III. Brussa und der Olymp.
Reise nach Brussa.
Pera, den 24. Mai, 6 Uhr Morgens.
Ich stehe früh auf, das Erwachen des Tages zu sehen und die letzten Vorbereitungen zur Abreise zu vollenden. Nebel deckten grau und trübe die Aussicht, als sie sich aber verzogen, erschien der Morgen hell und glänzend, wie ihn der gestrige Abend versprochen. Es thut wohl so sichere Erwartung hegen, dem Himmel vertrauen zu dürfen, daß der nächste Tag sonnig und heiter wie der vorige sein werde. Bei uns verzehrt sich das halbe Leben in Zweifeln und Fragen nach dem Wetter und, da die andere Hälfte von der Sorge für unsere Bedürfnisse gefressen wird, bleiben zum Lebensgenusse nur die sparsamen Augenblicke zufälligen Sonnenscheines übrig. Hier, wo das anders, wo unsere Ausnahme die Regel ist, wo die Sonne nur dann nicht scheint, wenn sie untergegangen, hat das Leben schon darum mehr Raum zu seiner Ausbreitung.
Mudania, Nachmittags 2 Uhr.
Vor 7 Uhr ritten wir durch die große Galata-Gasse zu der ersten Hafenbrücke hinab. Dort lag der Dampfer für Brussa. Ueber die Verdecke einiger anderer Schiffe, die zwischen ihm und der Brückentreppe ankerten, stiegen wir auf das des unserigen.Der Kawaß und die Diener, die mit uns reisen, schnallten inzwischen den Pferden unsere Sättel und Gepäckstaschen ab und schleppten sie uns nach durch die zudrängende und schreiende Menge. Ein zweiter Dampfer, der ebenfalls nach Bithinien will, fuhr eben ab. Trotzdem fanden wir auf dem unserigen das Verdeck und die Kajüten so mit Passagieren überfüllt, daß wir verlegen waren, Platz für uns selbst und für unser Gepäck zu finden. Das Schiff ist nicht groß und durch zwei Rauchfänge noch mehr beengt. Zwischen diesen liegt die Maschine und darüber von einem Radkasten zum andern eine Brücke, um den Raum für die Reisenden zu vermehren. Auf dieses zweite Stockwerk wies uns ein Cameriere des Schiffes, dem der freigebige Ausdruck unserer Mienen wohl die Hoffnung auf ein Paar leicht zu verdienende Piaster gab. Um diesen Preis verschaffte uns sein Mitleiden sogar einige Strohschemel, denn nicht höher sind die Stühle, welche hier jeder, dem Kissen oder bloße Teppiche zu nieder sind, benützt; da ihnen auch jede Lehne fehlt, verliert das Sitzen darauf gar bald den Charakter einer Erholung. So lange wir noch im Hafen lagen, war unser erhabener Posten ganz angenehm, denn die Sonne brannte trotz der noch frühen Stunde so warm, daß der Luftzug wohl that; draußen aber auf dem freien Meere wurde seiner Kühle dort oben zu viel. Ich mußte die Uebersiedlung auf das untere Verdeck beantragen. Die See war silberblau und der Himmel, der sie doch erst an der Grenze des Horizonts umarmte, ihr so ähnlich, daß die unzähligen Schiffe mit ihren geschwellten Segeln in der Luft zu schweben schienen. Die Prinzen-Inseln stiegen links vor den nikomedischen Bergen in rothen Farben mehr und mehr aus der Fluth in Formen, die die Hand eines erfahrenen Künstlers eigens für dieses Bild gezogen zu haben scheint. Alles strahlte von morgendlicher Frische und sonniger Heiterkeit, wie das Leben selbst so lange es jung ist und nur Hoffnungen verspricht. Wir steuerten von den Küsten weg mehr ins freie Meer hinaus; der Golf von Ismid, wo das alte Nikomedien stand, blieb weit neben und dann hinter uns. Gegen Mittag erst that sich vor uns der Golf vonMudania auf, zur Rechten die malerischen scharfgeschnittenen Felsen der Insel Kalolimni, zur Linken die arganthonischen Berge aus dem Busen des Golfes in sanften Biegungen zum Vorgebirge von Bos-burun abfallend und doch hinter sich schroff und mächtig den Olymp und andere Riesen aufthürmend. Die Insel rechts lag in rosigen Düften wie in ein Wunderreich entrückt, während links die Küste des Festlandes immer näher kam und unterscheidbarer wurde. Dunkles Grün deckt die Hänge, nur unten hat das Wasser den rothen Stein und das rothe Erdreich nackt gewaschen. Das ist eine grelle aber glückliche Nebeneinanderstellung der Farben.
Kalolimni war die Insel Besbikus und Bos-burun das Cap Posidium der Alten. Jason hat dort gelandet und sein schöner Gefährte Hylas sich in jenen Bergen und in den Armen reizender Nymphen verloren. Heute noch hat man ihn nicht wiedergefunden, obwohl ihn jährlich viele Jahrhunderte lang ein alter Cultus mit bedeutungsvollen Spielen suchte. Dem Gebirge lasse ich den früheren Namen: Arganthonius, weil der türkische, den meine Karte Samanly Dag angibt, weniger gekannt und mir gar nicht im Gedächtnisse haften will. Der ganze Golf war der Sinus Cianus; Gemleck, wohin der Dampfer weiter steuert, das Cius, welches ein Anderer der Argonauten auf der Rückkehr gegründet und nach sich benannt hat, und welches dann später derselbe König von Bithinien, der den Hannibal bei sich aufnahm, auf seinen Namen Prusias umtaufte. Mudania, oder doch Ruinen nahe bei, waren das Myrlea, welches dieser Prusias nach seiner Gattin, Apamea, nannte. Heute bilden nur wenige elende Hütten den Ort, und doch soll er, seit der Handel hier aus- und einzuladen beginnt, schon volkreicher und wohlhabender geworden sein. Er liegt auf der rechtseitigen Küste ziemlich halb Wegs der ganzen Tiefe des Golfes. Bis zu dem Endpunkte der Bucht, nach Gemleck, braucht der Dampfer noch zwei weitere Stunden.
Es scheint gewöhnlich, schon hier für Brussa und andere Gegenden des Innern Asiens den Landweg zu nehmen, denn die meisten Passagiere rüsteten sich mit uns das Boot zu verlassen.Die Teppiche, die Decken und Kissen, auf denen sie geruht hatten, wurden zusammengerollt und gebunden, und die gewaltigen Bündel an dem Borde des Verdecks zu Hügeln übereinandergehäuft. Ein Türke, der mich schon während der Fahrt vor den Anderen beschäftigt hatte, fesselte auch bei diesem Aufbruche meine besondere Aufmerksamkeit. Regungslos hatte er auf einer rosenfarbenen Kattundecke mit untergeschlagenen Beinen gesessen, sein Diener ihm in derselben Position gegenüber und beide hatten Auge und Theilnahme nur für das Meer gehabt. Jetzt erst sprachen sie die ersten Worte, der Herr zum Diener offenbar Befehle, denn dieser reichte ihm darauf verschiedene Kleidungsstücke, sieben Kaftane, die der Herr alle anzog, einen über den anderen; es waren kostbare seidene und schön gestickte, aber auch abscheulich großgeblümte aus englischem Kattun darunter. Ueber alle nahm er zuletzt noch einen Pelz, und das bei einer Temperatur, die wir bei uns auch im Juli eine ungewöhnlich heiße nennen würden. Der Rest seines Gepäcks war nur klein; die Sorge dafür überließ er seinem Diener bis auf einen ganz europäisch gestickten und construirten Nachtsack, den er fest in seiner eigenen Hand behielt. Auf dem Kopfe hatte er einen blendend weißen Turban. Es war eine prächtige Gestalt, hoch und würdevoll, aber ohne jede Beimischung jenes übermüthigen Stolzes, dessen roher Ausdruck schon durch den bloßen Anblick beleidigt, weil Milde und Wohlwollen aus seinen blauen Augen und von seinen rothen Lippen lächelten. Ein kurz geschnittener blonder Bart umfaßte das Gesicht, das frisch und jugendlich war, wie es der ganze Mann zu sein schien; mehr als dreißig Jahre konnte er nicht zählen. Gutmüthig duldete er meine unbescheidene Beobachtung, die ihm nicht entging. Man sagte mir, das sei ein vornehmer, ein größerer Gutsherr aus dem Innern von Asien. Das war die Gestalt, die Kleidung, wie sich unsere Phantasie den Türken vorstellt; nichts Europäisches, keine Entstellung an ihm. Nur so hellblond und blauäugig, wie ich schon so viele gesehen, hatte ich die Türken nicht geglaubt, und gerade diese sind die schönsten.
Was uns beim Landen empfing, und was uns nun hier umgibt, ist — da doch Stambul die Ueberraschung vorbereitet hat — so plötzlich eine andere, als die gewohnte Welt geworden, daß man an zauberhafte Versetzung glauben könnte. Asien ist es mit allen seinen Eigenthümlichkeiten so vollständig, daß, wenn wir auch noch uns selbst vergessen könnten, jede Mahnung an den Erdtheil, den wir dort drüben jenseits dieses Meeres gelassen haben, vergessen und verloren wäre. Auf der Landungsbrücke kämpfte ein Gedränge zerlumpter Gestalten um den vordersten Platz zunächst dem Dampfer. Noch ehe die Maschine stand und er fest angelegt hatte, sprangen sie wie Tigerkatzen auf den Radkasten, auf das Verdeck herab; diejenigen, die es nicht erreichten, klammerten sich an die Brüstung und krochen daran hinauf. Junge aber auch ebenso alte Leute waren darunter, Jeder wagte sein Leben und das für wenige Paras, die er für das Tragen der Teppichbündel begehren darf. Zweimal in der Woche nur, wenn das Boot von Constantinopel kömmt, bietet sich ihm die Hoffnung auf diesen kargen Verdienst, der doch die acht Tage zumeist erhalten muß, darum der Hunger und der Wettstreit ihn zu erwerben. Ich war auf die Teppichbündel gestiegen und beobachtete von dort die Scene bis der Uebergang auf der Brücke freier und weniger lebensgefährlich geworden war. Wir mußten zunächst in ein Zollhaus. Die Zöllner saßen im alttürkischen Kleide mit unterschlagenen Beinen auf einer Gattung Tribüne, das türkische Schreibzeug auf niederen Pulten vor sich. Schnell und ebenso artig wurden wir von ihnen abgefertigt.
Bis die Pferde zur Weiterreise bereitet sind, sollen wir in diesem Gasthofe ruhen, der neu gebaut und für europäische Reisende eingerichtet, in seinen drei Fremdenzimmern zwar nur geweißelte Wände, aber doch Bettstellen bietet. In der Wirthsstube spielt ein türkisches Orchester auf der Tarabuca, einem tamburinartigen Instrumente, auf einigen kleinen Pfeifen und schwach besaiteten Violinen Melodien, die mich durch ihre Ruhelosigkeit, durch das Hinüberziehen des einen Tones in den andern gar sehr anden ungarischen Csardas erinnern. Die Musik ist betäubend. Mir, dem das Plötzliche aller dieser neuen Eindrücke schon den Schwindel gegeben, droht sie die Sinne völlig zu verwirren. Ich flüchte auf die Terrasse, die vor dem Hause in das Meer hinaus gebaut ist; hier finde ich Einsamkeit und athme mit der salzig gewürzten Luft auch die Ruhe, die auf dem Meere den warmen Mittagsschlummer schläft. So fest ist der, daß selbst die Brandung, die doch sonst immer unbekümmert um Windesstille ihre eigenmächtige Sprache fortlispelt, in regungsloses Schweigen versunken, und die Fluth zu meinen Füßen geglättet wie draußen auf der hohen See ist. Dort liegen einige Fischerboote; mit ihren Steuerleuten rasten auch ihre Segel, die schlaff und halb gesenkt an den Masten hängen, von der gethanen Arbeit. So ist Ruhe und Erholung überall, in den Menschen und in den Dingen, lebendig und bewegt nur noch das Licht. Grüne und blaue Farben gleiten wechselnd über das Wasser, und silberne Streifen wellen leuchtend dazwischen. Mir gegenüber, auf der andern Seite des Golfes, glühen die runden Berge in rothen Lichtern, indessen tiefer drinnen, wo die Ufer sich treffen, und man das Land nur noch sieht, weil es bis in die Höhen des ewigen Schnees emporsteigt, versöhnliche Schatten um die schrofferen Formen gehüllt sind, damit sie passender in den heiteren Ton des ganzen Bildes stimmen. Dort ragt höher als alle anderen, wie er auch alle durch Schönheit übertrifft, der Katerlü Dag empor.
Der Schlaf einer ganzen Nacht hätte mir nicht mehr Erquickung und Sammlung geben können als das ungestörte Schauen dieser einen Stunde. Wie eine Wechselwirkung spannt sich der Verkehr zwischen uns und der Natur aus. Ich fühle den Frieden, der in ihr ruht, und sie scheint — so wenigstens meinem Auge, das alles glaubt, was in seinen Vorstellungen gegenwärtig ist — von Gedanken erregt, wie sie aufwühlend mein Inneres durchziehen. Wer das so erfahren, wird den Orientalen nicht mehr tadeln, wenn er ihn tagelang in stummem Sehen vor solchen Bildern sitzend findet. Müßig mag man dabei seine Hände undFüße schelten, aber nicht seinen Geist; der kann solcher Schönheit gegenüber nicht anders als nach ihrem Schöpfer fragen und ihm danken, daß er sie geschaffen und daß er ihn sie schauen läßt. Derselbe Gedanke wird zugleich Erkenntniß, Anbetung und Opfer, und dieselbe Betrachtung: Offenbarung und Glauben werden. So ist der Orient eben dadurch, daß er die Heimath aller Schönheit, der in der Natur wie in der Kunst gebornen, ist, auch die Geburtsstätte aller edelsten Religionen geworden. An den Ufern des Ganges, wie an denen des Nils und an dem großen griechischen Weltmeere, wie an dem kleinen galiläischen See Tiberias hat die hellere Sonne selbst dem Menschen geholfen, sich den Gott und den Glauben zu finden, der den Völkern und den Jahrtausenden erst ihre Richtung und ihre Würde gab. Solche Entdeckung wieder zu verlieren und zu läugnen, das war nur dem Norden möglich, wo sich Nebel zwischen die Augen und die Gotteswerke legen und Kälte die Gedanken einer warmen Empfindung in jammervolle Hungergestalten erstarrt. Der Atheismus ist keine Pflanze des Südens, sein Boden treibt schönere und nahrhaftere Früchte.
Brussa, Hôtel d’Olympe, 24. Mai Mitternacht.
Um 2 Uhr stiegen wir in Mudania auf die Pferde; es waren ihrer achte. Die beiden Kawassen voraus und die Packpferde hinten nach zogen wir aus, Einer hinter dem Andern, im sonderbarsten Aufputze, wie ihn sich Jeder als Schutzmittel gegen den Sonnenstich zusammengestellt hatte. Der Jaschmack, ein weißer Schleier, der in dichten Falten um den Kopf des Hutes gewunden wird und dessen Zipfel über den Nacken bis auf den Rücken hängen, fehlte keiner Toilette. Ich verstärkte diese Abwehr noch durch einen weißen Sonnenschirm.
Eine Weile geht der Weg über den Strand des Meeres. Eine leichte Brise hatte sich erhoben und trieb die Wellen bis unter die Füße unserer Pferde. Wo sie aufschlugen und zerrannen, da brachen die zurückbleibenden Tropfen in alle Farben des Regenbogens auseinander. Wie ich das und unseren Zug sah, fiel mir ein Gemälde und der Wunsch ein, der mir davor gekommen war; PeterHeßhat es gemalt und König Ludwig es in der neuen Pinakothek zu München ausgestellt: „Griechische Landleute ziehen auf dem Strande des Meeres dahin.“ Das ist so, wie heute unser Ritt war; das Meer so blau, der Strand so bunt und die Luft so klar, wie das Wasser neben, der Boden unter und der Himmel über uns. Und wie ich mir damals gewünscht hatte, heiß, und jedesmal wenn ich das Bild wieder sah begehrlicher, daß ich das auch einmal erlebe, so war es mir nun geworden. Es ist das nicht das erste Mal, daß mir scheinbar Unmögliches, das ich übermüthig begehrt hatte, gewährt worden ist; dem Wunsche, wenn er nur fest und unablässig bleibt, wird selten die Erfüllung fehlen. Eine eigenthümliche Kraft, etwas wie ein elektrisches Fluidum ist in ihm wirksam, das instinktiv unsere ganze Thätigkeit nach dem einen Ziele richtet. Wird dieses dann so wie heute erreicht, dann scheint es mir die Pflicht eines schuldigen Dankes, der glücklichen Stunde und der Veranlassung zu gedenken, die zuerst die Sehnsucht und das Verlangen geboren hat.
Vom Ufer weg biegt der Weg rechts in Felder und in Thäler hinein und steigt dann die Berge hinauf. Oliven- und Feigenbäume, Reb- und andere Schlingpflanzen des Südens wachsen im üppigsten Reichthum, die Blätter goldig grün und noch frisch von der ersten Kraft ihrer Jugend. Eine Aloestaude stand hart neben der Straße, saftiger Epheu hat sich um sie geschlungen, aber vorsichtiger als die Liebe, die sich hingebend um das fremde Herz legt und für ihre Umarmung nur Stiche erntet, so gewandt, daß keines der großen Blätter durch die Stacheln verletzt war. Das waren mir lauter neue Bilder, nie hatte ich die Landschaft so gesehen; jedes überraschte mich, und doch war mir auch, als erkenne ich da etwas wieder. Aber wo hatte unsere Bekanntschaft begonnen? Umsonst tastete ich in der Erinnerung herum, in ihrem Zwielichte wollte sich keine Spur finden lassen. Da kam uns eine Gestalt entgegen, die von oben bis unten in ein großes weißesTuch gegen die Sonnenstrahlen vermummt war. Die war wie eine Erscheinung aus der Bibel. Nun hatte ich es; so wie dieses Land hatte meine Kinderphantasie schon die Erzählungen des neuen Testamentes illustrirt gesehen. So willkürlich verzweigt und in den Weg gebogen hatte ich mir den Feigenbaum vorgestellt, so dichtbuschig und melancholisch den Oelbaum, so wild und weitrankig die wilde Rebe, so hoch und knorrig den Cactus, so stachlig und emporgeschossen die Aloe, so gewellt die Hügel, so schollig den Boden, so wie diese Straße den Weg von Nazareth über Sichem gegen Jerusalem. Der Drang meiner Gefährten wurde mir zu ungeduldig, jeder Schritt meines Pferdes zu schnell, überall wollte ich halten, weil mir jeder Busch, jeder Baum, hier der Einblick in ein Thal, dort der Ausblick von einem Berge hundert neue Erinnerungen der schönsten Zeit, der unbewußt glücklichen Kindheit weckte. So greift die ferne Vergangenheit über breite Zwischenräume weg in die Gegenwart herein, und wirkt belebend und wird zugleich belebt. Da erfährt man, wie werthvoll solch’ ein thatenreicher Boden ist, und wie von den Ländern dasselbe was von den Menschen gilt: interessant und ergiebig sind nur jene, die schwer an Erinnerungen tragen. Ich weiß nicht, ob alle Kinderphantasien sich Asien so vorstellen wie es die meinige gethan; wenn es wäre, dann würde es meine Behauptung bestätigen, daß die freie Einfalt des Kindes das Wahre meistens errathe.
Zweimal blickt das Auge zurück auf den Golf. Jedesmal, je höher wir gestiegen waren, ist das Bild größer und schöner. Dann fällt der Weg über zwei Berge in’s Thal von Brussa. Um halb 5 Uhr passirten wir den Nilufer, einen schmalen aber tiefen Fluß, der gegen Westen strömt. Sein sonderbarer Name, der so viel als Lotosblume bedeutet, ist ihm gewiß von jener griechischen Prinzessin geblieben, die Osman, der Gründer des heutigen Sultansgeschlechtes, von ihrem griechischen Hochzeitfeste weg seinem erst vierzehnjährigen Sohne Orchan raubte. Von der Blume selbst, die in ihm wachsen soll, fand ich keine, aber große gelbe Lilien,die aus dem Schilfe aufragen. Das Wasser war schmutzig von lehmiger Erde, welche die Strömung mitgerissen hatte.
Auf dem anderen Ufer rasteten wir; es war unseren Pferden nothwendig wie uns selbst. Die Hütte eines Wachtcorps war der Stationsplatz. Vier Pflöcke, ein Dach darauf und eine Wand gegen die Wetterseite genügen der Anspruchslosigkeit dieser Leute und der Milde des Klima’s, um sie gegen seine Unbilden zu schützen. Mehr als mit Bequemlichkeiten waren sie mit Waffen versehen. Die vier Soldaten hatten ein ganzes Bataillon von Pistolen und Säbeln in ihren Gürteln stecken. Uns zeigten sie nur die freundlichen Seiten ihres Amtes und ihres Charakters; Strohschemel, Kaffeeschalen, Nargilehs und Kirschen brachten sie uns so viel sie hatten. Nur Zucker und Brod fehlten ihrem Haushalte und unserem Mahle. Dafür war das Wasser um so köstlicher und der Hunger, welchen wir den ganzen Tag über gesammelt hatten, um so begieriger. Genährt und gestärkt stiegen wir wieder auf die Pferde zu dem Ritte, der immer noch zwei Stunden dauerte.
Die Landschaft wechselt das Aussehen. Oben auf den Bergen hatte ich beinahe nur Arbutus, den Erdbeerstrauch, gefunden und den nur an einzelnen Stellen zur Höhe von Bäumen aufgeschossen, aber überall so dicht, daß seitab vom Wege nicht durchzudringen war. Unten im Thale stehen Pappeln, Platanen, zahme Kastanien, Terebinthen und Ahorn in feste Gruppen gesammelt und einzeln über die Wiesen zerstreut. Wo das Gras fehlt, da decken beinahe noch grüner und saftiger die Maulbeerbaumfelder den Boden. Diese Felder sind auf’s sorgsamste gepflegt, die Stöcke gleichmäßig weit von einander gepflanzt, dazwischen alle Unkräuter ausgejätet, damit den Bäumchen nichts von der Kraft des Bodens absorbirt werde. Da man sie sehr nieder und alle gleich hoch hält, fließen ihre Säfte in die Blätter, und sehen die Felder von oben und aus der Entfernung betrachtet wie gesunde, von der Sonne beglänzte Wiesenmatten aus. Wo ein Bauernhaus stand, da saß auch der Friede mit einigen Storchennestern auf demDache; ich zählte auf einem einzigen nicht weniger als eilf Nester mit siebzehn Störchen. Keiner kümmerte sich um uns, und so auch jene nicht, die auf den Wiesen und Feldern herumstolzirten. Sie müssen sich bei dem hiesigen Volke heilig wie die Katzen bei den alten Egyptiern wissen. Es kann dort solcher Vierbeiner kaum mehr als hier dieser Einbeiner gegeben haben.
Zwei Karavanen überholten wir, jede wohl von 50–70 Kameelen. Mit leichten Ketten und starken Stricken ist eines an das andere gebunden, ab und zu ein Esel dazwischen, weil sie ihm williger folgen. Ein paar Führer leiten und bewachen den langen schwer beladenen Zug. Gravitätisch und mit großen Schritten, die an den Gang der Störche erinnern, und im gleichgemessenen Heben und Senken des Rückens ziehen diese sonderbaren Thiere ihre Straße dahin, gleichgiltig für jedes Rechts und Links, nur immer geradeaus blickend. Dabei ist ihr Auge nicht todt, nicht glanzlos, es ist mehr, als sei ihnen Alles, was sie umgibt, verächtlich, als wüßten sie das einzig Berücksichtigungswürdige in sich selbst.
Es verräth eine Episode aus der Geschichte der türkischen Volkswirthschaft, daß das erste Geldmaß seinen Namen von der Kameellast entlehnte.Juk, die Last, hieß die Summe, mit welcher anfänglich gerechnet ward. So gibt das, was einem Volke in seiner Beschäftigung das Wichtigste ist, auch dem Tauschgeschäfte den ersten Namen.Pecus, das Rindvieh, derpecuniader römischen Hirten.
Immer fand ich, daß sich zwischen dem Menschen und seinen zumeist gebrauchten Hausthieren eine gewisse Aehnlichkeit bilde, nie aber sah ich die auffallender, als hier zwischen den Kameelen und seinem Landsmanne ausgeprägt. Beide haben dieselbe Ruhe der äußeren Erscheinung und dieselbe Erregbarkeit der inneren Empfindung; beide sind unterwürfig ihrem Schicksale und folgsam den Sclavendiensten, wenn sie ihnen ihre Bestimmung auferlegt hat; daher denn auch das Verständniß und die treue Anhänglichkeit, die sie einander zeigen. Der Mensch und das Thier sind nicht soscharf geschieden, als dies die wissenschaftliche Definition beweisen will. Ja den ersten Zeiten unserer Culturentwicklung, da unser Hochmuth noch weniger eingebildet und unser Instinkt noch freier ist, tritt das klar zu Tage, und hält es Niemand für nothwendig, Zweifel daran zu legen, um die menschliche Würde zu erhöhen.
Es waren dieses die ersten Kameele gewesen, die ich anders sah, als man sie bei uns gewöhnlich der Merkwürdigkeit halber zeigt. Wer sich erinnert, wie oft ihm irgend eine Kleinigkeit, die er aber sonst nur aus der Ferne und so gewissermaßen respectvoll gegen Entrée hatte anstaunen können, in dem Augenblicke, wenn sie als alltägliche Gewöhnlichkeit an ihn herangetreten ist, auch alle die Phantasien lebendig gemacht hat, die er früher daran geknüpft hatte, der wird es begreifen, daß ich mich nun vollends in die Wirklichkeit jener Dichtungen versetzt fühlte, die ich über den Orient gelesen und gedacht habe. Lange noch blickte ich vom Pferde nach dem gleichförmig schleichenden Zuge zurück, der sich wie eine Schlange über die Hügel wand. Erst ein neues Bild vor mir lenkte meine Aufmerksamkeit davon ab. Unter ungeheuren Platanen waren um einen schönen Brunnen bunte Gestalten bei heiteren Spielen versammelt. Griechische Jünglinge übten einen Tanz; Armenierinnen wiegten sich in Schaukeln, die sie von einem Baume zum anderen gespannt hatten; türkische Frauen saßen auf ihren Teppichen zuschauend dabei, ihre Kinder balgten sich; ein Caffeegi bot seine kleinen Schalen und großen Pfeifen aus; Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren dreifüßigen Tische aufgestellt; reichgeschirrte Pferde wurden herumgeführt und vergoldete Arabats harrten, um ihre Herrschaften wieder nach der Stadt zurück zu fahren.
Wir waren Brussa nahe gekommen. Die Vegetation wurde noch reicher, und die Bäume noch höher und dichter; oben schließen sich ihre Kronen zu festen Gewölben, und unten verengen ihre Zweige den Durchlaß; darum und dazwischen sind wilde Reben, Nachtschatten und andere mir unbekannte Schlingpflanzen in wuchernder Fülle geschlungen, und Brennessel drohen daraus mit mehr als mannshohen Stauden hervor, daß jede Abweichung vomPfade in die Felder hinein unmöglich oder doch gefährlich ist. Ueber diese natürlichen Hecken strecken wieder Feigenbäume ihre großblätterigen Aeste in die Straße, an denen die Früchte schon Farben der Reife angesetzt haben, und Granatblüthen leuchten mit glühendem Roth in all’ das Wirrniß und Dunkel herein. So dicht und schattig ist das, daß man den Abend schon gekommen glauben könnte, erschiene nicht auf den Hängen der Berge noch das Licht der Sonne; die erheben sich vor uns langgezogen und himmelanstrebend, wie nur irgend eine Kette der Alpen. Das ist der asiatische Olymp, nicht ein Berg, ein Gebirge, das vom Marmora-Meere bis zum schwarzen Meere reicht. Mit einer geraden Linie schließt es vor uns gegen Süden die Ebene unmittelbar aus der Thalsohle aufwachsend, an seinem Fuße grün und frisch wie das Thal selbst, auf seinem Haupte weiß wie das älteste Alter. In großen Feldern liegt dort noch der Schnee des Winters. Die Stadt Brussa steht unten auf dem Fuße dieses Riesen wie bewacht, aber auch wie bedroht, so im Laube verborgen, daß man ihr sehr nahe kommen muß, um mehr als einige Kuppeln und Minarete von ihr zu erspähen. Der Ueberfluß, der unbändigbar aus diesem wunderkräftigen Boden sprießt, scheint ihr über den Kopf gewachsen zu sein. Grüner als den Olymp und das Thal von Brussa habe ich keine Gegend, auch das höchste Alpenthal nicht gesehen; dabei ist es nicht jene einförmige Farbe, die in unseren Ländern den Maler so oft in Verzweiflung bringt. Vom hellsten Gold bis zum dunkelsten Schwarz steigt es in zarten Mischungen alle Abstufungen hinauf; der Schnee der Alpen und die Sonne des Südens sind zugleich Gevatter an seiner Wiege gestanden, und reicher und schöner ist kein anderes Kind beschenkt worden. Nur wer Brussa gesehen, weiß was die Erde leisten kann. Ein Regenbogen stand über dieses Paradies ausgespannt, als wir darein einzogen, das würdige Thor zu solcher Herrlichkeit. Immer glaubte ich das Beiwort „unbeschreiblich“ ein Bequemlichkeitspolster der Faulheit; jetzt, da ich Brussa gesehen, gestehe ich ihm seine Berechtigung zu. Die lebhaftesten Farben in die schönsten Contouren gelegt, und dasBild, das sich die Phantasie gemalt, wird doch arm neben der Wirklichkeit erscheinen, wie sie hier ist.
Es war 7 Uhr, als wir vor dem Hôtel d’Olympe von unseren Pferden stiegen. Der Gasthof ist gleich hinter der westlichen Vorstadt in einem der ersten Häuser eingerichtet. Er steht auf dem Abhange des Berges, der nur durch die schmale Straße unterbrochen von ihm wieder tiefer in das Thal hinabfällt. Das liegt bis zur gegenüberstehenden Kette des Katerlü-Gebirges überschaubar vor unseren Fenstern ausgebreitet. Die Zimmer sind rein, sogar europäischer Verwöhnung genügsam; der österreichische Consul, Herr Falkeisen, hat sie uns bestellt.
Beim Diner, das nach 8 Uhr genommen wurde, sahen wir, daß der Gasthof noch andere Fremde beherberge. Eine französische Familie fiel mir auf, weil sich Mann und Frau trotz zweier schon ziemlich erwachsener Kinder noch immer Zeichen einer jugendfrischen Liebe erwiesen. Man nannte mir den Namen des Vaters und erläuterte dazu, er sei ein Ingenieur in dem Dienste und in der besonderen Gunst des Sultans, der hierher zur Berathung des kaiserlichen Commissärs, Achmed Veffick Effendi, gesandt worden. Von diesem allgewaltigen Beherrscher dieser Provinz war zwischen den Tischgästen so viel die Rede, daß meine Neugierde bald noch mehr zu hören begehrte.