Chapter 3

3. KRIEGSKNECHTS-SANGLag auf einer Trommel nackt,kaum zwei Spannen lang,und der rauhe Trommeltaktwar mein Wiegensang.Wild zu wettern taugte ichdamals schon im Zorn,meine Milch, die saugte ichaus dem Pulverhorn.Damals taufte jeden gutder Korp'ral; beim Schopfnahm er ihn, goß Schwedenblutheiß ihm übern Kopf.4. KRIEGSKNECHTS-RANGBei uns gibts nicht Edelinge,die was gelten durch ihr Blut,jedes Rang ist jedes Klinge,und sein Wappen ist der Mut.Wer nur immer kühn sein Schwerthält den Schild von Schande rein,wer noch gestern unterm Heer zog,Herzog kann er morgen sein.5. BEIM KLOSTERWas gibts?—Eine Klosterpforte?—Ei, Potz Blitz!Eine Tür von dieser Sorterenn ich ohne viele Worteein mit meiner Nasenspitz!Auf das Tor ein fester Stempel....Pfaffe, komm!Jetzt heraus mit deinem Krempel,paar Monstranzen zum Exempelund paar Kelche: wir sind fromm.Laß jetzt dein: Peccavi, pater....Leucht zum Weinuns mit deiner Nase, frater,dorten kannst du uns ein Rater,und ein "Seelensorger" sein!6. BALLADEGestern zogen wilde Hordendurch das Dörfchen hin mit Morden,und ein Mädchen sinnt jetzt still:Ist der Liebste untreu worden,weil er heut nicht kommen will?—Draußen schrien die Dohlen.Mädchen ging mit bleicher Wangedurch das Haus.—Sie harrte lange,und des Nachts floh sie der Schlaf.Und sie schlich hinaus zum Hange,wo sie stets den Teuren traf.Ängstlich schrien die Dohlen.Und die Nacht war schwarz, die schwüle,fern nur brannte eine Mühle....Weinend wählt die matte Maidsich gar weiches Kraut zum Pfühleund entschlief in lauter Leid.Schrieen noch die Dohlen?Spät erwacht sie. Nebel grautenrings—soweit die Augen schauten....Weh!—Was sie ein Kraut geglaubt,ist das Haar an ihres Trautenblutigem, zerschelltem Haupt.—Schrecklich schrien die Dohlen.7. DER FENSTERSTURZ"Naht Verrat mit leisem Schritte,ungerächt, bei der Madonna,bleibt er nicht! Nach alter Sittezu den Fenstern!" schrie Colonna."Schont den Popel! doch die andern,jeder eine feige Natter,aus den Fenstern laßt sie wandern!Mitleid?—Werft ihn mit, den Platter!"Bange hangt am FensterstockeMartinitz noch.—Da Geröchel:Turn schwingt seine Degenglockeund zerschmettert ihm die Knöchel.Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er,Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!""Graf von Turn!"—"Der Bürgermeisterlasse alle Glocken läuten!"—8. GOLD"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.Wo hast das Gold du her?"—"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,kein Obrist hat wohl mehr!""Nein, das ist gutes, rotes Gold,das kann dein Sold nicht sein!""Beim Spielen war das Glück mir hold,und da ward alles mein!""Ist wirklich alles dein—das Gold,gesteh,—und ists kein Trug?"—"Nun, Würfel haben mit gerolltund jetzt laß es genug!""Und gibst du mir auch von dem Gold?""Das weißt du!"—"Nein, du Schelm,just auf der Stelle, sieh, ich wollt,du füllst mir deinen Helm!""Es sei!"—"Wies durch die Finger bebt,der Glanz gefällt mir gut!—... Schau, was dir da am Finger klebt,kam das vom Golde?—Blut!"—....9. SZENEDu kniest am Markstein, Alter, sprich!—Das ist kein Heilgenbild!""Kein Bild?—Ich bet.—Es faßte michdas Schicksal gar so wild.""Hast du kein Haus, hast du kein Land,das deiner Hände braucht?""Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,sieh hin—gewiß—es raucht.""Was bauts nicht wieder auf dein Sohnund hilft dir aus der Not?""Mein Sohn zog in den Krieg davon,jetzt ist er sicher tot."—"Was streicht dir deines Haares Schneeder Tochter Hand nicht, weich?"—"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,da sprang sie in den Teich."—"So sieh mir ins Gesicht!—Und brachdas Herz dir auch vor Graus....""Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stachmir beide Augen aus."10. FEUERLILIEWinters, ab die Äste krachten,keine Bäche konnten frieren,weil die Fluten Blutes ihrenPulsschlag immer neu entfachten.Als die Zeit kam, da die Blumeaufwacht und der Vogel flötet,sprang die Lilie selbst gerötetaus der todgedüngten Krume.11. BEIM FRIEDLANDHeimgekehrt von Schlacht und Schlagfreut sich Obrist und Gemeiner;denn jetzt hält der Wallensteinerwieder seinen Hof zu Prag.Just ließ frei den Turn er ziehn;das war so von seinen Trümpfeneiner.—Drauf ward NasenrümpfenMode ... dort bei Hof zu Wien.Laßt sie zetern. Friedlands Heermuß nicht darben und nicht dürsten,—und aus Knechten macht er Fürsten,unser Herzog.—Wer kann mehr?12. FRIEDENPrag gebar die Mißgestaltdieses Krieges, der voll Tückehauste.—Auf der Karlsbrückestarb er, dreißig Jahre alt.Endlich riß das Eisenstücknur dem Acker eine Schramme,und vom Kirchturm schlug die Flammein den trauten Herd zurück.BEI DEN URSULINENGeh mittags zu den Ursulinen,wenn man den Armen Speise trug,da siehst du, wie in müde Mienendie Not schrieb ihren Namenszug.Da siehst du Stirnen, die schon frühedes Schmerzes Eisenreif umschloß,und Wangen, die der Dunst der Brühemit falscher Röte übergoß.Du hörst, wie leisem Dankeswortesich Fluch bald, bald Gebet gesellt:so brandet an der Klosterpfortedas ganze Elend dieser Welt.AUS DER KINDERZEITSommertage auf der "Golka"....Ich, ein Kind noch—Leise her,aus dem Gasthaus klingt die Polka,und die Luft ist sonnenschwer.Sonntag ists.—Es liest Helenelieb mir vor.—Im Lichtgeglänzziehn die Wolken, wie die Schwäneaus dem Märchen Andersens.Schwarze Fichten stehn wie Wächterbei der Wiesen buntem Schatz;von der Straße dringt Gelächterbis zu unserm Laubenplatz.An die Mauer lockt uns beidemancher laute Jubelschrei:drunten geht im FeierkleidePaar um Paar zum Tanz vorbei.Bunt und selig, Bursch und Holka,Glück und Sonne im Gesicht!—Sommertage auf der "Golka",—und die Luft war voller Licht....RABBI LÖW"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus demBann der Not;heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie unsder Tod.Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, undkaum hat der Leichenwarteins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, dasist hart."Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einenBocher rasch herein—"So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim dieseNacht dich ganz allein;""Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör,um Mitternachttanzen all die Kindergeister auf den grauenSteinen sacht.Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht deinHerz beklemmt,Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühnsein Leichenhemd,raubst es,—bringst es her im Fluge, her zu mir!Begreifst du wohl?""Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingtdie Antwort hohl.Mitternacht und Mondgegleiße,—... und es stürzt der totenblasseBocher bebend durch die Gasse,in der Hand das Hemd, das weiße.Da jetzt ... sind das seine Schritte?...Jach kehrt er zurück das bleicheAntlitz: weh, die Kindesleiche,folgt ihm nach, im Aug die Bitte:"... Gib das Linnen, ohne Linnenlassen mich nicht ein die Geister...."Und der Bocher, halb von Sinnen,reicht es endlich seinem Meister.Und schon naht der Geist mit Klagen...."Sag, was sterben hundert binnenTagen?—Kind, du mußt es sagen,früher darfst du nicht von hinnen."So der Rabbi.—"Wehe, wehe,"ruft der Geist, "aus unserm Stammehaben zwei entehrt der Ehekeusche, reine Altarflamme!Hier die Namen!—Sucht nicht fremdeUrsach, daß euch Tod beschieden...."Und der Rabbi reicht das Hemdejetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijungstieg der Tag in rosgem Licht,hielt der Rabbi schon Gericht,—und der Unschuld ward Befreiung.Mit der Geißel des Gesetzesbrandmarkt er die Sünderstirn;—langsam löste jedes Hirnich vom Bann des Fluchgenetzes.Manches Paar war da erschienen,dankerfüllt, daß Gott verzieh,und der Weise segnet sie.—Freude lag auf aller Mienen.Nur der Bocher warf, der bleiche,sich im Fieber hin und her....Doch nach Beth Chaim lange mehrtrug man keine Kindesleiche.DIE ALTE UHRBald hättest, alte Rathausuhr,du nimmer dürfen Stunden weisen;sie hätten bald in altem Eisenversplittert deine letzte Spur.Der Geizhals hart zum letztenmalsein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,zum letztenmal der Tod mit Glotzengeschwungen seinen Sensenstahl.Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.Und heut noch kräht er; freilich heiser,noch nickt der Geizhals fort, und leiserdroht ihm des Todes Majestät.KÄMPFENIEin heißer Eid, ein gramerpreßter,der leicht von jungen Lippen rinnt,der machte zur barmherzgen Schwesterfast über Nacht ein blondes Kind.Des jungen Lebens Wellen fließenfortan durch Krankenstuben still;es träumt ihr Herz noch vom Genießen,wenn auch das Aug es leugnen will.Denn mit der Strenge der Asketendrängt sie zurück, was in ihr quillt,und geht um Kraft nach Emaus betenzum wunderstarken Gnadenbild.SIEGENIIDer Tag beginnt sich kaum zu lichten;"Heut sei im Glauben stark wie nieund geh mit Gott an deine Pflichten:Es ist ein Fall von Diphtherie...."Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken,und doch packt ihn der Tod beim Hals....Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken,erfröstelnd in dem Schutz des Schals.Als man vorbei beim Kloster gesternden Kleinen trug ins Bett von Lehm,klang aus der "Kirche von den Schwestern"ganz leis ein Totenrequiem....IM HERBSTEin Riesenspinngewebe, ziehtAltweibersommer durch die Welt sich;—und der Laurenziberg gefällt sichim goldig-bläulichen Habit.Weil er so mild herübersieht,sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,die Sonne hinter seinem Rückenschon frühe ihr Valladolid.DER KLEINE "DRATENÍK"Kommt so ein Bursche, ein junger,Mausfallen, Siebe am Rücken,folgt mir durch Gassen und Brücken:"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.Nur einen Krajcar, nur einenfür ein Stück Brot, milost' pánků!"Da!—Und er stammelt mir Dank zu,doch läßt nicht Ruh er den Beinen.Lebt nicht von bloßem Gelunger.—Riecht an den Türen den Bratenund muß die Pfannen doch drahten—leer:—das macht 'türkischen Hunger'.IN DER VORSTADTDie Alte oben mit dem heisern Husten,ja, die ist tot.—Wer war sie?—Du mein Gott,sie gab uns nichts,—ihr gab man Hohn und Spott....Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.Und unten stand der schwarze Kastenwagen.Die letzte Klasse; als der Totenschreinsich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein,und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.Der Kutscher hieb in seine magern Mährenund fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,als wenn da nicht ein ganzes Leben drinvoll Weh und Glück und tote Träume waren.BEI ST. HEINRICHHart am Kirchenaltargitter,wo die Ampel flammt, die matte,schlaft ein alter, alter Ritterunter grauer Wappenplatte.Lebend hielt er hoch sein Wappen,sorgte immer für sein Blinken;—weiß er, daß mit schmutzgen Schlappenalte Weiber drüber hinken?MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFTFern dämmert wogender Wälderbeschatteter Saum.Dann unterbrichtnur hie und da ein Baumdie falbe Fläche hoher Ährenfelder.Im hellsten Lichtkeimt die Kartoffel; dannein wenig weiter Gerste, bis der Tanndas Bild begrenzt.Hoch überm Jungwald glänztso goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüberaus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;—und drüberwölbt sich ein Himmel, blank und blau.DAS HEIMATLIEDVom Feld klingt ernste Weise;weiß nicht, wie mir geschieht...."Komm her, du Tschechenmädchen,sing mir ein Heimatlied."—Das Mädchen läßt die Sichel,ist hier mit Husch und Hui,—setzt nieder sich am Feldrainund singt: "Kde domov můj"....Jetzt schweigt sie still. Voll Tränendas Aug mir zugewandt,—nimmt meine Kupferkreuzerund küßt mir stumm die Hand.TRAUMGEKRÖNT(1897)KÖNIGSLIEDDarfst das Leben mit Würde ertragen,nur die Kleinlichen macht es klein;Bettler können dir Bruder sagen,und du kannst doch ein König sein.Ob dir der Stirne göttliches Schweigenauch kein rotgoldener Reif unterbrach,—Kinder werden sich vor dir neigen,selige Schwärmer staunen dir nach.Tage weben aus leuchtender Sonnedir deinen Purpur und Hermelin,und, in den Händen Wehmut und Wonne,liegen die Nächte vor dir auf den Knien....TRÄUMENIMein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.Der Sturm, der übermütige Geselle,brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;er schleicht herein jetzt bis zur Sakristeiund zerrt dort an der Ministrantenschelle.Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschreiruft zu der längst entwöhnten Opferstelleden arg erstaunten fernen Gott herbei.Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.Doch der Erzürnte packt des Klanges Welleund schmettert an den Fliesen sie entzwei.Und arme Wünsche knien in langer Reihvorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.IIIch denke an:—Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen,drin Hahngekräh;und dieses Dörfchen verloren gegangenim Blütenschnee.Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienenein kleines Haus;ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinenverstohlen heraus.Rasch auf die Türe, die angelheiserum Hilfe ruft,—und dann in der Stube ein leiser, leiserLavendelduft....IIIMir ist: ein Häuschen wär mein eigen;vor seiner Türe saß ich spät,wenn hinter violetten Zweigenbei halb verhalltem Grillengeigendie rote Sonne sterben geht.Wie eine Mütze grünlich-samtensteht meinem Haus das moosge Dach,und seine kleinen, dickumrammtenund blank verbleiten Scheiben flammtendem Tage heiße Grüße nach.Ich träumte, und mein Auge langteschon nach den blassen Sternen hin,—vom Dorfe her ein Ave bangte,und ein verlorner Falter schwankteim schneeig schimmernden Jasmin.Die müde Herde trollte trabendvorbei, der kleine Hirte pfiff,—und in die Hand das Haupt vergrabend,empfand ick, wie der Feierabendin meiner Seele Saiten griff.IVEine alte Weide trauertdürr und fühllos in den Mai,—eine alte Hütte kauertgrau und einsam hart dabei.War ein Nest einst in der Weide,in der Hütt ein Glück zu Haus;Winter kam und Weh,—und beideblieben aus....VDie Rose hier, die gelbe,gab gestern mir der Knab,heut trag ich sie, dieselbe,hin auf sein frisches Grab.An ihren Blättern lehnennoch lichte Tröpfchen,—schau!Nur heute sind es Tränen,—und gestern war es Tau....VIWir saßen beisammen im Dämmerlichte."Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichtevon der Prinzessin mit goldnem Haar?"—Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tageführt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;und von der schonen Prinzessin die Sageweiß sie wie Mütterchen ganz genau....VIIIch wollt, sie hätten statt der Wiegemir einen kleinen Sarg gemacht,dann wär mir besser wohl, dann schwiegedie Lippe längst in feuchter Nacht.Dann hätte nie ein wilder Willedie bange Brust durchzittert,—dannwärs in dem kleinen Körper stille,so still wie's niemand denken kann.Nur eine Kinderseele stiegezum Himmel hoch so sieht,—ganz sacht....Was haben sie mir statt der Wiegenicht einen kleinen Sarg gemacht?—VIIIJene Wolke will ich neiden,die dort oben schweben darf!Wie sie auf besonnte Heidenihre schwarzen Schatten warf.Wie die Sonne zu verdüsternsie vermochte kühn genug,wenn die Erde lichteslüsterngrollte unter ihrem Flug.All die goldnen Strahlenflutenjener Sonne wollt auch ichhemmen! Wenn auch für Minuten!Wolke! Ja, ich neide dich!IXMir ist: Die Welt, die laute, krankhat jüngst zerstört ein jäh Zerstlebenund mir nur ist der Weltgedanke,der große, in der Brust geblieben.Denn so ist sie, wie ich sie dachte;ein jeder Zwiespalt ist vertost:auf goldnen Sonnenflügeln sachteumschwebt mich grüner Waldestrost.XWenn das Volk, das drohnenträge,trabt den altvertrauten Trott,möcbt ich weiße Wandelwegewallen durch das Duftgehegeernst und einsam wie ein Gott.Wandeln nach den glanzdurchsprühtenFernen, lichten Lohns bewußt;—um die Stirne kühle Blütenund von kinderkeuschen Mythenvoll die sabbatstille Brust.XIWeiß ich denn wie mir geschieht?In den Lüften Düftequalmenund in bronzebraunen Halmenein verlornes Grillenlied.Auch in meiner Seele klingttief ein Klang, ein traurig-lieber,—so hört wohl ein Kind im Fieber,wie die tote Mutter singt.XIISchon blinzt aus argzerfetztem Lakender holde, keusche Götternackender früherwachenden Natur,und nur in tiefentiegnen Talenzeigt hinter violetten, kahlenGebüschen sich mit falschem Prahlendes Winters weiße Sohlenspur.Hin geh ich zwischen Weidenbäumenan nassen Räderrinnensäumenden Fahrweg, und der Wind ist mild.Die Sonne prangt im Glast des Märzenund zündet an im dunkeln Herzender Sehnsucht weiße Opferkerzenvor meiner Hoffnung Gnadenbild.XIIIFahlgrauer Himmel, von dem jede Farbebange verblich.Weit—ein einziger lohroter Strichwie eine brennende Geißelnarbe.Irre Reflexe vergehn und erscheinen.Und in der Luftliegts wie ersterbender Rosenduftund wie verhaltenes Weinen....XIVDie Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,und ihre Sterne schauen still,wie schon des Mondes weiße Barkeim Lindenwipfel landen will.Fern hör ich die Fontäne hallenein Märchen, das ich längst vergaß,—und dann ein leises Apfelfallenins hohe, regungslose Gras.Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügelund trägt durch alte Eichenreihnauf seinem blauen Faltcrflügelden schweren Duft vom jungen Wein.XVIm Schoß der silberhellen Schneenachtdort schlummert alles weit und breit,und nur ein ewig wildes Weh wachtin einer Seele Einsamkeit.Du fragst, warum die Seele schwiege,warum sies in die Nacht hinausnicht gießt?—Sie weiß, wenns ihr entstiege,es löschte alle Sterne aus.XVIAbendläuten. Aus den Bergen hallt eswieder neu zurück in immer matternTönen. Und ein Lüftchen fühlst du flatternvon dem grünen Talgrund her, ein kaltes.In den weißen Wiesenquellen lallt eswie ein Stammeln kindischen Gebetes;durch den schwarzen Tannenhochwald geht eswie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.Durch die Fuge eines Wolkenspalteswirft der Abend rote Blutkorallennach den Felsenwänden.—Und sie prallenlautlos von den Schultern des Basaltes.XVIIWeltenweiter Wandrerwalle fort in Ruh....also kennt kein andrerMenschenleid wie du.Wenn mit lichtem Leuchtendu beginnst den Lauf,schlägt der Schmerz die feuchtenAugen zu dir auf.Drinnen liegt—als riefensie dir zu: versteh!—tief in ihren Tiefeneine Welt voll Weh....Tausend Tränen redenewig ungestillt,und in einer jedenspiegelt sich dein Bild!XVIIIMöchte mir ein blondes Glück erkiesen;doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.—Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,und der Abend blutet in die Buchen.Mädchen wandern heimwärts. Rot im MiederRosen; ferneher verklingt ihr Lachen....Und die ersten Sterne kommen wiederund die Träume, die so traurig machen.XIXVor mir liegt ein Felsenmeer,Sträucher, halb im Schutt versunken,Todesschweigen.—Nebeltrunkenhangt der Himmel drüber her.Nur ein matter Falter schwirrtrastlos durch das Land, das kranke....Einsam, wie ein Gottgedankedurch die Brust des Leugners irrt.XXDie Fenster glühten an dem stillen Haus,der ganze Garten war voll Rosendüften.Hoch spannte über weißen Wolkenklüftender Abend in den unbewegten Lüftendie Schwingen aus.Ein Glockenton ergoß sich auf die Au....Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,Und heimlich über flüstervollen Birkensah ich die Nacht die ersten Sterne wirkenins blasse Blau.XXIEs gibt so wunderweiße Nächte,drin alle Dinge Silber sind.Da schimmert mancher Stern so lind,als ob er fromme Hirten brächtezu einem neuen Jesuskind.Weit wie mit dichtem Demantstaubebestreut, erscheinen Flur und Flut,und in die Herzen, traumgemut,steigt ein kapellenloser Glaube,der leise seine Wunder tut.XXIIWie eine Riesenwunderblume prangtvoll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze,ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze,die Mainacht hangt.Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt....Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,nach Morgen, wo aus feuerroter Asterer Sterben trink....XXIIIWie, jegliches Gefühl vertiefend,ein süßer Drang die Brust bewegt,wenn sich die Mainacht, sternetriefend,auf mäuschenstille Plätze legt—Da schleichst du hin auf sachter Sohleund schwärmst zum blanken Blau hinauf,und groß wie eine Nachtviolegeht dir die dunkle Seele auf....XXIVO gäbs doch Sterne, die nicht bleichen,wenn schon der Tag den Ost besäumt;von solchen Sternen ohnegleichenhat meine Seele oft geträumt.Von Sternen, die so milde blinken,daß dort das Auge landen mag,das müde ward vom Sonnetrinkenan einem goldnen Sommertag.Und schlichen hoch ins Weltgetriebesich wirklich solche Sterne ein,—sie müßten der verborgnen Liebeund allen Dichtern heilig sein.XXVMir ist so weh, so weh, als müßtedie ganze Welt in Grau vergehn,als ob mich die Geliebte küßteund sprach: Auf Nimmerwiedersehn.Als ob Ich tot wär und im Hirnemir dennoch wühlte wilde Qual,weil mir vom Hügel eine Dirnedie letzte, blasse Rose stahl....XXVIMatt durch der Tale Gequalme wanktAbend auf goldenen Schuhn,—Falter, der träumend am Halme hangt,weiß nichts vor Wonne zu tun.Alles schlürft hei! an der Stille sich.—Wie da die Seele sich schwellt,daß sie als schimmernde Hülle sichlegt um das Dunkel der Welt.XXVIIEin Erinnern, das ich heilig heiße,leuchtet mir durchs innerste Gemüt,so wie Götterbildermarmorweißedurch geweihter Haine Dämmer glüht.Das Erinnern einstger Seligkeiten,das Erinnern an den toten Mai,—Weihrauch in den weißen Händen, schreitenmeine stillen Tage dran vorbei....XXVIIIGlaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,keinen lauten Lenz mehr mag,—will nur einen sonnenblanken,wipfelroten Frühherbsttag.Will die Lust, die jubelschrille,nicht mehr in die Brust zurück,—will nur Sterbestübenstilledrinnen—für mein totes Gluck.LIEBENIUnd wie mag die Liebe dir kommen sein?Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,kam sie wie ein Beten?—Erzähle:Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich losund hing mit gefalteten Schwingen großan meiner blühenden Seele....IIDas war der Tag der weißen Chrysanthemen,—mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmentief in der Nacht.Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,—ich hatte grad im Traum an dich gedacht.Du kamst, und leis wie eine Märchenweiseerklang die Nacht....IIIEinen Maitag mit dir beisammen sein,und selbander verloren ziehndurch der Blüten duftqualmende Flammenreihnzu der Laube von weißem Jasmin.Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,jeder Wunsch in der Seele so still....Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,ein großes,—das ists, was ich will....IVIch weiß nicht, wie mir geschieht....Weiß nicht, was Wonne ich lausche,mein Herz ist fort wie im Rausche,und die Sehnsucht ist wie ein Lied.Und mein Mädel hat fröhliches Blutund hat das Haar voller Sonneund die Augen von der Madonne,die heute noch Wunder tut.VOb dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachteund dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,und du warst damals noch ein Kind.Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannteein junges Hoffen und ein alter Gram....Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernanteden "Werther" aus den Händen nahm.Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,dein Auge sah mich groß und selig an.Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,und Lichter gingen durch den Tann....VIWir saßen beide in Gedankenim Weinblattdämmcr—du und ich—und über uns in duftgen Rankenversummte wo ein Hummel sich.Reflexe hielten, bunte Kreise,in deinem Haare flüchtig Rast....Ich sagte nichts als einmal leise:"Was du für schöne Augen hast."VIIBlondköpfchen hinter den Scheibenhebt es sich ab so fein,—sternt es ins Stäubchentreibenoder zu mir herein?Ist es das Köpfchen, das liebe,das mich gefesselt hält,oder das Staubchengetriebedort in der sonnigen Welt?Keins sieht zum andern hinüber.Heimlich, die Stirne voll Ruhschreitet der Abend vorüber....Und wir? Wir sehn ihm halt zu.—VIIIDie Liese wird heute just sechzehn Jahr.Sie findet im Klee einen Vierung....Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:die Löwenzähne mit blondem Haarbetreut vom sternigen Schierling.Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,der strotzige, lose Geselle.Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahnund lacht und wälzt durch den Wiesenplandes Windes wallende Welle....IXIch träume tief im Weingerankmit meiner blonden Kleinen;es bebt ihr Händchen, elfenschlank,im heißen Zwang der meinen.So wie ein gelbes Eichhorn huschtdas Licht hin im Reflexe,und violetter Schatten tuschtins weiße Kleid ihr Kleckse.In unsrer Brust liegt glückverschneitgoldsonniges Verstummen.Da kommt in seinem Sammerkleidein Hummel Segen summen....XEs ist ein Weltmeer voller Lichte,das der Geliebten Aug umschließt,wenn von der Flut der Traumgesichtedie keusche Seele überfließt.Dann beb ich vor der Wucht des Schimmersso wie ein Kind, das stockt im Lauf,geht vor der Pracht des Christbaumzimmersdie Flügeltüre lautlos auf.XIIch war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:Heut kommt Base Olga zu Gaste.Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kiesins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rangund frischte sich mäßig die Kehle;und wie mein Glas an das deine klang,da ging mir ein Riß durch die Seele.Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaßmich dem Plaudern der andern zu einen,denn tief im trockenen Halse saßmir würgend ein wimmerndes Weinen.Wir gingen im Parke.—Du sprachst vom Glückund küßtest die Lippen mir lange,und ich gab dir fiebernde Küsse zurückauf die Stirne, den Mund und die Wange.Und da machtest du leise die Augen zu,die Wonne blind zu ergründen....Und mir ahnte im Herzen: da wärest duam liebsten gestorben in Sünden....XIIDie Nacht im Silberfunkenkleidstreut Trâume eine Handvoll,die füllen mir mit Trunkenheitdie tiefe Seele randvoll.Wie Kinder eine Weihnacht sehnvoll Glanz und goldnen Nüssen,—seh ich dich durch die Mainacht gehnund alle Blumen küssen.XIIISchon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,und unter Farren bluteten Zyklamen,die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,es war ein Wind,—und schwere Düfte kamen.Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,ich sagte leise deinen süßen Namen:Da bohrte sich mit wonnewilder Kraftaus deines Herzens weißem Liliensamendie Feuerlilie der Leidenschaft.Rot war der Abend—und dein Mund so rot,wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,und jene Flammen, die uns jäh durchloht,sie leckten an den neidischen Gewanden....Der Wald war stille, und der Tag war tot.Uns aber war der Heiland auferstanden,und mit dem Tage starben Neid und Not.Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,und leise stieg das Glück aus weißem Boot.XIVEs leuchteten im Garten die Syringen,von einem Ave war der Abend voll,—da war es, daß wir voneinander gingenin Gram und Groll.Die Sonne war in heißen Fieberträumengestorben hinter grauen Hängen weit,und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumendein weißes Kleid.Ich sah den Schimmer nach und nach vergehenund bangte bebend wie ein furchtsam Kind,das lange in ein helles Licht gesehen:Bin ich jetzt blind?—XVOft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,—dann fühl ich mich so ernst und alt,—wenn nur ganz leis dein glockenreinesGelächter in mir widerhallt.Wenn dann in großem Kinderstaunendein Auge aufgeht, tief und heiß,—möcht ich dich küssen und dir raunendie schönsten Märchen, die ich weiß.XVINach einem Glück ist meine Seele lüstern,nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....Im Quellenquirlen und im Föhrenflüsternda hör ichs nahn....Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,—dann unter schattenschweren Blütenbäumenseh ich es nahn.In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,am Herzen jene Blume nur, die rote,trug es die auch?...XVIIWir gingen unter herbstlich bunten Buchen,vom Abschiedsweh die Augen beide rot..."Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen."Ich sagte bang: "Die sind schon tot."Mein "Wort war lauter Weinen.—In den Äthernstand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,und eine Dohle schrie von fern—XVIIIIm Frühling oder im Traumebin ich dir begegnet, einst,und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,und du drückst mir die Hand und weinst.Weinst du ob der jagenden Wolken?Ob der blutroten Blätter? Kaum.Ich fühl es: du warst einmal glücklichim Frühling oder im Traum....XIXSie hatte keinerlei Geschichte,ereignislos ging Jahr um Jahr—auf einmal kams mit lauter Lichte....die Liebe oder was das war.Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,da liegt ein Teich vor ihrem Haus....So wie ein Traum scheints zu beginnen,und wie ein Schicksal geht es aus.XXMan merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnellerstorben im eigenen Blute.Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grellauf der Kleinen verbogenem Hute.Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strichsie die Hand mir schmeichelnd und leise.—Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnotin den Stoff meines Mantels vergrabend....Vom Hütchen nickte die Rose rot,und es lächelte müde der Abend.XXIManchmal da ist mir: Nach Gram und Mühwill mich das Schicksal noch segnen,wenn mir in feiernder Sonntagsfrühlachende Mädchen begegne....Lachen hör ich sie gerne.Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,nie kann ichs, wähn ich, vergessen...Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,will ich mirs singen ... Indessensingens schon oben die Sterne....XXIIEs ist lang,—es ist lang....wann—weiß ich gar nimmer zu sagen....eine Glocke klang, eine Lerche sang—und ein Herz hat so selig geschlagen.Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,der Flieder hat Blüten getragen,—und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,das Auge voll staunender Fragen....Es ist lang,—es ist lang....ADVENT(1898)ADVENTEs treibt der Wind im Winterwaldedie Flockenherde wie ein Hirt,und manche Tanne ahnt, wie baldesie fromm und lichterheilig wird,und lauscht hinaus. Den weißen Wegenstreckt sie die Zweige hin—bereit,und wehrt dem Wind und wächst entgegender einen Nacht der Herrlichkeit.GABENAN VERSCHIEDENE FREUNDEDas ist mein Streit:Sehnsuchtgeweihtdurch alle Tage Sehweifen,Dann, stark und breit,mit tausend Wurzelstreifenrief in das Leben greifen—und durch das Leidweit aus dem Leben reifen,weit aus der Zeit!Du meine heilige Einsamkeit,du bist so reich und rein und weitwie ein erwachender Garten.Meine heilige Einsamkeit du—halte die goldenen Türen zu,vor denen die Wünsche warten.Der Bach hat leise Melodien,und fern ist Staub und Stadt;die Wipfel winken her und hinund machen mich so matt.Der Wald ist wild, die Welt ist weit,mein Herz ist hell und groß;es hält die blasse Einsamkeitmein Haupt in ihrem Schoß.Ich liebe vergessene Flurmadonnen,die ratlos warten auf irgendwen,und Mädchen, die an einsame Bronnen,Blumen im Blondhaar, träumen gehn.Und Kinder, die in die Sonne singenund staunend groß zu den Sternen sehn,


Back to IndexNext