Sonnabend:Ferien.
Als der dicke Puntz am andern Morgen erwachte und instinktiv nach der Uhr griff, war es acht.
»Donnerwetter ja!« – Ein blasser Schrecken durchzuckte den Jungen; doch ebenso schnell war die Erlösung da: »Ach, es sind ja Ferien!«
Mit welcher Wonne sich da der Dicke auf das Kissen zurückfallen ließ! Ja, diese Wonne mußte man fühlen! Er fühlte sie;erdurchkostete sie; ererhöhtesie sich dadurch, daß er noch einmal an die Partie von gestern dachte und an die Pfingstferien, die nun kommen sollten oder doch schon da waren. Er überlegte schließlich, ob er jetzt im Bette liegen bleiben und etwas lesen oder lieber aufstehen sollte, um so die Ferien mit noch größerem Bewußtsein und mit noch größerem Behagen zu genießen.
IndemAugenblicke fiel gerade unter seinem Fenster ein erster Schlag und Bums! Und wieder Bums und Schlag! Und Bums um Schlag! Und Schlag um Bums!
»So eine Gemeinheit! Mamaaaaa!« –
Schon war auch die Mama da. »Was ist denn los, Junge?«
»Mama, die klopfen ja Teppiche! Heute zum Sonnabend?«
»Ja, das ist so, mein Jungchen! In der Woche vor dem Fest darf an jedem Tage geklopft werden!«
»Auch schon so früh?«
»So früh? Es ist ja beinahe halb neun! Steh auf und mache etwas schnell dabei!« –
Der Dicke war eine gutmütige Haut: so bequemte er sich also wirklich dazu. Und ein halbes Stündchen später – heute ließ er sich mehr Zeit als sonst! – saß er am Frühstückstisch.
»Na, wie war’s denn nun gestern? Gestern abend nämlich hast du nur Unsinn geredet!«
»Ich? Unsinn? Wann denn?«
Die Mutter setzte ein so fröhliches Lachen dieser Frage entgegen und wiederholte nur: »Na, wie war’s denn?«
»Ach, einfach wunderbar, Mama! So nach und nach werde ich euch mal die ganze Partie erzählen! Wenn Papa auch dabei sein kann!«
»Na, schön!« lächelte die Mutter gutmütig. »Aber dann werde ich mich wohl bis nach den Feiertagen gedulden müssen; denn morgen und übermorgen fahren wir alle zu Onkel Fritz nach Fürsten–. Na nu? Was ist denn los, Junge?«
Der Dicke hat die Schrippe, die er sich eben streichen wollte, hingeworfen und verübt jetzt einen tollen Schunkelwalzer, so daß die Mutter erschrocken dazwischenfahren muß: »Junge, die unten! Die müssen ja denken, die Decke kommt runter!«
»Ach, Mama, laß doch! Fritze Köhn würde sagen: ›Ick frei mir nur so!‹ Wann fahren wir denn weg, Mama?«
»Na, morgen ganz früh! Papa läßt dir sagen, du sollst heute vormittag noch gleich deine Schularbeiten machen!«
»Mama!« – Das Gesicht des Jungen strahlt, als hätte er die Butter nicht auf seine Schrippe, sondern auf seine Pausbacken geschmiert. – »Mama! Wir haben jagarnichts auf! Das war überhaupt die feinste Woche, die ich in meinem Leben erlebt habe! Wirklich die allerfeinste! Und nun noch die Ferien dazu!«
»Ja, was aber nun?«
»Ach, laß nur, Mama! Ich werde schon wissen, was sich heute noch machen läßt!«
»Du kannst auch immerhin mal ein bißchen so arbeiten oder repetieren!«
»Aber, Mama! Ich werde doch nicht die ganze, schöne Woche so verrungenieren! Ich weiß ja schon, Mama! Aber ich meinte nur, so würde Fritze Köhn sagen. Ach, es ist doch zu schön!« – Der Dicke griff dabei nach der dritten Schrippe. – »Aber halt! Mama, was meinst du? Bin ich gesund? Ist mir die Partie von gestern bekommen? Sage es mal ganz offen und ehrlich! Ich muß es wissen!«
Was für Augen da die Mutter machte! »Ob du gesund bist? Na, ich hoffe doch! Junge, wie kommst du denn überhaupt auf eine solche Frage?«
»Ja, wer heute nicht gesund ist, oder wem die Partie von gestern nicht bekommen ist, der soll gleich dem Doktor Fuchs eine Postkarte schreiben. Das brauche ich also nicht! Das ist jedenfalls nur für Ehrenfried und Köckeritz!«
Jetzt aber mußte die Mutter wirklich aus vollem Halse lachen: »Dubrauchst nicht zu schreiben, Dicker! Oder du müßtest gerade schreiben, daß du einen fürchterlichen Appetit entwickelst!«
»Na,« kaute der Dicke eben noch an seiner drittenSchrippe, »ich höre jetzt schon auf. Aber ich kann ja gleich noch frühstücken, ehe ich zu Zeidler gehe!« –
Das tat er denn auch. – – –
Ja, ja! Goethe war ja wohl ein großer Menschenkenner! Hätte er aber einen modernen Tertianer gekannt und zum Beispiel den dicken Puntz nach dieser »feinen Woche« gesehen, er hätte sich dann sicherlich selber verbessert und geschrieben:
»Alles in der Welt läßt sich ertragen,sogareine Reihe von schönen Tagen!«
»Alles in der Welt läßt sich ertragen,sogareine Reihe von schönen Tagen!«
»Alles in der Welt läßt sich ertragen,sogareine Reihe von schönen Tagen!«
»Alles in der Welt läßt sich ertragen,
sogareine Reihe von schönen Tagen!«