Entnervt!

1. Wenn heut' ein Geist herniederstiege,Zugleich ein Sänger und ein Held,Ein solcher, der im heil'gen KriegeGefallen auf dem Siegesfeld,Der sänge wohl auf deutscher ErdeEin scharfes Lied, wie Schwertesstreich,Nicht so, wie ich es künden werde,Nein! himmelskräftig, donnergleich.2. Man sprach einmal von Festgeläute,Man sprach von einem Feuermeer,Doch was das große Fest bedeute,Weiß es denn jetzt noch irgendwer?Wohl müssen Geister niedersteigen,Von heil'gem Eifer aufgeregt,Und ihre Wundenmale zeigen,Daß ihr darein die Finger legt.3. IhrFürstenseid zuerst befraget:Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht,An dem ihr auf den Knien lagetUnd huldigtet der höhern Macht?Wenn eure Schmach die Völker lösten,Wenn ihre Treue sich erprobt,So ist's an euch, nicht zuvertrösten,Zu leisten jetzt, was ihr gelobt.4. IhrVölker, die ihr viel gelitten,Vergaßt auch ihr den schwülen Tag?Das Herrlichste, was ihr erstritten,Wie kommt's, daß es nicht frommen mag?Zermalmt habt ihr die fremden Horden,Doch innen hat sich 's nicht gehellt,Und Freie seid ihr nicht geworden,Wenn ihr das Recht nicht festgestellt.5. IhrWeisen, muß man euch berichten,Die ihr doch alles wissen wollt,Wie die Einfältigen und SchlichtenFür klares Recht ihr Blut gezollt?Meint ihr, daß in den heißen GlutenDie Zeit, ein Phönix, sich erneutNur um die Eier auszubruten,Die ihr geschäftig unterstreut?6. IhrFürstenrät'undHofmarschälle,Mit trübem Stern auf kalter Brust,Die ihr vom Kampf um Leipzigs WälleWohl gar bis heute nichts gewußt:Vernehmt! an diesem heut'gen TageHielt Gott, der Herr, ein groß' Gericht,Ihr aber hört nicht, was ich sage,Ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.7. Was ich gesollt, hab' ich gesungen,Und wieder schwing' ich mich empor;Was meinem Blick sich aufgedrungen,Verkünd' ich dort dem sel'gen Chor:»Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen,Untröstlich ist's noch allerwärts,Doch sah ich manches Auge flammen,Und klopfen hört' ich manches Herz.«

1. Wenn heut' ein Geist herniederstiege,Zugleich ein Sänger und ein Held,Ein solcher, der im heil'gen KriegeGefallen auf dem Siegesfeld,Der sänge wohl auf deutscher ErdeEin scharfes Lied, wie Schwertesstreich,Nicht so, wie ich es künden werde,Nein! himmelskräftig, donnergleich.

2. Man sprach einmal von Festgeläute,Man sprach von einem Feuermeer,Doch was das große Fest bedeute,Weiß es denn jetzt noch irgendwer?Wohl müssen Geister niedersteigen,Von heil'gem Eifer aufgeregt,Und ihre Wundenmale zeigen,Daß ihr darein die Finger legt.

3. IhrFürstenseid zuerst befraget:Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht,An dem ihr auf den Knien lagetUnd huldigtet der höhern Macht?Wenn eure Schmach die Völker lösten,Wenn ihre Treue sich erprobt,So ist's an euch, nicht zuvertrösten,Zu leisten jetzt, was ihr gelobt.

4. IhrVölker, die ihr viel gelitten,Vergaßt auch ihr den schwülen Tag?Das Herrlichste, was ihr erstritten,Wie kommt's, daß es nicht frommen mag?Zermalmt habt ihr die fremden Horden,Doch innen hat sich 's nicht gehellt,Und Freie seid ihr nicht geworden,Wenn ihr das Recht nicht festgestellt.

5. IhrWeisen, muß man euch berichten,Die ihr doch alles wissen wollt,Wie die Einfältigen und SchlichtenFür klares Recht ihr Blut gezollt?Meint ihr, daß in den heißen GlutenDie Zeit, ein Phönix, sich erneutNur um die Eier auszubruten,Die ihr geschäftig unterstreut?

6. IhrFürstenrät'undHofmarschälle,Mit trübem Stern auf kalter Brust,Die ihr vom Kampf um Leipzigs WälleWohl gar bis heute nichts gewußt:Vernehmt! an diesem heut'gen TageHielt Gott, der Herr, ein groß' Gericht,Ihr aber hört nicht, was ich sage,Ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.

7. Was ich gesollt, hab' ich gesungen,Und wieder schwing' ich mich empor;Was meinem Blick sich aufgedrungen,Verkünd' ich dort dem sel'gen Chor:»Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen,Untröstlich ist's noch allerwärts,Doch sah ich manches Auge flammen,Und klopfen hört' ich manches Herz.«

Damit vergleiche man, um sich der Stimmungsgemeinschaft bewußt zu werden, einmodernesGedicht des Wiener Palamentariers und SchriftstellersKarl Iro:

Viel deutsches Lärmen und SchreienHört man ringsum im Land –Doch all' die Schreier haltenBeim Schlagen niemals Stand.Beim Zechen brüllt man sich heiserMit deutschem Sing und Sang –Ruft man zu deutschenTatenWird all' den Zechern bang.Im Geisterkampf der TageEin marklos schwach Geschlecht –Kein männermutig StreitenFür Ehr' und deutsches Recht!Das Tänzeln und ScharwenzelnIst jetzt die deutsche Art,Und Kriechertum und Feigheit,Die haben sich gepaart!Sie zeugten im LotterbetteDen deutschen Volksverrat,Der geht nun durch die StraßenFrech schamlos früh und spat.Wie Stickluft, bleiern und drückendLiegt's über dem Jammer all',Kein Aufwärtsjauchzen zur Höhe –Ein deutscher Sündenfall.Bräch' doch ein wildes WetterIn diese deutsche Nacht,Bis die Gewissen alleZum Mahneramt erwacht.Und auf den deutschen WangenSchamröte wieder glüht,Wenn die entnervte MasseDes Stammes Elend sieht. –Ein heiliges großes RingenTut unserem Volke not,Ein ReitersäbelklingenWie einst bei Gravelott'.Ein blutig Kämpfen und StreitenFür Ehre, Hab und GutMuß durch die Adern treibenDas alte Heldenblut!Und aus dem schaurigen SterbenEin neu Geschlecht ersteh'n,Das seinem deutschen GotteKannfreiins Auge seh'n.Das wieder groß und edelUnd mannhaft, stolz und stark –Ein Hüter und ein SchirmerDer freien deutschen Mark.Heuerts1906. (Unverfälschte deutsche Worte. 5. Heft 1906. Wien.)

Viel deutsches Lärmen und SchreienHört man ringsum im Land –Doch all' die Schreier haltenBeim Schlagen niemals Stand.

Beim Zechen brüllt man sich heiserMit deutschem Sing und Sang –Ruft man zu deutschenTatenWird all' den Zechern bang.

Im Geisterkampf der TageEin marklos schwach Geschlecht –Kein männermutig StreitenFür Ehr' und deutsches Recht!

Das Tänzeln und ScharwenzelnIst jetzt die deutsche Art,Und Kriechertum und Feigheit,Die haben sich gepaart!

Sie zeugten im LotterbetteDen deutschen Volksverrat,Der geht nun durch die StraßenFrech schamlos früh und spat.

Wie Stickluft, bleiern und drückendLiegt's über dem Jammer all',Kein Aufwärtsjauchzen zur Höhe –Ein deutscher Sündenfall.

Bräch' doch ein wildes WetterIn diese deutsche Nacht,Bis die Gewissen alleZum Mahneramt erwacht.

Und auf den deutschen WangenSchamröte wieder glüht,Wenn die entnervte MasseDes Stammes Elend sieht. –

Ein heiliges großes RingenTut unserem Volke not,Ein ReitersäbelklingenWie einst bei Gravelott'.

Ein blutig Kämpfen und StreitenFür Ehre, Hab und GutMuß durch die Adern treibenDas alte Heldenblut!

Und aus dem schaurigen SterbenEin neu Geschlecht ersteh'n,Das seinem deutschen GotteKannfreiins Auge seh'n.

Das wieder groß und edelUnd mannhaft, stolz und stark –Ein Hüter und ein SchirmerDer freien deutschen Mark.

Heuerts1906. (Unverfälschte deutsche Worte. 5. Heft 1906. Wien.)

Es wäre unmännlich und feig, all die Sorgen und Befürchtungen zu verschweigen, die uns heute beunruhigen. Deshalb fort mit allen Bedenken! Es hat jeder Bürger das Recht, »Feuer!« zu rufen und Löscheimer herbeizuschaffen, wenn er aus dem Dachstuhle Rauch aufsteigen sieht. Noch schlagen zwar im deutschen Reichsbau die Flammen nicht empor, aber im Nachbarhause wütet der Brand, und das wissen wir klassisch Gebildeten ja aus Vergil, daß es um unsere Sache geht, wenn die nächste Wand brennt. – Bei uns herrscht jetzt doch auch eine gar schwüle, drückende Luft. Es ist, als ob es heimlich schon unter den Dielen schwele. Wie leicht schlägt die Flamme über, wenn sie so aufgehäuften Zündstoff findet!

Wir alle sind zu Warnern, zu Rettern berufen. – Wo sich andere das Recht nehmen, dem Staat von amtswegen zu schaden, wird niemandem das Recht verwehrt sein, ihm selbst außeramtlich nach seinen Kräften zu nützen. Dort geht es um Gut und Blut, hier vorerst nur um Papier und Druckerschwärze.

Nun besteht aber bei uns zu Lande die Meinung, daß ein Beamter nichts »gegen die Regierung« schreiben dürfe.Ichschreibe nichtgegen, sondernfürdie Regierung. Wie weit außerdem das gesetzliche Verbot geht, weiß ich nicht. Wohl aber weiß ich, daß z.B.Paul de Lagardetrotz seines Beamtentums mit der rückhaltlosesten Offenheit die Schäden der Staatspolitik beleuchtet hat, weiß freilich auch, daß diesen Mannhaften nicht die Behörden, wohl aber alle Wohlgesinnten mit einem Haß verfolgten, der ihnen ebenso zur Unehregereicht, wie dem Gehaßten zum Nachruhm. Er fragte verwundert, ob es denn ein Unrecht sei, wenn man den Lokomotivführer darauf aufmerksam macht, daß an seiner Maschine ein Schaden sei. Er hat es selbst noch erlebt, daß seine trüben Voraussagen in noch trübere Erfüllung gingen. Jetzt beruft sich jeder gute Patriot schon gerne auf diesen Volkserzieher, der neben Fichte seinen Ehrenplatz hat. Jetzt scheinen selbst seine ehemaligen Kollegen von der Hochschule vergessen zu haben, daß sie ihn zum Einsiedler machten, ihn wie einen Geächteten mieden und wie durch geheime Übereinkunft all seine bedeutenden politischen Arbeiten totschwiegen.

Und wie haben die Zünftler einenNietzschebehandelt! Stets haben wir das gleiche Bild: »Wenn ein Jagdhund durch die Dorfstraße läuft, kläffen alle Kettenhunde.« »Die ganze Gesellschaft ist verschworen gegen die Mannhaftigkeit des einzelnen,« sagt Emerson. Er muß also in dem angeblich freien Amerika dieselbe trübe Erfahrung gemacht haben. – Wenn wirklich allen Beamten eine Kritik der staatlichen Zustände untersagt wäre, dann wäre die Intelligenz zum großen Teile von einer einschneidenden Mitwirkung ausgeschlossen: denn auch all unsere Hochschullehrer sind Beamte. Vielleicht hätte es die weitere Wirkung, daß die Unsitte, unter Pseudonymen zu schreiben, überhand nähme – eine wenig mannhafte Kampfesweise.

Ich bin so wenig rechtskundig, daß ich mich bloß auf mein Gefühl verlasse. Sollte, was ich in guter Absicht schreibe, in der Meinung, dem Vaterlande nach meinem schwachen, aber ehrlichen Willen zu dienen, mit unseren Gesetzen in Widerspruch geraten, so nehme ich die Folgen auf mich. Ich bilde mir ein, ein gutes Werk zu tun. Von einem dolus – wonach die Juristen immer suchen – wird hier nichts zu finden sein, wohl aber von »Wahrung berechtigter Interessen« eines Jugenderziehers und Staatsbürgers.

Jedoch ich will den Herren Juristen nicht vorgreifen, mich lieber mit dem von Herrn Geheimrat Prof. Dr.Gierkeproklamierten »felsenfesten Vertrauen auf unsere Gerichte« ausrüsten.

Ich meine, man darf sich, wenn man seine Überzeugung verfechten will, um den Beifall oder den Widerspruch aller amtlich Gebundenen nicht kümmern. Die sind stets für Ruhe und Sachlichkeit, für eine korrekte Amtsführung, Einhaltung des Instanzenweges, kurz für all das, was den Fortschritt hemmt. Neue Gedanken undnun gar eine Kritik des Bestehenden empfinden sie als lästige Ruhestörung, als Übergriff.

Kümmern wir uns also um sie nicht mehr als nötig ist, um ihren schädlichen Einfluß zu brechen! Ob ich zu dieser Arbeit berechtigt und befähigt bin, das soll, soweit es davon Kenntnis nimmt, das deutscheVolkentscheiden, das heißt die, deren Urteil ungebunden ist.

Wie jede Sache, so hat auch das deutsche Mannesideal seine geschichtliche Entwicklung. Ohne deren Kenntnis lernt man auch die Gegenwart nicht verstehen. Wenn wir uns also von unseren Vorfahren auch nicht belehren lassen wollen, so wollen wir sie und damit uns selbst doch kennen lernen. Denn unser ganzes Sein und Denken ist aufgebaut auf ererbte Zustände und Anschauungen. Es ist kein durchaus erfreuliches Erbe, das wir antreten mußten: Deutschland war ein viel geplagtes, dürftiges Land. Es galt von ihm, was Herodot von dem athenischen Staate sagt: »Die Armut war ihm Amme.«

Armut, sagt man, stählt die Lebenskräfte, Armut drückt sie aber auch nieder und läßt eine freie Mannesgesinnung nicht leicht aufkommen. Die Armen leben meist in knechtischer Abhängigkeit. Da gilt das alte homerische Wort: »Der Tag der Knechtschaft nehmen dem Manne seinen halben Wert.«

In seinem Aufsatze »Der Deutsche der Zukunft« sagt Prof.A. Lichtwarkganz in diesem Sinne: »Aus den Jahrhunderten der Armut und Beschränktheit, der Hörigkeit und Knechtschaft nach innen und außen haften dem Wesen des Deutschen so viele beklagenswerte Züge an, daß wir als politisch und wirtschaftlich voran gekommenes Geschlecht mit Ruhe und Entschlossenheit nicht nur an die erbarmungslose Ausrottung alter Fehler, sondern vor allen an die Entwicklung alter zurückgebliebenen edlen Kräfte zu gehen haben.«

Um das also zu können, bedürfen wir einer Rückschau und einer Einkehr in unsrer eignen Natur.

Von den alten Germanen wissen wir zu wenig Verläßliches. Wir wollen uns auch in so ferne und so dunkle Gegenden lieber nicht verlieren. Es ist gar zu schwer, entschwundene Zeiten zu verstehen,je ferner sie liegen, um so schwerer, um so weniger verlohnt es auch, an sie anzuknüpfen. Bei Wodan und Freia werden wir doch nicht wieder warm. Jene alte Welt hat uns Rom ein für allemal so zertrümmert und so entrückt, daß keine Brücke uns dorthin zurückführen, kein Gedenken uns je dort wieder heimisch machen kann.

ImMittelalter– um damit zu beginnen – hatte man ein Bildungsideal verkörpert, das vorbildlich erziehliche Kraft hat. Freilich blieb es beschränkt auf den Ritterstand.

Hier sind die edelsten Mannestugenden vereint, noch bereichert, geadelt und gemildert durch den Einfluß des Christentums. Mit der himmlischen Liebe allein wollten aber die lebensfrohen Ritter sich nicht zufrieden geben, und die besten unter ihnen wurden den Zwiespalt ihrer Seele nie los, so oft sie sich auch die bange Frage vorlegten, wie man drei Dinge erwürbe, nämlich Vermögen, Ehre und Gottes Huld, ohne daß eines davon verdürbe. Vielleicht ist die Höhe echt männlicher und dabei menschlicher Bildung nie wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden, wie sie in den besten Vertretern der christlichen Ritterorden verkörpert war. Noch heute empfinden wir den Zauber, der in dem Begriffe echter Ritterlichkeit liegt. Uns tritt dabei vor die Seele das Bild der stattlichen, im Waffenschmuck erglänzenden, körperlich durchgebildeten, in allen Künsten des Kriegshandwerkes, im Jagen, Reiten, Fechten und Schießen gewandten Männer, die ihre rüstige Kraft begeistert in den Dienst der Schwachen stellten, das Gelübde ablegten, ehrbar zu leben, Treue zu pflegen, mildtätig zu sein, Witwen und Waisen zu schützen, jedem Unrecht entgegenzutreten und dabei stets in Haltung und Ton vornehm und bescheiden zu bleiben. Wenn diese Männer zugleich den Frauen in anmutigen Formen huldigten und ihre Feste mit Gesang und Saitenspiel, mit ungekünsteltem Frohsinn würzten, dann muß da wirklich eine Blüte des Mannestums ins Leben getreten sein, mit der wir uns nicht ohne beschämende Sehnsucht beschäftigen können.

Mit Wissenschaft befaßten sich diese Männer freilich nicht. Es war schon viel, wenn einer schreiben und lesen konnte. Aber deshalb waren sie doch nicht ungebildet. Ihre Kenntnisse von Ländern und Leuten erritten sie sich auf ihren endlosen Zügen in Freundes- und Feindesland. Die Welt war damals noch eng. Schon der alteHildebrandtrühmt sich seiner Weitgereistheit und seiner Menschenkenntnis. EbensoWalther von der Vogelweide. Diese Männer waren gut vertraut mit dem Boden, auf dem sie wirkten und mit den Sitten, Sprachen und Anschauungen der Völker, mit denen sie verkehrten. Ich glaube nicht, daß sie uns den Eindruck der Unbildung machen würden, wenn es möglich wäre, plötzlich einmal in ihre Mitte einzutreten. Man lese nur Walthers Gedichte, um sich mit dem tiefen sittlichen Gehalte und mit dem Umfange ihrer geistigen Interessen bekannt zu machen.

Jedenfalls hatte der junge Adlige sein klar umschriebenes Mannesideal vor Augen und wußte, wohin er zu streben und zu wachsen habe. Der junge Parzival hielt die ersten erzgepanzerten Ritter, die er sah, für Götter. Wie Götter erschienen sie wohl jedem Kinde. Wenn man ihm dann sagte, es könne durch rechteZuchtauch einmal so ein stolzes Wesen werden, dann war dem Leben Ziel und Weg gewiesen.

Deutsche Männer nennt Walther »wolgezogen« und »teutsche zucht«, sagt er, »gat vor in allem«.

Das ritterliche Mannesideal und die ritterliche Zucht blieb selbst in der besten Zeit auf den Stand der Ritter beschränkt. Bürgern und gar Bauern kam es nicht in den Sinn, ein gleiches zu erstreben, auch waren sie durch die Standesschranken davon ausgeschlossen. In den Kreisen der Ritterschaft hielten sich noch die äußeren gesellschaftlichen Formen und das Bewußtsein, durch eine Ahnenreihe den Wert und Adel ererbt zu haben. Der bloße Name genügte, einem ganzen Leben erhöhte Ansprüche und ein gesteigertes Selbstbewußtsein zu geben. Wo innerer Wert fehlte, da mußte oft der Schein aushelfen. Mit der edleren ritterlichen Kultur sank aber und verblaßte auch das edle Mannesideal.

Man beachte nur, welche Sinneswandlungen der Begriff der höfischen Zucht erfahren hat! Aus höfisch wurde im Laufe der Jahrhunderte »höflich« und »hübsch«. Wie eng umgrenzt, wie wenig einem vollen Manneswert angepaßt ist dieses »höflich«, das allein auf die gefällige äußere Form geht und einem Lakaien oder einer jungen Magd ebensogut ansteht wie einem freien Manne! »Hübsch« aber ist noch engeren Umfanges und schon auf die bloße äußere gefällige Erscheinung beschränkt. Nur in dem sächsischen Dialekt bezeichnetman als hübsch einen Menschen von angenehmen gesellschaftlichen Formen. Die Sachsen pflegen sehr mit Unrecht belächelt zu werden, wenn sie in diesem Sinne sagen: »S'is e hibscher Mann«. Sie haben sich damit gerade die gute alte Bedeutung treu bewahrt, die wir anderen Deutschen fallen ließen.

Kein Vater sagt aber heute seinem Sohne mit der vollen Überzeugung, ihm das Beste zu geben: »Mein Sohn, werde ein hübscher Mann – oder ein höflicher Mann!« Dem WorteZuchtist es nicht viel besser ergangen: Es ist auch heruntergekommen. Zucht kommt von ziehen. Es bedeutet also emporziehen, aufziehen, wie man junge Pflanzen, junges Vieh aufzieht. Das geschieht mehr durch Pflege, als durch Gewalt. Mit der Zeit aber gewann der gewalttätige Teil der Bedeutung die Oberhand. Das mag durch die militärische Praxis gekommen sein. Preußen hat daran gewiß seinen guten Anteil. »Straffe Zucht« war das Ziel, dem der Vorgesetzte zustrebte. Das hat mit guten gesellschaftlichen Formen und mit ritterlicher Gesinnung nur noch wenig gemein. Man nennt jetzt Zucht und Disziplin zumeist in einem Atem. Das Wesentliche ist der blindeGehorsam. Die Rute wurde zur Zuchtrute, das Verbesserungshaus zum Zuchthaus. Heute denkt man kaum noch daran, daß jemand im Zuchthause »erzogen« werden soll. Es ist ausschließlich Strafhaus geworden. Wir wollen deshalb auch auf unsere Kinder Wort und Wesen der »Zucht« ohne Einschränkung nicht anwenden. Das wäre uns zu hart und zu lieblos. Nur im Ausnahmefalle, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, tritt die Züchtigung ein. Dabei sind heute schon Eltern recht zweifelhaft, ob man durch Züchtigungen die Entwicklung edler Männlichkeit fördere. Sie meinen im Gegenteil vielfach mit Walther von der Vogelweide: »Niemand kann mit Gerten Kinderzucht erhärten.«

Ein einheitliches Mannesideal war deshalb der deutschen Jugend nicht beschieden, weil Deutschland keine selbständige einheitliche Kultur hatte.

Die Erziehung lag zumeist in den Händen derGeistlichkeit. Die »Geschorenen« waren aber dem Volke nie ganz geheuer. Man gab sich ihnen weniger aus Überzeugung hin als geblendet vom äußeren Glanze, von den unerschöpflichen Gunst- und Gnadenmitteln, von den lockenden Verheißungen und auch von äußerem Zwangebestimmt. Die großartige Organisation der römischen Kirche war natürlich mächtiger als das bürgerliche und kleinstaatliche Leben der Deutschen, die der fremden Kultur lange nichts Gleichwertiges entgegenstellen konnten. Der Geistliche hatte seinen Wert und seine Weihe durch sein Amt, er berief sich auf die höchsten Autoritäten im Himmel und auf Erden. Wer wollte dagegen an? Versuchte man es, so gab es jedesmal einen Kampf auf Leben und Tod. Kirchenbann, oft auch Reichsacht, Krieg und Verdammnis drohten dem Abtrünnigen. Fromme Mütter, nicht aber die Knaben selbst, sahen in glaubensstarken und glaubenseifrigen Priestern nachahmenswerte Vorbilder. Dem echten deutschen Burschen war es allzeit wohler im Wams als in der Kutte und die himmlische Liebe allein genügte auch ihm nicht.

Als Männer aufstanden, die den Kampf gegen die Geschorenen wagten, fanden sie eine begeisterte Jugend hinter sich. Wir lesen kein Sterbenswörtchen, daß Walther in Deutschland zu leiden gehabt hätte, weil er den Pfaffen Lug und Trug vorwarf, die Päpste wegen ihrer Untreue und Doppelzüngigkeit schmähte und Gott selbst zu Hilfe rief gegen das Treiben des zu jungen Papstes.

Nicht Frömmigkeit, sondernTugendist es, wonach der deutscheBürgertrachtete. Als das Rittertum zu Grabe gegangen war, da lebte diesebürgerliche Tugendund Tüchtigkeit so kräftig auf, daß sie den offenen Kampf gegen die fremden Lehrmeister wagen durfte. Das neue deutsche Mannesideal hat sich nicht nach den Lehrsätzen der römischen Kirche, sondern im Kampfe gegen diese herausgebildet.

Nicht auf Adelsbriefen und einer langen Ahnenreihe und nicht auf dem geweihten Amte, sondern allein auf seiner Kraft und Tüchtigkeit beruht der Wert des Bürgersmanns. Nur wer etwas taugt, hat Tugend, ist zu brauchen, genießt Achtung und bringt es zu etwas.

Aus diesen Regionen der harten Arbeiter stammen auch all die Männer des XVI. Jahrhunderts, die allein uns heut noch etwas zu sagen haben: Holbein, Dürer, Hans Sachs: harte Arbeiter, Männer der Tat, Bürger von echtem Bürger- und Handwerkerstolze. Die Kraft dieses Geschlechts lag in ihrer inneren Wahrhaftigkeit. Bei ihnen deckte sich Sein und Schein. Sie wollten nichts anderes sein, alsMeister auf ihrem Arbeitsfelde und gaben ihren Wert sich selbst.

Goethe, selbst gewiß ein Aufrechter, gewillt, sich seine »Geradheit« stets ungebrochen zu erhalten, fand an jenen Männern ein herzliches Wohlgefallen:

»Ihr festes Leben und Männlichkeit,Ihre innere Kraft und Ständigkeit«

»Ihr festes Leben und Männlichkeit,Ihre innere Kraft und Ständigkeit«

hatten es ihm angetan. Wie aus Eichenholz geschnitzt sind ihre Charakterköpfe, und ebenso fest und sicher war ihre Lebensführung: ein Siegeszug, der über alle Mühsale und Fährlichkeiten des Lebens hinweggeht, wie der Ritter, den Dürer bildete, zwischen Tod und Teufel ohne Bangen und Zagen, Zögern und Klagen, fürbaß reitet. Ihre Bahn ist nicht durch Blut und Vernichtung bezeichnet, nein, wohin ihr Fuß trat, wo ihre Hand zufaßte, da blühte es auf, da erstanden Denkmäler der Kraft, Gesundheit und Schönheit. In ihrem Wesen ist nichts Erborgtes und Unechtes, nichts Verträumtes und Gekünsteltes.

Diese Männer stellten ihre Kraft wohl auch in den Dienst der Großen in Staat und Kirche, aber sie wurden nie Hofmaler, verkauften ihre Arbeiten, nicht aber sich selbst. Sie blieben sich in ihrer Kunst treu, schlicht und wahr, selbst wenn sie Kaiser malten. Nie gewahren wir einen Pinselstrich, der uns wie Phrase, wie eine servile Huldigung, wie eine Selbsterniedrigung anmutet. Wie die Großen der Erde zu diesen Größeren des Geistes standen, dies veranschaulicht die Szene, als Kaiser Maximilian dem Dürer seinen niedergefallenen Pinsel aufhob.

Von gleichem Schrot und Korn wie jene Meister der Kunst war auchLuther, der bürgerliche Prediger, dessen Verdienst darin bestand, daß er den Glauben zu einer mehr bürgerlichen Angelegenheit und damit die Kirche entbehrlicher machte. Wenn wir lesen, wie viele Männer damals ihm anhingen und für ihre Überzeugung ins Exil gegangen sind, wie viele für ihren Glauben gekämpft und gelitten haben, dann ergreift uns Bewunderung und Staunen. Luthers Wort: »Hier steh' ich, ich kann nicht anders«, betrachten wir als die größte Mannestat des ganzen Mittelalters. Daß es ein Germane sprach, das eröffnete den Kampf und Siegeszug der blonden Rassen gegen die dunklen. Damit setzt die geistige Befreiung der nordischen Staaten ein. An diesem Lutherworte haben sich seitdem Millionen germanischerMänner und Frauen aufgerichtet, dieses Wort wurde ihnen auch zum Leitmotiv ihrer Erziehung. »Werde ein Mann wie Luther!« Das versteht auch ein Kind. Das heißt: werde ein Mann, der seine Überzeugung gegen eine Welt von Widerständen behauptet. Das Trutzlied: »Ein' feste Burg ist unser Gott«, darin die gewaltigen Worte: »Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr', Kind und Weib: Laß fahren dahin! Sie haben's kein'n Gewinn: Das Reich muß uns doch bleiben«, enthalten ein vollständiges Erziehungsprogramm und können einem ganzen Volke Kraft und Halt geben.

Und woher schöpften jene Männer diese unverwüstliche Kraft? Aus der Wahrhaftigkeit ihres Wesens. Sie holten sich ihre Lebensgesetze nicht aus der Fremde, suchten die Schönheit nicht in Hellas und Rom, die Wahrheit nicht in der Kurie oder bei den Schriftgelehrten, sondern suchten und fanden sie in der Natur und in ihrer eigenen Brust. So schufen sie in ihrer großartig schlichten Natürlichkeit einen germanischen Glauben und eine deutsche Kunst, eine Heimatkunst. Und weil alles so ehrlich, schlicht und wahr, so gesund und selbstverständlich ist, deshalb bleibt es ewig jung und wirkt es auch so unwiderstehlich. Da findet man die Behauptung bestätigt, daß der Deutsche nur sich selbst treu zu bleiben braucht, um mannhaft zu sein. So wie er aber mehr oder etwas anderes sein will, als wozu ihn seine Natur bestimmt hat, wird er unsicher und kraftlos. Alle Wanderungen in fremdes Geistesland, zu denen es uns allezeit verleitet hat, sind auf Kosten der deutschen Mannhaftigkeit gemacht worden. Wir kommen davon wie Seeräuber mit reicher Beute beladen heim, aber wie mit einem inneren Knacks, da wir wohl das fremde Klima nicht vertragen konnten. Selbst wenn wir Bürgersleute uns nur in die »höhere« Gesellschaft unseres eigenen Volkstums begaben, bekam uns das jedesmal schlecht. Wir wissen uns da nicht zu benehmen, werden unsicher und unwahr, entweder demütig und verlegen oder protzenhaft und prahlerisch.

Nicht mit der Flinte oder mit dem Ruder haben diese Männer ihre Mannhaftigkeit betätigt, sie haben viel Höheres und Größeres geleistet. Sie haben den Kampf gegen eine Welt von sichtbaren und unsichtbaren Feinden aufgenommen, gegen die Hölle und den Himmel, gegen Kaiser und Papst. AlsLutherin den Saal zu Worms eintrat, wo ein Kranz von Würdenträgern der Kirche unddes Reiches über ihn richten sollte, da sagte zu dem »Pfäfflein« der Kais. FeldhauptmannFrundsbergmit Recht, daß er einen schwereren Gang mache, als er und sonst ein Ritter je gemacht habe. Da sah die staunende Welt einmal wieder, was einMannist. Gegen eine Schanze anstürmen, einen Seesturm bestehen, das war dem harten Geschlechte des XVI. Jahrhunderts nichts Bewunderungswürdiges mehr. Mut im Felde und auf den Wogen setzte man bei jedem schlichten Bauernburschen und bei dem jüngsten Seemann voraus. WasLuthertat, war etwas viel Größeres, etwas Unerhörtes an Wagemut und Mannhaftigkeit. Nicht Gehorsam vor irgendeinem Machthaber, nicht Unterwürfigkeit unter eine Kirche, die jeden Dienst mit reichstem Lohne vergelten konnte, sondern Trotz allen anerkannten Mächten, Schutz und Lohn allein in der eigenen Brust. So lebte Luther seinem Volke den Mann der unbeugsamen Überzeugung vor, der seinem Gewissen folgt – »und wenn die Welt voll Teufel wär«.

Im konfessionellen Hader und unter der einseitigen Ausbeutung durch herrschsüchtige Geistliche erfuhr aber auch dieses Ideal bald seine Trübungen. In rein germanisch-protestantischen Ländern, wie in Schweden, scheint es sich länger erhalten zu haben. Schiller hat im Wallenstein den Typus des glaubensstarken ritterlichen Protestanten in der Gestalt des schwedischen Oberst Wrangel festgehalten.

Zu ihm spricht Wallenstein die ehrenden Worte:

– – »Er urteilt wie ein Schwed und wieEin Protestant. Ihr Lutherischen fechtetFür eure Bibel, euch ist's um die Sach';Mit euremHerzenfolgt ihr eurer Fahne. –Wer zu dem Feinde läuft voneuch, der hatMit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.Von all dem ist die Rede nicht bei uns.«

– – »Er urteilt wie ein Schwed und wieEin Protestant. Ihr Lutherischen fechtetFür eure Bibel, euch ist's um die Sach';Mit euremHerzenfolgt ihr eurer Fahne. –Wer zu dem Feinde läuft voneuch, der hatMit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.Von all dem ist die Rede nicht bei uns.«

Worauf dann der erstaunte Ausruf Wrangels:

»Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulandeDenn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?«

»Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulandeDenn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?«

In Deutschland, selbst im protestantischen, verlernte man bald in den Wirren des unglückseligen Dreißigjährigen Krieges die Hingabe für seine religiöse Überzeugung, weil die Fürsten mit der Gesinnungihrer Männer elenden Schacher treibend, eigenmächtig über das Glaubensbekenntnis ihrer Untertanen nach dem Grundsatze: cuius regio eius religio entschieden; weil die Fürsten aus Interessenpolitik ganz nach äußerem Bedarf ihren Glauben wechselten und dann getreue Gefolgschaft ihrer Charakterlosigkeit von dem Volke forderten.

Heute noch wechseln auch protestantische fürstliche Damen, um zu heiraten, ihren Glauben je nach Bedarf und erschüttern durch dieses Beispiel fort und fort das Erziehungsideal lutherischer Gesinnungstreue in ihrem Volke, dem sie Vorbild und Erzieher zu sein den an sich berechtigten Ehrgeiz haben.

Es kommt hinzu, daß sich im Laufe der Jahrhunderte der Inhalt der lutherischen Überzeugungen für Unzählige verflüchtigt hat. Man ehrt diese Überzeugungen noch, teilt sie aber nicht mehr. An überlebten Idealen aber kann man ein Volk, zumal die Jugend nicht aufrichten. Gedanken und Ziele müssen werbende und hinreißende Kraft haben, wenn wir dafür die Jugend begeistern wollen, wenn diese sich mit Leib und Seele in ihren Dienst stellen soll. Gerade sie verlangt das, denn sie folgt mehr der Stimmung als der Überlegung. Was schert sie aber heute, ob z. B. Luther oder Zwingli in der Abendmahlslehre recht hatten? Wer die Probe darauf machen will, wie tief oder wie flach diese und verwandte theologische Streitfragen in der Volksseele wohnen, der versuche einmal einen Kongreß über ein solches Thema zustande zu bringen, einen Kongreß deutscher Männer, Frauen, Jünglinge und Jungfrauen! Ich zweifle an irgendeinem Erfolge. Und dabei bearbeiten die Geistlichen beider Konfessionen unser Volk von der Wiege bis zur Bahre mit allen diesen religiösen Fragen, als ob von ihnen alles Wohl und Wehe in Zeit und Ewigkeit abhinge.

Nicht Luthers Persönlichkeit also, aber die lutherische Lehre und der lutherische Katechismus haben abgewirtschaftet und damit sein Erziehungsideal.

Wir brauchen nur an den Katechismus zu denken, um sofort von einem Grausen überfallen zu werden vor all dem widerlichen pfäffischen Gezänke, vor all der blutrünstigen, düstern und so unsagbar elenden Wirtschaft, die uns daraus in Staat, Schule und Haus erwachsen sind.

Wir werden später der Frage nicht ausweichen können, wie weit heute die Geistlichkeit noch ihren Beruf als Erzieher zur Mannhaftigkeit erfüllt.

Daß viele Nachfolger Luthers jahrhundertelang als leuchtende Vorbilder ihrer Gemeinde in diesem Sinne gewirkt haben, ist eine historisch anerkannte, unerschütterliche Tatsache. Das deutsche Pastorenhaus in Ehren! Ein wahrer Strom des Segens hat sich von ihm auf unser Volk ergossen. Es ist die Wiege zahlloser führender Männer auf allen Gebieten unseres Kulturlebens geworden – eine wahreHeldenschulefür geistige Kämpfer gewesen. Wenn es heute nicht mehr so ist, so liegt die Schuld außer an der Geistlichkeit selbst auch an der völligen Neugestaltung des Geisteslebens, die unsere Kirche ihrer bestimmenden, führenden Macht beraubt hat. Nicht am wenigsten sind es die bösen Lehrer, die ihr diese Wunden geschlagen haben – mehr aus Notwehr als aus Frevelmut.

Die traurigste Zeit der deutschen Geschichte, die zwischen dem Westfälischen Frieden und den Befreiungskriegen liegt, ist eine Schule der Gesinnungsschwäche und aller Lakaientugenden gewesen. Fürsten von Gottes Gnaden in unabsehbarer Menge forderten sklavischen Gehorsam und hielten sich ein Heer von Hofbeamten, Eunuchen der Gesinnung, die wie abgerichtete Hunde nach den Launen Serenissimi spähten und sich zu jedem niedrigsten Dienst hergaben. Der aufrechte Mann hatte damals einen schweren Stand. Französischer Einfluß tat das übrige zur Ertötung jeder männlichen Haltung und Gesinnung. Die Trachten jener Zeit spiegelten ihren sittlichen Tiefstand. Die Männer mit ihren Perücken, Wadenstrümpfen, kleinen Schuhen, ihren gestickten Westen und spitzen Zierdegen suchten in allem französisch à la mode zu sein: elegant, geschmeidig, geistreich, witzend, gesinnungslos. Erziehungsideal selbst der männlichen Jugend war die politesse. Französisch parlieren, die Damen als verliebter Täuberich umgirren, auf der Gitarre klingeln, sentimentale Verslein schmieden. Der Galante stand in höherem Ansehen als der Mannhafte. Kichern statt frohen Lachens, nippen statt herzhaft essen und trinken, stets mit gekrümmtem Rücken ja sagen, nie einmal mannhaft aufrecht stehend auch mit einem offenen Nein trotzen. Daß Männer solcher Sitten keine Bärte tragen, das paßt ganz zum Bilde: Kastraten, Lakeien und allem unmännlichen Volkekommt diese Manneszier nicht zu. Man muß sich nur Gemälde jener Zeit betrachten. Auf den Städtebildern fehlt fast nie die stattliche Hofkarosse mit bunten Lakeien hinten auf dem Tritte, auf der Straße die Bürger, die Hüte und Nacken bis zum Boden niederbeugen. Man muß die Huldigungsgedichte lesen, mit denen das Geburtstagsfest Serenissimi oder die glückliche Niederkunft der Landesmutter gefeiert wurde, muß die Widmungen gelehrter Bücher sehen, mit denen, in tiefster Demut ersterbend, selbst die größten Geister jener Zeit ihre Geistesgaben als gehorsamste Diener ihrem Herrn zu Füßen legen zu dürfen submissest und untertänigst bitten und muß den ganzen Schnörkelkram des höfischen Zeremoniells einmal betrachtet haben, mit dem sich diese Halbgötter auf deutschen Fürstenthronen umgaben. Vieles davon lebt noch heute nach, so der häßliche Gruß »Gehorsamster Diener!« und der Unfug, der mit den Titulaturen und Wohlgeboren, Hochwohlgeboren etc. getrieben wird.

»Welche Nation in Europa«, so fragte schon Herder, »hat sich die Anrede der Menschen und Stände aneinander erschwert und verkünstelt wie die deutsche? Nicht nur die langweilig abgeschmackten Titulaturen, mit denen wir ein Spott aller Nationen sind und deren wir dennoch nicht entraten mögen, sondern der ganze Bau unserer öffentlichen Anreden, Zuschriften, Verhandlungen usf. zwingen uns in Knechtsfesseln zu sinnlos heuchelnden Knechtsgebärden. Unsere demütigen Bittschriften und die gnädigen oder allergnädigsten Resolutionen darauf, wer kann sie ohne Lachen, ohne Verdruß und Scham lesen? Und die förmlichen Oppositionen unserer Rechts- und Staatssachen, die Devotion, mit der wir verharren und ersterben, die krausen Züge, die dabei gemalt, die Papierballen, die Menschenleben, die mit und zu dieser unseligen deutschen Kunst verschwendet werden, die kopflose Steifheit, der Formelstolz, die pedantische Grobheit und Seelenschläferei, die daher ganzen Ständen, Kollegien und Ämtern zur zweiten Natur werden, wer kann und darf diesen Wust ausfegen? Und doch ist der gerade Vortrag der Wahrheit so auffallend leichter und lichter, indes die Verkünstelung und Verwirrung so viel Zeit, Mühe, Geld und Papier kostet! Länder, Stände, Städte, Menschen leiden unter dieser langweilig-hochpeinlichen Verkreiselung; wer kann und mag sie ändern? Im gesellschaftlichen Umgange sogar ist jemanden bei seinen Namen zu nennen, Schimpf; Titel und Würdenbei Männern und Weibern dürfen allein genannt werden; dem Ohr wie dem Auge wollen wir nur in der Livree erscheinen. Wie leicht haben sich andre Nationen dies alte Joch gemacht oder es gar abgeworfen; der Deutsche trägt's geduldig.

Kriechende Gefälligkeit, ein solches Loben, wo nichts zu loben ist, sinnlose Titulatur- und Bücklingsschmeicheleien, die alle gerade Anrede der Menschen und Stände gegeneinander aufheben, die Kanzleien ermüden und den Geschäftsstil nicht nur, sondern oft die gesunde Vernunft verderben, jene süßliche Hingabe, die man (man verzeihe der niedrigsten Sache einen niedrigen Ausdruck) kaum anders als deutsche Hundsfötterei nennen könnte, legen uns treu-devotest zu Füßen der Majestät Dullneß. Die meisten Nationen Europas haben sich diesen Wortpraß erleichtert oder ihn weggeworfen, weil er die Larve knechtischer Falschheit, den Charakter einer Nation abstumpft, jedem Vortrage seine Richtung und Schärfe nimmt, und die ganze Rede in ein »Um den Brei gehn« verwandelt, zu dem wir Deutschen am wenigsten gemacht sind. Und eben wir Deutsche tanzen nicht nur noch in diesem spanischen Mantel, sondern unsre Formularisten setzen in diesen Tanz sogar alle Kunst ihres Geschäftes, so daß sie vor lauter falschen Umschreibungen und Titularbrücken zur Sache, zur Person und Geschäft nicht kommen mögen.«

Dazu damals ewige Kriegswirren, unerschwingliche Steuern für Bestreitung monarchischer Großmannssucht, dazu ferner die Enge des ganzen bürgerlichen und zünftigen Lebens, der Klatsch und die philisterhafte Überwachung jeder Lebensführung, die strenge Zensur jeder geistigen Regung, die Umständlichkeit des Verkehres, all die Schikanen durch Paß-, Zoll- und Grenzzwang. Daß in einer solchen Stickluft aufrechte Männer nur selten gedeihen wollten – wen kann das noch wundern? Man muß sich dieses Bild nur recht anschaulich machen, um die ragenden Größen des Preußen Friedrichs und die geistigen Taten der Männer wie Lessing, Herder, Goethe und Schiller gerecht würdigen zu lernen. Ohne den befreienden Lufthauch, der aus England und Frankreich herüberwehte, wären diese Erscheinungen fast unerklärlich. Auch das alte Griechenland, das Winckelmann entdeckte, half uns aus tiefer Not erlösen. Damals war es wirklich eine Errettung, daß es unserem Volke zeigte,wie gesunde und unverbildete Menschen einstmal gelebt haben und glücklich gewesen sind.

Die Sucht nach dem Fremdländischen scheint dem Deutschen im Blute zu liegen. Immer wieder muß ein Reformator erscheinen, der das mühsam eingepflanzte Fremde mit verdoppelter Mühe wieder ausgräbt. Gegen das französische Unkraut kämpfte zuerst und am rücksichtslosesten der PreußenkönigFriedrich Wilhelm I., nach langer Zeit der erste wieder echt deutsch empfindende und handelnde deutsche Fürst. Er hat bekanntlich bei seinem Regierungsantritte als ein junger Mann von 25 Jahren sofort allen kostbaren Prunk der Festlichkeiten, alles leere Gepränge des höfischen Zeremoniells bis auf das Notwendigste beschränkt und ein sehr gesundes Erziehungsprogramm für seinen Sohn aufgestellt mit dem Zwecke: Schaffensfreudigkeit, Kraft, Gesundheit, Sittlichkeit, Zufriedenheit zu erzielen. Deshalb drang er in der Erziehung auf Wahrhaftigkeit, Fleiß, Treue, Sparsamkeit, Einfachheit der Lebensführung, Gewöhnung an Ordnung, Gehorsam und an nützliche Beschäftigung. Auf den blendenden Schimmer einer hoch gesteigerten Schulweisheit gab er nichts. Er ist recht eigentlich der Vater despreußischen Mannesideales, der Schöpfer des preußischen Staates, der sich Schritt für Schritt die Vorherrschaft in Deutschland errungen hat. Seine hohe erziehliche Wirksamkeit erkannte selbst sein oft von ihm arg mißhandelter Sohn, der Große Friedrich, völlig an. Er sagte darüber zu seinem Freundede Catt: »Welch ein schrecklich strenger Mensch! Aber auch wie gerecht, einsichtig und sorgsam. Sie glauben nicht, welche Ordnung er in alle Zweige der Regierung brachte! Seiner Sorge, Arbeit, Gerechtigkeit und Wirtschaftskunst verdanke ich es, daß ich das habe ausführen können, was ich ausgeführt habe.« – – Die Kraft des strengen und einseitigen Königs lag eben in dieser Einseitigkeit.

Er wagte es, einmal nichts anderes zu sein und scheinen zu wollen, als ein tüchtiger deutscher Mann. Selbst die lateinischen Studien galten ihm als Allotria. Köstliches erzählt darüber wieder sein Sohn: »Als ich noch Kind war und etwas Latein lernte, deklinierte ich eben mensa. Plötzlich trat mein Vater ins Zimmer. ›Was macht ihr da?‹ sagte er. ›Papa, ich dekliniere‹, sagte ich. ›Latein treibst du mit meinem Sohne, du Schurke!‹ Damit brachte er denLehrer mit Stockschlägen aus dem Zimmer. Ich kroch vor Angst unter den Tisch und glaubte sicher zu sein. Aber er holte mich vor und bläute mich durch.«

Eine Illustration zu der Behauptung, daß es uns an einheitlicher Erziehungspraxis allzeit gefehlt hat: der König prügelt Lehrer und Sohn wegen des Lernens von mensa und Tausende von Kindern werden geprügelt, weil sie mensa nicht lernen wollen. Wer handelte nun wohl vernünftiger? Jedenfalls hatte der König seine klaren Grundsätze, die eine bewußte Abkehr von allem Fremden waren.

Der damals am Berliner Hofe beglaubigte französische Gesandte GrafRottenburgberichtet darüber, der König habe gesagt: »Ein Kind, das einst in einem bestimmten Lande und in einer bestimmten Zeitherrschensoll, muß in nichts anderen als in den hierzu erforderlichen Gegenständen unterrichtet werden. Mögen Dauphins, Prinzen von Wales und Infanten die Weltgeschichte studieren und Latein lernen, mögen sie Zeit und Eifer auf die nicht leicht zu erwerbende Geschicklichkeit verwenden, sich beim ›Aufstehen‹ richtig zu benehmen: in Preußen steht der König allein auf, sobald die Reveille ertönt und geht auch ohne Zeremoniell zu Bett. Er ist nicht so reich wie die Könige von England, Frankreich und Spanien, sondern ein armer König, den das Altertum mit seinen Assyrern, Ägyptern und Römern nichts angeht.« Und nun folgen Worte, die jeder deutsche Erzieher kennen sollte. Sie sind von einer verblüffenden Wahrheit, und ihnen haben wir es in letzter Linie zu danken, daß wir wieder ein starkes, selbstbewußtes Volk geworden sind: »Herodot, Thucydides, Livius und Tacitus wissen nichts von Pommern, Jülich und Berg, auf welche die Hohenzollern Ansprüche haben. Und ihre Sprache! Kann man diese in der Armee oder in der Landwirtschaft gebrauchen? Die antike Pracht geht einen preußischen König nichts an. Denn der soll marschieren, reiten, sich um die Geschäfte kümmern, keine Perücke tragen, sondern deutsch denken und arbeiten.«[6]Zugleich wurde aber stark inFrömmigkeitgemacht.

AuchFriedrich der Großewar mit der Jugenderziehung inden Lateinschulen keineswegs zufrieden. In ihnen würde nur das Gedächtnis gefüllt mit unbrauchbaren Kenntnissen, während das eigene Denken, Bildung des Urteils nicht geweckt und besonders Bildung einer mannhaften Gesinnung nicht erzielt werde. Mehr als durch Schulinstruktionen wirkte er, indem er seinen Deutschen den Mann der Tat vorlebte. Aber die gute Wirkung, die er damit als nationaler Erzieher gewonnen hatte, wurde wieder stark beeinträchtigt durch seine Hinneigung und Vorliebe für die französische Sprache und für französischen Geschmack überhaupt.

Da mußte wieder ein Lessing kommen, um auch diese Fremdpflanze auszuroden und um nun auf dem gesäuberten Boden freilich wieder eine andere noch von ferner her importierte Kultur zu pflanzen, so daßSchillerspotten konnte:

Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.

Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.

Napoleon, dem grausamen Zuchtmeister, ist es zu danken, daß die Deutschen sich wieder nach einem deutschen Mannesideal umschauten. Dichter, Philosophen, Staatsmänner legten sich die Frage vor, wie die alte germanische Tüchtigkeit wieder erweckt werden könne. Seitdem arbeiteten die Führer, Schöpfer und Sänger der Freiheitskriege an der körperlichen und sittlichen Neugeburt des im läppischen Hofgetändel, in Untertanendemut und in biedermeierischer Philisterseligkeit versunkenen Volkes. Die deutsche Jugend, lenkbar und hingebend wie stets, wenn man ihr hohe Ziele zeigt, folgte ihren Führern mit einer Begeisterung und einer Hingabe, wie sie Deutschland seit den Tagen des Arminius nicht gesehen hatte.

Hier war es zum ersten Male der Gedanke des großen deutschenVaterlandes, der Stammes- und Blutsgemeinschaft, der dem Mannesideale neuen und tiefsten Gehalt gab. Vordem hatte kein deutscher Fürst, selbst Friedrich der Große nicht an ein deutsches einiges Volk gedacht. Sie alle trieben Lokalpatriotismus. Vordem hatte selbst der Offizier als Lehnsmann nur seinem Herrn gedient. Treue knüpfte ihn an deneinenMann, nicht an seine Landsmänner. In den Glaubenskriegen entschied eine Zeitlang die religiöse Überzeugung, während das Vaterland nichts galt. Darauf wurde die Kriegsführung ein Handwerk. Es galt nicht für ehrenrührig, seinenKriegsherrn zu wechseln. Franzosen dienten im Heere des Großen Friedrich. Deutsche Offiziere waren über die ganze Erde zerstreut. Man konnte nach den Anschauungen jener Zeit, wie der Major von Tellheim in Lessings Minna von Barnhelm, ein Ritter ohne Furcht und Tadel sein, ohne Anhängigkeit an ein Vaterland. Ein deutsches Vaterland also und damit die bewußten vaterländischen Mannestugenden schuf sich das deutsche Volk erst in und durch die Befreiungskriege. Es war neu und zündete auch wie ein neues Evangelium, als Schiller die Worte ins Volk hinausrief:

»Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an!«

Seitdem konnte man sich eine volle Mannespersönlichkeit ohne tiefe Beziehung zum Vaterland kaum mehr denken. Goethe sogar hatte sich gegen den ungerechten Vorwurf zu schützen, daß es ihm an vaterländischer Gesinnung mangele. Wer nicht Patriot war, galt eben nicht als voll, und wenn er ein Goethe wäre.

»Es war plötzlich«, sagtArndt, »wie durch ein Wunder Gottes ein großes und würdiges Volk erstanden« – »Die Preußen sind dem ganzen deutschen Volke Anführer zur Freiheit gewesen, sie sind ihnen auch ein Muster der Tapferkeit, Zucht, Bescheidenheit und Menschlichkeit, sie sind rechte Krieger Gottes geworden. Jene Begeisterung, womit sie sich dem Tode fürs Vaterland weihten, machte sie auch stark zu jeder hohen Geduld und zu jeder menschlichen Milde: sie waren in der Schlacht wie verzehrendes Feuer und wie erquickender Sonnenschein, wenn die Schwerter ruhten … Daß wir jetzt (1845) frei atmen, daß wir fröhlich zu den Sternen blicken und Gott anbeten: das danken wir nächst Gott diesen Beginnern der deutschen Herrlichkeit. Sie sind uns übrigen Deutschen, wie verschiedene Namen wir auch führen mögen, die glorreichen Vertreter und das erste Beispiel der Freiheit und Ehre geworden« (Schriften für und an seine lieben Deutschen I, Leipzig 1845).

Ich glaube, daß man diese Zeit in ihrer sittlichen Größe trotz Heinrich von Treitschke noch nicht genügend würdigt. Wieviel idealer Schwung, wie große Opferfreudigkeit, welch begeisterte Hingabe des Lebens und aller Lebensgüter flammten in den Jünglingen und Jungfrauen, die sich an Körners und an Arndts Liedern begeisterten und singend und betend in Kampf und Tod gingen! DasMannesideal, das damals geschaffen wurde, hätte nicht wieder versinken dürfen.

Seit der Niederwerfung Napoleons, als die Bundesakte einen losen Verband deutscher Staaten geschaffen hatte, trat immer lebhafter der Wunsch nach Verfassungen hervor, durch die die bürgerlichen Rechte sicher gestellt werden sollten gegenüber der Regierungsgewalt. Man hoffte, daß durch die öffentlichen Verhandlungen eines Landtages eine unendliche Menge von kleinen Interessen in den Kurs des bürgerlichen Lebens kommen und diesem einen größeren Gehalt und Reiz geben würden. Das große Interesse des Staates werde so gewissermaßen in Münze umgesetzt und diese ergieße sich über gewisse Teile der Gesellschaft und belebe ihren Staatsverkehr. Man erhoffte ein reiches blühendes Staatsleben und gedachte dabei an die Form in Rom und an Athens öffentliche Plätze. Gegen eine solche Vorstellung des Bürgerlebens mußte das stille Besorgen seiner Privatgeschäfte als eine wahre Stagnation erscheinen, und in diesem Sinne beklagte man sich auch ewig über den faulen, trägen Zustand der Zeit. »Soll der Untertan«, so sagte man, »sich seinem Staate im rechten Sinne anpassen, so muß er dessen Hauptinteressen kennen; diese müßten großartig und dauernd sein und in dieser bleibenden Richtung muß sich die Teilnahme des Bürgers befinden. Die Regierung muß so eingerichtet sein, daß er Vertrauen zu ihr hat; dieses Vertrauen braucht nicht blind und unbedingt zu sein; er kann mit seinem Urteile ihren Schritten folgen, und sein Herz kann ihr mehr oder weniger Beifall zollen. In diesem mehr oder weniger einstimmenden Gefühle und Urteile der Untertanen wird die Regierung die Leitsterne erkennen und danach steuern können, um so leichter und schneller zu fahren.« (K. Schwartz, Leben des Generals Carl von Clausewitz. Bd. II. Berlin 1878.) Ideal der Zeit wurde der tüchtige und rechtschaffene Bürger, der zugleich warme Teilnahme an den großen Interessen des Landes zeigt, derfreimütige Politiker.

Daneben lief eine neue Lehre her, die, von Frankreich ausgehend, vereinzelte Gemüter in Erregung versetzte, die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Zu dem Wunsche, selbsttätig dem Staate, der Gemeinschaft der Brüder zu dienen, gesellte sich der höhere Wunsch, dieses geliebte Vaterland zur Pflegstätte und Heimat der neuen Menschheitsideale zu machen.Männer mit freiem vorurteilsfreien Blicke, die sich über Standes- und Klassenvorurteile hinwegsetzten und »modern« empfanden, wollten nun auch mit Hand anlegen an der geistigen und sittlichen Verjüngung ihres Volkes. Aber da kamen sie übel an. So hatten sich die Fürsten und ihre Staatsmänner die Folgen des Freiheitskampfes nicht vorgestellt. Nachdem das Volk ihnen den Feind aus den Landen gejagt hatte, sollte ein jeder Untertan wieder still an seine Arbeit gehen und die Lenkung der politischen Geschicke denen überlassen, die von Gott und kraft ihres Amtes dazu da waren. Die freien deutschen Burschen aber, die sich klüger dünkten und in ihrem jugendlichen Unverstande von einem einigen, freien deutschen Vaterlande schwärmten, hatten hinter eisernen Gittern Zeit, darüber nachzudenken, daß Deutschland für die Verwirklichung ihrer Mannesideale noch nicht reif war. Als die große Hetze losging gegen die Burschenschaftler, liberalen Schriftsteller und alle für ein einiges großes Deutschland begeisterten Schwärmer, hat auchLaube, dessen hundertjähriger Geburtstag soeben in Deutschland festlich begangen wird, neun Monate im Gefängnis zugebracht, nicht für eine gegen den Staat gerichtete Tat, nur für seine deutsche Gesinnung. Aber er hat diese tapfere Gesinnung sein Leben lang bewahrt, ob er sie gleich in jungen Jahren so schwer büßen mußte.Feodor Wehl, der das zutreffendste Bild von Laube entworfen hat, sagt mit warmen Worten:Das junge Deutschland ist ohne Überläufer und Verräter an seiner Sache geblieben. Das ist auch ein Ruhm, und dieser Ruhm schmückt Laube noch besonders, denn er, der später an die Spitze des Wiener Burgtheaters trat, war dort ohne Zweifel vielfach der Versuchung ausgesetzt, ein Liebediener der Macht und ein Abtrünniger seiner demokratischen Gesinnung zu werden. Er ist es nicht geworden, wie sehr er auch von seiner tumultuarischen Jugend sich losgesagt. Ohnmächtig auf politischem Felde, wendete sich seine von Tatkraft strotzende Natur im Beginne der vierziger Jahre der Literatur zu, um den modernen Geist in ihr zum Ausdruck zu bringen. Sein tumultuarisches Wesen wußte eine Zeitlang nicht ein noch aus, wendete sich abenteuerlich nach verschiedenen Zielen, seine eigentliche Bestimmung suchend, sich mit verwegener Zuversicht Bahn schaffend. In all diesem Ringen ist ein Zug hervorstechend, der ihn zum Regieren bestimmt erscheinen läßt: der ungestüme Drang, Positives zu schaffen, gestützt auf einzweifelloses Selbstvertrauen. (Josef Lewinsky in der N. Fr. Presse vom 16. Sept. 1906.)

Laube selbst hebt in seinen Erinnerungen hervor, daß eine politische Verbindung »Junges Deutschland« nie existiert hat, sondern nur eine Erfindung des Herrnv. Tzschoppein Berlin war, »um eine polizeiliche Handhabe zu gewinnen für seine Bannbulle gegen eine Anzahl junger Schriftsteller, welche der damaligen Reaktion unbequem waren«.

Wienbarg, Heine, Laube, Gutzkow, Theodor Mundt, das waren bekanntlich die feinen Köpfe, gegen die polizeilicher Spürsinn seine Maßregeln ergriff. Was hatten diese Männer im Sinne? Hören wir sie selbst. Laube sagt:

»Es fing an deutlich zu werden, daß eine junge Schriftstellerwelt entstünde, welche außerhalb der traditionellen Bahnen unserer Klassik und Romantik eine Existenz und eine Wirkung hatte. Die erkünstelte Situation, die geschraubte, krankhafte Empfindung wurden plötzlich verspottet, die Wahrheit wurde gesucht, die Wahrheit in den Ausgangspunkten und in den Zielen, im wesentlichen das, was man späterRealismusgenannt hat. Man nannte es damals ›Junges Deutschland‹.«

Die Reaktion war aber zu stark, um diese junge Pflanze aufkommen zu lassen. Bald wurde es auch wieder still, und der Gedanke an ein großes deutsches Vaterland mußte wieder einschlafen. Vergebens hatte also die deutsche Burschenschaft gesungen,Jahnseine deutsche Turnerschaft ins Leben gerufen: in den großen Kreisen des Volkes Preußen erklangen nur noch lokale und preußisch-patriotische Lieder. »Auch in den deutschen Schulen gab es, mindestens vor 1848, niemals einen wirklichen deutschen Patriotismus. Wie man dort an Stelle großer dichterischer Eindrücke die grammatischen Lehren einer toten Sprache empfing, so an Stelle eines echten, lebendigen, Patriotismus nichts als die Geschichte toter Völker.« So berichtet einer, der die Zeit mit durchlebt hat,L. Passage, und stimmt darin mitBismarcksSchulerinnerungen überein.

Nie sind brave Männer mit ärgerem Undanke belohnt, nie unwürdiger behandelt worden, als die Deutschen in der Zeit zwischen der Völkerschlacht bei Leipzig und der Revolution von 1848. UnterMetternichsZucht erstarb alles Leben. Die Staatsmaschine arbeitetewieder im alten trägen Gange. Freiherr v. Stein hat einmal die Tätigkeit der damaligen österreichischen Ämter beschrieben und erzählt: »Diese Bureaus beschäftigen sich allein mit der Anwendung eines Systems plumper, verworrener Förmlichkeiten, die jeden Augenblick die freie Tätigkeit des Menschen aufhalten, um an deren Stelle Massen von Papier und die nichtige Dummheit oder Faulheit zu setzen.«

Dieses Bureaugetriebe des Vormärz hemmte jeden Fortschritt, jedes freie geistige Leben. Oder wie sollte man es anders deuten, daß unmittelbar nach einer so beispiellosen nationalen Erhebung, mit der verglichen die griechischen Befreiungskämpfe gegen die Perser eine Armseligkeit sind, jeder Aufschwung, jeder politische, wirtschaftliche, geistige Fortschritt ausbleibt, daß die Zeit krank und müde dahinschleicht und auch die Bestrebungen der Männer, die sich zum Bunde des sog. »Jungen Deutschlands« zusammenfanden, keinen frischeren Zug in das öffentliche Leben bringen können?

Dafür blühte um so üppiger der Weizen der Mucker. In stickiger Kanzleiluft, unter der Obhut von großschnauzigen Polizeibeamten und leisetretenden, nach oben hin kriechend ergebenen, nach unten hin großtuerischen und geheimnisvollen Staatsdienern konnten mannhafte Deutsche nicht gedeihen. Wieder bildete das kleinliche Getriebe der Verwaltungmaschinen, der Klatsch bei Hof und in der »guten« Gesellschaft, das Sinnen und Sorgen um die kleinen täglichen Bedürfnisse, Wünsche, Freuden und Leiden den Inhalt des um seine großen Ziele gebrachten Lebens.

Die wirklich Großen aber, wieHeinrich von Kleist,Friedrich HebbelundOtto Ludwigblieben sogar unverstanden. Wer Deutschland verlassen und fremde Kultur gesehen hatte, der wollte in die unfreie Heimat nicht wieder zurück. Amerika, England, Frankreich gewannen den Ruf, Länder freier Männer zu sein. Als der derblustige Wiener Dichter Eduard vonBauernfeldvon einem Besuche in England heimkehrte, erzählte er darüber in seiner lebhaften Art und sagte laut: »In England ist jeder Kohlenträger gescheiter, als bei uns ein Hofrat.« Als er sich umwendete, stand ein HofratVesque v. Püttlingenhinter ihm und lachte – fast zustimmend, jedenfalls gar nicht beleidigt. Man glaubte auch sonst in Österreich, daß Bauernfeld wohl recht habe.

Der deutsche Bürger lebte wie in einem großen Staatsgefängnisse. Wie weit das Mißtrauen und die Verfolgungswut ging, dafür habe ich selbst noch eine Probe gesehen: Mein Vater, der in den Jahren um 1855 in Wien lebte, dann aber nach Gotha übersiedelte, erfuhr erst nach Jahren in Dresden, um 1880 herum, von Fürst Hugo Salm-Reifferscheid, daß alle Briefe, die er aus Gotha an Wiener Freunde schrieb, von der Zensur geöffnet worden seien und daß man seine Wege in Wien selbst überwacht habe. Dabei hat erniemalspolitisch tätigen Anteil genommen. Der Umstand allein, daß er in Gotha lebte, mochte ihn verdächtig gemacht haben, oder vielleicht, daß er Friedrich Hebbels Freund war?

Kein Wunder, daß viele und oft gerade die Besten dem unfreien Vaterlande für immer den Rücken kehrten.Heinrich Heinegab dieses Vaterland, in dem nur der Korporal und der Büttel Rechte hatten, dem öffentlichen Spott preis. Man sollte ihm heute dafür nicht mehr zürnen. Deutschland und Preußen verdienten den Spott gründlich. Das Volk war zur Ohnmacht verurteilt, der Staat omnipotent und ein gar gestrenger, ungnädiger Herr. Post, Steuer, Polizei, Militär, alles, was Uniform trug, quälte die Bürger unsäglich. Wer nicht schweigend parierte, wurde langsam aber sicher mürbe gemacht.

Der stille, fromme Untertan, der seine Steuern pünktlich zahlte und all die unzähligen Beamten tief und in Demut grüßte, der durfte sein Biedermeierleben in Frieden führen und beschließen. Erziehern, die nur zum flüchtigen Übergang in unserem Jammertale weilten, um dann zu den täglich in Gebet und Lied herbeigerufenen ewigen Freuden einzugehen, solchen pastoralen Schulmeistern war die Erziehung der deutschen Jugend anvertraut! Die Eltern gaben ihren Söhnen als tiefste Lebensweisheit den Spruch mit auf die Wanderschaft: »Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land«. Bescheidenheit, Demut, Polizistenfurcht wurden wieder die angesehensten Mannestugenden. Erst quälte man die Leute gründlich, dann empfahl man ihnen den Spruch: »Not lehrt beten.« Man wurde wieder recht weinerlich zaghaft und fromm. Von dem gutenLavaterhatten die Zeitgenossen gerühmt, daß er selbst durch seinen bei jedem Schritte einsinkenden Gang seine Gottergebenheit zu rührendem Ausdruck gebracht habe. Also knickebeinigsollte man durch die deutschen Lande schreiten, um gottgefällig zu sein und bei den Menschen Beifall zu finden.

Zum Glück waren die Jungen gesünder und klüger als ihre Lehrer.

Sie brachten uns eben als Männer die Verfassung von 1848 und damit erst die Möglichkeit, zu einem selbstherrlichen Volke zu werden. Der Wind kam wieder von Westen. »Die Freiheit lag aber damals in der Luft. So einen Vorfrühling hatte man in Deutschland noch nicht erlebt.«

»Die Herzen waren heiß«, läßt Ludwig Thoma im Andreas Vöst seinen alten Revoluzzer sagen, »und der Verstand war nicht immer kühl, aber in den Leuten war mehr Weisheit, als in den trockenen Dienern der Nützlichkeit, die heute die Nase rümpfen und sich das bißchen Freiheit wegstehlen lassen, was ihre Väter errungen haben.«

Die Regierungen haben die Männer von 48 und die Früchte ihrer Revolution bis heute noch nicht aus Überzeugung anerkannt. In Preußen gelten die Achtundvierziger in »maßgebenden« Kreisen noch heute als Unbotmäßige, als dreiste Auflehner gegen die Staatsautorität. Man überläßt den »Reichsfeinden« die Ehrenpflicht, die Gräber der damals gefallenen Bürger zu schmücken.

Wie schwer der Geist der Reaktion auf Deutschland und besonders auch auf Berlin lastete, ist den meisten bekannt, muß aber immer wieder auch an dieser Stelle betont werden, damit wir die traurige geistige Verfassung des damaligen Deutschland und ihre bis heute noch unheilvollen Nachwirkungen richtig einschätzen lernen. In demselben Verlage wie diese Schrift sind »Erinnerungen« vonMax Ringerschienen. Dort lesen wir über Berlin in der Reaktionszeit:

»Der Eindruck, den Berlin nach zehnjähriger Abwesenheit auf mich machte, war nichts weniger als erfreulich und angenehm. Gleich auf dem Bahnhof drängten sich mir die Maßregeln der siegreichen Reaktion auf. Eine Abteilung Infanterie und eine Schar der neuen Konstabler empfingen den ankommenden Eisenbahnzug und ließen keinen Reisenden ohne strenge Kontrolle passieren. Wer sich nicht durch seine Papiere als vollkommen unverdächtig legitimieren konnte, wurde zurückgewiesen oder zur nächsten Polizeiwache gebracht. Selbst Frauen und Kinder waren von dieser lästigen Untersuchung nicht ausgenommen. Auch ich mußte mich einem strengen Examenunterwerfen und über meine Person die genaueste Auskunft geben. Erst nachdem ich alle Fragen zur Zufriedenheit des betr. Beamten beantwortet hatte und auch meine Zeugnisse sorgfältig geprüft worden waren, erhielt ich die Erlaubnis, den Bahnhof zu verlassen. In einer Droschke fuhr ich nach dem nächsten, wenn auch nicht besten Hotel, wo ich so lange blieb, bis ich eine passende Wohnung gemietet hatte. Seit meiner Abwesenheit fand ich Berlin nicht gerade zu seinem Vorteil verändert und umgewandelt. Es herrschte eine mißmutige, gedrückte Stimmung, eine wahre Belagerungsatmosphäre, eine aller Beschreibung spottende Polizeiwillkür, die sich in dem bekannten, damals allgewaltigen Herrn von Hinkeldey verkörperte.

Die Mehrzahl meiner Freunde hatte teils freiwillig, teils gezwungen die Stadt verlassen. Carriere lebte in München als Privatdozent, Wolfsohn als Rechtsanwalt in Hamburg, Oppenheim, der sich an dem Aufstand in Baden beteiligt hatte, als Flüchtling in Paris. Die beiden Brüder von Behr waren ebenfalls infolge der politischen Ereignisse nach Amerika ausgewandert, wo der ältere, Alfred, sich in New-Orleans als praktischer Arzt, der jüngere, Ottmar, als Landwirt in Texas niederließ. Traube, der durch den Einfluß unseres Lehrers Schönlein eine Stelle als behandelnder Arzt an der Charité auf der Abteilung für Brustkranke erhalten und sich unterdessen verheiratet hatte, war ausschließlich mit seinen Studien und ärztlichen Konsultationen beschäftigt, so daß ich ihn nur selten sah. Bettina von Arnim war verreist und als sie wiederkam, kannte sie mich kaum wieder. So erfuhr ich an mir im vollsten Maße die Wahrheit des alten Sprichwortes: »Les absents ont toujours tort.«

Man lernte sich bescheiden. Und da es mit der Ausgestaltung eines nationalen Staates nichts werden wollte, wurde man entweder flüchtig und »Amerikaner« oder suchte sich eine ideale Welt, ein Weltbürgertum, wurde Kosmopolit nach dem Rezepte:


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