sprach Fanny zu ihrem Gatten:
»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es, daß es nothwendig ist zu unserem Glücke. Für das Deinige, für das meinige, und vor Allem für das Glück unseres Kindes.«
Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den Kopf von der Wange der Kleinen empor und richtete einen bis in das Innerste der Seele dringenden Blick auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Zügevon dem letzten, bleichen, kalten Strahl der untergehenden Decembersonne erleuchtet wurden.
»Was sprachst Du da?« frug er, und seine Stimme bebte ein wenig trotz seiner Selbstbeherrschung.
»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem Zittern ihres Tones und der Langsamkeit, mit welcher sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte man die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, »ich sprach, daß es für uns Alle besser sein würde, wenn ein Jedes seinen eigenen Weg geht. Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. Ich will Dir keinen Vorwurf machen, Walther, ich trage vielleicht eben so große Schuld an der Scheidewand, welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein ich fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in dieser Weise fortzuführen. Wir verstehen uns nicht mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute, welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum laß uns ruhig von einander scheiden, ohne Haß, ohne Zorn.«
Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe, die Entgegnung ihres Mannes erwartend.
Es verging eine Viertelstunde und noch immer verharrte Walther in tiefem Schweigen. Die Dunkelheit war indessen völlig eingebrochen, das Kind im Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche Stille herrschte in dem Zimmer.
Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach mit einer zwar etwas dumpf klingenden, aber festen Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte, der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten getobt:
»Und wie soll es mit dem Kinde werden?«
Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie erwartet – und gefürchtet.
Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wußte, daß sie der Augapfel ihres Mannes, sein höchstes Kleinod, sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern seines Herzens.
Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer verzehrenden Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestümen, ausschließlichen Zärtlichkeit, die man oft bei jenen Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern Ersatz für eine unglückliche Ehe, für die Gleichgültigkeit oder Abneigung, für die Kälte und Untreue des Gatten suchen.
»Antworte mir,« wiederholte Dennhardt noch einmal seine Frage, »wie soll es mit dem Kinde werden?«
Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg.
»Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht,« antwortete sie endlich mit zögernder ungewisser Stimme, »aber ich stelle ihnen die Entscheidung anheim; was sie auch bestimmen mögen, ich werde mich ihnen unterwerfen.«
Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung. Das Kind fest an seine Brust gedrückt, trat er dicht an Fanny heran, so dicht, daß ihre Wange von dem glühenden Hauche seines Athems gestreift wurde.
»Ah! Madame,« sprach er mit leiser, aber vor tiefster Aufregung bebender Stimme, »die Gesetze Frankreichs wollen Sie über Ihr, über mein Kind entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich, daß ich, wenn es sich um mein Kind handelt, nur den Gesetzen in meiner Brust folgen werde. Und diese Gesetze gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die Seele eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben würden.«
Fanny war bleich geworden zum Erschrecken, während ihr Mann ihr diese schneidenden Worte in's Ohr raunte.
Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so beleidigend klingende »Sie,« noch nie eine so grausame Beleidigung gehört, als die war, welche er ihr in diesen wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.
»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich vielleicht auch das Recht verloren habe, von Ihnen als Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube ich doch nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben, mich mit so empörenden Beleidigungen zu überhäufen.«
Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins Nebenzimmer, dessen Thür sie hinter sich verschloß.
Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem Christabende stattgefunden, war zwischen den beiden Gatten kein Wort mehr über diese Angelegenheit gewechselt worden. Es war überhaupt zwischen ihnen nur das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche, was durch die Verhältnisse des Zusammenseins eben noch geboten wurde.
In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte Fanny ihren Entschluß gefaßt. Der Christabend war der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber entschlossenem Herzen trat sie an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses, um in den Wagen des Vicomte zu steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen Fahren vor das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix brachte.
Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen und senkte, wie von einer unwillkürlichen Bewegung ergriffen, der sie nicht zu widerstehen vermochte, das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zurErde. Und als sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe der Freitreppe setzte, da fühlte sie ein Beben durch ihren Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die Treppe des Schaffots tritt.
Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit schuldig geglaubt, so würde sie diesen Schritt ohne alle Scrupel gethan haben.
»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen Walther geäußert, und er hatte ihr von seinem Standpunkte aus vollkommen beigestimmt, »in der Ehe ist Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire gegen die beschränkte Anschauungsweise, welche die Treue bloß von den Frauen fordert, während sie den Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen. Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert mich an jene Hundetreue, welche die Hand leckt, die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist schuldig, welcher zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. Es mag duldende, schwache Frauen geben, welche sich auch dem ausschweifendsten Wüstling gegenüber fürgebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen Duldernaturen.« Aber er hatte ihrniedie geringste Veranlassung gegeben an seiner Treue zu zweifeln – und nun mußte sie den ersten Schritt thun.
Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit einem Leuchter in der Hand. Er war allein, weder ein Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen.
»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses Haus betritt, Fanny,« flüsterte er und ergriff ihre Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine Lippen drückte.
»Möge ich nie bereuen, was ich heute thue,« entgegnete sie.
»Nur Schwächlinge bereuen, Fanny, und Sie gehören zu jenen starken Naturen, die entweder brechen oder siegen.«
Während dieser leise gewechselten Reden hatte der Vicomte die junge Frau über einen Corridor, auf dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos verhallten, in ein Zimmer geführt, welches den gemischten Charakter eines Boudoirs und eines eleganten Studiercabinetstrug. Herabgelassene Gardinen von dunkelrother Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe mit Goldleisten, Sesselà laVoltaire mit violettem Sammet, fein gearbeitete Pfeiler- und Spiegeltischchen, auf welchen eine Menge kleiner interessanter Spielereien standen, zwei mäßige Bücherschränke mit wissenschaftlichen und dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter Schreibtisch, über welchem einige Waffen, alte Stücke aus dem Mittelalter, und das Porträt des Herzogs von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des Cabinets, dessen Atmosphäre durch die knisternde Flamme in dem Kamin von bläulichem Marmor angenehm erwärmt war.
Der junge Vicomte führte Fanny zu einem Sessel, in welchem die junge Frau wie erschöpft von einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr gegenüber Platz.
Sie drückte die Hände vor die Augen, stumm und regungslos, während der Vicomte gleichfalls in tiefem Stillschweigen auf den Boden niederblickte.
Endlich nach einer langen, langen Weile ließ sie die Hände sinken, ihr Blick begegnete dem des Vicomte.
Sie sah blaß aus, sehr blaß; aus ihren Augen strahlte ein übernatürlicher Glanz und ihre Stimme klang matt und bebend: als sie flüsterte:
»Edmund ... werden wir auch glücklich sein?«
»Fanny,« und er sank vor ihr auf seine Knie, »kannst Du zweifeln? Die Sterne einer geweihten Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke, in dem wir den Bund für's Leben schließen, aber goldener und strahlender als alle die Gestirne des Himmels, welche dort oben glänzen, leuchtet der Stern der Liebe in meiner Brust – möge Gott mich einst vor seinem Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals untergehen sollte.«
»Schwöre nicht,« sprach sie, die Hand abwehrend erhebend, »Schwüre werden oft zu lästigen Fesseln, die deßhalb immer unerträglicher werden, weil man glaubt, daß man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die Rache der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist oft ein festeres Band als tausend Schwüre und Eide.Doch nun laß uns von den nächsten Aufgaben reden, denn Du begreifst, daß ich von heute an meinen Aufenthalt in der Wohnung Dennhardt's nur noch nach Tagen zählen kann.«
Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der Art und Weise, mit welcher sie alles Dies sprach, daß der junge Vicomte, so leidenschaftlich er auch in Liebe und Verlangen aufglühte, doch in eine ernste Haltung zurückgescheucht wurde.
»Ich habe,« sprach er, »mit einem der besten Advocaten von Paris Rücksprache genommen. Es werden wenig Schwierigkeiten zu überwinden sein, da Ihr Beide protestantisch seid.«
»Aber das Kind, meine süße liebe Mimi,« unterbrach die junge Frau den Vicomte, »was war sein Urtheil darüber?«
Der Vicomte zögerte mit der Antwort.
»Bis zum fünften Jahre,« sprach er endlich, »würde es unbestritten der mütterlichen Obhut anvertraut werden müssen, von da an aber ...«
Er hielt stockend inne.
»Weiter, weiter, Edmund,« drängte Fanny, die ihm jedes Wort von den Lippen zu nehmen schien, »was sprach er über die fernere Zukunft?«
»Ueber die fernere Zukunft, meinte er, könne sich leicht eine Controverse entspinnen ... da Dennhardt kein französischer Staatsbürger, sondern ein Deutscher und als solcher ...«
»Genug, genug,« rief Fanny, ihn von Neuem unterbrechend, aus, »ich verstehe ... Vom fünften Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu rauben. Du siehst wohl, Edmund,« setzte sie traurig hinzu, »daß wir auf unser Glück verzichten müssen.«
»Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf?« rief der junge Mann mit schmerzlichem Ausdrucke, »ohne zu kämpfen, ohne zu wagen! Können wir nicht mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde fliehen, wo uns der Arm jenes Mannes nicht erreichen kann, können wir nicht durch tausend Listen seine Nachforschungen und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich, Fanny, und Du weißt, daß das Geld heut zu Tage alle Hindernisse und alle Schwierigkeiten besiegen kann.«
Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. Dann erhob sie ihr Haupt, fest und entschlossen.
»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir vorhin schwören wolltest, da sprach ich: schwöre nicht. Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen Schwur bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, selbst Dein Leben daran zu setzen, um mir mein Kind zu sichern.«
Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher Geberde die Hand.
»Ich schwöre,« sprach er.
»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme um seinen Nacken schlang und ihm tief und glühend in die Augen blickte, »und ich bin von diesem Augenblicke an Dein ...«
Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner Frau, welche gegen Mitternacht in dem Wagen des Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts bemerkt oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte den immerhin auffälligen Weggang Fanny's und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst zeigte sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur daß er vielleicht, wenn Das überhaupt möglich war, sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.
Nach der Verabredung, welche Fanny und der Vicomte getroffen, sollte Fanny am Sylvesterabend unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen, vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu machen, dann die von dem Vicomte für sie eingerichtete Wohnung beziehen und hieran die Scheidung einleiten.Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber gewesen, wenn sie in offnem Bruch sich von ihrem Manne hätte entfernen können. Allein der Vicomte hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen ein solches Verfahren sein würde, wie es leicht zu einer Katastrophe führen könnte, die für sie und das Kind verhängnißvoll werden könnte.
Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch geschwankt. Der Vicomte, Dies bemerkend und eine Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen Brief geschrieben, worin er sie mit den eindringlichsten Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.
»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer Liebe, bei dem Haupte Deines Kindes, nur scheide nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er würde vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und wie mir mein Sachwalter versichert, könnte Dein Mann bis zur Entscheidung des Processes das Kind bei sich behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nachEngland und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit mit dem Kinde zu flüchten und Dir es für immer zu entziehen. Folgst Du aber meinem Rath, scheidest Du mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt, so brauchen wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln habe ich so getroffen, daß er, selbst für den Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu Dir und dem Kinde gelangen wird.«
Dieser Brief entschied. Fanny beschloß, am nächsten Tag mit dem Kinde ihren Gatten zu verlassen, und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal in einem zurückgelassenen Schreiben die Motive dieses Schrittes darlegen.
Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie zugleich um eine Zusammenkunft für den Nachmittag in dem Café Tortoni gebeten, in den Vormittagsstunden empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den für ihren Mann bestimmten Brief geschrieben und war, nachdem sie die kleine Mimi, welche ihren Nachmittagsschlummer hielt, zärtlich geküßt, ausgegangen. Wäre sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschäftigtgewesen und hätte sie das Wesen ihres Mannes an diesem Tage nur etwas schärfer beobachtet, so würde sie vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen ihres Planes das Haus verlassen haben.
Walther stand am Fenster, als sie über die Straße ging, um in eine der an der Ecke haltenden Droschken zu steigen.
Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen konnte.
Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht mehr sichtbar war, wendete er sich mit einer raschen Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht über die Augen.
Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages oder perlte eine Thräne an seinen Wimpern?
»Leb' wohl,« murmelte er, sich noch einmal nach dem Fenster wendend und die Hand nach der Gegend ausstreckend, wo Fanny verschwunden; »lebe wohl für immer!«
Es war vier Stunden später ... Die Sonne sank hinab, und ihre letzten schwachen Strahlen vergoldetenmit mattem Glanze die Höhen von Belleville. Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der Flüchtling wohnte. Fanny sprang aus dem Wagen und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie kam von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese Nacht sollte unwiderruflich die letzte sein, welche sie und Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben sollten.
Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der Thür des Vorsaals, als sie sich von der Portière des Hauses angerufen hört.
»Der Schlüssel, Madame,« ruft sie und eilt die Treppe hinan.
»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie, von einer dunklen Ahnung, an deren Verwirklichung sie aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während sie Dies bebend spricht, hat sie schon, ohne die Antwort abzuwarten, die Thür geöffnet und stürzt über den Vorsaal nach dem Wohnzimmer.
Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft einen Blick in das leere Zimmer und stößt einen lauten gellenden Schrei der Verzweiflung aus.
»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.«
Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr gefolgt war, fängt sie in ihren Armen auf und läßt sie langsam auf den Divan niedergleiten.
Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick.
Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende Schlafzimmer. Ihr Blick fällt auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein Brief von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, das Couvert des Briefes, welchen ihr der Vicomte diesen Morgen gesendet hatte.
»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,« liest sie, »muß man auch sehr schlau und vorsichtig sein. Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das Andere, Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des Briefes gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum Beweise, daß mir Alles bekannt ist. Der Schlag, mit dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt bin,mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein Kind raubtet, er fällt auf Dich selbst zurück.
»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose That nicht geschehen lassen. Wenn ich auch längst den Verrath ahnte, den Du mir gegenüber begingst, so hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft der Herzen, keine Sympathie der Seelen vorhanden, da fällt auch die Gemeinschaft des Lebens. Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.
»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst. Alles Forschen wird vergeblich sein – betrachte mich und das Kind für Dich gestorben. Es ist so am besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß kein Glück erblühen können. Kinderaugen sehen klar und scharf und erkennen nur zu bald, wenn Die, welche ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen wandeln.
»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse ich Dir.
»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem Schreibpulte finden. Ich behalte nur so viel als nöthigist, um mir eine Existenz zu schaffen, welche mir meinen und meines Kindes Unterhalt gewährt.
Lebe wohl für immer!Walther Dennhardt.«
Lebe wohl für immer!
Walther Dennhardt.«
Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos zusammen, und die einzigen Worte, die sie stammeln konnte, waren:
»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.«
Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. Sie befahl der Portière die Wohnung zu schließen und die Schlüssel an sich zu halten und alle Briefe, die an sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix zu senden.
Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte mit Fanny, die gestern Abend verstört und bleich zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen war: »Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und mir mein Kind suchen zu helfen, und ich folge Dir bis an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt.
Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan? Jene Berge der alten Bretagne, auf deren Abhängen, in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache Hirten und Bauern wohnen, an denen die Cultur von Jahrhunderten vorübergegangen ist, ohne einen Blick in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese bretagnischen Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige Meilen von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, dessen Bevölkerung zur Hälfte aus Hirten, zur Hälfte aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem Jahre der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde.
Es war in den Nachmittagsstunden eines milden Herbsttages, Anfangs October des Jahres 1850. Auf der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonneerwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit seinem Kinde und blickte hinaus auf die unendliche See.
Er hatte das Haupt in die Hand gestützt und lauschte dem geheimnißvollen Rauschen der Meereswogen, während Mimi zu seinen Füßen im Sande spielte. Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit Beeten und Sträußern aus Seegras und Herbstblumen, die sie mit Papa auf dem Wege zur Düne gepflückt hatte.
Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu jedem Maßliebchen und Veilchen bückte sie sich nieder, jeder Rose und jeder Lilie nickte sie einen Gruß zu, mit den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie zurück, ohne einen großen Strauß ihrer stillen Blumenfreundinnen mitzubringen.
Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Händchen.
»Sieh, Papa,« rief sie, »mein Garten ist fertig.«
Walther betrachtete mit heiterem Lächeln das frohe blühende Kind und sein Spielwerk.
»Ach der schöne Garten, den meine Mimi sich gebaut hat,« sprach er und beugte sich zu der Kleinen nieder, die mit jenem Ausdruck glücklicher Zufriedenheit, den wir in seiner unverfälschten Reinheit nur bei Kindern finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen Garten, bald auf ihren Vater richtete.
Mit einem Male stand die Kleine auf und frug indem sie hinauf nach dem blauen wolkenlosen Himmel deutete:
»Papa, haben die Engel im Himmel auch schöne Blumen wie wir?«
»Noch viel schönere, mein Kind,« entgegnete Walther, den die Frage etwas überraschte, »die hellen Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter große goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten wachsen.«
»Ach! weißt Du was, Papa,« rief die Kleine indem sie ihren Papa recht ernsthaft anblickte, »dann will ich auch ein Engel werden.«
Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich wieder verschwand, glitt über Walther's Züge.
»Alle guten Menschen werden einmal Engel werden, meine Mimi, aber jetzt bleibst Du noch bei mir, nicht wahr?«
Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft, als habe sie den ganzen bedeutungsvollen Inhalt dieser Frage begriffen.
Walther erhob sich und nahm die Kleine auf seinen Arm.
»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, Du bist müde von dem weiten Wege. Morgen gehen wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.« Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen auf seine Schulter legte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er ein kleines einstockiges Haus bewohnte.
Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute sie nannten, die Witwe eines Schiffers, der auf einer Fahrt nach Westindien verunglückt war, besorgte seine häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des Lebens zu erwerben.
Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß nicht bedeutenden Vermögen seiner Frau, das in einer Rente von vielleicht zweitausend Francs bestand, Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte bei der Trennung von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen als sechshundert Thaler, die Reste seines eigenen erworbenen Vermögens, welches während der revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes in Paris bis auf diesen geringen Betrag aufgezehrt worden war.
Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der Ankauf des kleinen Hauses mit dem daran befindlichen Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's Capital bis auf kaum hundert Francs aufgezehrt, und es galt jetzt die Aufbietung aller seiner Kräfte, wenn er nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war zwar geheilt, aber für seinen Beruf war sie untauglich geworden. Als Bildhauer konnte er ferner nicht arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durchschriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen. Aber es war nur der Gedanke eines Augenblicks. Er erinnerte sich sofort aus der Zeit seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang mit Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf nur von Denen gewählt werden darf, die dazu berufen sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft aufreibend derselbe ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht die Pflicht der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen kann, sein Geschick an das seiner Feder zu knüpfen, während es ein großes Wagniß ist, auch die Geschicke Anderer daran zu fesseln.
»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein junger und talentvoller Schriftsteller gesagt, »unsere modernen Literaturzustände gleichen dem Labyrinthe mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen Wagehälsen reizt der geheimnißvolle Zauber, und Hunderte verirren sich und werden ein Opfer des lauernden Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit andern Namen bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz sich auf die Stirn setzen zu können und weißnicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind, welche so tief stechen, daß die Meisten, während sie danach greifen und bevor der Lorbeer ihre Scheitel berührt, sich daran verbluten.«
In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch thätig sein? Als Publicist hatte er in Frankreich und vollends in diesem einsamen Dorfe der Bretagne durchaus keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker oder Romanschriftsteller sich eine Stellung zu erringen, dazu, Das fühlte er, fehlte ihm die dichterische Begabung.
Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu Grunde gehen, eine Klippe, die zwar nur in der eigenen Einbildung besteht, aber darum desto gefährlicher ist.
Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit und setzte ihn mit der seinem Wesen eigenen Energie ins Werk.
Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren war, um dort einige nothwendige Einkäufe für seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte die Kleineplötzlich in der Nähe der Kathedrale fröhlich in die Händchen geklatscht und ausgerufen: »Papa, Papa ... schöne Puppen.« Es war ein Tabuletkrämer, der auf seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem mit dem Christuskind und den anbetenden drei Königen aus dem Morgenlande. Er frug nach dem Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewöhnlich hohen.
»Ist das Wachs hier zu Lande so theuer?« warf Dennhardt mit einem spöttischen Blick auf die schlecht gearbeiteten Figuren hin.
»Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche solche Sachen machen!«
»Und würde man, wenn diese Figuren wohlfeiler wären, viel davon verkaufen?«
»Gewiß, Herr, besonders zur Weihnachts- und Osterzeit.«
Dennhardt dankte dem Manne für die Auskunft und meinte, vielleicht würde er bald von ihm hören.
Sein Plan war rasch gefaßt. Konnte er auch nicht mehr als Bildhauer arbeiten, so war ihm doch noch die Möglichkeit geblieben, sein plastisches Talent im Formen weicher Stoffe zu verwerthen.
Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nächsten Tag schon an die Arbeit.
Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes darstellend, fertig hatte, rief er seine alte Dienerin, welche mit Mimi im Garten war.
»Wie gefällt Euch das, Mama Poisson?« Das Kind wollte die Figuren küssen und herzen, und die alte Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.
»Glaubt Ihr,« frug Dennhardt lächelnd weiter, »daß man mir diese Figuren in Vannes abkaufen wird?«
»Und wenn Ihr so viel hättet, als es Schafe und Lämmer auf den Hügeln von Morbihan giebt, Ihr würdet keine einzige übrig behalten.«
Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die Wachsfiguren, welche Dennhardt, theils in Gruppen, theils als Einzelgestalten bildete, fanden in VannesAbnahme über Abnahme. Dennhardt stellte nach und nach die ganze biblische Geschichte in ihren Hauptmomenten bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist streng katholisch, und diese religiöse Richtung der Bevölkerung begünstigte sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem Wachs gearbeiteten Figuren Dennhardt's.
Für die kleine Mimi war diese Beschäftigung ihres Vaters eine unerschöpfliche Quelle der Freude und des Vergnügens.
Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang hatte, schon deßhalb nicht, weil Dennhardt, der mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes Deutsch, sprach, nicht wollte, daß das Kind eher des Französischen mächtig würde, bevor es sich im Deutschen verständlich ausdrücken konnte, so waren die Wachspuppen ihre vorzüglichsten Spielgenossen.
Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten, gab einer Jeden täglich ihre Portion Essen, die dann natürlich, wie es die heidnischen Priester mit den Opfermahlzeiten ihrer Götter thaten, von der Darspenderin selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett,sang ihnen Liedchen vor und deckte sie jeden Abend sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie zu ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frören und sich erkälteten.
So verging Monat auf Monat und die Kleine wurde mit jedem Tage verständiger, wenn man eine gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf.
An ihrem Vater oder »Papa,« wie sie ihn nur nannte, hing sie mit einer unbeschreiblichen Zärtlichkeit.
War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen vorkam, ohne Mimi ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft, um irgend Etwas, was er zu seinen Arbeiten bedurfte, zu holen, und Mimi saß unter der Aufsicht der alten Mama Poisson vor der Thür und erblickte ihn von weitem, dann flog sie ihm, so schnell als es ihre kleinen Füße vermochten, mit flatternden Locken, glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem Rufe: »Mein Papa kommt ... mein Papa kommt ...« entgegen.
Fand sie auf den Spaziergängen eine schöne seltene Blume, so pflückte sie dieselbe nicht eher, alsbis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief an keinem Abende ein, ohne ihren Papa geküßt und geherzt zu haben.
Für Walther aber war das Kind der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit. Alle seine Empfindungen, Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um seine kleine Mimi. Das Stück französischer Erde, auf welcher er mit ihr lebte, war für ihn die Welt; was hinter diesen bretagnischen Bergen lag, hatte er Alles vergessen.
Die Kämpfe der Parteien wie die Leidenschaften des Herzens, sie hatte er jenseits der grünen Hügel von Morbihan gelassen und Nichts aus der früheren Zeit mit herüber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde. Gewiß lieben alle Eltern ihre Kinder, wenn sie keine Rabenherzen im Busen tragen, aber diese Liebe Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz anderer Art.
Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und während die Wünsche der Väter in der Regel auf einenKnaben gerichtet sind, wünschte er, daß es eine Tochter sein möchte.
Als nun sein Wunsch erfüllt wurde, da war er so glücklich, so wie es vielleicht ein Jüngling ist, dem endlich aus dem Munde der unendlich Geliebten das Wort der Erhörung wird.
Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige Wesen war, welches er sein nennen konnte, jetzt hing er mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der Mittelpunkt, um welchen sich alle seine Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Entwürfe drehten.
Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand, auf jener Düne, wo er an jenem Herbstnachmittag mit dem Kinde saß und spielte – es war sein liebster Ort, den er bei seinen Spaziergängen stets besuchte – frug Mimi, hinüber zu der unendlichen Meeresfläche deutend:
»Papa, wohnen da drüben über dem großen Wasser auch Leute?«
»Gewiß, mein Kind, viele, viele tausend Menschen wohnen dort. Das Land, in welchem sie leben, nenntman England. Wenn Du groß geworden bist, meine Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe hinüber und sehen uns die Leute und ihre Städte an.«
Das Kind hatte still und mit einer gewissen andächtigen Miene den Worten des Vaters gelauscht.
Dann hob es sein Köpfchen mit den blonden weichen Locken und den lieben braunen Augen zu dem Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen, lebensfrischen Munde kam, einen rührenden Eindruck erzeugte:
»Weißt Du was, Papa, ich will gar nicht groß werden ... ich will Deine kleine Mimi bleiben.«
Ein Gefühl urplötzlich aufsteigender Wehmuth bemächtigte sich seiner bei diesen Worten des Kindes und er vermochte nicht eine Thräne, die sich hervordrängte, zu unterdrücken.
»Nicht weinen, Papa,« bat Mimi, indem sie ihre Händchen bittend emporstreckte und als Dennhardt sie zu sich empor hob, legte sie ihr Lockenköpfchen an desVaters Wange und sprach: »Du bist mein bester, guter Herzenspapa.«
Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig vom Arme des Vaters herab, lief jauchzend hinter einem Schmetterling her und jubelte laut auf, als sie während dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und sanft von der Düne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten Arme ihres Papa.
So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt fühlte sich so glücklich, wie es noch nie in seinem Leben der Fall gewesen.
Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der Liebe zu einem Kinde, zu einem so unschuldigen und hülflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem Gefühl ein so sanfter, ruhiger Friede über den ganzen Menschen, über all sein Denken, Thun und Handeln, daß alle andern Empfindungen des Herzens dagegen als aufreibende Leidenschaften erscheinen.
Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten dahin. Wenn der Sommer mit seinem bunten Farbenschimmer von Blumen und Blüthen, mit seinem grünenSchmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und goldnen Sonnenlicht dahingegangen war und der Herbst mit seinen kalten Regengüssen, seinen Stürmen auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem Kinde daheim bei der knisternden Flamme des Kamins bleiben mußte, dann brach für die kleine Mimi eine Zeit neuen märchenvollen Glückes an.
»Papa, erzähle mir eine Geschichte!« Mit diesen Worten erwachte sie früh in ihrem Bettchen, das dicht neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen Worten ging sie schlafen.
Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich zugedeckt, an ihr Lager, nahm ihre kleine, weiche, warme Hand in die seinige und erzählte ihr lauter kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus seiner Jugend, wie er noch ein kleiner Junge war, von seinem lieben Schwesterchen Helene, die so bald gestorben und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie »Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von den grünen Wäldern in Thüringen, in welchen allerlei wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde Schweine,Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur aus ihren Bilderbüchern kannte. Am meisten aber interessirte sie die Erzählung von dem getreuen Eckard, der auch in den thüringischen Wäldern lebt und die Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. Sie war unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen, und oft flüsterte sie, endlich doch vom Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon schlossen und sie sich in die Kissen vergrub, noch mit leiser Stimme: »Papa, noch eine Geschichte ...« und war in der nächsten Minute fest eingeschlummert.
So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem Leben. Mimi war fünf Jahre alt geworden und plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde Alles heraus, was ihr Herz bewegte.
Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie mit der alten Mutter Poisson Französisch plauderte.
Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte Alles überwunden zu haben, doch einen scharfen Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimizu der alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem Hause auf und ab ging, sagen hörte:
»Ma chère mère, reposons-nous un moment sur ce banc de gazon.« (Meine gute Mutter, laß uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)
»Ma chère mère!« Armes Kind, das nie wieder die Stimme der Mutter hören sollte! Eine Erinnerung an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine nicht zu haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals danach. Freilich war sie auch, als Walther mit ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen, und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die neuen tausendfachen Eindrücke der Außenwelt auf die junge erwachende Kindesseele verscheuchten schon in der ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in ihrem Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das Französische sprechen gelernt, hatte sie in den zwei Kindern eines Lootsen, der früher lange als Obersteuermann auf einem Kriegsschiff gedient und in dem Hause nebenan wohnte, ein paar Gespielinnen erhalten.
Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter wie Mimi, doch viel schüchterner, blöder als die Kleine. Der Lootse, sonst ein ganz braver Mann, hatte noch immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und ließ die Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen, während Mimi bei aller ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, sicher, so selbstständig bewegte, daß der Unterschied sofort in die Augen sprang.
Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese liebenswürdige Sicherheit und Unbefangenheit, die sie selbst größern Personen gegenüber zeigte.
Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an einer Gruppe, welche für eine Capelle in der Nachbarschaft bestellt war, spielte sie mit Pauline und Lisette und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten ihres Hauses.
Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und verursachten ein wenig Lärm, welcher den Feldhüter oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke kam, einen griesgrämigen Patron, störte.
Der Flurschütz ist für die Kinder in den französischen Dörfern dieselbe Popanzfigur, wie es der Polizeidiener unserer kleinen deutschen Städte für die liebe Gassenjugend ist.
Der rothe Streifen an der Mütze und am Kragen hat diesseits wie jenseits des Rheins dieselbe Wirkung: die Kinder flüchteten, als sie den Mann mit der Flinte über dem Rücken und den Stock drohend erhebend daher kommen sahen, nach links und rechts in die benachbarten Häuser.
Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig in der Mitte der Straße stehen.
»Heda, Du kleiner Balg,« rief der Flurschütz mit einer drohenden Bewegung die Hand erhebend, »willst Du machen, daß Du fort kommst?«
Die Kleine rührte sich nicht, sondern blickte dem Mann mit ihren großen strahlenden Augen fest ins Gesicht.
»Nun, wird es werden?« schrie er erbost, »oder soll ich Dich fortprügeln?«
»Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und was mein Papa gesagt hat, Das thue ich, und wennDu mich prügelst, dann schießt Dich mein Papa mit seiner Flinte todt.«
Der Mann erschrack fast, als das kleine fünfjährige Mädchen ihm mit solcher Ruhe und Bestimmtheit vom Todtschießen sprach.
»Dein Papa?« brummte er, »und wer ist Dein Papa?«
»Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt und ich bin Mimi Dennhardt.«
»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,« murmelte der Feldwächter, indem er einen scheuen Blick nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll ein verwegener Bursche sein und in Deutschland bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.« Ein derartiges Märchen gehörte zu den Gerüchten, welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution bei einigen leichtgläubigen und neugierigen Schwätzern verbreitet hatten und sehr wohl in einem Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit dem Begriff der Revolution auch zugleich der der Guillotine und der Niedermetzelung der Aristokraten verband.
Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche Gerücht für Mimi indessen das Gute, daß der Feldwächter, ein Poltron, für welchen von jeher der ernste Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart etwas Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, die Kleine ungehindert weiter spielen ließ und nur beim Weitergehen mit den halblaut gemurmelten Worten: »Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich aber morgen wieder hier treffe, so wirst Du mich kennen lernen,« seine gefährdete Autorität rettete.
Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, das er ihr stets mitbrachte, wenn er in Vannes gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen Silberstimme ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.
War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft in drei Theile, war es ein Spielwerk, dann mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre es das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen, schüchtern und blöde, wie sie in Folge der strengen Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die Annahme dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten;dann aber gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche Aufregung und versuchte oft mit Gewalt die Kinder zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt herbei und überwand durch Zureden die Blödigkeit der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor Freude, daß sie die Kinder stürmisch umarmte, küßte und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.
Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den Frauen, stand Mimi in großer Gunst. Sie war der erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des fremden Kindes anerkannten.
Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu bei, der bei seinem überreichen Verdienst manche Gabe in die Hütten der Armuth sendete und als Geberin gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so daß das Kind, wenn es über die Schwelle einer armseligen Hütte trat, von den Bewohnern wie ein kleiner rettender Engel begrüßt wurde.
Es war im Sommer, wenige Wochen vor Mimi's sechstem Geburtstage. Eine dumpfe Schwüle lag auf dem kleinen Orte, überall sah man traurige und verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen in dem Dorfe und hielt eine reiche Ernte unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter den Kindern.
Es war eine bösartige Epidemie, eine jener verheerenden Krankheiten, welche an die düstere blutige Sage von dem Würgengel erinnern.
Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen worden und lag schon einige Tage hart darnieder.
Dennhardt wich nicht einen Augenblick von ihrem Bette. Gleich als sich die ersten Symptome des Fieberszeigten, hatte er einen reitenden Boten nach Vannes geschickt und den tüchtigsten Arzt der Stadt holen lassen, der auch wenige Stunden später erschien.
Wie ein Sterbender, mit dem Ausdruck tiefster Seelenangst in den verstörten Zügen trat ihm Dennhardt unter der Hausthüre entgegen.
»Retten Sie mir mein Kind, Doctor,« sprach er mit bebender Stimme, indem er ihm seine zitternde Hand entgegenstreckte, »meine Mimi ...« Er konnte nicht mehr sprechen, die Stimme versagte ihm.
Der Arzt, welcher Dennhardt von seinen Besuchen in Vannes her kannte und sich, schon weil er politischer Gesinnungsgenosse des deutschen Flüchtlings war, zu Dennhardt hingezogen fühlte und ihn bei näherer Bekanntschaft auch wegen der Bravheit seines Charakters hoch schätzen gelernt, war im ersten Augenblick ganz überrascht von dieser tiefen Bewegung Dennhardt's.
Wußte er auch, daß der Bildhauer sein Kind auf das zärtlichste liebte, so hätte er doch nimmer in demernsten ruhigen Manne eine solche Weiche des Gefühls vermuthet.
»Fassen Sie sich, mein Lieber, man darf, so lange der Odem des Menschen aus- und eingeht, nie verzagen, am Wenigsten aber bei den Krankheiten der Kinder, wo die Heilkraft der Natur, viel häufiger als es von dem klügsten Arzt erwartet wird, Genesung fast urplötzlich bringt.«
Er trat an das Bett der Kleinen, die in einer Art Halbschlummer lag. Dennhardt's Auge hing an des Arztes Mienen, und es entging ihm nicht, wie diese, trotz der Selbstbeherrschung des Mannes, einen sehr ernsten, bedenklichen Charakter annahmen.
»Das Kind ist krank ... sehr krank,« sprach er vom Bett zurücktretend in leisem Tone zu Dennhardt, welcher mit vor Aufregung laut hämmerndem Herzen dem Arzte gewissermaßen jedes Wort von den Lippen nahm, »indessen man darf noch nicht die Hoffnung aufgeben. Vor allen Dingen sorgen Sie dafür, daß die Arznei, welche ich verschreibe, rasch geholt wird.«
»Nicht alle Hoffnung aufgeben,« wiederholte Dennhardt mit erloschener Stimme und einem Blicke verzweifelter Seelenangst, »o, ich weiß, was diese Worte in dem Munde eines Arztes bedeuten.«
»Muth, Muth, Mann,« tröstete der Doctor, »und vor Allem die Arznei. Ich komme morgen mit dem Frühesten wieder, für außerordentliche Fälle wenden Sie sich an den Doctor Godin, der ganz in der Nähe, eine Viertelstunde von hier, auf seinem Landgute lebt. Er prakticirt zwar nicht mehr, aber hier wird er eine Ausnahme machen, ich will im Vorbeifahren selbst mit ihm sprechen. Gott stehe Ihnen bei, mein Freund!« Mit diesen Worten verabschiedete sich der Arzt.
In tödtlicher Spannung und Ungewißheit vergingen einige Tage. Täglich kam der Doctor und täglich wußte er für das von Todesqualen erfüllte Herz des Vaters keine andere Antwort, als die furchtbaren Worte: »Das Kind ist sehr krank ... indessen man darf die Hoffnung noch nicht aufgeben.«
Zehn entsetzlich peinvolle Tage und Nächte waren so dahingegangen. Dennhardt's Augen hatten sich während dieser Zeit auch nicht auf eine Minute zum Schlafe geschlossen. Eine alle Nerven und Fibern aufregende, gewöhnliche menschliche Kraft weit übersteigende Willensmacht erhielt ihn munter.
Er wich nicht einen Augenblick von Mimi's Bett, und sein Auge überwachte die geringste Bewegung des Kindes.
Es war in der elften Nacht ihrer Krankheit ... die Gewalt des Fiebers, welches gegen Abend nachgelassen, hatte sich eine Stunde vor Mitternacht wieder heftig gesteigert, der Puls flog in stürmischer Eile ... der Athem war kurz und beklommen ...
»Papa,« sagte plötzlich das Kind, welches während der Krankheit meist stumm und theilnahmlos gegen seine Umgebung sich verhalten hatte, »Papa ... ich kann gar nicht Luft bekommen.«
Es war des Kindes erste Klage, aber sie traf Dennhardt wie der Stoß eines glühenden Schwertes mitten in das Herz hinein!
»Meine gute, liebe Mimi,« sprach er mit halberstickter Stimme, die Kleine sanft emporrichtend und das Bett aufschüttelnd, »ich will Dir ein Kissen unterlegen, Du liegst so niedrig, dann wirst Du auch leichter athmen können.«
Aber er konnte es nicht verwehren, daß ihm zwei Thränen über die Wangen liefen, trotz seiner Anstrengung dem Kinde seinen Schmerz zu verbergen.
Die Kleine sah die Thränen.
»Nicht weinen, Papa,« sagte sie mit ihrer leisen, weichen Stimme und indem sie mit ihren glänzenden Augen aufmerksam ihres Papa's Züge betrachtete. Dann wendete sie sich auf die andere Seite und verfiel wieder in jenen dumpfen Halbschlummer, in welchem weder die Phantasie, noch der Körper ruht, und der nicht sowohl stärkend, als vielmehr erschöpfend wirkt.
Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften Erscheinungen und die Beklemmungen beim Athmen so, daß Dennhardt einen Boten nach dem Doctor Godin schickte.
Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das Kind geworfen, als er eilig nach Blutegeln verlangte.
Man holte sie beim Dorfbader und setzte der Kleinen, die Alles geduldig ertrug, drei der schwarzen häßlichen Thiere in die Nähe des Herzens.
Da wurde die Thüre geöffnet und die junge Lootsenfrau erschien weinend auf der Schwelle und bat den Doctor, von dessen Ankunft sie gehört, zu ihrem todtkranken Kinde, ihrer Lisette, zu kommen.
»Auf der Stelle komme ich,« entgegnete der menschenfreundliche alte Arzt, der längst der Praxis entsagt hatte und nur aus Humanität seine Dienste der leidenden Menschheit widmete, »ich werde gleich zurück sein, lieber Freund.«
Er ging und Dennhardt blieb allein mit der Mutter Poisson bei seinem Kinde zurück.
Es war eine dumpfe und schwüle Nacht. Ueber den Bergen wie über dem Meere hingen dunkle Wetterwolken, und am fernsten Horizonte, da wo Wasser und Himmel sich zu vermählen scheinen, leuchteten schon feurige Blitze. In der Stube brannte nur dieschwache Flamme einer mit einem grünen Schirm umgebenen Lampe, da das Kind sich vom Anfang der Krankheit an gegen den hellen Lichtschimmer empfindlich gezeigt hatte.
Kein Geräusch in dem Zimmer, als des Kindes rasche Athemzüge und das hörbare Hämmern und Klopfen des kleinen Herzens.
Dennhardt kämpfte vergebens gegen den Ausbruch eines Schmerzes, den er lange unterdrückt hatte, der aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in heißen Thränenströmen über seine Wangen fluthete.
Es war jenes stille Weinen einer kräftigen Männernatur, die unverzagt im Sturm und Wetter steht, die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen den äußern Feind schlägt, die aber weich wird wie eine Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das Herz greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reißt, an welchem es mit allen Fasern hing.
Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und Lust des Lebens hatte Dennhardt in seinem Kampfefür die großen Ideen der Freiheit verloren, es hatte ihn nicht erschüttern können, selbst die Trennung von Fanny hatte ihn kaum eine Thräne gekostet, denn sie hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehört das Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust seines Kindes, seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn mitten an seine Lebensnerven, er ließ ihn zusammenbrechen.
Schmerzliches, aber zugleich rührendes Beispiel der Hinfälligkeit menschlicher Kraft, der Ohnmacht menschlicher Größe, gegenüber dem Walten eines ewigen, allmächtigen Wesens, dessen Natur für uns unbegreiflich ist, das wir nur in seinen Schöpfungen ahnen können, dessen Macht aber jede Creatur anerkennen muß und stände sie auf der obersten Stufenleiter, auf der letzten Sprosse der Schöpfung, und wäre sie auch geschaffen nach dem Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens, mit der Gottähnlichkeit.
Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglücklichen Vater aus der dumpfen Betäubung, welcher dem Ausbruch seiner Thränen gefolgt war. Es war dieselbefrühere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige, welche sie laut werden ließ:
»Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.«
»O Gott, Gott!« seufzte der unglückliche Vater aus der Tiefe seines Herzens und sandte einen verzweifelten Blick zum Himmel empor, »von aller der Luft, welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht so viel, um athmen zu können.«
In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin aus dem Nachbarhause zurück.
»Saugen die Blutegel noch?« frug er schon unter der Thür.
Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende Wunde hatte, ohne daß Dennhardt in seinem Schmerze es bemerkt, die weißen Linnen des Bettes blutig gefärbt.
»Barmherziger Gott!« rief er mit halb erstickter Stimme, »was ist Das? ... das Kind verblutet sich.«
»Still,« sprach der Arzt mit einer ernsten Geberde, »wenn auch Das nicht zu befürchten ist, so muß die Blutung doch schnell gestillt werden.« Und erzog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor, mit welcher er rasch die blutende Wunde berührte.
Aber bei der ersten Berührung stieß das Kind einen so heftigen, durchdringenden Schrei aus, daß Dennhardt zusammenzuckend des Arztes Hand faßte und sie krampfhaft drückte.
»Papa ... Papa ... der alte Mann sticht mich,« schrie das Kind mit verwirrter, ängstlicher Geberde und abwehrenden Händen, »jag' ihn fort, Papa ... jag' ihn fort ...«
»Seien Sie ein Mann,« flüsterte der Arzt dem Erbleichenden zu, auf dessen Stirn Angsttropfen perlten, »es ist Nichts ... ein kurzer, vorübergehender Schmerz ... die Gefahr, welche durch den Blutverlust entsteht, ist nicht gering.« Und wieder versuchte er mit dem kleinen Stift der Spule die Wunde zu berühren.
»Mein süßer ... süßer Papa,« schrie die Kleine auf, sich angstvoll in dem Bettchen emporschnellend und die Arme nach ihrem Vater, der zu Häupten des Bettes stand, ausbreitend, »der böse Mann ... der böse Mann ... jag' ihn fort ... jag' ihn fort, Papa.«Und sie schlang ihre Händchen mit entsetzten Blicken um ihres Papa's Nacken.
Das Blut aber rann immer noch in kleinen Strömen aus der Wunde.
»Barmherziger Gott, Doctor, giebt es kein anderes Mittel die Blutung zu stillen?«
»Versuchen Sie es selbst,« sprach der Doctor tief bewegt, »hier ... nehmen Sie den Stift ... touchiren Sie.«
Mit zitternder Hand nahm Dennhardt die Spule mit dem Höllensteinstift und flüsterte mit bebender Stimme dem zitternden Kinde zu:
»Es ist Nichts, meine kleine süße Mimi. Du wirst auch bald wieder gesund und dann gehen wir zusammen.« Und er berührte die Wunde.
»Papa ... Papa ... Du stichst mich. Ach ... Papa.«
Der Stift entfiel seiner Hand.
»Ich kann nicht mehr ... Doctor ... O Gott, Gott!« Der Unglückliche wankte und wäre zu Boden gestürzt, wenn ihn der Arzt nicht aufrecht erhalten.
»Beruhigen Sie sich ... fassen Sie Muth,« raunte er dem Verzweifelten zu, »Ihre Hand traf sicherer als die meinige, die das Alter zitternd machte. Das Blut steht ... etwas Charpie aufgelegt, und wir haben Nichts weiter zu befürchten.«
Das Kind war indessen auch ruhiger geworden und schloß die Augen zu einem kurzen Schlummer, während Dennhardt todtmüde an Geist und Körper, blutend aus der tiefsten Herzenswunde, welche ihm der Schmerz dieser qualvollen Nacht geschlagen, auf seinen Sitz neben dem Bett zurücksank und lautlos vor sich hinstarrte.
»In zwei Tagen,« sagte der alte Doctor, von dem schmerzerfüllten Vater Abschied nehmend, »wird die Entscheidung eingetreten sein ... bis dahin, mein alter Freund, Geduld und Ruhe.«
Der Tag brach an, ein drückend heißer Augusttag ... die Gewitter der verflossenen Nacht hatten die Gluth nur wenig abzukühlen vermocht, die Sonne warf von dem wolkenlosen blauen Himmel sengendeStrahlen auf die Erde herab, die Luft stand still, nicht der leiseste Windhauch bewegte sie.
Trotz der herabgelassenen Gardinen, der geöffneten Thür, welche auf den kühlen Vorsaal des Hauses führte, und trotz der Sprengung mit Wasser und Essig herrschte in dem Zimmer, wo die kleine Kranke lag, doch eine schwüle Atmosphäre.
Mimi war eben wieder eingeschlummert, die alte Mutter Poisson saß mit rothgeweinten Augen am Bett des Kindes und scheuchte mit einem Baumzweig die zudringlichen Fliegen ab, welche das Haupt des Kindes umschwirrten.
Dennhardt war hinaus in den Garten gegangen, um einen Strauß Blumen zu brechen.
Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor sechs Jahren hatten ihre Augen zum ersten Mal das freundliche Licht der Sonne erblickt.
Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein hoher Festtag in dem kleinen Hause gefeiert worden; Dennhardt hatte stets an diesem Tage die Nachbarkinder zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswürdigerGravität die Honneurs als Wirthin gemacht und die Kinder mit Kuchen, Chocolade, Obst, Apfelwein und anderen Leckereien bewirthet.
Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen heute und dem Geburtstage voriges Jahr!
Damals blühend wie eine Rose, dahin flatternd in dem buntfarbigen Gewand, dem gelben Strohhute mit Blumen und Rosabändern wie ein Schmetterling, und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still und bleich wie eine geknickte Sommerblume, wie eine zarte Lilie, über welche der Sturm dahin gefahren ist.
Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume gesehen, ihre liebsten Gespielinnen, die stillen, bunten Blumen, mit denen sie so lieblich und verständig plauderte, als wären es beseelte Wesen, hatte sie entbehren müssen, weil der Arzt den Blumenduft für aufregend erklärt hatte.
Und seltsam! Die Kleine schien während dieser Tage der Krankheit ganz vergessen zu haben, daß es Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal danach verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihrenBilderbüchern oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag aber ohne Blumen vorübergehen zu lassen, Das vermochte Dennhardt nicht übers Herz zu bringen. Vielleicht wollte er sich auch, begreifliche Schwäche des menschlichen Herzens, selbst täuschen, wenn auch nur auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen, er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden, frohen Mimi, welche damit ihren kleinen Tisch schmücken wolle, um die kleinen Genossinnen der Kaffeegesellschaft festlich zu empfangen.
Es war ein großer prächtiger Strauß von Georginen, Rosen, Nelken, Astern und Reseda, den er gepflückt, und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte er sich der kleinen Zwiegespräche, die Mimi in dem Garten mit ihren stillen Blumenfreundinnen gehalten.
»Sieh, Papa,« hatte sie dann gesagt, wenn ein leichter Wind über die Beete hinsäuselte und die Blumen ihre Häupter bewegten, »sieh, Papa, meine Blumen antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und flüstern?!«
Er kehrte in das Haus zurück und in demselben Moment erwachte auch Mimi aus ihrem Halbschlummer. Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem Kinde entgegen.
»Ei!« rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend, mit ihrer silberhellen Stimme, deren lieblicher Klang sich während ihrer ganzen Krankheit nicht verändert hatte, »ei!« und wie ein heller goldener Freudenstrahl flog es über ihr blasses, leidendes Gesichtchen. Ihre matte, zitternde Hand vermochte die Blumen kaum zu halten; aber ihr Auge glänzte von einem Feuer, das zu schön, zu himmlisch war, um nicht zu verkünden, daß die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen Hülle gewohnt, sich schon ihrer Heimath wieder nahe fühlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der sie herabgestiegen auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne Zeit darüber hinzuflattern und dann wieder zurückzukehren in die Wohnungen des ewigen Lichts.
»Meine Mimi!« murmelte mit vor Thränen halb erstickter Stimme der zur Seite des Bettes knieende Vater.
»Mein Papa,« flüsterte das Kind, mit der Linken die Blumen gegen ihr kleines matt schlagendes Herz drückend, während sie den rechten Arm mit müder Geberde um den Nacken ihres Vaters schlang, gerade so wie in früheren gesunden Tagen, wenn er die müde Kleine auf der Heimkehr von dem Spaziergange in seine Arme nahm.
Niemand war in dem Gemach, als der Flüchtling und sein Kind, sein sterbendes Kind.
»Papa,« flüsterte die Kleine, nachdem sie eine Weile mit ihren in wunderbarem, verklärtem Glanze strahlenden Augen nach dem Fenster, welches nach der Gartenseite hin lag, geblickt, »Papa ... siehst Du den schönen Engel dort am Fenster, ach ... Papa ... wie schön er sieht ... viel, viel schöner als mein Weihnachtsengel ... siehst Du ... Papa ... jetzt winkt er mir ... ach! die vielen Engel ... sie fliegen durchs Fenster ... siehst Du? draußen im Garten.«
Dennhardt's Herz wollte brechen, aber mit einer fast wunderbar zu nennenden Kraft, welche in den schmerzlichsten Augenblicken des Lebens aus einerunsichtbaren Quelle uns zuzuströmen scheint, hielt er sich aufrecht.
»Meine gute ... liebe Mimi ...« murmelte er und bedeckte die bleiche Stirn des Kindes mit seinen Küssen.
»Ich will zu Hause gehen, Papa ...« und das Kind blickte mit ihren glänzenden Augen wie in eine weite, weite Ferne hinaus, an deren Ende sie ihre Wohnung erblickte, gerade so, wie sie es zuweilen wohl gethan, wenn sie mit ihrem Papa auf einem der Hügel von Morbihan stand und weit, weit unten im Thale das väterliche Haus mit dem kleinen Blumengarten erblickte, »ich will zu Hause gehen ... Papa ...« Das Köpfchen sank leise und matt auf das Kissen zurück, die Blumen entfielen der kleinen erkaltenden Hand, die schönen lieben Himmelsaugen öffneten sich noch einmal, aber schon wie umflort von einem dunklen Schleier, mit leiser ängstlicher Stimme rief sie: »Papa ... Papa ...« und schloß dann die Augen, deren letzter brechender Blick die Gestalt ihres Vaters gesucht, zum ewigen Schlummer.
Sanft und schmerzlos trat der Todesengel zu ihr; wie eine Flamme, die den letzten Tropfen Oel verzehrt, erlischt, langsam und still, so erlosch die Flamme dieses kurzen Blüthenlebens.
Die erkaltete Hand seines Kindes in der seinigen, das Haupt an der Schulter der kleinen Entschlafenen, stumm und regungslos kniete Dennhardt neben dem Sterbebette der kleinen Mimi.
Für den Schmerz eines Vater- und Mutterherzens in diesem Augenblick giebt es keine Worte der Schilderung; man müßte die Feder in Thränen und Herzblut tauchen.
Auf der Höhe der Düne, am Fuße eines kleinen Grabhügels, auf welchem sich ein einfaches Kreuz mit der Inschrift: »Hier ruhet mein Glück,« erhob, saß am Abend eines düsteren Septembertages, wenige Wochen nach jenem Augustmorgen, an welchem die kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag feierte, ein Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten Zügen. Es war der deutsche FlüchtlingWalther Dennhardt, der hier am Grabe seines Kindes saß und hinüberstarrte auf das Meer, das sich vor seinen Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos wie die Ewigkeit.
»Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit?« frug er sich, »eine Ewigkeit für das geschaffene Individuum, für die Creatur, die mit Bewußtsein über die Erde wanderte, bis das ewige, uralte Geheimniß des Todes an sie herantrat und den Leib in Staub zerfallen ließ, den Leib, die Wohnung eines ewigen, unzerstörbaren Geistes, der nur die Hülle wechselt, oder welcher der Mensch selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze Dasein endigt? O dieses Räthsel des Lebens! Wer es lösen könnte, wer das Siegel von der Pforte nehmen könnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!«
Aber wie er auch sann und sann, und grübelte und grübelte, es war Alles eitel, Alles vergeblich – kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterniß, welche die Schatten des Todes erzeugt hatten.
In früheren schönen Tagen, wo noch für ihn die Quelle des Lebens in freudigem Sprudel hervorsprang,hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise vertrauter Freunde über diese Räthsel des Lebens gesprochen und eine Lösung dieser Fragen, über welche Tausende im Taumel der Alltäglichkeit hinweg schlüpfen, ohne je darüber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese Räthsel der Schöpfung nie so sehr in der Seele gebrannt, nie hatte er so sehr das Bedürfniß nach einer Lösung empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger des Todes an seine Thür pochte und das Leben seiner Mimi von ihm forderte.
Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte seine Mimi aufgehört zu sein, gab es für ihn keine Hoffnung sein Kind einst in verklärter Gestalt wiederzufinden, dann war ihm die ganze Schöpfung eine große Lüge, die Welt ein Todtenhaus, durch welches ewig der bleiche Würgengel schreitet; dann war ihm die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der grimmigste Hohn, die grausamste Ausgeburt eines fluchwürdigen Zufalls der Natur.
In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem Dennhardt über den Zustand seiner Seele, über diese entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, hätte sprechen können.
Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit seinen streng auf den Dogmen der katholischen Kirche beruhenden Ansichten viel zu fern, als daß zwischen ihnen Anknüpfungs- oder nur Berührungspunkte hätten vorhanden sein können.
Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume nur die Moral in sich aufgenommen, die Glaubenslehre war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm unbekannt und fremd erschien, eineterra incognita, deren Bedeutung er erst begriff, als das furchtbarste Verhängniß seines Lebens sich erfüllte, als ihm seine Mimi von der kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer fast wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche sich auf jenes große Räthsel des Lebens, auf dieses uralte Geheimniß des Todes bezogen, jenes Geheimniß, an dessen Lösung die Menschheit schon seit Jahrtausenden arbeitet, und das sie niemals enthüllenwird, dessen Schleier von keiner sterblichen Hand gelüftet werden wird.
Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen, von Aristoteles an bis herab zu Hegel, Strauß und Feuerbach, da erkannte er, daß es eine unübersteigliche Grenze für die menschliche Erkenntniß gebe, daß das letzte Blatt im Buche des Lebens, das Blatt, auf welchem die Geheimnisse des Todes verzeichnet stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von den Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lösen gesucht wurde.
Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes auf der Düne, zu dem kleinen Grabe, für welches der fanatische Priester keinen Platz innerhalb des Kirchhofs hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines Ketzers war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhügel nieder und weinte heiße, blutige Thränen, und sprach mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der er allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn.
Wenn dann der Wind vom Meer herüber wehte und durch die Zweige des kleinen Tannenbaumes, welchener auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich flüsternd bewegten, dann glaubte er, es sei die kleine Mimi, welche ihm antwortete.
Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er täglich gegen Sonnenuntergang antrat, mochte das Wetter auch noch so stürmisch sein, war sein einziger Ausgang. Weder in Vannes, noch in dem Dorfe ließ er sich sonst sehen.
Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte, forderte ihn vergebens auf, einmal mit nach Vannes zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den Trübsinn abzuschütteln, der ihn tagtäglich immer mehr gefangen nahm.