Heimkehr.

Heimkehr.

Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte.

Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum Tunnel hinunterführt.

»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!«

Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?«

»Noch nicht! Abwarten!« –

Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen.

»Nee! Noch nich!«

»Warum denn nicht?«

»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«

»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!«

»Halt!« – Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. – »Wir stehen doch alle noch da drüben!«

»Au, Mensch, bist du verrückt?«

»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium aller derer, die das mit angesehen haben.

»Ja, aber – aber –« – damit rappelt sich der dumme Peter wieder auf – »warum fahren wir denn nicht mit dem Zug?« – Er sieht die andern Jungen und tritt schnell zu ihnen hinüber.

»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs bedächtig. »Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam und ist jedenfalls schon leidlich voll. Eigentlich aber müßte ich jeden von euch in einen Wagen besonders stecken; da das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle zusammen in einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mitandern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte ich mir aus, daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz Radau macht. Kommt’s zum Streit und zur Beschwerde, so habtihrimmer unrecht, und das Publikum kriegt Recht! Merkt euch das!«

»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!«

»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« –

Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat Zeit, seine Jungen unterzubringen. Aber diese Jungen, die eben noch sanft wie die Lämmer auf dem Bahnsteig standen, die sind auf einmal wie die Wilden, als sich die Wagentür vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein Konzert an!

Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert und schaudernd an dem Wagen vorüber.

»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten Abteil wie ein Rasender herum. »Immer feste! Dann kommt keiner mehr rein!«

Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her vor. »Donnerwetter, Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt und wir sind in Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr wollt. Wo ist unser Feldwebel?«

»Hier!« – Aus der einen Ecke taucht Doef empor.

»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!«

Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. Schließlich aber sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« sagt, dann – weiß Doktor Fuchs – kann er sich auf ihn verlassen; denn schon muß er wieder fort, da eben hinten der Spektakel von neuem angeht. –

»Du, Doofkopp!«[16]nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das Wort. »Haste’t jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns also ruhig ’n bißken Radau machen lassen!«

[16]Doof = taub, dumm.

[16]Doof = taub, dumm.

[16]Doof = taub, dumm.

Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich schweren Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!«

Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. Und als jetzt einer vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber den Doef raus!« da sind alle dabei und fassen zu.

Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft ihres Feldwebels ganz elend unterschätzt. Im nächsten Augenblick sind die neun Jungen, die doch eben noch vor ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden, ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem es stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis auf einmal diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen und Dröhnen ein paar Tertianer an die Seitenwände und auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt sich aus der Flut empor wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf seinen Beinen.

Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil heran. »Gott im Himmel! Hier ist wohl Mord und Totschlag? Was ist denn los?«

Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem Fenster zunächst. »Wat hier los is? Meine Hosendräjer sint los! Weiter nischt!«

Auch den Doktor Fuchs hat der Lärm angezogen. »Donnerwetter, Jungs, was macht ihr denn nun schon wieder?«

Der dicke Puntz rappelt sich eben erst noch hoch. »Der – der – Doef, der macht ’n wilden Mann!«

Der also Angeschuldigte hat sich jetzt auch so weit erholt. »Ja,« verteidigt er sich, »ich – ich wollte es mit Maßen und die nicht!«

Da muß Doktor Fuchs doch auch lachen. Dann aber entscheidet er kurz: »Wir wollen mal den Ring hier sprengen. Fritze Köhn und du, ihr geht ganz nach hinten! Puntz und Zeidler in den Abteil zu Ehrenfried! Du und du nebenan! Doef bleibt mit euch beiden hier!«

Andere Gäste ziehen für die Ausgewiesenen ein; als sich aber jetzt der Zug in Bewegung setzt, geht der Krawall von neuem los. Doktor Fuchs indessen sagt vorläufig nichts dazu, bis sich nach wenigen Minuten die Fahrgeschwindigkeit wieder verlangsamt. Da erst schreitet er die ganze Länge des Wagens ab und bedeutet den Jungen: »Nikolassee jetzt! Also Ruhe im Saal!«

»Jroßmutter will danzen!« flüstert Fritze Köhn dazu.

Ja, schön! Man hält sich ruhig! Aber dafür fängt man an zu kichern und zu lachen. Weshalb? Warum? Worüber? Wenn die Jungendassagen könnten! Man legt sich zurück; man legt sich vor; man fällt auf den Nachbar nach links oder rechts; man quetscht sich schnell mal unter die kleine Reihe auf der andern Bank, trotzdem die gegenüberliegende ganz leer ist. Und dabei lacht man und lacht und lacht wieder, bis sich der Zug von neuem in Bewegung setzt und man zu denen ans Fenster stürzt, die da inzwischen Schmiere gestanden hatten, daß keiner mehr hereinkam. –

Am schlimmsten dran war jetzt Fritze Köhn, den Doktor Fuchs selber zu sich genommen hatte. Der Junge saß da wie versteinert; er sah zum Fenster hinaus und tat, als wenn er gar nicht hörte, daß der kleine Achim Köckeritz vonseinem Hund zu Hause erzählte, wie der einmal ein ganzes Pfund Butter aufgefressen hatte.

»Na, Fritze,« wendet sich da der Achim an seinen schweigsamen Nachbar, »du hast wohl gar nicht gehört, was ich erzählt habe?«

»Doch,« wendet sich der Fritze Köhn zu ihm um und antwortet mit dem ernsthaftesten und bärbeißigsten Gesicht, »lange nich so jelacht! Weißt du aber auch, wie Lack dekliniert wird?«

»Na freilich!« sagt der kleine Köckeritz schnell und doch etwas schwankend, da er dem Spaßvogel nicht recht traut.

»Na, mache mal!«

»Der Lack, des Lacks, dem Lack –«

»Na, siehste woll!Demlack![17]Det stimmt janz jenau!«

[17]Demlack = Dummkopf.

[17]Demlack = Dummkopf.

[17]Demlack = Dummkopf.

Da müssen die andern alle mächtig losprusten; auch Doktor Fuchs lacht den reingefallenen kleinen Köckeritz aus. Er sogar nicht zum wenigsten. – – –

Der dicke Puntz in seinem Abteil hatte sich schließlich in einer Ecke recht häuslich eingerichtet; ja, er tat sogar so, als wollte er ein Schläfchen riskieren. Er hätte auch gar nicht nötig gehabt, zu seinem Nachbar zu sagen: »Du, höre mal, du kannst mich auf Bahnhof Friedrich Straße wecken!« Die andern besorgten das gründlich genug und nicht erst auf Bahnhof Friedrich Straße, sondern auf jeder Station vorher. Und deren Reihe war lang. –

Als dann der Dicke zu Hause so ungefähr seinen Appetit gestillt und sich auf das Sofa hatte fallen lassen, um seine Erlebnisse bequemer zu erzählen, da schlief er doch immer schon halb dabei ein.

»Es war sehr fein!« lallte er. »Dieses Quecksilber, den Köckeritz, den hat Fuchs aus dem Wasser geholt! – Aber eigentlich war’s Ehrenfried!«

»Was?« – Vater und Mutter rücken dem Jungen näher. – »Wen hat er aus dem Wasser geholt?«

»Ja, die dachten vielleicht – ich war – eine Blattlaus! Aber – ich –«

»Wie? – Was? – Junge, du schläfst ja schon!«

»Ja! Seine Hosen – waren auf – Vater Ehreckes – Schmerbauch – eingerichtet, und den haben – sie dann in die Brennesseln – gesetzt – und –«

»Wen? Was?« – Alles um den Jungen herum lacht laut auf. – »Den Schmerbauch?«

Der Dicke antwortet nicht mehr: er ist in die Ecke des Sofas zurückgesunken und – schläft. – – –

Doktor Fuchs war mit bis zum Lehrter Bahnhof gefahren, um erst den Achim Köckeritz und dann den Ernst Ehrenfried persönlich abzuliefern. Dem letzteren öffnete seine mutige Tat draußen an der Fähre zur Pfaueninsel bald das Haus des Herrn Köckeritz. Glück auf, du wackerer Ernst Ehrenfried! Jetzt ist für dich die Bahn frei, dein Leben zu bauen und deinen Verwandten, die sich deiner in der höchsten Not so edel angenommen haben, einst mehr zu helfen, als nur mit »2mSchottisch!« –

Einen aber gab es, der sagte aus vollstem Herzen: »Gott sei Dank!« als er endlich wieder in seinen vier Pfählen war und nach diesem anstrengenden Tage gleichfalls sein Haupt zur Ruhe legen konnte. – – –


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