Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.

Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.

So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.

Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns. Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah, Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung!Voilà des fortifications! Un fort! Un fort!‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur die Wasserwerke sind.«

»Ja« – Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau hinüber, der mit Erde bedecktist, so daß er in der Tat von der Bahn aus kaum zu sehen sein wird – »ja, das Ding sieht allerdings Kasematten nicht ganz unähnlich.«

Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher, frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten. Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.

Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu, die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen Wannsees« herüber, unddas staunende Auge kann es kaum fassen, dieses lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so verrufenen Brandenburger Landes. –

»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« – Dem Dicken wird es so eigen im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen vorübergleiten läßt.

Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen, wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte. Während das starre Eisenauge früher nach Süden – nach Deutschland herüber – schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. –

Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief unten herum und an den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigenBuchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran.

Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die beste Stimmung zu versetzen.

Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei das Ränzel ab; man kramt darin herum und – läßt auf einmal alles stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner nämlich.

»Put! Put! Put!«

Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas ergattern können. Aber die Jungen wollen geradealleHühner haben; denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger, sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt dasauch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts.

Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,« meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! – Aber das ist doch ein windiger Bruder!«

»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?«

Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner, die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring durch.«

Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter: »Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den Ring auf die rechte Pfote?«

»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das linke aus!«

Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!«

»Na« – jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe – »nein, Jungens, nun seht mal her!« – Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche heraus. – »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses Jahr. – Seht ihr? – Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr ist!«

Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!«

Exest colloquium.Es war doch wohl ein strammer Marsch von den Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. –

Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. – – –


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