Mehrere Monate gehörten dazu, bis Frau v. Falkensee sich völlig erholte. Unterdessen war die glückliche Veränderung mit Tellheims vorgegangen, und durch die Töchter veranlaßt, traten die Mütter ebenfalls in ein freundschaftliches Verhältnis zu einander. Frau Tellheim war es auch werth, die Freundin einer so vorzüglichen Frau, wie die Baronin war, zu werden, diese und jene schmerzte es nur, daß der Genuß des persönlichen Umgangs bald für sie verloren ging, weil die Verhältnisse der Ersteren, wie schon gesagt wurde, dieselbe wieder in ihre Vaterstadt riefen.
Doch ehe dies geschah, bald nach der Genesung beider Frauen feierten sie noch ein schönesFest, welches sie Wollmanns thätiger Theilnahme hauptsächlich zu verdanken hatten. Er war nicht nur Arzt und Menschenfreund, wie wir ihn schon kennen lernten, sondern er besaß für alles Gute und Schöne ein reges Gefühl, und dieser Sinn sprach sich bei allen seinen, mehr oder minder wichtigen Handlungen aus. In einer glücklichen Ehe lebend, gehörte er und seine würdige Gattin zu Falkensee's Hausfreunden, und Frau Tellheim durfte jetzt im Glück, wie ehedem im Unglück auf die Fortdauer seiner freundschaftlichen Gesinnungen rechnen. Seine Freude über ihre ihm gelungene Herstellung, so wie über die der Majorin war innig und aufrichtig, und sie drängte ihn, auch öffentlich dieselbe an den Tag zu legen. Bei einem seiner lezten ärztlichen Besuche, welche er bei Frau v. Falkensee abstattete, nahm er seinen kleinen Liebling – Emma – bei Seite, und theilte ihr seinen Plan mit: durch ihre und der Geschwister Mitwirkung ein Genesungsfest zu bewerkstelligen, dessen Feier, in einem, von den Kindern gegebenen, und von ihm verfertigten kleinen Schauspiel bestehen solle. Hoch erfreut vernahm die Kleine diesen Plan, und versprachmit Hand und Mund des freundlichen Wollmanns Forderungen zu befriedigen. Herr v. Falkensee wurde natürlich auch mit in den Rath gezogen, und ertheilte der Idee seines Freundes vollen Beifall. Wollmann bot seine Wohnung zur Ausführung ihres Unternehmens an, und er und seine Gattin sorgten unermüdet thätig für alle Erfordernisse dazu. An dem dazu bestimmten Abend versammelte sich bei dem Arzte die ganze Gesellschaft. Er hatte ausser Tellheims und Falkensee's noch einige Freunde mit ihren Familien eingeladen, unter denen sich auch Sinthals und Krause befanden, da er bei seinem Plan auf die Anwesenheit Thekla's und Malwinens, so wie auf die, einiger Söhne seiner Bekannten rechnete. Doch wurden diese mit ihren Rollen, welche unbedeutend waren, erst bei ihrem Erscheinen bekannt gemacht. – Als Alles gehörig vorbereitet war, und die jungen Leute sich schon länger entfernt hatten, führte der Hauswirth die Väter und Mütter in einen geräumigen Saal, welcher sehr zweckmäßig in ein Schauspielhaus umgewandelt worden war. Man nahm Plaz, und darauf rauschte der Vorhang in die Höhe; und Emma stand dain wunderlieblicher, mädchenhafter Schüchternheit, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, und nachdem sie sich die gehörige Faßung errungen hatte, sprach sie mit vielem Ausdruck und ohne Anstoß folgende Strophen:
Ihr lieben Herrn und Damen!Vernehmt, was Euch hieher berief: –Der Schreckenszeit entronnenWo Angst und Gram das Herz ergriffEmpfinden wir nun WonneDaß die Gefahr entschwunden ist.Und was aus tiefer SeeleIn Freudenströmen überfließt,Das bitten wir zu theilenMit uns, die wir alleine nichtIm Stande sind zu tragenDes Glückes Sonne strahlend Licht.Drum hört geneigt, und tadelt strenge nichtWas ungekünstelt Kindesliebe spricht.
Ihr lieben Herrn und Damen!Vernehmt, was Euch hieher berief: –Der Schreckenszeit entronnenWo Angst und Gram das Herz ergriffEmpfinden wir nun WonneDaß die Gefahr entschwunden ist.Und was aus tiefer SeeleIn Freudenströmen überfließt,Das bitten wir zu theilenMit uns, die wir alleine nichtIm Stande sind zu tragenDes Glückes Sonne strahlend Licht.Drum hört geneigt, und tadelt strenge nichtWas ungekünstelt Kindesliebe spricht.
Ihr lieben Herrn und Damen!Vernehmt, was Euch hieher berief: –Der Schreckenszeit entronnenWo Angst und Gram das Herz ergriffEmpfinden wir nun WonneDaß die Gefahr entschwunden ist.Und was aus tiefer SeeleIn Freudenströmen überfließt,Das bitten wir zu theilenMit uns, die wir alleine nichtIm Stande sind zu tragenDes Glückes Sonne strahlend Licht.Drum hört geneigt, und tadelt strenge nichtWas ungekünstelt Kindesliebe spricht.
Ihr lieben Herrn und Damen!
Vernehmt, was Euch hieher berief: –
Der Schreckenszeit entronnen
Wo Angst und Gram das Herz ergriff
Empfinden wir nun Wonne
Daß die Gefahr entschwunden ist.
Und was aus tiefer Seele
In Freudenströmen überfließt,
Das bitten wir zu theilen
Mit uns, die wir alleine nicht
Im Stande sind zu tragen
Des Glückes Sonne strahlend Licht.
Drum hört geneigt, und tadelt strenge nicht
Was ungekünstelt Kindesliebe spricht.
Mit einer anständigen Verbeugung endigte sie, und der Vorhang sank. »War dies Emma oder Bertha?« So ging ein Flüstern durch die Versammlung der Zuschauer und selbst Herr und Frau v. Falkensee waren ihrer Sache nicht gewiß. »Dem sey, wie ihm wolle,« ließ sich wiedereine leise Stimme vernehmen – »Emma oder Bertha – gleich viel! Die Kleine lößte unbestreitbar ihre Aufgabe recht gut.« »Ja, ja!« bestättigten mehrere; und Jedermann harrte mit gespannter Erwartung des weitern Erfolgs. Da wurde abermals der Vorhang aufgezogen und es erschien Franz, welcher mit einem tiefen Bückling dem Publikum verkündigte daß –
die Mädchengesandtschaft
Ein Schauspiel in 3 Aufzügen gegeben würde.
(Bis zum Anfang des Stücks, und in den Zwischenräumen unterhielt – ebenfalls auf Wollmanns Veranstaltung – eine hübsche Musik die Versammlung, doch immer waren die Blicke nach dem Vorhang gerichtet, mit dem geheimen Wunsch, daß er sich öffne, und die kleinen Schauspieler sich zeigen möchten.) Endlich erscholl die Klingel und dererste Aufzugbegann:
Franz erscheint im Feströckchen, und besieht sich mit Wohlgefallen im Spiegel, mustert jedes Stück seiner Kleidung, bürstet sie sorgfältig und reibt das braune Lockenhaar. Dabei hält er folgendes Selbstgespräch:
»Gewiß, es ist nicht zu läugnen – Franz ist ein bildschöner Junge, und der Anzug paßt und steht ihm allerliebst! Aber es verlohnt sich auch der Mühe sich zu putzen. EinAbgesandterzu seyn – das ist keine kleine Ehre! und wem gilt die Aufwartung? – Einem weltberühmten Manne! Wie muß es ihm schmeicheln, daß selbst die Jugend seine Verdienste anerkennt! Gut ist es übrigens, daß meine Mitschüler mich gewählt haben, ich werde ihnen als Redner keine Schande zuziehen – Allons Franz! wiederhole deine Aufgabe.« –
Er übt sich vor dem Spiegel in Reverenzen, räuspert sich einige male und beginnt: »Angestaunter, preiswürdiger, hochverehrter Meister aller Meister in der Tonkunst!« –
(Bertha war schon länger, Franz unbemerkt, ins Zimmer geschlichen, und hatte ihn belauscht; jetzt konnte sie das Lachen nicht mehr zurückhalten, und Franz erschrack, daß seiner Hand der Hut entfiel, und er ein lautes:
»Ach!« hervorsties.)
Bertha: »Aber sag mir nur einmal Brüderchen, was in aller Welt soll dies bedeuten? Washast Du denn vor, und wie eitel geberdet sich das Herrchen?«
Franz, zürnend: »Verlaß mich du unnüzes Ding! Gerade jezt kommst du mir in die Quere, und erschreckst mich, daß ich zittere.«
Bertha, schmeichelnd: »Sey nicht böse Franz! ich that dies nicht mit Absicht, aber schon eine ernstere Person als ich hätte deine Grimassen und steifen Krazfüsse nicht ohne Lachen mit ansehen können, und nun erst die lachlustige Bertha! – nein, um keinen Preis wäre es mir möglich gewesen. Doch erkläre mir nur, warum Du Dich so stattlich aufgepuzt hast und Dich aufbläst wie ein Truthähnchen. Wer ist denn der Glückliche dem Du deinen Besuch abstatten, und so hochtrabend ansprechen willst?«
Franz: »Ei was verstehst Du davon, was sich schickt, und was sich nicht schickt. Wenn ich als Abgesandter einem berühmten Virtuos aufwarte, dann kann ich nicht im Alltagsjäckchen hinlaufen, und ohne Wahl im Ausdruck mich gegen ihn aussprechen. Dazumuß man vorbereitet seyn, und den Anstand beobachten.«
Bertha: »Freilich, wann Du erwachsen wärst, ließ sich dies hören, aber ein Knabe, und ein Abgesandter, wie reimt sich wohl das? und wer sendet dich denn?«
Franz: »Meine ganze ansehnliche Schule, die gestern mit mir dem Conzert beiwohnte, das der große Violinspieler Marko im Gasthaus zur goldnen Rose gab. Wir Alle waren entzückt über das Spiel des unvergleichlichen Meister, und beschlossen nun, daß eine Gesandschaft von uns zu jenem sich heute begeben, und ihm unser Wohlgefallen versichern solle. Mich – (er wirft sich in die Brust) erkohr einstimmige Wahl zum Redner, und eben wollte ich meine Aufgabe wiederholen, als Du mich störtest.«
Bertha: (rückt Franz vertraulich näher; legte die Hand auf seinen Arm und raunt ihm halb laut ins Ohr:)»Du gehst auf Stelzen Fränzchen! Gieb Acht daß Du nicht purzelst. Höre, ich bin nur ein einfältiges Mädchen, aber das seheich wohl ein: daß ihr Knaben eingebildete Herrchen, und euer Einfall eine Thorheit ist. Der Künstler bedarfEuresLobs nicht, und kann Euch unfreundlich abweisen. Ich bitte dich Brüderchen, nimm nicht Theil an der Sache, Du erndest keine Ehre davon.«
Franz: »O über die wohlweise Fräulein Schwester! ich muß dich bitten, deine Rathschläge für dich zu behalten. – Aha! da kommen sie ja, mich abzuholen.«
(Er eilt zum Zimmer hinaus, und in der geöffneten Thüre werden mehrere gepuzte Knaben sichtbar, die jenen in ihrer Mitte fortführen.)
2ter Auftritt.
(Bertha wirft sich auf einen Sessel, legt die gefaltenen Hände in den Schoos, und blickt lange noch dem entschwundenen Bruder nach. Endlich spricht sie:)
»Da geht er hin, um sich lächerlich zu machen, der kleine Thor! Nun, wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen. Indessen würde er mich dennoch herzlich dauern, wenn er von seinem Beginnen Aerger und Verdruß haben sollte.Er ist ja mein Bruder, und alles was ihn betrift, Freude und Leid fühlt Schwesterchen Bertha lebhaft mit ihm. Doch – (springt von ihrem Sitz auf) doch warum gräme ich mich um ungewisse Dinge? Herr Marko kann ja auch artiger seyn als ich denke. Nein ich will mich in meiner fröhlichen Laune nicht stören lassen. Ist doch mein Mütterchen wieder gesund und heiter, daher soll und kann mich nichts verstimmen.«
(Sie reibt sich vergnügt die Hände, und hüpft singend gegen die Thüre.)
3ter Auftritt.
(Lidy tritt herein und sagt:)
»Die Stimme der lustigen Bertha hört man im Hause weit und breit ertönen – sprich was macht Dich denn so überfroh?«
Bertha: »Und Du kannst noch fragen,DuLidy die Du eine gleiche Erfahrung gemacht hast! die Genesung der theuern Mutter ist es, die mich durch und durch entzückt, daß ich wie ein fröhliches Vögelein eine Sangesweise um die andere anstimme.«
Lidy: »Ja, ja, du hast Recht liebe Bertha. Wir Alle haben Ursache mit frohem Muthe Gottzu danken; denn wie ich höre wollen unsere lieben Mütter nächsten Sonntag den ersten Ausgang in die Kirche unternehmen; da kam mir der Gedanke: wir sollten, ehe dies geschieht, ihre Wiederherstellung durch ein kindliches Fest vereint feiern. Wie meinst Du Bertha?«
Bertha: (Fällt ihr mit stürmischer Freude um den Hals, und ruft:) »o laß Dich herzen und küssen für diesen goldnen Einfall. Ja, ja! das wollen wir. Hast Du auch schon mit Emma gesprochen, und was sagt diese dazu?«
Lidy: »Ich suchte sie, aber fand sie nicht. Komm Bertha wir wollen beide nach ihr gehen, und unsern Plan und Wunsch ihr mittheilen.«
(Sie gehen ab, und der Vorhang fällt.)
2ter Aufzug.
1ster Auftritt.
(Franz sizt an einem Tisch; den Kopf auf beide Hände gestüzt und seufzt einigemale laut auf. Dann spricht er in abgebrochenen Sätzen in sich hinein:)
»Der undankbare Mensch! – der stolzeKünstler! – Hätte ich mich doch nicht überreden lassen, mit zu gehen! – Bertha hatte Recht! – O wie schäme ich mich vor ihr!« –
2ter Auftritt.
Emma und Franz.
(Emma nähert sich besorgt dem Bruder, zieht ihm die eine Hand vom Gesichte weg, und sieht ihm theilnehmend ins thränende Auge. Dann sagt sie:)
»Mein Gott! Brüderchen was fehlt Dir denn, warum bist Du so verstimmt?«
Franz ärgerlich: »laß mich Emma, Du kannst mir doch nicht helfen.«
Emma: »Nein, nein, Du darfst mich nicht so schnöde abweisen. Eine gute Schwester hat immer das Recht nach dem Kummer des Brüderleins zu fragen, und dieser ist verpflichtet, hübsch ordentlich darauf zu antworten. Also sprich Fränzchen, was quält und betrübt Dich?«
(Franz durch Emma's sanftes Zureden erweicht, bricht in Thränen aus, und erwiedert:)
»Die Schande schmerzt mich, die Schandeabgewiesen worden zu sehn, wo ich es nicht erwartete.«
Emma: »Ei so erzähle doch nur, ich weiß ja nicht, woran ich bin.«
Franz: »Bertha hat Dir also nicht mitgetheilt, daß ich mit noch einigen Freunden abgesendet wurde, Herrn Marko für sein gestriges herrliches Conzert in unser aller Namen Dank und Lob zu bringen, und ich war erwählt die Anrede an ihn zu halten; allein denke Dir nur: als wir hinkamen, und er durch seinen Diener unser Vorhaben vernahm, ließ er uns wissen: wir möchten gleich wieder umkehren, Knaben-Lob nähme er für Tadel. Nun urtheile Schwesterchen ob ich nicht über diese Erfahrung mich halb zu Tode grämen soll.«
Emma: »Ei das lasse wohl bleiben Du Närrchen, und – im Vertrauen gesagt, wärst du weniger eingebildet gewesen, so hätte dir dies nicht begegnen können: Doch es ist vorbei und so schlage Dir es aus dem Sinne, hörst Du?«
Franz: »Ach wie kann ich dies? es ist schwer zu verschmerzen.«
Emma: »Nicht doch Franz! ich will Dir gleich etwas mittheilen, über das Du als guter Sohn Dich aufrichtig freuen, und Marko, deine Rede und Kameraden ja alles Unangenehme leicht vergessen wirst.«
Franz: »Du machst mich neugierig, sprich, was ists.«
Emma: »Schwester Bertha, Lidy und ich, wir haben beschloßen, unserer lieben Mutter Genesung zu feiern. Wie? das sollst Du gleich hernach erfahren, denn ich werde jenen sagen: daß sie Dich, als unsern guten Bruder auch Antheil nehmen lassen müssen. Komm nur, komm!« –
(Beide gehen ab; der Vorhang fällt.)
3ter Aufzug.
(Im Hintergrund sieht man einen Kreis weißgekleideter Mädchen, unter ihnen Emma, Bertha, und Lidy. Sie sind eifrig beschäftigt Blumengewinde zu flechten. Franz ist ihnen dazu behülflich, indem er aus mehreren Körbchen taugliche Blumen heraus sucht, und sie jenen hinreicht.Weiter vorne, in der Mitte der Bühne, steht ein kleiner, mit Blumen bekränzter Altar.)
(Emma und Bertha erscheinen nun, eine fertige große Guirlande tragend, in dem Vordergrund und Erstere spricht:)
»Wo Freundschaft und Liebe sich vereinigt, muß jeder schöne Plan gelingen. Und so hat auch dieses Gewinde seine Entstehung erhalten. Unsere Freundinnen haben wacker geholfen, aber alle sind ja auch der guten Mutter Dank für ihre Freundlichkeit und Aeusserungen der Freude über ihre Genesung schuldig; und wir? – O könnte jedes Blättchen sprechen, dennoch würden die Gefühle nicht erschöpfend geschildert werden können, die für die Theure unser Inneres beleben.« (Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz von der Bühne herab, nähern sich der Mutter, umschlingen sie mit der Guirlande, und rufen mit einer, von frohen Rührungsthränen erstickten Stimme:)
Heil der Genesenen!
(Eine lange heiße Umarmung folgt darauf, in welcher nur einzelne zärtliche Worte den mütterlichen und kindlichen Lippen entschlüpfen. Dannkehren die Geschwister auf die Bühne zurück und nun folgt Lidy begleitet von Emma und den andern Mädchen, und umschlingt mit Hülfe ersterer ihre Mutter, mit dem zweiten Blumengewinde, und ihr Ausruf:
»Heil der Geretteten!«
veranlaßt eine heftige Bewegung in der Seele jener, welche sich beim innigen Kusse der Tochter, in strömenden Thränen ausspricht. Dann zieht sich Lidy mit ihren Begleitern auf die Bühne zurück, alle Kinder bilden auf derselben einen Halbzirkel, und Franz, welcher vortritt, spricht folgende Verse:
»Vorhin, als Abgesandten einer kleinen Schaar,Ward eine herbe Täuschung mir zu Theil;Da nahm mich tröstend auf das Schwesternpaar,Und bald war die erhaltene Wunde heil.Denn nun auch beigesellt mit voller Ehre,Derweiblichen Gesandtschaftkleinem Kreis,Hab ich zu fürchten nichts, was feindlich störe,DiereineLust – derLiebeschönen Preis.Wer aber sandte uns, um zu erscheinenIm feierlichen Zuge bei den Theuern?Wer hieß uns fröhlich uns vereinen,Um das Genesungsfest beglückt zu feiern?DieDankbarkeitist es, dieKindesliebe!Und heilig war uns allen ihr Gebot:Nach überstandner Angst und Noth,Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen.Ach wie ganz anders war mir da zu Muth!Ich stund vor meines Lebens höchstem GutUnd statt, wie dort gar schnöde abgewiesenErwarteten uns hier der Freuden viel;Denn die melodischen, die süßen Töne,Die aus der Seele treuer Mutter fließen,Sie übertreffen jedes Künstlers Spiel.Und an dem liebereichen Herzen ruhend,Das stets mit Wärme für uns schlägt,Und sanfte Rührung jezt bewegt,Gewährte uns ein süßer KußDen schönsten, lohnendsten Genuß.Habt Dank! für diesen Augenblick,Der uns beseligte mit stiller Wonne.Habt Dank! daß eure Liebe unser GlückErhöht und mehrt, so oft die MorgensonneUns winkt mir ihrem Strahlenlicht.Und nun o Schwestern – Freundinnen! – noch eine PflichtBleibt zu erfüllen uns: Ja kniet mit mirDort an dem heiligen Altare nieder!Das Opfer unsers Dankes bringen wirDem guten Gott, daß er die Theuern wiederAufs Neu uns schenkte. Unser frommes LallenVernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.«
»Vorhin, als Abgesandten einer kleinen Schaar,Ward eine herbe Täuschung mir zu Theil;Da nahm mich tröstend auf das Schwesternpaar,Und bald war die erhaltene Wunde heil.Denn nun auch beigesellt mit voller Ehre,Derweiblichen Gesandtschaftkleinem Kreis,Hab ich zu fürchten nichts, was feindlich störe,DiereineLust – derLiebeschönen Preis.Wer aber sandte uns, um zu erscheinenIm feierlichen Zuge bei den Theuern?Wer hieß uns fröhlich uns vereinen,Um das Genesungsfest beglückt zu feiern?DieDankbarkeitist es, dieKindesliebe!Und heilig war uns allen ihr Gebot:Nach überstandner Angst und Noth,Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen.Ach wie ganz anders war mir da zu Muth!Ich stund vor meines Lebens höchstem GutUnd statt, wie dort gar schnöde abgewiesenErwarteten uns hier der Freuden viel;Denn die melodischen, die süßen Töne,Die aus der Seele treuer Mutter fließen,Sie übertreffen jedes Künstlers Spiel.Und an dem liebereichen Herzen ruhend,Das stets mit Wärme für uns schlägt,Und sanfte Rührung jezt bewegt,Gewährte uns ein süßer KußDen schönsten, lohnendsten Genuß.Habt Dank! für diesen Augenblick,Der uns beseligte mit stiller Wonne.Habt Dank! daß eure Liebe unser GlückErhöht und mehrt, so oft die MorgensonneUns winkt mir ihrem Strahlenlicht.Und nun o Schwestern – Freundinnen! – noch eine PflichtBleibt zu erfüllen uns: Ja kniet mit mirDort an dem heiligen Altare nieder!Das Opfer unsers Dankes bringen wirDem guten Gott, daß er die Theuern wiederAufs Neu uns schenkte. Unser frommes LallenVernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.«
»Vorhin, als Abgesandten einer kleinen Schaar,Ward eine herbe Täuschung mir zu Theil;Da nahm mich tröstend auf das Schwesternpaar,Und bald war die erhaltene Wunde heil.Denn nun auch beigesellt mit voller Ehre,Derweiblichen Gesandtschaftkleinem Kreis,Hab ich zu fürchten nichts, was feindlich störe,DiereineLust – derLiebeschönen Preis.Wer aber sandte uns, um zu erscheinenIm feierlichen Zuge bei den Theuern?Wer hieß uns fröhlich uns vereinen,Um das Genesungsfest beglückt zu feiern?DieDankbarkeitist es, dieKindesliebe!Und heilig war uns allen ihr Gebot:Nach überstandner Angst und Noth,Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen.Ach wie ganz anders war mir da zu Muth!Ich stund vor meines Lebens höchstem GutUnd statt, wie dort gar schnöde abgewiesenErwarteten uns hier der Freuden viel;Denn die melodischen, die süßen Töne,Die aus der Seele treuer Mutter fließen,Sie übertreffen jedes Künstlers Spiel.Und an dem liebereichen Herzen ruhend,Das stets mit Wärme für uns schlägt,Und sanfte Rührung jezt bewegt,Gewährte uns ein süßer KußDen schönsten, lohnendsten Genuß.Habt Dank! für diesen Augenblick,Der uns beseligte mit stiller Wonne.Habt Dank! daß eure Liebe unser GlückErhöht und mehrt, so oft die MorgensonneUns winkt mir ihrem Strahlenlicht.Und nun o Schwestern – Freundinnen! – noch eine PflichtBleibt zu erfüllen uns: Ja kniet mit mirDort an dem heiligen Altare nieder!Das Opfer unsers Dankes bringen wirDem guten Gott, daß er die Theuern wiederAufs Neu uns schenkte. Unser frommes LallenVernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.«
»Vorhin, als Abgesandten einer kleinen Schaar,
Ward eine herbe Täuschung mir zu Theil;
Da nahm mich tröstend auf das Schwesternpaar,
Und bald war die erhaltene Wunde heil.
Denn nun auch beigesellt mit voller Ehre,
Derweiblichen Gesandtschaftkleinem Kreis,
Hab ich zu fürchten nichts, was feindlich störe,
DiereineLust – derLiebeschönen Preis.
Wer aber sandte uns, um zu erscheinen
Im feierlichen Zuge bei den Theuern?
Wer hieß uns fröhlich uns vereinen,
Um das Genesungsfest beglückt zu feiern?
DieDankbarkeitist es, dieKindesliebe!
Und heilig war uns allen ihr Gebot:
Nach überstandner Angst und Noth,
Euch vielgeliebte Mütter zu begrüßen.
Ach wie ganz anders war mir da zu Muth!
Ich stund vor meines Lebens höchstem Gut
Und statt, wie dort gar schnöde abgewiesen
Erwarteten uns hier der Freuden viel;
Denn die melodischen, die süßen Töne,
Die aus der Seele treuer Mutter fließen,
Sie übertreffen jedes Künstlers Spiel.
Und an dem liebereichen Herzen ruhend,
Das stets mit Wärme für uns schlägt,
Und sanfte Rührung jezt bewegt,
Gewährte uns ein süßer Kuß
Den schönsten, lohnendsten Genuß.
Habt Dank! für diesen Augenblick,
Der uns beseligte mit stiller Wonne.
Habt Dank! daß eure Liebe unser Glück
Erhöht und mehrt, so oft die Morgensonne
Uns winkt mir ihrem Strahlenlicht.
Und nun o Schwestern – Freundinnen! – noch eine Pflicht
Bleibt zu erfüllen uns: Ja kniet mit mir
Dort an dem heiligen Altare nieder!
Das Opfer unsers Dankes bringen wir
Dem guten Gott, daß er die Theuern wieder
Aufs Neu uns schenkte. Unser frommes Lallen
Vernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.«
(Die Kinder umgeben knieend den Altar, und der Vorhang fällt.)
Zur gänzlichen Herstellung wurde der Baronin vom Arzte eine Badereise verordnet, und noch im Spätsommer des Jahrs von derselben mit Gatten und Kindern angetreten. Groß war die Freude und Erwartung der Mädchen, als sie die frohe Kunde erhielten: daß sie die Mutter begleiten dürften, und schon die Zurüstungen, welche die ziemlich weite Reise erforderte, gewährte ihnen einen süßen Vorgenuß. Lange Zeit unterhielten sich die Schwestern, wenn sie des Nachts in ihr Schlafstübchen kamen, bis der Schlummer ihr Auge schloß, von Nichts, als von dem Vergnügen, das ihnen in kurzem bevorstund, und malten sich dasselbe mit lebhaften, und wunderlieblichen Farben, welche ihnen theils ihre Einbildungskraft, theils Schilderungen des Orts,der das Ziel ihrer Reise war, und die sie von Erwachsenen hörten, verlieh; ja nicht selten wurden diese Gespräche in ihre Träume mit verwebt, welche sie sich dann bei ihrem Erwachen ungesäumt mittheilten. Nur daß der liebe Bruder Franz ihrer, zu hoffenden Genüsse sich nicht auch zu getrösten hatte, dies war ein trauriger Gedanke für sie; allein die Versäumniß in der Schule wäre für ihn zu nachtheilig durch die lange Abwesenheit geworden, als daß die Aeltern seinen stillen Wunsch hätten erfüllen, und ihn mitnehmen können. Er wurde bei einem Freund seines Vaters so lange in die Kost gegeben, und da Jener mehrere Söhne hatte, mit denen er sich gut verstand, so versprach er sich von diesem Aufenthalt auch manche Freude, und verschmerzte leichter die unvermeidliche Entbehrung.
Die Seinigen reißten ab, und Bertha und Emma waren ganz Auge und Ohr, damit ihnen in der neuen Welt, die sich vor ihnen öffnete Nichts entgehen konnte, was ihre Wißbegierde befriedigte. Ja sie hatten schon zu Hause den lieben Vater um die Erlaubniß gebeten, ihn unter Wegs recht viel fragen zu dürfen. Dies wurdeihnen zugestanden, und jener blieb ihnen keine Antwort schuldig. Emma nahm dann öfters ihr Schreibtäfelchen heraus, und bemerkte sich das Wichtigste. Bertha aber meinte: in ihrem Köpfchen hätte dies Alles Plaz, sie brauche nicht, sich die Mühe zu geben und es aufzuschreiben. Bereichert schon mit allerlei erlangten Einsichten und Kenntnissen, langten sie nach 3 Tagen an dem Ort ihrer Bestimmung an, und auch hier brachte ihnen Anfangs fast jede Stunde eine neue Erfahrung; wozu hauptsächlich die Menge der Anwesenden, und noch hinzukommenden Kurgäste das ihrige beitrug; hier sahen sie fast alle Nationen Europa's, lernten fremde Sitten und Gebräuche kennen, begegneten bald da einem unermeßlichen Reichthum, bald dort körperlichem Elende, hier einem Kranken der voll Hoffnung seine Wiederherstellung erwartete, dort einem bekümmerten Zweifler, der kleinmüthig an seiner Rettung verzagte. Die Wirthstafel bot ihnen täglich Veränderungen dar, sowohl in den oft wechselnden Mitgästen, als auch durch die Unterhaltungen, welche daselbst Statt fanden; denn immer erschienen Leute, welche durch Sing und Sang,durch den Vortrag von Romanzen und Liedern, durch Taschenspieler Künste, oder durch den Verkauf allerlei hübscher Sachen das Geld aus der Börse der Kurgäste in ihren Beutel lockten. Oft vergaßen die Mädchen darüber Eßen und Trinken, um alles Neue zu schauen und zu vernehmen, und spendeten willig auch ihr kleines Scherflein, wenn der Teller herum ging, auf dem die Gaben eingesammelt wurden. Traf ein neuer Badegast ein, so verkündigte dies am ersten Abend der musikalische Willkomm, der Jenem von den dortigen Musikern, die sehr vorzüglich waren, zu Theil wurde, und auch dies war eine angenehme Unterhaltung für Emma und Bertha, da sie die Musik sehr liebten; täglich begleiteten sie die Mutter an den Gesundbrunnen, wo das rege Gewühl der Menschen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Auch auf allen nahen und weitern Spaziergängen oder Fahrten nahmen die liebenden Aeltern ihre Töchterchen mit, und die Reize der Natur in jener wunderschönen Gegend gewährte ihnen viel Genuß. Ueberdieß fehlte es ihnen eben so wenig an geselligen Freuden; denn es befanden sich noch mehrere junge Leute an dem Badeort, welche ihre Aeltern oderVerwandte dahin begleitet hatten, und unsere Schwestern fanden manches Mädchen ihres Alters, zu der sie sich hingezogen fühlten, und angenehme Stunden mit ihnen verlebten. Aber sie selbst erregten große Theilnahme unter den anwesenden Kurgästen, und Einwohnern des Orts. Ihre wunderbare Aehnlichkeit, wurde sehr oft angestaunt, ihre Liebe zu einander, ihr angenehmes Aeussere, so wie ihr sittsames und anständiges Benehmen erwarb ihnen allgemeines Wohlgefallen, und lange waren sie das Tagsgespräch, ohne daß die anspruchslosen Kinder es wußten oder vermutheten; denn treulich sorgten Vater und Mutter dafür, daß das schmeichelnde Lob, welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten zu ihren Ohren drang. Ohne es im geringsten zu veranlaßen, erhielt daher auch Bertha durch einstimmige Wahl einstmals einen sehr ehrenvollen Auftrag, und keines der anwesenden Mädchen beneidete sie darum, indem sie durch ihre Gutmüthigkeit die Liebe aller im hohen Grad erlangt hatte.
Gegen das Ende ihres Badeaufenthalts erschall plözlich die Kunde: daß der allgemein geliebte Landesvater für einige Zeit auch ein Badegastwerden wollte. Aufrichtig war die Freude, die darüber laut wurde, und in froher Erwartung schlug jenem jedes Herz entgegen. Mit großer Sorgfalt wurden alle erforderlichen Vorkehrungen zu einer würdigen und bequemen Aufnahme und Beherbergung des hohen Gastes getroffen, und dem Monarchen die schönste Wohnung eingeräumt. Unter den Badbesuchenden war auch ein verdienter General, der für König und Vaterland oft sein Leben aufs Spiel gesezt, und dadurch viele Wunden, die ihm jezt den Gebrauch des Bades nöthig machten, erhalten hatte. Dieser gerieth in fast jugendliche Begeisterung bei der Nachricht: daß sein geliebter Herrscher mit ihmzugleichdie Heilquelle trinken und benüzen wolle, und Tag und Nacht beschäftigte ihn der Gedanke, wie Jener recht feierlich empfangen werden könnte. Er besprach sich mit Falkensee darüber, und beide entwarfen einen schönen Plan, welcher dann der übrigen Badegesellschaft vorgelegt und von dieser mit ungetheiltem Beifall aufgenommen wurde.
Der König liebte es, zuweilen, und besonders auf dem Lande sich zwanglos zu unterhalten, und zu freuen, so sollte denn auch die Festlichkeitden Anstrich einer ländlichen erhalten. Am ersten Abend, nach der Ankunft des Monarchen, warfen sich Herren und Damen, Knaben und Mädchen in geschmackvolle Bauerntracht nach dortiger Landessitte; jedoch die Kleidung war sehr anständig, ja bei Manchen, die es daraufwenden konnten, kostbar zu nennen. Alle begaben sich auf einen runden freien Plaz, welcher mit Buchen und Birken umpflanzt, mit Blumengewinden verziert, und mit einer zahllosen Menge Lampen vielfarbig beleuchtet war. In der Mitte des Plazes erhob sich ein kleiner Tempel, aus Baumstämmchen errichtet, deren obere Zweige künstlich verschlungen, das grüne Dach wölbten. Im Hintergrund erblickte man transparent erhellt, eine Lorberkrone in einem Sternenkranz, und die Worte:
Dem Beglücker seines Volkes!geweihtvon treu ihm ergebenen Landeskindern!
Im Tempel war ein Theil der weiblichen Jugend versammelt; diese aber nicht als Bäuerinen gekleidet, sondern in weißen Gewändern, blau ausgeschmückt. An ihrer Spitze die erwählteBertha, welche dem König auf einem blauseidenen Kissen einige werthvolle Verse, von denen der General der Verfasser war, zu überreichen, und jene zu deklamiren, beauftragt wurde. Den Plaz füllten die verkleideten Landleute, so wie sich auch wirkliche darunter mischten, und fast kein Bewohner des Orts und der Umgegend fehlte. In einiger Entfernung verbarg ein Gebüsch die Musiker, welche beim Erscheinen des Gefeierten das Lied: – »Heil unserm König Heil!« anstimmten, das alle Anwesenden mit einem unnennbar gerührten und frohen Ausdruck absangen. Die Witterung und alle Umstände begünstigten das Unternehmen, und der König war tief bewegt bei diesen Aeusserungen und Beweisen der Liebe und Verehrung seiner Unterthanen. – Freundlich dankend wandte er sich allenthalben hin, und fast jedes der Theilnehmer an diesem Feste konnte sich rühmen: daß sein geliebter Landesherr einige inhaltreiche Worte ihm gespendet habe, welche dem Gedächtnis tief eingeprägt wurden. Besonders ruhte aber der Blick des Königs wohlgefällig auf der holden Jugend, die sich still und bescheiden auf ihrem angewiesenen Plaz verhielt. Er raunteeinem seiner Kammerherrn etwas ins Ohr, worauf sich dieser mit einer Verbeugung entfernte, bald aber zurückkehrte, und dem Monarchen eine kleine Chatoulle einhändigte. Aus dieser beschenkte letzterer nun jedes der Kinder mit einem neugeprägten blanken Thaler, der des Regenten wohlgetroffenes Bildniß trug. Dann nahm er aus dem Kästchen eine Perlenschnur, und schlang sie eigenhändig um Emmas dunkle reiche Haarflechten. Diese verbeugte sich mit Anmuth, küßte des Königs Hand und sagte: »Nicht ich verdiene solche Huld, sondern meine Zwillingsschwester Bertha war es, welche das Glück genoß, Euer Majestät die Verse des guten General Romberg zu überreichen.« Erstaunt blickte der Monarch umher; Emma aber winkte, und Bertha trat zu ihr. »Fürwahr eine täuschende Aehnlichkeit!« rief der König, und fügte bei: »Allein was ich einmal gegeben habe, kann ich doch nicht wieder nehmen; die Schwestern mögen sich gütlich vergleichen.« Mit diesen Worten steckte er an Bertha's Finger ein Diamant-Ringlein, küßte beide Mädchen auf die Stirne, und verließ den Tempel, um auf dem freien Plaz, unter den Anwesendenden Dichter jener Strophen aufzusuchen, und ihm besonders dafür zu danken.
Die festlichen Stunden verstrichen schnell, aber höchst genußreich, und jedes kehrte mit süßen Erinnerungen an dieselben, und mit erhöhter Verehrung für den huldvollen Monarchen in seine Wohnung zurück. Bertha's und Emma's schwesterlichen Einverständniß brachte aber des Königs Geschenk keinen Nachtheil. Die Perlen hatten wohl mehr Werth, als das Ringlein, und Emma wollte jene der Erstern durchaus aufdringen; doch diese ließ sich nicht dazu bewegen, und so blieb es dabei.
Beide verehrten indessen in den erhaltenen Kostbarkeiten ein stets theures Andenken, an den geliebten Landesvater, und an ihre genuß- und folgereiche Badereise.
pag. 150.Die Badereise.
pag. 150.
Die Badereise.
Bertha, obgleich schon 12 Jahre alt, besaß doch noch einen tüchtigen Theil Muthwillen, der sich aber nie heimtükisch sondern entweder im offenen kleinen Krieg mit Geschwistern und Freunden, oder sonst in schuldlosen lustigen Einfällen undStreichen äusserte. Man konnte ihr auch deshalb nicht zürnen nurdastadelte die Mutter, tadelte Emma und Franz an ihr, daß sie in den Kindergesellschaften, an denen des Bruders wegen, auch Knaben oft theilnahmen, sich immer lieber zu diesen als zu den Mädchen hielt. Ja wenn sie auch nicht mehr wie ehedem mit ihnen herum lärmte, so mußte sie doch, wenn sich jene von dem weiblichen Theil der Gesellschaft absonderten, ihnen nach schleichen, und neugierig schauen, was sie vor haben, mußte ihnen ungebeten mit ihrem guten Rath vorspannen, und ihre weisen Bemerkungen, oft mit gutmüthigen Spott untermischt, mittheilen, nicht selten aber auch mit einem langen Näschen abziehen, das sie sich jedoch gar nicht verdrießen, und sich für einandermal nicht dadurch abschrecken ließ. Im gemeinschaftlichen Spiel suchte sie aber immer ihr Müthchen an den Knaben zu kühlen; strebte angelegentlich sie in Pfänderstrafe oder andere Verlegenheit zu bringen, und lachte herzlich, wenn es ihr gelang. Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger Mensch, der sich auch öfters unter den Gespielen befand, ihr Witztalent zu üben, und sieverfolgte ihn unaufhörlich mit ihren Neckereien. Sein Wissen war ein erbärmliches Stückwerk, und weit mehr Schein als Wahrheit, da Bertha dies wußte, so trieb sie ihn bei Spielen, die zugleich Verstandesübungen waren, oft so in die Enge, daß er sich nicht zu helfen, und seinen Zorn über Bertha's Tücke (wie er es nannte) nicht zu verbergen wußte. War er dann recht aufgebracht, so bat sie ihn mit tiefen Knieen recht weh- und demüthig um Verzeihung, oder sie brachte ihm, da er Süßigkeiten sehr liebte, zur Versöhnung ein Händchen voll Pfeffernüß'chen, Rosinen oder dergleichen, und beschwichtigte damit seinen Zorn. Wurde sie späterhin von den ihrigen über ihren Muthwillen getadelt, so suchte sie, ihrem Verfahren immer eine gute Seite abzugewinnen; und erwiederte einmal unter andern lachend: »o ihr wißt gar nicht, welch ein gutes Werk ich thue, sonst würdet ihr mich nicht davon abhalten wollen. Ich bringe ja nur das supperkluge Bürschchen zur heilsamen Einsicht seiner Mangelhaftigkeit, und heil ihn von den schädlichsten aller Fehler, vom Eigendünkel.« »Und bist selbst nicht frei davon, wenn du dir einbildest,daßdirdies gelingen würde;« wandte die Mutter ein. »O nicht doch Mütterchen,« versezte Bertha, und verschloß Frau v. Falkensee den Mund mit Küssen. »O doch, deine Bertha hat eine winzig kleine Meinung von sich; und ist nur so ein lustiges Dingelchen, das sich oft vor Muthwillen nicht zu lassen weiß.«
Einst war wieder eine Zusammenkunft junger Leute bei Rath Sinthal veranstaltet, und auch Richard befand sich unter ihnen; er ging unausstehlich hochtrabend einher, und reizte dadurch Andere, theils zum heimlichen Lachen theils zu verborgenen Verdruß. Alles, was sie thaten und sprachen beurtheilte er verächtlich, alle Spiele gab er an, oder meisterte doch die, welche nicht von ihm vorgeschlagen wurden, und man sah es ihm recht deutlich an, daß er sich nur alleine klug dünkte. Da zuckte Aerger und Muthwille wieder durch Bertha's ganzes Wesen, und schnell war ein loser Streich ausgedacht, der Richard gespielt werden sollte. Sie wisperte mit Thekla ein wenig, und entfernte sich darauf mit ihr. Nach einiger Zeit erschien Erstere wieder, trug auf einem großen Tassenbrett Rath Sinthals Klapphut,und auf demselben lag ein mit goldnem Schnitt versehenes feines Papier; es enthielt die von Bertha zierlich und mit großen Buchstaben geschriebene Ernennung Richards zum Magister derWeltweisheitmit dem Beisaz: daß er sich durch seine ausserordentliche Klugheit schon längst den Doktorhut verdient habe. – Mit einer tiefen Verbeugung überreichte sie Richarden dies ehrenvolle Diplom, welcher das Papier neugierig entfaltete, doch als er es gelesen hatte, es erzürnt zu Boden warf, und in gewaltigen Zornäusserungen aufbraußte. Die andern Kinder aber brachen in ein lautes Lachen und Beifall rufen aus, und Bertha wurde für ihren drolligen Einfall manches Lob zu Theil. Niemand ahnete, daß es ihr so theuer zu stehen kommen würde. Richard jedoch nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit dem Mädchen seine Rache fühlen zu lassen, und der böse Knabe führte sein frevelhaftes Vorhaben wirklich noch am nämlichen Abend aus, allein nicht so, wie er wollte. Es wurde nämlich noch eine Weile »Ring versteckens,« gespielt. Die Gesellschaft sezt sich bei diesem Spiel in einen Kreis, und giebt sich von Hand zu Handein Ringlein, doch so daß der Knabe, oder das Mädchen, welches in der Mitte steht, nicht bemerken kann, bei wem es zu finden wäre, und entweder nur durch Beobachtung der Mienen, oder durch sonst eine Vermuthung geleitet, zu dem oder jenem tritt, und die Hand ihm öffnet, um den versteckten Ring zu finden. Ist dies geschehen, so begiebt sich derjenige bei dem sich jener vorfand, in dem Kreis, wird aber falsch gerathen, so ist die Strafe ein Pfand, und das weiter Suchen. Richard, der rachsüchtige Knabe – hielt während des Spiels, ausser den Ring, wenn er zu ihm kam, noch ein kleines, aber scharfes Messerchen in der Hand, und als einmal Emma, welche er für Bertha hielt, im Kreise sich befand, und auch zu ihm trat, um die Hand ihm zu öffnen, versezte er ihr mit der, in die Höhe gekehrten, Schärfe des Messerchens eine tiefe Wunde. Mit einem lautem Schrei fuhr das Mädchen zurück, und der starke Blutverlust, so wie der erlittene Schrecken zog ihr eine Ohnmacht zu. Man kann sich das Wehklagen und das Entsezen der kleinen Versammlung denken, da überdieß, ausser den Dienstboten kein erwachsenes im Hause war. –Richard machte sich in der allgemeinen Bestürzung aus dem Staube, und die herbeigerufenen Mägde leisteten Emma die nöthige Hülfe. Im Weglaufen hatte aber jener einem Gespielen zugerufen: »Nun hat Bertha für ihren unzeitigen Wiz den verdienten Lohn.« Aus dieser Aeusserung ergab es sich also, daß wieder eine Verwechslung der Schwestern Statt fand, und die unschuldige Emma für Bertha's Muthwillen leiden mußte. Als sich diese davon überzeugte, wollte sie sich nicht trösten lassen, obgleich die edelmüthige Schwester sie durch die Versicherung zu beruhigen gedachte: daß sie die wahre Ursache ihrer Verwundung verschweigen, und einer Unvorsichtigkeit von ihrer Seite die Schuld beimessen wollte; denn es war zu erwarten, daß Bertha über ihr Benehmen, welches Emma das Unheil zuzog, einen strengen Verweiß erhalten würde, und die kleine Versammlung, welche die Zwillingsschwestern fast gleich liebte, bestärkte jene in ihrem Entschluß und nahm auch Franzen, der am ungehaltensten auf Bertha war, das Versprechen der Verschwiegenheit ab. Doch die Mägde plauderten die Sache aus; und nun fand ein strengesExamen statt, im welchem Bertha und Emma, Alles aufrichtig gestanden. Richard wurde darauf aus den Kindergesellschaften ausgeschloßen und Bertha eingeschärft: das Necken künftig zu unterlassen. Doch sie hatte es sich schon selbst recht ernstlich vorgenommen, und hielt redlich ihren Vorsaz; denn Emma's Wunde verschlimmerte sich in den ersten Tagen so sehr; daß die liebende Schwester unendlich viel Angst und Jammer ausstund. Jeder Blick auf die verwundete Hand der Leidenden prägte jenen Entschluß tiefer in ihre Seele, und recht oft stellte sie die Frage wehmüthig an Emma: ob sie ihr verzeihen, und sie ferner lieben könne? doch diese wußte von keinem Groll, und bald trat auch eine glückliche Heilung ein. Bertha aber widerstand in Zukunft jedem Drang zu Necken, ohne an ihrer muntern Laune zu verlieren, welche ihr so viele Liebenswürdigkeit verlieh.
Herr v. Falkensee sparte nichts, seinen Kindern eine vorzügliche Ausbildung geben zu lassen. In Allem wozu sie Lust und Anlage hatten, ließ er sie unterrichten, und jedes von ihnen war auch von der Natur mit einem hervortretenden Talent begabt worden. Franz verfertigte artige Verse in deutscher und lateinischer Sprache – eine Gabe, welche vom Vater, der ein sehr guter Dichter war – ihm angeerbt schien. Bertha machte im Spiel auf dem Flügel gute Fortschritte, und Emma gab Hoffnung eine geschickte Zeichnerin zu werden.
Einstmals, als der Geburtstag der Mutter wiederkehrte beschenkte Emma Erstere mit einem, von ihr recht schön gezeichneten Blumenstraus, und erreichte auch ganz ihre Absicht damit, Jene zu erfreuen. Jedem, der an diesem Tage zu ihr kam, zeigte sie denselben, und die kleine Künstlerin erhielt das verdiente Lob. – Am Abend aber hatte der Major zur Feier des Festes eine große Gesellschaft eingeladen, und in dieser Versammlungmußte auch Bertha ihr Talent zeigen. Der zärtliche Gatte hatte zu Ehren der lieben Geburtstägerin einen schönen Rundgesang gedichtet, welcher von der Gesellschaft an der frohen Tafel abgesungen, und den Bertha, nach des Vaters Wunsch und Willen, mit ihrem Spiel auf dem Flügel begleiten mußte, was ihr auch zur allgemeinen Zufriedenheit gelang. – Unter den anwesenden Gästen befanden sich zwei junge Künstler. Sie waren Brüder, und Söhne eines Freundes des Barons, welcher ihnen, um des Vaters Willen, nicht nur den Zutritt in sein Haus gestattete, sondern ihnen auch schon manche große Gefälligkeit erzeigt hatte. Albrecht, so hieß der Aeltere, widmete sich ausschließend dem Zeichnen und Malen; Walther aber arbeitete geschickt im Wachs, und spielte überdies die Guitarre sehr gut. Beide unterhielten sich diesen Abend viel mit den Zwillingsschwestern, und freuten sich ihrer schönen Talente. Emma's Zeichnung erhielt ihren vollen Beifall, so wie Berthas Flügelspiel, allein immer wurde es jenen schwer, die Mädchen zu unterscheiden, zumal da Emma ebenfalls Clavier spielte, wenn auch nicht so vorzüglichwie Bertha. Als nun die Brüder aus dem frohen Zirkel nach Haus kehrten, unterhielten sie sich noch lange über Falkensee's Töchterchen und prießen die Aeltern wegen ihres Besitzes glücklich. Aber nun entstand unter ihnen ein kleiner Streit. Walther behauptete: Bertha sey nicht nur die gute Clavierspielerin, sondern überdies die Verfertigerin des gelungenen Blumenstraußes. Albrecht jedoch hatte sie richtiger erkannt, und widersprach also mit Feuer dem Bruder. »Ich muß meiner Sache gewiß seyn,« äusserte Walther, »denn ich habe mir vorgenommen, dem Baron für seine uns oft bewiesene Freundschaft, das Anerbieten zu machen, und Bertha, die eine entschiedene Anlage zur Musik hat, unentgeldlich Guitarre zu lehren, daher darf ich sie nicht für Emma, und Emma nicht für sie halten. Daß abersiedie Blumen gezeichnet hat, weiß ich gewiß, und somit besizt sie nach meiner Ueberzeugung die beiden Talente.« »Nicht doch,« wandte Albrecht ein; »warum willst Du denn Emma Alles rauben?Sieist die Zeichnerin, ich irre mich nicht.« Jener blieb indessen hartnäckig auf seiner Meinung, und brachte Albrecht so weit, daß derselbeeine Wette in Vorschlag brachte. »Es sey,« rief der lustige Walther, und schlug in die dargebotene Hand des Bruders. »Ich wette, daß Bertha auch die Bleifeder künstlich führt, und täusche ich mich wirklich, so will ich unsern ehrlichen Hauswirth um seinen Sonntagsanzug bitten, in diesen bei Falkensee's erscheinen, und Emma wegen des ihr zugefügten Unrechts um Verzeihung bitten.« (Die Jünglinge wohnten bei einem alten ehrsamen Krämer, der eine noch ganz altmodische Tracht beibehielt.) Der ernstere Albrecht verstand sich nicht zu jener tollen Verkleidung, sondern machte sich anheischig, im Fall er Unrecht hätte, Walthern mit einer Sammlung Musikalien, welche eben neu in allen Kunst- und Buchläden erschienen waren, zu beschenken.
Ein Dankbesuch, den, nach seiner Sitte, die beiden Brüder in dem Falkensee'schen Hause für die lezt genoßene Ehre abzustatten gedachten, sollte die Sache entscheiden. Sorgsam bemerkten sie hier die unterscheidenden Kennzeichen der Zwillingsschwestern, und es ergab sich nun, daß Albrecht die Wette gewonnen hatte. Gleich am folgenden Tag erschien Walther wieder in der Wohnungdes Majors, und zwar mit einer Stutzperücke auf dem Kopf, an die ein kleiner Haarbeutel befestigt war, in kurzen schwarzen Beinkleidern, grauen Strümpfen und breiten Schuhen mit kleinen silbernen Schnallen; er trug ferner eine grüne Weste mit langen Schoßen, und einen braunzeuchenen Rock, ebenfalls ganz nach alten Schnitt, in der Hand aber hielt er ein hohes spanisches Rohr mit elfenbeinernem Knopf. Auf der Straße hatte er seinen Mantel umgeworfen, doch bei Falkensee's angelangt, legte er diesen ab, und frug nach Fräulein Emma. Die anwesende Magd wollte ihn zu ihrem Herrn führen, allein er bestund darauf, das Fräulein sprechen zu müssen; da öffnete sich die Wohnzimmerthüre, weil die Baronin auf dem Vorplatz laut sprechen hörte, und Walther trat ohne viele Umstände ein. Niemand erkannte ihn, und alle waren im Stillen über die Dreistigkeit des fremden Mannes unwillig. Er schien sich aber nicht daran zu kehren, suchte Emma mit seinen Blicken, fragte ausdrücklich, um sich nicht wieder zu irren; ob sie es doch wäre? und als sie es bejahte, äusserte er: der Künstler Walther habe ihn geschickt, um Emmadie, bei ihm zu Schulden gekommene Verwechslung zu bekennen, so wie sein Vergehen, daß er ihr den Ruhm als geschickte Zeichnerin habe rauben wollen, wofür er um Verzeihung bitten lasse. Das Mädchen staunte, eben so die anwesenden Geschwister und Mutter. Da trat Walther ein wenig auf die Seite, wischte sich mit einem Tuch die gemalten Falten aus dem Gesichte, und nahm die Perücke ab, wodurch das dunkle Lockenhaar wieder sichtbar wurde. Als er sich der Familie näherte, rief Alles aus einem Munde. »Ach Walther, Walther ist es! wie drollig! Nein wer hätte dies gedacht!« Franz und die Schwestern brachen in lautes Lachen aus, und musterten jedes Stück an des verkleideten Anzug; selbst die Aeltern – der Vater kam zufällig dazu – konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen. Doch als der größte Spaß vorüber war, trug jener dem Major das Anerbieten vor: den Töchtern desselben unentgeldlich Unterricht im Guitarrespielen ertheilen zu dürfen; denn zur Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts, wollte er einen Theil seiner sehr beschränkten Zeit auch dieser opfern, und sie als Schülerin annehmen.Beide Mädchen brachten es im kurzen, recht weit bei ihm; jedoch wie Bertha von Emma immer im Zeichnen übertroffen wurde, so diese von ersterer stets in der Tonkunst, und ihr Phantasien Spiel so wie das, nach vorgezeichneten Noten, entzückte jeden, der es hörte; besondere ihren Lehrer, welcher es nie bereute, dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben. Er sah dadurch einen Theil seiner Schuld abgetragen, die er sich gegen dem Baron bewußt war, und dies beglückte den wackern Jüngling sehr. – Falkensee hatte nämlich den Brüdern früherhin, durch seine Bekanntschaft mit obrigkeitlichen Personen den freien Zutritt in die Kunstschule des Orts verschaft, und sie, da der Vater kein Vermögen besaß, von Zeit zu Zeit mit Geld unterstüzt, bis sie so weit kamen, sich selbst ihren Unterhalt zu erwerben. Walther mißbrauchte überdies anfangs die Freiheit, die er ausser dem älterlichen Hause genoß, und gerieth durch böse Gesellen auf Abwege. Vorzüglich ergab er sich dem Spiel, und stürzte sich einst in eine verzweifelnde Verlegenheit. Der wackere Bruder wußte keinen Ausweg, als sich dem Major zu entdecken. Dies geschah; letztererlößte Walthers Spielschuld aus; berief aber den verblendeten Jüngling zu sich, und machte demselben so rührende Vorstellungen, daß er von Reue ganz zerknirscht, seinen Wohlthäter mit Mund und Hand gelobte: keine Karte mehr anzurühren. Er hielt Wort und seine Zufriedenheit und Ruhe war hinfort keiner Störung mehr unterworfen. Dem Baron aber verehrte er wie seinen zweiten Vater, und immer sehnte er sich, ihm sprechende Beweise seiner Dankbarkeit geben zu können, wozu sich nun in der Ausbildung des musikalischen Talents seiner Töchter eine günstige Gelegenheit gezeigt hatte, welche Walther freudig benüzte, und der Erfolg veranlaßte dem erfreuten Vater oft zur Behauptung:
»Wohlthun trägt Zinsen.«