VII.Ergebnis.

»Zur Nation euch zu bilden, das hofft ihr Deutsche vergebens.Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«

»Zur Nation euch zu bilden, das hofft ihr Deutsche vergebens.Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«

Der echte deutsche Bürger rühmte sich zugleich seines steifen Rückgrates und bekannte von sich, daß er allzeit »Männerstolz vor Königsthronen« bewahren werde. Schon Schiller hatte im Vorwort zur Rheinischen Thalia (1774) verkündet, er werde schreiben »als Weltbürger, der keinem Fürsten dient«.

Es ist kein Zufall, daß unser Kaiser an der nationalen Feier des hundertjährigen Todestages unseres Schiller achtlos vorbeiging. Kein härterer Vorwurf damals für den deutschen Bürger, als ein Höfling, ein Fürstenknecht zu sein. In den Revolutionsjahren bäumte sich dieser Bürgertrotz noch gewaltiger auf. Als der kleine Königsberger Jude Dr.Jacobigewagt hatte, dem König ins Gesicht zu sagen: »Das ist eben das Unglück, daß Fürsten die Wahrheit nicht hören wollen,« wurde er dafür von seinen Gesinnungsgenossen ebenso lebhaft bewundert, wie von den Königstreuen verspottet und beschimpft.

Bismarckhat die Souveränität wieder hingepflanzt wie einen rocher de bronze, uns ein Deutsches Reich geschaffen, die Kaiserkrone geschmiedet und unseren Hohenzollern aufs Haupt gesetzt. Er konnte all das nur leisten im Kampfe gegen die noch revolutionär gestimmten Parteien. Der Erfolg hat ihm recht gegeben, und durch sein gewaltiges Lebenswerk, seine aufragende Gestalt ist er uns zum edelsten Vertreter germanischer Mannhaftigkeit geworden. Deutschland hatte wieder seinen Heros, an den es glauben, nach dem es sich bilden konnte. Damit aber ging zusammen eine ungerechte Mißachtung jener deutschen Männer, die ihm aus ehrlicher Gesinnung mannhaft entgegentraten und sein Lebenswerk hemmten. Heute lernt man sie gerechter beurteilen und fängt sogar an, sich nach ihren hohen Mannesidealen wieder umzusehen.

Damit kämen wir in die Gegenwart und auf die Frage, welches Mannesideal heute der deutschen Jugend vor den Augen und der Seele stehen mag.

Die Antwort ist nicht leicht zu geben, deshalb nicht, weil uns eben leider ein einheitliches Ideal fehlt. Wir sind nicht so glücklich wie die Engländer, bei denen der Idealmann, der gentleman, schon seit Jahrhunderten eine gegebene Tatsache ist.

Es verlohnt sich, bei dem Anblick dieses Mannestypus, der uns allerorten in den Weg tritt, etwas zu verweilen.

Die Menschheit zerfällt nach dem Urteile jedes einigermaßen gesitteten Engländers in zwei Gruppen, in gentlemen und nicht gentlemen. Dementsprechend in lady und nicht lady. Ein Mensch beträgt sich entweder gentlemanlike oder nicht, ladylike oder nicht – ein Drittes gibt es nicht. Es zweifelt kein Engländer daran, daßder gentleman der Idealmann sei. Das ganze Volk erkennt dieses Vorbild an, es ist auch im Prinzip keiner davon ausgeschlossen.

Der Arbeiter entrüstet sich, wenn sich jemand erdreisten sollte, ihn den Ehrennamen eines gentleman abzusprechen, und auch der Lord weiß sich keinen höheren Titel. Der gentleman hat Achtung vor dem Gesetze und noch größere Achtung vor dem Recht der Persönlichkeit. Da er die Eigenart der Menschen achtet, beansprucht er auch für sich ein völliges noli me tangere – und das eben auf Grund seiner Verfassung, die ihm heilig ist.

Das englische Recht, das natürlich nur wenige Deutsche kennen, da es uns ja viel wichtiger ist die Verfassungen von Athen, Sparta und Rom und das corpus iuris zu kennen, das englische Recht ist die großartige nationale Schöpfung dieses freien germanischen Volkes, ist ein Recht, das auf der Achtung der Menschenwürde aufgebaut ist.

Mit lebhafter Zustimmung lese ich die Rede, dieJosef Köhlerzur Begrüßung der englischen Gäste der International LawAssociationgehalten hat. (»Der Tag« A. Nr. 510) darin heißt es u. a.: »England hatte das große Glück, sich sein Recht, bürgerliches wie öffentliches, aus angelsächsischen und normannischen Elementen selber schaffen zu dürfen, und wie unser Goethe einmal sagt: ist es ein großer Vorzug einer Kultur, wenn sie, ungehindert durch Einflüsse von außen, ihre eigenen Kräfte voll entfalten kann« – Und weiter: »Ich bewundere das englische Recht wegen seiner Biegsamkeit und seines Anpassungsvermögens; wie es, hierin dem römischen Rechte vergleichbar, mit einem gewissen konservativen Zuge das alte Gefüge beibehielt, dann aber in seinen Ausläufern sich befähigte, allen Anforderungen des vielseitigen Lebens zu entsprechen; wie es, zuerst voller Formeln und Seltsamkeiten, sich seit Mitte vorigen Jahrhunderts immer mehr vereinfachte und sich dem heutigen Wesen anschmiegte. So konnte das englische Recht ein Weltrecht werden und in der Neuen Welt wie in der Alten die Leuchte der Kultur vorantragen; so konnte es, dem genialen Triebe germanischen Denkens entsprechend, immer neue Rechtsgebiete beherrschen; und wie wir England das Parlament verdanken, so verdanken wir ihm die heutige Gestaltung des Erfinder- und Urheberrechtes.

Dem Deutschen aber ist das englische Recht noch namentlich dadurch lehrreich: was wir heutzutage in Deutschland erstreben, dieschöpferische Kraft der Rechtsprechung, das ist in England schon jahrhundertelang geworden. Das Heil der Rechtspflege liegt da nicht in dem wörtlichen Auslegen der Gesetze, nicht in dem ständigen abgöttischen Sichverbeugen und Sichverneigen vor den gesetzlichen Ausdrücken sondern in dem kühnen Erfassen der im Gesetz und Rechtsleben waltenden Rechtsvernunft. Gerade in dieser Beziehung hat die englische Rechtsprechung Hohes, vielleicht das Höchste erreicht. Sie hat gezeigt, wie unrichtig es ist, eine solche schöpferische Tätigkeit der Gerichte zu scheuen. Welche Fülle von klarer Lebensbeobachtung, von gesundem Sinn, von feinem Takt, von rechtlicher Weisheit und kerniger Kraft ist in den englischen Entscheidungen des 18. und 19. Jahrhunderts niedergelegt! Wie weiß sich hier die Rechtspflege den Bedürfnissen des Falles anzupassen, wie klar und tief alle Geheimnisse des Lebens zu ergründen und allen Einzelheiten gerecht zu werden! Das soll für uns ein ständiges Vorbild sein!«

Wie nur der gentleman ein solches edles Recht schaffen konnte, so konnte auch unter einem solchen Rechte allein der gentleman wachsen und sich erhalten.Denn alle Kraft eines Volkes wurzelt in seinem Rechte.Unser römisch-germanisches Recht macht die Deutschen zu Tausenden rechtlos, unterwirft sie der Tyrannei des Kapitals, und des Buchstabens, der von der Menschenwürde nichts weiß und stumme Unterwerfung des Lebendigen unter das Tote fordert. – Ich könnte kleine Musterproben englischer Rechtssprechung geben, die mit wenigen Strichen den Gegensatz grell anschaulich machen würden. Aber es führt hier zu weit. Genug an der Erkenntnis, daß der gentleman nur möglich ist unter englischem Rechte. Dieses Recht ist wirklich ein Schutz und eine Zuflucht jedes Engländers, der lebhafte Ausdruck des Volksbewußtseins und Volkswillens, ist ein Stück England selbst, nicht Fremdkörper, ist der Stolz der Bürger, nicht sein Spott und Fluch!

Unter diesem Gesetze gedieh auch eine vernünftige Erziehung. Als ich auf diese vor Jahren als vorbildlich hinwies, bespöttelte man die Geschmacklosigkeit, als könnten wir von John Bull etwas lernen. Heute schreibtWilhelm Münchmit viel tieferer Einsicht: »Selbst das uns so nahe englische Vorbild, von dem wir ja glücklicherweise manches in den letzten Jahrzehnten übernommen haben und hoffentlichnoch mehr übernehmen werden, kann nicht etwa als ganzes und unbedingt unsere Wahl werden.« Gewiß nicht! Will auch niemand.

Doch zurück zum gentleman!

Der gentleman lügt nie. Eine einzige offenkundige Lüge bringt selbst den Knaben um alle Reputation bei seinen Mitschülern; der gentleman ist nicht laut und vorlaut, hält sich gemessen und würdevoll. Es gehört zum gentleman auch, daß er körperlichem Sporte huldigt, irgendeiner Kirche angehört, Klubs und öffentliche Versammlungen besucht, bestimmte Hüte, Handschuhe, Hosenschnitt nach der Mode, ebenso Stiefel, Bartfrisur u. dgl. habe. Der gentleman führt beim Essen das Messer nicht zum Munde, nimmt keinen Senf zum Hammelbraten, grüßt nicht durch Hutabnehmen, sondern nur mit der Hand. Er hat Tausend kleine Pflichten zu befolgen – aber er trägt diesen beschwerlichen Dienst gern, denn er erkauft sich damit das Köstlichste, was ein Mensch haben kann, Selbstachtung und die Achtung der Mitmenschen. Die politische Überzeugung kommt dabei nicht mit in Rechnung. Man kann liberaler und ebensogut konservativer gentleman sein. Man braucht in England keine Titulaturen; denn es genügt ja, daß man gentleman ist. Dadurch gewinnt der Verkehr seine gefälligen und festen Formen. Kurz, es ist etwas Köstliches mit diesem gentleman. Ein Kind ist leicht zu lenken, wenn das ganze Volk so fest geprägte Begriffe und unwandelbare Formen für das hat, was den Wert des Mannes ausmacht. Ich glaube, diese großartige Kulturleistung – die Herausbildung eines schönen Mannesideals – trägt das Hauptverdienst an allen weiteren kulturellen Errungenschaften der Engländer. Zumal die Erfolge in der Kolonisation fremder Völker dankt England gewiß größtenteils dem gentleman. Man kann in den Augen der Engländer auch als Ausländer gentleman sein, freilich nicht eben leicht. Am sichersten ist schon, ganz englisches Wesen anzunehmen. Und so zwingend ist dieses Erziehungsgebot, daß sich ihm wirklich selbst reife Männer die aus fremden Ländern kommen, willig beugen. Kein Volk der Erde hat dem etwas Gleichwertiges an die Seite zu stellen.

Der um die Betätigung seiner mannhaften Triebe betrogene Deutsche wurde immer wieder auf sein Gemütsleben hingewiesen. Man machte ihm weis und er glaubte es schließlich selbst, daß er von Natur mit einem besonderen Beruf nur für diese Seite des Lebens ausgestattet sei. Man behandelte ihn von Staats und Kirchen wegen wie ein krankes Kind, das vom Fenster seines armseligen Kämmerleins aus zusehen muß, wie sich draußen auf der Wiese die gesunden Bengel tummeln und balgen, wie sie singen und springen und sich die reifen Äpfel von den Bäumen schütteln. Trauernd sinkt das kranke Kind in sich zurück, baut sich im Innern seine schöne Märchenwelt und lernt ein Glück in der Selbstbeschränkung und in der Entsagung finden. Es pflanzt sich seine Blümchen auf dem Fensterbrett und fängt sorgsam die matten Sonnenstrahlen auf, die sich bis in diesen versteckten Winkel hereinwagen. So wurde aus dem Deutschen, der von Haus aus ein recht gesunder, handfester Draufgänger war und das Leben sehr praktisch und real zu leben wußte, ein Stubenhocker, ein Betbruder, ein Dichter und Denker. Bescheidenheit und Demut wurden seine Tugenden, die stille, behaglich erwärmte, enge Stube des Kleinstädtchens wurde seine Welt, in der ihm tatsächlich das Herz aufging.

Niemand führt uns in diese Stimmungssphäre besser ein als der schlichte, kindlich-frommeLudwig Richter, der Verherrlicher des äußerlich engen, aber dabei innerlich tiefen sächsischen Philisterlebens; Richter, der nach seinen eigenen Worten darzustellen trachtet: »in aller Sichtbarkeit der Menschen Lust und Leid und Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in allem des großen Gottes Güt' und Herrlichkeit«, dem es aber nie in den Sinn kam, Äußerungen menschlichen Wagemutes, Trotzes und Kampfes darzustellen. SeinLeben war von einer rührenden Hingabe und Selbstlosigkeit, Schlichtheit und Demut, durchwärmt von einem stillen Glücke und deshalb groß, ja erhaben in seiner Beschränkung. Aber – füge ich hinzu – einVolk, das seines Sinnes lebte, wäre dem Untergang geweiht.

Der unfreie Deutsche fand vielfach seinen Trost in der Kneipe beim Schoppen Bier. Da sah ihn die weise Behörde auch recht gerne sitzen. Am Stammtisch trank er sich seine Bierleber und sein Bierherz an, wurde satt und genügsam. »Laßt dicke Männer um mich sein,« war noch stets der Wunsch aller Autokraten. Sie lieben die Mageren und Hohläugigen nicht, die zuviel denken. Im Bier ersäuft der Deutsche seinen jugendlichen Tatendrang und jeden Untertanenärger. Beim Biere durfte man große Worte ertönen lassen, denen keine Taten zu folgen brauchten. Beim Biere konstruierte sich der Studio seinen idealen Bierstaat, der zu nichts als zu wackerem Saufen verpflichtete. Bierselig ist die ganze PoesieVictor Scheffels, der immer erst einen tüchtigen Schluck nehmen mußte, ehe seine Muse erwachen wollte. Im Biere erlosch leider auch der Ingrimm des liebenswürdigenFritz Reuter. Ich schätze ihn unendlich hoch und danke ihm Stunden wahren Glückes – so sinnig, so echt und gesund sind seine Dichtungen –, aber ich kann ihm nicht nachempfinden, daß der so Mißhandelte wieder heiter und zufrieden werden konnte. Ich würde es natürlicher und auch männlicher gefunden haben, wenn er sein Leben derRacheund dem Kampfe für Deutschlands innere Befreiung geweiht hätte. Er war eben auch einer der unzähligen von der eigenen Mutter Germania gebrochenen, um ihr Bestes, ihr mannhaftes Herz, betrogenen Kinder. Auch er lernte schließlich beim Biere lachen und scherzen, während sein edles Herz verblutete.

Es war ein – allerdings vergeblicher – Protest gegen diesen Geist des Entsagens gewesen, der dem deutschen Volk erst aufgezwungen, dann zum Bedürfnis geworden war, alsSchiller»in tyrannos« auftrat. Auch sein ganzes Leben war ein Ringen mit den Fesseln des deutschen Kleinmuts, kleinbürgerlicher Selbstgenügsamkeit und ein Trieb, aus den niedrigen Stuben mit ihrem schwülen Dunst und den »engen Gesprächen« hinaus in die freie weite Luft zu kommen.

Er hatte dem Leben wieder Schwung gegeben, den Mut zur Tat, die frohe Lust am Dasein, die Begeisterung zum Heldentod.Aber es erging ihm wie noch immer den Deutschen, die mehr und Besseres sein wollten, als still genügsame und fügsame Untertanen. Es erging ihm, wie dem Vogel, der dem Käfig entschlüpft, nun ins Freie eilen will, aber bei jedem frischen Anflug mit dem Kopf an einer harten Glasscheibe anschlägt. Er träumte von den herrlichen Alpen, von dem weiten, lockenden Meere, von dem sonnigen Süden, von einem großen, stolzen Volke, er rief es aus: »Wir wollen frei sein, wie die Väter waren«, aber auch seine Welt blieb eine Traumwelt, ein die ganze Menschheit umfassender Rausch und Freudentaumel, ein himmelstürmender Gedankenbau, dem eine Wirklichkeit nicht entsprechen wollte. Er sah nicht mit Augen all die Herrlichkeit der Erde, der seine Seele erglühte, sah vor allem kein großes stolzes Vaterland und verzehrte seine edle Natur im Kampfe und Kleinkrieg mit körperlichem Leiden, den traurigen Folgen einer echt deutschen Stuben-Erziehung, materieller Not und unzureichender Körperpflege.

Wir Deutschen sind allzeit schlecht erzogen und schlecht behandelt worden. Wir sind noch heute das unfreieste Kulturvolk der Erde. Wir leben noch immer als Untertanen und lassen uns regieren, anstatt daß wir unsere Geschicke selbst leiten lernten. Wir glauben noch, so gut es gehen will, was uns irgendeine Kirchenbehörde als rechte Seelenkost zubereitet, wir lassen uns von Zeit zu Zeit wie ungezogene Kinder bei den Ohren nehmen, lassen uns eine herbe Strafpredigt halten und nehmen sie ohne Trotz entgegen.

Wollen wir unsere besten Männer nennen, – Schiller, Arndt, Jahn, Heine, Reuter, Richard Wagner, Bucher, Miquel, Kinkel, Schurz, Laube etc. –, so müssen wir von Staat und Kirche Verfolgte nennen. Unsere Kultur- und Literaturgeschichten nehmen sich aus wie Kriminalberichte. Die besten Kräfte unseres Volkes müssen immer darauf verwandt werden, uns vor uns selbst zu schützen. Kein Wunder, wenn uns andere Völker zuvorkommen. Wenn wir die größten Namen im Gebiete des deutschen Geisteslebens im XIX. Jahrhundert suchen, so fallen auf die kleine Schweiz mit ihren freiheitlichen Einrichtungen im Verhältnisse weit mehr als auf das große Deutschland. Der größte Pädagoge – Pestalozzi – ein Schweizer, der größte Maler – Böcklin – ein Schweizer, der größte Schriftsteller – Gottfried Keller – ein Schweizer. Ebenso leben wir jetzt auf den wichtigsten Gebietenfast schon ausschließlich von Pump: Carlyle, Ruskin, Emerson, Walt Whitman, Björnson, Ibsen, Tolstoi, Gorki gelten uns mehr als unsere schriftstellernden Landsleute.

Und dieses Mal nicht deshalb, weil wir eine Sucht nach dem Fremdländischen hätten – nein, es lebt gerade jetzt in uns der lebhafte, starke Wunsch zur Heimatkunst, zur Selbstbestimmung zu kommen – aber jene fremden Autoren haben uns tatsächlich über unser eigenes Denken und Fühlen, für unsere eigenen geistigen Bedürfnisse mehr zu sagen. Sie sind nicht klüger, aber sie sind innerlich freier, gefestigter, selbstvertrauender.

Wie anders sollte man erklären können, daß z. B. die Erziehungschriften der SchwedinEllen Keyin Deutschland rein verschlungen werden, während hervorragende deutsche Pädagogen kaum Gehör finden. Ellen Key »Essays« sind in 11 Tausend, »Das Jahrhundert des Kindes« in 26 Tausend, »Über Liebe und Ehe« in 28 Tausend Exemplaren bei uns verbreitet. Dagegen haben der im preußischen Ministerium an führender Stelle wirkende Geh. RegierungsratDr. Matthias, ebenso wie der gleich anerkannte Pädagoge, Universitätsprofessor Geh. RatWilhelm Münchfür ihre Werke, die wohl in Fremdsprachen überhaupt nicht übersetzt wurden, in Deutschland nur eine Verbreitung von 1–3 Auflagen, wobei alle höhere Schulen schon selbstverständlich als Abnehmer gelten müssen.

Die Pädagogik der höheren deutschen Lehrer aber, die nicht an leitender Stelle stehen, ist völlig mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Sie wagt sich an die Lebensprobleme nicht einmal heran,getrautsich nicht von dem zu sprechen, worum sich doch die ganze Erziehungspraxis und Erziehungsweisheit drehen sollte. Der Erziehungsbeamteversagt eben vollständig:

In früheren Zeiten boten die Abhandlungen, die den Schulprogrammen beigefügt wurden, den Lehrern, die eigene Gedanken hatten, Gelegenheit, diese in die Öffentlichkeit zu bringen.

Wenn wir die Programme lesen, die z. B. der blutjunge Herder veröffentlicht, so staunen wir über den rückhaltlosen Freimut und den geradezu übermütigen Reformationseifer, mit dem er den damals herrschenden Schulbetrieb geißelte. Ich habe aber in den eindringlichsten Lebensbeschreibungen Herders keine Zeugnisse dafür gefunden, daß ihm diese offene Aussprache verübelt worden wäre,Feindschaften und Schaden gebracht hätte. Heute sind diese Herderschen Abhandlungen vielleicht die einzigen unter vielen tausenden älterer Zeit, die noch Bedeutung haben und in dem pädagogischen Kampf unserer Tage wieder zu Worte kommen.[7]

Jene Zeit, die der Unkundige sich gerne als geistig unfrei denkt, gestattete selbst dem jüngsten Lehrer das freie Manneswort. Und so erhielt es sich bis an unsere Zeit heran, bis aus Zentralisationsbedürfnis der Beamtencharakter und damit Beamtengehorsam höhere Wertung erhielt, als die mannhafte, wenn auch unbequeme Überzeugung eines selbständigen Kopfes. Da wurde denn die Verfügung erlassen, daß die Programmabhandlungen sich möglichst eng an die Schulaufgaben anzuschließen und vor der Drucklegung einer Begutachtung von seiten des Schulleiters zu unterziehen hätten. Die höhere deutsche Lehrerschaft ließ diese wie andere Demütigungen ohne einen Laut der Klage, ohne ein Wort des Widerspruches über sich ergehen, ließ sich geduldig einen Backzahn nach dem anderen ziehen. Jetzt geht der Oberlehrer mit seinem Manuskripte zum Herrn Direktor, läßt es sich wie ein braver Tertianer durchsehen, und nachdem alle irgend bedenklichen Stellen ausgemerzt sind, setzt der Direktor sein imprimatur darunter. Daher denn die jetzigen Schulprogramme höchst sachlich, ruhig, lehrhaft und höchst langweilig sind: nahrhafte Haferschleimsuppen und gezuckerter Milchgrieß.

Unsere Zeit wird künftigen Geschlechtern trotz aller Betriebsamkeit und staunenswerten Kleinarbeit als pädagogische Wüste erscheinen.

NureinGebiet gibt es, auf dem der Deutsche allzeit frei geschaltet hat. Das ist das derMusik. Da ist er denn auch unbestritten Herr der Erde; da huldigen ihm alle Völker.

In der Musik konnten sich deutscher Freiheits- und Tatendrang ungehemmt ausleben.BeethovensundWagnersgewaltige Trotz- und Siegesfanfaren unterlagen keiner Zensur, da hatte die Macht der Kirche und des Staates keine Handhabe. Töne stehen gottlob noch nicht unter polizeilicher Aufsicht. Da sieht man denn auch, daß wir Deutschennichtunmännlich,nichtunselbständig, auch nicht Klassizisten sind, daß unser Geistesleben von Hellas und Rom nichtsin sich aufgenommen hat. In dieser wahrsten, weil von keiner weltlichen oder kirchlichen Macht beschränkten Lebensäußerung der Volksseele bekennt sie sich selbst mit Stolz als selbstherrlich und unerreichbar hochstehend.

Richard Wagnerhat das Abiturientenexamen an einem Gymnasium bestanden – aber wann erinnert er wohl auch nur mit einer Note an diese Schulvergangenheit? Das klassische Altertum ist durch seine Seele gezogen, ohne darin irgendeinen Lebenskeim zurückzulassen. Dasselbe gilt übrigens von dem MalerMoritz von Schwind. Auch er blieb völlig immun gegen die klassische Seuche und wurde dadurch der bedeutendste Seelenkünder deutschen Naturempfindens.

Wir Deutschen sind stets gegängelt und irregeführt, und groß sind nur die geworden, die ihre Schule überwanden. Den wenigsten gelang es und gelingt es heute. Es ist ein harter Kampf, wie eine Neugeburt. Wem es aber gelingt, der ist – gerettet.

Anstatt, daß wir von den Erziehungsmächten auf unsere eigene Flur geführt würden, drängte man uns immer und immer wieder in fremde Länder und machte unser Herz heimatlos. Stets sollte uns irgendeine ferne, unbekannte, unverstandene, aber »heilig gesprochene Vergangenheit« das Leben selbst ersetzen. Was aber die Geologen und Biologen längst wissen, das sollten auch Theologen und Pädagogen endlich lernen, daß es nämlich in der Welt keine Rückkehr gibt. Die Griechen wußten es schon, dennHeraklithatte gelehrt, daß du nie in denselben Fluß steigen kannst. Denselben Sinn hatte wohl auch der Spruch: ρόδον παρέλθὼν μηκέτι ζήτει πάλιν (Wenn du an an einer Rose vorbeigegangen bist, so suche nicht wieder nach ihr) – ein Wort, so tief, daß es des Heraklit würdig scheint.

Wir Deutschen haben aber von den Griechen, die wir zu lieben vorgeben, nie etwas gelernt und sollten in der Schule von ihnen nicht viel anderes lernen als ihre Grammatik, von der sie selbst wenig wußten und über die nachzudenken sie klüglich einigen wenigen Sophisten überließen.

Wir Deutschen lernen überhaupt schwer und, weil in unserer Erziehung keine Einheit und Vernunft herrscht, vergessen wir auch wieder, was wir einmal gelernt haben. So haben wir z. B. die Lehren des Großen Fritz vollständig verloren. Denn der lehrte in Übereinstimmungmit seinem großen Lehrer Voltaire religiöse Duldung, Toleranz, Aufklärung und rief Freidenker nach Preußen.

»Kommen Sie in ein Land, wo man Sie liebt, und wo es keine Religionseiferer gibt,« schrieb er an Voltaire, und bei anderer Gelegenheit: »Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden, der Regierung können alle Religionen gleich sein, nur muß jeder ein guter Bürger sein, mehr verlange man nicht von ihm.« Und in dem Fürstenspiegel:

»Ihr Fürsten seid das Haupt derbürgerlichenReligion eures Landes. Diese besteht in Rechtlichkeit und allen sittlichen Tugenden. Es ist eure Pflicht, sie ausüben zu lassen, besondersMenschenliebe, welches dieHaupttugend jedes denkenden Wesensist. DiegeistlicheReligion überlasset dem höchsten Wesen! Die Politik eines Fürsten verlangt meiner Meinung nach, daß er den Glauben seines Volkes nicht berühre und vielmehr, so gut er kann, die Geistlichkeit seiner Staaten und seine Untertanen zurSanftmutundDuldunganleite.«

So lehrte man vor 150 Jahren vom Throne herab. Wir aber erhielten ein reaktionäres Volksschulgesetz, den Seminaristen werden Ibsen und andere große Wahrheitskünder als Gesinnungsschädlinge verboten und engherzige Geistliche wollen die jungen Leute allein auf die Bibel, als einzigen Lebensquell, verpflichten. Umsonst hatte Voltaire sich gerühmt:

»Ils condamnaient le pape et voulaient l'imiter.L'Europe par eux tous fût longtemps désolée.Ils ont troublé la terre, et je l'ai consolée.J'ai dit aux disputants l'un sur l'autre acharnés;Cessez, impertinents, cessez, infortunés!«

»Ils condamnaient le pape et voulaient l'imiter.L'Europe par eux tous fût longtemps désolée.Ils ont troublé la terre, et je l'ai consolée.J'ai dit aux disputants l'un sur l'autre acharnés;Cessez, impertinents, cessez, infortunés!«

Die tiefsten sittlichen Kräfte des Menschen liegen in seiner Religion. Die Macht, die über den Glauben der Menschen Herr wäre, müßte das Größte auf Erden wirken können. Eine solche Macht hat jederzeit die Kirche angestrebt, die katholische und nicht minder die protestantische, und dabei auf die Hilfe der politischen Mächte vertraut – leider!

Wie weit müßten wir in Deutschland gekommen sein, wenn die Überzeugungen und Regierungsgrundsätze desGroßen Friedrichvon Preußen allzeit bis heute Beachtung und Nachfolge gefunden hätten! Dieser Weise auf dem Throne sprach als seinen Grundsatz aus: »Die bürgerliche Regierung kräftig zu handhaben und jedem die Freiheit des Gewissens zu lassen.Immer König zu sein und nie den Priester zu spielen, das«, sagte er, »ist das sicherste Mittel, um den Staat vor Stürmen zu bewahren, die den dogmatischen Geist der Theologen fortwährend zu erregen suchen.« Ja, dieser fürchterliche dogmatische Geist der Theologen! Was für unsagbares Leid hat uns der schon auf Erden gebracht! Und das alles aus lauter Liebe und Barmherzigkeit, alles zur größeren Ehre Gottes!

Es ist eine der häufigsten, aber unerwiesensten Behauptungen, daß der Bestand unseres Reiches, die sittliche Wohlfahrt unseres Volkes und vor allem auch seine kriegerische Tüchtigkeit gebunden seien an das, was man mit einem ganz allgemeinen und heute kaum noch definierbaren Worte »den Glauben« nennt. Einen solchen allgemeinen Glauben haben wir in Deutschland nicht mehr. Deshalb kann und darf der Glaube auch von Kirche und Staat nicht zwangsweise gelehrt werden, will man nicht einer rein mittelalterlichen und zudem völlig unfruchtbaren Gewissensvergewaltigung das Wortreden. Kein Kaiser oder König ist Herr über unseren Glauben, ebensowenig der Staat oder irgendeines seiner Organe. Schon deshalb nicht, weil ihr eigener Glaube mit menschlichem Irrtum durchsetzt ist. Der heiligeAugustinsagte schon: »nihil tum voluntarium est quam religio«, »nichts unterliegt so sehr dem eigenen Willen wie der Glaube«.

Ich berufe mich aber lieber auf Königsworte, an denen bekanntlich nicht gerührt und gerüttelt werden darf.Friedrich der Großeschrieb anVoltaire: »Die Priester sind von den ältesten Zeiten an Heuchler und Betrüger gewesen. Welcher Nation und Religion sie auch sein mögen, sie sind vom gleichen Schlage. Immer wollen sie sich eine despotische Gewalt über die Gemüter anmaßen – das macht sie zu Verfolgern derer, welche es wagen, die Wahrheit zu sagen. Sie sind immer bereit, den Bannstrahl zu schleudern, um die Feinde ihres Ehrgeizes zu zerschmettern.« – – An einer anderen Stelle schreibt er mit einem Haß und auch mit einem Mißverständnisse über den Ursprung und das Wesen der christlichen Religion, die fast ebenso erstaunlich sind, wie die Mannhaftigkeit seiner Überzeugung: »Die Gründung der christlichen Religion hat wie die aller Herrschaften einen schwachen Anfang gehabt. Ein Jude, aus der Hefe des Volkes, von zweifelhaftem Ursprünge, der unter die Abgeschmacktheiten der hebräischen Propheten Moralvorschriften mischte, dem man Wunder beilegte und der zum Tode verurteilt wurde, ist der Held dieser Sekte. Zwölf Fanatiker verbreiteten sie. Als die Christen ihre Liebesmahle heimlich einnahmen, wurden die Beherrscher argwöhnisch. Die Frommen trotzten den Verboten des Senats, stürzten Götzenbilder um, und daher entsprangen die Verfolgungen, deren die Kirche sich rühmt. Die Priester sammelten die Gebeine der Hingerichteten, und heilige Betrüger führten die Anrufung der Heiligen ein. Als Konstantin sich der Politik wegen zum Beschützer der Kirche erklärte, sah man neue Dogmen aufsprießen. Man machte Jesus zum Gotte und für den heiligen Geist erfand man das Mittel, dem Beginne des Johannisevangeliums die Worte: ›Im Anfange war das Wort, und das Wort war Gott‹ hinzuzufügen. Dieser Betrug wurde Dogma. Die Betrüger waren Päpste. Die Finsternis ward dichter von Jahrhundert zu Jahrhundert. Ein verwegener Mönch, namens Luther, empörte sich gegen Rom. Nichts istso erbittert und unerbittlich als theologischer Haß. Nach unendlichen Schrecken erlangte Deutschland die Freiheit des Gedankens. Wer sieht nicht, daß die Kirche ein Werk der Menschen ist? Welche erbärmliche Rolle lassen sie ihren Gott spielen! Er schickt seinen einzigen Sohn in die Welt. Dieser Sohn ist Gott. Er opfert sich selbst, um sich mit seiner Kreatur zu versöhnen! Er macht sich zum Menschen, um das verdorbene Menschengeschlecht zu erlösen. Was geht hervor aus einem so großen Opfer? Die Welt bleibt so verdorben wie sie war. Dieser Gott, welcher spricht: ›es werde Licht!‹ sollte er sich unzulänglicher Mittel bedienen? Ein Akt seines Willens genügt, um das Übel aus der Welt zu schaffen, um den Nationen einen Glauben einzuflößen, der ihm gefällt. Nur Bornierte mögen Gott ein Verfahren beilegen, welches seiner unwürdig ist, indem sie ihn ein Werk unternehmen lassen, das ihm nicht gelingt.«

So sprach der größte Denker, der je auf einem deutschen Throne saß. Sollen wir nun seine Worte mißachten oder ihm folgen? Sollen wir alle Glaubensschwankungen unserer Regierungen und Behörden mitmachen?

Jeder Hof findet natürlich in seiner Umgebung Anhänger seiner Überzeugungen. So auch der Große Friedrich.

Geh. Reg.-Rat Dr.Hahnschreibt darüber (Friedrich der Große S. 241): »Es konnte nicht verborgen bleiben, daß die Leugnung der christlichen Wahrheiten in seinem vertrautesten Kreise eine begünstigte Stätte fand und die verrufensten Schänder alles Heiligen, z. B. der berüchtigte SchriftstellerBahrdt, von ihm mit offenen Armen aufgenommen wurden, auch die frivolsten Verächter des Christentums sich seiner Gunst erfreuten« usw. – Man male sich einmal aus, wie heute unsere Behörden denken, glauben und handeln würden, wenn Friedrich der Große deutscher Kaiser wäre! Ein großes ehrenwertes Volk läßt sich aber in seinem tiefsten und unantastbarsten Wesen durch amtliche Verfügungen nicht treffen und umstimmen.

Die katholische Kirche erklärt mit dreistem Munde: »Wenn Wissenschaft und Forschungin die Bahnen positiven Glaubensgelenkt sind, dann wird dem, was heute von vielen Vertretern einer ungläubigen Wissenschaft erstrebt wird, ein Ziel gesetzt werden können.«

Demgegenüber ist zu sagen, daß vor der Wissenschaft die christliche Religion überhaupt nicht mehr bestehen kann. Denn die Wissenschaft kann die Gottheit Christi nicht anerkennen.

Der greiseDarwinhatte recht, als er schrieb: »Wissenschaft hat mit Christus nichts zu tun, außer insofern, als die Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen.« – »Was mich selbst anbetrifft,« fügte er hinzu, »so glaube ich nicht, daßjemals irgendeine Offenbarung stattgefunden hat. Im betreff eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich selbstzwischen widersprechenden unbestimmten Wahrscheinlichkeiten die Entscheidung treffen.« (Dowe, 5. Juni 1879.)

Wer hat den Glauben? Niemand weiß es; jeder nimmt ihn für sich in Anspruch: Katholik, Protestant, Jude, Heide, Mohammedaner, Buddhist, Dissident, Kirchliche und Unkirchliche. Innerhalb der allein seligmachenden Kirche entschied höher die Inquisition über die Glaubensechtheit. Unzählige starben auf dem Scheiterhaufen, die man heute würde unbehelligt leben lassen. Ihres Unglaubens wegen wurden von der KircheGalileiverfolgt,Giordano Brunoverbrannt. Unser Protestantismus ist für die Katholiken Unglaube. Wir behaupten: »Der Protestantismus ist nichts anderes als eine andere Form derselben wahren Religion, in der es möglich ist, Gott in demselben Grade zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.«

Aber der unfehlbare Papst hat diesen Satz in seinem Syllabus vom 8. Dezember 1864 (§ 3, 18) als Irrtum verdammt.

Kantwurde seines Unglaubens wegen unter Wöllner von der preußischen Regierung an der weiteren Aussprache über Religionsfragen gehindert. Unser Kaiser aber bezeichnet jetzt Kant als einen der von Gott erleuchteten Männer.

Paul de Lagardesagte (ich zitiere aus dem Gedächtnis): »nur ein Gott Christus geht uns an, der Mensch Christus wäre in hohem Grade langweilig.«

Harnackaber lehrt: »Jesus hat den Menschen die höchste Religion gegeben, nicht weil er Gott war, sondern weil er den Menschen den höchsten Begriff von Gott gegeben hat.«

Delitzschbekämpft die Lehre, daß die Bibel das Werk göttlicher Offenbarung und einer Verbalinspiration sei. »Unglaubeist für die Orthodoxie, was Lessing gelehrt, was Goethe geschrieben hat, Unglaube so ziemlich die ganze moderne Literatur. Als ungläubig wurde Fichte vom sächsischen Konsistorium angeklagt. Nahezu alle großen Denker und Dichter sind des Unglaubens beschuldigt worden. Und vom Standpunkt der Kirche nur mit Recht; denn sie glaubten nicht, was die Kirche geglaubt wissen wollte. In der katholischen Kirche wird in gemessenen Zwischenräumen ein Gelehrter und wieder einer wegen Unglaubens belangt und mit Exkommunikation bedroht, bis er sich »löblich unterwirft«; in der evangelischen Kirche erlebt man Jahr für Jahr Maßnahmen gegen Geistliche, die das Apostolikum nicht buchstäblich nehmen.«

(Vossische Ztg. 1906. Nr. 425.)

Lessing hat seinen Nathan umsonst gedichtet. Noch immer gibt es gebildete Deutsche, die »den rechten Glauben« allein zu besitzen wähnen.

Friedrich Naumannhat buchstäblich recht, wenn er sagt: »Es gibt keinen einheitlichen Glauben mehr, nicht einmal in ein und derselben Konfession. Jeder Kopf glaubt etwas anderes. Ich will nicht sagen,« fährt er fort, »daß heute weniger geglaubt wird, als früher, aber es wird unregelmäßig geglaubt. Die Glaubensbegriffe decken sich nicht mehr … Der vielfältige Glaube ist unbequem zu verwalten, aber er ist wahrhafter als die Einförmigkeit.«

Ein Glaube, der nicht wahrhaftig ist, ist ein Widerspruch in sich, ist geradezu sündhaft, sittenverderbend, männertötend in dem Sinne, daß er ihnen das Mark der mannhaften Gesinnung aufzehrt. Ein solcher Scheinglaube ist schlimmer als gar kein Glaube.

Wenn unsere Kirchen die Kraft nicht mehr haben, ihre Gemeinde zu begeistern, Hingabe an ihre Lehren zu erwecken, dann haben sie sich eben überlebt. Nichts aber ist törichter, als den Menschen einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie nicht mehr glauben. Zum Glauben kann man weder sich selbst, noch einen anderen zwingen. Glaube ist nicht einmal lehrbar. Wenn die GemeindendenTrost nicht mehr suchen, den ihnen die Kirchen geben wollen, dann werden sie sich an andrer Stelle Trost suchen.

»Es ist nun eine offenbare Tatsache, daß die großen Massen der Gemeinden der Kirche entfremdet und voll Haß und Feindschaft gegen die christliche Religion erfüllt sind.« Das ist das Bekenntnis einesProtestanten, dessen Zeugnis keinen Zweifel zuläßt, des Vorsitzenden der Berliner Kreissynode.

Sein Bericht hebt hervor, daß die Agitation der Sozialdemokratie für den Massenaustritt aus der Landeskirche anscheinend größeren Erfolg gehabt hat als früher. Im vorigen Jahre wurden 254 Austritte in dieser Diözese gegen 104 im Jahre vorher gezählt. In diesem Jahre sind bis Ende April 458 Austritte teils vollzogen, teils angemeldet.

Syn.D. Stöckerwarnt dringend, die gegenwärtige Agitation zum Austritt aus der Kirche zu unterschätzen. Sie habe einen anderen Charakter als die früheren Austrittsbewegungen. Jetzt treten nicht bloß Sozialdemokraten, sondern auchAngehörige bürgerlicher Kreiseaus, weil ihnen die Kirchensteuer nach und nach zu hoch erscheint und sie in dieser Beziehung durch die öffentlichen Angriffe auf die Kirchensteuer noch bestärkt werden. Die Sozialdemokraten unter Hinweis auf die erfolglosen Bestrebungen zur Erringung des Wahlrechts für den Landtag – was die Kirche doch nichts angeht –, zum anderen unter Hinweis auf dasSchulgesetzund zum dritten auf die Kirchensteuer. »Das sind«, sagte Stöcker, »ganz andere Motive als früher,die Lage ist weit gefährlicherund die einzelnen Punkte sind weit aufreizender als früher. Es kommt schon vor, daß ein Meister zusammen mit 17 oder 18 Gesellen austritt, daß ein ganzes Haus von Familien den Austritt erklärt. Auch die psychologische Situation ist anders als früher; früher hatten die Stadtmissionare bei ihren Besuchen in den Familien der Austretenden noch Erfolg, jetzt aberstoßen sie auf Wut, HaßundVerbitterung. Zweifellos hat die jetzige Bewegung einen viel stärkeren und bösartigeren Charakter als früher. Es ist bedauerlich, daß weite Kreise so zur Kirche stehen, und wer es mit der letzteren wohl meint, sollte sich in Weisheit, Behutsamkeit und Besonnenheit hüten, denHaß gegen die Kirche und die kirchlichen Einrichtungennoch zu schüren und der Agitation noch Nahrung zu geben. Die Sache«, sagte er abschließend, »ist sehr bedenklich und zeigt, daß wirauf der schiefen Ebene des Abfalles des Volkes von der Kirche weit vorgeschritten sind.«

Das also sind die Wirkungen einer Kirche, die ihre Glaubensgemeinde trösten und beglücken sollte, die mit allen staatlichenMitteln gestützt wird und für die Unsummen erzwungener Steuern verausgabt werden!

Die wahre Ursache dieser Ablehnungen, Mißstimmungen und Austritte aus der Landeskirche sehen die frommen Herren natürlich nicht und suchen sie in Äußerlichkeiten. Das beweist nur, daß sie das deutsche Volk nicht kennen, dasselbe Volk, das vor 400 Jahren mit staunenswertem moralischen Mute von der alleinseligmachenden Kirche zu Luther abfiel, dasselbe Volk, das eben erst in blutigen Kriegen seine sittliche Kraft vor den Blicken aller Welt erprobt hat.

Es war wenigstens ein Versuch, den wahren Problemen auf den Grund zu kommen, als dem unduldsamen Fanatiker Stöcker, der in des Großen Friedrichs Staate nie mehr hätte möglich werden sollen, von dem Syn. Rechnungsrat Burghard (Heiligkreuz) erwidert wurde: »Ich freue mich, daß Herr Stöcker sich in der Behandlung der Gegensätze zwischen Positiven und Liberalen jetzt geändert hat. (Heiterkeit.) Früher wurden wir Liberalen als gleichberechtigte Glieder der Kirche nicht anerkannt, wir waren gut genug, Steuern zu zahlen, im übrigen sollten wir den Mund halten. Jetzt, wo die Not sich zeigt, sollen wir auch mithelfen. Wenn die Agitation auch zum Austritt an das Landtagswahlrecht und das Schulgesetz anknüpft, so hat das wohl darin seinen Grund, daß die Leute sagen: Diejenigen, die uns das Wahlrecht nehmen und das Schulgesetz geben, sind die Hauptstützen der orthodoxen positiven Kirchenpartei. (Sehr richtig!) Hofprediger Stöcker sagt uns, wir sollen beileibe nicht von der Kirchensteuer sprechen. Es ist das ein eigentümliches Verlangen. Nachdem wir Liberalen in der Stadtsynode erklärt haben, daß wir die Verantwortung für die Erhöhung der Kirchensteuer nicht übernehmen, werden wir natürlich nun nicht einfach den Mund halten!«

Als Stöcker darauf sagte, er habe abweichenden Glauben nie als Unglauben bezeichnet und sei viel besser als sein Ruf, quittierten ihm die Hörer, wie die Zeitungen berichteten, hierfür mit »Unruhe« und »Heiterkeit« und das in einerSynodalsitzung! –Wirwissen sehr wohl, weshalb die alten Kirchen leer stehen. Wir wollen es mit den Worten GustavFrenssenssagen:

»Es geht wieder ein Sehen durch unser Volk, die drei gewaltigen Mächte, die es aus sich selbst erzeugt, die Obrigkeit, die Religion und die Sitte zu verjüngen. Es geht ein Wille und Wunschdurchs Volk, zur Natur zu kommen, zu einer schlichten schönen Religion, zur sozialen Gerechtigkeit, zu einem einfachen, edlen, germanischen Menschentum.«

Hören wir noch ein zweites modernes Bekenntnis:

»Jesus hat den modernen Christen weder dasWeltbildgegeben, das sie jetzt besitzen, noch denGottesbegriff, den sie jetzt umfassen, noch denLebensweg, den sie jetzt gehen. Aber ein Glaube, dem man weder buchstäblich folgen kann, noch im Geiste ganz in sich aufnehmen will, sondern den man nur nach Behagen und Erfordernis gebraucht, dieser Glaubeist nicht mehr eine gottgegebene Religionund das Christentum ist allen denen entbehrlich, die wissen, daß Sünden und Sorgen zum Entwicklungslauf gehören. Das Kreuz ist nicht mehr ihr Sinnbild.« (Ellen Key »der Lebensglaube«.)

Ich kenne auch die Einwände der »Positiven«. Der »Reichsbote« hat mich selbst schon einmal mit seiner Aufklärung beehrt. In einem Aufsatze über »Radikalismus« wurde mit Grausen gemalt, daß durch solchen Subjektivismus die Gesellschaft und der Staat in seine Atome zerfallen müsse. Ein großer Irrtum: England und Nordamerika mit ihrem stark entwickelten Sektenwesen halten geistig besser zusammen als unsere kirchlich zentralisierten Staaten. In jenen glücklichen Ländern läßt man tatsächlich jeden nach seiner Fasson selig werden und erlöst sogar die Schulkinder aus dem Glaubenszwange. Man scheint also dort erkannt zu haben, welche Achtung man der persönlichen Überzeugung eines freien Bürgers schuldig ist, daß ein Mensch nicht den oder jenen Glauben hat, daß vielmehr umgekehrt dieser oder jener Glaube den Menschen habe. Man schafft sich doch seinen Glauben nicht willkürlich, sondern er wächst uns von innen heraus als eine Naturnotwendigkeit. Was aber geht den Staat mein Glaube an? Ich trage ihn ja still in mir herum, niemandem zuleide.

Hat Deutschland irgendeinen Nachteil bisher z. B. von demPositivismusdes Bundes für »freie Denker und ernste Wahrheitssucher« gehabt? (Dr. H. Molenaars Jahrb. Bd. V. »Religion der Menschheit«.) Oder von dem Bunde derMonisten? Liegt Verbrecherisches, Gemeingefährliches in ihren Glaubenssätzen? Man höre und prüfe gerecht:

Der Deutsche Monistenbund will die Kultur des einzelnen, des Volkes und der Menschheit fördern, indem er

wissenschaftlich unhaltbare und überwundene Weltanschauungen, vor allem aber ihre Eingriffe in das Einzel- und Gesellschaftsleben bekämpft;

neue Erkenntnisse als Grundlagen einer neuen Weltanschauung verbreitet;

neue Ideale der Lebensführung aufzuweisen und zu verwirklichen strebt.

I. Irrig und kulturhemmend ist jeder Dualismus in der Weltanschauung und Lebensführung. Irrig und kulturhemmend ist im besonderen:

1. die Annahme offenbarter göttlicher Wahrheiten mit absoluter Autorität gegenüber dem menschlichen Forschen nach Wahrheit;2. die Annahme unbedingter übernatürlicher Kräfte und Gewalten, gedacht als freie Ursachen des natürlichen Weltgeschehens;3. die Annahme eines himmlischen Jenseits, das Ziel und Vollendung des menschlichen Lebens auf Erden.

1. die Annahme offenbarter göttlicher Wahrheiten mit absoluter Autorität gegenüber dem menschlichen Forschen nach Wahrheit;

2. die Annahme unbedingter übernatürlicher Kräfte und Gewalten, gedacht als freie Ursachen des natürlichen Weltgeschehens;

3. die Annahme eines himmlischen Jenseits, das Ziel und Vollendung des menschlichen Lebens auf Erden.

II. Unsere neue Weltanschauung ist der Monismus, das ist:


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