Beim Kaffeetrinken.

Beim Kaffeetrinken.

Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten müssen.

Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der Hochachtung!«

Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?«

»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«

Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja, seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« –

Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegendenzöge er doch den kürzern. – – –

»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß du da nicht an!« – Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne herum und gießt den Kaffee ein. – »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«

Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen desDr.Herrn Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen mißtest deeijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]«

[13]kriegst.

[13]kriegst.

[13]kriegst.

Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. –

Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu können.

»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich! Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« –

So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit, Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen.

»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee, den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14]

[14]sehr stark.

[14]sehr stark.

[14]sehr stark.

»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«

»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird furchtbar leicht brejenklietrig!«[15]–

[15]verrückt.

[15]verrückt.

[15]verrückt.

Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt.

»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n Nappkuchen mit zur Schule geben!«

»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt zum Trost das größte Stück!«

Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich mich sicher totkorrigieren!«

Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!«

»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen wir schließlich auch so!«

Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein Extemporale mehr schreiben!« –

»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee ge–ge–geschmissen!«

»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn –«

»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.

Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so wat lebt nich und zappelt noch!«

»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!«

»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die Fliege angesungen!«

»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!«

»Na ja,« – der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben – »da ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee gefallen!«

Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!«

Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die kleine Fischerin gesungen:

›Flieje du, du jroße!Fall nich in de Sooße!Fall nich in den Kaffeetopp,sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«

›Flieje du, du jroße!Fall nich in de Sooße!Fall nich in den Kaffeetopp,sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«

›Flieje du, du jroße!Fall nich in de Sooße!Fall nich in den Kaffeetopp,sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«

›Flieje du, du jroße!

Fall nich in de Sooße!

Fall nich in den Kaffeetopp,

sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«

Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!«

Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen Quasselfritze!« –

Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer Aufmerksamkeit lauscht.

»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«

»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe noch nie ’n Arzt gebraucht!«

»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«

»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt – jetzt ist sie tot! – die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so gestorben!« – – –

Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht: »Obgleich es der dicke Puntz schon vormir getan hat, muß ich die Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!«

Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«

»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich in Bier!« – – –

Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof Wannsee rüsten muß.


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