2mSchottisch.

2mSchottisch.

Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. – Na, freust du dich nicht?«

Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist denn der Herr?«

»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun mitmachtest!«

Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht still und ruhig zur Tür hinaus.

Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«

»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du recht!«

Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke. Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch ein.

Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen.

Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin macht ein erstauntes Gesicht.

»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist die Kleine hier!«

»Was soll es denn für Stoff sein?«

»Ich weiß nicht, aber meine Tante – solches hier! Bunt kariert!«

»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«

Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine – meine –« stottert er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!«

»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches hier!« –

Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter abschneiden?«

»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2mSchottisch!« – Er hat außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und freudig gehen sie nach Hause.

»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«

Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,« ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die Partie!«

»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«

»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch nicht! Nein, das geht wirklich nicht!«

»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.«

Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt – denn sie muß in der Küche noch waschen – sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur? Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft? Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück abgeschnitten ist!« –

Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. – – –

Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.

Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum. Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der Herr Lehrer!«

Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Erlegt das Buch hin und fragt das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?«

Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld! So! Und –«

»Du, Lenchen,« – Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen Plappermäulchen hingetreten – »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?«

Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du sollst doch mitmachen!«

»Das war ein Lehrer?«

»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem Tüchelchen am kleinen Bruder herum.

»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«

Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das Geld für dich gegeben!«

Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«

Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich gegeben! Was machen wir denn nun?«

Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht ihm ängstlich ins Gesicht.»Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat dir das Geld gegeben!«

»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld geben, Ernst. Aber …«

»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus.

Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein!

Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht schlecht. – – –


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