I. Hinreise.

I. Hinreise.

Triest, Hôtel de la Ville, den 13. Mai 1864.

Briefe und die letzten Vorbereitungen füllten den gestrigen Tag. Müde und abgespannt, eigentlich krank und fiebernd stieg ich in Graz Abends 6 Uhr in den Eisenbahnwagen; erst da ich heute Morgens das Meer wieder sah und dem alten Lieblinge das freudige Θάλαττα! Θάλαττα! entgegenrufen konnte, ward mir wieder wohl in Leib und Seele.

Die Nacht war kalt gewesen, wie wenn dem Kalender zum Trotze der Winter noch fortdauere. Oder wollte sich die Heimath nur eindringlich dem Scheidenden in’s Gedächtniß heften? Umsonst die Angst, daß ich sie vergesse! es liegt ja die Nothwendigkeit der Rückkehr vor mir. Lange konnte ich den Schlaf nicht finden; dafür fand ich in der Ungestörtheit des Alleinseins mich selbst wieder, der sich in den Sorgen und Mühen der letzten Monate verloren hatte. Es ist das ein Vortheil des Reisens, daß es uns mit der Unabhängigkeit auch die unabweisliche Selbständigkeit gibt; herausgerissen aus der Bequemlichkeit der gewöhnlichen Verhältnisse, zwingt es uns die Gedanken und die Hilfe, die wir sonst rechts und links neben uns schon hergerichtet fanden, nunmehr in uns selbst zu suchen. Menschen, die sich bisher noch gar nicht kannten, haben sich oft am ersten Reisetage erst erkennen lernen. Ein Gang in die weite Welt ist die beste Schule für das Leben, und gerade für uns Kinder der Civilisation eine um so unentbehrlichere, als wir in stubenhockerischen Gewohnheiten den Contact mit der Natur verloren haben. Diese und sich selbst findet der verzogene Mensch dort wieder und so auch die Freiheit, die nur dort ist, wo der Mensch allein, oder wo er fremd unter Hunderten seines Gleichen steht.

Nach 6 Uhr erwache ich. Ich sehe den Karst, auf dessen Höhe wir fahren; die Sonne ist vom Regen versteckt, der die Steinfelder dieser Berge noch unwirthlicher als sonst erscheinen läßt. In Nabresina hält der Zug; die Bahn nach Italien trennt sich hier von der, welche den Karst hinab nach Triest führt. Der Bahnhof ist groß und zweckmäßig eingerichtet. Schon singt Alles das Italienische. Erfreut durch die bekannten Klänge beobachte ich das zu- und abströmende Gedränge. Ein Conducteur war mir darin aufgefallen, weil seine Blicke mich unablässig verfolgten. War der Mann ein Vertrauter der Polizei und hielt er mich für einen Flüchtling? Jetzt drängte er sich zu an die offene Wagenthüre, umfaßte meine Knie, er hatte mich erkannt! Es war Venerando, der Gondolier, der mich in Venedig immer geführt hatte. Wie aber auch hätte ich ihn, den zierlichen, schlanken Burschen, der mich so oft in der ärgsten Sommerhitze, nichts als ein Hemd und die leichte Hose an, nach dem Lido, nach den Inseln, nach Torcello oder nach San Francesco del Deserto gerudert hatte, in der steifen, zugeknöpften Eisenbahnuniform erkennen sollen? Früh Morgens schon klopfte er damals an meine Thüre. Ich wollte die Leute schonen und so verneinte ich die Absicht einer Fahrt. Er aber kannte die stille Neigung meiner Wünsche und aufopfernd wußte er mich bald zu überreden, mich ihm und seinem Genossen hinzugeben. Landeten wir dann nach stundenlanger Fahrt an einsam abgelegener Küste und hatte ich die Früchte, die ich mitgenommen, mit ihnen getheilt, so geleitete er mich in das Innere des Landes, dem Fremdlinge die herrlichen Reste einer abgestorbenen Kunst mit all’ dem Schönheitssinn und all’ der Liebe zu seinem Vaterlande zu erklären, die dem Südländer, und dem Italiener insbesondere, eigen sind. War ich müde geworden, so ruhten wir neben einander auf dem Strande aus, dem das Meer mit leicht aufschlagenden Wellen, die immer näher unsern Füßen kamen, vertraute Grüße aus entlegenen Fernen zubrachte. Sein fortwährendes Gelispel machte die Rede meines Venerando noch geschwätziger. Von Venedig erzählte er mir, das vor uns lag im Dufte gluthvoller Mittagssonne, von den Lagunen und von den Geheimnissen, die sich nächtlich darauf begeben; zuweilen auch, wenn ich ihm besonders geneigt schien, von sich und seinen Freunden und daß er schon einmal das Messer gezückt, weil man seinem Weibe zu nahe treten wollte. Ich hörte ihm immer mit regem Interesse zu; seine Worte waren gut gewählt und seine Stimme klang melodisch. Erst Abends, wenn die Sonne schon auf den schneeigen Gipfeln der Alpen ruhte, ruderte er mich zurück durch das purpurfarbene Meer nach der goldbethürmten, kuppelbedeckten Stadt. Mit mir trug ich kostbare Erinnerungen, die ich unvergeßlich festhalte und ihm treulich danke. Sein Gefährte hieß Beppo, aber er war vergleichsweise unbedeutend.

„Venerando“, rief ich auch heute meinem Freunde wieder, „wie ist es möglich, Du, der schönste, der schnellste Gondolier des ganzen Venedig, hier in diesem Kleide Conducteur einer Eisenbahn?“ — „Konnt’ ich anders, Signore? Ich bin verheirathet, habe Kinder, und meine Frau meinte, ich solle von meinem mächtigen Dienstherrn das Fürwort zu einer Staatsanstellung erbitten. Das sei ein bleibender Verdienst, sichere mir das Alter, ihr und den Kindern sogar für den Fall meines Todes das Leben. Und ich liebe mein Weib über Alles, wie hätte ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen sollen?“ — Ich begriff und schwieg, denn selbst ein Wort des Mitleidens wäre Kränkung gewesen. Der Mann fühlte ohnedem seine ganze Herabwürdigung tief genug, das zeigte seine Haltung und der niedergeschlagene Blick seiner Augen. Aber so sind die Weiber! das Höchste wie das Niedrigste können nur sie aus den Männern machen. Und doch gibt’s noch Eingebildete, die sich die Herren der Schöpfung träumen!

Ueber andere Dinge wechselten wir noch einige Worte, der Anklang an die frühere Zeit erheiterte sie; dann trennte uns die Pfeife und das Weitergehen des Zuges. Wir haben es uns nichtgestanden, aber er muß die Freude des Wiedersehens aus meinen Blicken wie ich aus den seinigen gelesen haben. Wozu auch reden, wenn die Augen aufrichtiger als alle Worte sprechen!

Gleich hinter Nabresina öffnen sich zwei Felsen, zwischen denen durch und über die vorliegenden Steinmassen hinab man sonst den ersten Blick aus das Meer (Miramar) hat. Heute erschienen dort nur undurchsichtige, regenhaltige Nebel. Aber wenige Windungen weiter, wie sie die Bahn so vielfältig über diesen Gebirgsrücken schlingt, jetzt eine die entschieden gegen Süden wendet, und übermächtig, durch keinen Nebel und durch keine Wolken, nicht durch Regen und auch durch die Nacht nicht mehr verbergbar liegt das Meer weit ausgebreitet, rechts unten an den Felsenhängen, Alles beherrschend, die Natur und unser Denken. Dunkle Farben kleiden es, aber auch so ist es groß, bezwingend in seinem Eindrucke; und wenn es noch düsterer, noch unfreundlicher wäre, von dieser Stelle gesehen, wird es mir immer nur entzückende Freude gewähren. Es haftet an diesem Puncte einer der beglücktesten Augenblicke meines Lebens. Ich hatte die See sonst nur im Norden gesehen, wo sie grau und kalt ist, und mir doch lieber als das Grün der Wiesen und der Schnee der Alpen geworden war, so lieb, daß ich nicht glauben wollte, daß sie irgendwo noch schöner erscheinen könne. Da zeigte mir ein warmer Julitag, es war Abends und die Sonne eben im Scheiden, von dieser Stelle das erste Mal das adriatische Meer. Ein Schrei des Entzückens und dann verlor ich im Schauen jede Besinnung. In Thränen löste sich die Freude auf, daß Gott so Herrliches geschaffen und daß er mir gegeben es zu sehen. Wie in dem Halbkreise eines Theaters ruhte das Meer in seinen Felsenmauern; tiefes Rothblau auf seiner Fläche, nur rechts hinüber, wo Venedig liegt, und in seiner Mitte, wo die Sonne in zerrissenen Wolken untertauchte, flüssiges Gold darauf. Von seinem Horizonte schossen breite, feurige Strahlen in die Kuppel empor, daß Himmel und Wasser wie in einem Brande glühten. Schiffe waren weithin zerstreut mit weißen und rothen Segeln, die mit lautlosem Leben die geweihte Stille des Bildes durchzogen. Von kleinen Wellen getriebensegelten sie und verrinnende Kreise schlugen hinter ihnen an die grünen Abhänge des Ufers. Links erschienen die ersten Lichter von Triest und das Leuchten seines Leuchtthurms.

Wer einmal ein solches Bild lebhaft in sich aufgenommen, dem wird es auch die geringste Mahnung ganz wieder lebendig machen. Das ist eben das Gottgesegnete solcher begeisterten Augenblicke, daß sie unvergeßliche werden. Der erste Eindruck kehrt an derselben Stelle immer wieder, verschönert und vergrößert, weil die Erinnerung ihn genährt hat. Und dabei sind die angenehmen Erinnerungen weit zäher in ihrer Lebensdauer als die unangenehmen. Es ist das auch eine der vielen Gottesgaben, die der Mensch unbewußt und gewöhnlich undankbar genießt. Er nimmt sie wie die Luft, die er athmet, und das Licht, das er sieht, als ein ihm Gebührendes, als etwas Alltägliches. Heute kam zu diesem Vergnügen noch die sichere Hoffnung hinzu, dieses befreundete Element, das Meer, nun durch Monate besitzen und es zu jeder beliebigen Minute schauen zu dürfen.

Um halb 9 Uhr stiegen wir im Bahnhofe aus; immer noch dieselbe dürftige Bretterbude. Nun, da ich in der Stube des Gasthofes sitze, hat der Regen aufgehört. Warmer Sonnenschein schlüpft durch die Fenster herein, den Süden und seinen Frühling kündend. Ich eile ein um das andere Mal vom Schreibtische weg auf den Balkon hinaus, die Luft, die ich in diesem Jahre noch nicht gekostet, in vollen Zügen zu athmen. Unten auf dem Quai ist dasselbe Gedränge und Geschrei wie ehemals und sogar die Blumenmädchen vom Jahre 1860 glaube ich zu erkennen. Die See weiter draußen, wo ich sie zwischen und über den Masten der vorliegenden Schiffe weg erspähe, ist dunkelblau geworden und an dem Himmel ziehen die Nebel in mächtigen Wolkenballen davon. Ein großer englischer Schraubendampfer gleitet eben am Molo di San Carlo vorüber nach der Darsena. Der Hafen erscheint mir leerer als sonst.

Abends fuhr ich auf der Straße nach Servola. Das Meer auf der einen Seite im rothen Abendlichte, auf der andern Seitelinks die Hügel mit Gärten und Villen bepflanzt, ist das einer der schönsten Spazierwege der Welt. Ich habe schon manche inhaltsvolle Stunde stiller Melancholie dort zugebracht; gewöhnlich waren es die letzten vor der Abreise.

Neben der Werkstätte des Lloyd sehe ich die des Rheders Tonello und auf seiner Werfte das Gerippe zu dem großen Dampfer „Rudolf von Habsburg“, ein Zeichen strebsamer Handelsthätigkeit. Man wirft der Stadt und den Triestinern Rücksichtslosigkeit für die österreichische Production vor und droht ihnen jetzt mit der Aufhebung des Freihafens. Ich finde den Vorwurf ungerecht und die Strafe widersprechend allem dem, was man sonst zu Gunsten der Freiheit begehrt. Das Hinterland hat selten die Aufträge der Triestiner Kaufleute so erfüllt, daß die ausländischen Consumenten dauernd zufrieden gestellt werden konnten. Und dann, wenn es nur in der Schuld der Triestiner Vermittler liegt, daß der österreichischen Industrie eine vermehrte Seeausfuhr fehlt, warum ahmen die österreichischen Producenten nicht die Schweizer nach, die sich selbst um fremdländische Käufer bemühen? Warum schicken sie nicht ihre Söhne und ihre Neffen nach Aegypten, Syrien, Constantinopel, nach Marokko, Ostindien, China und Japan, nach Brasilien, Peru und Mexiko, die dortigen Bedürfnisse kennen zu lernen und auf den fremden Märkten die österreichischen Waaren auszubieten? Ich habe aus derselben Schwarzwälder Strohhutfabrik denselben Unternehmer jährlich nach London, Paris, Newyork, Hamburg und Wien reisen sehen, um die Muster dieser Hauptstädte für die nächste Saison zu holen. Und Schweizer aus den besten und reichsten Häusern findet man nach den entlegensten Winkeln der Welt verschlagen. Aber freilich, das Pflaster des Wiener Grabens ist ein bequemeres als das von Pera und Alexandrien. Und doch ist die Handelsweise, wie sie die Schweiz betreibt, für ein Land, das noch wie Oesterreich in den Anfängen der industriellen Production liegt, die einzige praktische und fördersame. Was aber die Aufhebung des Freihafens betrifft, so brauchen sich deswegen die Triestiner nicht zu ängstigen. Der Trieb der Zeit geht auf anderen Wegenund wird binnen Kurzem, statt Triest in ein Gefängniß, das ganze Reich in einen Freihafen des Freihandels verwandeln. Es gibt Ideen, die, einmal geboren, von selbst weiter wachsen; sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht und unser himmlischer Vater nähret sie doch. Wie eine solche Feldlilie der heiligen Schrift ist der Freihandel. Es wird die nächste Zukunft weniger mit der Abschaffung der Freihäfen als mit der Wiederherstellung der ursprünglichen Naturzustände beschäftigt sein; die waren freie und die Freihäfen sind ihre letzten aufrecht gebliebenen Reste. Auch hat England die seinigen erst aufgehoben, als es seine Bekehrung zum Freihandel vollendet hatte. Will man von Privilegien und Ausnahmen reden, so kann das nur von jenen Gesetzen gelten, welche die natürliche Freiheit aus den Grenzen eines großen Reiches verbannt und sie auf den Bezirk jener kleinen Meerwinkel beschränkt haben.

Jetzt, da es Mitternacht ist, kehre ich vom Molo di San Carlo zurück. In der lauen, ruhigen Luft kühlte ich den Drang meiner Erwartungen. Der Mond, ein prophetisches Zeichen meiner Fahrt, steht als wachsende Sichel, das Wappen von Byzanz und später das des türkischen Reiches, am wolkigen Himmel. Junge Leute kehrten von einer späten Meerfahrt heim. Mit Spielen und Gesängen kürzten sie die Zeit, die ihnen nach der lebensfrohen Art des Südländers noch zu frühe dünkte. Der Lloyddampfer „Stadium“ liegt am Molo, gespenstig und unheimlich, wie das Mondeslicht jedes Schiff erscheinen läßt. Morgen um diese Stunde ruhe ich darauf und die Wellen der Adria wiegen mir das Schlaflied.

An Bord des Lloyddampfers „Stadium“, den 14. Mai.

Da ich Morgens im Hôtel de la Ville auf den Balcon trat, wechselten noch Licht und Dunkel auf dem bewegten Spiegel des Meeres, der Widerschein drohender Wolkenmassen. Um 1 Uhr, als wir uns einschifften, war die See ruhig und der Himmel sonnig geworden, und so tragen und leuchten uns jetzt die zwei verschwisterten Elemente.

Das Verdeck des Dampfers fand ich mit Menschen überfüllt; glücklicherweise nur die wenigsten Passagiere, die meisten Freunde, die einem Scheidenden das Geleite geben wollten, oder Müßiggänger, die die Neugierde nach den abgehenden Dampfern weiterer Fahrt treibt. Das Zeichen, daß die kaiserliche Post an Bord gelangt sei, scheuchte die Ueberflüssigen nach dem Lande zurück. Es währte noch eine Weile, bis sich das Boot in Bewegung setzte, dann aber ging es schnell von dem Damme weg, an den umliegenden Schiffen, dem Leuchtthurme, der links den Hafen schließt, vorüber in’s freie Meer hinaus. Kaum Minuten blieben, um den Freunden, die auf dem Molo standen, die letzten Grüße zuzuwinken. So schwindet Alles im Leben, das der Gegenwart nur kurze Dauer, die meiste Zeit der Vergangenheit und Zukunft läßt. Es ist ein fortwährendes Abschiednehmen. Kaum gekommen heißt es schon wieder weitergehen. Und doch, so schmerzlich dieses immerwährende Losreißen ist, es erleichtert und bereitet uns den letzten Abschied vor, den vom Leben selbst.

Die Augen heften sich an das Land, das zurück bleibt. Dort steigen die Alpen hinter dem Karste auf, schneebedeckt und immer höher wachsend, je näher wir der Küste und der Stadt kommen. Es ist derselbe Proceß wie mit den Erinnerungen: die entlegenen treten mächtiger in dem Gedächtnisse hervor als die nahen; das Heute vergißt was das Gestern gethan, aber das Alter hält die Jugend warm im Herzen.

Links bleiben wir der istrischen Küste so nahe, daß ich mit dem Glase die einzelnen Bäume, in Pirano das Haus unterscheiden kann, in dem ich einmal eingekehrt, als ein grimmiger Wintersturm unsern Dampfer in den Hafen dieses Städtchens verschlagen hatte. Zwei Tage und zwei Nächte hielt ihn die Bora dort fest. Man ließ uns die Zeit auf dem Lande zubringen. Das Nachtquartier und das Essen waren schlecht genug, und doch denke ich mit Vergnügen an den Aufenthalt zurück. Ich besah den Ort und seine Umgebung soweit es Sturm und Regen zuließen. Das war mir eine neue und bald eine poetische Welt; die Gassen sind von Canälen durchzogen, so daß die See den Einwohnern ihre Schiffe bis vor die Hausthüren trägt. Fenster und Thüren sind in Spitzbogen geschnitten und die Säulen, die sie stützen, wie die Balcone, die davor liegen, aus festem grauen Stein gemeißelt. Und wie die Gassen und die Häuser, so sind auch die Menschen denen drüben in Venedig ähnlich, alle noch immer lebendige Zeugen von der ehemaligen Herrschaft der seegebornen Dogenstadt. Der Fischer von Pirano wie der von Chioggia trägt die rothe Mütze auf dem Kopfe, die ihre venetianischen Vorfahren einmal aus dem Oriente heimgebracht, wo sie Paris vielleicht für sein schönes Lockenhaupt erfunden hatte, und den einen wie den andern hat die Adria mit demselben Wettersturme und derselben Sonnenglut gebräunt und gestählt. Nur ist in Pirano alles kleiner, enger, niedriger; die Canäle sind keine Canalazzi, die Häuser keine Paläste der Pesaro und Foscari, und die Bürger keine Dandolo’s und Bragadino’s, keine Tiziane und Sansovino’s. Aber die Luft, die sie athmen, ist hier wie drüben dieselbe und die Geschichte, die sie erzählen, ist beiden eine gemeinsame. Es liegt in diesen istrischen Küstenstädten etwas mit von der Schönheit und der stolzen Größe begraben, die das einstige Venedig vor allen andern Städten ausgezeichnet hat. Daher denn auch auf beiden Ufern derselbe Hauch der Poesie und des Mitleidens, der ihre Ruinen umweht und der keine gefühlvolle Seele unbewegt lassen wird. Wer von Malern und von Dichtern in Venedig müde bei der Arbeit werden will, weil er seinen Gegenstand so oft wiederholen mußte, dem rathe ich hierher auf die gegenüberliegende Küste zu gehen. Er wird z. B. gerade in Pirano öffentliche Plätze finden, die so klein und zierlich, mit so romantischen Häusern besetzt und auch noch durch ein Segel, das davor vor Anker liegt, verziert sind, daß sie wie eigens für den Pinsel geschaffen erscheinen, und oben auf dem Vorgebirge, das weit in das Meer vorspringt, Trümmer, die vom Epheu umwunden den Dichter in seine Welt, in die der Vergangenheit und ihre wehmuthsvolle Betrachtung versetzen.

Abends.

Um 5 Uhr essen wir. Bei der Rückkehr auf das Verdeck finden wir die Alpen, diese letzten Zeugen der deutschen Heimat, dem Karste, den das Auge schon früher verloren hatte, nachgefolgt. Wo sie aufragten, ein abschließender Wall, liegt jetzt ebene glatte See, die wie so manches Andere des Lebens endlos erscheint, weil die Grenzen außerhalb der Enge unseres Gesichtskreises sind. Raum und Zeit üben durch die Entfernung dieselbe Macht der Vergessenheit. Nur zur Linken sehen wir noch Land, fortwährend das istrische. Rovigno ist deutlich zu erkennen als ansehnliche Stadt mit malerischen Bauten und säulenähnlichen Cypressen. Ihr trauerndes Schwarz hebt sie scharf von jedem Hintergrunde ab. Inseln liegen zerstreut umher, die unbewohnt und unbebaut scheinen. Pola ist entfernt und schon zu sehr im Dunkel, als daß man etwas anderes denn große Mauermassen unterscheiden könnte. Von Promontore, der letzten Spitze dieses Landes, sehen wir nur das Licht des Leuchtthurmes. In der Cajüte sitzend lese ich die ersten Gesänge der Odyssee. Ich will dem berühmten Dulder bekannt und vertraut in seinen Meeren begegnen. Die meisten Passagiere ziehen sich schon zum Schlafen in ihre Cabinen zurück und so unterstützt völlige Ruhe meine Versetzung in eine poetische Stimmung. Es sind wenig einladende Gesichter unter den Reisegefährten; Keiner spricht das Deutsche, daß man wenigstens frei von der Besorgniß, verstanden zu werden, ist. Einige sind Mailänder, die nach Persien reisen, gesunden Seidenwürmersamen zu holen; sie treiben Lärm als seien sie die Herren des Schiffes; andere sind Griechen, die nach Athen und Smyrna zurückkehren; drei Engländer, ein Vater mit seiner Tochter, die nach Corfu gehören, und ein junger Mann, der zur Vervollständigung seiner Erziehung die große Tour macht. Er ist der einzige, der außer mir liest, schreibt, die Karte studirt und überhaupt bei der Fahrt andere als materielle Interessen hat.

Der „Stadium“ ist kein großes, aber ein bequem eingerichtetes und reinlich gehaltenes Schiff. Der Lloyd ließ es mit vier ähnlichen in England bauen; „Pluto“, „Neptun“ und „Vulkan“ dienen davon noch immer mit dem „Stadium“ zu den Eilfahrten nach Constantinopel; das andere, den „Jupiter“, kaufte die Regierung im Jahre 1859, um es gegen die französische Flotte, die noch gar nicht sichtbar war, in den Canal von Malamocco zu versenken. Ich war einer der ersten im Winter 1860, die das Verdeck des gehobenen Schiffes betraten. In dem obern Glaspavillon fanden wir das Gold und die Farben noch vollständig erhalten. Solche runde Salons sind auf all’ diesen Dampfern über dem Treppeneingange. Bei schlechtem Wetter liegen die Passagiere darin auf den Divanen und bei schönem kleben sie sich außen herum an die Wände zur Deckung gegen den Windanfall und die Sonnenstrahlen. Die Stiege mündet unten in einen Vorsaal; aus diesem führen Thüren in den Damensalon, den großen Speisesaal, die Cabine des Capitäns, Büffet und andere unentbehrliche Nebenlocalitäten. Die Cabinen für die Passagiere sind rechts und links, für die Männer neben dem Speisesaal, für die Frauen neben dem Damensalon; Thüren und Portièren sperren sie ab, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung ebenso bequem als glänzend ist. Die Küche bedient uns vortrefflich. Die Enge meiner Cajüte, die mich zuerst erschreckte, ist mir jetzt, da ich alles darin geordnet habe, schon heimlich geworden. Wie wenig der Mensch eigentlich braucht, merkt er erst, wenn ihm die Noth das Ueberflüssige genommen hat.

Jetzt, da ich wieder schreiben will, beginnt das Schiff in allen Rippen zu zittern und zu stöhnen. Wir sind im Quarnero, der selbst bei diesem windstillen Wetter seine übelwollende Natur geltend zu machen sucht. Noch ein Spaziergang mit dem Arzt auf dem Verdecke und ich werde mit einer frühen Nacht mir einen frühen Morgen zu bereiten trachten.

An Bord des „Stadium“, 15. Mai.

Pfingsten, das Fest der Freude, nicht im Walde, auf grüner Haide, auf dem baum- und blüthelosen Meere feiere ich es. Aberden Frühling hat es mir doch gebracht und wärmer und erquicklicher als er daheim in den steierischen Bergen sein wird. Laue südliche Luft umfängt mich schon um 6 Uhr Morgens, da ich auf das Verdeck komme. Unmerklicher als mit jedem andern Bewegungsmittel legt man mit dem Schiffe große Entfernungen zurück. Um das Boot und auf demselben findet sich an jedem Morgen nur wenig verändert, um so überraschender dann solche plötzliche Verpflanzungen wie die heutige von der Winterkälte des Nordens in die Sommerwärme des Südens. Den Himmel finde ich zuerst umwölkt, aber die Sonne überwindet ihre Feinde. Die dalmatinischen Berge, runde, gewellte Linien, sind nur undeutlich in den Nebeln des Morgens sichtbar. Eine niedere Kette liegt vor der höheren. Vielleicht Inseln?

Um 10 Uhr fahren wir zwischen Lissa und Busi durch, beide steinig und kümmerlich bewachsen. Pomo liegt hinter uns in schönen felsigen Formen. Einer Plänklerkette ähnlich sind diese Inseln vor das Festland gestellt; alle scheinen unbewohnt und selbst unbebaut. Ob das jemals anders gewesen weiß ich nicht. Bekannt ist mir nur, daß fromme Gefährten des heiligen Hieronymus sich hierher flüchteten, weil ihnen zuerst Rom und dann auch noch Aquileja und ihre anderen illirischen Heimathstädte zu zerstreuend und zu voll von Versuchungen waren. Es war ein eigenthümliches Leben, das diese Männer führten, wechsel- und widerspruchsvoll wie das ganze Werden des 4. Jahrhunderts. Niemals, so weit die Geschichte zurückerzählt, waren die Contraste greller nebeneinander gestanden. Das Heidenthum, das seine Macht noch nicht ganz verloren hatte, und das Christenthum, das noch um das Scepter seiner Alleinherrschaft kämpfte, eine abgestorbene und eine jung auflebende Welt nebeneinander. Dabei war im Grunde wenig Kampf, mehr Verträglichkeit als heute zwischen den Parteien. Der römische Senat hatte immer noch den Altar der Victoria in seinem Saale, während am Bosporus der Kaiser schon in der Kirche der heiligen Weisheit dem dreieinigen Gotte seine Gebete darbrachte. Und wie im Staatsleben so auch im Familienleben; dieselbe Milde,derselbe Friede, dieselbe Duldung. Auf dem aventinischen Hügel im Palaste der Marcella fanden die Zusammenkünfte statt, wo die adeligsten Matronen um den heil. Hieronymus geschaart die Lehren des Christenthums annahmen, indeß ihre Männer und ihre Kinder den Vergnügungen des Circus nachgingen. Von jenen Conventikeln aus pilgerte die heil. Paula, durch mütterliche und väterliche Abstammung zugleich eine Tochter der Scipionen und Atreiden, nach dem heiligen Lande, um zu Bethlehem neben der Geburtsstätte unseres Erlösers zu sterben und ihr Grab zu finden, während ihr Sohn Toxotius in Rom als Heide, aber mit einer christlichen Gattin zurückblieb, und sein Söhnchen, der Enkel der heil. Paula also, doch wieder dem mütterlichen Großvater, einem heidnischen Oberpriester, das christliche Halleluja! entgegenlallte. Ob sie wollten oder nicht, Alle mußten durch die Schule dieses bunt zusammengewürfelten Lebens; die Ecken standen einander noch zu nahe, als daß man ihnen hätte ausweichen können. Und wie ein Extrem das andere weckt, so mußten dann aus den Uebersättigungen des Heidenthums die strengen Kasteiungen des Christenthums hervorgehen. Nur so gebildete Männer konnten das Leben auf diesen ausgedörrten, von einem ewigen Wellenschlag ausgewaschenen Inseln ertragen. Wer weiß, wie lange es dauert, bis wieder Einsiedler hierher flüchten, denen die Welt zu eitel und die sich selbst zu schwach zum Widerstande sind. Es ist eine Eigenthümlichkeit aller sinkenden Zeiten, daß starke und schwache Seelen, die einen wenn sie die Erfolglosigkeit begriffen, die andern wenn sie die Unwiderstehlichkeit der Sünde erkannten, sich in die Einsamkeit zurückziehen. Wenn wir sie alle zählen könnten die Menschen, denen heut zu Tage der Muth und die Kraft zur That und zum Widerstande erstorben sind, ob nicht der Inseln zu wenige wären sie alle aufzunehmen? Aber nein, unsere Zeit ist ja noch keine des Verfalles, wenigstens in ihrer Einbildung nicht.

Gegen Mittag verschwand alles Land; es blieb auf allen Seiten nur unbegrenztes Meer, mir das liebste, weil man sich doch immer den Beherrscher seines Gesichtskreises wähnt. Der Tag,der heiß und klar war, schied mit einer Sonne, die purpurhältig aus wolkenlosem Himmel in die See sank, und die Nacht, die milde und hell ist, kam mit einer Sichel, die züchtig ihr bescheidenes Licht über die leicht aufrauschende Fluth ausgießt. Im Westen glänzt noch ein rother Strahl; „so stirbt ein Held!“ und das ist der Erinnerungsschimmer, den er zurückläßt.

Vorn auf dem Schnabel des Schiffes liegt ein Perser schlafend ausgestreckt; den ganzen Tag über sah ich ihn lesend dort sitzen, unveränderlich in seiner Ruhe und in seinem Gleichmuthe. Nur manchmal hob er sich über die Brüstung hinaus, auf die See zu sehen. Auch da war sein Blick kein Schauen, nur ein suchendes Denken. Wie vieles mag in diesem Kopfe sein, wovon die Schulweisheit deutscher Gelehrten nie geträumt hat! Ich halte ihn für einen Pilger, der von einer Wallfahrt heimkehrt. Vielleicht gilt er seinem Volke als Wissender, wie den Deutschen nur irgend einer ihrer Heidelberger und Berliner Professoren.

An Bord des „Stadium“, 16. Mai.

Welche Veränderung, da ich Morgens vom Verdecke den ersten Blick um mich werfe! Links vom Schiffe, wo gestern Abend noch das Auge weit hinaus und den Osten nur von Meer und Himmel begrenzt sah, prallt es jetzt zurück an finsteren Wänden, und muß an ihnen hinaufklimmen den Himmel auf sie gelehnt zu finden. Das können nur die akrokeraunischen Berge sein, welche den Alten die obere Welt von der rückkehrungslosen unteren schieden. Und wahrlich, wer diese Berge sieht wie ich sie sehe, grau im unheimlichen Zwielichte des Morgens, indessen weit draußen im Westen ein erster Sonnenstrahl über ihre Kuppen weg auf das zitternde Meer fällt, der begreift, daß sie der Phantasie eines dichterischen Volkes als Mauern erscheinen konnten, die trennend zwischen zwei unvereinbare Reiche, den Tod und das Leben, gestellt waren. Was hinter ihnen ist, ihr Inneres, mag auch wirklich manches Thal bergen, das, sonnenlos, der homerischenSchattenwelt ähnlich genug sein mag. Und ähnlich diesen Sagen liegen, da ich die Gebirge zuerst erblicke, geheimnißvolle Wolken auf ihren Gipfeln. Erst da das volle Tageslicht kommt, zerstreut es diese.

Heute nennen sie es das Tschika-Gebirge. Schnee deckt die obersten Kuppen und zieht sich in weißen Streifen tief hinab. In Silberbächen fallen die schmelzenden Wasser durch die alten Furchen in das Meer hinunter, denn ohne jede Abstufung, ohne vorliegende Hügelkette, ohne vermittelnden Rand, von oben beinahe senkrecht hinab sinken diese Berge in’s Meer; ein Schiff könnte an ihnen anlegen wie an den Wänden eines Molo’s, so glaubt man wenigstens. Unten hat der Wogendrang der Jahrtausende die Hänge abgewaschen, oben aber wurzeln grüne Laubwälder fest darin. Das sind Standbilder der Vergangenheit; aus dem Boden, welchen die Zeit aufgeschichtet hat, schöpfen sie ihre zähe Lebenskraft. Die Gestalt und auch die Höhe dieser Berge, die höher erscheint als sie wirklich ist, weil das Gebirge unmittelbar aus dem Meeresspiegel aufsteigt, läßt sie mich unsern Alpen ähnlich finden. Dahinter ist das türkische Albanien. Rohe, wilde Völker wohnen dort, ohne jede Spur jener Gesittung, die wir Civilisation nennen. Schon Homer schildert sie so; die Füße wuschen sie sich damals nicht und schliefen auf dem Erdboden. Und ein Jahrtausend später fand Strabo bei den Barbaren um das heilige Dodona noch immer denselben Culturzustand. So bleibt der Mensch wie auch die Pflanze auf demselben Erdenflecke im Grunde immer derselbe; er wie alles Uebrige unterliegt den localen Naturgesetzen. Ich achte übrigens wegen dieser Rohheit diese Völker nicht geringer; was wir Rohheit nennen, ist gar oft der bessere Theil der Natur, den die Erziehung auslöschen will. Was die Albanesen damit zu leisten vermögen, das zeigten sie gegen Ali Pascha von Janina.

Cap Linguetta ist inzwischen weit hinter uns zurückgeblieben; mit dem von Otranto, gegenüber an der italienischen Küste, sperrt es das adriatische Meer. Ein anderes Meer thut sich vor uns auf, das jonische, mit anderen Inseln und anderer Geschichte.Wäre das Wasser nur etwas beständiger, diese Fläche müßte uns Furchen zeigen, die der Kiel des Jasonischen Schiffes, die Odysseus, die Cäsar und sein Glück, Augustus, die die Byzantiner und Normannen, die Venetianer und Kreuzfahrer darein gezogen haben. Später, als dann die Welt größer ward, wurden die Ereignisse, die hier geschahen, kleiner und seltener. Die Weltgeschichte ist mit der Zeit extensiver aber nicht intensiver in ihrem Wirken geworden. Indessen den alten Ruhm, den glänzenden Schimmer der untergegangenen Zeit konnte diesem Meere nichts von dem spätern rauben; die Dichter haben ihn mit unsterblichen Namen ringsum an das Festland und an die Inseln, an die Berge und an die Klippen geschrieben. Was sie die donnergetroffenen Berge, die akrokeraunischen, genannt, das wurde durch sie das Land der nächtlichen Cimmerier; dort ließen sie den Hades und den Tempel der Eumeniden erstehen. Fanno, das vor mir mit malerisch, scharf gebrochenen Linien, so wie man Capri auf Bildern dargestellt sieht, aus der Fluth auftaucht, war ihnen die Zauberinsel der Calypso, das verführerische Ogygia, und Corfu, das ich bis jetzt nur noch mehr ahne als sehe, das Scheria der seeliebenden Phäaken mit dem königlichen Hofe des Alkinoos und der reinen Liebe der Nausika. Und wer in der That kann diese Ufer mit andern als mit von der Dichtung begeisterten Augen sehen?

Die Küste zur Linken ist uns mit den gewaltigen Berglehnen immer gleich nahe. Rechts treten die Erikusa und die ganz nackten, zersplitterten Felsenriffe der Salmotraken in den Gesichtskreis; zuletzt schließt sich Corfu an mit Bergen weit höher als ich sie erwartet hatte. Silbergrau sind sie von oben bis unten mit Olivenwäldern überzogen, aus denen einzelne Cypressen würdevoll aufragen. Unten herum, dem Strande näher, sind Landhäuser darin zerstreut, kleine feste Würfel aus rothem Stein mit niederen Dächern. Das Meer liegt spiegelglatt davor, daß, als wir zwischen die Insel und das Festland eingefahren sind und die Berge sich hinter uns zusammenschließen, die Täuschung beinahe unwiderstehlich wird, man treibe auf einem friedlichen Landsee. EinInselchen, Peganosa, worauf die Engländer eine Laterne setzten, mehrt noch den Betrug. Es ist wie einer der schweizer oder italienischen Seen, nur größer, weiter, und Cypressen, Feigen-, Orangen- und Oelbäume auf den Uferwänden, und Meer und Land in den Farben, in dem Dufte und in der Wärme des Südens.

Alle, auch die bisher theilnahmslosesten Passagiere, haben sich auf dem Verdecke gesammelt. In der Mitte des Oberdecks vor dem runden Glaspavillon stehen sie schauend und entzückt; ich aber vorne auf der Spitze des Schiffes, weil meine Neugierde allen vorandrängt. Gegen 2 Uhr sehe ich Corfu in einer weiten aber wenig eingebogenen Bucht auf steilem Ufer mit weißen Häusern; vor ihm und zu seinem Schutze Fort Vido; zur Rechten, die Stadt und die ganze Insel beherrschend und wie ihr Rückgrat durch sie hingezogen, Monte San Salvatore; zur Linken die Doppelgipfel der Festung, die mit felsigen Kanten zum Wasser hinabsteigen, das hinüber zum Festlande führt, wo schneebedeckt die albanesischen Berge aufragen. Zwischen ihnen und Corfu durch zwängt sich das Meer wie in einem Strome zur Fortsetzung unserer Fahrt.

Fort Vido haben die Engländer erbaut und jetzt vor ihrem Abzuge zerstört. Zwischen den gestürzten Mauern stehen einige dürftige Platanen. Unser Schiff macht einen weiten Bogen um das Inselchen, dann erst übersehe ich die ganze Stadt und die Rhede, denn das ist der Hafen eigentlich nur. Kriegsschiffe und Dampfer und die Flagge auf den hohen Thürmen der Doppelburg kündigen noch immer die Engländer; sie haben die Uebergabe der Regierungsgewalt an den König von Griechenland bis zum Juni verschoben.

Wir werfen den Anker; die Maschine und die Räder stehen stille, das Schiff treibt mit der Kraft, die ihm eigenthümlich geworden war, noch eine Weile weiter; erst die angespannten Ankerketten halten es. Eine Meute von Booten, die uns schon entgegengekommen war und in immer engerem Kreise eingeschlossen hatte, legt sich an seine Wände. Diese Boote sind breit und plump, sosehr jedem Schönheitsgefühle zuwider, daß ich sie nur durch das Bedürfniß entschuldigen kann, das sie so zu anderen Zeiten für die vielleicht bösartige Natur dieser Buchten brauchen mag. Die Bootsleute sind frische und sogar schöne Bursche und das Geschrei, womit sie sich die günstigsten Plätze bestreiten, die Passagiere schon von unten herauf zu gewinnen suchen, gibt mir, ehe ich noch diesen Boden betreten habe, einen Begriff von der Lebhaftigkeit, von der Geschwätzigkeit des griechischen Volkes. Das lauteste, was ich in Italien gehört habe, schwindet daneben zu melodischem Mezza voce herab. Ihre und unsere Ungeduld mußte warten, bis der „Stadium“ Pratica erhalten hatte. So nennen sie in der Levante alle mit dem Ausladen verbundenen gesetzlichen Förmlichkeiten.

Corfu, oder Scheria wie es die Fabel, Korkyra wie es das Alterthum, Korypho wie es das Mittelalter nannte, ist berühmter durch den Ruf seiner Schönheit als durch den seiner Geschichte. Mitgespielt hat es gar oft, aber entschieden nur einmal die Schicksale der Welt; das war, als es im Streite mit der Mutterstadt die Athener gegen Korinth zu Hilfe rief und dadurch den peloponnesischen Krieg anstiftete, der so lange und so verderblich die Griechenstämme entzweite. Vorher mag die Zeit gewesen sein, welche Strabo „vor Alters“ und „eine hochbeglückte“ nennt, weil es eine große Seemacht besaß. Korinth hatte es durch eine Colonie in Besitz genommen. Bald aber zeigte es sich der Mutter feindselig, egoistisch, den Interessen Griechenlands abgewendet und im Innern zu Parteikämpfen geneigt. Schon vor den Perserkriegen war es gänzlich unabhängig und so stark, daß es nächst Athen die größte Flotte und den bedeutendsten Handel hatte und mit Korinth in der Herrschaft über das jonische Meer wetteifern konnte. Seine Regierungsform war eine aristokratische und seine Diplomatie eine überaus geschickte, die es immer außerhalb fremder Händel zu halten und ihm für die eigenen doch Bundesgenossen zu verschaffen wußte. Die materielle Lage der Insel war eine glänzende, der Reichthum groß, aber die geistige Bildung ihrer Bewohner hat nie jene Stufe erreicht, auf der im übrigen Griechenlande Werkeunsterblichen Ruhmes geschaffen wurden. Roher und mordlustiger als irgend welche andere Griechen, füllten die Korkyraer die Zeit des auswärtigen Friedens, die man an anderen Orten zu Tempelbauten und zur Dichtkunst verwendete, mit inneren Parteikämpfen aus, die so grimmig waren, daß einmal in einem Streite die obsiegende Partei 1500 der gefangenen Gegner hinschlachten ließ. Es waren die demokratischen und aristokratischen Ideen, die hier früher als in einem andern Staate Griechenlands auf einander stießen. Diese inneren Zerwürfnisse boten fremden Feinden immer willige Handhaben zu ihren Einmischungen. So kam es, daß Athener, Spartaner und Macedonier sich in dem Besitze der Insel folgten. Zuletzt ging er denn auch mit der Erbschaft Alexander des Großen an die Römer über. Corfu, in seiner Oberherrschaft geknechtet, scheint sich durch kleinliche Freiheitsbestrebungen lächerlich gemacht zu haben. Wenigstens bespöttelt sie ein damals viel gebrauchtes römisches Sprüchwort: „NunfreiKorkyra,.... wohin du willst.“ Im August des Jahres 31 v. Chr. besetzte es Octavius Augustus, als er den Westen des römischen Reiches gegen den Osten in den Kampf führte, der sich schon damals von jenem trennen wollte. Der Posten, der den Eingang in das adriatische Meer und die damals so viel befahrene Verbindungsstraße zwischen dem italienischen Brundisium und dem illirischen Dyrrhachium bewacht, war für den Römer, der das Hauptquartier seiner Macht in Rom hatte, von der höchsten Bedeutung. Im Falle einer Niederlage bot er ihm einen Sammlungspunkt, oder deckte doch seinen Rückzug nach den calabrischen Häfen und Heerstraßen. Mit Anderem muß auch das Antonius vergessen haben, als er that- und entschlußlos im korinthischen Busen mit verliebten Tändeleien die Zeit der Vorbereitung verlor und den Gegner den Sieg schon gewinnen ließ, noch ehe die Schlacht begonnen hatte.

Eben diesen Stationspunkt wählen dann auch die späteren Eroberer, die sich zu ihren italienischen Fürstenthümern das griechische Kaiserreich rauben wollen. So 551 n. Chr. Totila mit seinen Gothen; so 1081 Robert Guiscard, 1107 Bohemund, 1146 Rogerund 1185 Tankred mit ihren Normannen. Hier sammelten sie ihre Flotten, nordwärts gegen das oft belagerte Dyrrhachium, das heutige Durazzo, und südwärts gegen die preisgegebenen Küsten Morea’s und Attika’s zu ziehen. Und flüchtig, wenn der immer noch starke Arm des sinkenden Kaiserthums sie gezüchtigt hatte, ist es wiederum hier, wo sie einlaufen und Kräfte zu neuen Ueberfällen suchen. Wenn die Corfioten zu solchen Expeditionen die Fremden nicht geradezu aufforderten, wie es 1146 geschah, als sie sich gegen die byzantinischen Steuergesetze empörten, so waren ihnen die Feinde des oströmischen Reiches doch immer willkommen; den Reichthum und die Macht hatten sie nicht mehr, aber den Egoismus und die Theilnahmlosigkeit für die Geschicke der Stammesbrüder noch immer so wie damals, als Athen vergebens ihre Hilfe gegen die Perser begehrte. An Byzanz band sie nur das lose Band von 1500 Goldpfunden, die sie jährlich dahin ablieferten; die fanden sie nicht genügend bezahlt durch den schwachen Schutz, den ihnen der entfernte Kaiser nur bieten konnte. Sich selbst zu schützen waren sie noch unfähiger, und so wurde es allerdings das vortheilhafteste, sich dem jeweiligen Herrn des adriatischen Meeres willenlos hinzugeben. Zuerst den normännischen Königen von Neapel und Sicilien; dann, als sie diesen der griechische Kaiser wieder entrissen hatte, Constantinopel aber durch Henrico Dandolo erobert worden war, der Republik Venedig 1205; später wieder einmal an das Königreich Sicilien und 1386 sogar an den Fürsten von Padua. Einem Nachbarn aber konnte Venedig nicht diese Pförtnerstellung des adriatischen Meeres überlassen, und so zog noch im selben Jahre der Admiral Giovanni Miani aus, die Insel auf Grund der früheren Besitzestitel und für alle Zeiten in das Eigenthum der Republik aufzunehmen. Die Einwohner glaubten seinen Verlockungen, daß Corfu nur zufrieden gewesen und nur glücklich sein werde unter dem Banner des heiligen Markus, und zwangen mit ihm die paduanische Besatzung zur Uebergabe der Burg am 9. Juni 1386. So ward Venedig Herr dieser Insel und blieb es bis zu seinem eigenen Falle. Was man auch dagegengesagt und geschrieben, es hat sie besser verwaltet und vertheidigt als sie es jemals früher oder später war. Eine Aristokratie, ähnlich der von Venedig selbst, besorgte die politische Administration. Dadurch entstand ein Adelskörper, der, wenn man dessen Existenz und seine noch immer geltenden Ansprüche nicht übersieht, manches von den letzten Ereignissen Griechenlands erklärt. Die militärische Gewalt behielt Venedig hier wie in allen seinen Colonien ganz in der eigenen Hand. Und ruhmvoll hat es sie gegen den einzigen Feind, den es in diesen Meeren zu fürchten hatte, gegen den Türken gebraucht. Einmal, 1537, als Suleiman seine Truppen auf die Insel ausschiffen ließ, und ein anderes Mal, 1716, als der deutsche Graf Schulenburg mit nur 5000 Venetianern die Stadt und zuletzt das Schloß durch 42 Tage gegen 22 türkische Linienschiffe, 30.000 Soldaten und 3000 Pferde so tapfer vertheidigte, daß der Feind mit einem Verluste von 15.000 Mann die Belagerung aufheben und in nächtlicher Heimlichkeit abziehen mußte. Das Denkmal des Generals stand lange auf dem Schauplatze seines Verdienstes. Erst als die Republik gefallen war, erreichte die Pforte das Ziel ihres Strebens, aber auch dann nur für kurze Zeit, denn schon 1809 mußte sie die Souveränität über die Insel an Frankreich abtreten. Schon der Friede von Campo Formio hatte diese Verfügung enthalten, Frankreich aber nicht die Kraft gehabt, sie der russisch-türkischen Flotte abzunöthigen. Der erste Pariser Friede übergab dieses Recht der Oberherrschaft an England, der zweite beschränkte es durch den Vertrag vom 5. November 1815 zwischen Rußland und England auf ein Protectorat, das eben jetzt England auch an den König von Griechenland abtritt. Daß damals den jonischen Inseln so viele Selbständigkeit gelassen ward, soll ihnen ihr Landsmann, der Corfiote Graf Johann Capo d’Istria erwirkt haben, und daß sie heute ganz in die griechische Herrschaft übergeben werden, sollen sie wieder zumeist dem Einflusse einer Persönlichkeit, den Berichten des Lord Obercommissärs Sir Henry Storks zu danken haben. Corfu wird jetzt zu beweisen haben, daß es treuer und opferbereiter als in alten Zeitenzum gemeinsamen Vaterlande stehe; die Zukunft liegt in seiner Hand. Was ihm England übergibt, ist ein sorgsam gepflegter und verbesserter Boden.

Das in großen allgemeinen Zügen die Geschichte der Insel; ihre körperliche Gestalt finden die Griechen einer Sichel ähnlich, den innern Ausschnitt gegen das Festland gekehrt. Ich möchte sie eher einer Keule vergleichen, deren Griff im Süden und deren knorriger dicker Kolben im Norden liegt. Dieser nördliche Theil ist der gebirgigere. Alle anderen übertrifft der Monte San Salvatore durch seine Höhe (3000 Fuß), aber auch durch die Schönheit seiner Umrisse. Vom Hafen aus gesehen zeigt er zu oberst eine lange, gerade, nackte, felsige Schneide, die nur an ihren beiden Enden mit kleinen Hörnern aufragt. Weil ich überall Aehnlichkeiten sehe, so vergleiche ich ihn mit der hohen Schrott auf dem Wege von Ischl nach Ebensee. Das Wachsthum auf seinen Hängen ist ein üppiges, meistens silbergraue Olivenwälder. Die Berge, die um ihn stehen, steigen unmittelbar aus dem Meere auf, so daß die ganze Gruppe wie ein eben erst aus den Fluthen aufgetauchtes Wunder erscheint.

Von diesen Höhen ostwärts dacht sich die Insel ab. Dort liegen wie in einem Sattel die Stadt Corfu, ihre schönsten Villen und Gärten. An seinem anderen Ende, vor dem Abbruche in die See, hebt er sich wieder zu dem doppeltgehörnten, dem grauen, steilen Vorgebirge, auf dem die Festung steht, die Fortezza vecchia auf dem einen, die Flagstaff Batterie auf dem anderen Horne. Zu allen Zeiten muß dieser Felsen die Akropolis getragen haben, wie heute die der Engländer, so ehemals die des Königs Alkinoos. Das Festland gegenüber buchtet sich gerade an dieser Stelle tief ein, so daß die Meerstraße von Corfu hier am breitesten ist. Die Stadt liegt unter dem Schutze der Festung und der Insel Vido beinahe uneinnehmbar; Haus über Haus steht sie vom untersten Saume der nordwärts geöffneten Bucht das felsige Ufer hinauf. Sie sieht gedrängt, eng und klein, aber reinlich aus, weil dieGebäude alle frisch und weiß angestrichen sind. Die Stadt soll an 20.000 Einwohner, die Insel 73.473 haben.

Indeß war der Menge, die den Dampfer umlagerte, die Erlaubniß geworden, das Verdeck zu besteigen. Bald waren wir, jeder Passagier besonders, von Diensteifrigen umstellt, der eine um uns sein Boot, der andere um uns seinen Wagen, seine Führerschaft, seinen Gasthof und jeder um uns mit vertraulich zugeflüsterten Betheuerungen seine Dienste als die besten anzubieten. Obst und Gemüse, Orangen, Erdbeeren, eine fremde Gattung Aprikosen wurden in großen Körben um uns aufgeschichtet; Artischocken von dieser Größe hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich drängte durch Alles durch zur Lloydbarke, die uns an einer abgelegenen Stelle landete. Durch Höfe und einen Thorweg betraten wir erst die Gassen der Stadt. Eine englische Wache hielt das Thor besetzt, schöne große Leute und von so anständiger Haltung, daß jeder einem Gentleman glich. Sie waren ganz in weiße Leinwand gekleidet, auf dem Kopfe die hohe weiß überzogene Korkmütze mit dem rückwärtigen Schirme, der weit hinab den Nacken deckt, wie sie sich die englische Armee gegen die indische Sonne erfunden hat. Und so sommerlich angethan kommen uns alle Leute, die meisten sogar noch durch weiße Sonnenschirme gedeckt, entgegen. Glückliches Land, wo die Sonne das ganze Jahr über ihre Schuldigkeit thut und man nie vergessen kann, warum sie scheint!

Die Gassen, die ich aufwärts ging, steigen die Höhe zum Plateau hinauf, aber nicht so steil, als ich nach dem äußern Aussehen der Stadt erwartet hatte. Sie sind schmal, und so ist der Verkehr in ihnen zusammengedrängt und lebendiger als in mancher unserer breitspurigen Residenzstädte. Auch den Schatten haben sie dadurch gewonnen. Verschwendet ist dafür der Raum oben auf der Höhe, um den Platz zwischen der Stadt und der Festung auf das ansehnlichste auszubreiten. Seine eine Seite begrenzt die Stadt mit einer langen Zeile anständiger Häuser; dort, aus einer Seitengasse heraus, betrat ich ihn. Vor dem ebenerdigen Geschoße ziehen sich Arcaden her, so daß man einen weiten Weg gegen Regen undSonne geschützt hat. Kaufleute haben darunter ihre Waaren ausgestellt. Unter dem vielen Primitiven fiel mir die große Anzahl der Möbelhandlungen auf. Links, wo diese Häuserreihe endigt, aber ihr schon gegenüber, steht der Palast des Lord Obercommissärs; aus gelblichem Malteserstein ist er in so schönen Formen gebaut, daß er des griechischen Himmels würdig erscheint. Zwischen ihm und den Häusern der Stadt bleibt ein enger Durchblick auf den Hafen und die albanesische Küste; vor ihm hebt sich eine Palme und um sie blühen Rosen- und Oleanderbüsche. Unter schattigen Alleen, die das ganze Oval des Platzes umsäumen und durchschneiden, ging ich weiter, durch tiefe Gräben von den hohen Mauern der Festung geschieden. An den Brücken, welche darüber herabgelassen waren, hatten wieder englische Soldaten die Wache. Da plötzlich, wo die Mauern und der Felsen abbrechen und die Aussicht zu meiner Linken auf das Meer wieder frei wird, blieb ich wie gefesselt stehen. Ein Bild, schöner noch als alle früheren, überraschte mich, ein Bild, das mich immer bei jeder Rückkehr auf die Insel zuerst anziehen wird.

Es ist der zweite größere Busen der Insel, der sich hier ostwärts gegen das Festland zu öffnet; von dem andern, nördlichen, trennt ihn das Vorgebirge der Festung, er ist weit und noch weniger eingebuchtet als dieser in einem kaum zu überschauenden Bogen bis zu seinem neuen Vorlande hingezogen. Das Ufer hart vor mir fällt steil und hoch in ausgewaschene Klippen hinab. Erst eine Strecke weiter auf dem Ausschnitte des Bogens senkt es sich zu ebenem Strande, auf dem eine weiße Straße hinläuft. Villen und Gärten liegen daran und ziehen sich so tief in’s Land hinein, daß es aussieht, als wolle sich die Stadt in’s Unübersehbare fortsetzen. Das Meer, das in dieser Bucht liegt, war blau und ruhig; nicht einmal die Riffe unter mir konnten ihm ein Gemurmel ablocken. Darüber hinaus ist das Festland mit anderen Buchten, mit den Bergen Albaniens, mit dem noch höhern Pindosgebirge, das dunkel vom Laube dichter Wälder die Geheimnisse des dodonischen Orakels bewahrt.

Ich stieg in einen Wagen, um weiter in das Innere der Insel zu dringen. Einzelne Palmen grüßen aus Gärten heraus; Cactus- und Aloehecken zäunen die Felder ein, dann nimmt uns ein Orangenhain auf, die Bäume voller Früchte, die mit ihrem Golde das Grün des Laubes entfärben; die freie Natur aber kömmt erst mit einem Olivenwalde. Uralte Stämme von so willkürlicher und mannigfaltiger Gestaltung, daß mir jeder besonderer Besichtigung würdig erscheint. Wer jemals eine Abneigung gegen diesen Baum gefaßt, vielleicht wegen seines grauen, eintönigen Laubes, der gehe hierher um sich von diesem Vorurtheile zu heilen. Der Zeichner und der Dichter kann für seine Landschaften keine malerischeren und stimmungsvolleren Baumgruppen finden. Es sind Bäume, wie sie Claude Lorrain geahnt. Der Boden ist zerhackt, wie zerbrochen, überall guckt das Erdreich hervor; einzelne Büsche von Gras und Blumen sitzen auf den zerstreuten Haufen herum; Schafe weiden dazwischen. Mir fallen alle Fabeln der antiken Dichtung ein, am deutlichsten aber sehe ich den Oedipus auf Kolonos illustrirt. So war der Hain, der den schwergeprüften Greis beherbergt und zuletzt verschlungen hat.

Wo wir wieder aus den Wäldern heraus an bewohntere Stätten kommen, springen Kinder herbei, den Wagen mit Rosen und Orangenblüthen zu bewerfen. An einer solchen Stelle steige ich aus; wenig Schritte seitab, die man mich führt, und ich habe eine dritte Bucht, den Hafen der Phäaken vor mir. Tiefer als eine der beiden andern zieht sie sich in’s Land hinein und vorn ist sie so geschlossen, daß ihr die Corfioten wie einem getrennten Landsee einen besondern Namen geben konnten. Den See von Calichiopoli nennt man sie; daß sie heute zu seicht zum Einlasse unserer Schiffe ist, war kein Grund gegen ihre frühere Benutzung. Dadurch eben bot sie in jener Zeit, als ein Paar starke Fäuste genügten, die geschnäbelten Schiffe auf das Ufer zu ziehen, die sicherste Unterkunft. Damit aber ja kein Zweifel über die ehemalige Verwendung dieser Bucht bleibe, hat Poseidon das gleitende Meerschiff phäakischer Männer, das den Odysseus nach Ithakazurückgebracht und wieder auf der eignen Heimkehr begriffen war, versteinert vor den Eingang des Hafens hingestellt. Festgewurzelt in die Wellen steht der Felsen, ein Kapellchen, ein Paar Oelbäume und Cypressen darauf, wie ein Denkmal, das die Natur dem Dichter und dem Helden seines Liedes gesetzt hat. Ποντιχονῆσι, Ratteninsel, nennen sie es heute.

Der Hafen liegt tief unter mir. Weit um ihn herum ist bebuschtes Land gebreitet. Mir gegenüber, auf seinem jenseitigen Ufer, steigen die Berge von Casturi zum Thale hinab. Oelwaldungen bedecken ihre Hänge, und Landhäuser und kleine Ortschaften schimmern daraus weiß hervor. Ich saß lange und schaute und konnte des Eindruckes nicht satt werden. Wer wird auch das Paradies nicht genießen, wo es einem auf Erden schon geboten wird?

Das Letzte, was ich besuchte, war die Villa, welche die Kaiserin von Oesterreich einen Winter lang bewohnt hat, der gewöhnliche Sommeraufenthalt des Lord Obercommissärs. Sie steht auf dem entlegenen Vorgebirge der zweiten ostwärts geöffneten Bucht. Der Garten war voll üppiger Blumen; die meisten in der Blüthe, einzelne sogar schon verwelkt. Aber das bewundernswertheste ist der Ausblick von der Terrasse vor dem Gartensaale; Meer und Land umfassend reicht er vom Süden über den Osten bis zum Norden; die Nähe unmittelbar vor mir wild und schwindelnd mit hohem Felsabsturze bis zur See hinab, die Ferne mild und ausgeglichen in ebenem Linienschwunge und stille im heißen Mittagsschlafe des sommerlichen Frühlingstages. Uralte ernste Cypressen, höher als bei uns irgend ein Baum wird, nisten in den Felsen, die den Abhang hinab zum Meere auf einem steil verwegenen Steige führen. Auf regungsloser Fluth lag dort ein Kahn an die Klippen angekettet. Links hin in weiter Ferne, von Bäumen halb verdeckt, erscheint die Stadt, der doppelzackige Felsen des Festungsvorgebirges und darüber, wie seine vergrößerte Copie, der mächtige alles beherrschende Monte San Salvatore. Gegenüber auf dem Festlande sperren die Berge von Albanien die Aussicht. Schwarze Gewitterwolken ballen sich auf ihrem Schnee zusammen, drohend, alswolle uns der Prospero dieses Zauber-Eilandes die Absicht der Flucht verhindern; denn nur dieser dichterischen Schöpfung kann ich diese Insel vergleichen. In ihrem Rosenglanze und Orangendufte war mir oft, als höre ich aus den Lüften herab das verlockende Lied Ariels und aus den Büschen das keusche Liebesgeplauder Miranda’s und Ferdinands. Die Königin von England gibt dieses Kleinod ihrer Krone umsonst her, mir wäre es um die Schätze aller ihrer Indien nicht feil. Aber freilich droben in ihren Nebeln kannte die arme Frau nicht einmal was sie besaß.

Wir dampfen in der Straße von Corfu, rechts an dem Vorgebirge der Festung, an der Villa des Lord Obercommissärs, links an dem chäronäischen Gebirge, an dem chimärischen Vorlande vorüber. Hinter uns sind die vereinigten Berge der Insel und des Festlandes, vor uns, wo das Meer wieder weiter und freier wird, Paxos und Antipaxos, zwei felsige Eilande, Corfu nahe und von ihm getrennt, wie wenn sie einmal eins mit ihm gewesen wären. Hier war es, wo der römische Steuermann Thamus die wunderbare Weisung hörte, an der Bucht von Butrinto, also Corfu gegenüber, laut auszurufen, daß der große Gott Pan gestorben sei. Und als plötzliche Windstille dem Unfolgsamen den Ruf abgenöthigt hatte, da erscholl weit umher klagendes Wehegeschrei. Es war der Jammer um den Tod der alten Götter und um die Auferstehung eines neuen Glaubens. Alle Versuche dieses Wunder durch irgend etwas Natürliches zu deuten sind bisher gescheitert. Ich glaube, daß sich dergleichen Erscheinungen überhaupt nicht erklären lassen. Ihre Veranlassung liegt nicht sowohl in der uns umgebenden Natur, als in den Gemüthern und in der Zeit, welche von den Ahnungen der Geister bewegt ist. So sind oft ganze Generationen von dem Wunderglauben erfüllt. Es ist das besonders in den Epochen der Wiedergeburt, der Um- und Einkehr der Menschheit in sich selbst, in den glücklichen Tagen eines neuen Lebens der Fall, wenn der Mensch wieder zu glauben beginnt. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind!“ Auf ruhiger offener Fläche des Meeres, wo nichts den Sinn zerstreut und das Auge nur durch diegegenstandslose Ferne gefesselt wird, bilden sich dann solche Erscheinungen von selbst, und ungesprochen und ungehört glaubt und sieht sie das Ohr und das Auge.

Während ich in Corfu auf dem Lande war, hat das Verdeck unseres Schiffes ein anderes Aussehen bekommen. Albanesen, Türken, Griechen, Montenegriner lagern darauf in solcher Menge, daß ihnen auch ein Theil des ersten Platzes eingeräumt werden mußte. Es ist die Levante, die uns auch hier umgibt mit malerischen Trachten und charakteristischen Physiognomien. Die Meisten tragen weiße, grellroth verbrämte Flanelljacken, Mäntel, enganliegende Hosen und Gamaschen aus demselben Stoffe, mit den gleichen Verzierungen, das sind Albanesen und Montenegriner. Einige aber, offenbar wohlhabendere, haben diese Kleidungsstücke aus blauem und rothem Tuche, über und über mit Gold gestickt. Andere, denen Hunger und Sorge die scharfen Gesichtszüge noch mehr ausgefeilt haben, sind bis auf ein zerrissenes Hemd und die nothdürftigsten Lumpen unbekleidet. Was von Griechen aus dem eigentlichen Griechenlande darunter ist, zeigt mit einem gewissen Stolze das bekannte Griechenkleid, die Fustanella, die Jacke, Gamaschen und das rothe Fez. Möglichst abseits von diesem Volke, das laut und beweglich ist, halten sich ruhig und still die Türken. Es sind Soldaten, die nach Konstantinopel zurück müssen, während die übrigen der Hunger, die Gewinnsucht und die anderen Triebe der Hoffnung dahin treiben. Alle haben ihr Mobiliar und ihr ganzes bewegliches Eigenthum bei sich in großen Ballen zusammengeschnürt. Da es Abend wird, knüpfen sie die Schnüre auf und rollen, die Reicheren dünne Matrazen und gesteppte Decken, die Aermeren nichts als langhaarige Kotzen zu ihren Nachtlagern auseinander; darauf ausgestreckt, verzehren sie das sparsame Mahl, das sie mitgebracht, Knoblauch, Zwiebeln, rabenschwarzes Brod, und nur die, denen es besser zu gehen scheint, essen Käse dazu. So genügsam ist dieses Volk und darum nicht schlechter daran als das nordländische, das sich mit Bedürfnissen übersättigt.

In all’ dem Lärm und Gedränge, den diese Einwanderung veranlaßt hat, sitzt mein Perser unberührt und unverändert wie früher, das großbuchstabige Buch auf den Knieen, vorne auf demselben Flecke. Staunend über so viel Insichgezogenheit stand ich lange bei ihm und dachte wie naturwidrig doch das Bestreben unserer Civilisation sei, Menschen so verschiedenartig, wie ich sie hier auf dem engen Raume eines Schiffes versammelt sah, unter dieselben Gesetze zwingen, zu demselben Culturzustande erziehen zu wollen. Zerstreut durch solcherlei Gedanken und dann auch weil es schon dunkelte, stolperte ich über einen der schlafenden Albanesen. Der Mann erwachte nicht, aber im Schlummer griff er nach seinem Dolche. Gab’s eine aufrichtigere Sprache, aber auch eine die mir verständlicher die Lebensart des ganzen Volkes geschildert hätte? Und sie ist die richtige, die von Gott gegebene. Streich für Streich, Faust gegen Faust. Die Civilisation sieht freilich mit Verachtung auf unser Mittelalter herab, weil es das so gemacht; aber wenn man den heutigen Sitten die Tugendkapuze abstreift, was bleibt dann anderes als das Faustrecht, der Kampf des Einen gegen Alle, dasôte toi que je m’y mette? Daß es von unseren großstädtischen Börsen statt von den vereinsamten Burgen aus geübt wird, ändert an dem Werthe der Sache nichts.

9 Uhr Abends.

Der Regen, der uns eingeholt, strömt in Güssen nieder. Wir fahren am Meerbusen von Arta vorbei, aber Nebel decken die Stätte von Actium. Tausend Schiffe standen sich hier in den Nachmittagsstunden des 2. September 31 Jahre v. Chr. gegenüber. Antonius und Augustus, die beiden ehemaligen Freunde, rangen um die Weltherrschaft. Als die Sonne schied und das Meer, das schon blutgetränkt war, mit feuriger Röthe übergoß, schwammen nur noch brennende Wracks, Ertrinkende, Leichname darauf herum, ein allgewaltiger Sieger, und Antonius, der in dem purpursegeligen Schiffe der Cleopatra entfloh. Drei Tage saß er stumm und allein vorneauf dem Schnabel des Bootes; erst am tänarischen Cap, dem heutigen Cap Matapan, wo sie landeten, sprach er wieder. Die Geliebte hatte zuerst das Zeichen zur Flucht gegeben und er war ihr gefolgt, noch ehe die Schlacht verloren war. So sehr hatte dieser Held im Schooße seiner Dalila alle Kraft verloren. Augustus baute später auf dem Vorgebirge, das links den Meerbusen schließt, zur Feier des Sieges die Stadt Nikopolis, und das erzene Bild des Esels, der ihm am Vorabende die glückliche Entscheidung prophezeit hatte, war auf ihrem Marktplatze aufgestellt. Später wurde es nach Constantinopel übertragen, um die Spina des Hippodroms zu schmücken; die Stadt ging in das Eigenthum der Familie der hl. Paula über. Wir treiben schon in voller Nacht, unberührt von jeder Erscheinung der Vergangenheit, über die ereignißvolle Stätte. So spurlos heilt die Zeit die ärgsten Wunden.

1 Uhr nach Mitternacht.

Ich stieg wieder auf’s Verdeck und hielt bis jetzt aus. Meine Gefährten bei dem regnerischen Spaziergange waren zwei Engländer, der junge Mann, der die große Tour macht, und der erste Maschinist des Dampfers. Sie ganz mit Reminiscenzen an Lord Byron und den 2. Gesang des „Childe Harold“ erfüllt, ich nur mit Homer und dem 13. Gesange der Odyssee beschäftigt. Abwechselnd mußte der eine von dem andern die Schicksale der Sappho und die glückliche Heimkehr des Odysseus vordeclamirt hören. Das leukadische Vorgebirge lag schwarz, wie ein Sarg gestaltet, der alle Lieb und Treu begraben hält, hinter uns; Ithaka zur Rechten, hoch und mächtig; Cephalonia zur Linken mehr in flachen gestreckten Linien. Ueberall nur Umrisse, die gleich dunkel ausgefüllt waren, denn der Mond war verborgen und die Nacht zu dicht, um von den Einzelnheiten irgend etwas erkennen zu können. Der Regen rieselte, aber ich harrte aus; was war meine Geduld gegen die des großen Dulders Odysseus! Wach wollte ich ihm und seiner Heimath einen Tribut dankbarer Erinnerung zollen.Um Mitternacht begegneten wir dem Dampfer, der aus Constantinopel kommt. Mit Raketen begrüßten sich die beiden Schiffe. Und hier, kurz darauf, kämpfte sich der Mond durch die Wolken durch. Geisterhaft in seinem bleichen Lichte wie ein wirklich gewordenes Sagenbild stand Ithaka da; Cephalonia blieb in Schatten gehüllt; die Erscheinung kam und ging, schnell wie die eines Traumes, die sich der Geist mit lebhaften Wünschen erzwungen hat.

An Bord des „Stadium“, 17. Mai.

Auf dem Verdecke begrüßt mich frische und doch warme Luft, herrliche blaue See, geklärte Fernsicht, im Osten die Kette der messenischen Berge mit sanften grünen Hängen, die zum flachen Ufer abfallen, das schneegesalbte Haupt des Taygelus über allen; im Westen das freie Meer, wo eine Menge großer Schiffe mit geschwellten Segeln nordwärts streben. Wir sind im Golfe von Arkadien, heilige Namen und heiliges Land überall. Der Morgen voll Salbung, die alle Lebensgeister anregt und das Dasein wieder einmal recht des Lebens werth erscheinen läßt. Der Insel Prodano fahren wir vorüber, später der Klippe Sphakteria, hinter der geborgen der Busen und die Ortschaft Navarin liegen. Auch hier wieder sind es Homer und Byron, die unserem Gedenken begegnen. Die sandige Pylos des Nestor, wo Telemach von Mentor geführt Hilfe und Rath suchte, lag einst auf dem Abhange dieser Berge, und Sphakteria, das lange Seeräuber beherbergte, ist als Schauplatz des Corsaren gedacht. Modon taucht auf. Nach 10 Uhr sind wir ihm so nahe, daß jedes einzelne Gebäude deutlich zu erkennen, Thürme, Mauern, runde Thorbogen aus der Venetianer-Zeit auf einer schmalen weit gegen Süden auslaufenden Halbinsel zu unterscheiden sind. Todt und leer wie eine Gräberstadt sieht es aus, als habe das viele Blut, das hier in alter und neuer Zeit geflossen, alle Lebensfähigkeit weggespült. Es gibt Gegenden, die wie einzelne Geschlechter verurtheilt zu sein scheinen, ewig die schlimmsten Gräuelthaten der Menschheit zu tragen. Diese kleineSpanne der messenischen Küste hat solch’ ein Schicksal. Jedes Jahrhundert spielte hier seinen Verrath, seine Blutthat, vom Siege der Athener über Sparta 425 Jahre v. Chr. bis zumuntoward eventam 20. October 1827 n. Chr. Und wie seine Geschichte so ist auch der Ort: verfallen, den Ruinen eines Stammschlosses ähnlich. Nur ab und zu wirft ein vereinsamter Baum, eine trauernde Cypresse oder eine graue Olive lang gezogene Schatten auf den dürren Boden; der strafende Gott scheint Salz in ihn gestreut zu haben, damit das Wachsthum dort ersterbe, wo der Mensch den Tod gesäet hat.

Ganz nahe zu unserer Rechten haben wir die wüsten Felseninseln Sapienza, dann Cabrera. Auch das sind Leichenhügel, von der voraussichtigen Natur dem künftigen Menschenschicksale aufgeworfen. Zwei der blutigsten Seeschlachten wurden in diesen Gewässern geschlagen, zwischen Venetianern und Genuesen, am 3. November 1354, als Doria den berühmten Pisani gefangen nahm, und am 6. October 1403, da der abenteuerliche Carlo Zeno den Genuesen diese Niederlage vergalt. So unstät sind Glück und Wellen.

In der engen Straße zwischen dieser Insel und dem Festlande begegnete uns der Lloyddampfer, der aus Alexandrien kommt; eine gute Weile hinter ihm der der italienischen Gesellschaft, der doch zwei Stunden vor dem Lloydschiffe abgefahren war.

Der Tag wird wärmer. Um 12 Uhr passiren wir das wilde felsige Eiland Venetico. Scharf gekantet und prächtig roth gefärbt, so wie sich unsere Phantasie südländische Klippen vorstellt, erscheint es uns. Dahinter liegt, nur durch schmales Wasser von ihm geschieden, das Cap Gallo, Akritas nannten es die Alten und die Insel davor Teganussa. Der messenische Golf, heute der von Koron, thut sich auf, breit und tief in’s Land geschnitten. Aber dem Taygetus und den Bergen, die sich gerade vor uns trennend zwischen dem messenischen und lakonischen Busen aufstellen, verhüllen dichte Wolken die Kuppen. Ich sehe diese berühmten Formen nicht. Was sie drohen, die Gewitter, verwirklicht sich beidem Cap Matapan; es gießt, aber die See bleibt gefügig. Um 3 Uhr umschiffen wir das Vorgebirge, die südlichste Spitze von Europa, die mittlere von den dreien, in welche die Halbinsel Morea ausläuft. Zwei Golfe ruhen zwischen ihren Wällen; dem von Koron, d. i. dem messenischen, sind wir schon vorüber, der von Lakonien oder Marathonisi öffnet sich eben zu unserer Linken, aber unter Nebel und Regengüssen verborgen. Das dritte Vorgebirge, das maleische, Cap Malea, das einzige unter den dreien, das sich auch im heutigen Volksmunde noch den alten Namen erhalten hat, passiren wir um 6 Uhr und mit ihm die Grenze vom mittelländischen Meere in den Archipel. Man zieht diese von hier aus nach Cap Spada auf Kandia, so daß Cerigo, die letzte der sieben jonischen Inseln, noch außerhalb des Archipel im mittelländischen Meere liegt. Sie ist eben zu unserer Rechten mit steinigem Vorlande, das nach den gleichartigen Abstürzen der Festlandsküste hinübergreift. Wer sie nur von dieser Seite sieht, glaubt ihr nicht, daß 13.000 Menschen behaglich auf ihr leben und in ihrem Süden eine ordentliche Stadt besteht. Noch weniger begreift er, warum sie mit dem Schönsten, was die Welt je besessen, mit der Geburtsstätte Aphroditens geschmückt ward. Aus diesen Wellen stieg die Schaumgeborne und Cythere war ihr Lieblingssitz. Wenn es Sonne und Farbe so wie heute Morgens Venetico vergolden, mag dieser Einfall der Phantasie erklärlicher erscheinen. So wie es jetzt ist, wo Alles grau und nebelig einem Regentage in Ischl gleicht, kann die Tradition das Auge nicht überzeugen.

Malea war das gefürchtetste Cap der Alten; Jeder sollte sein Testament machen, ehe er es umschiffte. Wir fahren sicher und so nahe daran vorbei, daß ich jeden Stein auf den kahlen Wänden und seine gänzliche Vegetationslosigkeit erkenne. Eine rothe Fahne sehe ich und den Fußsteig, den sich der allen Seefahrern des mittelländischen Meeres wohlbekannte Eremit zurecht gemacht hat. Seitdem ihm ein Lloyddampfer den Gruß mit einem überaus artigen Kanonenschusse erwidert hat, wagt er nicht mehr sich selbst zu zeigen. Braucht er Lebensmittel, so begehrt er sie von denVorübersegelnden, die beilegen und sie ihm in einem Boote senden gegen seinen Segen, den er hoch von der Felsenklippe herab mit dem Kreuzeszeichen dem Schiffe und der Mannschaft gibt. Mich zieht es zu dem Manne hin, der die angeborene Bedürftigkeit unserer Natur durch die noch größere Sehnsucht nach Ruhe überwunden haben muß.

Wir fahren auf aussichtslosem Meere; der Regen, der immer dichter wird, nöthigt mich in die Kajüte hinab.

Eben 11 Uhr Nachts scheitert der Versuch eines Spazierganges. Ein jämmerlicher Anblick das Verdeck mit den hunderten obdachloser Menschen. Man hat drei große Segel als niedere Zelte darüber ausgespannt; darunter bergen sie sich, Albanesen, Montenegriner, Griechen, Türken, Neger, auf dem Mittel- Und Vorderdeck so dicht zusammengedrängt, daß dort jeder Durchgang versperrt ist. Schon den Tag über rührte mich die Sorgfalt der türkischen Männer für ihre Frauen und Kinder, und das unterschiedslos, ob es Sclavinnen oder die Herrin war, so daß mir erst später die einzelnen Standesunterschiede kenntlich wurden. Allen gemeinsam breiteten sie um den Glaspavillon, der wenigstens einigen Schirm bot, Teppiche und Kissen zu Lagerstätten aus, deckten die Weiber zu, kamen wieder, sprachen ihnen Muth und Trost ein, straften die Kinder, wenn diese mit ihren muntern Spielen die Passagiere des ersten Platzes zu geniren drohten. Die Kinder sind meine Freude, besonders ein Mädchen und ein Bube, der beim Laufen immer die weiten groß geblümten Cattunhosen verliert. Als der Guß gar zu arg wurde und sich auch die Kinder unter die Decken verkriechen mußten, sehen wir, wie sie ihre zarten feinen Gesichtchen fest an die Glasscheiben der Verdeckstrommel drücken, um hinab zu uns in den Damensalon zu schauen. Die Ordnung des Schiffes verbot es, sie herunter zu holen, so blieb unserer Theilnahme nichts, als ihnen Obst und Zuckerwerk hinauf zu senden. Mit Kußhänden, die sie uns zuwarfen, dankten sie, und dann statt zu essen boten sie die Geschenke zuerst den Frauen, den älteren Schwestern, den Müttern undSclavinnen an. Diese haben den Tag über, so lang’ es ihnen das Wetter erlaubte, an dem Zusammenflicken alter Lumpen gearbeitet, Fetzen, die auch die sparsamste deutsche Hausfrau weggeworfen haben würde. Eine Negerin insbesondere war unerschöpflich in der Geduld um die Ausbesserung eines alten Schleiers zu Stande zu bringen. Alle hatten das Gesicht verhüllt. Schön scheint nur ein Mädchen von 14 bis 16 Jahren. Die Männer sind Officiere und gemeine Soldaten, aber auch diese unterschiedslos durcheinander gemischt. Das Alles dementirt in gar Manchem die Vorstellungen von türkischer Art, die ich mitbringe.

An Bord des „Stadium“, 18. Mai.

Um 5 Uhr weckte mich das Herablassen des Ankers. Er fiel in den Hafen von Syra. Durch die Luke neben meinem Bette sah ich Meer und Himmel noch immer grau und auf dem Verdecke hörte ich den Regen wie gestern trommeln. So schlief ich noch eine Stunde länger und fand später auf dem Verdecke dasselbe Wetter wieder. Schmutz und Lärm halfen ihm den Aufenthalt dort oben recht unbehaglich zu machen. Man lud Kohlen ein; dazwischen drängten sich die Verkäufer der Südfrüchte, um unsere Deckpassagiere zu verköstigen. Zu beiden Seiten des Dampfers lagen große Boote mit offenen Säcken voll von Nüssen, Mispeln, Kirschen, Citronen, gedörrten Feigen, Mandeln, Paradiesäpfeln und Artischocken; andere die mit Zwiebeln, Knoblauch, Salat und wieder andere die mit Fischen, frischen und geräucherten, beladen waren. Käufer und Verkäufer suchten sich um den größern Vortheil durch das lauteste Geschrei zu betrügen, die Meisten verstanden sich nur durch Geberden. Ich habe nirgends das Auge schneller fassen sehen was das Ohr nicht begreift, als bei diesen Griechen. Indeß die Männer handelten, lamentirten die Frauen, rangen sie das Wasser aus den getränkten Decken, um sie endlich doch wieder gegen den noch immer strömenden Regen auszuspannen. Nur die Kinder waren sorglos und gleichgiltig für das geschäftige Treiben um sie.

Syra, eine ansehnliche Stadt, liegt auf den Abhängen der Felsenberge, die den Hafen ziemlich enge einschließen; die Häuser steil über einander und oben in eine Spitze zusammenlaufend, daß die ganze Stadt einem großen riesigen Thurme ähnlich sieht. Der Verkehr des Hafens ist ein reger; französische, griechische, russische und österreichische Dampfer bemerke ich darin, und zwei Lloydschiffe sind eben aus Smyrna und Athen angekommen, zwei andere rüsten sich zur Abreise dorthin. Das unserige nimmt eine Menge Passagiere auf; das ist aber auch Alles, was mir in den fünf Stunden unserer Rast auffällt. Im freien Meere sieht man sonst die schönen Formen berühmter Inseln, heute ist jede Aussicht durch den Regen verschlossen.

Erst um 10 Uhr fährt das Schiff und wenige Minuten vor dem unserigen das, welches rechts hinüber, wo wir herkamen, nach dem Piräus steuert. Kaum ist jenes außer dem Hafen, so verrathen seine Schwankungen das, was auch unseren Passagieren bevorsteht. Ein starker Wind, der sich inzwischen erhoben, erregt die bis zum Morgen so ruhige See. Wir fahren nach dem Canale, der zwischen Tynos und Mykone aus dem Inselmeere des Archipel in das freiere ägäische führt, aber Regen und Nebel dunkeln so die Luft, daß wir selbst von diesen doch so nahen Küsten nichts sehen. Das Wetter wird gleich nach der Ausfahrt das schlechteste. Die See geht hoch, der Wind bläst stark und schon um 4 Uhr mißhandelt uns ein förmlicher Sturm. Beim Essen erscheinen außer dem Capitän und Arzte nur ich und ein junger Grieche, die Anderen liegen krank und in sich gezogen in ihren Cabinen, oder die, welche Linderung von der frischen Luft erwarten, oben auf dem Verdeck in Plaids und Mäntel gewickelt. Der Regen läßt nach, aber das Wüthen des Windes und der Wellen wächst von Stunde zu Stunde. Zuerst waren es regelmäßige, gleichgemessene Schwingungen, die das Schiff von hinten nach vorne emporhoben, als wolle es zu den Mastspitzen hinauf und dann von solcher Höhe wieder hinab sich auf den Meeresgrund versenken. Man konnte den Wellen entgegenkommen und ihnen mit der Erwartung gewissermaßen ausweichen. Jetzt aber ist auch dieser letzte Rest gezähmter Lebensart verloren gegangen und sinnlos wirft der Sturm das Schiff nach allen Seiten, bald rechts und schleudert uns in dieser schiefen Lage vorwärts, oder links und wir fliegen zurück in ein tiefes Wellenthal. Zerschellt die Gewalt des Wassers an dem Körper des Schiffes, dann schlägt es die Wände hinauf und kehrt mit salzigem Sturzbade das Verdeck ab; der Vordertheil desselben steht fortwährend unter Wasser. Seekrank, gepeinigt von der Angst und doch Alle lautlos liegen dort die hunderte von Männern, Frauen, Kindern aneinander und an den Boden geklammert. Es ist als ob die Größe des Elementes ihnen Schweigen aufzwänge. Und so wie gebannt ist das ganze Schiff. Eine einzige, schwankende Lampe brennt unheimlich unten in der großen Kajüte; alles Uebrige ist leer, still, wie ausgestorben, als treibe das Schiff schon eine jener gespenstigen Geistererscheinungen auf der tobenden See, womit die Phantasie der Seeleute ihr grausiges Element bevölkert hat. Lange stand ich hinten neben dem Steuerruder. In dem Auf- und Abtauchen in die Wogen, in dem Heulen des Windes, in dem Herumfliegen der Schaumballen schrumpfte mir der Dampfer, der mir gestern noch so stattlich erschienen war, zu einer Nußschale zusammen; klein, wie wenn ich ihn mit ein paar Schritten durchmessen könnte, däuchte er mir in dem Unmäßigen, das um ihn ist.


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