IX.Der Gebildete.

1. die Einsicht, daß die Natur aus sich selbst erklärt werden muß, ohne ein übernatürliches Prinzip;2. die Erkenntnis, daß alles Geschehen nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen verläuft, die in der Natur der Dinge selbst begründet sind;3. die Gewißheit, daß die Natur einheitlich ist, dieselbe in allem Geschehen und in allen Gestalten.

1. die Einsicht, daß die Natur aus sich selbst erklärt werden muß, ohne ein übernatürliches Prinzip;

2. die Erkenntnis, daß alles Geschehen nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen verläuft, die in der Natur der Dinge selbst begründet sind;

3. die Gewißheit, daß die Natur einheitlich ist, dieselbe in allem Geschehen und in allen Gestalten.

III. Unser neues Ideal ist die Menschheit, die ihre Stellung in der Natur kennt und auf Grund dieser Kenntnis in ihr Schicksal selbstbestimmend eingreift. Die Anwendung der erkannten Naturgesetze auf die Gestaltung des Einzel- und Gesellschaftswesens soll uns befähigen:

1. durch Selbst-, Haus- und Volkserziehung eine immer größere Zahl gesunder, tüchtiger, vernünftiger und edler Persönlichkeiten heranzubilden;2. durch planmäßige Arbeit dieser Persönlichkeiten unser Volks- und Staatsleben auf eine immer höhere Stufe der Freiheit und Ordnung, der Gerechtigkeit und Fürsorge zu erheben;3. durch bewußte Fortführung ihres allgemeinen Entwicklungsprozesses die menschliche Gattung selbst zu erhalten, zu kräftigen und zu immer höheren Stufen der Naturerkenntnis und Naturbeherrschung, der Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung zu führen.

1. durch Selbst-, Haus- und Volkserziehung eine immer größere Zahl gesunder, tüchtiger, vernünftiger und edler Persönlichkeiten heranzubilden;

2. durch planmäßige Arbeit dieser Persönlichkeiten unser Volks- und Staatsleben auf eine immer höhere Stufe der Freiheit und Ordnung, der Gerechtigkeit und Fürsorge zu erheben;

3. durch bewußte Fortführung ihres allgemeinen Entwicklungsprozesses die menschliche Gattung selbst zu erhalten, zu kräftigen und zu immer höheren Stufen der Naturerkenntnis und Naturbeherrschung, der Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung zu führen.

In denReligionensieht der Monismus also nicht übernatürliche Offenbarungen, sondern wandelbare Erzeugnisse des Gefühls und Geisteslebens der verschiedenen Völker in den verschiedenen Zeiten. Er erkennt den Wert der Religionen und ihre Bedeutung für die Veredelung der Menschheit völlig an, doch bestreitet er entschieden, daß Religiosität immer und untrennbar mit übernatürlichen Vorstellungen verknüpft sein müsse.

Von denKonfessionenbehauptet der Monismus, daß sie durch den Zwang, den sie mit Hilfe staatlichen und gesellschaftlichen Druckes schon auf die Bildung der Jugend ausüben und durch den Zwiespalt, den sie in unser Volksleben hineintragen, vielfach schädigend auf die Entfaltung wahrhaft religiösen Lebens einwirken.

DenStaatbetrachtet der Monismus als ein Ergebnis menschlichen Daseinskampfes und Organisationsstrebens. Er sieht in ihm die den einzelnen im Daseinskampfe stärkende Organisation einer verwandtschaftlich oder geschichtlich zu einer Rechts- und Kulturgemeinschaft verbundenen Menschengruppe. Entsprechend dieser hohen Bedeutung des Staates für die Erhaltung und Entwicklung des Volkes gebührt den staatlichen Interessen im allgemeinen der Vorrang vor den individuellen. Das Entwicklungsziel des Staates erblickt der Monismus darin, größtmögliche Freiheit der einzelnen mit möglichst vollkommener Ordnung des Ganzen zu verbinden und so eine Versöhnung von entwicklungskräftigem Individualismus mit echtem ethischen Sozialismus herbeizuführen.

Der Monismus maßt sich nicht an, alle Zweifel beseitigen und eine Lösung aller Welträtsel geben zu können, doch glaubt er eine dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechende Weltanschauung zu vertreten.

Welcher Ernst, welch hohes sittliches Streben, welche wissenschaftliche Treue, welcher Wille zur Wahrhaftigkeit, welche Duldsamkeit! Es gibt keinen alleinseligmachenden Monismus, keinen Glaubenszwang, keine Ächtung Andersgläubiger; hier wird niemand mit ewiger Verdammnis bedroht, niemandem etwas genommen, keiner vergewaltigt und überlistet, keinem Kinde in der Entschließung vorgegriffen, keinen Manne Umkehr verboten. Ich sehe nichts, was an diesem »Monistenbunde« Tadel verdiente und habe Lust ihm beizutreten.

Dieselbe Erkenntnis haben z. T. unabhängig voneinander eine Reihe tiefer Denker gefunden. Vor allem klar und überzeugend hat sieLudwig Feuerbach(»Das Wesen des Christentums«) dargestellt. Überall, bei allen Religionen, wies er das gleiche Schauspiel nach: die Selbstdarstellung des Menschen in seinen Göttern. Der Mensch kann eben über sein eigenes Wesen nicht hinaus. »Was dem Menschen Gott ist, das istseinGeist,seineSeele; Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.« Es ist das gleiche, wennAnatole Francesagt: »Die Götter haben den Menschen das Leben zu verdanken, denn ihr Wesen besteht aus den Gedanken und Gefühlen ihrer Anbeter«, oder, wie esWalt Whitmanausdrückt: »Nicht die Religionen schaffen den Menschen, sondern der Mensch die Religionen.« Gleicher Überzeugung lebtenMax StirnerundFriedrich Nietzsche, lebenMaeterlinck,J. P. Jacobsen,Ellen Key(»Der Lebensglaube«, S. 552, wo man weitere Belege findet) und vor allem auch, es noch weiter ausbauend und tiefer erfassend,Eduard von Hartmann, über dessen Auffassung wir uns am schnellsten belehren lassen durchW. von Schnehen(»Der Volkserzieher«, X. Nr. 19, S. 151): »Ich bin mir bewußt, daß mein wahres Selbst Gott ist, und dieser Tatsache mir bewußt zu werden und danach zu handeln, oder, wie es Schiller ausdrückt, Gott in meinen Willen aufzunehmen, das ist meine wahre Aufgabe, wenn ich als religiöser Mensch leben will. Aber mein Bewußtsein von dieser meiner wesenhaften Einheit mit Gott ist nicht diese Einheit selbst, mein Gedanke an die Gottheit ist nicht schon die Gottheit und die Vorstellung meines Selbst (d. h. mein Ich) nicht das wirkliche Sein dieses Selbst, sondern eben nur dessen mehr oder minder unvollkommenes Spiegelbild im Bewußtsein.«

»Es ist das derkonkrete Monismusim Gegensatz zu dem abstrakten Monismus der Inder und Mystiker, wie desAngelus Silesius, welcher sagte: »Ohne mich kann Gott nicht leben; rufe nicht nach Gott, denn die Quelle ist in dir; wer nicht Gott wird, sieht Gott niemals.« Über diesen konkreten Monismus, dem also Geister wie Spinoza, Lessing, Goethe, Kant, Herder, Schiller, Fichte, Hebbel, Schelling, Schopenhauer, Lange, Fechner vorgearbeitet haben, lese manE. v. Hartmanns»Religion des Geistes« und wieW. v. Schnehen(a. a. O.) lebhaft empfiehlt:Arthur Drewsneue Schrift, »Religion des Selbstbewußtseins« (Eugen Diederichs Verlag), die er als »eines der schönsten und tiefsinnigsten Werke der gesamten religiösen Literatur« bezeichnet, die ich selbst aber noch nicht kenne.

Ich glaube, selbst Christus hätte den Monismus gelten lassen. Nicht aber – natürlich – können ihn der Papst und Stöcker gelten lassen.

Das alte Rom bestand jahrhundertelang mit einem ganzen Blumenkorb voll Göttern, auch Griechenland ist nicht an seinen vielen philosophischen und theosophischen Systemen zugrunde gegangen.

Es ist ein Nonsens, 60 Millionen Deutsche, deren jeder seinen eigenen Kopf hat, auf einige Dutzend alter Glaubenssätze verpflichten zu wollen. Gelingt es, so feiern die Heuchelei und die Lüge, der Stumpfsinn und die Gleichgültigkeit wahre Orgien. Davor möge uns ein guter Geist behüten!

Die orthodoxe lutherische Kirche erweist sich nur noch dadurch als kulturfördernd, als sie uns Märtyrer schafft. Nur insofern interessiert sie noch die große Menge der gebildeten Deutschen, zu denen ich auch viele der drei Millionen sozialistischer Arbeiter zähle. Erst wenn ein Theologe nicht bestätigt oder seines Amtes entsetzt wird, gewinnt er für uns Bedeutung. Dann sagen wir uns: »Halt! Das muß ein ganzer Kerl sein, ein Mann der Überzeugung.« Ich selbst fand mit solchen, mit Kalthoff, Steudel, Mauritz u. a. m. sofort Verständigung:einBlick,einHandschlag,einWort genügte. Die Männer aber mit ihren staatlich appropierten Überzeugungen sehe ich mir viel länger und kritischer an. Je »positiver« einer ist, um so verdächtiger ist er mir. »Ich hab nun mal die Antipathie.«

»Dir, Heinrich, muß es auch so sein.«

Auf der dritten öffentlichen Versammlung des deutschenKatholikentagesin Essen sprach GrafGalenaus Prag ganz im Geiste der alten römischen Kirche und unter lebhafter Zustimmung aller katholischen Zuhörer:

»Das deutsche Volk ist krank, schwer krank. Wenn nicht baldige Heilung eintritt, dann verfällt das deutsche Volk in Siechtum und ist unrettbar verloren. Wer es mit dem deutschen Volke gut meint und es vor dem sicheren Untergange bewahren will, der muß ein Krankenpfleger werden. Man verlangt die konfessionslose Schule. (Pfui!) GrafCaprivisagt mit vollem Recht: konfessionslos bedeutet religionslos. (Beifall.) Man verlangt also im Grunde genommen die religionslose Schule. Auf der deutschen Lehrerversammlung in München verlangte Lehrer Hochheimer aus Bremen die Abschaffung der christlichen Schulen. (Pfui!) Und diesem Manne wurde auf der deutschen Lehrerversammlung Beifall gespendet. (Stürmisches Pfui!) Wenn so etwas auf einer deutschen Lehrerversammlung geschehen kann, was soll aus unserer Schule werden?« – Darauf habe ich zu erwidern:

Nein, Herr Graf! Das deutsche Volkwarkrank und will jetzt aus eigner Kraft gesund werden, will sich frei machen aus einer unerträglichen Gewissensfessel, die es zur Heuchelei, zur Lüge, zum feigenNachbeten, zum gedanken- und tatenlosen Hindämmern verleitet. Wohin die unmännliche katholische Kirchengläubigkeit führt, das lehren uns die Beispiele von Italien und Spanien. Deutschland ist groß geworden nicht mit und durch Roms Kirche, sondern im Kampfe gegen diese.

Sie berichten mit Entsetzen von Berlin, das Sie spöttisch die Hochburg deutscher Kultur nennen. »Dort wurden«, sagen Sie, »1904 christlichen Eltern 47 200 lebende Kinder geboren, davon wurden 5800 nicht getauft.« Recht so! Wenn die Eltern nicht mehr an die Erbsünde glauben, daß nämlich, wie die Kirche lehrt, »nach dem Falle Adams alle Menschen, die natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, … daß auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftig Sünde sei und verdammet alle unter den ewigen Gotteszorn, die nicht durch die Taufe und den heiligen Geist wiederum neu geboren werden«. – Weiter berichten Sie, daß in Berlin 20 237 Ehen unter Christen geschlossen, davon 7388 nicht kirchlich eingesegnet wurden. Auch daraus lernenSie, Herr Graf, daß die civiliter Getrauten der frohen Zuversicht leben, auch ohne Beihilfe einer Kirche, die sich mit ihren überlebten Dogmen selbst um ihre Verehrung beraubt hat, ein glückliches und gottgefälliges Leben führen zu können. Dabei handeln die Leute nach unserem Staatsgesetze und sind hierin nach biblischer Vorschrift der – von Gott eingesetzten – Obrigkeit Untertan.

Sie fahren fort, Herr Graf: »Es starben 32 000 evangelische und katholische Christen in Berlin, davon wurden nur 17 392 kirchlich beerdigt.« Und Sie knüpfen daran eine schauerlich-schöne Betrachtung: »Mit Schrecken vernahm man im März d. J. von dem großen Unglück in dem Bergwerk Courrières. Was ist aber dieses Unglück zu dem, das über unser deutsches Volk gekommen ist? Hunderttausende sterben bei uns den Hungertod, den geistigen Hungertod. Von 100 Menschen sind 52 ohne geistlichen Beistand gestorben und ohne kirchliche Begleitung beerdigt worden. Sie waren schon tot, noch ehe sie gestorben waren. Tausende Menschen sterben in einer Nacht den geistigen Hungertod.«

Wir sehen daraus. Herr Graf, wie sehr Sie noch im alten Kirchenglauben befangen sind. Sie irren, wenn Sie meinen, daß wir am geistigen Hunger litten, weil wir Ihre zähe Kost verschmähen. Auf geistlichen Beistand verzichten wir Protestanten und Freidenker gerne. Ohne diesen sind Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die meisten unserer Geistesheroen gestorben, Männer, von denen selbst Sie in Ihrem kirchlich beengten Denken und Wissen nicht werden behaupten wollen, daß sie schon lebend tot waren. In der Zucht düsteren katholischen Glaubens – vermutlich von Jesuiten – und in der Furcht vor der Hölle mit ihren sieben Stationen, vor ewiger Verdammnis und sonstigen seelischen Qualen auferzogen, ahnen Sie, Herr Graf, gar nicht, wie frei und glücklich, wie geistig gesund und kampfesfroh, wie zuversichtlich fürs Leben und Sterben ein Mensch sein kann, der Gott und die Welt mit seinen hellen gesunden Augen, nicht aber durch eine trübe Pfaffenbrille betrachtet. Sie ahnen nicht, wie überlebt, wie mittelalterlich, wie – wie – wie – nein, ich will es nicht niederschreiben. Weshalb Sie kränken? Sie können nichts dafür. Sie sind einer der Unzähligen, die im Dämmerschein und im Weihrauchdunst einer Kirche leben, die durch ihre bewundernswerte Kenntnis der menschlichen Schwächen und Bedürfnisse eine übermächtigeInstitution geworden ist, die den Geist aber betäubt, anstatt ihn zu erleuchten.

Sie nehmen gewiß auch teil an Umzügen der Bauern zur Fürbitte um Regen oder Sonnenschein. Sie stellen gewiß auch Ihr Haus unter den Schutz des heiligen Florian und ihre Viehherden – falls Sie welche besitzen – in die gnädige Obhut des heiligen Leonhard. Wie uns dabei zumute ist, das können Sie nicht einmal ahnen. Wir stehen kopfschüttelnd da, falten die Hände wahrhaft ergriffen über solche Glaubenskraft und unserer Brust entringt sich der Ausruf der Bewunderung: O sancta simplicitas! Wenn sie nun aber auf uns schmähen, uns beklagen und unseres Vaterlandes Ende voraussagen, weil wir nicht so – so – so – gläubig sind wie Sie, dann müssen wir herzinnigstlachen.

Ich gönne einem jeden seinen Glauben, und wenn es der dickste Köhlerglaube ist, ich kann mit Juden, Mohammedanern und Heiden jeder Farbe im besten Frieden leben; ich würde auch Sie, Herr Graf, unbehelligt lassen, wenn Sie nicht, aus Prag (sprich leider Praha) kommend, sich in Deutschland als Kulturträger aufspielten und uns Aufgeklärte nicht in unseren »heiligsten Empfindungen« (so heißt es doch wohl in Ihrem Kirchenlexikon?) verletzten. Glauben Sie mir, ich spreche im Ernst und mit vollstem Bewußtsein: lieber möchte ich tot als zu Ihrem Glauben verurteilt sein, der mich zurückwerfen würde in vorlutherische Unkultur und mir alles rauben, worauf sich mein Mannesstolz aufbaut; alles rauben, was uns die protestantisch-germanische Geistesarbeit seit einem halben Jahrtausend an höchsten geistigen Lebensgütern errungen hat. Bei Gott, lieber tot als Beichte, Rosenkranzbeten, Messenlesen, Anbetung heiliger Knochen und sonstiger Reliquien, öffentliche Prozessionen durch die Straßen, Knierutschen auf Marterstiegen usw. Ich würde mich schämen, falls ich zu Kreuze gekrochen wäre, mich vor den Meinigen wieder blicken zu lassen. So empfinde ich das, was sie, Herr Graf, für unentbehrlich zum Leben und zum Sterben halten. Ich verzichte gern auf alle Verheißungen Ihrer Kirche, wofern sie mich mit ihren Geistesgaben verschont!

Und was Ihre Besorgnis für Deutschlands Zukunft anlangt, so setze ich Ihnen Überzeugung gegen Überzeugung. Ich sage: Wenn Deutschland zugrunde geht, so geschieht dies nicht durch das, wassie »Unglauben« nennen – Deutschland ist ja auch nicht, wie Ihre unfehlbaren Päpste prophezeiten, an der Lutherischen Ketzerei zugrunde gegangen – aber ohne Luther und die übrigen deutschen Ketzer, wie Lessing, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel, Bismarck, die auch Sie wenigstens dem Namen nach kennen dürften, hätten wir niemals ein neues Deutsches Reich erlebt – wenn dieses Deutschland zugrunde geht, so geschieht das auch nicht durch die Schuld der Sozialdemokratie, sondern allein durch die Schuld der Ultramontanen, die schon seit vielen Jahrhunderten an allen Übeln Deutschlands die schwerste Schuld tragen und die auch das alte heilige Reich deutscher Nation auf dem Gewissen haben. Dieseswollteprotestantisch sein und war es schon bis in die letzten steirischen Bergdörfer hinein, als die schwarzen Sendlinge Roms kamen und die unglückseligen Habsburger dazu begeisterten, »lieber über eine Einöde als über Ketzer zu herrschen«. Sie haben es erreicht!

Ich teile die Überzeugung der Franzosen, bei denen es schon Sprichwort geworden ist: qui mange du pape en meure.

Und wenn ich den Katholizismus jetzt von dem Standpunkte meines Themas aus betrachte, wie muß ich da urteilen?

Erzieht die katholische Kirche zur Mannhaftigkeit? Nein! sie tut es nicht. Sie ertötet sie, ertötet den Trieb der freien Forschung, ertötet das Verantwortlichkeitsbewußtsein, indem sie schweigenden Gehorsam und unbedingten Glauben nach päpstlicher Vorschrift fordert. Der gute Katholik ist verurteilt, seine eignen Vernunfts- und Glaubensregungen zum Schweigen zu bringen, sowie sie mit den Lehren seiner Kirche in Widerspruch geraten. Die Kirche fordert Unterwerfung. Der Mannhafte aber unterwirft sich keiner Gewalt, wenn er ihre Forderungen nicht billigt. Der Mannhafte trägt seinen Richter in der eignen Brust. Er braucht keinen Vormund, wie das Kind, dem man sagen muß, was es zu tun und zu lassen hat, was es lesen darf, was nicht. Den »Index« sehen wir freien Männer als einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen an. Der Index ist eine der Waffen, mit denen der geistige Fortschritt gehemmt wird. Ihm zum Trotze vollzieht sich die kulturelle Mission der aufgeklärten Völker, der Fortschritt, dem die katholische Kirche dann stets langsam folgen muß, um nicht völlig zu erstarren. Sehen wir uns einmal genauer an, welchen Geistes diese Kirche von jeher lebt!

Die Knebelung der Presse nahm ihren Anfang schon auf dem Tridentiner Konzil, wo durch ein Dekret Anzeige der Bücher gefordert wurde, in welcher »eine unreine Lehre« vorgetragen wurde.

LeoX. erließ dann eine Verordnung, »daß das, was zur Mehrung des Glaubens und zur Verbreitung der schönen Künste als heilsam und nützlich erfunden wurde« – nämlich die Buchdruckerkunst – »nicht einen entgegengesetzten Gebrauch erlangen und den Christengläubigen anstatt zum Heile, zum Verderben gereicht«. (Act. Conc. Lateran V § 55. 10.)

Demnach wäre der Buch- und Zeitungsdruck nur dazu bestimmt, den gläubigen Katholiken und der katholischen Kirche zu dienen. Denn eine jede Meinung, die von den Lehren der katholischen Kirche abweicht, gilt bekanntlich als Irrtum. Wer nicht gläubiger Katholik ist, wer sich den tyrannischen Befehlen der Kirche nicht beugt, der ist ausgeschlossen von allem Segen, den Gott für die Menschheit bereit hält. So sagtGregor XVI.in seinem Rundschreiben vom 15. August 1832 wörtlich: »Es ist ein falscher Wahn, man könne in jedem Glauben die ewige Seligkeit erlangen, wenn man nur einen rechtschaffenen und ehrbaren Lebenswandel führt.«

Er beruft sich dabei auf des heiligen Augustinus Worte: »Wo gibt es einen gefährlicheren Tod für die Seele, als die Freiheit des Irrtums?« (Augustin. Ep. 166) und auf Papst Clemens XIII., der in einem Rundschreiben über die Verdammung schädlicher Bücher befahl:

»Man muß mit Kraft einschreiten, wie es die Sache selbst erfordert und mit aller Macht die tödliche Pest so viele schädliche Bücher zu entfernen suchen, denn nimmermehr wird es an Stoff zu neuem Irrtum fehlen, solange nicht die Werkzeuge und Mittel zur Verbreitung der Gottlosigkeit, die schlechten Bücher, im Feuer verbrannt zugrunde gehen« (Lit. Clem. XIII Christianae 5. Nov. 1766).

Als schlecht und verdammungswürdig gelten natürlich alle die Bücher, die sich mit den Lehren der katholischen Kirche nicht decken. Das meiste und beste, was uns seitdem die sog. klassische Literaturperiode und die gelehrte Forschung auf dem Gebiete der Naturerkenntnis, der Religionsgeschichte und der Bibelforschung geleistet haben – die staunenswerte Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts – ist der katholischen Kirche zum mindesten verdächtig. Freiheit der Forschung gilt ihr als Freiheit des Irrtums.Was braucht denn der Mensch noch zu forschen? Alle Wahrheit steht ja schon in der Bibel, in den päpstlichen Erlassen und in den Beschlüssen der Konzilien. So lesen wir in allen katholischen Lehrbüchern. Ich will irgendein wörtliches Zeugnis anführen, das ich zufällig in Händen habe:

»Die katholische Kirche stützt die Lehre, die sie verkündet, nicht auf Vernunftbeweise und glänzende Demonstrationen, sondern rein auf dasAnsehen, welches ihr Jesus Christus gegeben, da er sie auf einen Felsen gründete, den selbst die Pforten der Hölle nicht überwinden werden. Dieses Ansehen ist ohne Vergleich größer und wirksamer, als jeder Vernunftsbeweis, und gibt der Kirche eine Auszeichnung, die sie kennbar und unterscheidbar macht unter allen existierenden christlichen Konfessionen. ›Denn‹, sagt der heilige Augustin, ›es ist unter den Ketzern eine allgemeine Regel, daß sie sich auf die Vernunfteinsicht viel zu gute tun, und sie in Widerspruch zu bringen bemühen mit dem Ansehen der Kirche, das doch so fest begründet ist; sie müssen aber so handeln, weil sie wohl die Lächerlichkeit und die Verachtung sehen, die sie auf sich ziehen würde, wenn man ihr Ansehen mit dem der Kirche vergleichen würde.‹ (118. Brief). ›Alle Ketzer‹, sagt er an einer anderen Stelle, ›betrügen im allgemeinen durch ein stolzes Prahlen mit Wissenschaft, und durch Spöttereien über die Einfalt derjenigen, die da glauben‹.«

Wo der Grundsatz gilt: nihil innovetur, nisi quod traditum est, gibt es keine freie Meinung, keinen Forschertrieb, keine selbstgefundene Überzeugung; denn der Satz heißt zu deutsch: »Keine Neuerung! Nur was überliefert wurde!« oder noch deutlicher und deutscher: Geistiger Stillstand, geistiger Tod!

Es ist ganz im Sinne dieser Kirche, daß der PapstPius X.jetzt wieder an alle seine Lämmer neue Scheuklappen verteilt. Wie das auf uns geistig freien Deutschen wirkt, sagt mit wenigen Worten das »Blaubuch« (1906 Nr. 32 S. 1266):

»Pius X., der angeblich zur Versöhnung geneigte liberale Papst, der einst mit Wonneschluchzen begrüßte ›schlichte Priester‹, hat eine Enzyklika wider den ›Modernismus‹ geschleudert, die so ziemlich die stärkste Leistung des Obskurantentums ist, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Zeitungen dürfen in den Seminaren nicht mehrgelesen werden; nur in seltenen Ausnahmefällen ist es Theologen gestattet, an einer Staatsuniversität zu studieren; die Bischöfe sollen inkorrekte Prediger während ihrer Predigt öffentlich unterbrechen. Kurz, der Katholizismus verdammt sich selbst zur Erstarrung. Und angesichts einer solchen Geistesverfassung des leitenden Mannes sollte es nicht Pflicht sein, die Partei, die diesen Gedankengängen notgedrungen beipflichtet, mit aller Energie zu bekämpfen?«

Wir wissen aber, daß der neue Papst damit nichts fordert, was nicht vor ihm die Kurie schon immer gefordert hatte. Man höre nur, falls weitere Zeugnisse erwünscht sind, wie z. B. PapstGregorXVI. den Liberalismus und die von diesem erstrebtePreßfreiheitbekämpft (1832), dieselbe Preßfreiheit, die dann Gesetz wurde und mit deren Hilfe wir jedenfalls doch ein großes Deutsches Reich erstritten haben. Er nennt sie »jene verruchte und nie genug zu verwünschende Preßfreiheit, die einige mit so vielem Geschrei zu ertrotzen und weiter auszudehnen suchen, um Schriften jeder Art unter das Volk zu verbreiten« und ergeht sich über sie in Zornesergüssen, die wenig angebracht waren, da wir ohne diese leider noch nicht genügend durchgeführte Preßfreiheit zweifellos in russische Zustände hineingeraten wären. Denn wenn man dem geistigen Wachstum eines Volkes keinen Raum, wenn man dem Volkswillen kein Ventil gibt, dann sind Kesselexplosionen unausbleiblich. Wir haben in Deutschland nicht zuviel, sondern zuwenig Preß- und Redefreiheit.

Maximilian Harden, ein Sachkundiger, schrieb erst jüngst bei seiner Kritik von allerlei betrübenden Zuständen in der deutschen Politik (»Zukunft« 1906, Nr. 38): »Nicht alles kann man unter der Herrschaft eines bis zu völliger Lächerlichkeit veralteten, von Nikolaus' Asiatenstaat überholten Preßgesetzes drucken; selbst der Furchtloseste nicht die Hälfte dessen, was er knirschend vernimmt,« – aber selbst der Gedanke an diese bescheidene Preßfreiheit versetzte schon den heiligen Vater in wilde Ekstase:

»Wir erschaudern, ehrwürdige Brüder,« ruft er aus, »wenn wir betrachten, welche sonderbare Lehren oder vielmehr welche Ungeheuer von Irrtümern wie eine Flut über uns hereinbrechen, Irrtümer, die weithin sich ausbreiten durch einen Schwall von Büchern, Zeitschriften und Flugschriften, die zwar dem Umfange nach klein undunbedeutend, aber der darin enthaltenen Bosheit nach desto größer und bedeutender sind; und aus denen, wie wir beweinen müssen, der Fluch über die Erde sich ausgegossen hat. Und doch gibt es, ach! noch Menschen, die sich so weit von der Unverschämtheit dahinreißen lassen, daß sie eigensinnig behaupten, dies von der Preßfreiheit entspringende Zusammenströmen von Irrtümern werde hinreichend wieder ersetzt durch irgendein Buch, das in diesem Sturme der Zeiten zur Verteidigung der Religion und Wahrheit herausgegeben werde. Es ist ja gottlos und allem Rechte entgegen, geflissentlich eine gewisse und überwiegend schlechte Tat zu begehen oder geschehen zu lassen, weil man Hoffnung hat, daß daraus irgend etwas Gutes hervorgehen könnte. Wird wohl auch jemand von gesundem Menschenverstande behaupten, daß man Gifte frei verbreiten, ja öffentlich verkaufen und austragen, ja sogar trinken dürfe, weil man irgendein Mittel besitzt, durch dessen Gebrauch diejenigen, die da Gift getrunken haben, manchmal vielleicht vom Tode gerettet werden könnten?« – Es ist nützlich, sich von Zeit zu Zeit mit Geist und Ton der Kurie auf Grund ihrer eigenen Urkunden vertraut zu machen, damit man sich nicht durch ihre kluge Taktik betören lasse. Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps!

Während wir Protestanten jedem das Studium aller katholischen Schriften völlig freistellen, verbietet die Kurie unseren katholischen Landsleuten zu lesen, was inunseremLager erscheint, macht ihnen dadurch eine Verständigung mit uns, einen Einblick in unser geistiges Leben unmöglich, arbeitet also der inneren Verschmelzung und Einigung unseres Volkes entgegen, ja, hält geflissentlich die Kluft offen und preist ausdrücklich noch, daß diese »Sorgfalt des heiligen apostolischen Stuhles, womit er verdächtige und schädliche Bücher zu verdammen und sie den Händen der Gottlosen zu entreißen suchte, zu allen Jahrhunderten sich gleich und beständig geblieben sei; daraus gehe deutlich hervor, wie falsch, wie verwegen, wie beschimpfend für denselben apostolischen Stuhl, ja wie furchtbar an all den ungeheuren Drangsalen des christlichen Volkes die Lehre jener Leute sei, welche nicht bloß die Zensur der Bücher als eine drückende Last verwerfen, sondern sogar so weit in ihrer Bosheit gehen, daß sie behaupten, die Zensur widerspreche allen Rechtsprinzipien, daß sie es auch wagen, der Kirche das Recht abzusprechen, eine solcheZensur (nämlich über Bücher von geistlichem und kirchlichem Inhalte) aufzustellen und auszuüben«.

Eine der haltlosesten Behauptungen der katholischen Volksbeglücker ist die, daß der »Unglaube« die Sozialdemokratie, mithin den politischen Zusammenbruch züchte. Das ist natürlich nur ein schlauer Geschäftstrick, um die Regierungen zu gewinnen.

Was geht es überhaupt die Kirche an, ob einer Konservativer oder Sozialdemokrat ist? Ihr Reich sollte doch nicht von dieser Welt sein. Aber sie hält es gerade mit den Mächtigen und Reichen, also mit denen, welchen ihr Herr den Himmel verschlossen hat. Die Behauptung, daß die geistliche Schule in Frankreich ein Schutzmittel gegen die Sozialdemokratie gewesen sei, ist völlig hinfällig, wieI. Tews(Schulkämpfe der Gegenwart, Teubner 1906) mit dem Hinweis lehrt, daß bei den Kammerwahlen im Jahre 1898 unter 584 französischen Abgeordneten 131 Sozialisten waren, während gleichzeitig die deutsche Reichstagswahl von 398 Abgeordneten nur 57 Sozialisten ergab.

Über die hohe sittliche Mission der katholischen Kirche und ihre Erfüllung bekommt man seine eignen Gedanken, wenn man liest, daß in Italien kein Stand mehr Sträflinge liefert als der Geistliche. Im Laufe der letzten zwei Jahre kamen dort 176 Gesalbte hinter Schloß und Riegel: zwei Drittel davon wegen Sittlichkeitsverbrechen, ein Drittel wegen Totschlages, Diebstahls, Veruntreuung usw. (vgl. »Es werde Licht« XXXVII. Jahrgang, Heft 8, S. 256). Solchen Führern ist das sittliche und geistige Wohl des armen Volkes anvertraut! Nirgends, wo ihr Einfluß lebt, sehen wir ein geistiges Aufdämmern, einen neuen Hoffnungsstrahl. Mit ängstlicher Sorge werden da alle die Schranken aufrecht erhalten, in denen der Geist von jeher verkümmerte. Hören wir, wie ein Italiener, der seine Kirche zu retten trachtet,Antonio Fogazzaro, in seinem Roman »Der Heilige« (Deutsch von M. Gagliardi) diese schildert: »Die katholische Kirche«, schreibt er, »fürchtet das Licht der Vernunft, ist in jedem und allem ein Sklave der vergötterten und deshalb despotischen Autorität, ist streng und ablehnend gegen die Draußenstehenden, ist durch irdische Interessen gefesselt, veraltet in Geist und Sprache.«

Eine Erziehung, die nur darauf ausgeht, den Angaben einerAutorität ohne Prüfung Glauben zu schenken, hat keinen Beruf in sich, wahre »Männer« heranzubilden. Es gehört kein Mut dazu, für Lehren einzutreten, die mit tausend Klammern verankert sind, ihre Verfechter mit weltlichen Ehren und göttlichen Gnaden beglücken. Wohl aber würde für einen Katholiken Mut dazu gehören, als Reformator gegen veraltete Lehren und Irrlehren, selbst gegen den Willen des Papstes aufzutreten, wie es einst Luther tat. Daß der Kirche jetzt keine solche Kämpfer mehr erstehen wollen, daß sich die aufstrebenden selbständigen Köpfe doch immer wieder unter die unerbittlich strenge Zucht beugen und ducken, daß wir immer wieder von diesem und jenen hören, er habe sich laudabiliter unterworfen – das gereicht der Kirche nicht zum Ruhme. Freilich – die Organisation ist erstaunlich, bewundernswert, aber es ist eine Herrschaft durch Terrorismus.

Wie unfrei der gläubige Katholik ist, das ahnt er selbst nicht, ja er küßt noch die Ketten, die ihn binden. Es ergeht ihm, wie den Haremsfrauen, die einen Arzt beinahe gelyncht hätten, weil er ihnen eine menschenwürdige Freiheit erkämpfen wollte.

Jetzt blasen die Katholiken, die sich in jede politische Lage zu schicken wissen, aus Opportunitätsgründen in Deutschland die Friedensschalmei. »Wir wollen die soziale und konfessionelle Versöhnung. Ja, wir würden es als einen der größten Erfolge unserer Generalversammlungen betrachten, wenn wir ein Zusammengehen mit unseren protestantischen Brüdern, soweit sie auf dem Boden des positiven Christentums stehen, erreichen könnten.« Kein Wunder, daß ihnen bei uns zulande besonders wohl ist, da auf dem Boden unserer Luther, Goethe, Schiller und Bismarck jetzt – Gott sei's geklagt! – ZentrumTrumpf ist. An ihren Grundsätzen aber haben sie trotz dieser versöhnlichen Worte nie etwas geändert. Das Hoch auf den Papst wird natürlich stets vor dem auf den Kaiser ausgebracht, das Telegramm an den Kardinal ist viel wärmer und ehrfurchtsvoller als das an des Kaisers Majestät, in den Ostmarken fährt der Klerus fort, durch Kinder- und Weiberverhetzung jede Kulturarbeit des germanisierenden Staates zu vereiteln; in Bayern stimmte die katholische Partei gegen den nationalen Liberalismus im Bunde mit der Sozialdemokratie und auch sonst bleiben die leitenden Grundsätze sich stets gleich. Wenn in Essen auch geeifert wurdegegen die Sozialdemokratie, gegen den Absolutismus der Massen, der von Freiheit redet und die Freiheit gerade derjenigen beschränkt, die von der Freiheit den richtigsten Gebrauch machen würden. »Solange aber«, so wurden wir getröstet, »das katholische Volk sich im öffentlichen Leben betätigt und für eine richtige parlamentarische Vertretung sorgt, so lange braucht das deutsche Volk nichts zu befürchten für seinen Bestand und für seine wirtschaftliche Ordnung, so lange können die Regierungen unbesorgt sein, weil dann die sozialdemokratischen Bäume nicht in den Himmel wachsen.« Fistula dulce canit – –! Trotzdem bleibt es dabei: Erst die Kirche, dann das Vaterland! – »Mögen die Katholiken stets eingedenk sein, daß zur Erteilung und Beaufsichtigung des Religionsunterrichts nur die Kirche befähigt ist!« – »Es galt, die Konfessionsschulen gesetzlich festzulegen, deshalb haben wir schließlich dem Gesetz, als es vom Herrenhaus zurückkam, zugestimmt.« – »Die deutschen Katholiken müssen mit den Katholiken der ganzen Welt nach wie vor den Anspruch aufrecht erhalten, daß ihr höchstes kirchliches Oberhaupt, der Papst, eine volle und wirkliche Unabhängigkeit und Freiheit genieße, welche die unerläßliche Vorbedingung für die Freiheit und Unabhängigkeit der katholischen Kirche ist und können diese Freiheit und Unabhängigkeit erst dann als verbürgt ansehen, wenn ein Zustand hergestellt sein wird, dem auch der Papst selbst seine Zustimmung hat geben können.«

Friedrich der Großewußte, wohin ein solcher Kurs führt. Der Kampf gegen die Hierarchie galt ihm als seinvornehmsterHerrscherberuf. Man widerspricht mir? Nun, so höre man ihn selbst: »MeineHauptbeschäftigung«, schreibt er am 16. Sept. 1770 an Voltaire, »besteht darin, daß ich die Vorurteile bekämpfe und die Köpfe aufkläre,« und am 30. Dezember 1775 schrieb er schon mit größerer Zuversicht an d'Alembert: »Zusehends vermindert sich der Aberglaube. Währt dies nur noch kurze Zeit, so werden die Mönche aus ihren Klöstern zurückkehren und die Vernunft wird sich am hellen Tage zeigen können. Gute Bücher haben endlich den Star gestochen, der die Augen der Pfaffen verfinsterte. Sie schämen sich ihres unsinnigen Gottes und arbeiten heimlich am Sturze des Glaubens.«

Die Kirchewillgar nicht »Männer« erziehen. Ihr sind gläubige Weiber, selbst die ältesten Spittelweiber und Almosenempfängerinnen,gleich willkommen. Sie zählen nur nach Seelen. Je demütiger und vernichteter die Seele ist, um so besser ist sie, um so lenksamer und widerstandsloser.

Ich hörte einmal auf einer Dampferfahrt nach Rügen, wie ein protestantischer Geistlicher einer trauernden Witwe sagte: »Gott arbeitet am liebsten mit gebrochenen Herzen.« Es ist zwanzig Jahre her, aber ich habe es nicht vergessen. »Mit gebrochenen Herzen«, mit geknickten Persönlichkeiten, mit Lebensmüden und Gescheiterten. Bei diesen findet dann der Geistliche auch seine segensreiche Wirkung. Man lehre uns einen Gott der Gesunden, Frohen, Tapferen und Stolzen! Man zeige uns eine Kirche, in der die Kühnsten ihre größte Erhebung und Stärkung erleben!

EinLuther wiegt für die Kulturarbeit eine Million frommer Kirchenhämmel auf. Aber die alte Kirche konnte ihn nicht brauchen, weil er eine Persönlichkeit war.Eduard Goldbecksagt sehr treffend von der »schwarzen Garde« und ihrer Gefolgschaft, die in Essen, 43 000 Mann stark, das Opfer ihres Intellektes zur Schau stellte: »– – Verständnis ist vom Übel, denn vom Verständnis zur Kritik ist nur ein Schritt. Hier weiß jeder: individuelle Anschauungen sind gleichgültig; hier wäre Persönlichkeit nur schädlich; es gilt sich selbst aufzugeben, in der Gesamtheit zu ertrinken – der Machtrausch trägt alle auf ungeheurer Woge dahin – –«

»Wollt ihr in der Kirche SchoßAlle Gläubigen versammeln,Macht die Pforten weit und groß,Statt sie ängstlich zuverrammeln!«

»Wollt ihr in der Kirche SchoßAlle Gläubigen versammeln,Macht die Pforten weit und groß,Statt sie ängstlich zuverrammeln!«

Das hat Geibel, der Protestant, gesagt, aber er hat es nicht für die Protestanten gesagt. Von dessen Gewaltigen hören wir nur, wenn sie Scheiterhaufen schichten. Der Katholizismus ist klüger; nie hat man in seinem Reiche so laut die Duldsamkeit preisen hören wie dieses Jahr in Essen.« Leider hat, wie ich eben (12. Sept.) lese, nun auch unser Kaiser sich diesen Gedanken zu eigen gemacht und als sein Programm öffentlich verkündet: »– unter Zusammenschluß der Konfessionen, dem Unglauben zu steuern«.

In diesem Bunde unserer Staatsgewalt mit den konservativ-klerikalen Mächten sehen wir mehr Linksstehenden die schwerste Gefahrfür Deutschlands Zukunft. Dieser Bund macht uns zu »Schwarzsehern«, dieser Bund wird uns nicht Männer erziehen, sondern wird uns entkräften und lähmen: es sei denn, daß imWiderstandegegen ihn neue Kräfte in unserem schon tief erregten und nach Befreiung schmachtenden Volke erstehen. Der Schwerpunkt der Weltgeschichte ist seit Jahrhunderten auf der Flucht vor Rom. Die Linie führt aus Italien über Wien, Wittenberg nach Berlin, und leider jetzt nach London und Nordamerika. Wenn Deutschland aufhört, der Hort freier Forschung und die Pflanzstätte auf sich selbst gestellter unabhängiger Persönlichkeiten zu sein, dann können uns weder Kanonen noch Kriegsschiffe vor dem kulturellen Rückschritt und damit auch vor politischer Machteinbuße bewahren.

Dieses war schon geschrieben, als ich in der »Kölnischen Zeitung« an leitender Stelle einen noch viel schärferen Widerspruch gegen das neue Regierungsprogramm las. Das Blatt sagt:

»Die Liberalen, die in der monarchischen Grundlage die Gewähr des Bestandes und der gedeihlichen Entwicklung unseres Staatswesens erblicken, würden sich einer Pflichtversäumnis schuldig machen, wenn sie es unterließen, zu solchen Kaiserreden in voller Klarheit und, wenn nötig, mit gebührendem Respekt als Sr. Majestät allertreueste Opposition Stellung zu nehmen. Gerade in diesen Kreisen wird der warme Appell des Kaisers an die Mithilfe jedes einzelnen im Volke, die Mahnung daran, daß so wie er jedermann die Pflicht habe, für das Wohl des Vaterlandes zu arbeiten, freudigen Widerhall finden, aber dieMißdeutungderKaiserwortewird beginnen, wenn es gilt, das Mittel, das der Kaiser dazu angibt, zu benützen. DerZusammenschlußderKonfessionenzurBekämpfung des Unglaubensklingt, vielleicht unbeabsichtigt, an einen der hauptsächlichsten Programmpunkte des eben erst verhallten Essener Katholikentages an, wo ein solcher Zusammenschluß als ideale Zukunftstaktik des Ultramontanismus gepriesen wurde. Sollte derpolitische Konfessionalismus– katholischer oder protestantischer oder beide im Bunde – das Breslauer Kaiserwort dahin auslegen, daß er berufen sei, alsMacht im Staatezu gelten, so lehnen wir von vornherein diese Deutung ab und werden sie auf das entschiedenste selbst dann bekämpfen, wenn das kaiserliche Schild sie decken sollte, denn wir erblickenin diesem Konfessionalismus, vor allem im katholischen, wie ihn der Ultramontanismus politisch so erfolgreich verkörpert, einen derschlimmsten Feindedesnationalen, modernen Staates; er ist mit diesem staatsrechtlich schlechterdings nicht zu vereinbaren, und da, wo er es praktisch versuchen sollte, muß er der Bahnbrecher der Sozialdemokratie und Revolution werden.« Sehr richtig!!

Der deutsche »Ehrenmann« ist neben dem Gentleman ein achtbarer Philister, der »Kavalier« ein Mann von Standesdünkel und Standesenge, speziell der österreichische Kavalier, zwar von gefälligsten Formen und von großer Liebenswürdigkeit, aber oft ein Mann ohne Grundsätze, Lebemann, bei dem Volke beliebt, weil leichtlebig und gut zum »Hochnehmen«, auch bei aller Lustigkeit oft schon unterwegs zum Bankrott. Der österreichische junge Aristokrat hat jetzt das ganz unglaubliche Bestreben, »décadent« auszusehen. Die Witzblätter übertreiben nicht, wenn sie ihn, wie eine Vogelscheuche, mit krummem Rücken, schlappen Beinen, Hängelippe und müden Augen darstellen. Das ist jetzt das Modernste und Eleganteste. Als ich einen jungen Offizier fragte, wie es meinem ehemaligen Schüler, einem blühenden Bürschchen von damals zwölf Jahren, gehe, sagte er im vollsten Ernste: »Ein vornehmer, décadenter Kavalier!«.

Bei uns will der junge Mann »forsch« sein, will für einen Leutnant in Zivil gelten. Deshalb Brust raus, Nase hoch, Beine stramm durchgedrückt und den stolzen, unzufriedenen Mann gespielt, auf daß man denke, er sei aus einem hohen Haus oder doch von einem feinen »Rement«. So bei den Hohen und denen, die gesellschaftlich hoch hinaus wollen.

Der »bessere« Bürger aber erstrebt »Bildung«. Der schlichtere Bürgersjüngling will eingebildeter Menschsein. Das ist heute bei uns wohl das am meisten begehrte Erziehungsergebnis. Das Höchste ist einGelehrterundhöherer Beamter. Man sieht daraus, daß wir den Stolz, ein Volk der Denker zu sein, tief in der Seele tragen.

Uns fehlt bis heute ein rechtes Wort für die Summen von Eigenschaften, die das Wesen eines echten deutschen Mannes ausmachen.Das ist ein großer, sehr schmerzlicher Mangel. Am besten paßt eben noch »Mannhaftigkeit«, nur daß wir diese nicht für uns Deutsche allein in Anspruch nehmen dürfen.

Die Römer erzogen ihre Knaben und Jünglinge zur virtus. In der Schule lernen unsere Kinder, daß virtus Tugend bedeute. Eine vollgültige Übersetzung ist das nicht, wie sich ja überhaupt Wörter der einen Sprache fast nie getreu in die einer anderen übersetzen lassen. Es sind nicht konzentrische Kreise, sondern Kreise, die sich schneiden. Tugend ist weniger und etwas anderes als virtus. Tugend ist stammverwandt mit taugen, bedeutet zunächst Brauchbarkeit. Unser Volk, jahrhundertelang arm, hatte für Müßiggänger keinen Raum. Nur der tüchtige, brauchbare Mensch genoß Achtung. Und das ist bis heute trotz des gesteigerten Wohlstandes gottlob so geblieben. Unsere Erziehung sieht immer noch mehr auf den handgreiflichen Erfolg, auf die Tüchtigkeit zum Erwerb und zur Arbeit überhaupt, als auf die Entwicklung allgemein männlicher Vorzüge. Unsere Schulen sind noch mehr Lehr- und Lern- als Bildungs-, zumal Charakterbildungsstätten. Früh hat übrigens unter dem Einflusse der Kirche das Wort Tugend bei uns einen etwas weichlich-sentimentalen Sinn angenommen, so daß heute einer als »tugendhafter« Jüngling fast mit einer spöttischen Empfindung benannt wird. Man denkt dabei leicht an einen Mangel an männlicher Kraft, denkt etwa an christlich-sittliche Jünglingsvereine. Ein junger Offizier, der auf sich und seine Ehre hält, würde schwerlich dulden, daß man ihn »tugendhaft« nenne. Um den Ruhm der virtus bewarb sich aber jeder Römer, selbst der Anhänger der jeunesse d'oré. Virtus ist Mannesart, virtus umfaßt alle die Eigenschaften, die nach römischem Begriffe das Wesen eines echten Mannes ausmachen, Tapferkeit, Beharrlichkeit, Ruhe, Kraft und Stolz. Der Begriff mag im Laufe der Jahrhunderte in seinen Grenzgebieten auch geschwankt haben, aber im Kern blieb er allezeit unverändert. Die Mannestugenden, die das zähe Bauernvolk, das einen gefaßten Plan nicht wieder fallen ließ – propositi tenax, wie Horaz sagt –, zur Weltherrschaft geführt hatten, ehrte selbst der décadente Epigone, der sie selbst nicht mehr aufbringen konnte. Ein solches Erziehungsideal, das von dem ganzen Volke anerkannt und angestrebt wird, ist, wie wir auch von Rom lernen, ein nationaler Schatz von unberechenbarem Werte.

Der akademische Lehrer, der zugleich in der Regel selbstforschender Gelehrter ist, nimmt unter den Erziehern zur Wahrhaftigkeit und damit Mannhaftigkeit – beides ist fast identisch – den ersten Platz ein. »Sein schönstes Vorrecht ist es, daß er nicht nur durch sein Wissen, auch durch seine Persönlichkeit die Seelen der nächsten Generation adelt.« (G. Freytag, Verlorene Handschrift, Bd. 2, S. 80.) Jedes ehrliche Streben nach Erkenntnis schafft neue sittliche Werte. Es ist einerlei, woran ein Forscher arbeitet, ob an der griechischen Grammatik, an der Textkritik eines alten Kirchenvaters, ob an geologischen Problemen, an Erforschung der kleinsten Lebewesen oder den Wundern des Sternenhimmels. Jede Arbeit, die der wahren Erkenntnis dient, trägt ihren Wert und Adel in sich selbst. Deshalb ist aber auch ein Gelehrter, der ein anderes Ziel als die Wahrheit kennt, ein Widerspruch in sich. Deshalb kann die Wissenschaft keinerlei Fesseln ertragen. Wer sie einschränkt, etwa durch Dogmen irgendwelcher Art, durch staatliche oder kirchliche Rücksichten, der geht ihr ans Leben. Eine unfreie Wissenschaft hört auf, Wissenschaft zu sein. Wer über sich einen höheren Richter kennt, als sein wissenschaftliches Gewissen, in dem sich ihm alles offenbart, was göttlich im Menschen ist, der mag ein Ehrenmann, ein Glaubensheld, ein Meister in allen erdenklichen Fertigkeiten und Künsten sein, ein Mann der Wissenschaft ist er nicht. Es gibt auch eine dichterische, künstlerische Wahrheit, auch natürlich eine Wahrhaftigkeit des Glaubens. Niemand hat ein Recht, an der subjektiven Treue ihrer Äußerungen zu zweifeln. Wenn sie sich aber dem wissenschaftlichen Beweise, in den Naturwissenschaften dem Experimente, in der Mathematik der Berechnung, in der Geschichte dem Quellenstudium und Zeit- und Sprachkenntnis entzieht – dann ist es eben keine Wissenschaft mehr. Man muß diese Gebiete des Wissens und Glaubens reinlich scheiden, darf uns aber nicht, wie das alltäglich geschieht, Glaubenssätze als Wissen anpreisen. Ich habe es schon wiederholt ausgesprochen, daß es objektive Heilswahrheiten in keiner Religion gibt, wohl aber subjektive Glaubenswahrheiten, daß Dogma »Meinung« bedeutet, nicht aber Wissen.

Nur in unserem innersten Wesen, das wie alle Natur ein Teil des Göttlichen und zugleich die höchste Offenbarungsform des Seins ist, tragen wir unseren Richter. Die Wissenschaft ist alsoselbstherrlich, ist eine Königin, niemandem dienstbar. Im Mittelalter meinte man, alle anderen Fakultäten seien Mägde der Theologie. Davon sollte heute nicht mehr die Rede sein können. Aber noch immer maßt sich die Kirche über sie Herrenrechte an. Noch immer glaubt auch der Staat berechtigt zu sein, die Wissenschaften und ihre Arbeiter zu überwachen, damit die Forschungsergebnisse nicht in Widerspruch mit dem »wohlverstandenen Interesse des Staates« treten.

Ich bezweifle, daß ehrliche Wissenschaft je schädlich werden kann. Denn da die Wahrheit göttlicher Natur ist, da Gott selbst die Wahrheit ist, so ist jede ernste wissenschaftliche Tätigkeit ein Gottesdienst, jede neue wissenschaftliche Erkenntnis eine Annäherung an Gott.

Höchst überflüssiger-, ja verbrecherischerweise hat die katholische Kirche die Wahrheitssucher auf naturwissenschaftlichem Gebiet »von je gekreuzigt und verbrannt«. Die Welt hat keinen Schaden durch die Erkenntnis erlitten, daß sich die Erde dreht, auch nicht durch Darwins Entwicklungslehren. Sie wird auch Häckels Belehrungen vertragen.

Die Wissenschaft darf überhaupt nicht fragen, ob den geistlichen oder weltlichen Fürsten oder dem Pöbel der Gasse ihre Funde brauchbar und angenehm sind. Sie kennt nur eine Herrin –die Wahrheit. Wenn ihre Ergebnisse durch Mißbrauch in der Hand von urteilslosen oder gewissenlosen Menschen wirklich gemeingefährlich werden, etwa wie Pulver und Dynamit, so mag der Staat Leben und Gut der Bürger vor Gefahren schützen, nicht aber die chemischen Studien verbieten. Wenn unreifen Kindern die Lektüre aufklärender Schriften schadet, so haben wir schon gesetzliche Handhaben, zumal haben die Eltern und Lehrer Mittel, ihre Kinder davor zu schützen. Deshalb muß aber doch jede Forschung, auch die an der Bibel, frei sein und bleiben. Wahrheitssucher sind auch sittlich ernste Menschen. Vor ihnen sollte man sich weniger fürchten als vor einer blindgläubigen und dadurch leicht fanatisierten Menge. – –

»Betrag' dich doch gebildet!« hört man oft die Eltern zu ihren Kindern sagen. Alle, die es irgend erschwingen können geben ihren Kindern eine »höhere Bildung«. Dabei kommt es besonders auf die Art der Schule und in dieser auf das Wissen an, über das diePrüfungen verläßliche Auskunft geben. Daß der Deutsche vor allem zum Denken geboren sei, das ist seit dem Reformationszeitalter und mehr noch seit dem Neuhumanismus, den uns Gelehrte schufen, ein Glaubenssatz, von dem sich kein Vertreter der höheren Schulen will abbringen lassen. Ich sehe aber nicht ein, weshalb der deutsche nicht mit gleichem Eifer bauen, malen, dichten, bilden, Handel treiben, Krieg führen, seefahren und zu all dem gleichermaßen erzogen werden soll; sehe nicht ein, weshalb man durch Beschäftigung mit diesen Dingen nicht ebensogut zu »Bildung« gelangen könnte.

Nun hat uns aber gerade in jüngster Zeit Prof.Friedrich Paulsen[8]wieder eingeschärft, daß die höheren Schulen aus dem Bedürfnisse geboren seien, die höheren Stände durch wissenschaftlichen Unterricht zu voller Freiheit und Selbständigkeit des Denkens und Handelns zu erheben. Das ist richtig, ist eine historische Tatsache. Die weitere Folgerung: Demgemäß müsse auch nach wie vor ihre Fundamentalaufgabe bleiben, die Schüler zu wissenschaftlicher Arbeit in elementarer Form anzuleiten, in ihnen den Trieb zu eigener Beobachtung und Sammlung, Untersuchung und Prüfung zu wecken, den Forschertrieb und den Wahrheitssinn zu entwickeln, ließ aber einige Einschränkungen zu.

Damit soll nämlich der Gegensatz scharf gezeichnet sein zu dem rhetorischen Virtuosen, wie ihn die französische, und dem rohen Utilitarier, wie ihn die englische Erziehung angeblich züchte. Gegen den Versuch etwa, mehr künstlerische Kultur oder mehr moralische und sittliche Bildung in unsere Schulen zu tragen, ist damit aber nichts gesagt. Freilich verwahrt sich der Mitberichterstatter auf der Direktorenkonferenz zu Stettin dagegen mit den Worten, daß die höhere Schule weder Theaterschule noch Konservatorium, auch keine Maler- und Bildhauerakademie werden dürfe. Dahinter steckt immer das alte deutsche Urteil, daß Wissen und eben nur das Wissen, nur die wissenschaftliche Anleitung Bildung gebe, daß beides vereint das höchste Lebensziel sei.

Dem Wissenschaftler gegenüber ist aber vom Standpunkte des Künstlers die Frage berechtigt: Wenn unsere höheren Schulen nicht Kunstschulen sein sollen, mit welchem Rechte sind sie denn einseitigwissenschaftliche Schulen? Darauf antwortet der UniversitätsprofessorLudwig von Sybel: »Weil der Deutsche lernen soll, unsere Kultur an der Wurzel zu fassen und aus der geistigen Wurzel heraus sie immer neu zu treiben.«[9]Das heißt, weil wir die historische Schulung einseitig überschätzen, weil wir die Jugend immer wieder auf Bücher, statt auf die Natur, auf die Autorität statt auf die Selbstbeobachtung verweisen, weil wir Alexandriner geworden sind und nicht mehr im glücklicheren perikleischen Zeitalter leben. Nicht Gelehrte, freilich auch nicht Künstler, sondernMännersoll uns die Schule heranbilden. Das tut sie bisher in unzureichendem Maße.

Bildung ist eine bloße Lebenszier geworden, ein Ornament, wie schöne Kleider und Orden. Bildung kann man in Deutschland ersitzen. Um für das ganze Leben ein Übergewicht, ein gesteigertes Hochgefühl anderen Sterblichen gegenüber zu haben, muß man »akademisch gebildet« heißen. Der akademisch Gebildete hat seine besonders delikate Ehre und beansprucht eine Ausnahmsbehandlung. »Wer bißchen was is«, läßt deshalb in Deutschland seine Söhne das Abiturientenexamen machen und studieren. Daher die unglückselige Überfüllung der gelehrten Berufe!

Nun wird kein billig denkender Mensch die Verdienste der höheren Schulen in Deutschland verkennen, bei ruhiger Betrachtung aber auch ihre großen Nachteile sehen. Ja, wenn es mit der Selbständigkeit des Denkens und Handelns nur seine Richtigkeit hätte!

Ich erlaube mir auf Grund meiner Erfahrungen daran zu zweifeln. Ich glaube,ohneunsere staatlichen höheren Schulen wären wir im selbständigen Streben und Handeln ein gut Stück weiter gekommen, ohne sie hätten wir mehr Menschen, die Selbstdenker, Selbsthandler, mithin eigenartige Persönlichkeiten wären, mehr Baumeister, weniger Handlanger. Ist es wahr, daß wir seit Luthers Großtat alle freiheitlichen Fortschritte, selbst auf den Gebieten wissenschaftlicher Forschung, dem Auslande, zumal den Engländern, verdanken? Oder muß man eine so offenkundige Tatsache erst ausführlich belegen?

In der wissenschaftlichen Verarbeitung und im Ausbau der neuen Ideen erwies sich Deutschland stets als unübertrefflich – da kam uns deutscher Fleiß, Gründlichkeit und Ehrlichkeit zustatten –, aber esmußten uns, wie gewissenhaften Schülern von fremden Lehrmeistern, die großen Probleme erst gestellt werden, ehe wir sie verarbeiten konnten.

Ich bestreite auch, daß heute in unseren höheren Schulen freie Forschung zu Hause sei. Den Schülern werden die mittelalterlichen Glaubensdogmen eingetrichtert, und sie dürfen dabei nicht muxen. Man weicht den großen Lebensfragen, denen schon jedes Kind von gesundem Sinne nachforscht und die das Tagesgespräch am Familientische bilden, in den Schulen mit geflissentlicher Sorgfalt aus. Ich kann mit Beispielen dienen. Als ein Gymnasialoberlehrer ohne jeden bösen Hintergedanken in reinster Herzensunschuld seine Tertianer über den »Unterschied zwischen der jüdischen und ovidischen Schöpfungssage« einen Aufsatz hatte schreiben lassen, kam sein Direktor, ein orthodoxer Protestant, in die Klasse und sagte offen zu den Schülern: »Ihr alle habt einen großen Irrtum begangen. Ovids Darstellung ist Sage, was aber die Bibel über die Schöpfung berichtet, das ist göttliche Offenbarung, nicht Sage.« So ist natürlich auch die sprechende Schlange nicht, die aus der Rippe geschaffene Eva, der Stillstand der Sonne, die Ruhe der Erde, der sprechende Esel Bileams ist überhaupt nichts, was im alten Testamente erzählt wird, Sage oder menschliche Dichtung, sondern alles Gottes Wort, und was unsere Astronomie, Geologie, Biologie, Anthropologie, Religionskunde und all unsere Naturwissenschaften in den letzten 500 Jahren zutage gebracht haben, ist eitel Rauch und Wind. So will es der Gymnasialdirektor, der sich in Festreden über die Freiheit der Forschung ergeht und von irgendwelchem Gewissenszwang in Preußen noch nie etwas verspürt hat. Da ist der Papst ja nicht so päpstlich:

»Die Theologie braucht die neuen Tatsachen der Naturwissenschaften nicht zu fürchten. Sie hat vielmehr alle Ursache, sich in hellem Jubel zu freuen, je gigantischer die Naturforschung fortschreitet. Denn je vollkommener die Menschheit die Natur erkennen lernt, um so mehr wird der Kosmos seinen Zweck erfüllen, die Herrlichkeit dessen zu verkünden, der den Himmel und die Erde erschaffen hat,« sagt der katholische Theologie-Professor Dr.Norbert Petersund wird dafür nicht gemaßregelt. Natürlich glaubt auch jener Herr Direktor nicht an seine Worte. Er meint nur dienstlich gebunden zu sein, die Jugend zu belügen. Da sei ihm dann zumNachdenken ein Wort des Theologie-ProfessorsOtto Baumgartenempfohlen: »Alle anderen Ziele, auch das der Religiosität, müssen dem derWahrhaftigkeitnachstehen« oder noch ein anderes tiefes und wahres Wort, ebenfalls dessen herrlichem Schriftchen »Über Kindererziehung« (Tübingen, J. C. B. Mohr. 1905, 80 Pf.) entnommen:

»Immer neu muß man die Wirklichkeit auf sich und seine Urteilsbildung einwirken lassen, nicht korrigiert durch Wünsche, Gewöhnungen, Vorurteile, überkommene Heiligtümer. Das gilt besonders gegenüber Menschen, aber auch von Grundsätzen. … Wer sich auf religiöse, sittliche, soziale, politische Grundsätze mit jener Unentwegtheit versteift, die sich als Gesinnungstüchtigkeit, Überzeugungstreue preist, während sie absichtliche Borniertheit und Unzulänglichkeit für neue Erfahrungen und Erlebnisse ist, dem fehlt die volle Wahrheitsliebe, der Wirklichkeitssinn … Dazu gehört, daß man stets offen bleibt für neue Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen, daß man unabgeschlossen zu jeder Überzeugung hinzusetzt: ›bis auf bessere Belehrung‹, statt die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu beugen und zu biegen in die durch die Vorurteile vorgezeichnete Linie.«

Der Lehrer, der sich vor seinen Schülern jene direktorale Belehrung gefallen lassen mußte, schwieg dazu und tat wohl recht daran, denn ein Widerspruch hätte ihn schlecht bekommen können.

Ob es in ganz Deutschland wohl ein Lehrer wagen darf, vor der Klasse an der Gottheit Christi zu zweifeln? Dabei weiß jedermann, daß unsere liberale Theologie selbst von der Kanzel herab ihre neue Überzeugung von dem Menschentum Christi predigt. In der Schule muß festgehalten werden an dem Nicäischen Glaubensbekenntnis, das für die katholischen und evangelischen Kirchen bis heute gleich verpflichtend ist. Danach ist Christus »aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gottgezeugt, nicht geschaffen, mit dem Vater wesensgleich«. Dieser Zwang liegt nicht allein auf der Volksschule. Ich frage aber, deckt sich das mit dem Glaubensbewußtsein der deutschen Eltern?

Was würde wohl einem Primaner geschehen, der in seinem Abiturientenaufsatze als seine ehrliche Überzeugung niederschriebe, daß er an Engel nicht glaube, nicht an den Teufel, an eine »Jungfrau« Maria, nicht an einen heiligen Geist, an eine unbefleckte Empfängnis, an eine leibliche Auferstehung, an eine Wiederkehr Christi,an ein Fortleben nach dem Tode? Wagt unter den hunderttausenden deutscher Abiturienten auch nur einer eine solche »Ketzerei«? Man höre dann aber die Studenten, wie geringschätzig sie über »Glaubensbekenntnisse« sprechen, die sie als Schüler nachplappern lernten.

Selbständigkeit des Denkens lehren unsere Schulen nicht. Sie sollen und wollen es gar nicht. Ich selbst habe mit angehört, wie in der Eröffnungsrede einer Oberrealschule ein Vertreter der preußischen Regierung mit einer vor Erregung vibrierenden Stimme und in dem Tone strengster Vermahnung an die Lehrer seine Rede abschließend sagte: »Und vor allem, meine verehrten Herren Kollegen, bewahren Sie die Seelen Ihrer Schüler vor demZweifel!« Also nicht zweifeln, nicht selbständig forschen lernen sollen die Knaben, sondern gehorsam –glauben: das war der Grundsatz, der Fels, auf dem auch die moderne Oberrealschule in Preußen auferbaut wurde. Ist wissenschaftliche Selbständigkeit des Denkens mit diesem Gebote vereinbar?

Und nun gar – volle Freiheit zu selbständigem Handeln? Daß ich nicht lache! Fragt einmal unsere Schüler,wiesie im Denken und Handeln gebunden sind! Für die Universität freilich, die Paulsen wohl im Sinne hatte, gilt sein Wort: in Beziehung auf unsere Schulen, die Zwangsschulen im schlimmsten Sinne sind, wirken sie wie Spott. Ich komme darauf später wieder zurück. Hier sollte nur ganz allgemein gesagt sein, daß der »Gebildete« in Deutschland weit davon entfernt sein kann, ein im Denken und Handeln selbständiger Mensch zu sein. Man findet z. B. bei den akademisch Gebildeten die nur aus gedankenlosem Nachschwatzen verständliche einmütige Bewunderung der »humanistischen Bildung« und damit einen wahren Rattenkönig von ererbten Schulphrasen: Humanität, formale Bildung, sittliche Größe des Altertums, Einfachheit der antiken Lebensanschauungen und Lebensformen – lauter leere Worte!

Ich kenne keine Zeit der Geschichte, in der die Menschen stärker in oberflächlichen und mechanisch übernommenen Urteilen gesündigt hätten. Die Menge der Eindrücke nötigt zur Hast. Jeder Mensch bekommt seine Marke aufgeklebt, mit der man ihn für alle Zeiten abstempelt. Ein falsches Urteil zu korrigieren, erscheint fast schon unmöglich. Voreingenommenheit, nationale, kirchliche, soziale Beschränktkeit, Parteifanatismus, Mangel an Arbeitskraft und anSelbstkritik, Denkfaulheit und Unwissenheit, all diese Schwächen sind am Werke, ein gerechtes Urteil zu hemmen.Friedrich Hebbel, der mit gelehrtem Stumpfsinn sein Lebtag zu kämpfen hatte, sprach das Wort: Es wäre, als ob die Leute statt des Gehirnes eine geballte Faust im Schädel hätten. Früher lasen die Menschen wenig, aber lasen gründlich, früher lernten sie in der Schule weniger, aber sie lernten ihre eigenen Sinne gebrauchen. Unsere Schüler lernen jetzt viele Tausende kritischer Urteile nachsprechen, ohne einen Versuch der Selbstprüfung. Man denke nur an Lessings »dramaturgische Gesetzgebung«, die den Primanern ebenso wie dessen Laokoon eine ganze Menge von Kunstwerken, zumal französischen, als wertlos ein für allemal verleiden, ehe sie diese nur zu sehen bekommen. Wo findet man heute noch selbständiges Urteil der Schüler?!

Für Cicero erwärmt sich pflichtmäßig der Gymnasiallehrer, Voltaire aber weist er ab unter Berufung auf Goethe, der ihm »Tiefe« absprach, und unter Berufung auf Schillers Ausführung, »Voltaire habe als Dichter kein Herz abgedruckt«. Dabei merkt man nicht, daß kaum zwei bedeutendere Männer sich so ähnlich waren wie Cicero und Voltaire, nur daß der Franzose den Römer unendlich und in jeder Beziehung überragt.

Die Phraseologie der altklassischen Humanisten hat vollständig abgewirtschaftet. Man höre nur, was für einen leeren Wortschwall Männer zur Verteidigung ihres alten »Idealismus« aufbieten! So nennt man nämlich den mit altem Bücherstaub gefütterten Dünkel der »humanistisch Gebildeten«.

Herr Prof.M. Schneidewinrettete diesen Idealismus im »Tag« Nr. 463 mit folgender Stilblüte: Es ist eine »Erfahrung, daß die Wucht der Vielseitigkeit des modernen Lebens und seiner tiefwühlenden und hochtönenden Weise des Denkens und Redens kaum erträglich sein würde, wenn der befreiende Durchblick auf die altklassische Einfachheit nicht immer wieder das Verständnis des Verwickelten und Ungeheuren durch Vergegenwärtigung der elementaren Lebenszwecke, die dem allen doch zugrunde liegen, erleichterte«. In diesem Tone geht es natürlich noch weiter. Man lese dazu die vernichtende Kritik, deren Dr.Albert Gruhndieses »hochtönende« und dabei seichte Geschwätz noch für würdig hält! (»Blätter für deutsche Erziehung« 1906 Heft 7.)

Solange es sich nur um Kenntnis des Altertums handelt, ist jede Mühe und jeder Aufwand berechtigt. Da mache ich selbst mit Freuden und Eifer mit. Sobald man mir aber mit dem hohen sittlich-erziehlichen Wert des Altertums für unsere Schuljugend kommt protestiere ich laut. Das ist nicht echte Überzeugung, sondern traditionelle Phrase. Ja, die Päpste, die den Horaz, Plautus, Terenz in der einen Stunde lasen, in der anderen mit gleichem Behagen Boccaccio Dekamerone, die sich im Vatikan schöne griechische Venusbilder aufstellten, denen war es ernst mit der antiken Schwärmerei. Ebenso war es unserem Goethe und Schiller noch ernst damit, jenem als er sang:


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