pag. 63.Die Entdeckung.
pag. 63.
Die Entdeckung.
So wie Bertha, (was meine lieben Leser und Leserinnen sich erinnern werden,) der Liebling bei der reichen Banquier Krause war, so stand Emma bei der Rath Sinthal,vordem Schwesterchen hoch in der Gunst; denn Frau Krause liebte diemuntereJugend, Jene die sanfteren Kinder, und sie hoffte durch den Umgang mit Emma, ihrer, etwas wilden Thekla, mehr Ruhe und Stille anzugewöhnen. Emma durfte also nicht nur zu Sinthals unaufgefordert kommen wann sie wollte und wurde immer mit Liebe empfangen, sondern es erging auch noch manche besondere Einladung an sie. Mitunter wohl auch an Bertha, jedoch seltener, da Thekla gleichfalls dem andern Schwesterchen mit mehr Liebe zugethan war, ja nach ihrem Wunsch sollte Emma jeden Festtag in der Familie mit verleben, jedes ausgezeichnete Vergnügen mit genießen. Dies konnte jedoch nicht immer geschehen; denn Falkensee's lebten noch in gar manchen freundschaftlichen Verbindungen, an denen die Kinder Antheilnahmen; und dann durften sich, nach der Baronin Grundsäzen, ihre Töchterchen nicht gewöhnen,täglichausser dem Hause zu seyn; deshalb blieb mancher Wunsch von Thekla in jener Hinsicht unbefriedigt. Aber auf der Erfüllung eines derselben bestund sie einstmals sehr fest. Es fiel nämlich Schlittenwetter ein, und Emma hatte früher hin geäussert: daß sie kein größeres Vergnügen kenne, als in einem Schlitten über die beschneiten Straßen und Fluren hinweg zu fliegen, und dabei das Geläute der kleinen Glöckchen und Schellen zu vernehmen. Nun wurde bei Sinthals eine Schlittenfahrt nach einem entfernten Dorf angeordnet, und Thekla bat flehentlich: Emma daran Antheil nehmen zu lassen. Wohl war der Schlitten schon besezt, denn ausser den Aeltern und dem Töchterchen fuhr noch ein Freund des Vaters mit; indessen hielt man davor, daß ein so kleines und zartes Persönchen wie Emma war, noch einzuschieben wäre, und es wurde bewilligt, sie einzuladen. Die Magd der Räthin war noch nicht lange im Hause, hatte jedoch, da sie sich die Winterabende hindurch mit ihrem Spinnrädchen im Wohnzimmer aufhaltenmußte, die Namen der beiden Zwillingsschwesterchen schon öfters nennen hören, und verwechselte sie bei jener Einladung. Bertha hüpfte gerade über den Vorplaz als die Dienerin in ihrer Wohnung erschien, und diese glaubte, als sie die ähnliche Schwester erblickte, nun gar nicht zu irren, indem sie ihren, von der Herrschaft erhaltenen Auftrag an Bertha richtete. »Ach nein,« entgegnete leztere. »Emma ist darunter gemeint, und nicht ich.« »Heißen sie denn nicht Bertha?« fragte die Magd. »Ja das ist mein Name« antwortete das Mädchen, und jene bestättigte ihre Aussage mit der Versicherung: »mir wurde befohlen Fräulein Bertha einzuladen, und so kann ich es nicht anders sagen.« Auch gegen Frau v. Falkensee, die dazu kam, und kopfschüttelnd der Magd zuhörte, wiederholte diese ihre Aufforderung, und blieb hartnäckig auf dem Namen Bertha. Was war zu thun – so sehr Emma sich im Stillen darüber betrübte, und die Mutter und Bertha zweifelten – Leztere mußte doch zur bestimmten Zeit sich auf den Weg nach Sinthals Wohnung machen. Thekla hatte sehnsüchtig am Fenster auf Emma geharrt, undsah nun schon von Weitem Bertha herbei kommen. Erschrocken lief sie zur Mutter, und klagte ihr die Verwechslung. Sie theilte ihres Töchterchens Trauer über die erlittene Täuschung, verbot ihr aber strenge, sie Bertha entgelten zu lassen, ja diese sollte nach der Räthin Willen es nicht erfahren, daß sie nicht gemeint war. Sie wurde also recht freundlich empfangen, und da der Schlitten gleich vorfuhr, so hatte man gar nicht Zeit, sich viel zu besprechen. Es war ein köstlicher Wintertag. Die Sonne stand klar und heiter im reinen Himmelblau, und von ihren Strahlen beglänzt, funkelte der Schnee auf den Fluren und Feldern, gleich Diamanten, und die Bäume und Gesträuche waren mit Reif, wie mit feinem Sammt verbrämt. Der Schlitten flog pfeilschnell dahin, und das Geläute des Pferdgeschirrs tönte lieblich und hell. Die Kinder jubelten vor Lust, nur in Bertha stieg zuweilen der Wunsch auf: wennnurEmma dies Vergnügen mit genießen könnte. Auch gesellte sich zuweilen der Zweifel dazu: und wie – wenndocheine Verwechslung Statt gefunden hätte! – Zwar die Art, wie sie empfangen wurde, hatte in Berthaso ziemlich jene Vermuthung verscheucht; nur auf Thekla's Stirne glaubte sie einige Falten wahrgenommen zu haben; allein es war überhaupt ihre Sache nicht, lange einer ernsten Betrachtung nachzuhängen, und das Vergnügen der Fahrt zerstreute noch mehr ihre Bedenklichkeiten; nur die Liebe zu Emma rief sie zuweilen auf kurze Zeit wieder hervor. Dies geschah auch, als sie, in Hainfeld angelangt, in der wohl durchwärmten Wirthsstube, beim duftenden Kaffetrank saßen, und sich denselben, nebst dem, von Frau Sinthal, mitgenommenen mürben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen; es schlenderten darauf beide Mädchen Arm in Arm im Zimmer auf und ab, und plauderten von diesem und Jenem. Da trat wieder Emma's Bild vor Bertha's Seele, und sie flüsterte der Freundin traulich zu: »Sage mir liebe Thekla recht ehrlich: bin ich nicht heute wieder mit meinem Schwesterchen verwechselt worden?« Jene wurde über und über roth, und wußte vor Verlegenheit nicht, was sie antworten sollte. »Ja, ja so ist es! Emma hat dies Vergnügen genießen sollen, und nun ist die Arme um dasselbe gekommen!« rief Bertha und brach – heftig, wie siewar – in lautes Schluchzen aus. Erschrocken eilte Frau Sinthal hinzu, und fragte was ihr fehle. Thekla erzählte, und Bertha wollte sich nicht trösten lassen, bis der Rath, der so eben ins Zimmer kam, und sich auch nach der Ursache von Berthas Betrübniß erkundigte, sie mit der Versicherung beruhigte: daß, wenn die Schlittenbahn noch einige Tage währte, er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle. Dies Versprechen troknete die Thränen der zärtlichen Schwester, und bald kehrte ihre vorige Fröhlichkeit wieder zurück. Als die Sonne tiefer sank, als sie einen rosigen Schleier über die ganze Flur verbreitete, und bei den gegenüberstehenden Häusern und Hütten, die Fenster von dem Wiederschein der feurigen Himmelskugel in vollen Flammen zu stehen schienen, wurden von unserer Gesellschaft Anstalten zum Aufbruch getroffen, und die Mädchen freuten sich herzlich auf die Rückfahrt. Jedoch bald, bald wäre ihnen diese sehr verbittert worden.
Der Kutscher hatte nämlich, ohne Wissen des Raths, zur Erwärmung noch ein paar Gläser Brantwein, neben dem Bier, das er von Jenemerhielt, getrunken, so daß er etwas berauscht war, und die muthigen Rosse nicht recht zu bändigen vermochte. Der Schlitten schien kaum den Boden zu berühren, so rannten jene mit ihm davon, und schon sah man die Stadt ziemlich nahe vor sich liegen, als die Pferde vor einer an ihnen vorbeigehenden Frau, und vor ihnen, mit Wäsche hoch aufgethürmten Korb, den sie noch zur Stadt trug, scheu wurden, ausrissen, und durch die Gewalt, mit der dies geschah, den Schlitten umwarfen, und zerbrachen. Glüklicher Weise nahm Niemand Schaden bei dem Fall, und die Pferde wurden mit dem Theile des Schlittens, den sie mit fort nahmen, auch bald aufgefangen. Aber Bertha's erster Ausruf war, als man sich wieder erhoben hatte: »Gottlob daß Emma nicht dabei gewesen ist!«
Auch schickte sie, bei ihrer Nachhausekunft, die Erzählung des erlittenen Unfalls, der, von der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fügte des Raths Zusicherung einer zweiten Schlittenfahrt gleich hinzu, um dem Schwesterchen die heutige unangenehme Erfahrung verschmerzen zu machen. Noch nie war aber Bertha ein solchesWetterhähnchen als in diesen Tagen. Immer prüfte sie Wind und Wolken, ob sie doch kein Thauwetter mitbringen würden. Doch der Himmel erfüllte ihren schwesterlichen Wunsch, und Emma genoß dasselbe Vergnügen, das ihr zu Theil gewordene war, und noch ungetrübter, da auch die Nachhausfahrt glüklich vorüberging.
»Ich möchte doch einmal einen Maskenball sehen!« äusserte die fröhliche Bertha gegen die Mutter; als diese verschiedene Anstalten traf, um einer Aufforderung von mehreren Freunden zu folgen, welche Herrn und Frau von Falkensee zu einer gesellschaftlichen Verkleidung für die nächste Redoute eingeladen hatten. –
»Nun in 5 oder 6 Jahren ist's immer noch Zeit genug für Dich, eine solche Lustbarkeit mit zu machen,« erwiederte die Baronin dem Töchterchen; aber in ihrem Herzen dachte sie anders. Franzen Geburtstag fiel in die Zeit des Carnewal's,und der wackere Sohn erfreute die Aeltern fortwährend durch Fleiß und Lerneifer, so wie durch ein gesittetes Betragen, darum sollte auch ihm, nach dem Wunsche der Mutter, auf seinen Geburtstag ein ausgezeichnetes Vergnügen bereitet werden. Franz tanzte sehr gerne; da führte Bertha's ausgesprochenes Verlangen, Jene auf den Gedanken: an dem erwähnten Tag einen maskirten Kinderball zu veranstalten. Sie erwog Alles hinlänglich, holte sich auch des Gatten Rath und Meinung, und schritt zulezt wirklich zur Ausführung des entworfenen Plans. Alle Kinder aus ihrem Verwandtschafts- und Bekanntschaftskreis wurden eingeladen, und gebeten, mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen; Auch Emma und Bertha erhielten Leztere, doch keine Masken vor das Gesicht; denn die Majorin wollte sehen: ob der fremde, aber ganz ähnliche Anzug der Töchterchen mehr oder minder zu ihrer Verwechslung beitragen würde, besonders bei Bruder Franz, welcher von der ganzen Veranstaltung nur so viel erfuhr; daß mehrere seiner und der Schwestern Gespielen den Abend mit ihm feiern würden. Wie erstaunte er aber, als er von den Aeltern in dasgroße, hellerleuchtete Zimmer geführt wurde, als bei seinem Eintritt die Musik ertönte, und lauter vermummte kleine Gestalten ihn begrüßten. Da näherte sich ihm ein schlankes Bauern-Bürschchen und reichte ihm mit einem Krazfuß ein Sträußchen dar; dort brachte ihm ein nettes Gärtner-Mädchen ein Körbchen mit ausgesucht schönen Aepfeln; dann kam ein kleiner Harlequin und ließ Franz, ihn neckend, seine leichte hölzerne Pritsche fühlen; ein Türke stolzirte langsam auf ihn zu, und bot ihm an, aus seiner langen Pfeife einige Züge zu thun; ein Pastetenjunge trug sein Backwerk zum Verkauf herum, das, in ein reines weißes Tuch geschlagen, sein Korb enthielt, und mit dem der Geburtstäger, so wie die ganze Gesellschaft damit beschenkt wurde. Ein Zigeunermädel prophezeite Franz aus seiner Hand viel Gutes, und auch viel drolliges; und 2 niedliche Mädchen, nebst 2 Knaben, die 4 Jahreszeiten vorstellend, überreichten Jenem folgende Verse:
Der Winter.Verachte nicht den Wintersmann,Bei ihm fing einst dein Leben an;Auch deine Freunde ehren ihn,Und lässt er schöne Blumen blühnAm Fensterglas, dann gehts hinausZur Schlittenbahn, in Saus und Braus!
Der Winter.Verachte nicht den Wintersmann,Bei ihm fing einst dein Leben an;Auch deine Freunde ehren ihn,Und lässt er schöne Blumen blühnAm Fensterglas, dann gehts hinausZur Schlittenbahn, in Saus und Braus!
Der Winter.Verachte nicht den Wintersmann,Bei ihm fing einst dein Leben an;Auch deine Freunde ehren ihn,Und lässt er schöne Blumen blühnAm Fensterglas, dann gehts hinausZur Schlittenbahn, in Saus und Braus!
Der Winter.
Verachte nicht den Wintersmann,
Bei ihm fing einst dein Leben an;
Auch deine Freunde ehren ihn,
Und lässt er schöne Blumen blühn
Am Fensterglas, dann gehts hinaus
Zur Schlittenbahn, in Saus und Braus!
Der Frühling.Neues Leben regt sich auf der FlurUnd in Kinderherzen, denn – seht, die NaturStreut auf unsre Wege Blum' und Blüthen.
Der Frühling.Neues Leben regt sich auf der FlurUnd in Kinderherzen, denn – seht, die NaturStreut auf unsre Wege Blum' und Blüthen.
Der Frühling.Neues Leben regt sich auf der FlurUnd in Kinderherzen, denn – seht, die NaturStreut auf unsre Wege Blum' und Blüthen.
Der Frühling.
Neues Leben regt sich auf der Flur
Und in Kinderherzen, denn – seht, die Natur
Streut auf unsre Wege Blum' und Blüthen.
Der Sommer.Trockne die Stirne geduldig; es reiftNur an der Sonne heis glühendem Strahl,Was uns erquicket beim köstlichen Mahl;Nichts ohne Müh' hier gedeihet.
Der Sommer.Trockne die Stirne geduldig; es reiftNur an der Sonne heis glühendem Strahl,Was uns erquicket beim köstlichen Mahl;Nichts ohne Müh' hier gedeihet.
Der Sommer.Trockne die Stirne geduldig; es reiftNur an der Sonne heis glühendem Strahl,Was uns erquicket beim köstlichen Mahl;Nichts ohne Müh' hier gedeihet.
Der Sommer.
Trockne die Stirne geduldig; es reift
Nur an der Sonne heis glühendem Strahl,
Was uns erquicket beim köstlichen Mahl;
Nichts ohne Müh' hier gedeihet.
Der Herbst.Wenn die Jugend reiche Saat,In das Feld gesenket hat,Lohnt die Erndte jede Müh;Darum denke oft an sie. –
Der Herbst.Wenn die Jugend reiche Saat,In das Feld gesenket hat,Lohnt die Erndte jede Müh;Darum denke oft an sie. –
Der Herbst.Wenn die Jugend reiche Saat,In das Feld gesenket hat,Lohnt die Erndte jede Müh;Darum denke oft an sie. –
Der Herbst.
Wenn die Jugend reiche Saat,
In das Feld gesenket hat,
Lohnt die Erndte jede Müh;
Darum denke oft an sie. –
Ausser diesen genannten Masken waren noch Schäfer und Schäferinnen, Pilger und Pilgerinnen, Ritter und Nonnen u. a. m. zu sehen. Manche Kinderchen konnten ihre Sprache, und andere Eigenthümlichkeitennicht genug verstellen, diese wurden dann natürlich gleich erkannt. Bei Manchen aber rieth man lange hin und her, und immer falsch, so, daß sogar einige aus kindischer Ungeduld die Masken vom Gesicht nahmen, und sich selbst zu erkennen gaben. Daß viel dabei gelacht wurde, werden meine lieben Leser und Leserinnen leicht glauben. Endlich trat ein Kellnermädchen in baierischer Tracht vor Franzen hin, und presentirte ihm auf einem Teller schweigend ein Glas süße Mandelmilch. Das Mädchen trug einen dunkeln Rock, nebst kurzer weißer Schürze, weite lange Hemdermel, ein schwarz-samtnes Leibchen, mit rothem Brustlaz, welches eine silberne Kette schnürte; inwendig einen fein gefälteten Hemdkragen, und ein seidnes Halstüchlein darüber herumgeschlungen; Auf dem Kopf ein kleines silbernes Häubchen; Nach kurzem Anschaun rief Franz lachend: »Ei meine Bertha! seht doch! seht wie schmuck das Mädel aussieht! Nun gieb mir nur deine gute Erfrischung, und nimm dafür meinen schönsten Dank.« Schnell entfernte sich die Kleine, um sich nicht durch Lachen zu verrathen, denn es war –Emma. Ihr folgte die Schwester,Jenem eine Schale Zwieback hinreichend, von welchem er dankend nahm, sich über den schwesterlichen Anzug freute und nun Bertha für Emma hielt, bis beide vor ihm standen, und schäckernd eine jede fragte: »Wer bin ich? Sprich, wer bin ich?« – Die holden Kellnermädchen tanzten anfangs wenig, sondern spielten ihre Rolle recht natürlich, indem sie sich geschäftig der Bewirthung annahmen, wo aber beständig eine Verwechslung der Schwestern zu Schulden kam. Nach einer Weile entfernte sich Franz auf einen Wink der Mutter, und kam im Anzug eines Tyrolers, der Teppiche zum Verkauf über der Achsel trug, ins Zimmer zurück. Bald warf er jedoch die Decken ab, und fing an zu Tanzen. Sein Herz zog ihn vor Allem zu den lieben Schwesterchen; er holte sich Bertha, ob er gleich Emma der Ältern den Vorzug zugedacht hatte; sprach jene aber immer als diese an; und das lose Mädchen ließ ihn lange auf seinen Glauben, redete wenig und schlug den Blick zu Boden; denn noch immer waren die Schwestern an den Unterschied der Stimme und Augen am kennbarsten. Endlich hielt Bertha im Tanzen inne, rief Emma zu sich und sagte:»Franz will mitDirTanzen, und nur durch einen Irrthum ist die arme Bertha des Glükes theilhaftig geworden. Zur Strafe für seine Partheilichkeit wollte ich nun den Herrn Bruder ein Weilchen zum besten haben. Doch Bertha's Zorn ist gar schnell verraucht, und also auch dem Herrn Geburtstäger in Gnaden vergeben.« –
»Was, Du bist nicht Emma?« fragte dieser erstaunt. »Ja wirklich!« fuhr er fort; »und ich hätte nur in Deine muthwilligen Augen schauen dürfen, dann würde ich gleich gewußt haben, woran ich bin; doch laß uns nur noch ein wenig fort waltzen, es geht ja auch mit Dir wie auf einem Schnürchen, und Emma tanzt nachher mit mir, nicht wahr?«
Wie dem eigenen Bruder, widerfuhr es den fremden Knaben und Mädchen; immer waren sie zweifelhaft, wenn sie mit den Schwestern tanzten oder plauderten, welche Emma oder Bertha sey; bis Jene ihnen oft selbst zu Recht halfen. Indessen machten sich Beide durch ihr Betragen allgemein beliebt, also störten die vorfallenden Verwechslungen die gesellige Freude nicht, welche diesen Abend in einer besonders freundlichen Gestaltim Kreise der Kinder waltete. Ja beim Abschied versicherten Alle dem Major und seiner Gattin: daß sie nicht leicht so froh und glücklich gewesen wären als heute. Franz aber fiel am Schluß der Lustbarkeit den geliebten Aeltern um den Hals, dankte ihnen gerührt für ihre genuß- und liebevollen Veranstaltungen zur Feier seines Geburtstags und gelobte für das neue Jahr auch durch neues Streben ihrer Liebe werth zu bleiben. – Er hielt getreulich Wort.
pag. 73.Die Maskerade.
pag. 73.
Die Maskerade.
Bertha hatte ausser einer Taufpathin in ihrem Wohnort, auch noch eine auswärts, welche die vertraute Freundin der Majorin in früherer Zeit war. Auch jezt noch wechselten sie zuweilen Briefe, und keiner wurde gegenseitig abgesendet und empfangen, in welchem nicht des lieben Pathchens Erwähnung geschah. Nach der Schilderung der zärtlichen Mutter hatte Frau v. Weißmann eine sehr gute Meinung von Bertha gefaßt, und ihr Bildniß, das sie einst von den Aeltern derselben erhalten hatte, war ihr ein recht werthes Besizthum.Gerne hätte auch sie öfters Jener einen Beweiß ihres liebenden Andenkens zugeschickt; allein die Entfernung betrug viele Meilen, wodurch der Transport einer Sendung sehr erschwert wurde. Doch es ergab sich, daß ein, in Weißmanns Hause bekannter Officier in Berthas Wohnort versezt wurde. Diese Gelegenheit durfte nicht unbenüzt vorbeistreichen, und Hauptmann Halten wurde recht schön gebeten, einen Auftrag zu übernehmen. Gerne verstand sich dieser dazu, denn er war überdieß ein großer Kinderfreund; und Frau v. Weißmann brachte bei seinem Abschiedsbesuch Berthas Bildniß herbei, und suchte ihn zu bewegen, dasselbe recht anzuschauen, damit ihr liebes Pathchen, das für sie bestimmte Geschenk gewiß erhielt, und nicht die, ihr sehr ähnliche Emma, obgleich für diese auch Etwas beigepackt worden war. Halten glaubte sich des Portraits Züge recht eingeprägt zu haben, und reiste mit der Zusicherung, Alles aufs Beste zu übergeben, ab. Als er an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war, überfiel sogleich den, nicht mehr jungen Mann eine bedeutende Krankheit und er mußte längere Zeit, das Bett hüten; durch jemand Andermaber wollte er nicht die ihm anvertraute Gabe Falkensee's beiden Töchterchen einhändigen lassen, behielt sie also bis zu seiner Wiederherstellung zurück; der Hauptmann war ein frommer Krieger, daher besuchte er, nach wieder erhaltener Gesundheit vor Allem das Gotteshaus, um daselbst dem Höchsten für seine Hülfe zu danken. Von einer Emporkirche herab bemerkte er in einem untern Kirchenstuhl zwei Mädchen, die er sogleich für die Zwillingsschwestern erkannte, und nun sah er aber erst ein, wie schwer eine bezeichnende Verschiedenheit bei ihnen zu finden sey; Er nahm sich vor, die Mädchen auf eine Probe zu stellen, und glaubte sicherlich die, welche darin am besten bestehen würde, müsse Frau v. Weißmanns Pathin seyn, so sehr hatte er für Letztere, durch die Schilderung jener ein günstiges Vorurtheil gefaßt. Aber es zerstreute ihn der Anblick der Mädchen selbst in der Predigt ein wenig, denn er beobachtete immer dazwischen ihr Benehmen, und da entging es ihm nicht, daß das eine still und voll Aufmerksamkeit schien, hingegen das Andere unruhig hin- und herrückte, bald da, bald dorthin schaute, das Sacktuch, das Gesangbuchfallen ließ, und von dem Schwesterchen erst darüber getadelt wurde. Beim Herausgehen aus der Kirche, wo Halten den Kindern auf dem Fuße folgte, sah und hörte er, wie ein armer Greis dieselben um ein Almosen ansprach. Das fromme stille Kind schlug das Gesangbuch auf, nahm eine darin befindliche kleine Münze heraus, und reichte sie mit freundlicher Miene dem Armen; ihre Gefährtin suchte auch in ihrem Gesangbuch nach, doch – o weh! als sie es in der Kirche fallen ließ, mußte das Geld dadurch verloren worden seyn, – sie fand es nicht, schien sich aber leicht darüber zu trösten. Dies Alles gab dem Hauptmann Aufschluß über den Charakter der beiden Schwestern, und sein Liebling, die verständige und milde, mußte nun auch nach seiner Meinung das vielgeliebte Pathchen seyn, dem er ein so schönes Geschenk zu übergeben hatte. – Noch an demselben Tag begab er sich in Falkensee's Wohnung, und begrüßte den Major als seinen Kriegskameraden, ohne der Weißmännischen Familie und seines Auftrags zu erwähnen; aber als die beiden Mädchen nach einer Weile Hand in Hand ins Zimmer traten, begrüßte er sie freundlich, undsagte: »Ich habe schon heute Morgens in der Kirche eure Bekanntschaft gemacht, meine Lieben!« Beide schauten ihn fragend und zweifelnd mit großen Augen an. Er aber fuhr fort: »Ja, ja, so ist es; und ich glaubte, meine andächtige Kleine von dem unruhigen Schwesterchen bei einem Wiedersehen genau unterscheiden zu können, allein eure wunderbare Aehnlichkeit macht es mir dennoch unmöglich; daher sagt mir ehrlich, welche von Euch betrug sich so ruhig und anständig im Hause Gottes, und welche von Euch erfreute den armen Greis mit einer Gabe?« Die Mädchen standen verlegen vor ihm; eine Purpurröthe übergoß ihre Wangen, und ihr Blick senkte sich zur Erde. Endlich hub Bertha an, und sagte halbe laut: »ich war die Unruhige, meine Schwester ist viel artiger als ich.« Halten über diese Offenheit gerührt, stand einige Augenblicke zweifelnd, welchen der Kinder er den Vorzug einräumen, welches er für das Pathchen seiner Freundin erklären sollte. Da fiel ihm erst die Schilderung jener bei, welche ihm Bertha als ein lebhaftes, Emma als ein ruhiges Geschöpfchen bezeichnete, und schon wollte er Ersterer die bestimmte Gabe einhändigen; aber nunkam ihm der Gedanke: die Kleinen noch strenger zu prüfen. Er zog zwei Packette aus der Tasche, übergab das Größere der sanften Emma, und das Kleinere der muntern Bertha, indem er sagte: »meine Freundin Weißmann, Euch wohl bekannt, sendet Euch durch mich viele herzliche Grüße, und diese Geschenke.« Begierig öffneten die Kinder die Päckchen, und Emma fand in dem ihrigen ein schönes seidenes Halstuch, ein goldnes Ringchen mit Haargeflecht, und in einer hölzernen Frucht, die man öffnen konnte, niedliche kleine Kämmchen, Täßchen, Tellerchen, Töpfchen, u. s. w. von blendend weisen Elfenbein. In Bertha's Packett war ein etwas geringeres Halstuch und ein Kästchen voll Dewisen. Als der Hauptmann den Namen, Weißmann, nannte rief Bertha hoch erfreut: »Ach von meiner Pathin, von meiner guten Pathin!« und die Mutter, die während des Gesprächs ihrer Kinder mit Halten, an einer andern Stelle des Zimmers ein Geschäft vorzunehmen hatte, kam auch herbei, und war, gleich den Kindern, begierig, welchen Beweiß ihres Andenkens die entfernte Freundin gesendet haben würde. Als nun die schönen Sachen ausgepackt waren, überzeugtesich Emma sogleich, daß sie das unrechte Packett erhalten habe, und äusserte bescheiden gegen den Hauptmann: »Sie haben sich geirrt, lieber Herr! dies Geschenk gehört Bertha.« »Nein, nein!« fiel ihr diese in die Rede. »Der Herr hält Dich für vorzüglicher, und meint also, Du verdienst das schönere Geschenk. Er hat auch Recht, und da Du es einmal erhielst, so gehört es Dein, ich trete es Dir feierlich ab.« Emma wollte nichts davon hören, und der edle Wettstreit dauerte noch eine Weile. Endlich entschied Halten dahin: daß Emma, das ihr zugefallene Tuch und Spielzeug behalten, Bertha aber das Ringchen annehmen solle, da die Haare von ihrer Pathin, und durchausihrbestimmt seyen. Aber tief bewegt, setzte er noch hinzu: »Eure Bekanntschaft liebe Kinder rechne ich zu den angenehmen Erfahrungen meines Lebens, denn eure Schwesterliebe, und edle Uneigennützigkeit hat mich wahrhaft gerührt. O bleibt dieser schönen Denk- und Handlungsweise stets getreu, und seyd gewiß, daß Gottes Segen sie begleitet.« Nach diesen Worten umarmte er die Mädchen herzlich, wandte sich dann an die Baronin und sagte: »Jetzt erst,nachdem ich mein Vorhaben ausgeführt, und den Werth und Charakter Ihrer Töchterchen selbst geprüft habe, kann ich meinen erhaltenen Auftrag ganz genügen, und von ihrer Freundin, deren Abgesandter ich bin, Ihnen viel, recht viel erzählen, so wie von deren würdigem Gatten, meinem lieben Major. Wo ist er denn hingekommen?« dieser war vor einer Weile aus dem Zimmer gerufen worden; kehrte aber eben wieder zurück; seine Gattin bereitete darauf den Theetisch, und daran wurde in traulicher Runde Plaz genommen. Dann begann eine, für den ganzen kleinen Kreis wichtige Unterhaltung, deren Hauptgegenstand die Weißmännische Familie war. Bertha blickte dabei nicht selten auf den, an ihrem Fingerchen schimmernden Ring, und sie und Emma vergnügte oft späterhin in Friede und Eintracht das niedliche, von der gütigen Pathin erhaltene Spielzeug.
»Ach Mutter!« jammerte an einem Morgen Emma. »Diese Nacht ließen mich meine bösenZähne wieder gar nicht schlafen, sage mir doch ein Mittel, das mich von dem argen Schmerz befreit.« »Warte mein Kind;« tröstete sie die Baronin; »heute ist Rasiertag, wenn Herr Ziegler zum Vater kommt, wollen wir ihn um Rath fragen.« Kaum konnte ihn Emma erwarten, und hoffte zuversichtlich Hülfe von ihm. Allein sie hatte sich einigermassen getäuscht; denn jener war ein großer Liebhaber vom Zahn ausnehmen, vor dieser gewaltsamen Operation schauderte aber die zarte Emma zurück, und ließ sich durchaus nicht bewegen, sich derselben zu unterwerfen. »Haben sie den gar kein anderes Mittelchen?« fragte Frau v. Falkensee; und Ziegler erwiederte: »Zu Hause steht wohl eine Tinktur, die zuweilen den Schmerz hie und da gestillt hat, aber immer nur auf kurze Zeit, das Beste ist, wie ich schon sagte, man macht mit dem Friedensstörer kurzen Prozeß, und giebt ihm den Laufzettel.« »Nein, dazu versteh ich mich nicht,« entgegnete Emma und der Chirurg ging seiner Wege. Doch im Lauf des Tages wurde es immer ärger mit dem armen Mädchen. Der Schmerz preßte ihr bittere Thränen aus dem Auge, und sie vermochte wederzu arbeiten, noch zu spielen, sondern lag größtentheils auf dem Sopha und klagte laut. Bertha, die zärtliche Schwester, fühlte das tiefste Mitleid mit der Leidenden, und sagte unter andern: »Ich habe auch einen dienstuntauglichen Unterthan in meinem Mund, und herzlich gerne wollte ich mir ihm auf der Stelle herausziehen lassen, ob er sich gleich nicht rebellisch beträgt, wenn es meiner Emma etwas nützte.« Die Mutter kam herzu, hörte diese Aeusserung, und sagte: »Dies Opfer verlange ich nicht, aber Du könntest zu Ziegler gehen, und ihn um seine Tinktur bitten; ich weiß nicht warum der wunderliche Mann dieselbe nicht schickt, da ich ihn doch beim Weggehen darum bat.« Ungesäumt eilte Bertha fort, blieb aber ziemlich lange aus. Endlich erschien sie, und trat unter herzlichen Lachen ins Zimmer. »Rathet einmal rathet, was mich so lange aufhielt!« rief sie, »es lebe Herr Ziegler der geschickte Zahnarzt!« darauf brach sie wieder in Lachen aus, und konnte kaum zur Erzählung kommen, so sehr belustigte sie die Erinnerung an das bestandene Abentheuer. Doch der Mutter Gebot: ernsthaft zu seyn, und einBlick auf die leidende Schwester, mäßigte ihre muthwillige Laune, und sie wickelte nun aus ihrem Sacktuch das kranke Zähnchen, dessen sie vorhin erwähnte. »Wie?« fragte die erstaunte Mutter. »Du hast dir ohne alle Ursache den Schmerz zugezogen, und den Zahn herausnehmen lassen?« »Freilich,« erwiederte das muthvolle Mädchen. »Zwar geschah es von meiner Seite nicht freiwillig, aber ich bereue es nicht, hat der faule Schelm doch zu nichts mehr getaugt; hier ist vor Allem die Tinktur, und nun will ich erzählen, wie es mir erging.« Sie fuhr fort, indem sie sich zu Emma wandte, während die Mutter bei derselben das mitgebrachte Mittel anzuwenden suchte. – »Unsere schon oft angestaunte Aehnlichkeit mein liebes Zwillingsschwesterchen hat mich um meinen armen Zahn gebracht. Es war wohl nichts an ihm gelegen, allein es ist doch eine eigene Sache, so mir nichts, dir nichts, eine solche Strafe vollziehen zu lassen. Indeßen als mich Herr Ziegler erblickte, rief er mir gleich zu: »Aha mein liebes Kind, ich errathe, was Sie zu mir führt; der Bösewicht in ihrem Mäulchen läßt ihnen keine Ruhe: Nun, nun, setzen Sie sichnur, sie sollen gleich von ihm befreit werden.« »Hollah« dachte ich. Der grimmige Helfer hält mich für mein Schwesterchen. Nun es sey! Er wird mir den Kopf nicht mit dem Zahn abreißen, und ich kann dann meiner lieben Emma beschreiben, wie es thut, kann ihr zu oder abrathen meinem Beispiel zu folgen. Unter diesen Betrachtungen hatte Herr Ziegler seine Instrumente herbeigeholt und ein kleines Sesselchen auf welches ich mich geduldig setzte, und ruhig erwartete, was über mich ergehen würde. Seine Magd sollte mir den Kopf halten, dies verbot ich mir aber, auch war es nur ein Ruck, ein Augenblick, und die ganze Geschichte hatte ein Ende; dann kam ein bischen Blut, und als dies auch vorüber war, erklärte ich dem guten Freund seinen Irrthum. Er lachte laut auf, prieß meinen Muth, und meinte, Du liebe Emma solltest ihm nun auch das ungeheuere Vergnügen machen, und dich von deinem schlimmen Zähnchen auf solche Weise befreien.« Emma schüttelte das Köpfchen, obgleich Bertha ihr versicherte: daß der Schmerz der Operation schnell vorübergehend sey, der ihrige sie aber noch lang quälen würde. So war es auch,sie litt' noch mehrere Tage und Nächte, und zuletzt mußte sie sich doch noch den Händen des allzeit fertigen Zahnausnehmer anvertrauen, welcher das muthige Schwesterchen ihr lobpreisend zum Muster aufstellte; und auch die Mutter konnte Bertha ihren Beifall nicht versagen, da sie durch die entschloßene Aufopferung des kranken Zahn's die übrigen gesunden vor Ansteckung schützte, und Zahnschmerz auch in Zukunft zu den Uebeln gehörte, die sie fast gar nicht aus Erfahrung kennen lernte.
Frau von Wellenfells, eine Schwester des Majors, hatte ihren Gatten vor 2 Jahren verloren, und ihr schon länger kränkelnder Körper erlag fast unter dem Schmerz jener Trennung. Als sie sich nach und nach wieder etwas erholt hatte, riethen ihr die Aerzte Wohnung- und Luftveränderung, und sie beschloß eine Reise zu ihrem Bruder zu machen, und einige Zeit bei ihm zu bleiben. Man nahm sie gerne auf, denn sie besaß viele Vorzüge, und besonders gewann sie balddie Gunst der Kinder, da sie die Gabe hatte, sie auf allerlei artige Weise zu unterhalten. Sie spielte trefflich den Flügel, wußte viel aus ihrem Leben, so wie auch andere nette Geschichtchen zu erzählen, und in ihrer reichhaltigen Bibliothek befanden sich manche werthvolle Jugendschriften. Wenn sie recht guter Laune war, so lehrte sie Franzen verschiedene kleine Taschenspielerkünste, mit und ohne Karten; und dann war sie auch nicht abgeneigt, mit den Mädchen in ihren Feierstunden zu kochen, und aus frischen und getroknetem Obst, und andern Süssigkeiten, herrliche Gerichte zu verfertigen. Doch, wie gesagt, dies geschah nur, wenn sie sich ganz wohl fühlte, und dann recht heiter war. Oft aber störte ihre Zufriedenheit wirkliches Unwohlseyn; nicht selten auch eingebildetes. Ja dies war eine ihrer Schwächen, daß ihr körperliches Befinden sie viel beschäftigte, und sie immerwährend an sich kurirte. Sie fragte dabei selten einen Arzt, sondern ihre Hausapothecke, die sie mit sich führte, enthielt für alle Arten Uebel ein Mittelchen, dessen sie sich noch obwaltenden Umständen bediente. Es gab darinnen niederschlagende Pulver, Magen- undNervenstärkende Tropfen, heilsame getrocknete Kräuter, Latwergen, kräftige Wasser, zusammengesezter Essig, und ausser dergleichen Dingen noch viel Gutes zur Erfrischung und Labung in krankhaften Zuständen. – Als sie in Falkensee's Wohnung anlangte, und ihr Zimmerchen ihr angewiesen war, so ließen sich's Emma und Bertha nicht nehmen, sie dahin zu begleiten, und waren sehr geschäftig beim Auspacken und Einrichten ihr zu helfen. Dabei kam den nun auch das kleine Schränkchen mit der erwähnten Apotheke zum Vorschein, und Tante Hildegard wieß ihr den Plaz in einem Wandbehälter an, der unversperrt, und nur mit einem Griff zum Auf- und Zumachen versehen war. Auch ihre Bücher stellte sie in einem zweiten ähnlichen Schrank, der sich in einer andern Seite der Wand befand. Diese getroffene Maßregel war Bertha höchst angenehm; denNeugierdewar ein Hauptfehler des Mädchens, und diese regte sich mächtig beim Anblick der Besitzthümer Hildegardens in ihr; ja sie flüsterte der Kleinen zu: »in diesen unverschlossenen Schränken kannst Du ungehindert öfters alle die Gegenstände und Bücher, die sich darin befinden, genauuntersuchen und durchblättern, und Dich damit recht angenehm unterhalten.« Eine bessere Stimme in ihrem Innern widersprach Jener, und ermahnte Bertha: »der Aeltern oft erhaltenen Befehl, ihre Neugierde zu besiegen, Folge zu leisten.« Allein die Lockung war zu groß, denn zufällig waren ihr bei der Einrichtung manche, schon dem Aeußern nach, köstliche Bücher in die Hand gekommen, die sie gar zu gerne näher und länger betrachtet hätte, sie war jedoch gegen die Tante noch zu schüchtern, dieselbe darum zu bitten; auch stack ihr gewaltig das niedliche Schränkchen im Kopf, dessen Inhalt sie zu kennen wünschte. Als daher einmal Hildegard mit der Mutter ausgegangen war, um einige Besuche abzustatten, schlich sich Bertha in ihr Zimmer, kam an den Bücherschrank, nahm eines der Bücher nach dem andern heraus, und in welchem Bilder waren, mit dem unterhielt sie sich eine geraume Zeit. Sie hatte sie noch nicht alle durchgesehen, als sie Tantens Stimme hörte. Eilig stellte sie das Buch, das sie gerade in Händen hielt, an seinen Ort, schlug den Schrank zu, und begab sich an das Fenster, vor welchem schöne Blumen in Töpfenstanden, womit man Hildegarden bei ihrer Ankunft beschenkt und überrascht hatte. Bertha ergriff ein Glas Wasser, das in der Nähe stand, begoß damit ein paar der Blumen, und Jene traf sie bei diesem Geschäft. »Das ist schön,« sagte die Tante, »daß Du für meine Blumen Sorge trägst;« und Bertha verbarg das Gesichtchen in einen buschigten Gyranienstock, denn das erhaltene unverdiente Lob jagte ihr das Blut ins Gesicht. »Ich will noch mehr Wasser holen,« sagte sie, und eilte fort, ihre Verlegenheit nicht bemerkbar werden zu lassen. Sie hatte jedoch den Griff des Bücherschrank's vorhin nicht hinreichend herum gedreht, und als sie zur Zimmerthüre hinausstürmte, flog vom Zug der Luft die Schrankthüre auf, und Hildegard sagte, indem sie dieselbe wieder zu machte: und dann daran rüttelte, »Ei, ei! mein Nichtchen hat sicherlich in meinen Büchern gekrammt, den heute früh, als ich mein Gebetbuch hinein stellte, verschloß ich den Schrank ganz fest, wie auch jetzt wieder, wo er nicht so leicht auffahren kan.« Sie frug bei Käthe – ihrer Kammerjungfer – nach. Diese aber konnte keinen Aufschluß geben, da sie eineWäsche für ihre Gebieterin zu besorgen hatte, und deshalb mehrere Stunden im Hofraum beschäftigt war. Nach einigen Tagen, als Tante mit ihrem Lieblings-Nichtchen, Emma, abermals ausgegangen war, begab sich Bertha, vom unwiderstehlichen innern Drang getrieben, wieder in Hildegards Zimmer, um das kleine Schränkchen, wegen dem ihre Neugierde sie nicht ruhen ließ, in der Nähe zu beschauen. Sie fand, die schon früher angegebenen Gegenstände darin, las die Aufschrift jedes Glases, jedes Schächtelchens, stellte und legte Alles ordentlich wieder an seine Stelle, und als sie ihre Neugierde vollkommen befriedigt hatte, wollte sie sich aufs Neue mit dem Bücherschrank unterhalten; aber sie vernahm Tritte, und verließ also eilig das Zimmer. Wirklich war es Käthe, welche die Treppe herauf kam; doch da die Kinder auf demselben Stockwerk auch ihre Spielzeugkämerchen hatten, so konnte Bertha eben so gut von diesem herkommen, und Jene dachte nichts arges dabei. Am Abend dieses Tages, als die Schwestern im Bette lagen – (sie hatten ihr eigenes Schlafstübchen) – und nach Gewohnheit noch eine Weile plauderten,seufzte mitunter Bertha tief auf, und Emma fragte sie besorgt, was ihr fehle? »Ach Gott!« erwiederte sie: »mich quält die Reue! Ich war den guten Aeltern heute, und auch vor ein paar Tagen recht ungehorsam. Oft schon verwiesen sie mir ernstlich meine Neugierde, und geboten mir, sie zu beherrschen, und dennoch folgte ich der Lockung derselben, statt ihren Ermahnungen.« Nun erzählte sie Emma Alles was meine Leser schon wissen, und schloß mit einer lebhaften Schilderung der Hausapothecke. Sie sagte: »O Schwesterchen in dieser sind gute Sachen! Nach der Aufschrift der Gläser und Schachteln giebt es Himmbeersaft, Hagenbuttensulze, Brustzelten, Magenmorsellen, süße Latwergen, von verschiedener Art und noch eine Menge herrlicher Erquickungen, für Kranke, die ich darnach gar nicht mehr weiß.« »Ei da wässert auch Gesunden der Mund!« versetzte Emma, die ein gewaltiges Leckermäulchen war. Ja ihre Neigung zurNaschhaftigkeithatte ihr schon manchen Verdruß zugezogen, ohne daß sie dadurch von Jener ganz befreit worden wäre. Bertha's Erzählung machten den erwähnten Hang wieder ungemein in ihrrege, und er raubte ihr sogar noch eine Weile den Schlaf. Immer sah sie im Geiste die gefüllten Gläser, Tiegelchen und Schachteln vor sich, und das Gelüsten nach ihrem Inhalt überwog das Vermögen, der Stimme der Vernunft und Pflicht, die sich in ihrem Innern erhob, Gehör zu geben. Auch am andern Morgen war bei Emma's Erwachen die Hausapotheke ihr erster Gedanke, und als sie die Tante im Laufe des Tag's zu einem Spaziergang aufforderte, schützte sie eine Arbeit, die sie für den Lehrer zu verfertigen habe, vor, und bat: daß Hildegard lieber Bertha mitnehmen möchte. Erstere prieß ihren Fleiß, ihre Schwesterliebe, und that was sie wünschte. Auch die Mutter schloß sich an Jene an, und so hatte Emma freien Spielraum, den sie, trotz ihres mahnenden und strafenden Gewissens zu benützen sich vornahm. Allein noch, als sie schon vor dem Wandbehälter stand, der das Ziel ihrer Wünsche verschloß, war sie im Zwiespalt mit sich selbst, ob sie der Versuchung folgen, oder ihr muthig widerstehen sollte.
»Ach nursehenwill ich die köstlichen Sachen, und mich an ihrem Anblick weiden;« sagte die Stimme der Verführung in ihr. »Nein, esist Sünde!« sprach das Gewissen. »Allein das Anschauen ist eine Freude, die Du dir doch erlauben kannst;« wandte Erstere ein, und so öffnete denn Emma den Behälter, und auch das kleine Schränkchen. Nun war es aber um jede Kraft zum Widerstand geschehen. Zu lockend blikten ihr alle die Süssigkeiten entgegen, sie mußte sie kosten. Ja sie nahm von jeder einen Mundvoll, doch so geschickt, daß man es nicht bemerken konnte; brachte dann alles wieder an seine Stelle, und schlich sich davon. Diesmal aber hatte Käthe des Mädchens Thun und Treiben bemerkt, wußte indessen nicht, ob es Emma oder Bertha war, welche sie ohnehin immer verwechselte.
Bald nachher offenbarten sich die Folgen von Emma's Vergehen; denn sie hatte von allen Sulzen, Latwergen und Zelten genoßen, schnell alles verschluckt, und die vielen Leckereien erregten ihr heftige Ueblichkeiten und Magenbeschwerden. Ueberdieß kam Mittag ihr Leibgericht, eine Stockfischpastete auf den Tisch, und ob sie gleich schon nicht ganz wohl sich fühlte, so konnte sie sich's doch nicht versagen, ihre Gelüste darnach zu stillen, und ziemlich viel davon zu eßen. Ihr nachherigesvergrößertes Uebelbefinden wurde nun auf Rechnung jener Speise geschrieben, und Niemand forschte weiter darnach. Aber als am Abend Käthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft beim Auskleiden behülflich war; sagte sie: »Ich weiß wohl, wo Fräulein Emma's Unwohlseyn hauptsächlich herrührt, die arme Stockfischpastete ist nicht allein Schuld.« Hildegard erwiederte strenge: »Nun so sage was du weißt.« Käthe erzählte ihre gemachten Beobachtungen, und Tante schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, nein,« entgegnete sie, »du verwechselst die Schwestern. Emma, meine gute Emma ist einer solchen Handlung nicht fähig; eher die leichtfertige Bertha, die noch überdies recht neugierig ist, denn neulich gerieth sie sicherlich über meinen Bücherschrank.« Die Dienerin versezte: »Auch mir begegnete gestern eine der Schwestern auf der Treppe, doch welche es war, kann ich unmöglich angeben, sie sehen sich zu ähnlich.« Am andern Tag theilte Hildegard der Majorin Kätchens Erzählung mit, und Bertha wurde vor das mütterliche Gericht berufen. Auch die Tante war bei dem Verhör gegenwärtig, und das ehrliche Töchterchen gestandaugenblicklich den zweimal begangenen Fehler, wofür sie den verdienten Verweiß erhielt, und ruhig denselben hinnahm. Aber als Hildegard in sie drang, auch zu bekennen, daß sie genascht habe, da braußte die, dem Mädchen eigene Heftigkeit auf, und nur der Mutter drohende Stimme, brachte sie wieder ins Geleise. Die Tante äusserte: »sie wolle es dahin gestellt seyn lassen;« schien jedoch ihren Argwohn nicht ganz aufgegeben zu haben, was Bertha innig schmerzte. Zwar hatte Jene am Morgen, als sie ihre Hausapotheke untersuchte, keine Spur von irgend einem unberufenen Besuch derselben entdeckt, und da Käthe ihr schon einigemal Beweise eines verläumderischen Charakters gegeben hatte, so wußte sie nicht, was sie von der Sache denken sollte, und ließ sie scheinbar beruhen. Ihre geliebte Emma sprach sie in ihrem Herzen ganz frei von Schuld, da ja Bertha eingestanden hatte, zweimal in ihrem Zimmer gewesen zu seyn; gegen diese aber war sie, seit dem Vorfall auffallend kälter, denn sie zweifelte immer noch daran, ob sie Wahrheit gesprochen habe, und die Lüge haßte sie mit Recht, als das schändlichste Vergehen.Beide Schwestern bemerkten ihre veränderte Stimmung und Bertha sprach sich gegen Emma recht tief betrübt darüber aus. Sie kannte des Schwesterchens Fehler, und hielt dafür, daß es gemaußt habe, allein sie konnte es nicht über sich gewinnen, dasselbe darum zu befragen. Emma jedoch kämpfte mit ihrem Innern zwei Tage lang, und fühlte sich immer nicht fähig den bessern Entschluß, der in ihr entstand, auszuführen. Länger aber vermochte sie es nicht, die unverdienten zärtlichen Liebkosungen der Tante anzunehmen, und zu ertragen, daß Bertha's Augen bei der sichtlichen Unfreundlichkeit Hildegardens in Thränen schwammen – sie fiel, als dies einmal wieder der Fall, und sie mit der Schwester alleine war, dieser weinend um den Hals, und entdeckte ihr, was sie gethan hatte. Von ihr aus flog sie an das mütterliche Herz, und bekannte auch da ihre Schuld, so wie sie dieselbe der Tante nicht verschwieg. Natürlich ließ man der kleinen Näscherin den wohlverdienten Unwillen fühlen; aber ihr aufrichtiges Bekenntniß und Bertha's dringende Fürbitten erwarben ihr auch wieder Verzeihung. Sie gelobte Besserung, und hielt wassie versprach. Entschlossen besiegte sie künftig jede Versuchung zu naschen, wich aber dabei auch der gefährlichen Schaulust aus, und gewann dadurch in einem noch höheren Grad die Liebe der Ihrigen. Die Tante aber bat Bertha förmlich den, im Stillen gegen sie gehegten Argwohn ab, und suchte ihr denselben durch verdoppelte Erweisungen ihres Wohlwollens zu vergüten. –
Kaum war, nach einem 6monatlichen Aufenthalt der Tante Hildegard, das Gaststübchen leer geworden, so wurde es auf der gutmüthigen Bertha Veranlaßung wieder besezt. Sie besuchte an einem Nachmittag ihre Freundin Malwina, und nachdem sie einige Stunden vergnügt bei ihr zugebracht hatte, wollte sie wieder nach Hause kehren. Es war Dämmerung, der Regen plätscherte aus den Wolken hernieder, und dabei stürmte es so gewaltig, daß Bertha kaum den kleinen Regenschirm, der sie schützen sollte, erhalten konnte. Zulezt riß ihr ihn wirklich ein Windstoß ausder Hand, und jagte ihn an den Rand einer Brücke, über die gerade das Mädchen mühsam schritt. Erschrocken sah sie dem Fliehenden nach, und gewahrte, daß ein Wanderer auf ihn zulief, ihn glücklich erhaschte, und Bertha für die Eigenthümerin erkennend, denselben zustellte. Sie dankte ihm freundlich, er aber erbot sich, da seine Kräfte eher zureichten, den Schirm über sie zu halten, und sie nach Hause zu begleiten. Die Kleine nahm es dankbar an, und versicherte dem jungen Mann ihre Theilnahme, da von seinem Reisehemd und seinem Ränzchen das Wasser immerwährend herunter troff. »Wäre ich nur gesund;« versezte der Wandersmann; »dann würde mich der Regen wenig kümmern, aber ich wollte lieber zu Bette liegen, als in der Nässe herum waten.« Bertha schaute ihn mitleidig an, und sagte: »Armer Mann! wie bedaure ich Sie! Geht denn die Reise noch weit?« Jener erwiederte: »Ei freilich noch mehrere Meilen habe ich zurückzulegen, bis ich in meine Heimath komme.« Bertha's Neugierde und Theilnahme stellte noch viele Fragen an ihren Begleiter, und so erfuhr sie denn: daß er der einzige Sohn reicher Aelternsey und auf der hohen Schule seines Wohnorts die Theologie studiere, daß er in den Feiertagen entfernte Verwandte besucht habe; auf der Rückreise krank geworden sey und seine ganze Baarschaft, bis auf einen kleinen Rest dadurch aufgezehrt hatte. Noch nicht völlig erholt, wollte er doch weiter wandern, allein im lezten Dorf sey er wieder liegen geblieben, was die lezten Gulden vollends gekostet habe. Nun wisse er nicht einmal, wo er diese Nacht ohne Geld als Fremder eine Unterkunft finden würde. »Ach wüßte meine gute Mutter, in welcher Verlegenheit sich ihr Heinrich befindet, wie würde sie sich grämen und ängstigen!« fügte er am Schluße seiner Mittheilungen tief seufzend hinzu. Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele entstand ein Entschluß, den sie nicht als unausführbar verwerfen konnte und wollte. Sie kannte ja die Menschenfreundlichkeit ihrer Aeltern, und hoffte, keine Fehlbitte zu thun, wenn sie dem Reisenden ein Obdach in ihrem Hause für diese Nacht von Jenen zu verschaffen suchte. In ihrer Wohnung angelangt, bat sie den Wanderer auf dem Vorplaz ein wenig zu verziehen, flog ins Wohnzimmer, woauch gerade der Vater zugegen war, und erzählte mit eiligen Worten des Fremden gefälliges Benehmen gegen sie, und seine Noth. Augenblicklich wurde ihm die Thüre geöffnet, und es verging keine Stunde, so war er in der Familie einheimisch, und wie ein Glied derselben von Allen betrachtet. Besonders schloß sich Franz herzlich an ihn an, und auch der Major und seine Gattin fanden Gefallen, an dem gebildeten, sittlich guten Jüngling. Aber ach, der Arme war noch nichts weniger, als gesund, und schon die erste Nacht brachte er in einem fieberhaften Zustande, zu. Am andern Morgen wurde der Arzt gerufen, und er erklärte den Kranken für bedenklich. Man kann sich die Sorge der Falkensee'schen Familie denken, und Bertha weinte manches Thränchen; denn die Mutter ihres Gastes, welche dieser mit so begeisterte kindlicher Liebe geschildert hatte, lag dem guten Mädchen immer im Sinn, und sie dachte sich lebhaft ihren Gram, wenn sie den geliebten Sohn in der Ferne verlieren sollte. Zu seiner Rettung und Pflege wurde nun Alles aufgeboten, und die Kinder wetteiferten mit den Aeltern darinnen. Namentlich ließ es sich Franz nicht nehmen,seinen neuen Freund treu zu bedienen; Bertha aber übernahm emsig alle Geschäfte, dieihrangemessen waren, und nur aus schwesterlicher Gefälligkeit überließ sie zuweilen Emma eines oder das andere. Heinrich genaß, und sobald es ihm von dem Arzt erlaubt wurde, berichtete er in einem Brief seine Aeltern von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen, wobei natürlich die Aufnahme und Behandlung welche ihm im Falkensee'schen Hause zu Theil geworden war, hoch von ihm gerühmt, und mit den lebhaftesten Farben geschildert ward. Bald erschien von Volkmar – so hieß Heinrichs Vater – ein Antwortschreiben voll Aeusserungen des innigsten Dankes gegen die Wohlthäter seines Sohnes, und auch das, von dem Jüngling erbetene Geld zur Rückreise und zur Bestreitung noch anderer Ausgaben, hatte Jener beigelegt. Es war gerade Messe, als es anlangte, und nun wußte Heinrich nichts angelegentlicheres zu thun, als mit Franz und seinen beiden Schwestern den Markt zu besuchen; denn es glühte in ihm das Verlangen: den kleinen Freunden thätige Beweise seiner Dankbarkeit zu geben. Auch für Frau v. Falkensee kaufte er einen geschmackvollenSeidenzeug zu einem Kleid, für den Baron einen schönen Pfeifenkopf, für seine Lieblingsschwester Bertha (wie er sie öfters gegen Franz nannte) goldne Ohrenringe, welche aus kleinen bunten Juwelen ein niedliches Blümchen bildeten; Emma sollte einen Wollenhacken von Silber erhalten, und Franz eine reich eingerichtete Brieftasche.
Jugendliche Ungeduld ließ Heinrich die Nachhausekunft nicht erwarten; nein schon auf dem Markt theilte er die Geschenke an die Geschwister aus. Aber im Gewühl der Menschen Menge verwechselte er, was ihm auch auf dem Krankenbette öfters wiederfahren war, die, sich so ähnlichen Zwillingsschwestern; und Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte, diese, was Jene erhalten sollte. Erst als zu Hause den Aeltern Alles jubelnd von den Kindern gezeigt wurde, bemerkte Heinrich den Irrthum, und zwar mit wahrem Schmerz; denn obgleich er Emma's Vorzüge einsah, und sie deshalb ebenfalls brüderlich liebte, so war er doch Bertha einen größern Beweiß seiner dankbaren Anerkennung schuldig. Ihrer Vermittlung hatte er ja die gastfreie Aufnahme imHause der Aeltern zuzuschreiben, sie befreite ihn damals aus einer großen Noth und Verlegenheit und erzeigte ihm später viele, freundliche Dienste. Er klagte Franz was geschehen war, und bat ihn: die Schwestern auf irgend eine Weise zu einem Tausch zu bewegen; doch noch ehe dieser seinen Auftrag ausrichten konnte, trat Emma, die schon Ohrenringe besaß, Bertha die neuerhaltenen ab, und nahm dagegen den Wollenhacken; denn ihr richtiges Gefühl sagte ihr, daß nicht sie, sondern Jene das werthvollere Geschenk von dem lieben Gast verdient habe. Wie freute sich dieser als er nach einigen Tagen Bertha im Besitz des ihr bestimmten Eigenthum's erblickte. Doch die erhaltenen schönen Sachen waren nicht die alleinige angenehme Folge der, von der Falkensee'schen Familie bewiesene Gastfreundschaft. In Heinrichs Wohnort lebte ein böser Schuldner des Majors, von dem er, trotz alles Mahnen's die geliehene Summe nicht bekommen konnte. Der Vater des wackern Jünglings war ein geschickter Rechtsgelehrter, und sobald der Sohn im älterlichen Hause die Freuden des Wiedersehens genoßen hatte, war es eine seiner ersten Bemühungen,die Angelegenheit des Barons dem Vater zur baldigen und erfolgsreichen Besorgung anzuempfehlen. Volkmars getroffenen Maßregeln gelang es, die genügte Zahlung zu bewerkstelligen, und nun konnte er es nicht versagen, die, schon für verloren geachtete Summe Falkensee selbst einzuhändigen, und die edlen Menschen kennen zu lernen, welche seinem Sohn so viel Gutes erzeigten. Der Vater des, von Allen geliebten Heinrichs wurde aufs freundlichste empfangen, und auch gegen ihn jede Pflicht der Gastfreundschaft treu und freudig geübt. An einem Abend, als der Major und Volkmar bei einer Pfeife Taback beisammen saßen, und traulich von diesem und jenem schwazten, kam das Gespräch auf ihre Jugendjahre, und nun ergab sichs: daß sie beide als Knaben eine Schule besuchten. Man rief sich allerlei lustige und verwegene Streiche ins Gedächtnis zurück, welche damals zu Schulden kamen, und unter andern erwähnte der Major einer Lebensgefahr, in welche ihn und andere, Knaben-Uebermuth gebracht hatte. Es zog nämlich einmal im Winter, wo es kaum ein paar Nächte gefroren hatte, eine Schaar wilder Jungenauf einen nahen Teich, der nur mit dünnem Eis überzogen war, und wollten darauf Schlittschuh laufen. Falkensee war der erste, der es versuchte, und – siehe da – des Wassersspiegels Decke krachte, jener plumpste hinein, und würde ertrunken seyn, wäre nicht ein entschlossener Knabe herbei gesprungen, und hätte jenen gerettet. »Was!« – rief Volkmar, das waren Sie? Ach so habe ich meinem Sohn einen Wohlthäter am Leben erhalten. Wunderbarlich sind die Führungen Gottes! – Wohl erinnere ich mich der Begebenheit fuhr er fort, aber die Furcht vor der Strafe bestimmte mich, damals bei der Sache mich ganz stille zu verhalten, und so blieb mir der Name des Schülers, der überdies mit mir nicht die nämliche Claße besuchte, unbekannt. Auch Falkensee staunte, und er und alle die Seinigen, (als sie die Begebenheit hörten,) waren tief gerührt. Jener aber sezte noch hinzu, der Schrecken, den das kalte Wasserbad bei mir verursachte, benahm mir in den ersten Stunden das deutliche Bewußtseyn, und nachher waren – wie es bei Kindern gewöhnlich der Fall ist, die nähern Umstände des Ereignisses gar bald vergessen.Späterhin aber dachte ich öfters an meinen Lebensretter, und wünschte ihn zu kennen. Meine Mitschüler konnten mir jedoch keinen Aufschluß geben, und so war es mir für diesen Augenblick aufbehalten, mich dem Edlen zu nähern, jezt erst den Dank gegen ihn auszusprechen, den ihm schon früher mein Herz weihte. »Stille, stille!« fiel ihm Volkmar ins Wort. »Dem Vater ist Alles abgetragen worden, was der Mitschüler etwa einst verdient hatte.« Und nun zählte er wiederholt alles Gute auf, was sein Sohn in dieser Familie genossen hätte. Daß Bertha dabei zu erwähnen nicht vergessen wurde, läßt sich denken; doch Volkmar verwechselte sie sehr oft, und auch gegenwärtig mit Emma, die aber bescheiden dann immer zurück wich, und der Schwester das erhaltene Lob abtrat.
Nach einigen Wochen reißte Volkmar wieder ab; in der spätern Zeit werden wir indeßen ihm und seinem Sohne, nur unter andern Verhältnissen, in dieser Geschichte wieder begegnen. Bis dahin nehmen auch wir freundlich Abschied von ihnen.
So oft der Postbote einen Brief brachte, wurde der Kinder Erwartung gespannt. »Er ist gewiß von Heinrich;« meinte Franz. »Oder von meiner lieben Pathin;« äusserte Bertha, und Emma freute sich immer auf Nachrichten von Moosdorf, von dorther eine Zuschrift erwartend. Wirklich wurde diesmalihreHoffnung erfüllt. Es traf ein Schreiben von Herrn Werthlieb ein, in welchem er zwar von seinem und der Seinigen Befinden Erfreuliches zu berichten hatte, aber zugleich meldete er auch den erfolgten Todesfall des Schullehrers im Ort, des wackern Feßlers, der noch recht gut in Franzens und der Schwestern Andenken lebte, und welchem sie jetzt wehmüthig im Geiste ein – »Schlafe wohl redlicher Mann!« nachriefen. Feßler besaß kein Vermögen, aber viele Kinder, daher mußte Suschen die älteste Tochter sich entschließen, Dienste zu suchen. Sie war ein Mädchen von 14 Jahren, und wir kennen sie schon aus Emma's Tagebuch, wo sie derselben als eine etwas wilde Gespielin Bertha's erwähnt: doch längere Kränklichkeit des Vaters,und endlich sein Tod hatten jede Spur von Ausgelassenheit in ihr vertilgt, und es war ihr mit dem Verlangen: in der Fremde eine gute Unterkunft zu suchen, und diese durch ein wackeres Betragen zu verdienen, wahrer Ernst. Dies wußte Werthlieb, und hegte im Stillen den Wunsch: Suschen möchte in dem, von ihm so hochgeachtetem Falkensee'schen Hause ein Plätzchen erhalten. Er unterließ daher nicht in seinem erwähnten Schreiben die Lage von Feßlers Hinterbliebenen nach ihrer wahren Beschaffenheit Mitleid erregend darzustellen; und auch Suschens Vorhaben mit bedeutungsvollen Worten anzuführen. Zum Glücke jener war gerade die Majorin entschloßen, ihrem Stubemnädchen den Dienst aufzukündigen, da sie Ursache hatte mit ihr sehr unzufrieden zu seyn und, Bertha, der alten Freundschaft eingedenk, rief, sobald Werthliebs Brief vorgelesen war. »O lieb Mütterlein, nimm Suschen in Dienst statt Christinen!« Auch Emma stimmte bei, und so kam es denn wirklich dazu, daß des Pastors geheimer, menschenfreundlicher Wunsch erfüllt wurde.
Schon war Suschen mehrere Wochen imDienst, und man fand gegenseitig keine Veranlaßung, den gethanenen Schritt zu bereuen. Das Mädchen that ihre Schuldigkeit, vollzog pünktlich alle erhaltenen Befehle und Aufträge, und hatte dafür das beste Leben. Ja ihre gütige Herrschaft nahm auf ihre vermögenslose Lage Rücksicht, und beschenkte sie noch ausser dem bedungenen Lohn, mit allerlei, theils neuen, theils abgetragenen Kleidungsstücken. Für Speise, Trank und ihre andern Bedürfnisse war ohnehin gesorgt, und da sie ihre Pflicht erfüllte, so erhielt sie auch kein schlimmes Wort. Besonders aber besaß sie Bertha's Liebe und sie hing ebenfalls vor Allem an Jener. Zwar verwechselte sie oft das Schwesternpaar, und bereute es dann wohl nicht, wenn sie Emma statt Bertha mit besonderer Eile und Pünktlichkeit bedient oder einen Auftrag von ihr auf solche Weise vollzogen hatte, denn Erstere stand auch gut bei ihr angeschrieben; aber Bertha erhielt dennoch den Vorzug in ihrem Herzen. Sie hatte es bald weg, daß ihr Liebling den Hang zur Neugierde hegte, der wirklich in Berthas Innern immer noch nicht ausgerottet war; und um ihr Freude zu machen, gab sich Suschen alle Mühe,ihr viel Neues mittheilen zu können. Sie trug ihr Alles zu, was in und ausser dem Haus geschah, und Jener, wie allen unbefangenen Kindern, vielleicht unbekannt geblieben wäre. Dadurch erhielt Bertha's, ohnehin noch nicht ganz besiegte Neigung aufs Neue Nahrung und Stärke, und Suschen gewöhnte sich auf diese Art eine tadelnswürdige Waschhaftigkeit an, welche sie bald um ihre gute Stelle gebracht hätte.
Für den angehenden Winter war Emma ein neuer Mantel verheißen, der aus einem, von der Mutter ihr abgetretenen verfertigt, und daher dieser ganz auseinander getrennt werden sollte. Es häuften sich aber gerade für Frau v. Falkensee andere nothwendigen Arbeiten, und Thekla, Emma's Freundin wurde in dieser Zeit krank, wodurch letztere sehr oft zu Jener geholt ward, und derselben sich ganze Tage lang widmen mußte. Daher konnte weder sie, noch die Mutter obiges Geschäft vornehmen, obgleich die kältere Jahreszeit Emma den Besitz des neuen Mantels sehr wünschenswerth machte, und der Schneider nach dem vertrennten verlangte. Da erbot sich Bertha die Sache zu fördern, und so wenig sieausserdem eine Freundin vom langen Sitzen war, so betrieb sie diesmal die erwähnte Arbeit so eifrig, daß sie in ein paar Tagen vollkommen damit zu Stande kam. Die dankbare Schwester wünschte nun ihr dafür auch eine Freude machen zu können, und beredete sich deshalb mit der Mutter. Es wurde beschloßen: daß Bertha in den nächsten Tagen in ihrem Schrank ein neues Filzhütchen finden sollte, ganz so, wie Emma eines von Tante Hildegard erhalten hatte, und Jene sichs sehnlich wünschte. Emma war gesonnen, aus ihrer Sparbüchse einen, nicht unbedeutenden Beitrag zu geben, und freute sich unbeschreiblich auf die frohe Ueberraschung, welche dem Schwesterchen bestimmt war. Suschen hatte während der Verhandlung ein Geschäft im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, zu besorgen, hörte also Alles, und gedachte ihrer lieben Bertha durch eine frühere Verkündigung obigen Plans, eine frühere Freude zu bereiten, strebte also immer sie allein zu treffen. – Einmal sah sie Bertha – ihrer Meinung nach – im Schlafstübchen derselben, vor einer Schublade ihrer Commode knieend, und eifrig etwas suchend. Eswar ausserdem Niemand im Zimmer und Jene in ihr Bemühen gewaltig vertieft. Ueberdies kam Suschen hinter ihrem Rücken her, und begann nun halb leise und wichtig: »O Fräulein Bertha! Ich weiß ein Geheimnis! – Es drückt mir fast das Herz ab. Nein, ich kann es nicht verschweigen, und muß es ihnen mittheilen.« –
Emma (dennsiewar die Kniende) kannte Suschens Geschwäzigkeit, und wollte nun sehen, wie weit sie dieselbe treiben würde. Sie hob den Kopf nicht in die Höhe, sondern suchte scheinbar immer fort, ob sie gleich das, was sie wollte, schon längst gefunden hatte; Jene aber offenbarte die ganze Heimlichkeit, und maß sich noch ein großes Verdienst bei, sie weggeschnappt und Bertha hinterbracht zu haben. Als sie geendigt hatte, sprang Emma auf, trat unwillig vor sie hin und sagte: »Du plauderhaftes Mädchen Du! Sieh mich an, bin ich Bertha? und wenn ich es wäre, so hättest Du ihr und mir die ganze Freude verdorben. Wage es nicht, ein Wort von jenem Geschenk gegen sie zu erwähnen, sonst verrathe ich Deine Plauderei bei der Mutter.« Erschrocken erkannte Suschen ihrenIrrthum, und bat flehentlichst um Verzeihung und um das Verschweigen ihrer Schuld. Emma war auch, aus Mitleid mit des Mädchens Angst dazu geneigt; allein ehe sich's Beide versehen, stand Frau v. Falkensee vor ihnen, welche streng den Vorfall zu wissen verlangte. Suschen wurde nun mit dem Verlust des Dienstes bedroht, wenn sie sich je wieder eine ähnliche Waschhaftigkeit zu Schulden kommen ließe. Dies half; denn zu viel war ihr an ihrer Stelle gelegen, und sie gab sich alle Mühe, sich den angenommenen Fehler wieder abzugewöhnen. Als aber Bertha wirklich mit dem schönen Hütchen beschenkt, und ihr nachher erzählt wurde, wie leicht die Ueberraschung hätte vereitelt werden können, da verbot sie Suschen selbst die geschäftige Mittheilung von Neuigkeiten; denn ihr war der Gedanke unerträglich, daß durch ihren und durch Suschens Fehler die geliebte Schwester bald des Genußes beraubt worden wäre, welchen ihr die Veranstaltung, Bertha eine unerwartete Freude zu bereiten; gewährt hatte.
Nicht nur von Fremden, nicht nur von Suschen wurden die Zwillingsschwesterchen öfters verwechselt; sogar den Aeltern widerfuhr es zuweilen, die Eine für die Andere zu halten. Besonders geschah dies in einem traurigen Zeitpunkt; als nämlich Frau v. Falkensee von einer gefährlichen Krankheit heimgesucht wurde. Der Jammer der ihrigen und aller Hausgenoßen war unbeschreiblich. – Emma und Bertha wichen nicht von dem Lager der geliebten Kranken, und leisteten, als 11jährige Mädchen, ungemein viel. Da geschah es denn oft, daß die Mutter in ihrer Schwäche, und in dem, durch die zugezogenen Fenstervorhänge verdunkelten Zimmer Emma als Bertha ansprach; und auch wieder umgekehrt. Selbst als sie sich auf dem Weg der Besserung befand, und sich kräftiger fühlte, mußte sie ihre Töchterchen noch ins Auge fassen, wollte sie dieselben von einander unterscheiden, denn ihrer persönlichen Aehnlichkeit gleich, war der Eifer, mit dem sie die theure Mutter bedienten, die Aufmerksamkeitmit welcher sie auf ihr leisestes Verlangen lauschten, und die Umsicht, mit der sie ihr alle Schmerzen und Unbequemlichkeiten zu erleichtern suchten. Beide erwarben sich aber auch gleiche Aeußerungen der mütterlichen segnenden, und dankvollen Zufriedenheit. Der Vater und Franz, die sich ebenfalls oft und viel im Krankenzimmer aufhielten, wurden selbst nicht selten an den beiden Mädchen irre; denn die oft unbedachtsame, lustige Bertha, war still und besonnen, ihrer Schwester ähnlich, und diese ließ, durch den tiefen Schmerz erweicht, alle Empfindungen aus ihrem, oft so verschloßenem Gemüth strömen; und waren Beide, immer friedlich und freundlich gegen einander, so schienen sie jezt nureineSeele zu seyn. – Der Arzt beobachtete oft ihr Thun und Treiben mit schweigendem Staunen und Wohlgefallen, und wußte eben so wenig die Mädchen zu unterscheiden, als einer vor den Andern irgend einen Vorzug zu geben. – Nur in der Aufnahme der begleitenden Nachricht: daß die geliebte Mutter nun ausser Gefahr sey; zeigte sich die Eigenthümlichkeit der Schwestern. Emma zerfloß in Thränen froher Rührung,und hob das schwimmende Auge dankend zum Himmel empor. Bertha tanzte jubelnd im Kreise umher, klatschte in die Hände und war ganz Fröhlichkeit. Wohl geschah dies Alles ausserhalb dem Krankenzimmer, aber die besonnene Emma lief geschwind nach der Thüre, und untersuchte besorgt, ob sie verschlossen sey, damit des Schwesterchens laute Freude die noch sehr schwache Mutter nicht unangenehm berühre. Dieser Vorfall entschied bei Doktor Wollmann über den Werth der beiden Mädchen. Ohne Bertha weniger zu lieben als bisher, fühlte er sich nun doch noch mehr zu der sanften und verständigen Emma hingezogen, und sie ersah er sich jetzt zur Vollzieherin eines Auftrag's, den er schon lange einem der Mädchen ertheilen wollte, jedoch immer nicht mit sich einig werden konnte: ob Emma oder Bertha.
Wollman hatte zugleich mit Frau v. Falkensee eine eben so gefährliche Kranke in die Kur bekommen, für die er ungemein viel Theilnahme hegte. Sie lebte erst seit kurzem in W*, war Wittwe, und besaß ein einziges Töchterchen, welches mit den Zwillingsschwesterchen in gleichemAlter war. Die Mutter litt jedoch nicht nur körperlich, sondern verschämte Armuth drückte den Geist, beugte das Herz, und erschwerte die Genesung des Körpers. Dies entging dem Arzte nicht, welcher reich und menschenfreundlich, schon häufig armen Kranken nicht nur seine einsichtsvollen Verordnungen unentgeldlich ertheilte, sondern überdies noch manche Unterstüzung ihnen zufließen ließ. Bei Frau Tellheim wurde ihm aber dies unmöglich gemacht. Sie erlaubte sich nicht nur keine Klage, sondern wich auch jeder seiner Fragen nach ihren nähern Verhältnissen sorgsam aus. Und doch war es unläugbar, daß der Mangel in der kleinen Wohnung hause, welchenvorder Krankheit Frau Tellheim's fleißige und geschickte Hand, durch feine künstliche Arbeiten abzuwehren suchte. Nun beschloß Wollmann durch Emma der kleinen Lidy ein bedeutendes Geldgeschenk für ihre Mutter einhändigen zu lassen, und unterrichtete das Mädchen von der Rolle, die sie übernehmen sollte. Herr v. Falkensee vermehrte die Gabe des Arztes aus dankbarer Freude über die Rettung seiner theuern Gattin durch einen, nicht kleinen Beitrag, und auch die Kinder ließenes sich nicht nehmen, jedes aus seiner Sparbüchse etwas dazu zugeben. Damit eilte nun Emma in das ihr bezeichnete Haus, und es ergab sich, daß Wollmann seinen Plan gut ausgedacht hatte. Emma's sanfte Weise fand Zugang, sowohl bei der Mutter, als auch bei der Tochter, und die Gabe wurde mit tiefer Rührung angenommen, jene hatte nach Wollmanns Auftrag ausgesagt: ein durchreisender Fremde habe ihr das Päkchen eingehändigt, und sie gebeten, Frau Tellheim es zuzustellen, und so unwahrscheinlich dies klang, so ehrte diese doch Emma's Verschwiegenheit und drang nicht weiter in sie, ihr weitere Aufschlüße zu geben. Lidy aber fand an der neuen Bekannten ein unbeschreibliches Wohlgefallen und da sich diese bei dem ersten Besuch nicht lange aufhalten konnte, so bat sie dieselbe süß schmeichelnd: ja bald wieder zu kommen, und ihr und der kranken Mutter Trost und Erheiterung zu bringen. Emma wurde lange abgehalten, ihren Vorsatz auszuführen. Unterdessen begegnete einmal Lidy Bertha auf der Straße, hielt sie für Emma und umarmte sie mit zärtlichem Ungestüm. Jene benahm ihr den Wahn, und dasMädchen staunte über die wunderseltsame Aehnlichkeit beider Schwester; aber eben dadurch auch Bertha gleich zugethan, bat sie diese, mit Emma zu ihr zu kommen, und Ersterer zu versichern, daß sie ihr eine recht wichtige Neuigkeit mitzutheilen hätte. Ungesäumt folgten beide dem erhaltenen Ruf, und wie erstaunt war Emma, als sie Alles sichtlich verändert fand. Die Armuth und der daraus entspringende Gram schienen ganz verschwunden, und eine glükliche Wohlhabenheit an deren Stelle getreten zu seyn. Freudig theilnehmend erkundigte sich Emma nach der Ursache und erfuhr nun: daß Tellheim einst in einer Lotterie sein Glück versucht, und nun nach seinem Tode die Nummer das große Loos den Seinigen gebracht habe. Aus inniger Dankbarkeit für ihre zarte Weise wohlzuthun, und unter den zärtlichsten Versicherungen ihrer Liebe schlang Lidy um Emma's Hals ein feines goldnes Kettchen, das schon längst für sie bereit lag, und Bertha, die nicht leer ausgehen sollte, wurde mit einem hübschen Nähkästchen beschenkt, in welchem Fingerhut, Nadelbüchschen und all dergleichen Dinge von Silber sich befanden.
Das liebliche Kleeblatt verlebte nun noch manche genußreiche Stunde mit einander, und sie geizten um so mehr darnach, als Frau Tellheim nach einiger Zeit den Entschluß faßte, wieder in ihre Heimath zurückzukehren, aus welcher sie nur Schaam über die eingetretene Armuth vertrieben hatte.