Ich werde sehen, was sie zu begreifen und später nützlich zu verwerten vermögen. Das ist mein Plan und mein unumstößlicher Entschluß. Wo ich in Ehren mir Erleichterungen verschaffen kann—Erleichterungen, die man Unbemittelten in den Schulen durch Stipendien in ähnlichen Fällen gewährt, werde ich sie suchen. Komme ich in die Lage, ein Darlehen zu nehmen, so werde ich das als ein Geschäft betrachten—kurz, Tibet, ich gehe meinen eigenen geraden Weg, und nichts, nichts wird mich davon zurückbringen oder abhalten!“
„Gewiß, gewiß, Frau Gräfin,“ bestätigte Tibet einlenkend und voll Staunens. War das dieselbe Frau, die er seit so vielen Jahren in fast hilfloser Weise sich hatte bewegen sehen, die immer wie ein unerfahrenes, von jedem Impuls getriebenes Wesen gehandelt, die selbst einem Teut seiner Zeit das um ihrer Kinder willen abgebettelt, was sie doch als recht und vernünftig erkannt hatte!?
Er machte, von der Entschiedenheit ihres Wesens betroffen, auch fernerhin keinen Einwand mehr, verneigte sich nur stumm und bat, ihn wegen der Reisevorbereitungen zu entlassen.—
Die Nachwirkung der vorhergegangenen Aufregung trat erst später bei Ange ein. Zunächst hielt sie noch die Sehnsucht nach den Kindern, dann die freudige Erwartung des Wiedersehens aufrecht.
Als der Zug sich am Tage der Rückkehr C. näherte, als Ange sich vorstellte, alle ihre Lieblinge am Bahnhofe wiederzusehen, klopfte ihr das Herz so gewaltig, daß ihr fast der Atem stockte: und als endlich das Ziel erreicht war, als die Kinder ihre Händchen ausstreckten und sie beim Aussteigen küssend und jubelnd umringten, da erschien Ange alles, was vorgegangen, geringfügig gegen diesen Augenblick des Glücks.
* * * * *
Ange hatte bereits auf der Rückfahrt noch einmal mit Tibet überlegt, welche Schritte für die Zukunft einzuschlagen seien. Sie blieb dabei, ihren Haushalt aufzulösen und C. zu verlassen; Tibet sollte nicht nur mit dem Besitzer der Villa wegen einer früheren Auflösung des Mietvertrages sprechen, sondern auch die Dienerschaft sofort entlassen. Das sämtliche entbehrliche Mobiliar, Pferde und Wagen, alle Kunst- und Luxusgegenstände wollte Ange veräußern und sich mit dem Erlös aus diesen und anderen zu verkaufenden Gegenständen in eine kleine Stadt zurückziehen. Über den Ort hatte sie sich noch nicht schlüssig gemacht. Jeder Tag, an welchem der kostspielige Haushalt fortdauerte, schmälerte das Kapital, das Ange unter Berücksichtigung der noch zu lösenden Verpflichtungen endlich verbleiben konnte.
Eine Stütze fand sie in dem Polizeimeister von C., dem sie gleich nach ihrer Rückkehr einen Besuch machte, um ihm für seine erfolgreiche Hilfe zu danken. Er riet ihr, vor der öffentlichen Veräußerung der Einrichtung abzurufen, und versprach, mit Rat und That beizustehen. Auch überlegte er in einer längeren Unterredung mit ihr den Wohnort und gab Ange Ratschläge, die ihr bei ihrer Unerfahrenheit von großem Nutzen waren.
Anges Entschlüsse wurden auch nicht erschüttert, als nun an einem Morgen endlich zwei Briefe einliefen, von denen einer von Teut selbst mit zitternder Hand geschrieben war und die Worte enthielt: „Heute nur mein innigstes Beileid, liebe Ange; Carlos' Tod hat mich aufs tiefste ergriffen. Ich bin voll Sorge daß ich nicht jetzt bei Ihnen sein kann, um Sie zu trösten und Ihnen helfend zur Seite zu stehen. Aber ich liege schwerverwundet darnieder und—“
Hier brach das Schreiben ab, dem nur noch ein undeutliches A.v.T. später hinzugefügt war.
Der zweite Brief, der von Teuts Diener Jamp abgefaßt und einige Tage später abgesandt war, teilte im Auftrage des Herrn Rittmeisters mit, daß die Geschäftsangelegenheiten geordnet werden würden, daß der Herr Rittmeister neuerdings einen Rückfall gehabt habe, daß der Herr Rittmeister den Kindern Grüße sende und daß der Herr Rittmeister ausführlicher schreiben werde, sobald er nur wieder bei Kräften sei.
Ja, einige Tage später kam noch ein Schreiben, das folgendermaßen lautete:
„Frau Gräfin werden verzeihen, wenn ich nochmals schreibe, indem Herr Rittmeister neulich stark phantasierten, und sollte ich heute Frau Gräfin schreiben, daß ich nach Herrn Rittmeisters Verwalter geschrieben hätte, alles für Frau Gräfin auf Schloß Eder in Bereitschaft zu setzen, und Frau Gräfin so gut sein möchten, dahin abzureisen, aber Herrn Verwalter vorher in ergebende Kenntnis zu setzen, wann Frau Gräfin einträfen.
Herr Rittmeister raten Frau Gräfin nichts zu unternehmen, zu thun, bisHerr Rittmeister wieder gesund sind, aber bald abzureisen.
In Ehrerbietung und Gehorsamkeit
Jamp.“
Als Ange diesen Brief gelesen hatte, überwältigte sie ihr Gefühl; Teilnahme und Rührung kämpften in ihrem Inneren. „Ich wußte es ja, ich wußte es ja,“ murmelte sie, „Du unvergleichlicher Freund würdest meiner gedenken, selbst in eigener Not. Im größten Körperschmerz, im Fieber, vielleicht nur auf Minuten mit klarem Bewußtsein, hattest Du Gedanken für mich und rafftest Dich um meinetwillen auf. O, Du Trefflicher, Unvergleichlicher!“
Und nun drängte Tibet noch einmal, Teuts Rat zu befolgen, nichts zu verkaufen, nur die Dienerschaft zu entlassen und höchstens die überflüssigen Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände bis auf spätere Entscheidung zu verpacken und beiseite zu stellen.
Aber Ange Clairefort hatte zu Furchtbares erfahren, um noch an äußerenDingen zu hängen.
Nicht nur die einschneidenden Gegensätze: die Gefahren des Reichtums, des sorglosen Genießens, die Wandelbarkeit des Glückes, die Vereinsamung, die den Unglücklichen trifft, hafteten in ihrem Inneren—auch der Adel ihrer Gesinnung widersetzte sich, heute noch etwas anderes zu scheinen, als sie war. Sie wußte ja, was sie besaß, und die Ehre gebot, fortan alles abzuweisen, was Luxus und Wohlleben hieß.
„Kommt, Kinder,“ sagte sie an demselben Abend zu ihren Kleinen, die sie umringten und die sie heute bei der Erinnerung an frühere Zeiten: an Carlos' Tod und Teuts schwere Krankheit in ihrer überströmenden Empfindung so oft, und scheinbar ohne Anlaß an die Brust gedrückt hatte. „Bevor ihr einschlaft, faltet die Hände und betet recht inbrünstig zum lieben Gott, daß er Onkel Axel bald gesund machen möge. Er ist im Kriege verwundet, liegt gefährlich krank und bedarf Eurer kindlichen Fürbitte.“
* * * * *
Einige Tage nach der Frankfurter Reise saß Tibet um die Abendzeit eifrig schreibend in seinem Zimmer. Man hätte ihn auf den ersten Blick kaum wiedererkannt. In dem Hausrock, welchen er gegen den schwarzen Frack vertauscht hatte, den er allezeit zu tragen pflegte, wirkte seine Erscheinung ganz fremdartig.
Aber die peinliche Ordnung in dem wohnlichen Gemach stand im Einklang zu dem bedächtig arbeitenden Manne mit dem hageren glatten Gesicht, in dem sich Ernst und Nachdenken spiegelten. Langsam, oft innehaltend und überlegend, schrieb er nieder, was durch seine Gedanken ging.
Als er seine Arbeit beendet hatte, waren es viele Stunden nach Mitternacht geworden. Nun las er noch einmal den Brief durch, und fügte hier und dort ein Tüttelchen und ein fehlendes Komma hinzu. Das lange, sorgfältig verfaßte Schreiben war an Teut gerichtet und lautete in überraschend glatter Form, wie folgt:
„Hochzuverehrender Herr Baron!
Ihrem Befehl und meiner Zusage entsprechend, verfehle ich nicht, Ihnen heute Nachgehendes ganz gehorsamst zu melden:
Ich sende voraus, daß mich unliebsame Zwischenfälle und Abhaltungen zögern ließen, Ihnen früher Bericht zu erstatten. Ich fürchte, und noch jetzt stehe ich unter diesem Eindruck, daß Ihnen entweder mein Schreiben vorenthalten werden würde oder daß sein Inhalt Ihnen eine schädliche Aufregung bringen könnte.
Ich muß aber mein Bedenken niederschlagen wegen der eingetretenen Umstände und gebe mich der Hoffnung hin, daß ich für alle Beteiligten das Richtige erwähle, wenn ich meine Zeilen an Sie absende. Ich befinde mich zudem in einem Zustande des Zweifels, der mich solchergestalt bedrückt, daß ich gleichzeitig auch um meinetwillen Ihnen die Verhältnisse darlegen muß.
Als Sie, gnädiger Herr, C. verließen, trat ich gewissermaßen in IhreDienste, und Sie nahmen mir das Wort ab, in dieser Stellung nur dasBeste für meine Herrschaft, die gräfliche Familie, im Auge zu behalten.Sie gaben mir genaue Instruktionen und banden mich durch mein Wort, daßunser eigentliches Verhältnis, wenn es mir gestattet sein darf, diesenAusdruck zu gebrauchen, ein Geheimnis zwischen uns bleibe.
Unter den Gesichtspunkten, unter denen Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehrten, glaubte ich nicht nur nichts Unrechtes zu thun, sondern gerade wie ein gewissenhafter Freund gegen die gräfliche Familie zu handeln.
Ich nehme mir die Freiheit, dies zu rekapitulieren, weil die eingetretenen Umstände entweder neue Instruktionen erforderlich machen oder ich meines Wortes entbunden werden muß.
Wenn ich nun zunächst über die Vorgänge seit dem Tode des Herrn Grafen zu berichten mir gestatte, so bitte ich von vornherein zu verzeihen, daß ich Dinge berühre, über die auszulassen, mir im Grunde nicht beikommt. Aber nur durch Erwähnung dieser werden Sie, gnädiger Herr, einen richtigen Einblick in die gegenwärtige Lage gewinnen und mir zweckmäßige Befehle erteilen können.
In meinen ersten beiden Schreiben hatte ich die Ehre zu melden, daß der Herr Graf ohne Zweifel durch tödlich starke Dosen Morphium und Chloral seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe.
Sodann berichtete ich, daß das Bankhaus die Zahlungen an uns eingestellt. Ich weiß nicht, ob Ihnen das zweite Schreiben zugegangen ist. Die Frau Gräfin befanden sich in einem sehr traurigen Zustande, der zwischen heftigem Schmerz und Ausbrüchen des Vorwurfs gegen den verstorbenen Herrn Grafen und mich selbst wechselte. Den Höhepunkt erreichte die Erregung der Frau Gräfin, als ich—ich bitte, mich deshalb nicht zu verdammen—derselben Mitteilung machen mußte, wie die gegenwärtige Vermögenslage sei, und welche Stellung Sie, gnädiger Herr, zu dieser bereits eingenommen hätten.
Frau Gräfin befahlen mir zu sprechen; ich stand bei Stillschweigen vor der Wahl einer falschen Beurteilung, Ungnade und Entlassung.
Es handelte sich um Geld; wir hatten keines. Ich mußte also die monatliche Rate einfordern und mich rechtfertigen, als ich wegen ungenügender Quittung mit leeren Händen zurückkehrte. Die Hergabe meiner kleinen Ersparnisse wies die Frau Gräfin wiederholt schroff zurück.
Nach allem wenden Sie, gnädiger Herr, verstehen, daß einer Erklärung gar nicht auszuweichen war. Trotz all meiner Vorstellungen bestand Frau Gräfin nach Einblick in ihre trostlosen Verhältnisse auf Veräußerungen ihrer Diamanten und sonstigen Schmuckgegenstände.
Ich gelange nun zu demjenigen Punkt, bei dessen Erwähnung ich Ihre Nachsicht, gnädiger Herr, einholen muß: die Frau Gräfin erklärte mir auf das bestimmteste, daß sie ihren Hausstand aufzulösen wünschte und aus dem Erlöse ihrer überflüssigen Wertgegenstände gesonnen sei, neben den übrigen Verpflichtungen in erster Linie diejenigen gegen den Herrn Baron abzulösen.
Die Frau Gräfin äußerte, daß diese Vorschüsse sie im höchsten Maße bedrückten, und daß sie lieber Not leiden wolle, als irgend welche Darlehen oder gar Freundesgaben aus Ihrer Hand fernerhin empfangen. Das Freundschaftsverhältnis zu Ihnen, gnädiger Herr, das unter den bisherigen gleichen Lebensverhältnissen ein so gutes gewesen sei, könne Schaden leiden, und Frau Gräfin zögen es daher vor, sich Ihrer freundschaftlichen Hilfe (da diese ohne Zweifel auf Ratschläge sich nicht beschränken werde) nicht mehr zu bedienen, sondern sogar Ihnen in Zukunft fern zu bleiben. Die Frau Gräfin, die C. verlassen und nach einem kleinen, noch nicht feststehenden Orte übersiedeln will, um sich dort mit den ihr bleibenden Mitteln einzurichten, stellten sogar das Ansinnen an mich, Ihnen nicht zu verraten, wohin sie gehen werde, und nehmen als selbstverständlich an, daß ich Ihnen auch sonst keinerlei Mitteilungen zukommen lassen würde.
Da Frau Gräfin sich so sehr gegen alles, was sich ihrem Entschlusse entgegenstellen könnte, auflehnt, bin ich völlig machtlos. Um die erwähnten Pläne auszuführen, bleibt ja allerdings nichts anderes übrig, als den gegenwärtigen Besitz zu Geld zu machen. Ich schätze die Zinseneinnahme in Zukunft auf kaum viertausend Mark, welches einem baren Kapital von hunderttausend Mark entsprechen würde.
Was befehlen Sie nun, gnädiger Herr?
Soll ich scheinbar den Verkauf zulassen und etwa das Ganze ohne Wissen der Frau Gräfin für des Herrn Baron Rechnung ankaufen? In solchem Falle ist schnelle Instruktion erforderlich. Ferner: Wie soll ich mich in Zukunft verhalten? Darf ich noch mit dem Herrn Baron korrespondieren? Soll ich nach der Neuordnung aller Verhältnisse den Dienst bei der Frau Gräfin verlassen?
Wenn ich die letztere Frage aufwerfe, so bitte ich diese nicht mißzuverstehen. Ich habe mich gegen die Frau Gräfin bereit erklärt, ohne Entschädigung zu bleiben, und würde mich nur entfernen, wenn der Herr Baron darin etwas Zweckmäßiges für die Frau Gräfin erkennen würden. Mir ist dies zur Zeit allerdings als vorteilhaft nicht ersichtlich.
In jedem Falle werden Sie, gnädiger Herr, gewiß verstehen, daß ich kein doppeltes Spiel treiben kann und mich eines wirklichen Vertrauensbruches schuldig machen würde, wenn unsere Verabredungen ganz in der bisherigen Weise bestehen bleiben.
Sofern es meine Befugnis nicht überschreitet, möchte ich mir den gehorsamen Vorschlag gestatten, daß ich bei der Frau Gräfin ausharre, aber nichts thue, was mit den Entschließungen der Frau Gräfin in Widerspruch gerät, und somit nur in dem Sinne zur Verfügung des Herrn Baron bleibe, daß ich nach besten Kräften über das Wohlergehen der Familie wache. Wenn ich die Hand dazu biete, das Eigentum der Frau Gräfin für Rechnung des Herrn Baron zu erwerben, so glaube ich, dadurch nicht unehrlich gegen die Frau Gräfin zu handeln.
Nochmals bitte ich um Verzeihung, meine Befugnisse durch Darlegung persönlicher Anschauungen und durch die Berührung intimer Verhältnisse überschritten zu haben, und hoffe im übrigen, daß der gnädige Herr aus meinen Darlegungen ein richtiges Bild zu gewinnen vermögen.
Ich empfehle mich dem ferneren Wohlwollen und der Nachsicht des gnädigenHerrn und erwarte weitere Befehle.
Ganz gehorsamst
Tibet,
Kammerdiener.“
Bereits am nächsten Morgen begann Ange mit den Vorbereitungen zu ihrem Umzuge und ward bei diesen von Tibet eifrigst unterstützt. Es galt eine Auswahl unter denjenigen Gegenständen zu treffen, welche veräußert werden und welche der künftigen Wohnungseinrichtung dienen sollten. Zu diesem Zwecke wurden zunächst einige Räume leer gemacht, und nun begann das Wählen. Claireforts Zimmer beschloß Ange zu behalten, ebenso wurden die Möbel aus dem Zimmer der Kinder für den ferneren Gebrauch zurückgestellt. Dazu kamen noch die Kücheneinrichtungen und all derjenige Hausrat, durch den sich eine Wohnung in bescheidener Weise vervollständigt.
Tibet war plötzlich ganz gefügig und erhob nicht einen einzigen Einwand.Er fertigte eine genaue Liste für den Auktionator an und machte mitHilfe der noch vorhandenen Dienerschaft eine so übersichtlicheAufstellung, daß schon nach wenigen Tagen die Arbeit im wesentlichenbeendet war.
Sodann beriet er mit Ange, wie alles übrige abzuwickeln sei, verhandelte mit dem Hausbesitzer und mit dem Personal, einigte sich mit jenem, entließ dieses sogleich bis auf eins der Mädchen, welches in Anges Diensten zu bleiben wünschte, und beglich auch alle Rechnungen, welche zu bezahlen waren. Es erübrigte nun nur noch die Summe, welche die Familie von Teut empfangen hatte, und bevor Tibet diese zu dem Banquier trug, hatte er noch eine Unterredung mit Ange, in welcher auch der zukünftige Wohnort zur Erörterung gelangte.
Ange war nicht minder thätig gewesen, wenn auch alles nach ihrer besonderen Art geschah. Sofern sich in den hohen Bergen von unnützen Kleinigkeiten und Firlefanzereien etwas befand, das der Kinder Verlangen reizte und das sie wieder hervorzogen, konnte Ange ihren Bitten nicht widerstehen und packte es in die ohnehin schon mit vielen Überflüssigkeiten belasteten Koffer.
Bisweilen hielt sie inne und vergaß, was sie eben beschäftigt hatte. Bei diesem und jenem Gegenstand kamen ihr Erinnerungen, die ihre Gedanken ganz in Anspruch nahmen, und Vergleiche stiegen auf zwischen heute und früher. Da stahlen sich denn häufig Thränen ins Auge, und mutlos ließ sie die Arme sinken.
Oft wunderte sie sich, daß alles so glatt verlief, daß niemand Einspruch erhob, wenn sie etwas anordnete. Früher handelten andere für sie, sie ließ sich belehren und befolgte zweckmäßige Ratschläge. Ange hatte es als selbstverständlich angesehen, daß sie die Dinge nicht verstand und daß ihre Umgebung für sie handelte. Jetzt fiel ihr plötzlich ein, wie schwer es doch eigentlich sei, praktisch einzugreifen, und fast wunderte sie sich, daß sie so ruhig und besonnen in Frankfurt aufgetreten sei. Also, sie vermochte es doch! Daran richtete sich denn ihr gesunkener Mut wieder auf.
Gewiß, wenn erst alles in dem neuen Geleise sein werde, würde sie vorsichtig überlegen, nicht mehr nach plötzlichen Impulsen handeln, sich's vernünftig und sparsam einrichten und auch das Kleine achten. Ihr Kopf war voll von Plänen und guten Vorsätzen, und ihre Zuversicht wuchs, bis dann die Kinder mit ihren berechtigten und unberechtigten Bedürfnissen vor ihr auftauchten und sie vorübergehend doch voll Zweifel in die Zukunft blickte.
„Nun, mein lieber Tibet!“ sagte Ange und ließ sich in Carlos' Zimmer, das gegenwärtig als Wohngemach diente, ermüdet und abgespannt in einen Sessel gleiten. „Haben Sie auch die Zahlung an Herrn Baron von Teut bereits geleistet oder müssen wir diese verschieben, bis die Auktion stattgefunden hat?“
„Wenn Frau Gräfin wirklich meinen, daß auch dieser Betrag—“
„Wenn—Tibet!—Dieser Betrag steht in erster, in gleicher Linie mit allen übrigen! Natürlich! Darüber habe ich Ihnen meine Ansicht bereits wiederholt ausgesprochen. Ich komme nur auf diesen Gegenstand zurück, weil die Summe hoch ist und ich nicht weiß, ob gegenwärtig schon unsere Mittel reichen.“
„Allerdings, Frau Gräfin, es scheint durchaus ratsam, daß wir warten. Um so mehr möchte ich dies vorschlagen, weil gerade Umzug und Neueinrichtung viel größere Summen verschlingen werden, als wir in vorläufige Berechnung gezogen haben. Unser Bestand schmolz schon gewaltig zusammen—ganz gewaltig.“
„Nun wohl! Wir haben aber keine Schulden mehr? Alles ist bezahlt?—Welch ein Wort!“
„Ganz recht, Frau Gräfin! Indessen—“
„Nun?“
„Es wird mir recht schwer—ich möchte die Frau Gräfin nicht entmutigen, aber ich fürchte, wir behalten bei weitem nicht die ursprünglich gedachte Summe, aus deren Zinsen Sie sich einrichten müssen. Ich bin besorgt, Frau Gräfin, und muß deshalb die Frage in Ihrem Interesse nochmals anregen, ob es nicht doch zu überlegen sein würde, die Vorschüsse des Herr Baron einstweilen auf sich beruhen zu lassen.“
Auf Anges Gesicht malten sich Schrecken und Enttäuschung zugleich. Nach einer kurzen Pause fragte sie, und aus dieser Frage klang der Zwang hervor, den sie sich anthun mußte:
„Wie hoch beläuft sich—doch noch—der Betrag, welchen wir Herrn Baron von Teut schulden?“
Tibet gab Antwort.
„Das ist sehr viel!“ sagte sie kaum hörbar und ganz mit ihren Gedanken beschäftigt.
„Vielleicht der fünfte Teil alles dessen, was Ihnen bleibt, FrauGräfin.“
„Und wieviel glauben Sie, Tibet, daß mir im schlechtesten, allerschlechtesten Falle an Zinsen werden könnte?“
„Ich erlaubte mir, Frau Gräfin, schon auf der Reise auseinandersetzen, daß bei wirklich sicherer Geldanlage nur auf einen Zins von vier Prozent gerechnet werden darf.“
„Und Sie meinen wirklich, das ursprünglich angenommene Kapital würde mir nicht einmal bleiben?“
„Ich fürchte, nein, Frau Gräfin—wenn Herr von Teut bezahlt werden soll! Die Frau Gräfin können nach den vorgelegten Quittungen selbst berechnen.“
Ange konnte eigentlich nicht berechnen, aber sie nickte und schwieg.
„Wieviel braucht wohl im Durchschnitt eine gebildete Familie mit fünf Kindern unter bescheidenen Verhältnissen, Tibet?“ hob sie nach einer kleinen Pause an.
Mit der Beantwortung dieser Frage fielen alle Illusionen, welche Ange sich bisher gemacht hatte. Tibet litt bei diesen Gesprächen. Vielleicht fühlte er sogar noch tiefer als Ange den Schmerz, die Enttäuschung, obgleich er scheinbar so teilnahmlos die Wahrheit ans Licht zu ziehen bemüht war. Er gewann es auch nicht über sich, der mut- und trostbedürftigen und mit so guten Vorsätzen ihr neues Leben beginnenden Frau den Vorhang ganz hinwegzuziehen. Er umging ihre Frage und erwiderte:
„Es kommt ja sehr auf die Stadt an, ob das Leben teuer oder billig ist.In kleinen Städten gestaltet sich alles besser.“
„Es ist wohl fast ein Unterschied um die Hälfte?“ fiel Ange hoffend und lebhaft ihre eigenen Worte bestätigend, ein.
„Ich möchte es glauben, Frau Gräfin.“
„Ich weiß nicht, wie ich's richtig mache, Tibet. Nur so viel ist mir klar, daß ich keinen ruhigen Tag, keine ruhige Stunde haben werde, wenn ich Schulden besitze, wenn namentlich—“ sie stockte und fuhr dann fast heftig fort: „Wir müssen Herrn von Teut zahlen, was er meinem Gatten geborgt hat, sobald die Dinge hier geordnet sind; wie's auch immer sein mag! Werde ich weniger besitzen, werde ich doch das unvergleichliche Bewußtsein haben, niemandem mehr verpflichtet zu sein!“
Und nach dieser vorläufig alle Gegeneinwendungen abschneidendenEntscheidung verbeugte sich Tibet und brachte das Gespräch auf Umzug undWohnort.
„Haben die Frau Gräfin schon eine Entscheidung getroffen? Bleibt esEisenach, wozu der Herr Polizeimeister geraten?“
Ange bestätigte.
„Es würde sich dann wohl empfehlen, daß ich zunächst dahin abreise, um eine Wohnung zu mieten, und dann wieder zurückkehre, um hier den Verkauf des Mobiliars zu beaufsichtigen. Ich weiß nun aber nicht, ob ich der Frau Gräfin Wünsche bezüglich dieser treffen werde. Vielleicht entschließen Sie sich, die Reise ebenfalls anzutreten.“
Das Gespräch wurde unterbrochen, weil die beiden Knaben herbeigeeilt kamen, die draußen auf der Straße gespielt hatten. Ihre Mienen waren betroffen, und Ben kam zorngerötet ins Zimmer gelaufen.
„Was ist? Was habt Ihr?“ fragte Ange besorgt.
„Der—der—Karl von drüben—vom Krämer sagt, daß—“ hob Ben an.
„Wir haben uns gestritten; er stieß, ich stand Ben bei!“ fiel Fred ein.
„Nun?“
„Er sagte, wir wären schöne Grafen. Mama hätte nicht mal die Rechnung bezahlt. Sein Vater könnte kein Geld kriegen und die anderen auch nicht—“
„Er schimpfte; er brauchte Ausdrücke von uns—na, ich hab's ihm gegeben!“ ergänzte Ben.
Ange sah Tibet fragend an, und Blässe trat auf ihre Wangen. Tibet verstand und nahm rasch das Wort:
„Es ist alles—das letzte schon gestern bezahlt, Frau Gräfin!“
„Ah!“ riefen beide Knaben zu gleicher Zeit, und ihre Blicke flammten.„Dem wollen wir's geben!“
„Nicht so, nicht so, Kinder!“ rief Ange angstvoll, aber suchte sich inGegenwart der Knaben zu fassen. „Laßt den Streit! Geht ruhig Eures Wegesund meidet die Nachbarskinder. Hört Ihr? Ihr hörtet, daß er dieUnwahrheit sprach. Und nun geht! Ich habe noch mit Tibet zu sprechen.“
Die Knaben entfernten sich gehorsam, aber noch erregt und lebhaft sprechend.
„Es wird Zeit, daß ich fortkomme,“ rief Ange. „Je eher, je besser; es brennt der Boden unter mir. Was die Menschen wohl alles reden! Wie sie sich mit uns beschäftigen! Schon bei dem Gedanken steigt mir das Blut in die Schläfen.—Wann können Sie reisen, Tibet?“
„Heute—Morgen, Frau Gräfin—“
„Gut, also morgen! Sie werden eine Wohnung wählen und rasch zurückkehren. Wollte Gott, ich säße schon an einem anderen Ort und fände endlich Ruhe und—“ Ange brach in heftige Thränen aus.
„Es wird alles gut werden, Frau Gräfin! Gewiß, gewiß! Sie sollten sich durch dergleichen Dinge nicht aufregen!“ besänftigte Tibet, heftete einen besorgten Blick auf seine Gebieterin und suchte bescheiden ihr Auge, um in diesem zu lesen, daß seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hätten. Wirklich stahl sich ein Lächeln um Anges Mund bei Tibets Worten; es war aber ein trauriges Lächeln.
* * * * *
Nach den vorerwähnten Ereignissen war reichlich ein halbes Jahr verflossen, als an einem warmen Juniabend des Jahres 187- zwei Männer in dem kleinen Gärtchen saßen, welches zu dem sogenannten Sommerhause des Hotels „Zur Rose“ in Wiesbaden gehört.
Auf dem im Freien gedeckten Tische standen die Reste eines reichlichenAbendessens, und eben hatte der Kellner ein Licht gebracht, mit dem dieCigarren entzündet worden waren.
„Hm, hm,“ sagte der Major von Teut—denn er war es—zu dem ihm gegenübersitzenden Manne und blies den Rauch einer starken Cigarre nach seiner Gewohnheit durch die Nase. „Das klingt ja alles so gut und doch wieder auch so ernst, wie ich's mir gedacht habe. Aber vielleicht—zunächst—wer weiß—war's auch besser so!?—Was haben Sie denn der Gräfin über Ihre Reise gesagt? Wie haben Sie diese begründet?“
„Ich gab vor, daß ich die Meinigen besuchen wolle.“
„Ah! Sie haben Familie, Tibet? Das ist mir ja ganz neu! Auch der verstorbene Graf und die Gräfin haben mir nie davon gesprochen.“
„Sie wußten auch davon nichts, gnädiger Herr.“
Teut wollte diesen Gegenstand offenbar des näheren berühren, denn er blickte fragend empor. Aber ein anderer Gedanke überholte, was sich ihm eben aufgedrängt hatte. Er sagte abbrechend: „So, so—Aber noch eins! Wie haben Sie es angefangen, daß die Gräfin nichts von all den kleinen Hinterlisten gemerkt hat? Glaubt sie, daß ihre Einnahme bisher immer reichte, und daß sie lediglich durch ihre Sparsamkeit alles gut gemacht hat?“
Über das immer noch bleiche Gesicht des Sprechenden flog ein fragendesLächeln, und er strich den Schnurrbart in sichtlicher Spannung.
„Allerdings, aber es hat mancherlei Künste gekostet, gnädiger Herr!“ entgegnen Tibet, und in der Erinnerung des falschen Spiels, das er getrieben, sichtlich bedrückt. „Anfänglich, damals, als Sie auf meinen Brief antworteten und mir Verhaltungsmaßregeln gaben, war ich zweifelhaft, ob's möglich sein werde, diese auszuführen. Ich mußte mir erst alles zurechtlegen und förmlich ausklügeln, wie ich dem Argwohn der Frau Gräfin begegnen könne. Wenn ich Einkäufe machte, erklärte ich, die Waren seien im Preise gesunken, und die Frau Gräfin sah mich dann groß an und machte ein zufriedenes Gesicht. Im Anfang freilich wollte sie überhaupt nichts von dergleichen hören. Ich erlaubte mir den Vorschlag, daß ich wie früher die Wirtschaft besorgen dürfe, und that dies insbesondere, weil ich dann alles ohne Schwierigkeit einrichten konnte. Aber darauf wollte die Frau Gräfin nicht eingehen. Sie müsse die Dinge selbst übersehen, meinte sie, sonst könne sie nicht wirtschaften lernen. Mit der Miete hätte sich bald alles verraten. Ich machte, des gnädigen Herrn Befehl folgend, dem Wirte Mitteilung, daß er von uns nur die Hälfte erhalten, daß das übrige anderweitig berichtigt werden würde. Ich nahm ihm das Versprechen ab, gegen die Frau Gräfin Stillschweigen zu beobachten und auch seine Umgebung zu verständigen. Eines Morgens nun unterhielt sich die Frau Gräfin mit einem Einwohner, und bei dieser Gelegenheit war von den Wohnungen in Eisenach die Rede. Da äußerte dieser die unsere sei nicht billig, während die Frau Gräfin gerade ihrem Erstaunen Ausdruck gab, wie preiswürdig dieselbe sei. Ein Wort gab das andere. Endlich ward ich herbeigerufen und bestätigte die Aussagen meiner Herrin. Als jener sich entfernt hatte, betrachtete mich die Frau Gräfin bereits mit einigem Mißtrauen und brach endlich in die Worte aus: ‚Haben Sie gehört? Er hat vor uns dies Haus bewohnt und das Doppelte bezahlt. Wie ist es möglich, Tibet, daß Sie die Villa um die Hälfte mieten konnten?‘—‚Die Frau Gräfin haben ja den Mietskontrakt in Händen,‘ erwiderte ich, als ob ich den eigentlichen Sinn dieser Nachfrage gar nicht verstanden hätte. Kopfschüttelnd ging die Frau Gräfin davon. Schon fürchtete ich, daß alles würde entdeckt werden.“
„Und das Schulgeld?“ fragte Teut, der mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte. „Wie haben Sie das gemacht?“
„Ich habe gleich das ganze Semester bezahlt und der Frau Gräfin gesagt—“—Tibet hielt inne, dunkle Schamröte färbte seine Wangen—„daß der Direktor auf meine Vorstellung dasselbe erlassen habe.“
„Und das glaubte die Gräfin?“
„Vorläufig ja, Herr Baron. Aber ich zittere doch jeden Tag, daß es ansLicht kommt, und dann—“
„Und Steuern?“ fragte Teut und konnte sich des Lächelns nicht erwehren, weil er wie ein Beichtvater alle Vergehen aus dem armen Sünder herausholte.
„Die habe ich gar nicht erwähnt! Davon hat die Frau Gräfin keine Ahnung.Ich fing den Steuerboten ab und—“
„Und drohten ihm mit allen Folterqualen der Hölle, wenn er noch einmal erscheine?“ schaltete Teut mit gutmütigem Spotte ein.
„Ja, Herr Baron, Sie können wohl scherzen.“ sagte Tibet, nun wieder von dem Ernst und der Verantwortlichkeit seiner Aufgabe erfaßt. „Aber Sie mögen mir glauben, daß die Dinge sich nicht so freundlich abspielen werden, wenn die Frau Gräfin jemals erfahren sollte, was wir gethan haben.“
Teut trank seinen Wein und wollte, um einer aufsteigenden EmpfindungHerr zu werden, die Stiefelhacken zusammenschlagen. Aber es war nur eineBewegung. Mit einem leisen Anflug von Schmerz hielt er inne. Nicht ohneGrund! Das eine, das linke Bein fehlte, er hatte es im Kriege eingebüßt.
„Aber die Kinder?“ fragte Teut nach einer Pause. „Wie geht's denen?Entwickeln sie sich gut? Sind sie fleißig?“
Tibet nickte. „Gewiß, gnädiger Herr! Wir helfen beide, die Frau Gräfin und ich, bei den Schularbeiten.“
„Ist die kleine Ange hübsch geworden, Tibet? Sie versprach sehr schön zu werden!“
Tibet betätigte lebhaft. „Ange ist ein sehr schönes Kind, gnädiger Herr, und so klug, daß es mich oft fast ängstlich macht. In der kurzen Zeit von einem halben Jahre spielt sie schon kleine Stücke auf dem Klavier und ist so sicher dabei, daß man erstaunen muß.“
„So, so! Wer unterrichtet sie denn?“
„Die Frau Gräfin selbst, Herr Baron! Jeden Nachmittag erhält Ange Unterricht von der Frau Gräfin, und Erna und Jorinde müssen ebenfalls täglich bei ihr üben. Sie machen alle gute Fortschritte.“
Teut machte eine Bewegung, er murmelte auch etwas vor sich hin, dasTibet nicht verstand. „Wie ist denn Eure Tageseinteilung, Tibet? DieFrau Gräfin muß ja sehr in Anspruch genommen sein. Sie hat doch Mädchenzur Hilfe?“
„Nur eins, Herr Baron! Aber die wurde uns gleich schwer krank und mußte wochenlang das Bett hüten. Da hat die Frau Gräfin selbst morgens Kaffee gemacht, die Stuben geräumt, die Kinder angezogen und in die Schule befördert. Die Frau Gräfin ist überhaupt von morgens früh bis abends spät unausgesetzt in der Wirtschaft und um die Kinder beschäftigt.“
Teut murmelte wieder etwas.
„Ah! herrliches Weib!“ glaubte Tibet zu hören.
„Und Sie, Tibet?“ fragte Teut dann kurz und mit einem scheinbarenVorwurf, während in sein Auge ein silbernes Pünktlein trat.
„Ich, ich?“ erwiderte Tibet arglos und verlegen zugleich. „Ich habe morgens alle die Stiefel geputzt, die—die—gröbere Arbeit in den Schlafstuben besorgt und der Kinder Betten gemacht und—und auch gekocht während der Zeit. Kochen kann die Frau Gräfin nicht; aber sie lernt es schon ganz gut. Neulich hatten wir zwei Gerichte, die sie ganz allein zubereitet hatte. Ihre Augen glänzten, als es den Kindern so gut schmeckte. Die Frau Gräfin war so glücklich, daß sie im Zimmer herumtanzte.“
„Aber Freund!“ schaltete Teut scheinbar tadelnd ein. „Weshalb haben Sie denn damals nicht eine Hilfe genommen?“
„Die Frau Gräfin wollte es durchaus nicht, gnädiger Herr! Sie meinte, es sei der beste Weg, alles zu lernen. Freilich, ich folgte auch nichts thun—aber ich habe sie sogar überrascht und in einer Nacht mit Hilfe einer Frau die Wäsche besorgt. Die Alte hat die Garderobengegenstände vorgenommen, ich machte mich an Servietten und Tischzeug. Gegen Morgen haben wir aufgehängt, jeder sein Teil.“
„Allen Respekt!“ murmelte Teut, trank in hastigen Zügen und schenkte von neuem aus der Flasche ein. „In der That, über alles Lob erhaben! Aber das muß doch anders werden!“ Und nach einer Pause: „Wenn ich nur einen Weg wüßte—“
Tibet hatte nur halb gehört, aber doch genug, um zu verstehen. Er nahm sich, in der Sorge um seine Herrin, die Erlaubnis einzufallen, und sagte:
„Wenn der Herr Baron mir gestatten wollten, einen Vorschlag zu machen?“
Teut bewegte den stolzen Kopf und sagte in seiner kurzen, unhöflich klingenden Weise:
„Nun, was soll's?“
Tibet ward durch diesen Ton eingeschüchtert. Er fürchtete, sich eineVertraulichkeit angemaßt zu haben, die ihm nicht zukam. Takt undVorsicht riefen ihm zu, sich in den bisherigen Grenzen zu halten. Erentgegnete deshalb rasch:
„O, es war doch nichts, gnädiger Herr—“
Teut blickte auf und sah, daß Tibet mit dem Ausdruck einer gewissenEnttäuschung vor ihm saß. Er verstand und bereute seine Schroffheit.
Ohne auf den Gegenstand zurückzukommen, dessen Berührung von jener Seite ihm nach den wunderbaren seelischen Schwankungen, denen jeder, selbst der beste und vorurteilsfreiere Mensch, unterworfen ist, plötzlich widerstrebt hatte, sagte er:
„Eine Angelegenheit will ich doch heute gleich berühren, Tibet. MeinZustand verhinderte mich, Ihnen das bisher zu schreiben:
Vom Ersten des nächsten Monats sind Sie bei mir für Lebenszeit als Sekretär engagiert. Es werden Ihnen monatlich dreihundert Mark von meinem Rendanten ausbezahlt werden. Alle Ihre Auslagen seit vorigem Jahr werden Sie mir baldigst aufgeben, und auch das Honorar für die verflossene Zeit werde ich ordnen. Sind Sie damit einverstanden, Tibet?“
„Herr Baron!—Gnädiger Herr!“ rief Tibet. Er erhob sich und neigte in seiner überströmenden Empfindung das Gesicht auf die Hand des Mannes, der seine Worte mit einem Blick begleitet hatte, in dem sich die ganze Fülle seines unvergleichlichen Herzens widerspiegelte.
„Aber Waschen und Kochen ist nun vorbei! Das paßt nicht für den Sekretär und Vertrauten des Herrn von Teut-Eder, nicht wahr? Und nun wollen wir morgen weiter reden, Tibet! Es wird kühl, ich muß ins Haus, Jamp, Jamp!“ rief er mit seiner schneidigen Stimme, und dieser eilte herbei, um ihn ins Gartenhaus zu geleiten.
Nachtfalter und weiße Sommermotten irrten durch die warme Luft. Drüben zirpte es in dem dunklen Garten, und aus dem Rasen drang der sanfte erdige Geruch des Sommers. Im Hôtel zur Rose aber blitzten Lichter durchs ganze Haus, und durch die Abendstille ertönte noch einmal verspätetes Lachen sich haschender Kinder. Eine Zeit lang stand Tibet wie träumend da. Endlich warf er den Blick gen Himmel, und eine Thräne stahl sich in die ernsten Augen des Mannes.
Er gedachte seines zerstörten Lebensglückes und der Menschen, die er liebte—seiner schon ein halbes Jahr nach der Trauung unheilbar erkrankten Frau, seiner Mutter, seiner Schwester—, aber das Naß, das in seine Augen trat, entquoll diesmal der unbeschreiblichen Empfindung, daß nun sicher für die Zukunft jener gesorgt sei.
* * * * *
Tibet wurde am nächsten Morgen zu Teut zum Frühstück befohlen und fand den Major, umgeben von tausend Siebensachen, die auf Tischen und Stühlen umherlagen, bereits eifrig schreibend. Er trug einen kurzen, seidenen Hausrock, und um den offenen Hals war lose ein weißes Tuch von demselben Stoff geschlungen. Aus den Ärmeln guckte eine feine Batistmanschette hervor, und sein Fuß steckte in einem roten ledernen Schuh.
„Guten Morgen, Herr Sekretär!“ rief Teut, ohne sich umzuwenden. „Bitte, nehmen Sie Platz! Gut geschlafen?“
Tibet bejahte. „Darf ich mich erkundigen, wie der Herr Baron geruht haben?“
„Ah—nicht zum besten, Tibet! Die verteufelte Sache beschäftigt mich allzusehr. Wie Ameisen laufen die Gedanken in meinem Kopfe herum. Aber ich glaube jetzt einen Ausweg gefunden zu haben.“ Hier wandte sich der Major um, sah, daß Tibet noch immer stand, und unterbrach seinen Satz durch die wiederholte Aufforderung, einen Stuhl zu nehmen.
„Also, wie ich schon gestern sagte, Tibet, so geht die Sache auf dieLänge doch nicht!“ hob Teut an, humpelte durchs Zimmer, winkte demherbeieilenden Tibet ab, klingelte, gab dem eintretenden Jamp einenBefehl und ließ sich dann an dem Frühstückstisch nieder.
Mit inniger Teilnahme sah Tibet, wie unbehilflich der bisher so kernfeste, kräftige Mann mit dem künstlichen Bein sich bewegte und welche Spuren Strapazen und Krankheit auf seinem Angesicht zurückgelassen hatten.
„Bedienen Sie sich!—Also, Tibet, so geht's nicht. Aus diesem Grunde bat ich Sie auch, mich hier zu besuchen. Sie sollen mit der Gräfin sprechen; ich habe einen Plan, dem sie hoffentlich beipflichten wird. Die Sommerferien sind vor der Thür, die Gräfin wird gewiß wünschen, ihren Kleinen ein Vergnügen zu bereiten und selbst sich ein wenig nach all den Aufregungen und Sorgen zu zerstreuen. Ich werde sie einladen, auf Schloß Eder diese Wochen zuzubringen, und will meiner Cousine, der Gräfin Aspern, schreiben, dort die Honneurs zu machen. Ich werde dann vielleicht auch—später—nachkommen und bei dieser Gelegenheit auszuführen suchen, was ich seit dem Tode des Grafen in mir herumtrage. Was meinen Sie dazu, Tibet?“
„Vortrefflich, Herr Baron! Aber ich fürchte, daß die Frau Gräfin dieser Einladung ein entschiedenes Nein entgegenstellen wird. Wir haben so oft über diese Dinge gesprochen—alles war fruchtlos. Die Frau Gräfin geht—darf ich mich ganz offen äußern, Herr Baron?“—Teut erhob den Kopf, nickte und trennte die eben mit dem silbernen Löffel zerschlagene Schale von einem Ei.—„Die Frau Gräfin geht davon aus, daß der gnädige Herr sie beeinflussen will, Wohnort und jetzige Lebensweise zu ändern. Dagegen sträubt sie sich—der Herr Baron kennen die Gründe—zum Teil wenigstens—“
„Hm—zum Teil?“ fragte Teut. „Ist's noch etwas anderes, als was Sie mir mitteilten und was ich bei dem Charakter der Gräfin auch wohl verstanden habe?“
Tibet zuckte die Schultern nur machte die Miene eines Menschen, der wohl sprechen möchte, aber sich's doch nicht getraut.
„Nun?“ forschte Teut ungeduldig. Aber dann in einen anderen Ton übergehend sagte er: „Ein für allemal, Tibet! Ich nannte Sie gestern meinen Vertrauten, aber noch mehr, ich betrachte Sie als meinen Freund! Sprechen Sie, was es auch sei! Das Schicksal, das Wohlergehen dieser Frau beschäftigt mich mehr als mein eigenes. Der Zweck, ja der ganze Zweck meines Lebens ist, sie glücklich zu machen. Ich versprach's dem Grafen beim Abschied, und viel früher hatte ich mir's selbst zugeschworen. Das alles wissen Sie am besten. Also, weshalb hinterm Berge halten, wo diesem Vorhaben genützt werden kann!?—Ah!“ fuhr Teut seufzend und stark betonend fort und lehnte sich zurück. „Ich sollte nur kein Krüppel sein! Wir säßen nicht hier und berieten! Nur dieser Umstand hat verhindert, daß ich—alles wäre lange—“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, und ein Ausdruck von tiefer Trauer blieb in seinen Zügen haften.
„Nun, Herr Baron,“ sagte Tibet, rasch den Rest des Frühstücksbrötchens hinabschluckend und seinem Herrn ins Auge schauend, „wenn ich denn sprechen darf, wie mir's ums Herz ist?—Ich meine—ich meine—die Frau Gräfin hat—eine—tiefe Neigung zu dem gnädigen Herrn, und darin ist alles zu suchen! Wenn die Frau Gräfin sich so scheu zurückzieht, so—so—“
Tibet spähte ängstlich auf Teuts Angesicht, während er sprach. Trotz aller Ermunterung stand er unter dem Eindruck, dies, eben dies hätte er niemals ansprechen dürfen.
Teut hatte sich gerade erhoben, um sich eine Cigarre zu holen. Nach Tibets Worten blieb er am Fenster stehen und schaute lange wortlos hinaus.
Als er sich wieder umwandte, blickte er Tibet mit freundlichem Ernst ins Auge und schüttelte den Kopf. „Sie täuschen sich, Tibet! Täuschen sich gewiß! Und wenn nicht—wenn nicht—Nein, solche Gedanken habe ich begraben ein für allemal—“
Nun ging er abermals ans Fenster und ließ gewaltige Rauchwolken der angezündeten Cigarre durchs Zimmer schweben. Der eindringende Sonnenstrahl fing sie auf und verwandelte sie in lichtes Blau. Eine lange Pause trat ein, ohne daß eine Silbe gesprochen ward.
„Ah! ja!“ rief dann Teut plötzlich. „Es muß so sein! Hören Sie mich an, Tibet! Machen Sie also der Gräfin den Vorschlag auf mein Anerbieten einzugehen. Sie wissen ja, wie und wo am besten einzusetzen ist. Stecken Sie sich hinter die Kinder! Wenn diese betteln, daß ihr Wunsch erfüllt wird, kann sie nicht widerstehen! Und wenn die Gräfin auf den leidigen Punkt kommt—Sie wissen—meine gefürchtete offene Hand und dergleichen Thorheiten mehr—so sagen Sie ihr—ja, so sagen Sie ihr, was Sie wollen, aber in allen Fällen, daß ich ihr verspräche, niemals diesen Punkt zu berühren, viel weniger ihren Absichten entgegen zu handeln.“
„Zu Befehl, Herr Baron! Ich hoffe, Ihrem Vertrauen Ehre zu machen. Ich werde mein möglichstes thun.—Nur eins! Wenn ich diesen Auftrag erhalte, muß ich eingestehen, daß ich Sie gesehen habe, und das wird den Argwohn der Frau Gräfin wecken. Je scheinbar unvorbereiteter ich das vortrage, um so besser ist es!“
„Nun, im Flunkern haben Sie ja schon gute Übung, Tibet!“ lächelte Teut und suchte doch durch seine Miene den auf Tibet hervorgerufenen Eindruck zu verwischen. „Ich denke, Sie müßten schon sagen, Ihre Angehörigen wohnten hier in der Gegend, und zufällig hätten Sie mich getroffen. Wo wohnen denn eigentlich die Ihrigen?“
Tibet nannte den Ort.
„Ah—in M.! Sind Sie auch dort geboren?“
„Ja, Herr Baron.“
„Und lebt Ihr Vater noch?“
„Nein, Herr Baron.“
„Ihre Mutter ist Witwe?“
„Ja, Herr Baron—“
Teut unterbrach Tibet lächelnd und sagte, sich eines Gesprächs erinnernd, das er einst im Clairefortschen Hause mit demselben Manne geführt, der jetzt so einsilbig Antwort ereilte: „Ganz wie damals:—ja—nein, Herr Baron!—antworten Sie mir, Tibet. Aber ich will gar nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Nur mein Interesse für Ihre Person ließ mich fragen.“
„Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, Herr Baron. Mich leitete etwas anderes. Was ich über die Meinigen mitzuteilen habe, ist sehr wenig erfreulicher Natur. Ich habe nie darüber geredet, schon deshalb nicht, weil meine Person dabei eine nicht gleichgültige Rolle spielt.“
„In der That,“ sagte Teut teilnehmend, „geht es den Ihrigen schlecht?Haben Sie etwa noch unversorgte Geschwister?“
„Ich habe“—hier stockte Tibet eine Weile—„eine arme kranke Frau, unheilbar krank und gelähmt seit der ersten Zeit unserer Ehe, die mir ein kurzes Glück gewährte; sie lebt bei meiner Mutter und meiner Schwester, die sie pflegt, gnädiger Herr. Auch meine Mutter war schon völlig gelähmt, als mein Vater, der als Musiker sein Brot verdiente, starb. Vermögen war keins vorhanden bei seinem Tode. Ich hatte ursprünglich das Gymnasium bis zur Aufnahme in die Prima besucht und wurde dann—wie ich früher schon mitzuteilen mir erlaubte—Kaufmann. Ich hatte aber darin kein Glück, es wollte mir nicht gelingen, vorwärts zu kommen. Die dringende eigene Not und die meiner Angehörigen, die ganz auf mich angewiesen waren, bestimmte mich, die Stellung eines Haushofmeisters bei dem Herrn Grafen von Clairefort anzunehmen, die ich seit so vielen Jahren bekleidet habe. Ich mußte verdienen, gleichviel in welcher Lebensstellung, und hier fand ich, was ich suchte. Während dieser Zeit habe ich die Meinigen ernährt, ja mir selbst ein wenig sparen können für meine späteren Tage. Was ich empfand, gnädiger Herr, als Sie mir gestern die Aussicht eröffneten, fürs Leben an Ihrer Seite bleiben zu dürfen, vermag ich nicht zu sagen. Und Sie werden nach dieser Darlegung auch verstehen, welche Sorge von mir genommen ist. Ich bin ja nun sicher, daß die Meinigen—“ In dem hageren Gesicht stieg's bei diesen Worten auf, wie wenn der Sonnenschein plötzlich durch dunkle Wolken bricht, und die Rührung übermannte den Mann so sehr, daß er sich abwandte.
„Wie? Alle die Jahre haben Ihre Frau, Ihre Mutter und Schwester lediglich von Ihrem Fleiß gelebt?“ sagte Teut voll bewundernden Erstaunens. „Braver Mann! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen! Ich schätze es um so höher, weil selbst Ihre engsten Freunde von diesen Dingen nichts wußten. Es bleibt wahr: Die echten Perlen liegen versteckt in den Muscheln tief auf dem Meeresgrund! Man muß sie mühsam hervorholen. Eine echte Perle ist solche Pflichterfüllung und den Ruhm nicht an den breiten Weg stellen! Sie üben sie um ihrer selbst willen, in der Stille, ohne Geräusch. Das heißt ein Christ sein! Hier meine Hand, Sie braver Mensch! Ich bitte jetzt um Ihre Freundschaft! Ich biete sie Ihnen nicht mehr an!“
Tibet richtete sich bei diesen Worten in seiner ganzen Größe empor; ein ungewöhnlicher Glanz trat in seine Augen, und über sein Angesicht flog der Widerschein eines Sturmes von Empfindungen.
„O, zu viel! Zu viel, gnädiger Herr!“ rief er in jenem Rausche, der nur die Brust solcher Menschen zu durchdringen vermag. „Mit diesem Worte habe ich nicht umsonst gelebt! Mit diesem Tage werde ich ein anderer in dieser Welt und die Welt eine andere für mich! Aber mit diesem Worte, gnädiger Herr, haben Sie auch Ernst Tibet zu Ihrem Schatten gemacht für alle Tage und Stunden seines Lebens! Was ich bin und habe für die Zukunft, gehört Ihnen!“
* * * * *
Es war Morgenzeit. Ange öffnete voll Ungeduld einen Brief, den sie soeben erhalten hatte. Derselbe war von Tibet, welcher mitteilte, daß er an dem heutigen Tage zurückkehren werde. Als Ange dies mittags den Kindern kundgab, faßten sie einstimmig den Beschluß, ihn vom Bahnhof abzuholen. Nun standen sie erwartungsvoll da und schauten über den Perron hinaus. Als der Zug endlich näher kam, drängten sie sich zusammen, und waren voll Ungeduld, den Langersehnten zu begrüßen.
„Tibet! Tibet! Hier!“ riefen sie und stürmten auf den Ankömmling zu, der sich gerührt zu ihnen hinabbeugte und ihre Liebkosungen entgegennahm. Alle griffen zugleich nach seiner Hand, um einen besonderen Vorzug zu genießen, bis endlich Jorinde und Ange sich seine Rechte und Linke eroberten.
Tibets erste Frage galt der Mama, und diese ward zufriedenstellend beantwortet. Mama Ange ginge es gut; sie habe auch an den Bahnhof kommen wollen, sei aber abgehalten worden. Dann setzte sich die kleine Schar, Tibet in der Mitte, in Bewegung.—
An demselben Abend saßen sich Herrin und Diener im Wohnzimmer gegenüber.
Tibet erzählte, wie's ihm auf der Reise ergangen sei, und Ange hörte freundlich und aufmerksam zu.
„Auch den Herrn Major von Teut habe ich gesehen und gesprochen,“ warf Tibet in unbefangenem Tone hin, nachdem er den ersten Bericht erstattet hatte. „Er läßt sich der Frau Gräfin aufs angelegentlichste empfehlen.“
Ange blickte im höchsten Grade befremdet empor. „Wie? Sie haben Herrn von Teut gesehen, Tibet? Wann? Wo? Und ganz zufällig?“
Tibet nickte und erzählte eine Geschichte, die er sich unterwegs zurecht gelegt hatte.
„Und geht's ihm besser? Geht's ihm wieder gut?“ fuhr Ange zögernd fort.
Tibet betätigte und wollte schon, froh, daß die Dinge sich so günstig gefügt hatten, fortfahren. Aber entweder wünschte Ange das Gespräch nicht fortzusetzen oder sie wollte Zeit gewinnen. Sie brach ab und kam auf allerlei häusliche Angelegenheiten.
Inzwischen grübelte Tibet, wie er die Dinge nach seinen Wünschen einrichten könne, und sagte endlich, eine kleine Pause benutzend, ziemlich unvermittelt:
„Ich habe auch einen Auftrag an die Frau Gräfin von dem Herrn Baron auszurichten. Ich vergaß vorher—“
Ange sah Tibet fest ins Auge, aber sie hinderte ihn nicht amWeitersprechen. Nur ein kurzes: „Nun?“ glitt von ihren Lippen.
„Zunächst läßt sich der Herr Baron für den Brief der Frau Gräfin recht sehr bedanken. Er würde denselben schon beantwortet haben, wenn er nicht wünschte, der Frau Gräfin mündlich—“
Tibet hielt inne; er fürchtete nun sicher eine Unterbrechung. Aber zu seiner Überraschung sagte Ange nichts, nur ihr Blick blieb noch ebenso ernst, ja, so eigentümlich auf ihm haften, daß er unwillkürlich die Augen niederschlagen mußte. Er raffte sich aber auf und fuhr fort:
„Der Herr Baron hofft in einigen Wochen wieder so weit hergestellt zu sein, daß er Wiesbaden verlassen kann. Er will dann nach Eder reisen und auf dieser Reise die Frau Gräfin gern in Eisenach begrüßen.“
„Und was sagten Sie dazu, Tibet?“ fragte Ange kalt.
„Ich—ich—Frau Gräfin—“ Er sprach nicht aus. Einen Augenblick schwiegen beide: nur Anges fleißige Nadel, die auf-und abflog, unterbrach die Stille. In dem Gemache stand ein runder Tisch, der von einer Lampe erhellt ward. Ringsum befanden sich die Möbel, welche einst in Carlos' Zimmer Platz gefunden hatten. Dieselben Bilder schmückten die Wände; selbst die kleinen Nippessachen von damals standen auf dem Schreibtisch. Plötzlich legte Ange die Arbeit aus der Hand, und sagte, dem Manne, der ihr gegenübersaß, forschend ins Auge schauend:
„Tibet!“
„Frau Gräfin?“
„Was soll ich von Ihnen denken? Sie haben Herrn Baron von Teut gesehen und einen solchen Auftrag übernommen? Ich werde irre an Ihnen. Ich muß es Ihnen aussprechen. Also war's doch wie ich vermutete. Hinter meinem Rücken! Also war's doch, wie ich fürchtete, als Sie mir von einer notwendigen Reise sprachen!“
„Frau Gräfin—ich bitte—ich verstehe nicht—“
„Sie verstehen ganz gut, Tibet! Mehr noch. Sie waren befangen, als Sie in unserem Gespräch auf diesen Gegenstand kamen, und da ich nicht arglos war, beobachtete ich Sie.“
Ange stützte schwermütig den Kopf und schien für Augenblicke ganz mit anderen Gedanken beschäftigt. Sie hörte nichts von Tibets Beteuerungen, nichts von seiner geläufigen Rede, durch die er ihr das Mißtrauen zu nehmen suchte. Erst als er zu einem anderen Mittel griff, sie seinen Plänen gefügiger zu machen, und plötzlich sagte: „Sehr, sehr verändert hat sich doch der Herr Baron. Sie wissen, Frau Gräfin, das Traurige noch gar nicht. Ich gelangte noch nicht dazu, dies Ihnen mitzuteilen. Der Herr Baron hat das linke Bein im Kriege verloren!“ überwogen Teilnahme und Sorge alle anderen Gedanken.
„Wie? was?“ rief Ange erregt, ließ die Arbeit fallen, erhob sich von ihrem Stuhl und blickte Tibet mit allen Zeichen der Bestürzung an. „Amputiert? Das Bein verloren?“
Tibet atmete erleichtert auf.
„Mein armer, armer Freund!“ flüsterte Ange vor sich hin. „Ist er sehr ernst, sehr bedrückt deshalb, Tibet? Sie sagen, er habe so leidend ausgesehen? O, und das wußte ich nicht einmal! Das verschwieg er mir. Ich möchte zu ihm eilen, ihn trösten, ihn pflegen—“
Aber sie unterbrach sich ebenso rasch, setzte sich wieder und ergriff still und wortlos die eben fallen gelassene Arbeit.
„Erzählen Sie weiter, Tibet. Berichten Sie mir, was Herr von Teut Ihnen gesagt hat,“ hob sie dann gelassen an. „Natürlich verlangt es mich Näheres zu erfahren.“
„Zu Befehl, Frau Gräfin. Ich fand den Herrn Baron sehr wortkarg und offenbar tief verstimmt. Er äußerte die Absicht, sich ganz von allem zurückzuziehen, fortan in Eder zu wohnen und jeden Verkehr einstellen. Welche Stimmung den Herrn Baron beherrschte“—nun hielt Tibet es an der Zeit, seine Pläne auszuführen, und er that es mit zitterndem Herzen—„mögen Frau Gräfin daraus erkennen, daß, als zufällig in einem Gespräch zwischen dem Herrn Baron und einem dort anwesenden Freunde die Rede auf des letzteren bevorstehende Heirat kam und derselbe den Herrn Baron scherzend auf Gleiches hinwies, dieser sagte: ‚Lieber Freund, das war längst und ist jetzt erst recht für alte Zeiten begraben! Nichts blüht mir noch auf Erden, selbst meine besten Freunde habe ich—ohne meine Schuld, ich darf es sagen—verloren!‘“
Tibet schwieg und wartete. Weiße Rosen brachen hervor auf Anges Wangen. Eine Blässe färbte diese, vor der Tibet erschrak. War er zu weit gegangen, hatte er zu rasch, zu unvermittelt gehandelt. Gewiß, so schien es, denn Ange sagte bitter: „Galt mir die letzte Bemerkung, Tibet? Nur das wünsche ich noch zu wissen.“
Der Mann schwieg.
„Nun?“ wiederholte sie hart.
„Ich glaube—ich weiß nicht, Frau Gräfin.“
„Und was sagen Sie zu alle dem, Tibet?“
Plötzlich brachen die Thränen unter Anges Wimpern hervor; ihre Augen verschleierten sich, und jener zaghafte Ausdruck trat in ihre Mienen, der das Gesicht von Kindern und Erwachsenen gleich rührend verändert.
Tibet wollte reden, aber Ange schüttelte den Kopf und wehrte ihm ab. „Ich habe schon zu viel heute abend gehört,“ sagte sie kurz und in seltsamer Weise abbrechend. „Wir sprechen morgen weiter. Gute Nacht.“
Noch stand der Mann eine Weile; er hoffte, Ange würde wenigstens noch einmal emporblicken. Nichts! Nun verbeugte er sich und ging.
Sobald Tibet das Zimmer verlassen hatte, sprang Ange auf und durchmaß den Raum mit erregten Schritten. Ihre Gestalt hatte trotz der Anstrengungen des letzten Jahres an reizvoller Fülle gewonnen. Die Züge ihres Gesichtes waren ausdrucksvoller geworden ihre dunklen gesättigten Augen hatten eine eigene Glut und jenen rätselhaften, halb schmachtenden, halb in sich gekehrten Ausdruck, der uns so unwiderstehlich zu Frauen hinzieht. Noch immer wirkte ihre Erscheinung überraschend, noch immer war sie eine blendend schöne Frau. Wie es in ihrem Innern gärte nach diesen Mitteilungen! Jene Liebe, die sich noch unter dem Schmerz um einen teuren Verdorbenen in zartem Empfinden gegen eine andere auflehnt, jene tiefe wahre Liebe, die ihre Neigung ängstlich verbirgt, jene stolze Liebe, die fürchtet, sie könne nicht um ihrer selbst willen begehrt werden, durchdrang das Herz der Frau—und nun war alles vernichtet, was doch hoffend in dem tiefsten Winkel ihrer Seele geschlummert hatte. Denn es giebt Wünsche, die der Mensch aus besserer Einsicht zurückdrängt bis zum letzten Atemzug—Wünsche auch, von denen er weiß, daß sie sich nie erfüllen können, aber die doch beglücken, so lange ein Wahrscheinlichkeitsschimmer bleibt.
Teut ein Krüppel! Teut des Trostes, vielleicht noch der Pflege bedürftig; Teut abwehrend gegen alles, was sonst Menschen mit Menschen verbindet; Teut voll Verbitterung. Teut—die Liebe, den Besitz eines Weibes ein für allemal von sich weisend im mißmutigen Verzichten!
Und sie stieß ihn von sich, wo sie ihm vielleicht ersetzen konnte, wonach sein Herz verlangte; sie erfüllte—vielleicht in falschem Stolze—nicht einmal die Pflichten dankbarer Freundschaft!?
Ange verlor den Faden für den richtigen Maßstab dessen, was Recht undPflicht geboten.
Was sollte sie thun? Ehre, Stolz, Scham und Liebe kämpften in ihr und ließen sie zu keinem Entschluß gelangen. Einmal hatte sie alles zurückgedrängt, nur ein Gedanke beherrschte sie: Wie's auch kommen, wie's auch sein mochte, sie mußte an seiner Seite stehen, solange sie ihn unglücklich, zweifelnd und zagend wußte.
Schon glaubte sie klar zu sein und den Kampf überwunden zu haben. Aber dann nahm doch wieder die angstvolle Befürchtung von ihr Besitz, Teut könne jetzt gerade zu dem Schlusse gelangen, sie suche nur nach einem Vorwand, sich ihm zu nähern. Diese Annäherung könne als eine stumme Werbung von ihrer Seite erscheinen, sie sei noch die alte leichtfertige, nur dem Genuß lebende und nach plötzlichen Eingebungen handelnde Frau von ehedem, dasselbe nur von halben Pflichten erfüllte Wesen ohne rechte Grundsätze, festen Willen und Thatkraft.
Und dann würde in diesem Falle an sie herantreten, was sie zurückweisen wollte um jeden Preis: die Mildtätigkeit aus seiner Hand. Sie, gerade sie hatte doch einen so großen, ja vielleicht allen Anteil an der entsetzlichen Nacktheit der Dinge nach Carlos' Tode, und Teut war es gewesen, der sie gewarnt und dessen Warnung sie nur ein halbes Ohr geschenkt; er hatte in der Not geholfen und kam nun wieder und mußte helfen, weil sie es nicht verstand, sich einzurichten, immer gleich thöricht und unbeholfen dem Leben gegenüberstand. Scham und Stolz, auch Quellen falscher Scham, falschen Stolzes brachen wieder in ihr auf und ließen sie, wie bisher so oft, den rechten Weg verfehlen.
* * * * *
Am folgenden Vormittage fand sich für Tibet keine Gelegenheit, abermals mit Ange zu sprechen. Er forschte auf ihrem Gesicht, ob das Gespräch des vorhergehenden Abends böse Nachwirkungen zurückgelassen habe, und in der That schien es ihm, als ob ihr Blick ernster als sonst, ihr Morgengruß nicht so warm sei, wie er stets gewesen. Er war voll Ungeduld, mit ihr zu sprechen, um so mehr, als er bisher nur die Vorbereitungen für den Auftrag getroffen hatte, der ihm von Teut geworden war.
Nachmittags gab Ange einer Bitte der Kinder nach, mit ihnen einenSpaziergang zu unternehmen. Sie verständigte Tibet, daß sie zumAbendbrot zurückkehren werde, und machte sich mit ihren Lieblingen aufden Weg zur Wartburg.
Ange sehnte sich selbst hinaus; in der freien Natur hoffte sie besser der sie bestürmenden Gedanken Herr zu werden und zu irgend einem Entschlusse zu gelangen, der Teut wenigstens bewies, daß sie ihm nicht teilnahmlos gegenüberstand.
Niemals war ihr der Sommer so schön erschienen wie in diesem Jahre. Die Bäume standen in blütenschwerer Fülle, und als sie den Weg zur Wartburg hinaufstiegen, hemmte sie immer von neuem ihre Schritte, um ihre Blicke ringsum auf die Gegend zu werfen, oder bei Lichtpunkten auf das vor ihnen liegende Thal hinabzuschauen.
Ange wohnte vor der Stadt in einer von ihrem Auslugepunkte linksseitig belegenen kleinen Villa. Auch heute ruhten die Kinder nicht eher, als bis die unter dem Grün hervorschimmernden weißen Mauern herausgesucht und alle Einzelheiten festgestellt worden waren.
Als sie die Burg fast erreicht hatten, streiften sie bei einer Wegwendung einen älteren Herrn, vor dem Ben und Fred eilfertig die Mütze zogen und der freundlich dankte. Bei dieser Gelegenheit entglitt jenem der Spazierstock, und die Kinder eilten herzu, um denselben aufzuheben.
„Dank, liebe Kinder! Ah, Ben und Fred Clairefort!“ sagte er. „Seid Ihr alle kleine Claireforts?“ fuhr er fort und lüftete, gegen Ange gewendet, den Hut und verbeugte sich artig.
„Es ist unser Herr Direktor, Mama,“ flüsterte Fred und forderte Ange durch Zeichen und Geberden auf, stehen zu bleiben.
Inzwischen war der Herr selbst schon näher getreten und sagte mit ausnehmender Höflichkeit:
„Ich habe wohl die Ehre, der Frau Gräfin von Clairefort gegenüberstehen?“
Ange bejahte, und bald entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, dem die Kinder, nach kleiner Menschen Art, neugierig und mit halb offenem Munde zuhörten. Als aber auf die beiden Knaben die Rede kam, ihres Fleißes und ihrer Fortschritte gedacht ward, verscheuchte Ange sie durch einen Blick, und sie traten beiseite. Beim endlichen Abschied drängte es sie, dem Direktor noch einige Worte zu sagen.
„Ich habe Ihnen schon schriftlich meinen Dank ausgesprochen für die große Güte, die Sie mir erwiesen haben, Herr Direktor. Gestatten Sie, daß ich Ihnen diesen für Ihre Befürwortung und die mir dadurch entstandene Erleichterung auch mündlich wiederhole.“
Der Direktor blickte überrascht empor, und da er offenbar nicht verstand, worauf Ange hinzielte, zuckte er unter einigen darauf bezüglichen Worten die Achseln.
„Ich bitte, gnädige Frau, ich verstehe nicht ganz. MeineBefürwortung?—Ihr Brief?—Ich habe keinen solchen erhalten.“
„Ich spreche von der Erlassung des Schulgeldes für meine Knaben, HerrDirektor; Sie erinnern sich, daß Sie die Freundlichkeit hatten—“
„Hier liegt wohl ein Irrtum vor, gnädige Frau,“ berichtigte jener mit höflicher Wendung. „Es ist nach dieser Richtung von Ihnen nie ein Antrag gestellt worden, wenigstens mir nicht zugekommen, Frau Gräfin. Wohl aber hat Ihr Bevollmächtigter seiner Zeit das Schulgeld auf Ihren besonderen Wunsch für das ganze Semester berichtigt.“
Ange war so verwirrt, daß sie im ersten Augenblick nicht zu sprechen vermochte; die Röte höchster Verlegenheit stieg ihr in die Wangen. Dann aber brach sie mit einem gezwungenen Lächeln und wie unter plötzlichem Besinnen das Gespräch ab und sagte: „Ach, ganz recht. Es war allerdings—ein—Irrtum meinerseits!“
Noch wenige Sekunden, dann war der Direktor auf dem der Stadt zugewendeten Wege verschwunden und Ange mit ihren Kindern auf dem Weitermarsche nach der Burg.
Dieser Zwischenfall weckte in Anges Innerem ein solches Heer von widerstreitenden Empfindungen, daß sie zerstreut und völlig wortlos neben ihrer kleinen Schar einherschritt.
Das gestrige Gespräch mit Tibet und nun diese Eröffnung! Was würde sie alles erfahren! Sie konnte es nicht erwarten, nach Hause zurückzukehren, und nur die Rücksicht auf die Kinder veranlaßt sie, den Spaziergang fortzusetzen.—
Nach dem Abendbrot—die Kleinen waren früh ins Bett geschickt—ersuchte Ange Tibet unter dem Vorwande zu bleiben, daß sie noch einige Fragen an ihn zu richten habe. Auf Tibet hatte es den ganzen Tag wie eine schwere Last gelegen, und einmal hatte er es schon verwünscht, Teuts Auftrag übernommen zu haben. Dennoch ergriff er nach einem kurzen Vorgespräch zuerst wieder das Wort in dieser Angelegenheit.
„Ich wollte gestern noch hinzufügen,“ begann er, und suchte eine unbefangene Miene anzunehmen, „daß der Herr Baron der Frau Gräfin den Vorschlag macht, die Sommerferien auf Schloß Eder zuzubringen. Der Herr Baron ging namentlich davon aus, daß dies den Kindern Freude machen werde.“ Tibet forschte in Anges Gesicht. „Und auch der Gräfin sei, wie der Herr Baron meinte, Luftveränderung und Ruhe nach den Aufregungen und Anstrengungen sicher außerordentlich förderlich. Der Herr Baron bittet die Frau Gräfin dringend, diese Einladung annehmen zu wollen.“
„Tibet!“ sagte Ange, schüttelte den Kopf und sah den Mann mit demselben vorwurfsvollen Blick an wie am gestrigen Tage.
„Frau Gräfin?“
„Was hatten Sie mir versprochen? Was hielten Sie selbst, nach meinen Auseinanderlegen und Ihrer damaligen Miene nach zu deuten, für richtig? deshalb schenkte ich Ihnen mein Vertrauen—ein Vertrauen, das sich nicht auf oberflächliche Erklärungen beschränkte, sondern auch die Gründe entwickelte? Nur einem Freunde öffnet man sein Herz, wie ich es gethan. Sie haben mich hintergangen, Sie haben gegen meinen Willen gehandelt, Sie haben mich betrogen. Und da Sie mich betrogen haben, verliere ich den Glauben an die Menschheit. Ich glaube nichts—nichts mehr!“
Bei den letzten Worten erhob sich Ange, die in steigender Erregung gesprochen hatte, trat an ihren Schreibtisch und blieb dort abgewendet und von ihren Gefühlen überwältigt, stehen.
Tibet war blaß geworden und zerrte an den Knöpfen seines Rockes. Er wollte sprechen, aber er vermochte es nicht.
„Ihre Anschuldigungen, Frau Gräfin, sind so schwere,“ stieß er endlich heraus, „daß ich vergeblich nach Worten ringe. Um mich verteidigen zu können, bitte ich, mir nähere Aufklärungen geben zu wollen. Was habe ich gethan, um Vertrauen und Freundschaft zu verlieren? Ja, es ist wahr, ich habe einen Auftrag von dem Herrn Baron entgegengenommen, und ich habe nicht gezögert, mich desselben zu entledigen, weil der Vorschlag nach meiner unmaßgeblichen Ansicht ein guter, der Frau Gräfin und den Kindern ein nützlicher war. Daß aber die Frau Gräfin daraus—“
„Ach, reden wir endlich deutsch! Gehen wir nicht ferner um das Wesen der Sache herum!“ fiel Ange Tibet heftig in die Rede. „Sie wissen so gut wie ich, worin der Schwerpunkt liegt! Sie sind sich wohl bewußt, weshalb ich erregt, erschreckt, empört bin! Werfen Sie die Maske endlich ab, Tibet, seien Sie wenigstens jetzt ehrlich und gestehen Sie, daß Sie Teuts Agent sind, daß Sie von ihm Verhaltungsmaßregeln empfingen in Angelegenheiten, die ich abzuweisen suchte mit allen Mitteln, in Angelegenheiten, welche hervorgingen aus zartester Empfindung und deshalb von Ihnen hätten geachtet werden sollen als etwas Heiliges! Ja, ja, jetzt glaubt man mir das alles bieten zu können! Hätten Sie gewagt, gegen meine Befehle, gegen meine Bitten zu handeln, als ich noch die gebietende, von Reichtum umgebene Frau von Clairefort war? Nein, sicher nein! Aber nun, da ich arm, verlassen und durch die Verhältnisse gedemütigt bin, glauben Sie das Recht einer Bevormundung gewonnen zu haben, meinen Sie, mir Ihre unzarten Dienstleistungen aufdrängen zu dürfen—“ Sie hörte Tibets raschen Atem, sah sein erregtes Gesicht und fuhr doch fort: „Also richtig war meine Ahnung und allzusehr traf ein, was ich fürchtete, obgleich ich mir schon vorwarf, diese Dinge zu viel und zu oft berührt zu haben! Nun erfahren Sie es nochmals, obgleich es das A und O aller meiner Gespräche war, die ich mit Ihnen pflog: nicht als etwas Gutes, Dankenswertes sehe ich das alles an, sondern als etwas Unwürdiges, Beleidigendes!—Ehrlos—ja, ehrlos handelten Sie, wenn Sie mich gegen meinen Wunsch und Befehl nach Ihren eigenen kleinlichen Auffassungen zu messen sich erdreisteten und danach handelten!“
„Frau Gräfin! Frau Gräfin!“ drang's aus Tibets Munde, und wie einst, als Carlos gestorben war und ihn Anges beleidigte Worte trafen, stand er bebend am ganzen Leibe. „Ehrlos—sagen Sie? Ehrlos?—Nun, dann darf ich in der Folge Ihre Schwelle nicht mehr berühren! In dies reine Haus darf kein Ehrloser treten!“