Der wichtige Fund.

pag. 163.Die Wette.

pag. 163.

Die Wette.

Der lezte Winter war hart und streng, und die Armuth hatte viel zu leiden. Wenn nun Franz und seine Schwestern mit ihren gewöhnlichen Gespielen zusammen kamen, dort ein Knabe in die rothen Hände hauchte und durch Reibenihre Erstarrung zu mildern suchte, hier ein Mädchen zum Ofen eilte, und seine wohlthätige Wärme prieß; wenn wohlschmeckender Thee die Frierenden labte, oder gebratene Aepfel ihnen gespendet wurden, dann meinten sie; der Winter sey doch so übel nicht, und habe auch seine eigenen Freuden. Einstmals aber, als dies wieder zur Sprache kam, wandte Franz ein: »Ihr habt wohl Recht liebe Freunde, so lange ihr beiunsermSchicksal verweilt, wenn ihr aber die armen Leute und Kinder bedenkt, welche jede Erleichterung, die uns dargeboten wird, sich versagen müssen, und deren Noth durch die anhaltende und strenge Kälte furchtbar steigt und sich vermehrt, dann werdet Ihr mit mir doch die beßere Jahrszeit herbei wünschen.« »Ja, wohl, ja wohl!« riefen die Kinder. »Wer nur das Elend aller Hülfsbedürftigen mildern könnte!« fügte ein mitleidiges Mädchen hinzu. »AllenArmen können wir freilich nicht helfen;« begann ein guter und verständiger Knabe in der kleinen Versammlung. »Aberetwasfür Jene zu thun, steht doch in unserer Macht. Hört meinen Vorschlag lieben Freunde, der so eben durch Franzens Aeußerung in mirseine Entstehung erhielt. Wir alle, genießen wie ich glaube, durch die Veranstaltung unserer lieben Aeltern viel Gutes zu Hause, wahrscheinlich auch ihr, wie ich und meine Schwestern, immer zum Frühstück und zum Vieruhrbrod weißes, oft gar mürbes Brod. Beim Mittageßen öfters Wein, oder auch Bier, und an Namens- und Geburtstägen manche überflüßige Leckerei und Süssigkeit, ists nicht so meine Lieben?« – Die Knaben und Mädchen antworteten durch einander: »Du hast Recht Adolph! dies alles was du anführtest, wird mir zu Theil.« – »Nun wohl,« versezte dieser. »Meine Meinung nach, wäre es kein großes Opfer, wenn wir die Wintermonate hindurch, uns statt mit weißem, mit schwarzem Brod, statt mit Wein und Bier mit Wasser begnügten, auf alle Süssigkeiten verzichteten, und uns für das, was wir entbehren wollen, von unsern lieben Aeltern mit Geld entschädigen ließen, welches wir in eine Büchse sammelten, wöchentlich es gemeinschaftlich berechneten, und unter Arme vertheilten.« »Ja ja, das wollen wir thun; o das ist ein herrlicher Plan, ein köstlicher Einfall!« So äusserten sich alle Glieder der kleinen Gesellschaft, und stimmtenauch darinn Adolphen bei, daß keine menschliche Seele, ausser den Aeltern um die Sache wissen dürfe. Gerührt vernahmen die Väter und Mütter den Entschluß der Kinder, und billigten nicht nur denselben, sondern sie nahmen es auch bei der Entschädigung nicht so genau, sondern schlugen z. B. ein Gläschen Wein oder Bier viel höher an, als es werth war, so daß die vereinten Gaben, welche die Kinder wöchentlich zusammen trugen, ziemlich bedeutend wurden, und sie damit mancher augenblicklichen Noth erfolgreich abhelfen konnten. Als kleine Engel erschienen sie in den ärmlichen Wohnungen, und wurden öfters fast angebetet. Aber eben durch die Dankbarkeit der durch sie Gespeisten, Erwärmten, Geretteten kam ihr schönes Unternehmen doch an Tag. Auch plauderte ein kleines Plappermäulchen unter ihnen, und schwazte einmal irgendwo die getroffene Verabredung aus; wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Sage davon in der Stadt, und kam auch zu den Ohren des städtischen Senats. Dieser hielt eine eigene Sitzung über die Sache, und es wurde darinnen beschloßen: die edle Jugend für ihre stille Wohlthätigkeit zweckmäßig zu belohnen.

Aber dieser Beschluß blieb ein Geheimniß, bis der Frühling seine Reize über die Erde ausgebreitet hatte, bis die Wiesen mit sammtartigem grünen Teppich, die Bäume mit Blüthenschnee, und die Gartenbeete mit duftenden Blumen bedeckt waren. Die Armen sahen nun einer sorgenfreiern Zeit, die Reichen wieder neuen Vergnügungen im Schoose der Natur entgegen. Ein würdiger Geistlicher aber verkündigte einmal vom Predigerstuhl herab: daß am nächsten Sonntag auf einem, dazu bestimmten großen Wiesenplan ein Jugendfest gefeiert werden sollte, zu Ehren der wohlthätigen Kinder, welche mit Aufopferung mancher Genüsse im verfloßenen Winter viel Gutes übten, oft die Thränen des Kummers trockneten, oft dem Hunger und Frost in den Hütten der Armuth durch ihre mildthätigen Gaben wehrten, und dies Alles anspruchlos, und im Stillen vollbrachten. »Nun mögen sie sich,« so schloß oder Pfarrherr, »nun mögen sie sich auch schuldlos freuen, und ihre Lust wird das innere lohnende Bewußtseyn erhöhen. An sie ergeht vor Allem die Einladung zu jenem Fest, doch darf demselben jeder gutartige Knabe, jedes gesitteteMädchen, welche die allgemeine Freude nicht stören werden, daran Antheil nehmen, so wie selbst arme Kinder, die mit Gottes und edler Menschenhülfe den harten Winter überstanden haben, welche reinlich und anständig dabei erscheinen, und die nicht durch ein rohes Benehmen sich der Gefahr aussezen, abgewiesen zu werden. Auch durch schuldlose Lust wird Gott gepriesen, und so wollen wir den Freundlichen auf solche Weise ebenfalls loben und danken!« – Die Glieder des schönen Bundes, welche in der Kirche waren, und diese Aufforderung mit anhörten, schlugen erröthend den Blick zu Boden, und getrauten sich, als sie das Gotteshaus verließen, kaum aufzusehen. Aber süße Gefühle regten sich in ihrer Seele, so wie in der ihrer Gespielen, welche die geistlichen Worte nicht selbst vernahmen, sondern durch treue Mittheilung erfuhren. Man versäumte nicht am bestimmten Tag auf der großen Wiese zu erscheinen; wohin ausser den enger verbundenen Freunden, noch eine Menge Knaben und Mädchen strömten, so wie die meisten Aeltern und Verwandten. Nach der erhaltenen Erlaubniß fanden sich auch arme Kinderchen ein, und fühltenin den Stunden allgemeiner Lust einmal nicht den schmerzlichen Unterschied zwischen ihnen und der reichen Jugend. Auch für sie war der Glückshafen errichtet, und sie konnten sich eines für sie unschäzbaren Gewinns, in einem Halstüchlein, in einer Rechentafel, in ein paar Hemderknöpfchen u. s. w. erfreuen. Auch sie durften sich in dem anwesenden Caroussel schauckeln, oder nach der hübschen Musik im fröhlichen Tanze drehen.

Ihre Eßlust wurde mit Obst und mürben Brod, mit leichtem Backwerk, oder auch mit einer Bratwurst ebenfalls gestillt, – kurz es war ein Festtag für sie, und seine Genüße sollten in ihnen, nach dem Willen des Senat's; die Dankbarkeit gegen ihre jungen Wohlthäter vermehren, da um dieser Willen und zum Gedächtnis ihres guten Werks das Fest veranstaltet wurde. Jene Kinder selbst, so wie überhaupt die Jugend der höhern Classe belustigten sich auch auf mancherlei Art, im freundlichsten Einverständniß, und auf bescheidene artige Weise. Ja die Stunden enteilten im Fluge dahin, und mit Wehmuth sah man die Sonne sinken, welche den Tag über im reinen Himmelsblau gestrahlt und einemilde Wärme verbreitet hatte, die durch sanfte kühle Lüftchen nicht zur brennenden Hize werden konnte. Die blasse Sichel des Mondes, und der flimmernde Abendstern erinnerte endlich die Theilnehmer an dem fröhlichen Feste in die Stadt und in ihre Wohnungen zurückzukehren, wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte, welche jene schöne Stunden oft in die Seele zurück rief.

Nur Bertha konnte sich nicht ungetrübt dem Andenken an dieselben überlassen, denn sie hatte an dem frohen Abend ein theures Gut, ihr Haarringlein von der geliebten Pathin verloren. Sie trug es selten, denn noch war es ihr ein Bischen zu weit; doch damals konnte sie dem Verlangen, es anzustecken nicht widerstehen, und wie bereute sie es nun, dies gethan zu haben! So bald sie es auf der Wiese vermißte, suchte sie ängstlich darnach, und wer sich in ihrer Nähe befand, bemühte sich es zu finden, allein vergeblich. Besonders waren die anwesenden armen Kinder sehr geschäftig, Bertha wieder in den Besitz des verlorenen lieben Eigenthums zu sezen, und betrübten sich sehr, daß es ihnen nicht gelang. Bertha aber konnte es lange, lange nicht verschmerzen.

Nach einiger Zeit begab sich Emma zu einem, in der Nachbarschaft wohnenden Schuhmacher, der im lezten harten Winter ganz verarmt, jezt mit seinem Weibe und 6 Kindern nur von Wohlthaten guter Menschen lebte. Jene brachte ihm, wie schon öfter, eine kleine Gabe der Aeltern, und hatte noch überdies ein Körbchen Kirschen mitgenommen, um sie unter die Kinder auszutheilen, denn diese erhielten gewöhnlich auch etwas von ihr, und waren daher, besonders das 8jährige Lieschen recht zutraulich gegen sie. Diesmal aber entwischte bei Emma's Eintritt Leztere in die Kammer, erschien auch auf dem Ruf der Mutter nicht, um ihren Antheil Kirschen zu empfangen, und als Erstere sich wieder entfernte, bemerkte sie wie Liese durch die Spalte der Thüre, welche auf den Vorplaz führte, lauschte, bis Emma das Häuschen verließ. Dieser entging es nicht, und des Mädchens ganzes Betragen fiel ihr gewaltig auf; ja, je mehr sie darüber nachdachte, desto unerklärbarer war es ihr, denn sie hatte Lieschen immer nur Liebes und Gutes erwiesen, und konnte daher nicht begreifen, woher ihre plözliche Schüchternheit und Furcht rühre.Indessen kam es ihr doch wieder aus dem Sinne, bis Meister Simon durch eine erhaltene reiche Unterstüzung in den Stand gesezt wurde, von Neuem sein Handwerk zu treiben. Eine gelungene Sammlung für ihn, welche Herr v. Falkensee veranstaltete und durch den eigenen großen Beitrag begründete, brachte Jenen wieder empor, und von nun an durfte er auch unter andern, die Falkensee'sche Familie durchgehends bedienen. Liese aber vermied auch jezt ängstlich mit Emma oder Bertha in nähere Berührung zu kommen, und floh vor ihnen wo sie nur konnte. Dies ärgerte besonders Emma, und sie beschloß der Sache auf den Grund zu kommen; deswegen trug sie einmal schadhafte Schuhe selbst zu Meister Simon, und zwar zu einer Zeit, wo sie wußte, daß jener eine kleine Reise wegen Leder-Einkauf unternommen hatte, und die Frau auf den Markt, der ältere Bruder Lieschens in die Schule gegangen, und diese mit den jüngern Geschwistern alleine zu Hause war. Nun mußte sie ihr zur Rede stehen, und wohl mit sanfter Freundlichkeit, aber mit forschendem Blick drang sie in das Mädchen, ihr die Ursache von ihrem seltsamen Benehmen zu gestehen.

Roth wie Blut im Gesichte, schlug Liese die Augen zu Boden, und unter den gesenkten Wimpern träufelten große Thränen hervor. Endlich brach sie in lautes Weinen aus, rang die Hände und geberdete sich trostlos. Noch dringender verlangte Emma Aufklärung über Alles; und zulezt gestand das Mädchen, daß sie an dem bewußten Kinderfest ein Ringlein gefunden habe, welches Emma gehöre. »Ich habe wohl,« fuhr sie unter Schluchzen fort, »damals gesehen und vernommen, wie Sie liebes Fräulein ängstlich dasselbe gesucht, und um seinen Verlust gejammert haben, und doch war ich so gottlos, dasselbe zu behalten. Allein es ist wundernett, und das Vergismeinnicht von blauen Steinchen, welches das Schildchen vorstellt, gefiel mir so gar wohl, daß ich mich nicht von ihm trennen konnte, und es wie einen Schaz in meinem Nähpultchen aufhob. Aber ganz vergnügt konnte ich doch niemals seyn, wenn ich mich auch an seinem Anblick ergözen wollte; besonders ist, wenn ich Sie sehe, und Sie so gütig gegen mich waren, mein Gewissen aufgewacht, und hat mich mit Vorwürfen gepeinigt. Nein, ich mag das Ringlein nicht behalten, sondernwill es gleich holen, und Ihnen geben, dann werde ich hoffentlich wieder ruhig werden.« Mit diesen Worten lief sie fort, und brachte das vorenthaltene Gut. Dabei flehte sie aber mit heißen Thränen: Emma möchte keiner menschlichen Seele von ihrem Vergehen sagen, und steckte jener das Ringlein an den Finger; doch war es Bertha schon weit, so paßte es an Emma's noch zarteres Fingerchen gar nicht, und Lieschen verwunderte sich darüber. Jene war eben im Begriff ihr zu sagen, daß nicht sie, sondern Bertha die Eigenthümerin sey, da kam die Mutter nach Hause, und so eilte Emma fort, um dem Mädchen die sonst gewiße, und harte Strafe zu ersparen: Wie groß war Bertha's Freude, als sie wieder im Besitz ihres lieben Ringleins war, doch als Schwesterchen erzählte, wie es dazu gekommen sey, da beklagten Beide das gewissenlose Kind, das schon so frühzeitig anfange, sich fremdes Eigenthum unrechtmäßig anzueignen. Auf einmal wurde Bertha still, und schien über etwas nachzudenken. Nach einer Weile sagte sie: »Wie wäre es Emma, wenn wir uns um des Mädchens Charakter verdient machten? Mir fällt einPlan ein, den ich dir mittheilen muß.« Und nun schlug sie jener vor: mit der Mutter Bewilligung Lieschen im Nähen und Stricken zu unterrichten, und ihr dabei recht gute Lehren und Ermahnungen zu geben, damit sie die Rechtschaffenheit schäzen lerne, und sich nicht, wenn sie älter würde, ins Verderben stürze. Von Herzen stimmte Emma in diesen Plan ein, der auch bald ausgeführt, und Lieschen durch Lehre und Beispiel ihrer Wohlthäterinnen ganz für die Tugend gewonnen wurde. Um keinen Preis hätte sie je mehr eine Unredlichkeit begangen; und als sie älter wurde, und in Dienste trat, erwarb ihre gewißenhafte Treue ihr die Achtung aller Guten und Edlen, und es fehlte ihr nie an einer Unterkunft, welche ihren bescheidenen Wünschen genügte, ja oft dieselben übertraf. So oft sie aber an Bertha's Finger das verhängnisvolle Ringlein erblickte, so entschlüpfte ihr immer der Ausruf: »Welch ein wichtiger Fund war dieser!«

Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der freundlichen Gärtnerin und ihres Bärbchens erinnern, welches lezteres Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flüchtigen Schimmels entzog. Erstere wenigstes konnte die erwähnte Begebenheit und die Retterin ihres Töchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar Blumenstöcke kaufen wollte.

Es war nämlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit überfallen worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr vorüber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, daß Emma eine große Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, daß der Kranken ein Blumengeschenk die größte Freude bereiten würde. Sie begab sich in den, früher einmal erwähnten Garten, und suchte 2 gewürzhafte Nelkenstöcke von brauner und rother Farbe,und ein blühendes, niedliches Orangenstöckchen, heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis überstieg den damaligen Zustand ihrer Kassa, und sie beschloß, nur die Nelken zu nehmen. Während dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie freudig aus: »Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mädchens! O daß ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie groß sind Sie unterdessen geworden, bald hätte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Bärbchen!« rief sie den Garten hinunter. »Komm und küsse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzählte.« – Das Kind that, wie die Mutter gebot, und Emma – nicht um mit Bertha's Verdienst zu prahlen, aber in der Hoffnung: daß sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus Dankbarkeit das Orangenstöckchen um billigeren Preis erhalten würde, ließ sie in demselben ohne die Sache aufzuklären. Sie hatte sich nicht geirrt; nicht nur die Nelkenstöcke, auch das Orangenbäumchen, und noch zwei ausländische schöne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Gärtnerin nahm gar keine Bezahlung dafür an.Sie packte ohne Aufschub die Blumenschäze ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mußte. Falsche Scham gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr empfangen würde. Zu ihrem Leidwesen äusserte Jene ihre Freude nicht indemGrad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewächse, und das Orangenstöckchen inihrePflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergözte sie sich daran, doch der Genuß war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt, die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie – o Himmel! – dennoch dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden Unachtsamkeit öfters zu gießen vergessen worden, und so war ihr kurzer Lebenslauf wohl kein großes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin starben, – das konnte sie sich nicht erklären. Sie war recht betrübt darüber, und überdiesflüsterte oft eine Stimme in ihrem Gemüthe: »Du hast es verdient, daß deine Freude so vergänglich ist, du bist unwahr gewesen; dies ist die Strafe dafür,« und diese innere Unruhe konnte sie auch nicht lange ertragen. Nein, so wie sie während des Aufenthalts der Tante Hildegard einstens den schönen Sieg über sich gewann, ihr Unrecht zu gestehen, so entstand wieder in ihr plözlich der Entschluß: durch ein aufrichtiges Geständnis die Schuld von sich zu wälzen, die sie drückte. –

An einem schönen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene Schwester zu einem Spaziergang, und führte sie in jenen Garten. Erstaunt sah nun die Gärtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach der andern an, und konnte die Retterin ihres Bärbchens nicht erkennen. Da sagte Emma, auf Bertha deutend: »diese ists liebe Frau; sie darf mir's glauben. Neulich aber verführte mich ein böser Geist, meiner Schwester den verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen:ichsey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen ihr erhalten habe;aber so ist es nicht; ich war damals die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, für mein Schwesterchen recht schöne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaßen, mich neulich für Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Auch ich ward gestraft: Bertha äusserte nichtdieFreude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, daß es keinereineGabe war! und dann – denke sie nur liebe Frau,« sprach sie, wieder zur Gärtnerin gewendet. »Denke sie nur, alle die schönen Blumen sind dahin gestorben. O die herrlichen, köstlichen Blumen. Ich möchte mich halb zu tod grämen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so pflichtvergeßen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue!« sagte sie unter strömenden Thränen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche sie zärtlich zu trösten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann reichte Jene der Gärtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau Anna trocknete sich mit der weißen Schürze die Augen und erwiederte: »Ach gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmüthig,es war ja nicht böse von Ihnen gemeint.« Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie hinter dem Gatterthor eine männliche Gestalt, und stieß erschrocken einen lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehört und angesehen hatte. Er trat nun in den Garten, umfaßte beide Mädchen mit Liebe und sagte: »Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein offenes Bekenntniß und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler auf, und von meiner Bertha hörte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe Kinder! Ich führe Euch durch den Garten, und Ihr müßt ein Andenken an diese Begebenheit mit nach Hause nehmen.« – Er suchte unter einer Menge Blumen eine Nachtviole und ein Granatbäumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit dem Zusaze: daß sie immer wie bisher geräuschlos Gutes thun möge, gleich der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre süßesten Gerüche verbreitet. Emma aber beschenkte er mit der Granatenblüthe, und sagte:»Sie trägt die unvergängliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, daß diese Tugend ewig besteht, während Trug und Täuschung untergeht.« –

Die Mädchen dankten dem väterlichen Freund innig für seine Geschenke, und versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln. Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstöcken, und die freundliche Gärtnerin mußte die Verwelkten und Alten oft mit frischen und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte, entschädigte er durch schöne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrübt, als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere Garnison rief.

»O verbergen Sie mich, verbergen Sie mich!« bat dringend ein hübscher, aber ärmlich gekleideterKnabe, welcher durch die, so eben offenstehende Hausthüre in das Gärtchen drang, das sich an Falkensee's Wohnung befand, und in welchem sich gerade Emma aufhielt; sie las ausdrucksvoll mit melodischer Stimme Schillers Lied von der Glocke, und übte dadurch wiederholt ein Talent, daß sie und Bertha ebenfalls besaßen. So oft sie eine solche Uebung vornehmen wollten, begaben sie sich in ihr Gärtchen, um hier ungestört und laut irgend ein Meisterstück der Dichtkunst zu lesen. Auch gegenwärtig hatte ein solches Vorhaben Emma hieher geführt, als der erwähnte Knabe weinend und zitternd ins Gärtchen stürzte, und Jene bebend um Schuz anflehte. Ohne sich lange zu bedenken, zog ihn Emma mit sich fort, die Stufen des offenen Kellers mit hinunter und ließ über ihnen die Fallthüre zusinken. Indem kam Bertha in den Garten, sah auf einer Rasenbank das Buch liegen, und fing nun auch laut darinnen zu lesen an. Kaum hörte und sah dies der reiche geizige Böttchermeister Ulrich, der als Falkensee's naher Nachbar in das Gärtchen schauen konnte, so erschien er in demselben, und fragte, Bertha für Emma haltend,dieselbe ziemlich barsch, wohin der böse Junge versteckt worden sey, welcher von seinem Pfirsichbaum Früchte gemaust hat? »Ich sahe sie,« äusserte er, »vorhin schon hier an dem Bassin sitzen und lesen; Sie müssen sicherlich den kleinen Dieb aufgefangen und verborgen haben.« Das Mädchen den Zusammenhang ahnend, aber im Grunde Nichts wissend, konnte ganz unbefangen antworten, daß sie keinen Knaben gehört noch gesehen habe. Ulrich betrachtete sie lange forschend, allein die ehrliche Miene, mit welcher Bertha obige Versicherung ertheilte, benahm ihm jeden Zweifel, und er ging ruhig fort. Nun suchte sie aber nach der Schwester und ihrem Schüzling im Gärtchen umher, und rief mit halblauter Stimme Emma's Namen. So näherte sie sich auch unter andern der Kellerthüre, und vernahm auf ihr Rufen ein leises Pochen unterhalb derselben; allein mit aller Anstrengung vermochte sie die Thüre nicht aufzuheben. Da war nun guter Rath theuer, denn einen Domesticken wollte sie nicht rufen; zum Glücke kam zufällig Franz herbei, welchem die Schwester in Eile und heimlich alle ihre Vermuthungen mittheilte. Der kräftigere Knabebrachte die Kellerthüre in die Höhe, und aus der Tiefe stieg Emma herauf, sich ängstlich umschauend: ob Antons Verfolger nicht mehr in der Nähe wäre. Wohl war dies nicht der Fall, doch zu größerer Sicherheit winkte Franz, daß der Knabe noch im Keller bleiben solle, lief fort, und kehrte aber bald mit seinem Mantel zurück, in welchen er Anton hüllte, und ihn, auf solche Weise unkenntlich durch den Garten in die Wohnung führte. Hier mußte nun vor Franzens Aeltern der Flüchtling beichten, wer er sey, und durch was er sich Ulrichs Zorn zugezogen habe. Er erzählte: daß sein Vater ein armer Maurersgeselle, und Miethsmann des reichen Böttchers, die Mutter schon längst gestorben wäre. Durch einen unglücklichen Sturz vom Gerüste hatte sich der Maurer sehr beschädigt, und eine bedeutende Krankheit kam dazu. Hier brach Anton in lautes Weinen aus, und schilderte seinen Kummer über das Leiden des Vaters so herzergreifend, daß in die Augen Aller, die ihm zu hörten, Thränen traten. Nach einer Weile fuhr er fort: »Wie es nun bei Kranken geht – sie haben mancherlei Gelüste, und so wünschte sichmein armer Vater, wenn er von seinem elenden Lager ans Fenster wankte, und den reichbeladenen Pfirsichbaum im Hofe unsers Hausherrns betrachtete, sehnlich eine, ach nureineFrucht desselben. Ich nahm es über mich, den Hartherzigen darum zu bitten, aber er schlug mir rund und kalt mein Gesuch ab; und doch wiederholte der Kranke immer von Neuem sein Verlangen mit solchen Klagen, die mir durch die Seele schnitten. Da wollte ich vorhin, in der Meinung, Meister Ulrich sey nicht zu Hause, einen Versuch machen und einen einzigen Pfirsich abpflücken. Aber hilf Himmel, mein karger Hausherr stand an dem Fenster, das in das Gärtchen und in einen Theil seines Hofraum's führte, und sah mein Beginnen. Nun sprang er die Treppe herunter, und mir nach. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als in ihren Garten zu flüchten, und die Hülfe des Fräuleins anzusprechen. Gott lohne ihnen den Schuz den Sie mir angedeihen ließen, und glauben sie, dass mich nur das Verlangen, meinen kranken Vater das ihm grausam versagte Labsal zu verschaffen, nöthigen konnte, diesen Pfirsich hier zu nehmen. Ach wenn ich ihn nur behalten,und jenem bringen dürfte! doch wie Sie wollen;« sezte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, und reichte Herrn v. Falkensee die Frucht hin. Die Kinder sahen erwartungsvoll auf des Vaters Miene, um darin zu lesen, was er thun würde. Dieser gab dem Knaben den Pfirsisch zurück und sagte: »Nun es sey; ich will deinen Versicherungen Glauben beimessen, und hoffen, daß du nie mehr ohne Fug und Macht etwas entwenden wirst, sey es auch nur eine Frucht wie diese; denn wisse, selbst die Liebe zu deinem Vater kann eine solche Handlung nicht entschuldigen. Wärst du zu mir gekommen, siehe, meine Bäume biegen sich unter dem Obstsegen dieses Jahrs; und ich hätte dir deine Bitte um eine Erquickung für deinen Kranken gewiß erfüllt. Nun versprich mir nur,« sagte er noch zu dem still weinenden Knaben; »versprich mir, nie mehr etwas zu stehlen, und dann will ich für dich und deinen Vater sorgen.« Anton legte das feierliche Gelübde in des Barons Hand, und ging mit seinem Pfirsich getröstet fort. Franz mußte ihn schüzend begleiten, und im Namen des Vaters Ulrichen für jene Frucht ein Stück Geld bringen.Dem kranken Lorenz aber sandte der Baron den menschenfreundlichen Arzt Wollmann, der ihn bald wieder herstellte, zumal da Emma und Bertha von der Mutter die Erlaubniß erhielten, jenem täglich eine kräftige Suppe kochen und bringen zu dürfen. Nicht lange, so konnte er wieder sein Handwerk treiben, und jezt mit mehr frohem Muth als sonst; denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte war durch des Majors Veranstaltung versorgt. – Zuerst durfte er auf Falkensee's Kosten eine Schule besuchen, und dann gab ihn jener in die Werkstatt eines Tischlers, wo er sich zu einem brauchbaren und geschickten Manne bildete. Bertha sagte nachher oft zu Emma: »In diesem Falle hat unsere täuschende Aehnlichkeit etwas Gutes bewirkt; sie führte Meister Ulrich irre, und wäre dies nicht geschehen, so hätte der Grausame den armen Anton mishandelt, statt daß dieser gerettet in unser Haus kam, wir ihn von einer guten Seite kennen lernten, und unser liebe Vater seinem Schicksal eine günstige Wendung gab. Ja, wohl mir, daß ich meinem Schwesterchen ähnlich bin!« sezte dann fröhlich die lustige Bertha hinzu,und fiel Emma mit stürmischer Zärtlichkeit um den Hals.

Wenn es im Falkensee'schen Hause Holz zu spalten gab, so wurde ein armer, aber ehrlicher Taglöhner vom Lande berufen, und ihm jener Verdienst zugewiesen. Ehemals unter des Major's Regiment, gemeiner Soldat, stand er bei diesem noch in großer Gunst, denn er hatte sich immer brav gehalten, und seine Wunden, die ihn zum Invaliden machten, zeigten von seiner Tapferkeit. Er war aber auch seinem ehemaligen Vorgesezten mit Liebe zu gethan, und freute sich herzlich, wenn er in sein Haus berufen wurde. Die Kinder hatten den lustigen Paul recht gern, und unterhielten sich oft lange mit ihm, besonders Bertha, die ohnehin ihr Plappermäulchen öfter in Bewegung sezte als Emma. Sie ließ es sich nicht nehmen, Paul das Frühstück, und sein Mittageßen zu bringen, und erbat sich oft für ihm von der Mutter eine aussergewöhnliche Erfrischung in einem Glas Bier, oder wenn es kalt war, eine Erwärmung in einemGlas Brantewein. Dabei ließ sie sich dann von ihm erzählen wie er als Soldat in manche Noth gerieth, sich durch List und tolle Streiche, aber auch durch Muth daraus half, welche Leute und Kinder er kennen lernte, wenn er hie und da einquartirt wurde, wie seine Hauswirthe ihn immer so ungerne verloren, weil er in Küche und Garten, im Stall und Scheuern gute Dienste leistete, mit den Kindern spielte, ihre zerbrochenen kleinen Besitzthümer wieder herstellte und sich kurz jedem gefällig machte. »Am liebsten,« gestund er lachend, »am liebsten war es mir, wenn ich einen Auftrag im Keller zu besorgen hatte, oder bei einem Wirthe einquartirt wurde, da ließ es sich Paul schmecken, daß es eine Lust war.« Dieser Versicherung mußte man Glauben beimessen, denn noch jezt war Paul's größter Fehler, die Liebe zum Trunk. – In einem solchen Zustand, wo er nicht ganz seiner Geisteskräfte Herr war, schrieb er einmal, als seine Frau mit einem Mädchen in die Wochen kam, einen Gevatterbrief an Emma, den er eigentlichBerthazugedacht hatte. Allein die Freude, daß er nach 4 Jungen, ein nettes Mädchen erhielt, ließ ihn das gehörige Maß vergessen, und er sezte in der Schenke dem Gerstensaft wieder tüchtig zu. Als er darauf nach Haus kam, und, da er zu schüchtern war, sein liebes Fräulein persönlich zu Gevatter zu bitten, obigen Brief schrieb, so verwechselte er in der Adreße die Namen der Schwestern, und sezte Emma, statt Bertha. Jene war höchlich darüber verwundert, und konnte es nicht begreifen wie ihr die Taufpathen-Ehre zu gefallen sey, weil sie eigentlich keine absonderliche Gönnerin ihres neuen Herrn Gevatters war, und Bertha trauerte ganz, daß sie von ihm vernachläßiget zu werden schien; da sagte Jene als sie diesbemerkte: »weißt du was Schwesterchen, Paul wird es schon recht seyn, 2 Pathen statt einer für sein Kindchen zu bekommen, wir wollen alle beide bei der Taufhandlung gegenwärtig seyn, und die Kleine soll den Namen Marie, den wir ja gemeinschaftlich tragen, erhalten.« Bertha hüpfte über diesen Vorschlag vor Freuden in die Höhe, und auch die Aeltern genehmigten ihn vollkommen.

Am Tag der Taufe fuhren nun die Schwestern, von der Mutter und Franz begleitet, auf das Dorf, in dem Paul wohnte. Die Landleute versammelten sich neugierig vor der kleinen Hütte, als die Staatskarosse daher fuhr, und bei jener hielt. Beim Aussteigen, wo Bertha ihrer lieben Emma folgte, riefen mehrere der versammelten Zuschauer: – »Ei, was ist denn das, die Gevatter kommt ja doppelt! oder ist die eine ihr Geist?« – Paul aber und sein Weib waren ganz erstaunt, diebeidenFräuleins bei sich zu sehen in der Absicht, ihr Kind aus der Taufe zu heben, und weder Mann noch Frau befanden sich im Stande, die Schwestern zu unterscheiden. Während der Weihe-Handlung hielten Emma und Bertha das Kind nach einander auf dem Arm, und freuten sich im Stillen, gemeinschaftlichen Antheil an dem kleinen Mädchen zu zu haben; späterhin aber, als Paul einmal ausser dem Stübchen ein Geschäft zu besorgen hatte, schlich ihm Bertha nach und sagte halb schmollend: »Ich sollte eigentlich recht böse auf dich seyn, alter Paul, daß Du mich nicht zur Gevatter gewollt hast, sondern Schwester Emma. Habe ich Dir denn etwas zu leide gethan, und war ich nicht immer recht freundlich gegen Dich? Warum hast du mir denn jene Freude nicht gegönnt?« »Poz Bliz! ich weiß nicht wie mir geschieht!« antworteteder Taglöhner, faßte bescheiden Bertha bei der Schulter, wandte sie gegen das Licht, das durch die offene Thüre auf den kleinen Vorplaz herein fiel, und sah ihr forschend ins Antliz. »Sagen Sie mir nur« – fuhr er fort, »sind Sie denn Fräulein Emma oder Bertha? doch ja ja, ich erkenne Sie jezt doch. Sie sind meine liebe lustige Fräulein Bertha, undSiehabe ich auch gemeint.« »Aber du hast ja den Brief an Emma überschrieben« – wandte jene ein. »Hab ich das wirklich?« frug Paul. »O ich alter Schöps! da war es einmal wieder nicht ganz richtig hier im Kopfe, als ich das schrieb. Ja ja ich erinnere mich, die Buchstaben tanzten damals gar wunderlich vor meinen Augen; aber die Freude, Papa von einem lieben Mädel zu werden, nachdem mir 4 wilde Jungen oft tüchtig warm machen, führte mich zum Trunk, wo ich nicht zur rechten Zeit aufhörte. Doch nun ists gut.Sieerwiesen ja auch meinem Kinde den Liebesdienst und machten meinen begangenen Fehler freundlich selbst gut. Nun habe ichzweiherzige Gevattern statt einer, denn Fräulein Emma ist ebenfalls die Liebe selbst.« Diese trat eben aus der Stube, und erkundigte sich, was Paul mit Bertha so laut verhandle, die Verwechslung kam an Tag, doch des Mannes treuherzige Versicherung: wie dankbar er dem Schwesternpaar für ihrevereintePathenschaft sey, verscheuchte bei jener jeden Argwohn, daß er seinen Irrthum bereue. Auch in Zukunft fand er nur Ursache, sich über die Art und Weise, wie sich die Sache gestaltete, zu freuen, denn Emma und Bertha wetteiferten, ihrem Pathchen Liebe und Fürsorge zu beweisen, und auch sie erlebten viel Freude an dem Kinde, das die Aeltern in Gottesfurcht, zum Fleiße undallen Guten erzogen. Die Schwestern aber theilten ihrem lieben Mariechen, als sie größer wurde, auch manches von ihrer Geschicklichkeit in weiblichen Arbeiten mit, und sie vergalt ihre Liebe mit treuer Anhänglichkeit.

Emma war die erklärte Günstlingin einer alten reichen Bürgersfrau, welche in ihrer Nachbarschaft wohnte. Sie hatte sich ihre Zuneigung durch einen Dienst erworben, den sie ihr nicht vergaß. Es fiel nämlich einmal im Winter Glatteis ein, und als Emma von dem Besuch bei einer Freundin vorsichtig nach Haus trippelte sah sie Frau Günther an den Häusern fortschleichen, an der Mauer sich ängstlich festhaltend, und dennoch ausglitschen. Die eigene Gefahr vergeßend, sprang Emma eilig hin, half der Matrone mit vieler Mühe empor, und bot sich freundlich an, sie in ihre Wohnung zu führen. Es wurde dankbar angenommen, und Schritt vor Schritt suchte man jene glücklich zu erreichen. Hier mußte die Greisin von dem erlittenen Schrecken sich ein wenig erholen, und konnte nicht, wie sie wünschte, auf der Stelle ihrer lieben Führerin die Dankbarkeit, die sie für sie fühlte, mit der That beweisen; aber sie bat dieselbe, recht bald auf länger zu ihr zu kommen. Frau Günther wohnte in einem Stübchen zu ebener Erde, und nach ein paar Tagen vermochte sie das Bett wieder zu verlassen, und an dem Fenster ihren gewöhnlichen Plaz in dem grüngepolsterten Armsessel einzunehmen. Sie gedachteeben, eine Einladung für Nachmittag an Emma ergehen zu lassen, da sie sich immer mit Dank ihres geleisteten Beistandes erinnerte, als Bertha vorüber ging, welche sie für Jene hielt, sie zu sich rief, und selbst jene Aufforderung an sie richtete. Die Schwestern waren gewohnt, von ihren kleinen und größern guten Handlungen, die sie alleine vollbrachten, nichts zu rühmen, und so wußte Bertha auch nichts von dem Dienst, welchen Emma der Frau Nachbarin erwiesen, konnte daher gar nicht begreifen, warum es dieser einfiel, sie einzuladen; denn sie wohnte schon länger in ihrer Nähe, und hatte noch nie etwas von sich hören lassen. Bei ihrer Nachhausekunft erzählte sie also verwundert, was sie erfahren, und bemerkte, wie Emma still und heimlich für sich lächelte. Sie drang in sie, ihr zu sagen, was sie beschäftige, und nun theilte ihr jene obige Begebenheit mit. Darauf bat Bertha die Schwester herzlich, statt ihrer Frau Günther zu besuchen, dasieja gemeint sey, und auch die Mutter fand es billig. Suschen, das Stubenmädchen hörte es, und sagte: »O Fräulein! wie gut wird es Ihnen da ergehen! Frau Günther bewirthet ihre Gäste vortrefflich, sie werden nicht genug eßen und trinken können.« Dies bewog Bertha noch mehr, Emma, welche wir als eine Liebhaberin vom Backwerk u. d. gl. kennen zuzureden, die Ehre, die ihr rechtmäßig zustehe, zu genießen. »Nun wohl,« sagte diese. »Diesmal will ich hingehen; kommt aber von der lieben Frau Günther wieder eine Einladung, so mußt Du sie benüzen. Bei unserer großen Aehnlichkeit wird die gute Alte gar nicht wissen und erkennen; ob Du oder ich es sey.«

Emma begab sich also hin, und wurde aufsfreundlichste empfangen. Es war ihr recht wohl und heimlich in den neuen Umgebungen; und dies konnte auch seyn, denn in dem heitern, grauangestrichenen Stübchen herrschte die größte Ordnung und Reinlichkeit. Der Boden war blendend weis, wie ein hölzerner Teller, Tische, Sessel und Schränke glänzend gebahnt, in den grünen Ofentafeln konnte man sich spiegeln, die klaren hellen Fenster zierten reine Vorhänge von roth- und weisgestreiftem Zeug; auf der Komode, die ein grünes Wachstuch bedeckte, stand ein kleines Schränkchen mit Glasthüren, hinter dem allerlei hübsche Geräthschaften von Glas und Porzelan, auch ein paar Salzfäßer, Messer, Gabeln und Löffel von Silber, ja sogar ein vergoldeter Pokal prangte. Die silberne Zuckerdose und einige Kaffelöffel befanden sich schon auf dem Kaffetisch, der mit einer Decke von feinem geblümten Zitz versehen war. Auf ihm standen auf einem lackirten Brett, drei Tassen vom blau und weißen Dresdner Porzelan, und auf einer gelben Schale ein ziemlich großer köstlicher Gogelhopfen, durch dessen saftige Rinde die kleinen braunen Rosinen, die in Menge darinen waren, hervor schauten, feine Damastene Servietten lagen auf den Pläzen, welche die Hauswirthin und ihr lieber Gast einzunehmen hatten, und neben an stunden Porzelanteller, das Kaffebrod darauf zu legen, und blank geputzte Messer mit braunen Heften, dasselbe zu zerschneiden, fehlten auch nicht dabei. Kaum war Emma eingetreten, so brachte die Magd, die hellkupferne Kaffe- und Milchkanne, und Frau Günther nöthigte ihren Besuch, Plaz zu nehmen, und bediente ihn reichlich. Dabei schwazte sie recht treuherzig von diesem und jenem, unddie Zeit verstrich so schnell und angenehm für beide, daß die Hausfrau Emma beim Abschied bat, doch ja recht bald ihren Besuch zu wiederholen, diese es auch versprach, aber im Stillen eigentlich für Bertha es zu sagte.

Wirklich erschien nicht lange nachher wieder eine Einladung von der freundlichen Nachbarin, und auf Emma's Zureden machte Bertha davon Gebrauch. Wie es vorauszusehen war, so geschah es; die Matrone bemerkte nicht die Statt gefundene Verwechslung der Schwestern und war eben so liebevoll gegen Bertha, als gegen Emma. Ja sie lobte vorzugsweise an Ersterer diesmal ihre lautere Aussprache, (welche auch ein Unterscheidungszeichen der Mädchen war, indem Emma's sanfterer Charakter im etwas leiserem Sprechen sich kund gab,) Frau Günther aber litt', wie gewöhnlich alte Personen, am Gehör, und also machte sie obige Bemerkung mit vielem Wohlgefallen. Zur Unterhaltung ihres lieben Gastes öffnete sie auch diesmal ihr Glasschränkchen, nahm ein Kästchen heraus, das aus Ebenholz fein gearbeitet und mit Elfenbein eingelegt war, und worin sich die Kostbarkeiten der Greisin befanden; nämlich silberne und goldne Ketten, Perlen, Ohrringe und Halsgehänge von ächten Korallen, von Perlen und Granaten, Ringe, in denen Inschriften schwarz eingeschmelzt waren u. a. m. Die purpurrothen schönen Granaten gefielten dem Mädchen besonders wohl, und sie äusserte es auch gegen die Eigenthümerin; da sagte diese gütig: »nun warte nur mein Kind, wenn ich sterbe, vermache ich sie dir in meinem Testamente.« »O stille doch gute Frau Günther,« erwiederte Bertha. »Von Ihrem Tode mag ich nichts hören, sie sollen nochlange, recht lange leben!« Bei dieser Aeusserung schlang sie ihren Arm um den Nacken der Greisin, und küßte herzlich ihre faltige Wange. Diese drükte sie aber mit vieler Liebe an ihr Herz und versicherte sie wiederholt: daß ihr jenes Andenken nun ganz gewiß von ihr bestimmt sey. – Und sie hielt Wort. Nach einigen Monaten, zu bald für Emma und Bertha, nahm sie ein sanfter Tod hinweg. Jene hatten sie abwechselnd fleißig besucht, und wohl späterhin sich ihr als Zwillingsschwestern vorgestellt, aber durch das Alter waren die Geisteskräfte der guten Frau doch etwas geschwächt, und ihr geschah häufiger, was schon jüngern und kräftigern Personen oft widerfuhr, daß sie die Mädchen verwechselte; da ihr der Name Emma von der ersten Begegnung mit derselben an geläufiger war als Bertha, so galt diese bei ihr größtentheils für Erstere. – Nach ihrem Dahinscheiden ergab sichs, daß sie auch Emma den Granatenschmuck testamentlich bestimmt hatte, und er wurde dieser eingehändigt. Allein nun entstand wieder ein liebender Streit zwischen den Schwestern. Bertha behauptete: Emma verdiene die Erbschaft, da sie der Verstorbenen den wesentlichsten Beistand einst geleistet hatte; Jene aber wandte ein: daß Frau Günther, als sie Bertha die Kostbarkeiten zeigte, ausdrücklich derselben die Granaten versprochen habe. Da es indessen eine große Anzahl waren, so schlug die Mutter eine redliche Theilung vor, und freudig verstanden sich die Schwestern dazu. In diesem Besitzthum ehrten beide dankbar das Andenken an ihre verewigte Freundin, und oft war sie und ihr freundliches Benehmen gegen die Schwestern, ein Gegenstand ihrer Gespräche.

Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr 13tes Jahr begleitet, und dabei oft Gelegenheit gehabt, sie ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit nach, genau kennen zu lernen. Ich hoffe, sie sind meinen lieben Lesern und Leserinnen lieb geworden, und sie würden mir vielleicht gerne länger zuhören, wenn ich ihnen noch eine oder die andere Erfahrung ihres Jugendlebens mittheilen wollte, allein der Raum des Büchleins gestattet mir nicht bei jenem Zeitpunkt zu verweilen, indem ich glaube, es wird meinen jungen Freunden nicht unangenehm seyn auch zu erfahren, wie sich das Schicksal dererwachsenenEmma und Bertha gestaltete; deshalb überschreite ich einige Jahre schweigend oder doch schneller, und stelle Euch die Schwestern als Jungfrauen vor, welche ihr 20tes Jahr erreicht hatten. In dieser Zeit mußten sie manche herbe Erfahrung machen. Ihre Taufpathinnen, so wie mehrere ihrer nähern Freunde und Bekannte wurden ihnen durch den Tod, oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne riefen, geraubt. Auch Dokter Woldemann war unter den leztern. Ja er konnte gar nicht mehr an seinen besten Freunden Falkensee's seine Geschicklichkeit erproben, indem er einen Ruf in eine sehr entfernte Gegend erhielt, und demselben folgte, noch ehe den Major eine tödliche Krankheit auf das Lager warf, die ihm auch das Leben wirklich kostete. Seine Gattin, welche unbeschreiblich zärtlich ihn liebte, ertrug seinen Verlust nicht lange, sondern folgte ihm bald in die Gruft; und nun standen die Schwestern alleine, und sehr verlassen, dennFranz hatte bei einem reichen Engländer die Stelle als Hofmeister von dessen einzigen Sohn erhalten, und machte mit diesem große Reisen. Das Vermögen aber, das Falkensee hinterließ, war unbedeutend, denn der treffliche Mann hatte seinem wohltätigen Sinne zu viel geopfert, und oft Undank und großen Verlust erfahren müssen, denn nicht alle, die er großmüthig mit Geldsummen unterstüzte, suchten wie Walther auf eine oder die andere Weise ihre Schuld zu tilgen, und also ergab sichs nach seinem Tode, daß die Töchter das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen, und irgendwo eine Unterkunft für sich zu suchen, genöthigt wurden. – Für ihre Wohnung erhielten sie lange keinen paßenden Käufer, und so lange sie dieselben besäßen, benüzten sie fleißig ihren Lieblingsaufenthalt, ihr Gärtchen, wo sie sich einzeln und vereint wehmütigen Erinnerungen hingaben, auch zuweilen mit ihrer Guitarre oder einem schönen Buche die Sorgen für ihre Zukunft verscheuchten. An den Garten stieß das Nebengebäude eines stark besuchten Gasthofs, und die Fenster einiger Gastzimmer führten in denselben. Eine durchreisende Gräfin fand im Hauptgebäude keine Unterkunft mehr, mußte sich mit jenen Gemächern begnügen, und bemerkte Emma in ihrer Laube, welche zuerst, nach ihrer frühern Gewohnheit mehrere Stellen aus einer schönen Gedichtsammlung laut und ausdrucksvoll für sich las, dann die neben ihr liegende Guitarre ergriff und ein frommes erhebendes Lied spielte und sang. – Gräfin Sternfeld suchte schon längst eine Gesellschafterin für sich, da ihre Kinder alle erwachsen und vermählt waren, und sie öfters sich recht einsam fühlte, ob sie gleich jene von Zeit zu Zeit besuchte, und eben auch jezt von einer Reise, welche sie zu einem ihrer entfernt lebenden Söhne gemacht hatte, zurück kehrte. Emma's Talent, gut zu lesen, so wie ihr hübsches Spiel und sanfter Gesang, ließen sie wünschen, die holde Jungfrau zu sich nehmen zu können. Sie ließ den Gastwirth rufen, und fragte ihn nach Namen und Verhältnis derselben. »Es ist Berta von Falkensee,« erwiederte der dienstbefließene redselige Mann. »Das Mädchen ist ein verarmtes Fräulein, überdies eine Waise, deren Aeltern, Gott hab sie selig!wackere Leute waren. Der Major hatte nur einen Fehler, daß er nämlich zu gut war, und sich von jedem Taugenichts hinters Licht führen ließ, dafür müssen nun die Töchter büßen, und in beschränkter Lage leben; indessen hat der Vater auch viel Gutes ausgeübt, und ich denke immer, dies soll den Kindern vergolten werden.«

Dies war genug um die Gräfin in ihrem Entschluß zu befestigen. Sie beorderte den Wirth die Guitarrspielerin, die noch immer ohne zu wissen, daß sie beobachtet wurde, im Gärtchen weilte, rufen zu lassen; und er sandte also nachBerthaFalkensee, welche bei der Gräfin erschien, wo gegenseitig ein vortheilhafter Vertrag sehr bald abgeschlossen wurde. Auch die Abreise fand in den nächsten Tagen Statt, und der Abschied zwischen den zärtlichen Schwestern war ungemein schmerzlich für Jede.

Noch betrübter aber wurde Bertha, als sie, angelangt auf dem Landsitz der Gräfin die vielen Vortheile ihrer neuen Lage, und den trefflichen Charakter jener edlen Frau erst recht kennen lernte, nach einigen Tagen sich aber überzeugen mußte, daß abermals, auch bei diesem wichtigen Schritt, der ihr Schicksal entschied eineVerwechslungder Schwestern Statt fand. Die Gräfin ersuchte nämlich ihre Gesellschafterin, als sie einmal mit ihr in einem Rosenbasquett des großen Parks saß, das Lied zu singen, und auf der Guitarre zu spielen, welches ihr das Wohlgefallen derselben zugezogen habe. Es hatte sich ihr so eingeprägt, daß sie die Endstrophen, mit denen jeder Vers sich schloß, recht in Gedächtnis behalten hatte. Sie lauteten:


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