung gebraucht wurde. An dieses Bild, und daß es hier gefunden worden, ließen sich manche Folgerungen knüpfen. Vielleicht beweisen die Russen noch einmal, gestützt auf dieses Denkmal, daß sie durch den Besitz von Constantinopel auch die rechtmäßigen Erben des römischen Imperiums geworden seien. Es mag diese Säule in späterer Zeit bei einer Restauration eingesetzt worden sein, und der Werkmeister sie absichtlich im Gegensatze zu den übrigen Zeichen mit diesem christlichen geschmückt haben. Die Herrschaft der Welt spricht es in jedem Falle an. Daß auf vielen Säulen die Buchstaben verkehrt stehen, erkläre ich damit, daß sie daheim in der Werkstätte vom Arbeiter schon eingemeißelt wurden und der Schaft dann unten ohne Rücksichtsnahme darauf eingesetzt ward. Ganz ohne Zeichen ist keine Säule. Es verdiente wohl ein eigenes Werk, worin diese Monogramme gesammelt und ihre Erklärung versucht würde. Professor Dethier thut sich auch hier eifrig um; eine Arbeit darüber könnte zur Erklärung der byzantinischen Hof- aber auch der Kunstgeschichte Manches beitragen.
Heute Morgen zog ich schon um 5 Uhr aus, um die umfangreichste aller bisher entdeckten Cisternen aufzusuchen, die auch erwiesenermaßen noch immer die ihr anfänglich aufgetragenen Dienste thut.Jeri batan Serai, „der versunkene Palast,“ nennt sie der poetisirende Türke, und stellt damit vielleicht die Tradition her, welche Hammers Ansicht bestätigen würde, daß darauf einmal das Haus des römischen Senates gestanden. Beinahe erwiesen scheint mir, daß solche Wasserbehälter vorzüglich in den Unterbauten großeröffentlicher Gebäude angelegt wurden. Es verdient einmal versucht zu werden mit diesem Gedanken, auf Grundlage der noch vorhandenen Cisternenreste einen Stadtplan des alten Constantinopel anzufertigen.
Wir brauchten lange, bis wir den versunkenen Palast fanden, und noch länger um uns in den Hof, der den Eingang birgt und zu diesem selbst den Einlaß zu verschaffen. Man hob ein paar Platten auf, die im Pflaster liegen, und durch das Loch hinab, jeder ein Licht in der Hand, wurden wir an Stricken auf den lehmigen Grund eines schmalen Ufers gelassen. Vor uns lag ein weiter See, der in der Täuschung der Finsterniß endlos erschien. Säulenschäfte ragen daraus hervor, die schwere Capitäle mit korinthisirenden Verzierungen und darüber flach gespannte Kuppeln tragen. Ab und zu fällt durch die zerstreuten Oeffnungen der Ziehbrunnen ein Sonnenblick herab, der dann den Strick zeigt, an dem der Schöpfeimer hängt, und um uns glitzerten, durch die feuchte Luft nur etwas matt geworden, unsere Kerzenlichter im Wasser. Es ist ein gespensterhaftes Bild, das mich mit Schrecken und Grausen erfüllte. Wie ohnmächtig fühlte ich mich, und erst am Tageslichte kam mir der rechte freie Lebensathem wieder. So fest ist mir der Eindruck geblieben, daß ich mich noch immer fragen muß, wie es möglich sei, daß Menschen von einem Wasser trinken, das mir so schaurig erschien. Lethe muß so ausgesehen haben, und das Ganze ist ein Bild der acherontischen Fluth.
Ehemals, so erzählen mir meine Führer, soll ein Kahn auf dem Wasser geschwommen sein, und man konnte eine Fahrt darauf thun. Seit einem Unglücke, das dabei geschehen, ist er zerschlagen worden, und der See liegt wieder geheimnißvoll, bis ein anderer Columbus die nächste Entdeckungsfahrt darauf wagt. Seine Geschichte scheint überhaupt eine traurige, denn schon aus dem neunten Jahrhundert kömmt eine Sage, die erzählt, wie dieser See seine Opfer begehrt und sie grausam auch genommen habe. Es war, als der Kaiser Leo V. regierte, ein armenischer Soldat, dem der Phrygier Michael zum Throne verholfen hatte. Was Michael gemacht hatte, daswollte er, als er würdenbedeckt war, bald selbst werden: Kaiser. Seine Verschwörung ward entdeckt, der Verschwörer eingesperrt. Man vermuthete Mitverschworene; Michael weigerte sich sie anzugeben, ließ aber den Genossen seiner Absicht sagen, daß er sie verrathen werde, wenn sie nicht die Mittel fänden ihn zu befreien. Die meisten der Bedrohten hielten sich schon lange seit der Verhaftung des Michael verborgen. Einer, der am schuldigsten erscheinen mußte, weil er immer zwischen der Stadt und dem Lager die aufrührerischen Botschaften des Michael hin- und hergetragen hatte, der Officier Stephanos, ward von seiner Geliebten, einem Freudenmädchen, in den Gewölben dieser Cisterne verborgen. Ihr Vater war der Hüter derselben. Stephanos hatte Zoe in den Tagen seines Glückes kaum einen Wunsch abgeschlagen, wenn er ihm nur irgendwie erfüllbar gewesen; jetzt vergalt sie ihm seine Güte durch eine Treue, die sonst keine Bedingniß ihres Gewerbes ist. Sie schifften sich in dem Kahne ein, womit der Vater die Ueberwachung der Cisterne besorgte, und der Alte ließ ihnen die tägliche Nahrung in dem Eimer eines Ziehbrunnens hinab. So steuerten sie lange auf der Fluth herum, sicherer als irgendwo anders vor der Entdeckung und insbesondere vor der Ergreifung. Am 25. December 820 sollte Michael in dem Feuerofen der kaiserlichen Bäder lebendigen Leibes verbrannt werden. Nur auf Bitten der Kaiserin Theophana wurde das schauerliche Urtheil über die Weihnachtsfeier hinaus vertagt. Da ließ der Verzweifelnde noch einmal die Drohung des Verraths an seine Mitschuldigen ergehen, und wirklich am Morgen des Weihnachtstages, in aller Frühe, als um 3 Uhr die Thore der Schloßcapelle den harrenden Geistlichen geöffnet wurden, stahlen sich die Verschworenen als Mönche verkleidet hinein, und als der Kaiser den ersten Psalm anstimmte, fielen sie mit Dolchen und Schwertern über ihn her. Ein wüthender Kampf entbrannte; der Altar, wohin Leo sich geflüchtet hatte, war der Hauptschauplatz. Auf seinen Stufen stand der Kaiser und vertheidigt sich mit einem großen Crucifixe, das er von dem Tische des Herrn genommen hatte. Ein Hieb zerschmetterte ihm zuletzt, nachdem erschon eine Menge Wunden empfangen hatte, die rechte Schulter und auch einen Arm des Kreuzes. Er fiel nieder und ein anderes Schwert spaltete ihm den Schädel. Michael der Aufrührer stieg aus dem Feuerofen auf den Thron; noch hingen die Fesseln an seinen Füßen, da er schon die Krone auf dem Haupte trug. Die aufgehende Weihnachtssonne sah ihn als Michael II., dem die Geschichte auch den Beinamen des Stammlers gegeben. Als man Stephanos, den man nicht mehr die Zeit gehabt hatte, von dem letzten Plane zu unterrichten, suchte, fand man in der Cisterne kein Boot mehr. Der Eimer des Ziehbrunnens kam unberührt mit den Speisen, wie sie hinab gelassen worden waren, wieder hinauf. Zoe und Stephanos waren nicht mehr, und alles Rufen und Forschen des unglücklichen Vaters blieb unbeantwortet. Tage lang, Wochen lang, zuletzt den ganzen Rest seines Lebens saß der Alte an der Stelle, wo sonst der Kahn gelandet war, starrte auf die schwarze regungslose Fluth, immer noch hoffend, daß sie, die doch hoffnungslos ist, ihm das Verlorene wieder zurückgeben werde. So harrend fand man ihn eines Tages todt auf dem Ufer dieses acherontischen Sees, er selbst nun ein Pilger für diese Schattenwelt seiner Lieben. Es scheint, daß das Boot mit Zoe und Stephanos an einer der Säulen scheiterte. Vielleicht überließen sich beide zugleich dem Schlafe, und der Kahn, so ohne Führung, stieß an eine Säule, schlug um, füllte sich mit Wasser und mag so gesunken sein; oder es stieg auch das Wasser durch rasche Zuflüsse plötzlich und die zusammengepreßte Luft kann die Unglücklichen erstickt haben.
Pera, den 23. Juni.
Ich rudere dem Lloyd-Dampfer „Neptun“, der aus Triest kommt, entgegen, umkreise ihn und fahre dann mit ihm zurück in das goldene Horn ein. Bei dieser Gelegenheit nehme ich das ganze ungeheure Bild des hiesigen Hafenverkehres wieder in mein Auge auf. Größer aber noch als durch diesen Anblick wird es durch einePrüfung der Zahlen. Es zeigt sich dann, daß sich z. B. Frankreich nur mit dem Gesammtverkehre aller seiner Häfen mit dem hiesigen messen darf, und daß selbst England nur mit sechs Millionen den Tonnengehalt der hier ein- und ausgelaufenen Schiffe übertrifft. 48.938 Schiffe mit 7,432.362 Tonnen Gehalt liefen im Jahre 1864 in Constantinopel ein. Ich habe diese Zahlen seitdem für die damals eingestellten des Jahres 1863 aufgenommen. In allen englischen Hafen 54.723 Schiffe mit 13,515.011 Tonnen Gehalt, in den französischen 47.619 Schiffe mit 7,550.972 Tonnen Gehalt. In dem Verkehre des goldenen Hornes ist Oesterreich mit 3220 aus- und eingegangenen Schiffen von 1,131.850 Tonnen Gehalt betheiligt. 504 darunter waren Dampfer von 297.006 Tonnen Gehalt. Und auch als ein fortwährend und rasch steigender Verkehr zeigt sich der des goldenen Hornes. 1841 gingen hier nur 8251 Schiffe mit 1,093.466 Tonnen ein und aus; 1846 schon 15.770 mit 2,637.994 Tonnen und 1861: 29.141 mit 6,101.401 Tonnen. Es sind diese Zahlen auch Illustrationen zur orientalischen Frage und erklären, warum so begehrlich einerseits, warum so eifersüchtig andererseits die Blicke der Großmächte hierher gerichtet sind.