Aufregung von Anfang bis zu Ende.
Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen. Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt und taprig sind wie die jungen Puten.
An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.
Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen vor, und – wie kam das? – auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach. Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim Köckeritz.
Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht Herzschlag? –
Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede Muskel ist gelähmt.
Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«
»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«
»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!«
»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der allerbravste von allen! – So, und nun, meine Herrschaften, alle noch mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal hinauszusetzen!«
So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen ein Paar Hosen von mir!« – – –
Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt. Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte Gebhardt uns doch photographieren!«
»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!«
Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers erzählt da Doktor Fuchs.
Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt. Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt auf einen Augenblick wieder das Interesse.
Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder dicht zusammen.
»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich, sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht haben!« – – –
Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die sind unter der Obhut der wackernHausfrau gut aufgehoben; sie sind dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon schmecken lassen.
So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor, Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«
»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!«
So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.
Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu. Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.
Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden. Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und demkleinen Gebhardt im Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der hört ihn gewöhnlich gar nicht.
»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?«
Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus ’n bißken in der Havel angeln!«
Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken, Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«
Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«
»Du, halt die Luft an!«
Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.
»Und Fritze Köhn kann sich –«
»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!«
»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? – Ich will neben Sie!« –
»Du!« – Die Rauferei soll wieder losgehen. – »Du läufst schon die ganze Zeit neben ihm. Ich –«
»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig dazwischen.
Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick! – Danke! Herr Doktor, darf ich schnell nocheineAufnahme machen?«
Das ist im Handumdrehen geschehen.
Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« – – –
So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken zurückzukehren. – – –