Chapter 6

Die zwei Schiffbrücken, die heute darüber liegen, haben es in drei Häfen abgetheilt. Der erste, eigentlich die Mündung des goldenen Hornes in den Bosporus, ist beinahe ausschließlich mit Dampfbooten gefüllt; der zweite, zwischen den beiden Brücken, gehört den Segelschiffen des Handels, die an beiden Ufern in Reihen vor einander ankern, und der dritte, bis nach Ejub und den süßen Wässern, ist der kaiserlichen Kriegsmarine vorbehalten. Nach dem Gedränge in den beiden andern erscheint er stille und leer, denn größere Schiffe liegen nur vor dem Arsenale auf der Seite von Pera. In jedem besorgen besondere Dampfer den Verkehr die Ufer entlang und von einem zum andern hinüber. Nur dem zweiten und dritten Hafen dienen einzelne Dampfer gemeinschaftlich; die legen dann unter der zweiten Hafenbrücke den Rauchfang um. Das Abstoßen, Landen und das Fahren selbst geht weit schneller und behender, als das auf unseren Flüssen und Landseen gewagt wird. Und doch wird dabei so große Vorsicht beobachtet, daß ich Dampfschiffe den kleinen Kaiks ausweichen, plötzlich stille stehen, den Lauf verdoppeln sah, um sie vorüber zu lassen oder zu überholen. Es war, als habe das dampfende Ungethüm nur einer gelenkigen Hand und nicht einer umständlichen Maschine zu folgen. Der Verkehr ist ein ungeheurer und stellt den Volksreichthum dieser großen Stadt recht eindringlich vor die Augen. An den Durchlaß-Oeffnungen der Brücken drängt er sich am auffälligsten zusammen. Jede Brücke hat deren zwei, die eine näher dem Ufer Stambuls für die Fahrt in das goldene Horn, die andere näher dem Ufer Pera’s für die Fahrt aus demselben.

Die Sonne war warm, die Wasserfläche glänzend wie Silberund mein Sinn heiter wie der blaue Himmel. Im leichten Kahn zwischen zwei lachenden Ufern auf glattem Wasser dahin zu fliegen, wahrlich es ist ein Bild der Sorgenlosigkeit und gibt sie zuletzt selbst dem Gemüthe. Ich ließ mir wieder die Namen der größeren Moscheen nennen. Es sind die ihrer Erbauer, wie bei unseren Kirchen gewöhnlich die ihrer Schutzpatrone; das waren die Sultane von den großen, die wie Hügel auf den sieben Hügeln Stambuls sich erheben. So haben Mohammed der Eroberer, Bajasid II., Selim I., Soleiman der Große und Achmed I. sich die Unsterblichkeit auch durch die Steine festzuhalten gesucht. Diese größern, die von Kuppeln gedeckt, von Minareten bewacht und von wohlthätigen Anstalten umrungen sind, nennen die TürkenDjami, d. i. Versammlungsort; die kleinen, die häufig sogar von Holz, aber nie ohne wenigstens ein Minaret sind,Medjid, Bethaus. Aus dem letzteren mag sich der Europäer das sonst ganz unerklärliche und dem Türken unverständliche Wort Moschee gebildet haben. Indeß was liegt an dem Laute, wenn er nur den Gedanken verdolmetscht.

Auf dem Ufer von Stambul, hart am Saume des Wassers, erregte ein Haus mein Erstaunen, das, aus Holz gebaut, mit Latten verschlagen, vier Fenster breit, sich vor den andern ohnedem nicht überaus lothrechten, durch eine solche Neigung nach links auszeichnet, daß seine Querlinien beinahe in die ursprünglich senkrechten gerückt sind. Nicht eine Stunde würde unsere Bauordnung diese Uebertretung ihrer Vorschriften ungestraft und das Haus bewohnt lassen. Hier leben und, wie die Vorhänge verriethen, ganz wohlhabende Leute darinnen, und leben, was das allerärgste ist, seit 25 Jahren unbehelligt und vielleicht sicherer als in einem bauordnungsmäßig construirten Hause. Es erfüllt seinen Zweck und erscheint darum dem Eigenthümer und der Polizei vorwurfsfrei. Bei uns verliert man den gerne in der Sorge um das Nebensächliche, und insbesondere sind es unsere Gesetze, die, um den Beamten Futter zu geben, ganz ähnlich der Martha des Evangeliums, sich viele Sorge und Mühe um das Ueberflüssige machen, und darüber das Eine, was uns Noth that, vergessen. Im Staatswesen könnte eben auch die heil. Schrift öfter zu Rathe gezogen werden, als das der Unglaube unserer Zeit erlaubt.

Der Landungsplatz von Ejub war menschenleer, und leer und stille war die eigenthümliche Straße, die sich vor uns aufthat. Der Boden ist mit saubern Steinen gepflastert, und zu beiden Seiten stehen hohe Mauern aus weißem Marmor, die durch Halbsäulen und Rundbogen architektonisch gegliedert, und an den Enden, und ab und zu in der Fronte durch vorspringende Mausoleen unterbrochen sind. In die Rundbogen, die alle offen sind, und in die Fenster der Mausoleen sind vergoldete Gitter eingesetzt; dahinter liegt dichtes, beinahe undurchdringlich verwachsenes Rosengebüsch und darüber das Gewölbe uralter Platanen, Ahorne und Maulbeerbäume. Das ist eine Stadt der Todten, aber ohne jeden Schrecken des Todes, ein Zaubergarten des Schlafes, der in Ruhe und Vergessenheit die Müden beherbergt, bis die Posaunen der Auferstehung sie zu einem neuen aber besseren und endlosen Leben erwecken. In den Grabkapellen, die im TürkischenTürbeheißen, sah ich hohe Sarggerüste aufgebahrt, kostbare Shawls darüber gehängt, den Boden mit persischen Teppichen belegt und zu Häupten des Gerüstes einen Turban so um einen Pflock geschlungen, wie ihn der Begrabene zu Lebzeiten getragen. Der Leichnam ist in die Erde versenkt, darüber aus Stein oder Ziegelplatten eine Art Sargdeckel gemauert und erst darauf das hohe Holzgerüste gestellt. Um und neben ihm liegen unter kleineren Sarkophagen seine Frau und Kinder. Aber nur die Mächtigsten und Reichsten können sich solche Türbes bauen; die Anderen, und auch unter diesen sind hier Viele, die in der Geschichte dieses Volkes genannt werden, liegen im Freien unter Marmorplatten und Rosensträuchern, manche auch noch durch vergoldete Gitter von ihren Nachbarn getrennt; dann haben sich die Rosen und Blumen daran noch höher geschlungen und die Todten darunter noch tiefer begraben. Wie wenn ich selbst schon in eine andere Welt entrückt wäre, so abgekehrt von allem Gewöhnlichen wurden meine Gedanken, als ich durch diese sonderbare, stille, geheimnißvolle Gasseschritt. Der Duft der Blüthen hatte mich betäubt und ihr blasser Farbenschmelz mich entzückt. Schöner und duftiger als hier habe ich die Rosen nirgends gefunden; der Name Rosenthal, der so oft mißbraucht wird, sollte dem Thale von Ejub ausschließlich gehören.

Wir stiegen nun den Berg und dann von rückwärts seine Höhe hinauf. Dort sind dem Laubholze auch Cypressen beigemischt. Wildes Schlinggewächse hat sie unterschiedlos Ast an Ast, Baum an Baum gebunden, und Gräber schlafen auch da unter ihren Schatten. Der Nachmittag war uns heiß geworden, und der Weg steil und beschwerlich. Aber jedes Unbehagen schwand, als das spähende Auge den ersten Ausblick zwischen den Cypressenstämmen über die Gräber hin auf die große Ferne fand. Wie vom Blitze getroffen stand ich da, denn großartiger und freundlicher zugleich hatte ich die Welt nirgends gesehen. Vor mir lag das goldene Horn in seiner ganzen Länge bis zum Bosporus mit Schiffen, mit dem reichen Verkehre dieser Weltstadt bedeckt; auf seinen beiden Seiten die Höhenzüge von Stambul und Pera weit wie zu einer Umarmung hinausgestreckt, und Farben auf Land und Meer so lebensvoll, wie das Roth auf den Wangen rosiger Jugend. Es war das glänzendste, das prächtigste Bild des Lebens voll Luft und Rührigkeit, und um mich, damit ich es ungestört betrachte, die Lautlosigkeit der Gräber. Es ist ein friedebringendes Gefühl, überall Leben zu sehen und keines mehr zu hören; das läßt uns dieser Welt und löst uns doch los von dem Gewichte ihrer Ketten. Wir stehen in aber über ihr, und Zufriedenheit zieht in die Seele ein, wie sie sie sonst nur von dem versprochenen Jenseits hofft. Ob so nicht auch von dort herab der Blick auf unsere Erde fällt? Das wäre ein Mitleben der theuern Abgeschiedenen, ohne ein Mitleiden zu sein.

Ich warf mich um zu ruhen auf den grünen Boden nieder. Im Thale unter mir, zurückgezogen in eine Einbuchtung der Hügel, stand die Moschee von Ejub. Nur ihre Kuppel und ihre Minarete langten aus den Baumwipfeln nach dem Lichte und dem Lärmen des Tages hervor. Sie verstecken das Grab eines Heiligen. Denn Ejub, der bei der dritten Belagerung Constantinopels durch die Araber die Fahne des Propheten vertheidigend fiel, soll dort eingescharrt worden sein. Als dann bei der zehnten und letzten Belagerung der Stadt durch die Mohammedaner der Muth der Angreifer eben nachlassen wollte, stärkte sie die rechtzeitige Wiederauffindung seiner Gebeine, und die Erinnerung an den Helden half mit die Stadt erobern. Dem Wunder und dem Helfer zum Gedächtnisse baute Mohammed II. die Moschee dahin. In ihr beginnt jeder Sultan mit der Umgürtung des Schwertes seine Regierung; denn nicht der Schein der Macht, Krone und Scepter, das Schwert, das wirklich trifft und tödtet, ist das Herrscherzeichen der heutigen Kaiser des Ostens. Ringsherum ist Berg und Thal dem Osmanen geweihter Grund, darin zu ruhen der sehnsüchtige Wunsch seines Lebens. Wer die Mittel zusammenbringt, baut sich selbst in Ejub sein Grab. Besonders sind es viele Gelehrte, Gesetzgeber, Männer von der Feder, die das erreicht haben. Von Kriegsleuten, die auch Europa kennt und gefürchtet hat, liegen Sokolli Mohammed Pascha, der Eroberer von Szigeth, und Kara Mustapha, der Eroberer von Cypern, hier. Uebrigens setzen auch in Ejub die Mohammedaner nur eine Tradition fort, die lange vor ihnen begonnen hatte. Immer war sein Boden ein heiliger; unter den Christen dem heiligen Mamas, der Kirche, Kloster, Palast und Rennspiele darauf hatte, und unter den Heiden dem Vater Zeus. Und immer wird er es bleiben, weil das Thal eine jener gottgezeichneten Gegenden ist, die sich der Schöpfer selbst zu seiner Wohnstätte geschaffen zu haben scheint.

Zurück gingen wir durch den Ort; lauter niedere Holzhäuser, nicht anders als unsere schlechtesten Dorfhütten; sie sind unten offen, rührige Menschen bei ausdauernder Arbeit darin. Kein träges Zusammenlegen der Hände und neugieriges Aufschauen der Augen, um die Fremden anzustaunen. Wirklich, so hörte ich später, zeichnet sich diese Vorstadt durch besonders fleißige Bürger aus. Auch um ihrer Hunde willen könnte sie berühmt sein; es gibt dieser Wildlinge dort noch mehr, als in andern Theilen Constantinopels.


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