Blattlaushumor.

Blattlaushumor.

Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«

»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den Dicken zum Trinken?«

Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee.

»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem Schuß was drin.«

»Aber,« – Doktor Fuchs sieht nach der Uhr – »wenn ihr wollt, Jungs, dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit können wir dransetzen.«

»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!«

»Wir wollen abstimmen!«

Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum, so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt. Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an.

»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das, Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?«

Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«

»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« – Doktor Fuchs schaut umher. – »Da unter dem Baum liegen wir im Schatten!«

So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte weiter; da lagern sie sich.

»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«

»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur zum Baden!«

»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«

»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?«

»Doch!«

»Na, warum lachst du denn?«

Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«

»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!«

Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß gefragt, ob er den größten Automaten kennt!«

»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«

»Nein, nein! Kennen wir nicht!«

»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!«

Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß auch was!«

»Na, dann gib’s zum besten!«

»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ – ›Ja,‹ sagt er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehenwill, soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹«

Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen sitzt heute so locker!

Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen! Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit – denn er ist in großer Verlegenheit! Man sieht es ihm an! – in seiner Verlegenheit glotzt er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar nichts zu sehen ist. Und trotzdem er – nun schon eine geschlagene Minute lang – noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber des ganzen Aufstandes.

Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?« – »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« – »Warum lacht ihr denn? Mensch antworte doch!« – »Lache doch nicht so!« – »Warum lachst du denn?«

So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den Dicken wendet. Der tut ja zwar auchganz sonderbar, aber immerhin scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen Gesellschaft zu sein.

»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da alle miteinander?«

Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da – habe ich – da bin ich –«

Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich – ich – ich –«

»Ja« – jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt – »Herr Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell geplatzt!«

Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu sehr gekitzelt!«

Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los.

Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf. »Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum wachsen!«

Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar selber wieder mit.

EinGutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. – – –


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