Chapter 20

Athen.

Athen.

Wer Athen zum ersten Male im Tageslichte sieht und das Auge unbefangen mitgebracht hat, der muß auf den ersten Blick erkennen, warum die Baiern von hier fortgejagt worden sind. Die Straßen sind breit und lang gezogen, daß der Staub sich darin nirgends vor dem Winde verkriechen und der Schatten dem Sonnenlichte keinen Raum abgewinnen kann. Die baierische Eitelkeit, welche sich aufbläht und München für das Ideal der Welt hält, hat den Maßstab der Isarhauptstadt, der dort schon allzu groß ist, in die hiesigen noch kleineren Verhältnisse übertragen. Gibt es Augenblicke, da in München in der Ludwigsstraße streckenweise nur ein Mensch sichtbar ist, so geht hier in der Aeolus- und Hermesstraße oft stundenlange keiner vorüber; Wagen sieht man ganze Tage hindurch nicht. Die 35.000 Bewohner Athens können eben doch nicht blos des Schauspieles wegen den ganzen Tag über spazieren gehen, und so viele gehören wenigstens dazu, um diese Gassen und weit gedehnten Plätze zu füllen. Umsomehr thut dieses das Sonnenlicht; das liegt den ganzen Tag breit und unaufhaltsam gebettet auf dem staubigen Pflaster. Kleine Oleanderbäume, welchedie vertriebene Königin zum künftigen Schutze der Vorübergehenden angepflanzt, sind gleich, ehe sie ihre Aufgabe beginnen konnten, von der Hitze und dem Staube verkrüppelt worden, und dienen nur mehr als verrätherische Zeugen, daß man seinen Fehler eingesehen, nur leider zu spät, da er schon unverbesserlich war. Das Muster der orientalischen Städte nachzuahmen und das fortzusetzen, was man schon vorfand, kleine, enge und gewundene Gäßchen, die dem Winde und dem Sonnenlichte keinen Einlaß geben, es aber zulassen, daß man von einem Hause zum anderen eine schützende Decke für die Vorübergehenden spanne: das verbot der gebildete Hochmuth, den man aus eingebildet fortgeschritteneren Verhältnissen mitgebracht hatte und den so selbstvernichtend unter den Europäern insbesondere der Deutsche mit auf seine Reisen nimmt. Und so wie die Gassen und öffentlichen Plätze construirten sie das Innere der Häuser. Statt der breiten Treppe und der luftigen Sala, die das Haus in zwei Theile theilt, selbst einen kühlen Raum schafft und allen darein mündenden Gemächern Kühlung zuführt, enge, gewundene Stiegen, kleine Vorzimmerchen, winzige Speisesäle, Schlafkammern und Salons, aber Alles baierisch, münchenerisch hergerichtet, und darum wohl nach den Begriffen der Eingewanderten unübertrefflich, obwohl in auffälligem Widerspruche mit den Anforderungen des atheniensischen Klimas und der griechischen Bedürfnisse. Wer als Fremder sich diesen Anforderungen fügen will, der wird selbst von den längst Eingewanderten als Sonderling betrachtet; so wenig hat selbst die Zeit diesen Vorurtheilsvollen die Einsicht in die Vortheile der eingeborenen Sitte oder auch nur die Frage danach gegeben. Nein, der Horizont ihres Verstandeskämmerleins ist derselbe enge geblieben, wie ihn sich der Hochmuth in Baiern ausgebildet hatte, und nach demselben übertragenen Maßstabe wurde dann in weiterer Fortsetzung das ganze öffentliche und private Leben der Griechen umgebaut; aus sich heraus, aus der eigenen Wurzel, aus dem vaterländischen Boden und der heimischen Sitte nichts erschaffen. Zuletzt hatten diese Griechen in ihren Gassen, Plätzen, Häusern, inihren Schulen, Gesetzen und Militärvorschriften ein förmliches System von Torturanstalten, in dem ihre Gewohnheiten bald breit und lang, dann wieder schmal und kurz geschlossen wurden. Nun kann man wohl mit der Folter den Willen des Einzelnen beugen, entweder stirbt er oder er ergibt sich, aber der Wille eines Volkes ist durch solche Mittel nicht besiegbar; für jeden Kopf, den man ihm abschlägt, wachsen wie bei der Hydra zwei andere nach. Dieses baierische Mißverstehen der griechischen Gewohnheiten, wovon ich die monumentalen Zeugen hier in Athen sehe, und das Nichtererkennen der griechischen Wünsche, wovon mir die byzantinische Geschichtskenntniß meines Bekannten auf dem französischen Dampfer Zeugniß gab, halte ich für die vereinten Ursachen, welche das Ende der baierischen Herrschaft auf hellenischem Boden herbeiführten. Uebrigens muß ich gleich hier zur Entschuldigung der Baiern sagen, daß ich nicht glaube, daß es irgend eine andere europäische Macht auf hiesigem Boden zu einem bleibenden Erfolge gebracht hätte. Ich zweifle überhaupt, daß diesen noch rohen und doch auch schon verkommenen Völkerstämmen der illyrischen Halbinsel durch eine Mischung mit unserer auch nicht mehr gesunden Cultur aufgeholfen werden wird. Sie so wenig als die amerikanischen Ureinwohner sind erfrischungsfähig durch europäische Einflüsse; sie leben entweder aus sich heraus und in ihrer Weise, oder sie leben gar nicht mehr, d. h. sie gehen langsam unter der Faust eines fremden Eroberers und in der Vermischung mit seinen Knechten zu Grunde. Nachdem man sie dem zweiten Falle sich hatte entwinden lassen und sie befreit von den Türken waren, hätte man sie auch dem ersteren vollständig und mit allen seinen Consequenzen überlassen sollen. Capodistria war für diesen Fall, wie ihn auch der Fürst Metternich wollte, der schickliche Regent, und nicht zu leugnen ist, daß unter seiner Verwaltung Griechenland verhältnißmäßig die glücklichste Periode seiner selbstständigen Existenz durchgemacht hat. Das was die Großmächte statt seiner anordneten war eine Halbheit und gab den Griechen nur den Titel in die Hand, die Schuld ihrer Mißerfolge den Fremden zuzuschieben. Gelingt es auch derzweiten Dynastie nicht, sich einzuwurzeln, so wäre es immer noch an der Zeit, die Griechen sich selbst zu überlassen. Und wenn sie sich auch unter einander auffressen, so möchte ich fragen, welcher Verlust daraus für die Menschheit entstehen sollte, daß solche Unruhestifter von der Welt vertilgt werden? Theilnahme der anderen Mächte wäre überhaupt nur zulässig, um jede einzelne von der Einmischung abzuhalten. Ein Cordon, der wenigstens moralisch gedacht um das ganze Griechenland gezogen würde, könnte diesen Zweck erfüllen. Uns kann das Zusehen nichts schaden und den Griechen doch vielleicht einmal nützen.

Dieses aus dem politischen Theile meiner atheniensischen Betrachtungen. Zu den Denkmälern machte ich meine erste Wanderung gleich an dem Morgen nach meiner Ankunft schon um 5 Uhr. Der Tempel der Winde ward mir eigentlich eine Enttäuschung; ich hatte mir seine Reliefs vorzüglicher vorgestellt. Aber der weitere Weg zur Akropolis führte mich zurück in die geweihte Stimmung. Aloe und andere Stauden des Südens säumen ihn ein; zwischen zerfallenem Gemäuer und über Trümmer steigt man aufwärts, daß mir Goethe’s Wanderer gegenwärtig ward. Noch lag der Morgen wie in halbem Lichte, obwohl die Sonne schon auf war; die attische Ebene und das fernere Meer erschienen in bleichen Farben. Zunächst unter mir rechts hinab, nachdem ich das erste Thor passirt hatte, sah ich das Theater des Herodes, das, weil nur der Musik geweiht, Odeon hieß. Größer hatte ich mir dieses Theater vorgestellt, und daß dieses 8000 Menschen fassen konnte, will ich nicht recht begreifen. Ganz anders ergeht es mir bei den Propyläen, sie übertreffen meine Vorstellungen. Riesenmäßig erscheinen sie mir, und selbst der kleine Tempel derNike apterosgrößer als seine Maße. Es liegt die Ursache wohl in den richtigen Verhältnissen bei diesen Bauten. Wer nicht mehr will als er kann, bringt nie sein Unvermögen zur Erkenntniß und erscheint schon darum mächtiger als andere gestürzte Phaëtone.

Wie einer der Wallfahrer im panathenäischen Festzuge schritt ich zwischen diesen Säulenhallen und über die Schwellen hin,welche in die Marmorpflasterung des Bodens für die aufwärts glimmenden Opferthiere eingehauen worden waren und die heute noch so erhalten wie damals sind. Vor kurzem erst hat man sie aufgedeckt. Nirgends ist mir die Vergangenheit gegenwärtiger geworden als hier durch diese Schwellen. Es sind eben auch in der Weltgeschichte die gemeinen Detailzüge, die das Bild oft mehr erläutern als alle großen Zeichen.

Die dorischen Säulen der Propyläen erschienen mir wie alte Bekannte, und doch sah ich sie zum ersten Male; aber ich hatte das Vorgefühl von ihrer Schönheit gehabt, und hier gilt auch, daß nur versteht wer fühlt. Begreifbar ist Alles leicht bei diesen Gebäuden, weil jeder Dienst und jede Last mit ihren Pflichten und mit ihren Rechten klar zu Tage tritt, und weil die großen Linien des Ganzen nicht durch das Detail gestört und zerstreut werden; die Schönheit aber muß empfunden werden. Darin auch gleichen sie der Natur, daß sie zwar durchaus beschreiblich sind, daß aber der rechte Genuß, wie bei der Rose durch den Geruch, nur durch den Anblick gegeben werden kann.

Der Parthenon schien mir riesig und wie das Grab der Zeit; wie wenn alle Vergangenheit unter diesem zerfallenden Denkmale begraben liege. Er steht hoch über den andern Trümmern, die wie ein verwüsteter Friedhof das Feld decken. Stachelige Kapern mit ihren schmetterlingartigen Blüthen schaukeln sich über den Marmorblöcken, und die Karyatiden des Erechtheion schauen wie trotzig empört über solche Barbarei, die hier das Handwerk geübt, auf diese Trümmerstätte herab. Es sind ihrer sechs, vier in der Fronte und zwei in zweiter Linie; drei das linke und drei das rechte Knie herausgebogen, die Körperschwere auf dem anderen Beine lastend. So dienen und tragen sie noch immer, aber mit herrischem Stolze und mit jenem selbstbewußten Ausdrucke in der Miene und der Körperhaltung, den ich auch in der Venus von Milo wiederholt finde. Wie jenes Götterbild könnte ich auch die dritte, wenn man davorstehend und die Gruppe anschauend von der Linken zur Rechten zählt, anbeten und verehren, vor ihrniederfallen und sie heilig halten. Wenn in einer zaubervollen Mondnacht alle diese Weiber lebendig würden, sich der Gebälkslast enthöben und herabstiegen von ihren Basen — ich würde die meinige bei dem mir liebsten Namen auf Erden nennen, sie mich erkennen und wir einen Jubelsturm durchleben, wie ihn nur die Seligen im altgriechischen Himmel genossen.

Inzwischen war, da ich das erste Mal hier oben stand, der Tag mit all’ seiner aufklärenden Allgewalt hereingebrochen und immer wieder schweifte mein Blick von den Denkmälern hinaus auf die wundervolle Landschaft, die heute noch so ist wie vor 2000 Jahren, und die die einzige ist, würdig solche Kostbarkeiten zu umfassen. Der Parneß in weiterer nördlicher Ferne, der Pentelikon und Hymettus im unmittelbaren Osten, im Süden das Meer mit feinen Inseln und der peloponnesischen Küste, und westlich der althistorische Oelwald, der durch die Ebene zum Piräus hinabführt: das sind die Hauptzüge des Bildes, das den Beschauer auf dieser zauberhaften Warte umgibt, wohl der schönstblickenden, welche die Welt hat. Und es braucht gar nicht der Farben des Morgens und des Abends, nicht der rosenfingerigen Eos und des feurig glühenden Helios, um uns den Werth dieses Bildes darzustellen. Den ganzen Tag über ist das Meer blau und glänzt die Ebene goldig, spielen kaleidoskopisch die Lichter auf den Bergen und dunkeln violett aus den Felsenklüften die Schatten. So sah ich es immer und so zu jeder Stunde.

Einer der angenehmsten Ruhepunkte in diesem weit gezogenen Rundbilde ist, wenn das Auge aus der Ferne wieder in die Nähe zurückgekehrt, unten am Fuße der Akropolis, zwischen ihr und dem Hymettus eingeschlossen, auf dem rechten Ufer des Ilissos sich erhebend, die Ruine des olympischen Zeustempels, eines der größten welchen die griechische Mythologie besessen hat. Zu ihm stieg ich von der Akropole herab, den Weg durch die Stadt nehmend und an den königlichen Schloßgärten vorüber, aus denen Palmen sehnsüchtig mit ihren Kronen zum Meere hinabblicken. Es gibt einen Punkt auf dem weiteren Wege, wo man zugleich dieseBäume noch im Auge und die Säulen des Jupitertempels schon vor sich zwischen ihnen durch den Blick auf das Meer hat, der zu den schönsten Aussichtspunkten der Welt gehört. Ideal schön, beinahe wie erträumt, erscheint er mir; Stunde um Stunde saß ich dort und konnte mich nicht satt sehen an diesen Bäumen und an diesen Säulen, die mit solch’ wetteifernder Schönheit aus dem Boden wachsen, die einen lautlos und unbeweglich stumme Zeugen der Vergangenheit, die anderen leise bewegt als hätten sie geheime Geschichten zu erzählen. Es gibt keine schöneren Säulen als diese korinthischer Ordnung des atheniensischen Zeustempels. Wie unter hochstämmigen Urwaldbäumen ging ich zwischen ihnen herum, staunend die wirklich sehr große Höhe messend und doch nichts Unmäßiges daran findend. Einstmals standen ihrer 120, heute sind nur noch 14 aufrecht, die fünfzehnte liegt gestürzt am Boden in achtzehn Stücke zerfallen. Ich messe und betrachte sie andächtig und nehme von ihr auch ein Erinnerungszeichen mit. Niemand störte meine Andacht, ich war und blieb durch Stunden allein. Wohin der übrige Reichthum an Säulen gekommen, ist kaum zu begreifen; verschüttet können sie nicht sein, weil nirgends der Raum zu solchem Grabe, und auch entführt scheint kaum glaublich, weil man eine solche Summe von Riesen doch nicht leicht transportirt. Von dem mächtigen Unterbau des Tempels, der heute noch am verständlichsten einen Begriff von der einstmaligen Größe des Umfanges gibt, stieg ich zur Enneakrunos hinab, einem Teiche, den der Ilissos nothdürftig speist. Von dortaus gesehen erscheinen die Säulen in ihrem „Zeitgelb“ wie herausgeschnitten aus dem tief dunkelblauen Hintergrunde des Himmels; die Stadt und die Akropolis verschwinden beinahe für den Standpunkt des unten stehenden Beschauers. Die Tempel-Terrasse wird von fein gefügten Quadern zusammengehalten, in deren Fügungen heute noch das Moos keinen Boden gefunden. Ich pflückte einen Strauß von Heliotropen, die mit Aloen und Cactusstauden den Ilissos einsäumen. Sonst ist weit um den Tempel her sandige Wüste. Er steht, sowie Rom, Constantinopel und Jerusalem gebettet sind, in einem erstorbenen Acker.

Der kostbarere Stadttheil des alten Athens, der durch die werthvollsten Denkmale ausgezeichnet war, lag auf der Südseite der Akropolis, also ganz im Widerspruche mit dem Geschmacke der heutigen Erbauer, denn dort stehen dermalen nur ärmliche Hütten und verlassene Ruinen. Der wohlhabendere Stadttheil zieht sich nordwärts und die elegantesten Häuser auf der Straße gegen Kephissia zu. Diese frühere Anordnung der alten Athener zeigt von feinerem Natursinne, von der Vorliebe für schöne Aussichtspunkte und von Sehnsucht nach dem Meere, denn von dieser Südseite der Akropolis sieht man von jedem Punkte aus die phalerische Bucht, die Küste bis zum alikäsischen Cap und die inselbevölkerte See. Besonders sichtbar ist dieses Bild von den Stufenreihen des dyonisischen Theaters, das dort an dem Fuße des Burgfelsen und an ihm hinauf gebaut liegt. Vor wenig Jahren erst ist es ausgegraben worden. Mit solcher Aussicht im Bunde ließen Aeschylos und Sophokles ihre Stücke darstellen. Wer jemals hier gewesen, kann der ohne Erinnerung an diese Decoration und nicht mit dadurch gemehrtem Entzücken ihre Tragödien lesen?

Das Theater ist das vollständigst erhaltene, welches vom Alterthume auf uns herabgekommen ist. Es zeigt noch bequem brauchbar alle Sitzesreihen mit Quadern musivisch gepflastert, die Orchestra und skulpturgeschmückt den Sockel, der das Proscenion trug. Nur das Podium ist eingestürzt, aber die Canäle liegen klar zu Tage, in denen die Coulissen und Decorationen bewegt und auf ihrer Rolle gedreht wurden. Wer eine Vorstellung von dem altgriechischen Theater haben will und von der Art, wie die Stücke des Aeschylos, des Sophokles und Euripides lebendig wurden, muß hieher gehen und eine Stunde lang in diesen Ruinen des bacchischen Schauspielhauses herumwandern. Ich hatte mir trotz aller Kunstbücher, die ich darüber gelesen, ganz andere Vorstellungen gemacht, irrige, der nun begriffenen Wirklichkeit widersprechende, und so vermuthe ich, daß es auch anderen nicht besser belehrtenKöpfen ergehe. So hatte ich mir den Raum der Orchestra nicht so groß, das ganze Theater nicht so klein vorgestellt; denn klein erscheint es auf den ersten Blick und es bedarf erst einer eingehenden Untersuchung bis man glaubt, daß auf diesen Stufenreihen wirklich 30.000 Zuschauer Platz fanden. Es sind im Ganzen 20 Reihen durch 12 Treppen getheilt. Den Halbkreis der Orchestra maß ich mit 62 Schritten, ihre Breite, also auch die Scenenweite, mit 29 Schritten. Die vordersten Stufenreihen waren besonders ausgezeichneten Zuschauern wie unsere Sperrsitze reservirt. Sie sind mit hohen Rück- und fein skulptirten Armlehnen versehen, und auf dem Sockel des Stuhles ist irgend ein Motiv aus der Dyonisius-Mythe zu Reliefbildern verwendet. In der Höhlung des Sessels ist ein kleines Loch angebracht zum Abflusse des Regenwassers; bei Vorstellungen wurde dieses wohl durch ein darauf gelegtes Polster verdeckt. Beinahe jedem dieser ausgezeichneten Stühle ist mit rohen Schriftzeichen der Name des Eigenthümers eingegraben: „Dieses ist der Sessel des Priesters des Dyonisios, oder des Aristides“ u. s. w. Wie oben auf der Akropole die Schwellen im Aufgange der Propyläen versetzt mich auch dieses kleine Detail am meisten in die Vergangenheit. Trümmer sind weit um das Theater gestreut, darunter mancher schöne skulpturliche Rest.

Ostwärts von dem Theater führte um den Felsen der Akropolis die Straße der siegreichen Dichter; die erkämpften Dreifüße, monumental aufgestellt, säumten sie ein. Das Lysikratesdenkmal ist noch ein Ueberbleibsel davon und bezeichnet genau die Richtung des Weges. Auf der entgegengesetzten Seite der Akropolis, im Westen, aber auch in der Ebene wie der Zeustempel, steht der noch völlig erhaltene Theseustempel, nach Anderen ein Gotteshaus des Ares; ein Muster dorischer Ordnung aus alt-attischer Zeit. An der Landstraße, die dort vorüber zum Pyräus hinab führt, grub man kürzlich einen Friedhof aus. Ich stieg hinab zu diesen begraben gewesenen Gräbern und wanderte in den Gassen herum mit demselben halb nur neugierigen, halb aber doch auch theilnehmenden Gefühle, das mich auf allen meinen Reisen immer dieFriedhöfe der Ortschaften, wo ich stationire, besuchen läßt. Ich fand ein Denkmal, das auffallend an unseren drachentödtenden heiligen Georg erinnert.

Nahe dem Theseustempel erhebt sich der Hügel, worauf der Areopag tagte. An den Felsen der Akropolis angeschlossen bildet er mit einer ganzen Reihe anderer eigentlich eine Scheidewand, die in die attische Ebene gestellt, vom Gebirge auslaufend mit der Halbinsel Munychia in die See mündet. Am dichtesten gedrängt sind diese Hügel auf der Westseite des Akropolisfelsen. Dort lag auch einmal ein Haupttheil des alten Athen, das also auch wie Rom und Constantinopel auf Hügeln erbaut war, und mit einigem Suchen ließen sich vielleicht die stereotypen sieben herausfinden. Auf dem Pnyxhügel, der mehr dem Meere zugeschoben ist, stand und steht auch heute noch so wie sie damals aus dem rothbraunen Felsen herausgehauen worden ist, die Rednertribüne. Wo der Grund der Terrasse, die das Volk sammelte, nicht eben genug war, sind ihm Felsen weggesprengt oder riesige Mauern eingesetzt worden. Die cyklopischen Fügungen dieser Unterbauten sind so dicht, daß ich heute noch zwischen die ungeheuren Blöcke (einige mit 13 Fuß Durchmesser) nicht mit der Schneide meines Federmessers eindringen konnte.

Der Nymphenhügel, unmittelbar neben der Pnyx, trägt heute die neue Sternwarte; ein kleiner Bau, kuppelgedeckt, von allen Seiten sichtbar. So schön er ist, stört er wie auch das Beste des Neuen neben diesen Resten des Alterthums. Athen sollte nur durch seine Ruinen leben. Sie nicht gesehen zu haben, erscheint mir, auch wenn man die ganze übrige Welt kennt, wie wenn man nichts von dieser wisse. Unglücklich und bedauernswerth wie der, welcher lebt ohne seine Mutter gekannt zu haben, ist wer stirbt ohne daß er sah, was der Mensch einmal Bestes gewollt und Schönstes geleistet, und was er sich zu seinem glänzendsten Gedächtnisse aufgestellt hat. Athen ist das Denkmal der Menschheit, die Akropole der Leichenhügel auf den edelsten Vermächtnissen der Gelehrsamkeit und der Dichtkunst.


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