Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
24. Juni.
Schon vor drei Wochen besuchte ich in dem Winkel Constantinopels, der aus der ursprünglichen Richtung der theodosianischen Mauer hinausgedrängt sich am meisten der innersten Bucht des goldenen Hornes nähert, die Ruinen eines Palastes, der auf der Höhe gelegen von dem Namen des Ortes auch den seinigen erhielt. In alter Zeit hieß dieser Hügel Hebdomon; damals lag er vor der Stadt und die Mauer ging hinter ihm den Berg zum Hafen hinab. Das Stadtviertel, das hier entstand, anfangs wohl nur als Vorstadt, die später erst Kaiser Heraklius 635 durch seine erweiterte Mauer mit in die eigentliche Stadt einbezog, hieß das derBlachernen und der kaiserliche Palast darinnen bald der der Blachernen, bald einfacher nach dem Hügel: das Hebdomon. Die Türken nennen ihn heute Tekfur Serai (das Schloß des Gouverneurs), und die Griechen behaupten, daß er, so wie er da stehe, das Magnaurum des Kaisers Constantin sei; den Fremdenführern, denen das Alles nicht interessant genug ist, gilt er als das Haus des Belisars. Die Erinnerung, die mir von dem ersten Besuche geblieben, war nur ein fortwährender Stachel der Neugierde, die Ruinen noch einmal und dann sorgfältiger zu besichtigen. Darum nahm ich einen gelehrten Freund mit, der sollte mir das Alter, die Bedeutung, womöglich die ganze Geschichte des Baues erzählen.
Groß war unser Erstaunen, als wir vom Hafen die steilen Gassen hinauf die Höhe erklommen hatten, Alles ringsherum ein weites Trümmerfeld zu finden. Wo wir noch durch enge Gassen geritten, da war nun rechts und links hinüber die Aussicht frei; nichts als Schutthaufen, rauchende Kohlenfelder und ab und zu ein Baumstamm, der wie Hilfe flehend seine versenkten Arme in die Lüfte streckte. Eine Feuersbrunst hatte diesen Stadttheil niedergelegt und wir davon nichts erfahren. Es gibt auch das einen Begriff von der Größe dieser Stadt. Die Häuser hatten dem Feuer nicht widerstanden, sie erliegen hier gewöhnlich völlig seiner Gluth; nur die Bäume schienen mit ihrem eigenen Safte den Brand wenigstens einigermaßen gelöscht und sich ihre Skelette gewahrt zu haben. Zerlumpte Gestalten krochen über den Schutt, die Geier, die nach der Schlacht nach dem Aase wühlen. Abgeschlossen wird das Bild in seinem Hintergrunde durch die geschwärzten Mauern der Stadt und des Palastes. Das Feuer hat darum und darinnen mit derselben Heftigkeit gewüthet. Ausgebrannt ist die Stätte und wie ein Todtenschädel liegt sie da, die ich neulich noch bewohnt von einer Menge Hütten, bevölkert wie einen Ameisenhaufen gefunden hatte. Spanische Juden hatten sich darin eingenistet mit Hintansetzung jedes Respectes für die Historie. Der Hof und so auch die ebenerdige Palasthalle waren mit Häusern besetzt, und zu dem oberen Stockwerke führte aus dem Hofe an der Frontmauereine Holzstiege hinauf, um auch ihn bewohnbar zu machen; das Ganze war eine Colonie elender Hütten und ebenso elend waren die Bewohner, die darin hausten. Ich machte damals den Versuch in sie einzutreten, um die Construction des Baues zu studiren, aber die Fülle des Unrathes, die mir entgegenstarrte, war eine solche, daß auch der eifrigste Wille davor erlahmte. Alles das hat nun allerdings die Feuersbrunst ausgefegt, aber die Gluth, die dabei entzündet worden, war eine solche, daß auch der Bau darüber zu Grunde ging; der Mörtel wurde zu Pulver und die nicht mehr verbundenen Ziegel stürzten herunter. Selbst der Granit und der Marmor der Säulen, welche die Gewölbe tragen, konnte dem Feuer nicht widerstehen; wir schälten sie wie Rinde, die man vom Baumstamme löst, und die akantusgeschmückten Capitäle fielen tropfenweise vor unseren Augen in Stücke. Ein einziger Sonnenstrahl drang durch die ausgebrannte Leere der oberen Stockwerke in das rauchige Dunkel des Erdgeschoßes. Er leuchtete uns zu unserer Arbeit, die trotz der stürzenden Blöcke in den Trümmern nach Resten zierlicher Bildhauerei suchte. Ich nahm einige Stücke mit, die fein geschlungene Arabesken und massige Akantusblätter zeigen. Die Hitze des Bodens erschwerte das Suchen; länger als einige Secunden konnten es die Sohlen auf keiner Stelle aushalten. Den Zugang hat die Polizei zumauern lassen; sie befürchtet den Einsturz des ganzen Baues und durch denselben die Beschädigung allenfällig Anwesender. Wir mußten auf weiten Umwegen über Balken, Gewölbe und Mauern uns einen Eingang zu dem Hofe suchen.
Der Palast ist zwischen und auf die Stadtmauern gebaut. Sie dienen auf drei Seiten seinen beiden unteren Geschoßen als abschließende Wände und seinen oberen als Lehne, von wo aus herab er die ganze Stadt, den Hafen und das ehemalige Marsfeld vor den Mauern der Stadt überschaut. Die Mauern stehen hier 55 Fuß auseinander, sonst nur 22. In dem Raume zwischen den Mauern liegt auch der Hof, oder das, was ich eben so benenne, und dorthin sieht auch die Hauptfronte des Gebäudes, die seinerLangseite, welche allein eine durchgängige architektonische Gliederung zeigt. Zu unterst steht eine nach dieser Seite zu offene Halle, darüber ein Zwischengeschoß und erst in bedeutender Höhe der eigentliche Saalbau. Ein Pfeiler, von unten bis zum zweiten Stockwerke aufsteigend, theilt die Fronte. Ihm correspondirend, aber in die Stadtmauern verbaut, steigen zu beiden Seiten zwei andere auf; zwischen diese drei ist auf jeder Seite des mittleren Pfeilers je eine aber nur bis zum Mittelgeschoße reichende Säule gestellt. Darüber, wie auch über den Pfeilern, wölben sich Rundbogen, welche die Frontmauer tragen, und in sie wieder sind die Fenster eingeschnitten, ebenfalls runde Bogen, im ersten Stockwerk sechs und im zweiten darüberstehenden sieben ziemlich gleichförmig gestaltete. Die Säulen wiederholen sich in der Tiefe der unteren Halle, um die kleinen Gewölbe zu tragen. Das ist eine reiche und schöne Anordnung und auch in den Einzelheiten findet sich manches Geschmackvolle. Vorspringende Canellirungen, bandförmig gereihte Ziegellagen und zwischen den Bogen der Fenster mosaikartig zusammengefügte bunte Thon- und Glasstücklein geben dem Ganzen etwas sorgsam Ausgedachtes, zierlich Gegliedertes und außerordentlich Heiteres. Die Motive der Verzierung wiederholen sich nur selten und stehen sich nirgends in sclavischer Regelmäßigkeit gegenüber. So sind auch die Capitäle der Säulen nur in ihrer Grundform gleich: dem byzantinischen Würfel, in ihrer sculpturlichen Ausschmückung vollkommen verschieden.
Man hat aus der Verschiedenartigkeit der Capitäle folgern wollen, daß diese aus früheren Bauten hierher übertragen und aus solchen Resten dieser spätere Bau aufgeführt worden sei. Das kann möglich sein, und in so ferne man die Capitäle nicht genau zu den Säulenschäften passend gefunden haben will, auch begründet; aber die Gründe, welche auf die bloße Verschiedenartigkeit basirt sind, verwerfe ich. Die byzantinische Baukunst scheint überhaupt nicht ihr Ideal in einer alles Spiel der Ideen ausschließenden Symmetrie gefunden zu haben; symmetrisch sind kaum die großen Grund- und Umrißlinien der Bauten gezogen, alles übrige dazwischen liegende,der Schmuck der Wände und der Säulen ist mit der ideenvollsten Willkür erfunden und gemacht. Ich erkenne eben darin ein Element, welches die Geburtsstätte des Orients beweist; hier sind die Phantasien viel zu zügellos, viel zu angeregt und viel zu ergiebig, um sich in beengende Regeln zwingen zu lassen. Es ist eben hier in künstlerischer wie in religiöser, staatlicher und in jeder anderen Beziehung die wahre Freiheit allein zu Hause, die Freiheit, welche Jedem möglichst die Bethätigung seines Willens läßt, nicht jene der tyrannisch herrschenden Phrase. So sind auch die Tragsteine an der äußeren Fronte des Palastes, die, welche die Balcone und Erker tragen, ganz ohne jeden Anspruch auf Regelmäßigkeit gestaltet: bald Widder, bald Adler- und Löwenköpfe. Gerade an diesen Steinen wird mir auch wieder offenbar, daß die wilde Zügellosigkeit, die Mannigfaltigkeit der Gothik, welche man als ihr selbsterfundenes Eigenthum bewundern will, ihren Anfang nicht in sich, sondern in den byzantinischen Mustern genommen hat. Was man bei uns die Romanik nennt, diesen Stationspunkt in Italien leugne ich. Italien war in jenen Zeiten viel zu verkommen, um Lehrer zu geben; Fachschule der Kunst und der Mode war Byzanz, das sein Erbrecht der römischen Weltherrschaft in allen Beziehungen geltend machte.
Diese Fronten nach der Stadt und die letzte, die vierte, auf das Marsfeld hinaus, sind ohne jeden Anspruch auf äußerliche Schönheit gestaltet. Es ist das schon dadurch veranlaßt, daß bis zum dritten Stockwerke hinauf die rohe kahle Wand der Stadtmauer reicht. Ein viereckiger Thurm schneidet die eine Ecke ab, und Salzenberg meint in seinem schönen Werke über die altchristlichen Bauten Constantinopels, daß in demselben einmal eine Stiege und daß der Balcon, der darauf gelegen, von einem zeltartigen Baldachin überdeckt gewesen sei. Solche Stiegen, die in den Mauern versteckt waren, scheinen überhaupt eine Liebhaberei der byzantinischen Häuslichkeit gewesen zu sein. Auch in dem weitläufigen Kaiserpalaste an den Ufern des Marmora-Meeres gab es deren eine Menge. Vom achtseitigen Thronsaale führten deren alleinzwei hinauf zu der Gallerie der Kuppel. Es wird damit zugleich auch ein Theilstück der byzantinischen Geschichte verrathen, welche die Heimlichkeit für ihre so oft schauerlichen Thaten brauchte. Venedig, das in seinen Palästen gleichfalls diese Vorliebe für dieescaliers dérobészeigt, hat vielleicht auch diesen Gebrauch wie so manches andere seiner Gewohnheit von hier sich geholt. — Zur Idee des Baldachin überdeckten Balcons fügt mein Begleiter die Erklärung, daß sich dort herab der neugewählte Kaiser das erste Mal dem in der Stadt versammelten Volke zu zeigen pflegte, und dann von einer an der anderen Palastecke gelegenen Altane auf das Marsfeld hinaus dem dort aufmarschirten Heere. In diesem Stadttheile soll nämlich, wie heute noch in dem nahen Ejub, der erste Theil der Kaiserkrönung vollzogen worden sein.
Der Erker, der weiter in der Mitte der gegen die Stadt zu gekehrten Langseite liegt, kann nur inneren, nicht nach Außen gerichteten Zwecken gedient haben. Er wird wohl, wie der purpurgeborene Chronist die Apsiden des goldenen Saales im „heiligen Palaste“ am Marmora-Meere schildert, dem abgesonderten Bedürfnisse des Gebetes oder der Toilette gedient haben. Durch eine Thüre oder einen Vorhang waren solche Cabinette von dem größeren Raume geschieden. Ihren Anfang haben sie gewiß in den Apsiden der Basiliken genommen, und wurden von dort als ein bequemes Mittel der jeden Augenblick zur Verfügung stehenden Abgeschiedenheit zuerst an die ebenerdigen Häuser und dann, als man höher baute, an die darüber liegenden Stockwerke angeflickt. Ihre weitere Fortsetzung haben sie dann in den Erkern der Gothik gefunden. So ist auch dieses Mittel der häuslichen Bequemlichkeit, welches man ganz speciell als ein durch die deutsche Sitte und das deutsche Klima in Deutschland erfundenes bezeichnet, von Constantinopel zu uns gewandert; nur daß wir den Zweck verändert, ihn unserer Liebhaberei gemäß mehr in das Sehen nach Außen, als das Zurückziehen nach einem noch intimeren Innern gelegt haben. Die Gedanken erlaubten sich eben auch ohne die Telegraphen und die Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts ihre Reisen um die Weltzu machen. Noch vollkommen erhaltene Beispiele solcher byzantinischer Erkerbauten, die also auch für deren Verpflanzung von dort nach Deutschland zeugen, finden sich in der Burg Carlstein bei Prag. Sie ist zweifellos von byzantinischen Künstlern gebaut, wie sie denn auch mit byzantinischen Mosaiken und mit in die Wand eingelassenen Gemälden der byzantinischen Malerschule geschmückt ist. Ganz Böhmen zeigt in den Anfängen seiner Kunst die Abstammung von der griechischen Mutter am Bosporus.
Die Giebel des Gebäudes sind auch heute noch nach dem Brande erhalten, die Zwischengeschoße aber seitdem eingestürzt, oder stürzen doch fortwährend ein. Der oberste Saal, der offenbar das Hauptstück des Gebäudes war, erinnerte mich lebhaft an einen anderen nicht weniger bedeutungsvollen, den im festen Schlosse zu Eger, welchen Barbarossa gebaut, und die todtgeweihten Wallenstein’schen Generale zu ihrem Henkersmahle benutzt haben. Auch jener Saal ist im selben Style des Rundbogens gebaut und scheint mir überhaupt, so wie er mir in der Erinnerung blieb, diesem hier in gar Vielem ähnlich. Solche Vergleiche werden durch Gegenstände der entlegensten Länder geweckt. Ganz von dem Menschen hervorgerufen können sie nicht sein; es muß den Dingen etwas Gemeinsames zu Grunde liegen. Es ist als ob dieselbe Seele von dem einen Orte zu dem anderen nur hinüber gewandert wäre und als ob der ahnende Geist sie dort wieder erkenne. Luft, Geruch, Töne und alle übrigen Reizungsmittel der Sinne tragen dazu bei, diese Erkenntniß zu wecken. Es wäre zu bedenken, ob dieses häufige Finden von Aehnlichkeiten nicht auch als ein Unterstützungsmittel für die Lehre von der Seelenwanderung zu verwenden wäre.
Der Palast, wie er heute steht, ist offenbar nur ein Theilrest von dem früheren, größeren Ganzen. Er wird durch Gänge, die vielleicht auf und in den Stadtmauern fortliefen, mit den übrigen Pavillons verbunden gewesen sein; denn entsprechend dem orientalischen Geschmacke war gewiß auch diese Palastanlage keine massig zusammengeballte, sondern eine über weite Räume mit zwischenliegenden Höfen und Gärten zerstreute. Die Fenster und Thüren, welche man heute noch in der äußeren Ansicht der Stadtmauer eingemauert sieht, mögen Reste aus jener Anlage sein. Daß sie aber derjenige Palast sei, welchen Constantinfouri le mureangelegt und den zu schützen Kaiser Heraklius 635 die erste Stadtmauer um das Viertel der Blachernen gezogen habe, ist wenig wahrscheinlich. Dann wäre wohl die Mauer etwas weiterumden Palast und jedenfalls nichtunterihn gebaut worden. Ich glaube vielmehr, daß dieser Palast ein viel späteres Product ist, daß er nicht die Restauration der Stadtmauern unter Leo dem Armenier (813–820) gesehen, daß er frühestens seinen Ursprung dem neunten Jahrhundert verdankt. Das ganze festungsartige Aussehen deutet darauf hin; auf eine Zeit, welche sich auch gegen das Innere der Stadt zu schützen hatte. Man irrt eben, wenn man annimmt, daß die spätere Kunst der Byzantiner nicht mehr im Stande gewesen sei, ein Bauwerk wie das hier stehende aufzustellen und herzurichten. Ich behaupte gerade dagegen, daß sie noch im 12. und auch im 13. Jahrhundert die geschickteste und auch die mustergiltigste gewesen; wie ich denn auch behaupte, daß das Reich der byzantinischen Mode weit mehr in die neuere Zeit hinüber gedauert habe, als man gewöhnlich annimmt, und daß sie den Verfall der oströmischen Macht weitaus überlebt habe. Wir selbst leben heute noch im byzantinischen Zeitalter, und eine spätere Zeit, die mit größeren Zahlen rechnet, wird dieses anerkennen.
Das Wahrscheinlichste ist sogar, daß diese Reste eines byzantinischen Kaiserpalastes, wie sie uns überliefert worden, von der Restauration herrühren, welche der große Komnene Manuel (1143 bis 1180) documentarisch erwiesen an dem Palaste auf dem Hebdomon vornehmen ließ. Von da an ward dieser Palast auch die Hauptresidenz der byzantinischen Kaiser, und all die grausen Schicksale der Komnenen wie der Paläologen, die Einnahme der Stadt durch die Lateiner wie die durch die Türken spielten hier ihre traurigen Epiloge ab. Die Räume, die ich durchwanderte, sind so geweiht genug von dem Geiste der Geschichte. Meinem Begleiteraber erschien dieses nicht so. Er suchte ihren Stammbaum bis auf die Römer zurückzuführen, und erklärte mir: daß in diesen Mauern der erste Constantin schon gehaust, und in jenem dach- und bodenlosen Saale die Gesetzgebungscommission des Justinian getagt habe.
Lange währte unser Streit über diesen Fragepunkt, und da wir früher viele Zeit an die Besichtigung, nicht weniger lange an die Abconterfeiung der Ruine gewendet hatten, so kam die Nacht mit so später Stunde über unsere unvollendeten Arbeiten herein, daß wir beschlossen, gar nicht nach Pera zurück zu kehren, sondern in diesem Stadttheile den nächsten Tag zur Vollendung unserer Projecte abzuwarten. Aus einem benachbarten Caffeehause ließen wir uns Kaffee bringen, Brod und einige Früchte fanden sich ebenfalls, Plaids hatten wir mitgebracht, und so genährt und versorgt bereiteten wir uns das Lager in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
Mir wurde die Nacht eine gräßliche. Lange konnte ich nicht schlafen; die Hunde bellten, und meiner Phantasie klang es wie Schakal- und Hyänengeheul. Der Mond ging auf und die Sterne verdüsterten sich; dann als die Luft kühler wurde, zog sie mit leise bewegten Tönen durch die leeren Hallen des Palastes. Seine Fenster ließen das Mondlicht, das nun auch vom Winde getrieben wurde, flackernd in das regungslose Dunkel der Schatten einfallen: es war als sei Alles darin lebendig geworden und Geister wieder auferstanden, die in Blut und Mord zu Grunde gegangen. Es muß in diesem Stadium gewesen sein daß ich einschlief. Ein Traum befiel mich, — denn anders kann ich es doch nicht glauben, was mir heute Morgens in der Erinnerung ist, — der wohl an die Gespräche anknüpfte, die ich mit meinem Begleiter so lebhaft über den Werth oder den Unwerth des justinianeischen Rechtes für die europäische Welt geführt hatte. Ich leitete von dem römischen Rechte alles Unheil ab, welches uns seitdem betroffen hat: die Dogmatisirung unseres Glaubens und die Verbureaukratisirung unseres Staatswesens. Der römische Geist war seit jeher ein mitVorliebe in die spanischen Stiefel der Rechtsgelehrsamkeit eingeschnürter; er zersplitterte und zerspaltete, secirte und theilte jeden nur irgend möglichen Gedanken, daß zuletzt von dem Ganzen, von dem natürlich Gegebenen, nur Worte übrig blieben, die er dann in Paragraphe zusammenstellte und denen er einen beliebigen Begriff beilegte. So ist das römische Recht oder so erscheint es mir wenigstens. Von der Natur der Dinge, vom Rechte, das mit uns geboren ist, ist nur gar selten ein Körnchen übrig geblieben, und seitdem bei uns diese fremde Pflanze eingepflanzt worden ist, ist auch in Deutschland der gesunde Menschenverstand und seine Berechtigung zu den Todten gegangen. Durch das Studium grauser Fictionen wird er in den jungen Köpfen erstickt, und wo er sich noch in einigen ungebildeten Seelen erheben will, da wird er als revolutionär und ungesetzlich niedergeschlagen. Unser ganzes irdisches Leben ist von diesem Geiste der Wortspalterei und der Unnatur zu Grunde gerichtet. Das Gefühl gilt nichts; damit aber das Wort Alles entscheide und ein solches System der Bevormundung geübt werden könne, brauchten die Fürsten, die durch das römische Recht erst Alleinherrscher wurden und es darum herüber nahmen, ihre Helfershelfer, und diese sind die Beamten. So haben wir diese Drachensaat erhalten, die zuerst Kaiser Maximilian in den deutschen Boden säete. Wohl heißt er mit Recht derletzteRitter, aber er selbst war es, der das Ritterthum und alles das, was die juristenfreundliche Welt der Neuzeit dem Geiste der heutigen Cultur feindselig glaubt, zu Grabe getragen. Und nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt, auch auf dem religiösen zeigte das römische Recht seine übeln Folgen. Sobald sein Geist die Köpfe unserer Religionslehrer erfaßte, galt das formlos gegebene Wort Christi weniger seiner Meinung als seinem Buchstaben nach. In den Schulen römischer und griechischer Rhetoren wurden unsere Kirchenväter gebildet, und wenn sie ihr Glaube auch rein von der Beimischung heidnischer Philosophemen bewahrte, so konnte er es doch nicht vor der Ansteckung schönrednerischer Dialektik. Die griechischen Kirchenlehrer insbesondere sind diesem Geiste der Wortgiltigkeit völlig erlegen. Sonderbar, daß man im Oriente selbst die eigentliche Sprache des Orientalen, welche eine mehr durch Bilder und Zeichen als durch Begriffe redende ist, so verkennen konnte, und daß gerade in Constantinopel das römische Recht, diese Justiz der bloßen Förmlichkeit, seinen äußersten Triumph, seine Alles beherrschende Constituirung feiern konnte. So abseits von der ursprünglichen Heerstraße des Bildungsganges eines Volkes gehen zuweilen seine Wege und so nahe stehen sich dann die Gegensätze gegenüber. Erst der Mohammedanismus kam wieder auf die alte Sprache zurück; darum aber auch seine so raschen und so weitgehenden Erfolge in diesen Ländern des griechischen Christenthums. Er brachte, was eigentlich in dem Sinne der Leute lag, die Freiheit des Denkens und des Glaubens und die Ungebundenheit der Sprache. „Es ist nur ein Gott und Mohammed sein Prophet,“ die einzige Grenze seines Gesetzes, gestattet jede Philosophie und weitere Abartung. Die vielen Secten des Mohammedanismus sind nur deshalb weniger auffällig als die des Christenthums, weil sie geduldet und nicht mit Feuer und Schwert verfolgt werden.
Den schwersten Trumpf, die Anklage ob der Verdrehung unserer Religion, hatte ich zum Schlusse unserer Unterredung gegen das römische Recht geschleudert. Vielleicht wollten sich dafür Justinian und Tribonian, die Väter dieses Rechtes nach unseren Vorstellungen, an mir rächen und erschienen darum in meinen Träumen. Ich sah die ganze Gesellschaft, die 17 Männer, Tribonian an ihrer Spitze, die vier gelehrten Professoren, Theophilus und Cratinus von der Universität zu Constantinopel, Dorotheus und Anatalius von der zu Berytus unter ihnen, mit ernsten, bedächtigen Köpfen um einen großen Marmortisch sitzen; hörte wie Jeder sein bestimmtes Quantum an Excerpten, die er aus dem Ueberflusse der römischen Quellen ausgesogen hatte, näselnd vorlas; hörte dann wie Tribonian verwarf oder approbirte, wie endlich Justinian mit mächtiger Stentorstimme eine vertheidigende Lobrede gegen mich gewendet hielt, die zuletzt in Drohungen ausartete, den Gegner bestrafen und züchtigen zu wollen und sah, wie sie darauf Alle aufstanden, sich gegen mich kehrten, die Fäuste ballten — dann wie Alles in der Bewegung über und unter ihnen zusammenfiel, die Mauern und die Säulen, daß mich das Geräusch aufweckte und ich wenige Schritte vor mir einen gewaltigen Quaderblock, der aus der obersten Giebelmauer herabkam, in den unten schon gehäuften Schutt einschlagen sah. Grauer dämmernder Morgen war um mich. Verscheucht durch die Träume und noch mehr durch das letzte Ereigniß war jeder Schlaf unmöglich. Ich stieg auf die Stadtmauer hinauf und von dort aus, die baumlosen Friedhöfe der Armenier und die cypressenbewaldeten der Türken unter mir, sah ich den Tag kommen, der rosig und sonnig hinter den bythinischen Hügeln des Bosporus aufstieg und bald mit seiner Wärme alle Schrecken und alles Grauen der letzten Nacht verscheuchte. — So habe ich eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes zugebracht.
Constantinopel, den 25. Juni.
Schon mehrfach sind mir Aehnlichkeiten zwischen den heutigen türkischen und den früheren byzantinischen Landessitten aufgefallen. Vielleicht hat sie nur die natürliche Nachahmungssucht des weniger gebildeten Nachfolgers, vielleicht aber auch der allgemein giltige Einfluß des Klimas veranlaßt. Pflanzen und Thiere modeln sich nach den Bedingungen ihres jeweiligen Bodens, warum sollte der Mensch allein von diesem Gesetze ausgenommen sein? So ist die Menge der sultanlichen Lustschlösser wie eine Erbschaft aus byzantinischer Zeit und daß sie immer noch wie damals gebaut werden, wohl ein Beweis für jene allgemein giltige Wirkungskraft des Klimas. Es sind keine großen, massigen Palastanlagen mit himmelhohen Stockwerken und endlosen Fronten wie unsere Herrschersitze, sondern kleine, niedere Pavillons, die in den Gärten zerstreut liegen, nur ab und zu durch Gallerien verbunden; selten sind oder waren sie höher als ein Stockwerk. Ihr Material ist vielfältig Holz und war, wenn auch gerade nicht dieses vergängliche derTürken, so doch gewiß nicht der unverwüstliche Stein, der in Rom und Athen so viele Reste gelassen hat. Die Verwüstungen, welche dort über den Boden gegangen sind, waren nicht weniger versengend als hier, und doch ist in Constantinopel nichts übrig geblieben von all den prächtigen Palastanlagen, die Constantin Porphyrogenetus in seinem Lehrbuche der byzantinischen Hofceremonien schilderte, als die einzige des Hebdomon, und auch diese sah ich gestern erst, berührt von einem einzigen Gluthauche, vor meinen eigenen Augen „stürzen über Nacht“. Ihre Mauern sind eben die lebendigen Zeugen für die lockere Bauweise auch der Byzantiner; Ziegel und nur ab und zu Steine beigemischt, war der hauptsächliche Stoff ihrer Gebäude. Und wie durch den Styl und die Bauweise, so gleichen sich auch durch die Lage die heutigen und die früheren Kaiserpaläste; Türken und Byzantiner beweisen dadurch wie sehr ihr Auge empfänglich für die Schönheit der Natur ist. Denn die meisten dieser Paläste zeichnen sich dadurch vor den Häusern anderer Sterblicher aus, daß sie den weitschauendsten und den begünstigsten Ausblick auf das Marmora-Meer, das goldene Horn, die süßen Wässer von Europa und Asien, den Bosporus oder das schwarze Meer haben. Dieser Ueberfluß an Wohnhäusern erscheint übrigens um so befremdlicher als alle, oder doch die meisten derselben, zugleich dem Bedürfnisse des Stadt- und des Landlebens genügen. So insbesondere Dolma-Bagdsche, das dem Einfahrenden vom Marmora-Meere her gerade gegenüber auf der Küste von Europa erscheint und dem der jetzige Sultan doch einen Rivalen auf dem jenseitigen Ufer von Asien in dem insbesondere bunten Marmorpalaste von Beylerbey erbauen läßt.
Die Paläste bei Ejub im Hintergrunde des goldenen Hornes, bei den süßen Wässern von Europa, das Serai und auch die beiden reizenden Köschke auf dem europäischen Ufer hinter Pera in einer Schlucht versteckt, die sie den großen und kleinen Flamur nennen, habe ich schon früher besehen; heute ward mir gelegentlich des Sultansfestes dasselbe mit Dolma-Bagdsche zu Theil. Der Sultan feiert nämlich heute und mit ihm das ganze Reich seinen Geburtstag. Zur Verherrlichung dieses einzigen officiellen Festes der Türkei empfängt er in den Vormittagsstunden das gesammte diplomatische Corps.
Die erste Ceremonie, die wir durchzumachen hatten, war an dem äußersten Palastthore, die Begrüßung durch einen jungen Officier; groß und schlank gewachsen, im türkischen Kleide, blau und roth, reich mit Gold gestickt, stellte er sich ganz passend in die Phantasiebilder von orientalischer Pracht, welche wohl Jeder mit hieher in dieses Sultansschloß bringt. Auch die Wache hinter ihm ließ sich in diese Erwartung einfügen, lauter schön gebildete und reich gekleidete Bursche. Der Officier sprach vortrefflich Französisch. Mit verbindlichen Geberden geleitete er uns durch die Gärten des Palastes zu den Marmorstufen, welche in das Erdgeschoß hinaufführen. Chiamil Bey, der Ceremonienmeister, eine kleine, lächerliche Figur, nahm uns dort in Empfang. Ein großer Salon, rechts daneben ein kleiner und endlich ein drittes größeres Zimmer waren die zur Versammlung des diplomatischen Corps geöffneten Räume. Wir waren die ersten; die Preußen, die Franzosen die nächsten; dann eine endlose Folge der Vertreter der anderen Mächte, Bulwer mit den Engländern die letzten.
Der Blick von Dolma-Bagdsche aus dem Fenster des dritten Salons, an dem ich mich aufgestellt hatte, dringt zwischen Asien und Europa durch auf das Marmora-Meer, reicht bis zu den Prinzen-Inseln und dem Olympe, schließt links Skutari, rechts die Seraispitze und die Mündung des goldenen Hornes ein und hat unmittelbar vor sich den Strom des Bosporus mit den Dampfjachtflottillen des Sultans, den Stationsdampfern der fremden Gesandten und den Handelsschiffen aller Nationen. Er ist so schön, daß man die Köschke des Serais beinahe ohne Bedauern verwaist liegen sieht. Es war gewiß, wie auch die Uebertragung des russischen Herrschersitzes vom Kreml nach dem Petersburger Winterpalaste, ein Act der Reformationspolitik, welcher Mahmud die Schauerstätten der Seraispitzen mit diesem noch unbefleckten Boden des Bosporus vertauschen ließ. Das Serai in seiner Verlassenheit ist ein Stück der abgespielten türkischen Geschichte, wie es für Frankreich Versailles ist, und St. Cloud und Compiegne — wer weiß wie bald schon — sein werden. Die Menschen prägen eben auch der Erde wie ihren Gesichtszügen den Stempel ihrer Leidenschaften auf; mehr oder weniger deutlich trägt Jeder, der Einzelne wie der Ort, dastravaux forcésseiner Schicksale in seinem Fleische eingebrannt.
Dolma-Bagdsche ist ein weitläufiges Gebäude; ein höherer Mittelbau steht zwischen zwei Seitenflügeln, die durch ebenerdige Gallerien mit ihm verbunden sind. Wohlgepflegte Gartenanlagen und blendend weiße Kieswege umziehen das Ganze. Auf drei Seiten führen freistehende, hohe Thore, prächtig als sollten sie Triumphpforten vorstellen, zu ihm; auf der vierten, gegen Süden gekehrt, hat er das Meer, feste Marmorquais und ein vergoldetes Gitter, das ihn dort abschließt, vor sich. Nur der rechte Flügel dient dem Privatgebrauche des Sultans, der linke gehört den Frauen und der Mittelbau den Zwecken der staatlichen Repräsentation. Dieser erhebt sich zu der Höhe venetianischer Paläste. An Venedig überhaupt mahnt der ganze Palast durch seine Lage, aber auch durch seinen Baustyl, den eines geschmackvoll ausgebildeten Rococo. Noch ähnlicher finde ich ihn dem Dresdner Zwinger und so insbesondere seine drei Thore. Es scheint, daß dieser Styl, verbannt aus den Geschmacksregistern des heutigen Europa’s, nunmehr der Liebling der türkischen Sultane geworden ist. Die meisten ihrer neueren Bauten sind darin gebaut. So jene beiden Flamure, der große und der kleine, welche ich eben ob ihrer Zierlichkeit belobte; so der kaiserliche Köschk bei den süßen Wässern von Asien; so der Köschk in Top-Hane, die Moschee daneben, die Moschee Abdul Medschid’s neben Dolma-Bagdsche, und so wird eben der prachtvollste aller neueren Paläste, der in Beylerbey, gebaut. Und das ist wahr, besser als hierher paßt dieser wollüstige Styl nirgends hin und ihm wieder dienen der hiesige Sonnenglanz, die Farbenpracht der Blumen und das Meer, das spiegelnd vor seinen Mauern ausgebreitet liegt. Es ist als habe der Orient in endlicher Entwicklung seiner Kunst die ihm vom Anfange an bestimmte Form endlich gefunden und Europa im vorigen Jahrhundert nur entlehnt, was eigentlich hierher gehört.
Im Inneren des Palastes sind die prachtvollsten Theile das Bad, die Treppe zu den Privatgemächern des Sultans und der große Ceremoniensaal, welcher allein für sich den ganzen Mittelbau füllt. An der Treppe kamen wir vorüber, als man uns zur Audienz nach jenem Saale führte. Weiße Krystallgeländer fassen sie ein und rothes Glas deckt ihre Kuppel, so daß die Stiege wie aus Rubinsteinen gehauen erscheint. Sie überrascht wie der erste Anblick einer besonders schönen Balletdecoration. Es ist der glückliche Gedanke, den man hier vorzüglich loben muß, denn das Weitere in der Ausführung ist dann ziemlich einfach. Und am glücklichsten ist dabei die Beschränkung, welche das Treppengeländer und die Stufen weiß ließ; dadurch wechselt das Roth in ihm, je nachdem das Sonnenlicht heller oder gedämpfter durch die gefärbte Kuppel einfällt, scheint wie mit eigener Kraft aufzuflammen und jetzt wieder auszulöschen. Das ist etwas von „Tausend und eine Nacht“, und ebenso ist es auch der Thronsaal. Divansaal müßte man eigentlich sagen, denn auf der Stufe, wo bei uns der Fürstenstuhl steht, ist hier ein breiter Divan aufgestellt, mit rosenfarbener Seide überzogen und in purem Golde gefaßt. Der Saal ist eigentlich viereckig, erscheint aber länglich, weil auf den zwei Langseiten vorspringende Säulenstellungen die Breite für das Auge vermindern. Auf allen vier Seiten sind Fenster; durch die, welche sich auf den Breitseiten gegenüber liegen, schaut man auf der einen Seite die blaue Fluth des Bosporus und die rothen Hügel Asiens, auf der anderen Seite das Grün der sorgsam gepflegten Gartenanlagen. Eine mächtige Kuppel deckt den Saal; vier Bogen, die aus ihr herabfallen, tragen sie; absteigend niedriger gereiht schließen sich Halbkuppeln und zuletzt Nischen daran, in welchen die 12 Fenster angebracht sind. Auf den Langseiten sind je zwei Säulen tragend zwischen die Fenster gestellt, auf den Breitseiten nur je eine. Von der Kuppel hängt ein Krystall-Luster für 10.000 Kerzen herab, und in den vier Eckenstehen auf bunten Marmorsockeln riesige Kandelaber, die beinahe bis zur Höhe eines Stockwerkes aufwachsen. Vier andere aus Silber mit Lilienkelchen, um das Licht zu bergen, stehen neben dem Divan und ihm gegenüber am anderen Ende des Saales. Das ist die einzige Möblirung. Der Kronleuchter ist derselbe, welchen ein Windstoß auslöschte, als der Sultan hier in diesem Saale zur Feier des Friedensschlusses nach dem Krimkriege den Vertretern der Großmächte ein großes Bankett gab. Ein ominöses Zeichen, welches auch damals unheilvoll gedeutet ward.
Heute standen im Kreis an den Wänden herum die hundert Garden: Kurden, Tripolitaner, Araber, Albanesen, Griechen, Türken u. s. w., junge Leute aus den besten Familien, die in dem reichsten Schmucke ihrer Trachten dem Sultan die Unterthänigkeit ihrer Heimathländer repräsentiren sollen. Die meisten sind von edler Gesichts-, alle von großer, starker Körperbildung. Durch Glanz der Gewänder, der Gaze-, Sammt- und Seidenstoffe, der Juwelen und Goldstickereien gefielen mir die Fürstensöhne von Tripolis am besten. Wer diese Garden nicht in ihren Galakleidern gesehen hat, hat keinen Begriff, bis zu welchem Klimax die Verschwendung der Toilette hinaufsteigen kann. Auch das kann so nur einmal im Alterthume gewesen sein, und ist wohl aus jener Zeit bei diesen weniger vergänglichen Völkern ein Ueberbleibsel der Mode. In Byzanz muß dieser Luxus fortgedauert haben; bei uns gestattet die Sitte heute auch der schönsten Frau eine solche Gold- und Farbenpracht nicht, man würde sie geschmacklos schelten und doch verlangt das Auge eigentlich Farben.
Die Kanonen der türkischen Flotte, der Landbatterien, der fremden Stationsschiffe donnerten. Der Himmel, der bis dahin umwölkt gewesen, klärte sich, voller Sonnenschein fiel hell und leuchtend in den Saal. Der Sultan, so vom Himmel und der Erde zugleich begrüßt, trat neben dem kaiserlichen Divan durch eine Seitenthüre ein, rasch, mit festem Schritte. Klein, breitschulterig, von gedrungenem, starkem Körperbaue, in dunklem, militärischem Ueberrocke, stach er auffallend von dem Glanze ab, der um ihngelagert war; ein Orientale würde sich ausgedrückt haben: wie der Erdball, dem das Sonnenlicht huldigen muß. Sein schwarzes Auge blickt heftig. Leidenschaftlicher als dieses ist vielleicht nur noch der Schluß seiner Lippen. Die Mundbildung überhaupt ist verrätherisch für die Geheimnisse des Charakters. „Ein angenehmer Mund“ ist darum eine Bemerkung, womit ich Männer oft bezeichne, und „ein gemeiner“ eine, die ich von mancher berühmten Schauspielerin schon behauptet habe. Dem Sultan wagt sich in den Augenblicken seiner Erregtheit nur seine Mutter in die Nähe. Ihr Einfluß ist ein großer und hinwiederum der aller Frauen, welche Zutritt zu ihr haben. Man muß alle diese Fäden kennen, um die Politik der türkischen Minister, aber auch um die oft winkelziehende Diplomatik der fremden Gesandten zu verstehen. Wer hieher kömmt mit unseren landläufigen Ideen vom Nichtsgelten der türkischen Frauen, wird die feingesponnenen Fäden nicht zerreißen, aber gar bald darin sich gefangen sehen.
Der Sultan, der die alte Etiquette wieder hergestellt, spricht mit den Vertretern der fremden Mächte nur durch den Mund eines Dolmetsch. Ali Pascha übersetzte ihm die Glückwünsche der Botschafter und Gesandten und ihnen die Antworten des kaiserlichen Herrn; doch erkannte man an dem beifälligen Lächeln, womit er schon in der französischen Auflage die poetische Begrüßung des österreichischen Internuntius aufnahm, daß er diese Sprache verstehe. Dieser Diplomat war auch der einzige, mit dem er sich länger und aus den Formen der Etiquette heraustretend unterhielt.
Es ist ein Irrthum den Sultan für geistig unbedeutend zu halten. Abdul Aziz hat vielleicht gerade durch seine Liebhabereien dem türkischen Volke mehr genützt als irgend ein heute regierender Fürst dem seinigen. Er will die Umkehr zu dem Alten, wenigstens zu dessen Ausgangs- und Zielpunkte: dem Koran und dem Glauben, ohne deswegen zur Fahrbarmachung des zwischenliegenden Weges die neuen Mittel der Civilisation zu verschmähen. In diesem Sinne hat er den türkischen Soldaten ein Nationalkleidwiedergegeben; und hat er den Muth, ihnen in dem Augenblicke der Gefahr auch den alttürkischen Glauben wieder frei zu lassen, dann wird es mit der Eroberung Constantinopels durch moskowitische Ränke doch etwas länger dauern, als die europäische Journalistik prophezeit. In seinem Volke muß er den besten Theil seiner Kraft suchen, und wird sie finden, wenn er dem Volke nur wieder erlaubt das zu sein, wozu es erschaffen ist. Wer seine Anfänge verleugnet, geht zu Grunde, denn jeder Baum lebt nur durch seine eigenen Wurzeln; und wirklich glitten seine Vorgänger abwärts, seitdem sie die Stütze der europäischen Großmächte annahmen. Darum finde ich es ein hoffnunggebendes Zeichen, daß Abdul Aziz den fremden Botschaftern unzugänglicher geworden ist als es Abdul Medschid war.
Den Schluß des Tages verherrlichte Ali Pascha mit einem Balle, den er in seinem Landhause zu Bebek am Bosporus gab. Schon um 8 Uhr führten Dampfer in seinem Dienste die Gäste von der Hafenbrücke aus dorthin. Ich wollte auch die Fahrt in ihrem ganzen Werthe bei völlig herabgesunkener Nacht genießen, langsam und ungestört; darum setzte ich mich um 9 Uhr bei Top-Hane ins Kaïk und ließ mich gemächlich aus dem goldenen Horne in den Bosporus rudern. Und so herrlich das Fest, diese Fahrt war der schönere Theil der Nacht. Die Hügel von Stambul, von Skutari, von Galata und Pera, und bis zum schwarzen Meere hinaus die Ufer des Bosporus waren beleuchtet. Die Moscheen trugen Lampenkränze; die Thürme waren von oben bis unten mit Lichtern überzogen, am schönsten der Leanderthurm, weil er abgetrennt von allen übrigen auf seiner Insel, wie feurig aus dem Meere geboren, vereinsamt schwamm. Um die Quais von Top-Hane waren lichte Bogengänge gewunden, an sie schlossen sich die Paläste an, welche hart am Meere stehen, alle mit Lichtern in mannigfaltigen Formen bedeckt. Ueber ihnen standen beherrschend die großen Linien der Kasernen. Auf dem Wasser schwammen Flöße, von denen Feuerwerke in die Luft stiegen, in weiterer Entfernung leuchteten elektrische Sonnen und das so hell, daß fürAugenblicke die entlegenste Ferne näher und deutlicher als selbst in dem Tageslichte erschien. Musik klang von den Ufern aus den Harems der Paschas heraus; über mich weg donnerten die Breitseiten eines Linienschiffes, an dem ich eben vorbei fuhr; dann, als wieder Ruhe und Dunkel sich um mich gelagert hatten, kamen mir die weichen Molltöne eines türkischen Liedes begleitet von den rauhen Schlägen der Tarabuca entgegen. So war Freude und Lust überall, ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes, von den unserigen aber merkwürdig dadurch unterschieden, daß sich eine Million Menschen und diese sogar Türken, Griechen, Armenier, Juden, alles untereinander, längs dem Gestade bewegte oder in tausenden von Booten den Bosporus befuhr, ohne die leiseste Unordnung, ohne ein unfreundliches Wort, ohne Haß, Zank und Streit. Kein Besoffener war zu sehen, keine Frau, kein Mädchen hatte Unanständiges zu gewärtigen; nirgends Soldatenrohheit, nirgends Polizei — aber überall angeborene Sitte, und darin liegt es.
In der Nähe des Landhauses wurde die Fahrt weniger bequem, durch die vielen ab- und zugehenden Dampfer sogar gefährlich. Masten und Taue trugen sie zwar mit Lichtern umwunden, aber das Licht selbst hinderte durch die Blendung am Sehen. Wohl eine halbe Stunde brauchte es, bis wir uns durch die Menge der vorliegenden Boote den Weg zu der Landungsbrücke durchgebohrt hatten; zuletzt gelang es uns nur durch die commandirende Beihilfe eines türkischen Officiers.
Das Haus und die dahinter liegenden Hügel glänzten mit tausenden von Lichtern. Das Innere, Vorplätze, Treppen und Salons, klein und einfach eingerichtet, war nur die Folie zu dem Eindrucke, welchen der Garten machte, wenn man auf die Brücke trat, die vom ersten Stocke zu ihm hinüber reicht. Ausgebreitet lag ein weites Parterre von Lampen, die bunt in allen Farben zur Nachahmung von Blumen in Beeten gesammelt und geordnet waren. Aus dieser Fläche stieg Terrasse über Terrasse die Höhe hinauf, bis zum höchsten Punkte reichlich beleuchtet. Auf Gerüsten zu architektonischen Verzierungen vereinigt, in den Cypressen undPinien, Lorbeer- und Granatbüschen vertheilt hingen die Lichter, Dunkel und Helle auf das glücklichste wechselnd; dazwischen in Transparentschrift der Namenszug des Sultans und das übliche: „Er lebe tausend Jahre!“ — Auf der zweiten Terrasse empfing ein prächtiges Zelt die Gäste. Zwölf Säulen, aus Gold gewunden, trugen die Decke aus blauem Atlas mit Edelsteinen und Gold gestickt; in breiten Falten fiel sie auf drei Seiten herab. Suleiman der Große soll schon vor Szigeth unter diesem Juwelendache gehaust und getafelt haben. Ueber das Zelt herab neigte sich von der oberen Terrasse eine Reihe machtvoller Pinien. Das grelle Licht, das von unten hinauf in ihre Kuppeln stieg, ließ sie wie in rosige Schleier gehüllt erscheinen. Diese Pinien zogen mich am meisten an; bei ihnen war Ruhe und Einsamkeit und doch zugleich auch der Anblick der ganzen Herrlichkeit. Von Asien herüber leuchteten die Landhäuser, und rechts und links auf europäischem Boden die beiden Arme der Bucht entlang bis nach Rumili Hißar und dem anderen Vorgebirge, und in ihrem Becken selbst war Alles licht und glänzend. Nur der Bosporus weiter draußen blieb dunkel und nächtig; seine Breite bezwang kein Licht. Ab und zu trat aus dem Schatten der Laubgänge eine der prachtvollen Gestalten der hundert Garden in weiße Brussa-Stoffe oder rothe Sammt-Mäntel gehüllt; langsam, abgemessenen Schrittes und ohne mich zu beachten, gingen sie vorüber. Einmal so auch der Sultan, vermummt in die Kapuze seines Militär-Mantels mit einem einzigen Begleiter. Man hatte mir früher gesagt, daß er so anwesend sei, um das Fest seines Ministers mitzugenießen, weil ihm die Etiquette den öffentlichen Besuch eines Hauses seiner Unterthanen verbietet. Ich habe nie eine Situation erfahren, die mehr als diese gestimmt zu einem Abenteuer gewesen wäre, und so sehr ging ich selbst in dieser Stimmung auf, daß ich mit jeder schwindenden Minute nur um so fester an dessen Kommen glaubte. Aber das, was dazu nothwendig ist, schöne Frauen, die fehlten beinahe gänzlich. Es war von der Gesellschaft Pera’s nur ein geringer Theil erschienen, die meisten waren Fremde und diese nicht eben des jugendlichsten Alters. In jedem anderen Punkte übertraf dieses Fest unendlich das, was Europa bei solchen Gelegenheiten bietet. Manches Widerspruchsvolle lief freilich mit unter. So standen die Diener, welche in dem gold- und juwelengestickten Zelte Suleiman des Großen das Gefrorene servirten, ganz gemächlich in den Hemdärmeln, die Aermel sogar hinaufgerollt, daß der bloße Arm zum Vorschein kam und mit weißen vorgebundenen Schürzen da. Hier störte dieses Niemanden; Jeder fand dieses Costüme wohl dem Geschäfte angemessen, mich aber — ich will es nur gestehen — verletzte es, und das Gefrorene wollte mir nicht schmecken, welches von diesen entkleideten Lakaien dargeboten wurde. So bringen wir es eben gerade in Kleinigkeiten nicht über unsere Gewohnheiten hinaus.
Einen ähnlichen Gegensatz zu dem Gewohnten bot die Rückfahrt, die ich auf einem Dampfer wählte, um schneller heimzukommen. Die Damen kamen auf das Schiff, die Röcke hoch hinaufgehoben, einige die sie über die Schultern gezogen hatten, andere sogar über den Kopf, weil sie in der Garderobe ihre Mäntel und ihre Kapuzen nicht gefunden hatten; die Herren saßen in den goldgestickten Uniformen, die Cigarren im Munde, hart an sie angedrängt, ungenirt schlafend, den Kopf auf die Schulter ihres Nachbarn gelehnt, bis ein unfreundlicher Stoß, oder der Fuß des Caffegi, der sich, schwarzen Kaffee anbietend, durchdrängte, sie aufweckte. Wer diesenretour d’un balnicht mitgemacht, der kann sich keinen Begriff von der Groteskheit, der Buntheit und der Ungenirtheit dieser Bilder machen.
Im Harem Ali Pascha’s hatte Lady Bulwer vorgetanzt. Sie konnte mir nicht genug die Grazie und den Anstand rühmen, womit die Frauen die Lanciers tanzten. Der Eingang zum Harem war neben dem Rauchzimmer auf dem Gange, nur durch ein paar spanische Wände und Eunuchen verstellt, so daß die europäischen Damen immer frei ab- und zugehen konnten. Im Herrenhause machte die Fürstin von Samos die Honneurs.
Ali Pascha ist ein kleiner, langsam und bescheiden sich vorbeischiebender Mann, die unansehnlichste Figur seines ganzen Festes, in Allem das gerade Gegentheil seines Collegen und Vorgesetzten im Amte, Fuad Pascha’s. Der Großvezier ist eine hohe, breitschulterige, beinahe athletische Gestalt, heftig im Gange und in der Bewegung, und so auch im Worte, in seiner Denk- und Handlungsweise. Ali Pascha ist milde und versöhnlich, ein verkörperter Gedanke des Korans; Beide ergänzen sich und ihr Wirken. Der Orientale hat eine Selbstverläugnung der Eitelkeit, deren ich kein europäisches Volk fähig glaube; ihm ist mehr um das Wesen, als um den Schein zu thun. Man sehe sein Haus an, außen verfallene, ungehobelte Dielen, drinnen — wenigstens im Frauengemache, das kein Fremder betritt — kostbare Divane und Teppiche, und nun vergleiche man das mit unseren anmaßungsvollen Bauten! Das Haus ist der Mann, und so sich zu bescheiden in seinem Aeußern wie jenes weiß der Türke. Der Sultan hatte unmittelbar nach seiner Thronbesteigung, veranlaßt durch französische Umtriebe, Fuad Pascha entfernt. Nach kurzer Zeit sah er die Nothwendigkeit ein, ihn wieder in das Amt zu berufen. Fuad erklärte, daß der Sultan in den Augen seines Volkes nicht Unrecht haben und es auch nicht eingestehen dürfe; er trat also in das Ministerium ein unter einer Puppe von Großvezier, bis genug Zeit seit dem letzten Ministerwechsel vergangen war, daß der Sultan anständigerweise ihn auch wieder mit dem Range der obersten Würde bekleiden durfte.
Constantinopel, den 28. Juni.
Keine Stadt der Welt, Rom und Athen nicht ausgenommen, war reicher an öffentlichen Denkmalen, als das alte Constantinopel; alle hatte es bestohlen, um sich damit zu schmücken. Keine ist ärmer, als das heutige; so wird erniedrigt, wer sich selbst erhöht. Außer den drei Resten auf dem Hippodrome und dem Stumpfe der verbrannten Säule in der Gasse von dem At-Meidan nach dem Platze der Sultan Bajasid Moschee sind nur noch drei Säulenschäfte und der Sockel übrig, den man für den Unterbau der Reiterstatue des Justinian hält. Man gibt gewöhnlich diese Verwüstung dem Einfalle der Türken schuld; das aber ist ein Irrthum. Das Constantinopel, welches sie eroberten, war schon ein zerstörtes, halb niedergebranntes, seit der Plünderung durch die Kreuzfahrer nie wieder ganz erholtes. Nicht als ob nach dem Jahre 1261 die Bewohner der Stadt nicht wieder an Reichthümern zugenommen hätten; der Boden ist ein so günstig gelegener und so fruchtbarer, daß hier schneller als an jeder anderen Stelle der Welt Vermögen, die verloren waren, wieder gewonnen werden. Die Natur selbst hilft dazu; mit unwiderstehlichen Strömungen zwingt sie von beiden Meeren die Schiffe zum Einlaufen in den Hafen, so daß er mit gutem Grunde das goldene Horn heißt. Aber der Kunstsinn, oder wenn man das zu schmeichelhaft für die Byzantiner glaubt, wenigstens die Kunstliebe war nicht wiedergekommen. Nichts trieb die Paläologen an, die umgestürzten Säulen und Statuen wieder aufzurichten. Auch hatten die Lateiner das Meiste so zerstört, das Metall eingeschmolzen, um Waffen daraus zu schmieden, die Vergoldungen abgekratzt, den Stein zerschlagen und verbaut, daß nicht einmal das Rohmaterial mehr übrig war. An tugendhaften Vorwänden zu diesen Grausamkeiten fehlte es ihnen nicht; bald war es ein Theodosius, den sie fällten, weil er einem Bellerophon ähnlich an das Heidenthum mahnte, bald wieder die Schuld des griechischen Glaubensbekenntnisses, die der Marmor oder das Erz verantworten sollte. Nie ist eine Stadt furchtbarer verwüstet worden als Constantinopel durch die christlichen Glaubensbrüder seiner Bewohner; vielleicht hat erst unser Jahrhundert das Gegenstück dazu geliefert, die Franzosen in Pecking. Was die Türken später thaten, war unbedeutend im Vergleiche zu diesem Vorhergeschehenen. Sie richteten sich schon den Tag nach der Eroberung häuslich ein, und da man in seinem Hause in Ordnung zu leben wünscht, bestätigten sie den Fremden ihre Vorrechte und verliehen den Griechen diejenigen, die sie bis heute als festgegliederte Körperschaft in Religion und Nationalität ungeschmälert bestehen ließen. Die Türken eroberten eben mit dem Gedanken und mit dem Willen an dauernden Besitz; die Lateiner hatten im Grunde ihres Herzens nie etwas Anderes gewünscht, als sich zu bereichern und mit dem Raube, jeder Einzelne für sich, in die Heimath zurückzukehren. Darum dieses unverständige Belasten des Volkes mit den Institutionen eines Fremdlandes; sie zeigten sich als unfähige Colonisatoren, wie sie sich auch später wieder in Amerika und Afrika bewährt haben. Wer gegen die Unduldsamkeit der Türken schreit, soll nur diese beiden Eroberungen derselben Stadt mit einander vergleichen und dann zusehen, auf welche Seite hin die Gerechtigkeit den Stein des Vorwurfes schleudern muß. Der einzige Fehler der Türken ist, daß sie von den ihnen übrig gelassenen Denkmälern nichts erhalten, wenn es nicht ihrem Cultus dienstbar ist; was verfällt, das lassen sie fallen. Aber wie lange ist es denn her, daß wir es anders machen?!
Den Sockel zu der Reiterstatue des Kaisers Justinian zeigte man mir zwischen dem At-Meidan und der Aja Sophia. Das entspricht der Lage, welche die alten Schriftsteller diesem Denkmale anweisen. Noch Gilles, der die Trümmer der Statue in der Gießerei sah, sagt: daß sie an der Ecke der Sophienkirche gestanden habe, welche gegen Westen schaut. Man steigt heute zu dem Würfel hinab, ungefähr gerade so tief, wie zu dem Boden der Aja Sophia; ein Brunnen ist darin angebracht, Häuser stehen darauf; ringsherum liegt die Erde in derselben Höhe wie auf dem Hippodrom und um die Aja Sophia aufgeschichtet. Trotzdem habe ich meine Zweifel, daß dieser Steinwürfel wirklich der gewesen sei, der die Statue des Pandekten-Kaisers getragen.
Ein anderes dieser Denkmäler, das ich erst heute besah, ist bei der Laleli Djami vorbei, die gerade Gasse weiter, einem großen Brunnen vorbei, im Viertel Awret-Bazar, die sogenannte Säule des Arkadius. Es sind dieses eigentlich nur mehr der Sockel und die untersten Blumengewinde der Säulenbase, aber sie verrathen schon, wie ungeheuer und weitbeherrschend dieses Denkmal gewesen sein müsse. Weit hinaus übersahen wir von der Höhe Meer und Land; ein türkisches Linienschiff, von der Schraube bewegt, dampfteeben in den Bosporus. Eine Weile ließ mich der Ausblick alles Andere vergessen. Die Mauern und die Treppe darinnen sind aus Marmorblöcken gefügt von überraschender Größe; sie brechen auseinander. Der Stein ist geschwärzt und verkohlt, wie die Säulen im Palaste der Blachernen; ein Zeichen, daß zuletzt wenigstens das Feuer an der Zerstörung der Säule gearbeitet haben muß. Kein Wunder, denn außen herum sind Holzhütten gebaut und im Innern des Sockels hat ein Schmied seine Werkstätte eingerichtet. In dem Plafond des Treppenabsatzes ist ein großes gleichschenkliches Kreuz ausgehauen und in den vier Ecken, die seine Arme ausschneiden, ein Alpha und Omega; so wenigstens übersetzt Professor Dethier die zwei Zeichen Α und ω. Man hat das zweite früher als ein zufällig schief gestelltes E gedeutet und dazu Arkadius und Eudoxia ergänzt, so daß der Beweis fertig schien, daß dieses die Säule des Arkadius gewesen, welche ihm für seine Siege über die Gothen aufgestellt worden war. Ein ganzer Theil des byzantinischen Stadtplanes wurde um diese Entdeckung aufgebaut; so leichtgläubig und behende sind die Archäologen. Ihre Wissenschaft ist mir beinahe gerade so verdächtig, als die der Statistiker. Um einen ausgegrabenen Stein mit wenigen sinnlosen Buchstaben darauf bauen sie ein ganzes Gebäude, um das Gebäude eine Stadt; das einmal Aufgestellte wird dann durch Jahrhunderte geglaubt, verwirrt alle Vorstellungen und hindert die weiteren Forschungen. Gerade hier in Constantinopel, je mehr ich mich umsehe, erkenne ich die Nothwendigkeit,tabula rasamit den Vorstellungen des bisher Erforschten zu machen. Vielleicht würde sich dann auch der bisherige Name dieser Säule als ein ungerechter beweisen. Ich glaube viel eher, daß er der crenelirten mit dem reichen korinthischen Kapitäl in den Gärten des Serais zukomme. Die dortige Inschrift macht es wahrscheinlich: „dem Besieger der Gothen“; das war Arkadius vor Anderen besonders. Die Angabe Pouqueville’s, die ihm Hammer als ein Mißverstehen des Gilles rügt, dürfte mit meiner Vermuthung auf der Wahrheit beruhen.
In dem ehemaligen Stadtviertel der Janitscharen suchte ichdas letzte der altconstantinopolitanischen Denkmäler, das mir noch zu besichtigen übrig blieb, die Säule des Marcian. Die Türken nennen sie Kistasch, Mädchenstein, und glauben, daß darauf einmal die Statue der Venus gestanden, von der die Tradition wie die Chroniken erzählen, daß sie die Jungfrauschaft der Vorübergehenden durch das sonderbare Mittel geprüft habe, ihnen die Röcke auffliegen zu machen, wenn sie eine nicht mehr ganz reine war. Ich möchte auch diese Tradition nicht unberücksichtigt gelassen sehen, wenn wieder einmal die Herstellung eines Stadtplanes des alten Constantinopels versucht wird. Trotz der Inschrift, welche alle Zweifel zu verbannen scheint, wer weiß denn, was früher und was später auf dieser Säule gestanden und ob das Wort des Volksmundes nicht ein Körnchen davon festgehalten hat? Hammer hat sie jedenfalls nicht richtig gesehen; der Schaft ist nicht von weißem Marmor, wie er erzählt, sondern von Granit. Die Säule steht eingesperrt in dem engen Hofe eines türkischen Hauses, ein kleines Gärtchen davor und so hinter Mauern versteckt, daß, da wir schon von den Pferden abgestiegen waren, ich ihrer noch immer nicht gewahr wurde. Es brauchte viele Versprechungen, bis uns ein altes Weib das Gartenthor öffnete. Durch einen Laubgang traten wir ein; Alles klein in dem Garten, aber sorgsam gepflegt, voller Schlingrosen und Granatblüthen. Die Alte zog sich schnell zurück und ließ uns als die Herren des Raumes; ihr mußte schon der kurze Verkehr mit fremden Männern als sündhaft erscheinen, und nur das reichliche Trinkgeld und ihre Armuth mochten sie dazu bestimmt haben. Den Hof, der nur wenige Schritte groß, so daß nirgends recht ein Standpunkt zur übersichtlichen Würdigung der Säule zu finden ist, verengen auch noch Erd- und Misthaufen, doch ist der Sockel soweit frei, daß man unterscheidet, hier, wie auch bei der sogenannten arkadischen Säule, ausnahmsweise zugleich mit dem Denkmale unmittelbar auf der Erdschichte des alten Constantinopel zu stehen. Das zeigt nur, welche Masse von Verwüstungen die Gegend des Hippodroms und der Aja Sophia heimgesucht und welche Menge von Stoff für die Zerstörung dortgestanden haben muß. — Bis auf die Statue ist die Marcians-Säule in ihrer ursprünglichen Höhe erhalten. Sie ist niedrig und überragt nicht wie die anderen Denkmäler des alten Constantinopel die Bauten der Neuzeit. Auf der einen Seite hat auch sie das Feuer verletzt; Sockel, Schaft und Kapitäl sind dort verkohlt. Vielleicht daß das ein Rest der furchtbaren Feuersbrunst ist, welche gelegentlich der Janitscharen-Vertilgung dieses Quartier niederlegte. Wahrscheinlich standen damals die Holzhäuser noch näher darum. Die Arbeit an der Säule ist zierlich, ohne edel zu sein; das Kapitäl, korinthisirend, ist nicht geradlinig über den Sockel, sondern mit seinen vier Kanten über die Ecken des Sockels gelegt. In dieser WeiseKapitäl und Sockel. Ob das der Einfall des ersten Erbauers oder erst später durch einen Zufall so gestellt worden ist, ist nicht zu entscheiden. Dem Kapitäl liegt ein Würfel auf, dessen Ecken von Adlern abgeschnitten sind. Im Sockel sind auf drei Seiten Kränze um ein Kreuz ausgehauen, auf der vierten zwei Genien neben der Inschrift. Marcian, dem sie geweiht, war der niedrig gebotene Thracier, den die jungfräuliche Pulcheria nach dem Tode ihres Bruders Theodosius II. zum Scheingemale erhob, damit das Reich nicht ohne männlichen Kaiser sei. 6½ Jahr regierte er, von 450–457.
Diese Mode, sein Bild auf eine Säule hoch über andere Mitgeborene hinauf in die Lüfte zu stellen, wie das hier in Constantinopel und in dem Rom der Kaiserzeit üblich war, beweist mehr als alles Andere den Hochmuth und den Ungeschmack der Zeit. Das Naturgemäße, das, was dem Zwecke entspricht, ist, die Statue dem Beschauer gegenüber zu stellen, damit er ihre Züge und das Detail der Arbeit erkenne. So hatten die Griechen ihre Kunstwerke aufgestellt und zu solcher Beschauung die griechischen Künstler sie gearbeitet. Kein Bau ist bei ihnen so hoch, daß nicht das freie Auge daran die bildhauerische Ausschmückung unterscheiden könnte. Erst als die Kunst verfiel, wuchs sie ins Riesenmäßige aus; die Quantität sollte ersetzen, was die Qualität nicht mehr gab, und als dann im selben Grade mit dieser geistigen Verschwächung — wie das nun immer geschieht — die Einbildung der Menschen stieg, da stellte die Kunst ihre schlechter verfertigten Werke den Vögeln zur Nachbarschaft und Anschauung aus. Vielleicht glaubten sich auch dort oben die Kaiser sicherer, als sie es unten gewesen wären vor den Beleidigungen und Steinwürfen der Unglücklichen, die sie mißhandelt hatten; denn die meisten errichteten ja sich selbst diese Denkmale. Keines dieser Götzenbilder steht mehr auf seinem luftigen Platze, ja keines lebt mehr. Die älteren, bescheideneren Statuen, die sich auf der Erde hielten, zeugen wenigstens noch, aufgehoben in irgend einem Museum, von der Kunstfertigkeit der Meister, die sie geliefert haben. Stellten die Griechen einmal Denkmäler in die Lüfte hinauf, wie die siegmeldenden Dreifüße in der Tripoden-Straße zu Athen, um wie vieles geschmackvoller, mit welch’ richtigerem Sinne für die Verhältnisse formten sie ihnen dann den Unterbau! Aus breiter Basis wuchs eine reiche Blüthe empor, die sich oben nach allen Seiten entfaltet. So das Denkmal des Lysikrates, wie es noch heute erhalten ist. Ich kenne nichts widersinnigeres und mir in der Erscheinung widerwärtigeres, als solch’ eine spindeldürre, hungerleiderische Säule, die auf ihrer Endlosigkeit ein kleines Männlein trägt, von dem unten geschrieben steht, daß es diesen oder jenen berühmten Helden vorstelle. Wenn es sonst gesetzlich ist, daß der Zweck das Mittel rechtfertige, so ist hier diese Lehre beinahe in umgekehrter Weise angewendet, denn das Männchen scheint mehr der Säule wegen da als sie seinetwegen. Der ernstliche Zweck einer Säule ist zu tragen, aber eine Last zu tragen, nicht dieses quintchengroße Pünktchen. Und die geistige Bedeutung des Mannes — wie wohl auch behauptet werden könnte — wenigstens symbolisch mit zu stützen, das kann doch unmöglich als die ernstliche Aufgabe einer so durchaus körperlichen Erscheinung, wie es eine Säule ist, gemeint sein. Von allen Mustern, die uns das Alterthum hinterlassen hat, ist keines öfter als dieses geschmacklose nachgeahmt worden, und Paris, die Hauptstadt der Civilisation, ging allen anderen Sündern mit dem fleißigsten Beispiele voran.
Constantinopel, den 29. Juni.
Wo man auch hier steht und wie fest man den Entschluß mitgenommen, immer wieder vergißt man im blos genießenden Anschauen der Gegenwart den lehrreichen Rückblick auf die Vergangenheit. Meine gestrige Wanderung zu den Säulen des alten Constantinopel hatte mir den Gedanken gegeben, einen übersichtlichen Plan der ehemaligen Stadt zu gewinnen. Ich wollte dazu vor allem die Natur des Ortes reden und den Augenschein entscheiden lassen. Der günstigste Standpunkt, wie eigens zu diesem Zwecke geschaffen, ist der Thurm des Seraiskeriats. Mit seiner Höhe überschaut er die ganze Gegend, läßt ihre natürlichen Bedingungen und Vortheile erkennen, und mit seiner Lage — beinahe mitten in der Stadt — gibt er dem Auge ziemlich weithin den Faden durch das Labyrinth der Gassen und Gäßchen. Aber alle mitgebrachten Absichten waren vergessen, als ich erst oben vor der ausgebreiteten Landschaft stand; wie Nebelbilder, weggeblasen von einem einzigen Windstoße, löschte sie der erste Blick aus. Der Himmel war wolkenlos und die Luft so durchsichtig, daß das Auge auch noch unmögliche Entfernungen zu sehen wähnte. Die Felsen der Prinzen-Inseln warfen der scheidenden Sonne rothglühende Lichter zurück, so prachtvoll, daß es klar wurde, warum der liebe Gott sie gerade dort aus der blauen Fluth der Propontis hatte auftauchen lassen: Spiegel, das letzte Sonnenlicht aufzufangen und dem Tage das Leben noch um einige Augenblicke zu verlängern. Segel deckten das Meer so reichlich, daß es aussah, als habe der himmlische Sämann den Samen weißer Lilien in diesen flüssigen Acker gestreut und gingen jetzt seine Blüthen auf, die der Wind mit leiser Bewegung begrüßte. Wo das Auge hinblickte, fand es Beweise der Herrlichkeit dieser Erde, unvergleichliche, wie ich sie wenigstens herrlicher auf keinem anderen Erdenflecke noch gesehen. Ungeheurer als jemals erschien mir der Umfang und die Bedeutung der Stadt, besonders des gegen die Landseite gelegenen Theiles. Im goldenen Sonnendunste verschwanden dort ihre Grenzen. Esdauerte eine gute Stunde, bis ich mich so weit gesammelt hatte, um auf die mitgebrachten Pläne zurückzukommen.
Gewöhnlich nimmt man an, daß der Raum, welchen das alte Byzanz bedeckte, genau der des heutigen Serai gewesen sei, und daß dann später auf dieser Stelle der Palast der römischen Kaiser gestanden habe. Das sind für die Stadt, welche auf dem unausweichlichen Stationspunkte einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der hauptsächlichsten Handelsstraßen der damaligen Welt stand und welche beinahe tausend Jahre alt war, als sie Constantin zu seiner Residenz erwählte, zu enge Grenzen. Doch auch die weiteren, welche ihr Hammer zieht, halte ich für irrige. Gleich zu Anfange seines Werkes „Constantinopel und der Bosporus“, wo er den Umfang der Stadt bespricht, behauptet er: daß diese vor der Zeit des Constantin durch eine Mauer von Tschatlady Kapu (dem geborstenen Thore) auf der Seeseite quer über den Rücken der Hügel hinauf, an der verbrannten Säule vorüber, nach der Hauptmauth auf dem Ufer des goldenen Hornes hinab abgesperrt gewesen sei. So heißt es Seite 60 und später wieder S. 166 des ersten Bandes; S. 155 verengt diese Grenze auf den Platz vor dem großen Serai-Thore, Baby Humajum, und S. 174 und 180 vergrößert sie wieder und diesesmal sogar bis zu dem Platze des Seraiskeriates. Das sind also in demselben Buche für dieselbe Stadt drei Grenzen, und das nur, weil die Flüchtigkeit der Arbeit weder den Ort zu sehen, noch die alten Schriftsteller zu lesen verstand. S. 60 nennt den Platz der verbrannten Säule das Forum Constantini; S. 127, wo die Plätze der Stadt aufgezählt werden, trennt dieses Forum von dem des Augusteon bei der Aja Sophia; S. 150 läßt aber beide wieder eins sein. Dadurch kömmt z. B. der goldene Meilenzeiger zugleich auf den Platz bei der Aja Sophia und auf den der verbrannten Säule zu stehen; denn S. 154 erklärt, daß der Meilenzeiger auf dem Augusteon (nach Hammers Ansicht dem Platze vor dem heutigen Serai), S. 155 an der Stelle des ehemaligen Stadtthores gestanden habe. Dieses aber stand nach S. 60 auf dem Forum Constantini an der Stelle der heute verbrannten Säule. Mit solchen Widersprüchen, die zugleich durch die noch heute sichtbare Natur der Dinge, aber auch durch die eigenen Behauptungen des Verfassers widerlegt werden, ist das Buch gefüllt. Wer hier die Dinge anschaut, oder auch nur das Buch vergleichend liest, d. h. eine Seite zurückschauend auf die andere, der muß sie mit Leichtigkeit finden. Unbegreiflich bleibt es mir, wie man so lange dieses Buch leichtgläubig excerpiren und seine Fehler abschreiben konnte. Hammer war ein fleißiger Forscher, aber offenbar ein unordentlicher Haushalter. Die Excerpte seiner Forschung scheint er gegenstandlos untereinander gemengt und ohne Rücksicht auf einen Grundgedanken in den Text seines Werkes aufgenommen zu haben. Es scheint ihm mehr um das Forschen, als um das Beweisen zu thun gewesen zu sein. Dadurch allein ist erklärlich, wie er gegentheilige Behauptungen in demselben Buche aussprechen konnte. Mir sind, ich gestehe es aufrichtig, nach diesen Erfahrungen, die ich an dem einen Werke gemacht, auch die zehn Bände seiner osmanischen Geschichte verdächtig geworden. Noch schwächer denn als Historiker, erscheint er als Topograph. Die wirklichen Dinge zu sehen scheint er sich gar nicht bemüht zu haben. Den ägyptischen Obelisken auf dem At-Meidan läßt er an der Stelle der Schlangensäule stehen, diese dort; die verbrannte Säule läßt er dorischer Ordnung, die des Marcian aus weißem Marmor und die Kyaneeischen Inseln nur eine Klafter hoch sein. Das läßt übrigens das andere Verdienst dieses Mannes unangegriffen, uns den Orient überhaupt erst erschlossen zu haben. Dieses „Sesam, öffne Dich“ hat ihn unter die Heroen der Wissenschaft gestellt.
Vergleiche ich nun den Dio Cassius und die Schilderung, welche dieser uns von der Stadt Byzanz gegeben, mit dem Blicke, den ich heute vom Seraiskeriatsthurme herab auf Land und Meer geworfen habe, so möchte ich die Stadt des Byzaz überhaupt nicht so sehrà chevalauf dem Terrain der heutigen Seraispitze, als vielmehr von jenem Vorgebirge aus tiefer in das goldene Horn hinein, vom Strande die Hänge der Hügel hinauf gebaut denken,so wie Neapel, Genua und Triest auf ihren Bergen um ihren Golf stehen. Die festen Quadermauern, welche Dio Cassius so sehr bewunderte, werden dann auf den Kämmen der Hügel hinter der Stadt fortlaufend, östlich neben der Aja Sophia, das Terrain des heutigen Serais berührt haben, und dort zu dem Canale des Bosporus hinabgestiegen sein. Dadurch war der Stadt der Rücken gegen die damals in den Begriffen der Menschen noch unwirthliche See gedeckt und doch hatte sie die günstige Lage an einem Meerbusen und auch die andere vorschauende und beherrschende auf dem Vorgebirge, das eine Seestraße sperrt. Die Stadt mag in dieser Stellung bis zu der heutigen zweiten Hafenbrücke gereicht haben. In diesem Plane auch nur finde ich die Möglichkeit, die beiden Häfen anzubringen, von deren Vorhandensein in dem Ufer Dio Cassius berichtet. Das ganze Vorgebirge der Seraispitze, worauf man sich gewöhnlich diese erste Stadtanlage denkt, bietet keinen Punkt, der einmal zu einem Hafen tauglich gewesen wäre. Der Bosporus schoß dort immer mit derselben Strömung wie heute vorüber, und seine Wirkung ist es wohl, die diese Küste so gleichmäßig abgerundet hat.
Der Raum oben auf den Hügeln, der Platz vor dem Serai, der der Aja Sophia, der At-Meidan und die Gasse der verbrannten Säule gehörten schon zu dem Lande außerhalb der Thore, das Constantin dann zur Anlage seiner Neustadt benutzen konnte. Ein Thor mag auf der Stelle des heutigen Seraiskeriates, demforum taurider constantinischen Zeit, gestanden haben. Erst die Erweiterung des späteren Bedürfnisses drängte die Stadt auf der anderen Seite der Hügel zum Marmora-Meere hinab. Uebrigens concentrirt sich heute noch auf den Uferwänden des goldenen Hornes das meiste Leben. Nichts im Dio Cassius berechtigt zu der Vermuthung, daß die Stadt schon zu seiner Zeit auch an der Propontis gelegen habe. Er schildert nur, daß der Bosporus, aus dem Pontus Euxinus kommend, sich an einem Vorgebirge breche, mit einem Theile seiner Wasser in den Busen und die Häfen der Stadt einbiege, mit dem größeren Theile aber an der Stadt vorüber in den Propontis hinaus ströme. Also an ihrvorüber, aber nichts davon, daß die Stadt auch von den Fluthen der Propontis benetzt werde; im Gegentheile, die ganze Darstellung verweist sie mit ihren Häfen mehr in den Busen des goldenen Hornes, was auch das Naturgemäße, das durch die Forderungen der damaligen Schifffahrt mehr noch als durch die der heutigen Gebotene war. So sehr bin ich von der Naturnothwendigkeit dieser Lage überzeugt, daß ich nicht einmal das zugebe, daß der erste Keim, der Anfang der Stadt auf der Seraispitze gelegen habe. Dort mag zu Vertheidigungszwecken, wie bei allen Städten des Alterthums, auf der Höhe die Akropolis angebracht gewesen sein und unten auf der Landspitze nach griechischer Sitte der Tempel irgend einer Meerfahrt beschützenden Gottheit. Aber die erste Anlage der Häuserstadt war gewiß unten auf dem ebenen Felde bei der heutigen Hauptmauth, wo sie in einem kleinen Seitenhörnchen des großen goldenen Hornes ruhiges Seewasser vor sich und Windstille im Rücken hatte. Heute noch ist auf diesem Flecke die größte Geschäftigkeit gesammelt, als solle ein fortlebender Zeuge beweisen, daß dieses in der That die Altstadt, die City sei. Nach und nach wird sie sich nach rechts und links hinüber ausgebreitet haben, so daß die Stadt, welche Septimus Severus bekriegte, die ganze Seraispitze mit demselben Gedränge enger Gassen erfüllte, welches den Städten des Alterthums mehr noch als unseren Bürgerstädten des Mittelalters eigenthümlich war.
Es ist eine irrige Meinung, welche behauptet, Septimus Severus habe die Stadt, die er erobert, zerstört; er behandelte sie nur wie ein Dorf, d. h. er nahm ihr die städtischen Rechte und Privilegien. Seine Soldaten mögen bei der Plünderung manchen Bau und manches Denkmal verwüstet, viele Bürger niedergemetzelt haben; aber daß sie oder ein späterer Befehl des Kaisers die Stadt, wie das im Alterthume öfters geschah, dem Erdboden gleich gemacht und die Einwohner gefangen weggeführt hätten, um eine andere Stelle des Reiches zu bevölkern, steht nirgends geschrieben. Im Gegentheile der Kaiser selbst stellte die Stadt wiederher und muß dabei sogar die Absicht gehabt haben, sie noch zu verschönern, denn vor ihren Mauern kaufte er ein freies Feld und begann ihr dort eine Rennbahn zu bauen, groß und fest, wie sie nur Rom besaß. So fand Constantin die Stadt und ihre Umgebung, als er den Entschluß faßte, hierher seine Residenz zu verlegen. Aber auch wenn Septimus Severus weniger großmüthig gehandelt hätte, so mußten doch die 129 Jahre, die vom Jahre 196 bis zum Jahre 325 nach Chr. vergingen, die Wunden der Eroberung wieder geheilt haben. Auch ohne jedes besondere menschliche Zuthun, die blos natürlichen Verhältnisse des Ortes, die Gunst seiner Lage und die Fruchtbarkeit des Bodens mußten das zustande bringen. Es gibt Erdenflecke, die nicht steril zu legen sind. Constantin fand eine ansehnliche und volkreiche Stadt schon vorhanden und — mag nun die Anschauung recht haben, die sie auf den ersten Hügel, den Umfang des heutigen Serais, beschränkt, oder die meinige, die sie von diesem Vorgebirge weg dem goldenen Horne entlang nur auf der einen Seite der Hügel gebaut denkt — in jedem Falle auch von ihr die Stätte des heutigen Serais besetzt. Dort stand die Akropolis und um sie wahrscheinlich ein Stadttheil, der gedrängt und bevölkert, alt und eben darum werth in der Erinnerung der Eingeborenen war. Daß Constantin alle diese Gefühle, daß er alt angesiedelte Existenzen wegrasirt haben sollte, um an ihre Stelle auf das Vorgebirge des Serais seinen Palast zu bauen, wie Hammer behauptet, das ist bei aller Rücksichtslosigkeit, welche den damaligen Machthabern zugeschrieben wird, doch nicht anzunehmen. Er kam, um eine Stadt zu vergrößern, nicht um eine zu zerstören. Der Eindruck des heute Bestehenden hat da in einen Irrthum verführt, der durch nichts sonst zu rechtfertigen ist; denn auch die späteren Pläne und Beschreibungen der Stadt zeigen uns auf dieser Landspitze nichts, welches dem kaiserlichen Palaste ähnlich befunden werden könnte. Es sind Bad- und Kirchenanlagen, und immer wieder die Akropolis, welche dort erscheinen. Und mehr noch, ich möchte sagen, die Gegenwart selbst zeugt gegen diese Vermuthung. Was sollte die schöne korinthische Säule,welche in den Gärten des Serais steht, in den Räumen des alten Palastes, dessen sonst doch so eingehende Beschreibungen ihrer nicht erwähnen? Es scheint mir das ein gewichtiger Grund, den Hammer übersah, und den auch La Barte zu Gunsten seiner Behauptung, daß der Palast neben dem Hippodrom, dort, wo heute die Achmedjie, den Hügel hinab bis zum Meere gelegen habe, nicht verwerthete.
Den Hippodrom fand Constantin begonnen; der machtvolle Quaderunterbau, der die Fläche der Hügel verlängert, war vollendet, ein Theil der Sitzreihen und das nördliche Kopfende standen, er hatte nur den südlichen Halbkreis abzuschließen, die Stufen fertig zu bauen und die innere Einrichtung herzustellen. Was konnte ihm bequemer sein, als neben das Theater, das damals schon wie ein Haupterforderniß so auch der hauptsächlichste Schauplatz des römischen Lebens war, sein Haus hinzubauen? So kam der neue Wohnsitz der römischen Kaiser auf den Hügelabhang östlich vom At-Meidan mit der Aussicht auf den Propontis zu stehen. Wenn jene Zeit Städte gründete, einen Palast und ein Theater baute, dann baute sie auch eine Kirche, und besonders Constantin mußte das, der ja des Glaubens wegen hierher übersiedelte. Wie obdachlos wären die heutigen Gläubigen, wenn nicht die Vorfahren unseren religiösen Bedürfnissen vorgesorgt hätten. Die Basilika der h. Weisheit, ein Langbau mit dem üblichen hölzernen Dache, entstand in der unmittelbaren Nähe des kaiserlichen Palastes und der Rennbahn. Der Platz, der zwischen diesen Neubauten frei blieb, bildete sich von selbst als Forum, das wie die zu Rom von Säulenhallen umfaßt war. Man hat immer besondere Schwierigkeiten, sich dieseforavorzustellen, und doch existirt eines und ist heute noch in praktischem Gebrauche, das sie in genauer Nachahmung fortsetzt. Der Marcusplatz ist offenbar wie das Meiste des altvenetianischen Lebens nur eine Copie des zu Constantinopel Gesehenen. Von den vielenforisund von den Gassen, die mit Hallen eingefaßt, diese Plätze untereinander verbunden haben, mögen die Säulen herrühren, die zu Scheiterhaufen geschichtet in den Stadtmauern liegen. Die ganze Gebäudegruppe, der Palast, der Hippodrom und die Basilika der h. Weisheit, womit Constantin seine Stadtgründung begann, lag also unmittelbar vor den Mauern der Altstadt, theilweise vielleicht sogar auf dem Grunde dieser Mauern selbst, da sie gewiß niedergerissen worden waren. Es war das die beste Lage, die gewählt werden konnte, denn sie gab zugleich den Neubauten beliebigen Raum zu ihrer Ausbreitung und stellte sie doch in den Mittelpunkt des Verkehrs, weil sofort die Neustadt sich ringsherum fortpflanzte. Wer diese Lage des römischen Kaiserpalastes bezweifelt, weil sie ihm weniger vortheilhaft und weniger schön als die des heutigen Serais erscheint, dem antworte ich, daß sie immer noch schöner und vortheilhafter, als die jedes anderen Fürstenschlosses ist. Er steige nur auf einen der Minarete der Achmedjie, und sehe vor sich, und rechts und links hinüber unten das Marmora-Meer, die Prinzen-Inseln, die Küsten von Europa und Asien wie zur Umarmung ausgebreitet, und im Hintergrunde die röthlichen Gebirge von Nikomedien und Bithinien, den schneebedeckten Olymp zu oberst, aufsteigen: ein Bild, so prachtvoll, daß er gewiß in der Betrachtung das Verlangen nach einem prächtigern verliert. Ueberdies ist es mir wahrscheinlich, daß der Grund und Boden des heutigen Serai, damals verstellt durch enge und schmutzige Gäßchen, Niemanden die entzückende Aussicht ahnen ließ, die er heute bietet.