Anfangs stand der kaiserliche Palast gewiß ausschließlich oben auf der Höhe, etwas tiefer zwar als der Hippodrom, denn eine Stiege führte von jenem zu diesem hinauf, aber doch immer auf der obersten Stufe des Hügels. Der Grund davor, bis zum Meere hinab, wird dem kaiserlichen Eigenthume vorbehalten geblieben sein. Gärten werden sich den Hügel hinab gezogen haben, und unten vielleicht damals schon derportus palatii(Palasthafen) angelegt worden sein. Erst die späteren Kaiser füllten diesen weiten Raum mit immer neuen Gebäuden. Der Palast selbst zerfiel dann, als er einmal so angewachsen war, in drei Hauptabtheilungen. Die beiden, welche Chalke und Daphne genannt wurden, hatte schonConstantin erbauen und Justinian nach dem Brande beim Aufstande der Nike wieder herstellen lassen. Die dritte Abtheilung, der heilige Palast, das spätere eigentliche Wohnhaus der Kaiser, verdankt sein Werden zumeist Justinian II., dem prachtliebenden Theophilus und Basilius dem Macedonier. An diese Hauptkörper setzten sich eine Menge Nebenbaulichkeiten an, Kirchen, Gallerien, Säulengänge, Arkaden, auch eine Privat-Rennbahn. Zuletzt baute noch Kaiser Theodosius II. unten auf den Strand einen vierten Palast, den sogenannten Bukoleon, welchen Nicephorus Phocas im 10. Jahrhundert in eine befestigte Burg verwandelte. Nicht als ein massiges zusammenhängendes Ganze muß man sich diesen Wohnsitz der römischen Kaiser vorstellen. Er war kein Louvre und keine Tuilerien, er war ein versteinertes Zeltlager, so recht in jener Art des Orients gebaut, die der Boden und das Klima hervorgebracht haben und die alle Völker unter diesem Himmelsstriche wiederholen. Und wie der Grundriß, so war auch die Ausschmückung des Baues getreu dem orientalischen Geschmacke, kostbares Gold, Mosaikgebilde, Marmortäfelung und Metallbekleidung. Musivische Bilder bedeckten die Kuppeln und die Wände bis zu wenigen Fußen über dem Boden. Unsere Gobelins sind nur eine ärmliche Nachahmung dieser Mode. Dem oströmischen Kaiserhofe galten Teppiche auch noch für den Boden zu schlecht; in den kaiserlichen Gemächern wurde dieser mit Goldsand bestreut, den ein regelmäßig eingeführter Schiffsdienst aus Afrika brachte. Vielleicht ist dieser byzantinische Hof das einzige Beispiel, welches all’ die Vorstellungen von orientalischer Pracht verwirklichte, die unsere Kinderphantasie so sehr beschäftigen.
Verlassen ward der Palast und vertauscht gegen den Wohnsitz im Stadtviertel der Blachernen erst im 12. Jahrhundert. Ich glaube, daß dieses, wie auch die Uebersiedelung der Sultane von dem Serai nach Dolma-Bagdsche mit einem Wechsel des Regierungssystemes zusammenhing. Das oströmische Kaiserthum ging von einer constitutionellen, wenigstens scheinbar noch immer durch den Senat gebundenen Form zu der einer unbeschränkten Monarchie über; die heuchlerische Maske, nur der erste Beamte des Senates zu sein, welche Augustus angenommen hatte und die seine Nachfolger fortwährend festhielten, ward offen abgelegt und der Kaiser zeigte sich nun auch aufrichtig in der Form als der Alleinberechtigte, als der Alleinwillige und der Alleinentscheidende, als der Allherrscher, wie er es in der That schon längst war. Es war das Herüberwirken des Occidentes, das diesen Wechsel verursachte; nach und nach war auch der Orient in feudale Formen gekleidet worden. Dazu aber brauchte der Kaiser noch mehr persönliche Sicherheit als bisher und die Vertheidigung mehr gegen die innere Stadt zu gekehrt als gegen außen, weil er gegen den inneren Feind allein stand, gegen den äußeren aber doch gewöhnlich die Hilfe seiner Mitbürger hatte. Aus diesem Grunde mag schon Nicephorus den alten Palast befestigt und die Uferburg des Bukoleon erbaut haben, und deshalb übersiedelte dann Manuel der Komnene ganz in den festen Palast der Blachernen. Der constantinische Palast war schon seines Umfangs wegen nicht zu vertheidigen, und hatte er früher manchen Aufständen widerstanden, so waren jetzt die Angriffswaffen andere geworden. Einmal verlassen, erlagen seine Mauern schnell dem Einflusse der Zeit. Sie waren gewiß wie alles Byzantinische zumeist Ziegel, der sich in Staub auflöst, und was daran Stein gewesen, mag der Rohheit der späteren Zeit geradezu als Steinbrüche gedient haben. Christof Bondelmonti, der 30 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch Mohammed II. hier gewesen, sah nicht einmal mehr Ruinen; man kann also diese Zerstörung nicht den Türken Schuld geben.
La Barte (le Palais imperial de Constantinople, Paris 1861) hat die vollständige Restauration dieses Palastes auf dem Papiere versucht. Sein erster Gedanke trifft gewiß das Richtige, in der weiteren Ausführung geht er, wie alle Entdecker, zu weit; er baut Einzelnes auf, das jeder Architekt als unmöglich verwerfen wird und das in dieser Regelmäßigkeit auch dem Geiste des Zeitalters und der Bauweise dieser Himmelsstriche zuwider ist. Der Obelisk des Theodosius, der heute noch auf dem At-Meidan steht, und vondem man weiß, daß er auf der Mitte der Spina stand, ist der Ausgangspunkt seiner Arbeit. Zwischen dem Kaiserpalaste und der Aja Sophia denkt er sich das Forum Augusteon. Auf diesem stand unter anderen das große Reiterstandbild des Justinian, und zwar, wie der Augenzeuge Gilles angibt, an der westlichen Ecke der Sophienkirche. Ist der Brunnen, den man mir als den Sockel dieser Statue zeigte, richtig, dann müßte die Lage dieses Platzes in Uebereinstimmung mit diesen historischen Angaben als unwidersprechlich bewiesen gelten. Daß Hammer, der das Augusteon zwischen die Aja Sophia und die heutige Serai-Mauer, also östlich von der Kirche verlegt, auf diesem Forum aber das Reiterstandbild des Justinian und diesen westlich gelegenen Brunnen als den Sockel desselben behauptet, ist ein anderer Beweis von seiner wenig sorgfältigen Darstellung.
Will man gegen die Lage der constantinischen Kaiserpaläste auf den Hügelhängen neben dem Hippodrom die Frage einwenden, wie dann später das Serai auf die Stätte des alten Byzanz gekommen sei, wenn ihm nicht schon früher der römische Kaiserpalast dort den Platz vorbereitet hätte? so antworte ich, daß die fürchterlichen Feuersbrünste, welche unter den Lateinern beinahe wochenlang die Stadt durchwütheten, gerade dort am ärgsten hausten; daß sie einen großen Theil jener ältesten Stadt niederlegten; daß die Bevölkerung, die fortwährend abnahm, diese Stellen nicht mehr sehr bebaut haben mag, jedenfalls nicht mit Gebäuden, die ähnlichen Feuersbrünsten widerstehen konnten. Ganz Constantinopel war, als es Mohammed eroberte, mit Ruinen durchzogen, mit Ruinen, die aber weit älter als die Wunden dieser letzten Belagerung waren. Wem das unwahrscheinlich klingt, der erinnere sich an das Rom, wie es ihm nach den Kriegen des Belisar und noch später in seinen mittelalterlichen Zuständen geschildert wird. Uebrigens, da Mohammed nicht gleich auf die Seraispitze sein Haus baute, sondern sich zuerst auf dem Forum tauri einrichtete, wo ehemals der prachtvolle Triumphbogen des Theodosius II. stand und wo ich heute von dem Feuerthurme des Eski Serai (desaltenSchlosses) meineVogelschau hielt, entfällt der Beweis, der sich darauf stützen will, daß die directe Nachfolge des Serais für die frühere gleichartige Benutzung des Bodens zeuge. Erst später, nachdem er sich schon in der Constantins-Stadt eingelebt hatte, baute sich Mohammed eine Gattung von Lusthaus auf die Seraispitze. Der eigentliche Sultanssitz aber blieb bis zu des großen Soliman Zeiten das Eski Serai, das in der Mitte der Stadt auf der Hügelhöhe gelegen. Es mag daher rühren, daß sich dort nebenan der Besestan etablirte. Soliman war der erste Sultan, der mit Weibern und Kindern vollständig in die Köschke der neuen Seraigärten übersiedelte, sowie seine Nachfolger nun heute nach Dolma-Bagdsche ausgewandert sind. Das Eski Serai wurde Witwensitz der sultanischen Frauen. Heute stehen Kasernen hier und es bildet eine Art Castell, hat übrigens nichts mehr von den Bauten Mohammed des Eroberers übrig.
Der Boden dieser Stadt ist wie gedüngt mit dem Staube fürstlicher Paläste; an sechs Orten standen ihrer[A], und doch sind nur die spärlichen Ruinen im Blachernen-Viertel und die verwilderten Gärten des neuen Serais noch übrig.
[A]1. Der heilige des Constantin neben dem Hippodrome; 2. das Bukoleon unten am Meere; 3. der auf dem Hebdomon im Blachernen-Viertel; 4. Pantokrator bei Kilisse Djami, der Wohnsitz der lateinischen Kaiser; 5. Eski Serai; 6. Jeni Serai.
[A]1. Der heilige des Constantin neben dem Hippodrome; 2. das Bukoleon unten am Meere; 3. der auf dem Hebdomon im Blachernen-Viertel; 4. Pantokrator bei Kilisse Djami, der Wohnsitz der lateinischen Kaiser; 5. Eski Serai; 6. Jeni Serai.
[A]1. Der heilige des Constantin neben dem Hippodrome; 2. das Bukoleon unten am Meere; 3. der auf dem Hebdomon im Blachernen-Viertel; 4. Pantokrator bei Kilisse Djami, der Wohnsitz der lateinischen Kaiser; 5. Eski Serai; 6. Jeni Serai.