Chapter 4

und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.Warst du ein Kind in froher Schar,dann kannst du's freilich nicht erfassen,wie es mir kam, den Tag zu hassenals ewig feindliche Gefahr.Ich war so fremd und so verlassen,daß ich nur tief in blütenblassenMainächten heimlich selig war.Am Tag trug ich den engen Ringder feigen Pflicht in frommer Weise.Doch abends schlich ich aus dem Kreise,mein kleines Fenster klirrte—kling—sie wußtens nicht. Ein Schmetterling,nahm meine Sehnsucht ihre Reise,weil sie die weiten Sterne leisenach ihrer Heimat fragen ging.PFAUENFEDER:in deiner Feinheit sondergleichen,wie liebte ich dich schon als Kind.Ich hielt dich für ein Liebeszeichen,das sich an silberstillen Teichenin kühler Nacht die Elfen reichen,wenn alle Kinder schlafen sind.Und weil Großmütterchen, das gute,mir oft von Wünschegerten las,so träumte ich, du Zartgemute,in deinen feinen Fasern flutedie kluge Kraft der Rätselrute—und suchte dich im Sommergras.Oft denk ich auf der Alltagsreiseder Nacht, und daß ein Traum mir frommt,der mir mit Lippen, kühl und leise,die schwüle Stirne küssen kommt.Dann sehn ich mich, die Sterne glänzenzu sehn.—Der Tag ist karg und klein,die Nacht ist weit, hat Silbergrenzenund könnte eine Sage sein.DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE—das müßte sein von jenen blankenLenztagen einer, da die Krankenman vor die dunklen Türen bringt.Im Flieder ist ein Spatzenzanken,weil keinem rechter Sang gelingt.Der Bach, dem alle Bande sanken,weiß nicht, was tun vor Glück, und springtbis aufwärts zu den Bretterplanken,dahinter Beete, kiesumringt,und Blumenblühn und Birkenschwanken.Und vor dem Häuschen, goldbezinkt,um das der Frühling seine Rankenwie liebeleise Arme schlingt—ein blondes Kind, das in Gedankendas schönste meiner Lieder singt.An manchem Tag ist meine Seele still:Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingendem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringenden Jubel seiner Arme fesseln will.Verträumte Heiligenbilder dunkeln drinin ratlos-sehnendem Erhörenwollen:Sie warten auf den Sonntag mit den vollenGestühlen und dem großen Orgelrollen—und blasse Ampeln schwanken her und hin.Nennt ihr das Seele, was so zage zirptin euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,um Beifall bettelt und um Würde wirbt,und endlich arm ein armes Sterben stirbtim Weihrauchabend gotischer Kapellen,—nennt ihr das Seele?Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,in der die Welten weite Wege reisen,mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeitin meiner Brust. Das rüttelt und das schreitund will hinauf und will mir ihnen kreisen....Und das ist Seele.Die hohen Tannen atmen heiserim Winterschnee, und bauschigerschmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.Die weißen Wege werden leiser,die trauten Stuben lauschiger.Da singt die Uhr, die Kinder zittern:Im grünen Ofen kracht ein Scheitund stürzt in lichten Lohgewittern,—und draußen wächst im Flockenflitternder weiße Tag zur Ewigkeit.Der Abend kommt von weit gegangendurch den verschneiten, leisen Tann.Dann preßt er seine Winterwangenan alle Fenster lauschend an.Und stille wird ein jedes Haus;die Alten in den Sesseln sinnen,die Mütter sind wie Königinnen,die Kinder wollen nicht beginnenmit ihrem Spiel. Die Mägde spinnennicht mehr. Der Abend horcht nach innenund innen horchen sie hinaus.Das Wetter war grau und grell;der Abend ist lichter und leiser.Sicher kommt irgendein Kaiser:Alle Häuser sind hell.Und so festlich und weichwar das Abendgebimmel;die Alten schaun in den Himmel,und die Kinder sind reich.Sonne verlodert am Himmelsrain.Durch ernteverarmte Krumenwaten die Weiber feldein.An den verschimmernden Schienenreihnbeim Bahnhüterhäuschen, sommerallein,sinnen Sonnenblumen.Du arme, alte Kapellemit deiner verstaubten Zier—der Frühling baut eine helleKirche neben dir.Viel frierende Frauen hinkenin deine Weihrauchruh,draußen die Kinder winkenallen Rosen zu.Die Mädchen singen:Alle Mädchen erwarten wen,wenn die Bäume in Blüten stehn;wir müssen immer nähn und nähn,bis uns die Augen brennen.Unser Singen wird nimmer froh,fürchten uns vor dem Frühling so:Finden wir einmal ihn irgendwo,wird er uns nicht mehr erkennen.Lehnen im Abendgarten beide,lauschen lange nach irgendwo."Du hast Hände wie weiße Seide...."Und da staunt sie: "Du sagst das so...."Etwas ist in den Garten getreten,und das Gitter hat nicht geknarrt,und die Rosen in allen Beetenheben vor seiner Gegenwart.Eine der weißen Vestageweihtenlächelte Gnade dem Todbereiten,löste ihm von der Stirn die Schmach.Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreitendes todbefreiten, Schulter breitenEpheben nach.Im Kreise der Baroneder König ritt zur Jagd.Ihm wohnte in roter Kroneein einsamer Smaragd.Da gibts unter hellen HufenWege so weit und weiß;keiner hört Hilfe rufen,und der Mittag ist heiß....Ob einer den König erkannte?Die Dohlen im Abend schrien.Die allerkühnste spannteden Flug schon über Ihn:Auf des Königs Stirne brannteein einsamer Rubin.Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit.In blanken Sälen schleichen leise Schauer.Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,und alle Wege weltwärts sind verschneit.Darüber hängt der Himmel brach und breit.Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wändenhilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen....Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.Irgendwo muß es Paläste geben,drin die Fenster von Staub verschnein;in der Säle hallende Reihntauchen tote Tage hinein:Gestalten wallen, es warnt der Schrein;und kein lustiger Leuchterscheinreicht In das einsame Seltsamsein....Dorten wollen wir Feste gehen—märchenallein.Im Schlosse mit den roten Zinkenwär ich so gern des Abends Gast.Die Fenster glühn, die Falten sinken,und meine weißen Wünsche winkenmir aus dem lodernden Palast.Ich will durch lange Hallen schleichenund in die tiefen Gärten schaun,die über alle Marken reichen.Und Frauen lächeln an den Teichen,und in den Wiesen prahlen Pfaun....Einmal möcht ich dich wiederschauen,Park, mit den alten Lindenalleen,und mit der leisesten aller Frauenzu dem heiligen Weiher gehn.Schimmernde Schwäne in prahlenden Posengleiten leise auf glänzendem Glatt,aus der Tiefe tauchen die Rosenwie Sagen einer versunkenen Stadt.Und wir sind ganz allein im Garten,drin die Blumen wie Kinder stehn,und wir lächeln und lauschen und warten,und wir fragen uns nicht, auf wen....Es kommt in prunkenden Gebreitender Abend wie ein leiser Gott.Den Rappen vor! Jetzt will ich reitendurch purpurbunte Einsamkeitenin bügelleichtem Träumertrott.Ich atme tief. Ich werde Kaiser.Mein heiler Helm ist losgeschnallt,und meine Stirne streifen Reiserund rauschen so. Und leiser, leiserhallt Huf und Ruf im roten Wald.Horch, verhallt nicht ein scheuerSchrei von den Hängen her?Aus dem morschen Klostergemäuerkann der Abend nicht mehr.Er sucht sich wund an der Wand.Und mit hilfloser Handin das Säulengedränge,in ewige Gänge,wirft er den Brand.Feuer.—In schlichtem Gewandflieht er, der Heimkehr singender Heuerleise gesellt, ins verlöschende Land.Der König Abend weiß sich schwachund satt, und ihm geschieht:Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,der einem Hirtensingen nachin Menschen lande zieht.Jetzt ist der Bach ein Königskind.Er jubelt laut Alarmund gibt den wunden Krumen blindsein Gold.—Und wo die Hütten sind,dort ist er wieder arm.Der Tag entschlummert leise,—ich walle menschenfern....Wach sind im weiten Kreiseich—und ein bleicher Stern.Sein Auge licht durchwobenruht flimmernd hell auf mir,er scheint am Himmel drobenso einsam, wie ich hier....FAHRTENVENEDIGIFremdes Rufen. Und wir wähleneine Gondel, schwarz und schlank:Leises Gleiten an den Pfähleneiner Marmorstadt entlang.Still. Die Schiffer nur erzählensich. Die Ruder rauschen sacht,und aus Kirchen und Kanälenwinkt uns eine fremde Nacht.Und der schwarze Pfad wird leiser,fernes Ave weht die Luft,—traun: Ich bin ein toter Kaiser,und sie lenken mich zur Gruft.IIImmer ist mir, daß die leisenGondeln durch Kanäle reisenirgend jemand zum Empfang;denn das Warten dauert lang,und das Volk ist arm und krank,und die Kinder sind wie Waisen.Lange harren die Palästeauf die Herren, auf die Gäste,und das Volk will Kronen sehn.Auf dem Markusplatze stehnmöcht ich oft und irgendwenfragen nach dem fernen Feste....IIIMein Ruder sang:Poppé, fahr zu!Ein Volk von Sklavendrängt sich im Hafenum nüchterne Feste,und die Palästekönnen nicht schlafen.Poppé, fahr zu!Eisige Ruhin Marmorgliedern,mit matten Lidernerschauern die Plätze.Im Gassennetzebetteln die Niedern.Poppe, fahr zu!Sag mir, weißt dunoch von den Toten,die hier gebotenin köstlichen Kronen?Wo sie jetzt wohnen,die Purpurroten?Poppé, fahr zu!IVAve weht von den Türmen her,immer noch hörst du die Kirchen erzählen;doch die Paläste an stillen Kanälenverraten nichts mehr.Und vorbei an der Traumesruhihrer schlafenden Stirnen schwankenleise Gondeln wie schwarze Gedankendem Abend zu.ENGLAR IM EPPANSpäter Weg. Die Hütten kauern,und das dumpfe Dorf schläft ein.Ernste Türme seh ich dauern,weit aus weißen Blütenschauernwächst ihr Weltverlorensein.Abendbrand in brachen Zinnen,und der Wind fährt durch den Saal.Und für wen im Burghof drinnenimmer noch die Brunnen rinnen—keiner weiß es dort im Tal.TENNODer Kirchhof hoch im Sommerschneegehört zum Berghof hin;wie über einem Hochlandseewacht Frieden über ihn.Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl.Der Rasen schüchtert frühfrostfahl,die Kreuze arm, die Hügel kahl,und sacht und selten wächst die Zahl:einmal.Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.Im kleinen Dorf ist kleine Wahlund kleines Glück und kleine Qual,—drum läuten sie so fern im Tal:einmal,—einmal,—einmal.—CASABLANCAAm Berge weiß ich trutzenein Kirchlein mit rostigem Knauf,wie Mönche in grauen Kapuzensteigen Zypressen hinauf.Vergessene Heilige wohnendort einsam im Altarschrein;der Abend reicht ihnen Kronendurch hohle Fenster hinein.ARCODie Hochschneezinne, schartig scharf,loht auf wie eine Mauerkrone,in die der lachende Nerone,der Morgen, seine Fackel warf.Und wie die Flammen bis ins Blausich zu verblühten Sternen strecken,erwacht das Tal in schönem Schreckenund taucht empor aus Traum und Tau.I MULINIDu müde, morsche Mühle,dein Moosrad feiert Ruh,aus der Olivenkühleschaut dir der Abend zu.Der Bach singt wie verlorenMenschenlieder nach,tiefer über die Ohrenziehst du dein trutziges Dach.BODENSEEDie Dörfer sind wie ein Garten.In Türmen von seltsamen Artenklingen die Glocken wie weh.Uferschlösser wartenund schauen durch schwarze Schartenmüd auf den Mittagsee.Und schnellende Wellchen spielen,und goldene Dampfer kielenleise den lichten Lauf;und hinter den Uferzielentauchen die vielen, vielenSilberberge auf.KONSTANZDem Tag ist so todeswehMüd gießt er aus goldenen KelchenWein in den Bergesschnee.Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh,ein Stern überm Uferschleh,und ziere, zitternde Weilchengittern den Abendsee.FUNDEWenn wie ein leises Flügelbreitensich in den späten Lüften wiegt,—ich möchte immer weiter schreitenbis in das Tal, wo riefgeschmiegtan abendrote Einsamkeitendie Sehnsucht wie ein Garten liegt.Vielleicht darf ich dich dorten rinden,und zage wird dein erstes Mühndie wehen Wünsche mir verbinden,du wirst mich führen tief ins Grün—und heimlich werden weiße Windenan meinem staubigen Stabe blühn.Ich möchte draußen dir begegnen,wenn Mai auf Wunder Wunder häuft,und wenn ein leises Seelensegnenvon allen Zweigen niederträuft.Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,Jasmin die weißen Arme strecktund lind den ewgen Wehgedankender Stirne Christi überdeckt.Ich mußte denken unverwandt,wie ich einst zwischen schwarzen Pinienden tiefen Frühling sinnen fand,als ich vor deiner Schönheit standund durch der Scheitel dunkle Liniendein Antlitz träumte wie ein Land.Es schlich von deiner Lippen Saumein Lächeln auf verlornem Pfade—ganz leis. Die andern merktens kaum.So weht ein Blatt vom Blütenbaum:Nur einer schaut die Frühlingsgnade,und der sie schaut, ist wie im Traum.Fremd ist, was deine Lippen sagen,fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleidfremd ist, was deine Augen fragen,und auch aus unsern wilden Tagenreicht nicht ein leises Wellenschlagenan deine tiefe Seltsamkeit.Du bist wie jene Bildgestalten,die überm leeren Altarspindnoch immer ihre Hände falten,noch immer alte Kränze halten,noch immer leise Wunder walten—wenn längst schon keine Wunder sind.Du bist so fremd, du bist so bleich.Nur manchmal glüht auf deinen Wangeein hoffnungsloses Heimverlangennach dem verlornen Rosenreich.Dann sehnt dein Auge, tief und klar,aus allem Müssen, allem Mühenins Land, wo nichts als stilles Blühendie Arbeit deiner Hände war.Weißt du, ich will mich schleichenleise aus lautem Kreis,wenn ich erst die bleichenSterne über den Eichenblühen weiß.Wege will ich erkiesen,die selten wer betrittin blassen Abendwiesen—und keinen Traum, als diesen:Du gehst mit.Bei dir ist es traut:Zage Uhren schlagenwie aus weiten Tagen.Komm mir ein Liebes sagen:aber nur nicht laut.Ein Tor geht irgendwodraußen im Blütentreiben.Der Abend horcht an den Scheiben.Laß uns leise bleiben:Keiner weiß uns so.Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Faltenaus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.Schau, ich will nichts, als deine Hände haltenund still und gut und voller Frieden sein.Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherbenden Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:An ihren morgenroten Molen sterbendie ersten Wellen der Unendlichkeit.Du, Hände, welche immer geben,die müssen blühn von fremdem Glück.Zart wie ein zartes Birkenbeben,bleibt von dem gebenden Erlebenein Rhythmenzittern drin zurück.Das sind die Hände mit den schmalenGelenken, die sich leise mühn;und wüßten die von Kathedralen,sie müßten sich in Wundenmalenvor allem Volke heiligblühn.Bist gewandert durch Wahn und Weh,kommst aus meinen dunkelsten Tagen,hast dir eine Brücke geschlagenbis zu mir über Schuld und Schnee.Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot,und auf kronengoldenen Lockenträgst du flüchtige Federflockenin den fröhlichen Frühlingstod.Will dir den Frühling zeigen,der hundert Wunder hat.Der Frühling ist waldeigenund kommt nicht in die Stadt.Nur die weit aus den kaltenGassen zu zweien gehnund sich bei den Händen halten—dürfen ihn einmal sehn.Und dieser Frühling macht dich bleicher,in weite Wiesen will dein Fuß,dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher,und deine Hände werden reichermit jedem Wink, mit jedem Gruß.Du holst aus düfteschwüler Ladedein Konfirmandenkleidchen dreistund trägst es in die wilden Pfadeund schmückst dich für die große Gnade,die deine Seele blühen heißt.Mir ist: ich muß dir den Brautnachtstraußweit aus dem Abend bringen.Ich geh in die goldene Stunde hinaus,und die Fenster leuchten am letzten Haus,drin spielende Kinder singen.Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei,drin singende Kinder wohnen,und mein Wandern wächst und wächst in den Malund kann nicht zurück,—und die Blüten, verzeih,die wind ich mir alle zu Kronen.Bist du so müd? Ich will dich leise leitenaus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.Komm du mit mir. Es soll kein Morgen wissen,und deiner Schönheit kuscht kein Licht im Haus....Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:Der Tag hat alle Träume mir zerrissen,—du, winde wieder einen Kranz daraus.Du:ein Schloß an wellenschweren,atlasblassen Abendmeeren—und in seinen säulenhehrenSälen warten Preis und Prunk,uns zu ehren:Weil wir beide wiederkehren—ohne Kronen und mit leerenHänden—aber jungPurpurrote Rosen bindenmöcht ich mir für meinen Tischund, verloren unter Linden,irgendwo ein Mädchen finden,klug und blond und träumerisch.Möchte seine Hände fassen,möchte knieen vor dem Kindund den Mund, den sehnsuchtblassen,mir von Lippen küssen lassen,die der Frühling selber sind.Ein Händeineinanderlegen,ein langer Kuß auf kühlen Mund,und dann; auf Schimmer weißen Wegendurchwandern wir den Wiesengrund.Durch leisen, weißen Blütenregenschickt uns der Tag den ersten Kuß,—mir ist: wir wandeln Gott entgegen,der durchs Gebreite kommen muß.Du willst dir einen Pagen küren?Mich komm erküren, Königin.Mir klingt aus alten Aventürenein Sang in Saitenspiel und Sinn.Ich will ins weiße Schloß dich führen,in dem ich selber König bin,und singen hinter tausend Türenfür meine weiße Königin.Abend hat mich müd gemacht,und in meinen Sinnen schrillenkleine Wünsche mit den Grillen.Wo das blasse Land verflacht,liegen lauter weiße Villenhinter roter Rosenpracht.Liegen wie auf leiser Wachtweiße Villen an dem stillenUferrand der Frühlingsnacht.Was reißt ihr aus meinen blassen, blauenStunden mich in der wirbelnden Kreisewirres Geflimmer?Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.Ich will wie ein Kind im Krankenzimmereinsam, mit heimlichem Lächeln, leise,leise—Tage und Träume bauen.Mir war so weh. Ich sah dich blaß und bang.Das war im Traum. Und deine Seele klang.Ganz leise tönte meine Seele mit,und beide Seelen sangen sich; Ich litt.Da wurde Friede tief in mir. Ich lagim Silberhimmel zwischen Traum und Tag.Wie meine Träume nach dir schrein.Wir sind uns mühsam fremd geworden,jetzt will es mir die Seele morden,dies arme, bange Einsamsein.Kein Hoffen, das die Segel bauscht.Nur diese weite, weiße Stille,in die mein tatenloser Willein atemlosem Bangen lauscht.Und du warst schön. In deinem Auge schiensich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.Und Hoheit hüllte wie ein Hermelindich ein: So kam dich meine Liebe krönen.Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,weißbindig wie der Vesta Priesterin,an deines Seelentempels Säulenrandund streute lächelnd weiße Blüten hin.Du hast so große Augen, Kind.Du siehst gewiß oft nachts Gestalten,die, fremd und bleich, in marmorkaltenTraumhänden rote Kronen halten,um die ein Leuchten leise rinnt.Dann ist dein Blick am Tag wie blindund deine Seele wie zerspalten,dann bangt dir vor den Alltagsalten,wenn Wünsche sich in dir entfalten,die allen andern Wahnsinn sind.Dann ist die Sehnsucht dir erwacht,stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern,die plump, mit Händen, blöd und bleiern,auf deiner Silberseele leierndas irre Lied, das sterblich macht;zu fliehn in eine blaue Nacht,drin alle Wipfel lauschend feiern;der Glieder Hymne zu entschleiernund scheu im Schoß von weißen Weihernzu finden ihre nackte Pracht.Du sahst in hohe Lichthofmauernund spieltest still in dumpfem Raum,es lag ein unverstandnes Trauernauf deinem blassen Kindheitsträum.Und deine Tage waren bleiern,die Mutter krank, der Vater roh;und manchmal kam ein Krüppel leiern—dann lauschtest du und weintest so.Was kann dir nun der Sommer taugen?Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag,durchirren deine Heimwehaugenden uferlosen Sonnentag.Sie war:Ein unerwünschtes Kind, verstoßenauch aus der Mutter Nachtgebet,und ewig fern von jenem Großen,das gebend durch die Zeiten geht.Sie wünschte wenig—und nur seltenkam wie ein Weinen über sienach einem Land mit Purpurzelten,nach einer fremden Melodie,nach weißen Wegen, die nicht stauben—dann bog sie Rosen sich ins Haar,und konnte doch nie Liebe glauben,auch wenn es tief im Frühling war.Wenn ich dir ernst ins Auge schaute,klang oft dein Wort so kummerkrank,wie eine leise Liebeslaute,die einsam einst ein Meister baute,als seine Seele Sehnsucht sang.Sie lernte seither leichte Liederund tönte gern zu Tag und Tanz,—da greift ein Träumer ihre Glieder:und wie erwachend weint sie wiederdas Heimweh ihres Heimatlands.Ja, früher, wenn ich an dich dachte,wie Wunder wars: ein Mai erwachteum dich im Aureolenglänz,und meine Sehnsucht träumte sachteum deine Stirne einen Kranz.Jetzt seh ich dich; du senkst dein Weinenins Herz den herbstverhangnen Hainen,schleicht an den bleichen Meilensteinenein wunder Sonnenuntergang.Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land.Wie auf leerer Wiege ein Wiegenbandlag der blasse Fluß auf dem flachen Sand,darüber aus nassem Nebelgewandreckte die Weide die Totenhand.Mir war so traurig. Ich starrte und stand.Ich sah dich kauern am Wegesrand.Einst hab ich dich und das Glück gekannt.Du weintest wühlend und unverwandt,und ich fragte dich: Ist das dein Heimatland?Du nicktest, du nicktest wie traumgebannt....Da hab ich dich wieder wie einst genannt;doch dein Bild zerrann mir, dein Bild entschwand.Die Pappeln kohlten im Abendbrand,und der Tod ging rot durch dein Heimatland.Weißt du, daß ich dir müde Rosen flechteins Haar, das leis ein weher Wind bewegt—Siehst du den Mond, wie eine silberechteMerkmünze, und ein Bild ist eingeprägt:ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt—Das ist das Zeichen toter Liebesnächte.Fühlst du die Rosen auf der Stirne sterben?Und jede läßt die Schwester schauernd losund muß allein verdarben und verderben,und alle fallen fahl in deinen Schoß.Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und groß.Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben.Kannst du die alten Lieder noch spielen?Spiele, Liebling. Sie wehn durch mein Wehwie die Schiffe mit silbernen Kielen,die nach heimlichen Inselzielentreiben im leisen Abendsee.Und sie landen am Blütengestade,und der Frühling ist dort so jung.Und da findet an einsamem Pfadevergessene Götter in wartender Gnademeine müde Erinnerung.Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas,die deine Hand zu pflegen nie vergaß?Schon tot?Wo ist die Freude deiner Wangen hin,die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien—Verloht?Und wo ist unser Glück so groß und rein,das hell dein Haar wie ein MadonnenscheinUmspann?Auch das ist tot. Heut weinen wir ihm nach,und morgen kommt der Frost uns ins Gemach—Und dann?MÜTTERIch sehne oft nach einer Mutter mich,nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;sie könnte jenen wilden Haß vereiteln,der eisig sich in meine Seele schlich.Dann säßen wir wohl beieinander dicht,ein Feuer surrte leise im Kamine.Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,und Friede schwebte ob der Teeterrineso wie ein Falter um das Lampenlicht.Mir ist oft, daß ich fragen müßt:Du, Mutter, was hast du gesungen,eh deinem blassen, blonden Jungender Schlaf die Wangen warm geküßt?Hattest du damals sehr viel Gram?Und weißt du, wie du aufgesprungen,wenn deinem blassen, blonden Jungenim tiefen Traum ein Weinen kam?Ich gehe unter roten Zweigenund suche einen späten Strauß.Weiß nicht vor Glück wo ein und aus,mir ist so neu, mir ist so eigen:Mein Lieb ist müd und ist zu Haus.Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel,seit sich sein Mieder weiter zieht,und seit ein Wunder ihm geschieht:Bald hat es breite braune Scheitelund sitzt und singt ein Wiegenlied.Leise weht ein erstes Blühnvon den Lindenbäumen,und, in meinen Träumen kühn,seh ich dich im Laubengrünhold im ersten MuttermühnKinderhemdchen säumen.Singst ein kleines Lied dabei,und dein Lied klingt in den Mai:Blühe, blühe, Blütenbaum,tief im trauten Garten.Blühe, blühe, Blütenbaum,meiner Sehnsucht schönsten Traumwill ich hier erwarten.Blühe, blühe Blütenbaum,Sommer wird dirs zahlen.Blühe, blühe, Blütenbaum.Schau, ich säume einen Saumhier mit Sonnenstrahlen.Blühe, blühe, Blürenbaum,balde kommt das Reifen.Blühe, blühe, Blütenbaum,meiner Sehnsucht schönsten Traumlehr mich, ihn begreifen.Singst ein kleines Lied dabei,und dein Lied ist lauter Mai.Und der Blütenbaum wird blühn,blühn vor allen Bäumen,sonnig wird dein Saum erglühn,und verklärt im Laubengrünwird dein junges MuttermühnKinderhemdchen säumen.Und reden sie dir jetzt von Schande,da Schmerz und Sorge dich durchirrt,—o, lächle, Weib! Du stehst am Randedes Wunders, das dich weihen wird.Fühlst du in dir das scheue Schwellen,und Leib und Seele wird dir weit—o, bete, Weib! Das sind die Wellender Ewigkeit.DER BLONDE KNABE SINGT:Was weinst du, Mutter? Ist das Spindauch bettelleer,—sei gut!Ich bin dein blondes Kronenkind,und du hast Edelblut.Ich schaute ja, du weißt es nicht,—wie du so oft noch spätbeim morgenmatten Lampenlichtdein Königskleid genäht.So bist du eine Königin,und sei nicht bang und zag—und bis Ich erst krafteigen bin,kommt unser Königs tag.DIE MUTTER:"Liebling, hast du gerufen?"Es war ein Wort im Wind."Wie viele steile Stufensind noch bis zu dir, mein Kind?"—Da fand ihre Stimme die Sterne,fand aber die Tochter nicht.Im Tale in tiefer Tavernelöschte ein letztes Licht.Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,wilder, wie Strüme, die schäumen,wilder, wie Sturm in den Bäumen.Und leise läßt sie die Stunden losund schenkt ihre Seele den Träumen.Dann erwacht sie. Da steht ein Sternstill überm leisen Gelände,und ihr Haus hat ganz weiße Wände—Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern—und faltet die alternden Hände.INHALTLARENOPFER (1896)Im alten HauseAuf der KleinseiteEin AdelshausDer HradschinBei St. VeitIm DomeIn der Kapelle St. WenzelsVom LugausDer BauIm StübchenZauberEin anderesNoch einesUnd das letzteIm ErkerstübchenDer NovembertagIm StraßenkapellchenDas KlosterBei den KapuzinernAbendJar. VrchlickýIm Kreuzgang von LorettoDer junge BildnerFrühlingLand und VolkDer EngelAllerseelenI. II.Bei NachtAbendAuf dem WolschanIIIWintermorgenBrunnenSphinxTräumeMaitagKönig AbendAn der EckeHeiligeDas arme KindWenns Frühling wirdAls ich die Universität bezogSuperavitTrotzdemHerbststimmungAn Julius ZeyerDer TräumerIIIDie MutterUnser AbendgangKajetan TýlVolksweiseDas VolksliedDorfsonntagMein GeburtshausIn dubiisI. II.BarbarenSommerabendGerichtetDas Märchen von der WolkeFreiheitsklängeNachtbildHinter SmichovIm SommerAm Kirchhof zu Königsaal (aula regis)VigilienI. II.III. IV.Der letzte SonnengrußKaiser RudolfAus dem Dreißigjährigen Kriege.1. Krieg2. Alea jacta est3. Kriegsknechts-Sang4. Kriegsknechts-Rang5. Beim Kloster6. Ballade7. Der Fenstersturz8. Gold9. Szene10. Feuerlilie11. Beim Friedland12. FriedenBei den UrsulinenAus der KinderzeitRabbi LöwDie alte UhrKämpfenSiegenIm HerbstDer kleine "Drateník"In der Vorstadt


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