»Also, das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegene gesellt? …«
»Also, das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegene gesellt? …«
diesem, als er sich nach den Zeiten zurücksehnte:
»Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia.«
»Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia.«
Aber dem Gymnasialdirektor, der im Pastorenrocke umgeht, der für innere Mission, für den Kampf gegen den Schmutz in Bild und Wort eintritt, den »es stets tief geschmerzt hat, daß sich Goethe so weit vergessen konnte, die Römischen Elegien zu dichten«, der nichts gelten lassen will, was nicht »sittlich« ist, sittlich nämlich in dem Pastorensinne gleichbedeutend mit keusch, der deshalb einen Rousseau, Voltaire, Hebbel, Ibsen u. a. als unsittlich abweist und ihnen Kulturwert abspricht, dieser Herrkanndie Antike nichtehrlichbewundern: denn sein Horaz, sein Ovid, selbst sein Homer, sie alle sind ja in seinem Sinne unsittlich und werden dadurch nicht besser, daß er seinen Schülern die verfänglichen Stellen unterschlägt und ihnen den Horaz zu einer Art heidnischen Kirchenheiligen macht.
Einen solchen Schwindel durchschaut sofort jeder noch nicht ganz um seinen Verstand gebrachte Primaner. Jedenfalls nehme ich das zu seinen Ehren an. Wer Horaz mit Traktätchenfrömmigkeit liest und das Gedicht an Lalage, um daran den tiefen sittlichen Stand des jungen römischen Kaiserreiches anschaulich zu machen, für den hat Horaz nicht gelebt. Der würde sich eine solche geistige Mißhandlung ebenso energisch verbeten haben, als wenn sich jemand daran gemacht hätte, auch an seinemLeibeeine solche Entmannung vorzunehmen.
Alle Sittlichkeitsbestrebungen in Ehren! Ich mache sie zumSchutze der unmündigen Jugend selbst mit, aber dann auch reinliche Überzeugungen! Dann weg aus der Schule mit der Verhimmelung antiker Sittengröße! »Zwei Zungen stehen schlecht ineinemMunde.« (Walther.) Es ist mir unmöglich geworden, Schriften, die im Geiste unserer alten Gymnasien geschrieben sind, überhaupt noch zu lesen: Ein ewiges Wiederkauen der Gedanken, die nun vor hundert Jahren die Begründer des Neuhumanismus – damals mit ehrlicher Begeisterung – vortrugen. Wie auf Regimentsbefehl lieben diese Freunde des Gymnasiums alle mit gleicher Inbrunst und gleichem Verständnisse den Homer wie den Plato, Sophocles, Cicero und Horaz. Wenn Hunderte von Köpfen so uniform auf die Eindrücke reagieren, so müssen von ihnen 90% gedankenlose Nachbeter sein. Zumal wenn die Herren in ihrer Begeisterung gerade auch in die Geleise der vorgesetzten Behörde geraten, dann regt sich bei mir die Befürchtung, daß mehr Suggestion als eigenes Urteil sie leite. Voltaire, der von Poesie mehr verstand, als ich und die Mehrzahl meiner Herren Kollegen, stellte Tasso und Ariost über Homer, Pindar existierte für ihn nicht, von dem lateinischen Altertum ließ er nur Horaz und Vergil gelten. Schiller schrieb an Körner (1794): »Pindar hat mir nie behagen wollen,« und Körner teilte diese Empfindung (vgl. Popper a. a. O.). Der FranzoseBeyle, ein selbständiger Kopf, schreibt: »Viele unter meinen französischen Zeitgenossen bilden sich ein, die Werke Homers und Racines, die Achilles und Agamemnon (die mich zum Gähnen reizen) zu lieben; sie glauben sich selbst zu ehren, indem sie die Alten bewundern. Was mich betrifft, so verliere ich nach und nach alle Vorurteile, die auf der Eitelkeit der Jünglingszeit beruhen. Ich liebe alles, was das Menschenherz schildert; aber das Menschenherz, das ich kenne – –.« Unsere Freunde des Gymnasiums denken mir zu uniform. Ihr Zusammenschluß macht mir gar keinen Eindruck. Diese Männer kämpfen für ihre Position nicht minder als für ihre Überzeugungen. Sie machen auch auf das Publikum keinen Eindruck. »Natürlich!« sagt man sich, »Fuhrherren treten auf gegen Einführung der Eisenbahnen, Bierbrauer eifern gegen Erhöhung der Biersteuer, Gastwirte gegen Verschärfung der Polizeistunde, Gymnasialdirektoren und ihr Anhang wirken für Erhaltung des Gymnasiums.« Diese Herren haben vielfach keine eigene, selbsterworbene Überzeugung, ja, was viel ärger ist, sie wollen sienicht einmal andern Menschen zugestehen. Sie stellen an Andersdenkende das Ansinnen, zu schweigen oder sich ihnen unterzuordnen; sie meinen, wer ihre sog. Ideale nicht teile, dürfe an einem Gymnasium nicht unterrichten. Da gestatte ich mir doch die ernste Frage: »Glauben denn all diese unduldsamen Herren an das in ihren Schulen gelehrte Christentum? Machen sie nicht alle die Andachten feierlich mit, über die sie in den Pausen witzeln?« – Ich bitte um Antwort.
Ich will Zeugnisse gegen das humanistische Gymnasium aus der Blütezeit anführen.Häckelsagt: »Wahre Bildung besteht nicht in totem Wissen und leerem Gedächtniskram, sondern in lebendiger Entwicklung des Gemütes und der Arbeitskraft. Darum aber fehlt so oft den Studierenden und zumal den Hochgelehrten, was man mit Recht den gesunden Menschenverstand nennt. Sie stehen dem Leben meist ratlos gegenüber und befänden sich etwa in der Lage eines Soldaten, der, von einem Feinde angegriffen, erst in seinem Exerzierreglement nachschaut, was er zu tun habe. Fast alle bedeutenden tatkräftigen Männer haben ein beschränktes Wissen gehabt. Die Wissensdressur schwächt ebenso den Geist wie den Willen und macht aus dem Schüler in den meisten Fällen einen guten Räsonneur nach Art Hamlets und sehr oft einen boshaften Jago.« Ein anderer Greis, Geh. Justizrat L.Passage, zitiert diese Worte mit Zustimmung und sagt dazu: »Das damalige Gymnasium (um 1840) mit seiner pedantischen Härte, ein wahres Fegefeuer der Jugend, doch ohne dessen reinigende Kraft; eine wohlorganisierte Anstalt, in der so viele Jungen körperlich und oft auch geistig ruiniert wurden. Denn man belastet nicht ungestraft sein Gedächtnis mit totem Wissen; es nimmt dem Geiste alle ursprüngliche Kraft und entfernt das ganze Leben und Denken von der Natur.«
Nichts seltener bei unseren »Gebildeten« als selbständiges Denken. Selbst unsere Studenten laufen einfach im Trott mit.
Jetzt endlich, wohl zum Teil durch Anregungen von außen her, regt sich bei ihnen der Wille, ihr Leben gleichsam selbst in die Hand zu nehmen. Zu meiner Studentenzeit war man einfach der Sklave alter Sitten und Anschauungen; wer sich dem Sauf- und Raufzwang nicht fügen wollte, war vor Insulten nicht sicher.
Wir machten natürlich mit, heulten mit den Wölfen, obschon wir uns sagen mußten, daß diese »Bildung«, die sich mit wüstem Saufkommentverträgt, keine wahre Menschenhöhe bedeutete. Wie der Simplizissimus lehrt, ist sie dem niederen Volke nicht weniger als den wirklich »erzogenen« Menschen schon zum Gespött. Diese ›Bildung‹, die für viele schon mit dem Einjährigenzeugnis abschließt, schafft uns heute schwerlich noch den vorbildlichen Manneswert. – Der deutsche Universitätsprofessor ist verwöhnt: er sieht sich gern als die Blüte Deutschlands gefeiert. Er nimmt auch bis an unsere Zeit heran in Romanen und auf der Bühne eine Ausnahmestellung ein. Der Fachmann aber kann nie allgemeingültiges Vorbild werden. In den letzten Jahrzehnten haben auch der Künstler und der Industrielle dem Gelehrten empfindlich Konkurrenz gemacht: das Bildungsideal hat sich gewandelt. Man scheint bei ihm gerade die rechten Mannestugenden zu vermissen. Wer in das Kleinleben der Universitäten und in den Kleinkrieg der akademischen Literatur tiefere Einblicke getan hat, dem schwindet auch manches von dem Nimbus, mit dem sich die Vertreter der freien Forschung zu bekleiden wußten. Auch da wird mit Wasser gekocht. Auch da oft geschwiegen, wo esMannespflichtwäre, den Mund weit aufzutun. Wir haben auch unter den Akademikern schon zu viele gesehen, die sich in entscheidenden Fragen laudabiliter unterworfen haben.
Der Gelehrte ist eben bei uns zugleich in erster LinieBeamter. Damit kommen wir auf einen Typus, der heute in Deutschland herrschend und tonangebend ist.
Gewiß, der Gelehrte hatte und hat in Deutschland nach wie vor einen mächtigen Einfluß. Solange unsere Lehrer ihren Stolz darin suchen, Gelehrte zu sein, nehmen sie an dieser Stellung ehrenden Anteil. Aber unser Lehrerstand ist noch jung. Er hat noch seine Not, sich selbständig neben dem der Offiziere und Juristen zu behaupten, hat keine alten gefestigten Formen und Anschauungen, die ihn im öffentlichen Urteil schützen, hat kein äußeres Ansehen, keine äußere Macht als Erbe empfangen: fast muß ein jeder Lehrer in der Öffentlichkeit sich seine geachtete Stellung erst selbst erkämpfen, die man dem jungen Leutnant oder Juristen als selbstverständlich einräumt. Deshalb jetzt der Zusammenschluß der Lehrer. Sie wollen durch Massenwirkung, durch eine Vertretung ihrer Standesinteressen den Wert jedes einzelnen heben, deshalb vor allem auch ihr Streben nachBeamtenqualität. Ob das ein richtiger Wegist? Je mehr die Standes-Kasten- und Herdentriebe gepflegt werden, um so leichter versinkt der einzelne in der großen Masse, um so weniger wird er Lust und Beruf in sich verspüren, seineEigenartzum Durchbruch zu bringen. Parteiwesen, Kasten-, Cliquen-, Trustwirtschaft – all diese Zusammenschlüsse sind die Pflege des Besten, der Persönlichkeit, feindlich. Dem Lehrerberufe, in demnurder Mann in seiner Eigenart Großes vermag, ist diese Entwicklung und Pflege des Standesbewußtseins zunächst wohl nötig, auf die Dauer aber gewiß von Schaden. Alle großen Lehrer waren Eigenbrodler. Geist läßt sich nicht uniformieren oder zu gleichen Rationen auf Tausende verteilen. Auch hier gilt das stolze Wort: »Selbst ist der Mann!«
Man wird auch beobachten, daß die zur Vertretung ihrer Standesinteressen vereinigten Berufsarten den einzelnen Mann, der eigene Gedanken und Ziele verfolgt, nicht schützen, sondern lieber als Sonderling fallen lassen oder gar verfolgen. Wo Majoritätsbeschlüsse entscheiden, da gedeihen keine selbständigen Köpfe, noch weniger aber da, wo Gesinnungen und Leistungen amtlich vorgeschrieben werden.
An Stelle der gelehrten Bildung müssen wir in der Erziehung dieMannhaftigkeitals Ziel setzen.
»Sagen Sie, HerrProfessor Gurlitt, Sie sind doch selbst klassischer Philologe: Können Sie es mit Ihrem Gewissen verantworten, daß Sie in dieser Weise gegen die Schule eifern, der Sie Ihre eigene Ausbildung verdanken, an der Sie selbst mehr als 20 Jahre gewirkt haben? Können Sie das?«
»Ja – kann ich!«
»Wissen Sie denn, daß Herr Geheimer Regierungsrat Dr.Matthias, Vortragender Rat im Ministerium, den Sie doch selbst so sehr schätzen, wissen Sie, daß der Ihr Treiben verurteilt?«
»So? Tut mir leid. Mir hat er nichts derart gesagt. Im Gegenteil. Er hat mir zu dem Erfolge meiner ersten Broschüre Glück gewünscht und sie in seiner Monatsschrift warm besprechen lassen.«
»Wissen Sie nicht, daß er von ›literarischen Sturmvögeln‹ schrieb, die sich nicht scheuten ins eigene Nest zu hofieren?«
»Ja, das habe ich einmal gelesen, aber nicht auf mich bezogen.«
»Aber es geht auf Sie. Man ist ermächtigt worden, Ihnen das zu sagen.«
»Man? – wer ist das? Wer ist dieser Mann, der zu solchem Botendienste sich hergeben könnte? – Zudem – nein! unmöglich! So spricht kein hochgestellter preußischer Beamter zu einem ohnmächtigen Unterstellten! Der hat andere Mittel, ihm seinen Willen und sein Urteil kund zu tun. Wird wieder gelogen sein, wie so vieles heute.«
»Ja, aber wie wollten Sie sich gegen dieses Urteil, falls es wirklich auf Sie gemünzt wäre, rechtfertigen?«
»Höchst einfach!Erstensist das Gymnasium nicht mein Nest – nie gewesen. Sie könnten mit gleichem Rechte einem Gefangenen sagen, er solle sein Nest, nämlich das Gefängnis, ehren. Ichmußtein das Gymnasium gehen, weil mich meine Eltern dort hinschickten und weil ich sonst in Deutschland nichts hätte erreichen können. Es hat aber niemals ein Mensch danach gefragt, ob ich in diesem angeblichen Neste mich irgend wohl und warm gebettet fühlte. MeinNest? Sonderbar! Mein Nest ist mein Elternhaus, – auf das lasse ich nichts kommen. Mein Nest ist mein Vaterland, dem ich in Treue diene.
Als ich Lehrer wurde, dachte ich in meiner Einfalt, man könnte da nach eigenen Überzeugungen leben und wirken, dachte nicht, daß in diesem Neste Gesetze herrschen, so streng und unausweichlich wie auf dem Kasernenhofe. Aber auch hier ist es in 25 Jahren niemals irgendeinem Menschen eingefallen, mich zu fragen, wie es mir denn in meinem sog. Neste gefalle. Ich würde ihm geantwortet haben: ›Sehr mäßig‹.
Ich bin dem Gymnasium entwachsen. Ist das so schwer zu verstehen? Muß ich heute noch Hoffnungen und Überzeugungen hegen, die vor 30 Jahren mein Tun bestimmten? Habe ich nicht über meine innere Entwicklung ehrlich Rechenschaft abgelegt? Bin ich denn auf irgendeine Schulgattung eingeschworen? Was für eine Philisterei, von mir zu verlangen, daß ich mein Lebtag überzeugter Gymnasiast sein und bleiben müsse! Hat sich nicht ringsum die ganze Welt gewandelt? Mich geht Deutschland und die deutsche Jugend an, die Schulgattungen aber als bloße Mittel zum Zwecke sind mir Nebensache.
Zweitens: Von Beschmutzen kann gar keine Rede sein. Wohl aber erlaubte ich mir, darauf aufmerksam zu machen, daß in dem schönen Nest viel alter Unrat liegt, und daß es hohe Zeit wird, den alten Schmutz hinauszuschaffen, sonst könnte man mit dem ›Simplizissimus‹ sagen und singen:
›Zum Teufel, wenn nur der Haustürknopf vorne blinkt,Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt?!‹« –
›Zum Teufel, wenn nur der Haustürknopf vorne blinkt,Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt?!‹« –
»Aber, lieber Gurlitt, immer wieder dieselben maßlosen Übertreibungen! Ich hatte gedacht. Sie hätten sich jetzt gründlich erholt und Ihre Nerven beruhigt!«
»Danke, ja! Fühle mich wieder recht frisch und kampfeslustig. Ich übertreibe aber gar nicht.«
»Ja doch, schauderhaft übertreiben Sie, jedes Wort ist eine Maßlosigkeit.«
»So? Na, dann antworten Sie mir einmal auf zwei Fragen. Aber, bitte, offen und ehrlich, unerbittlich wahrhaftig!«
»Nun, das wäre?«
»Erstens: Erziehen unsere Schulen, wie die englischen, zur Wahrhaftigkeit? Ja oder nein? In England ist ein Schülergeächtet, dereinmallügt. Ist das bei uns ebenso?«
»Jedenfalls erstrebt –«
»Bitte, keine Ausflüchte: ja oder nein? Ist der deutsche Abiturient stets ein Jüngling von unbedingt gefestigter Wahrhaftigkeit? Ja oder nein?«
»Allerdings – – nein!«
»ZweiteFrage: Erziehen dieselben Schulen – wie in England – zur Mannhaftigkeit? Ja oder nein? Wäre es der Fall, so müßten wir doch in Deutschland Millionen mannhafter Männer haben. Haben wir das? Gehen bei uns die Geraden, Verläßlichen, Tapferen, Unentwegten, Selbständigen, die echten, schlichten Persönlichkeiten von sicherem Selbstgefühl und von klarem Willen millionenweise um? Ja oder nein?«
»Nein!«
»Also, so folgere ich wohl mit Recht, ist unsere Erziehung in der Schule falsch! Wenn eine Einrichtung geradedasnicht erreicht, was sie erreichen sollte, dann taugt sie nichts. Dann wäre es vielleicht sogar verdienstlicher, in dieses Nest hinein zu hofieren als neue Blumen darin aufzuhäufen, nicht wahr? Na, – ich will Ihnen die Antwort lieber erlassen.
Noch eins: Philologie und deutsche Jugenderziehung sind völlig getrennte Begriffe. Ich bin gerne klassischer Philologe, wünsche meiner Wissenschaft eine starke, blühende Entwicklung auf den Hochschulen, nicht aber in den Knabenschulen. Wissenschaften gehören auf die Universität.
Hofieren!?– das ist kränkend, ehrenrührig und zwingt mich zur Abwehr:
Meine Schrift ›Der Deutsche und sein Vaterland‹, auf die allein wohl der Zeit wegen jenes Urteil gehen kann, ist in 8000 Exemplaren verbreitet, manches einzelne Exemplar haben, wie mir nachgewiesen wurde, 40–60 Leser in Lesevereinen, Leihbibliotheken u. dgl. gelesen. Ich darf annehmen, daß an 100 000 deutsche Männerund Frauen mein Buch kennen. Die deutsche Presse hat sich zu 90% mit Wärme und mit vollster Zustimmung darüber ausgesprochen: es wurde selbst in der gegnerischen Presse als eine ›mannhafte Tat‹ bezeichnet. Eine große Anzahl von Männern, deren Namen jeder Deutsche mit Achtung ausspricht, hat mir persönlich in Schrift und Rede seinen Beifall bekundet. Eine große deutscheNew YorkerZeitung brachte über mich einen langen Artikel, der mit den Worten schloß (ich zitiere wieder aus dem Gedächtnis; zur Not wäre aber jene Zeitung gewiß noch zu finden): ›Einen Orden wird Gurlitt für diese Schrift in Preußen nicht bekommen. Wäre aber ich deutscher Kaiser, ich würde diesem Manne für seine Tat den Pour le mérite verleihen.‹
Ich lasse mir meine ehrliche Arbeit nicht verunglimpfen, von niemandem. Sie hat mir schwere Gewissenkämpfe und manche schlaflose Nacht gekostet, hat manch offenen ritterlichen Feind, aber auch eine wahre Meute von versteckten Neidern, Ehrabschneidern, Denunzianten und sonstigen Widersachern gegen mich in Tätigkeit gesetzt, und ich stehe dafür bis heute noch in einem heißen, aber, wie ich doch meine, guten und mannhaften Kampfe.
Hofieren?!Nein, mein Verehrtester, jene Arbeit kam mir aus Kopf undHerzen, nicht aus demGedärm.
Auch den Ausdruck ›litterarischer Sturmvogel‹ lasse ich in Beziehung auf mich nicht gelten.
Nur keine erheuchelte Bescheidenheit! Was ich schreibe, schreibt ein Mann, der sein Lebtag angestrengt geistig gearbeitet und der einen in der Wissenschaft geachteten Namen hat. Die geehrtesten Männer aus dem Gebiete der Pädagogik:Münch,Cauer,Lyon,Ziehenu. a. haben sich eingehend mit meinen Arbeiten beschäftigt, wenn zum Teil auch sie bekämpfend. Seit wann aber wird denn mit Kanonen nachSpatzengeschossen? Oder nach Möwen und sonstigen ›Sturmvögeln‹? Herr Matthias selbst hat mich, als er seine Monatsschrift gründete, schriftlich zur Mitarbeit einladen lassen und mir auch mündlich über meine gelehrte Schriftstellerei Ehrendes gesagt.
Sind noch weitere Zeugnisse zu meiner Ehrenrettung nötig? Soeben (27. IX.) lese ich in der »Schul-Reform« (I, Nr. 2), die in Wien erscheint: »In der Zeitschrift ›die Wage‹ Nr. 33 würdigt dieFührerin der österreichischen Frauenbewegung. FrauMarianne Hainisch, eben von einer Studienreise durch Deutschland heimgekommen, auf der sie dem Schulwesen besondere Beachtung schenkte, die Verdienste der Reformliteratur und nannte Dr. Gurlitts Schriften ›die große Tat eines Lehrers‹.[10]Eine Elite der Lehrerschaft stehein Deutschland an der Spitze der Bewegung, die österreichisch kapitalistische Blätter als uferlose Schwärmerei totschweigen. Dazu bemerkt sie: »Bis vor kurzem mußten wir daran verzweifeln, daß auch Österreich gleich unbefangene und mutige Schulmänner bekomme. Nun – ist dieser Zweifel geschwunden.« Das von Schulmännern herausgegebene Blatt führt diese Darstellung mit Beifall an.
Inzwischen hat sich also das öffentliche Urteil über meinSchulgemälde deutlich genug geäußert. Etwa so: »Recht trübes, unerfreuliches Bild. Moderne Richtung, ohne rechten sog. Idealismus, zu düster, zu real, aber immerhin sicher und gut gemalt; verwünscht naturgetreu, von verblüffender Ehrlichkeit.«
Ich meine, mir als einen Malersohne mußte auch so ein Bild, wenn ich alle Kraft zusammennehme, schon gelingen. Die Kritik hatte wirklich keine zu große Mühe, die Natur und Beschaffenheit der angewandten Farbentöne zu erkennen: Semper enim valet dictum, quod cacatum non est pictum –und umgekehrt!
Deshalb nochmals: Jene häßlichen Worte sindnichtauf mich gezielt, sollten sie es aber sein, sotreffensie mich nicht.« – –
»Es haben sich aber doch auch andereAutoritätengegen Sie erklärt.«
»Natürlich! Nennen Sie mir in der ganzen Welt irgendeine Lehre, gegen die sichnichtAutoritäten erklärt haben! Schrecken Sie noch vor Autoritäten zusammen? O, ihr Kleingläubigen, denen schon ein bloßer Name den Mannesmut raubt!
Widerlegt hat mich niemand. Da sage ich aber mitLuther: ›Es sei denn, daß ich mit Zeugnissen der heiligen Schrift (nein! aufdie verzichte ich) odermit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen überwunden werde, denn ich glaube weder dem Papst, noch Konzilien allein – noch Herrn Prof. Friedrich Paulsen allein –, weil es am Tage und offenbar ist, daß sie öfters geirrt haben und sich selbst widersprechend sind … so kann ich und will ich nichts widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun.‹
Obgleich also schon das schwerste Geschütz gegen den Sturmvogel aufgefahren ist, kommt er sich noch keineswegserschossenvor.
Ein Mörser,Cauergenannt, machte einen großen Lärm, Qualm und Gestank, war aber nur mit Vogeldunst geladen und konnte ihm die Haut nicht ritzen.
Ein zweiter berühmter Mörser,Paulsengenannt, hatte zwar gute Munition, schoß aber zu vielfachem Staunen ganz daneben.
Ein dritter stattlicher, aber alter Mörser,Kruse, sollte lieber ausrangiert werden als schon unbrauchbar und völlig ausgeschossen.
Ein anderer guter,Münch, wollte mich wohl gar nicht verwunden, sondern wurde an meiner Seite losgeknallt.
Das gleiche gilt von dem wackeren MörserLyon.
Daneben ist dann noch mit kleinerem Kaliber, gezogenen und auch recht ungezogenen Geschützen, selbst mit Pistolen, Windbüchsen und Pustrohren fleißig auf mich geschossen worden – dieses nämlich aus dem Versteck hinter dem Gartenzaune hervor, von kleinen Gassenbuben mit Rotznäschen – hat mir alles nichts anhaben können.
Andere waren noch klüger und legten sich nächtlich in den Hinterhalt. Mit treuem Fleiße brachten sie allerlei Netze an, Leimruten, Fußangeln und Selbstschüsse und sperrten so die Futterplätze. Das waren die Korrekten, Gewissenhaften, mit einem Worte die lieben – Frommen. Gott der Herr hat ihrer Hände Werk gesegnet. Gefangen haben sie zwar den »literarischen Sturmvogel« nicht, aber doch erreicht, daß er sein ihm verleidetes »Nest« aufgibt. Er wird sich jetzt einen höheren, freieren Horst suchen. Haben Sie was dagegen?« –
»Niemand wird Ihnen das Recht der freien Meinungsäußerung in Deutschland streitig machen. Wir fordern nur, daß über dieernsten Erziehungsfragen ruhig, sachlich und nüchtern verhandelt werde. Wir verabscheuen dendemagogischenTon.«
»Demos, mein Verehrtester, heißt Volk, demagogisch heißt sich ans Volk wendend. Eine Angelegenheit, die jedem im Volke angeht, gehört auch vors Volk.«
»Ja aber Ihre leidenschaftliche Sprache!«
»Muß die Pädagogik nüchtern sein?«
Pestalozzischrieb über Erziehungsfragen im Tone des Priesters, des Sehers. Manche seiner Schriften haben eine so gehobene Sprache, daß man Oden, Dithyramben zu lesen glaubt: Man denke z. B. an die »Abendstunde eines Einsiedlers«. Sie erinnern mich imTonean Nietzsches »Also sprach Zarathustra«.
Begeistert und begeisternd schreibt auchFröbel, schrieben alle, denen die Sache wirklich ans Herz ging. Seit wann ist es Vorschrift und Gesetz, daß der Lehrer ein nüchterner, leidenschaftsloser Mensch sein muß?
»Ja, aber. –«
»Was wollen Sie wieder mit ihrem »ja aber«? Ist es etwa falsch was ich sage? Unser Kaiser hat seinen Deutschen empfohlen ›ja also‹ zu sagen!«
»Ja aber, Sie dürfen nicht übersehen, daß diese Männer in Begeisterungaufbauenwollten, nicht aber einreißen, anschwärzen, nicht das ›Erhabene in den Staub ziehen‹.«
»Das Falsche einreißen ist eine eben so wichtige, ernste auch erhebende Arbeit, wie Neues aufbauen. Erst muß Platz, Raum, Luft geschaffen werden, ehe Neues gedeihen kann. Zudem: hat etwaHerdersanft gesäuselt, als er gegen die Unnatur des Lateinkultus in Deutschland auftrat? Nein, wie ein wilder Gießbach brauste seine Rede dahin, riß alte morsche Baumstämme und Felsblöcke mit sich und übertönte das Klagen und Jammern der Sachlichen, Besonnenen, Maßvollen, ruhig Abwägenden. Hätten nicht Geheime Beschwichtigungsräte was Herder wollte und schuf, wieder leise, leise beiseite geschafft, nicht wieder den alten Boden von allem seinen Schotter und Steingeröll gesäubert, um dann in ›altbewährter Weise‹ ihre exotische Gartenkultur neu herzurichten, hätten sie derNaturEinlaß gewährt, so wäre die heutige Schule kein gekünstelter Ziergarten mit kümmerlichem Spalierobst, mit langen, langweiligen Reihenvon Orangenbäumen in Holzkübeln, Pflanzen, die reife Früchte nicht bringen können, dann hätten wir jetzt ein Stück echten, schönen deutschen Waldes mit hundertjährigen derben Eichen, Buchen, Kiefern, Fichten, Tannen, Erlen, Eschen – die deutsche Natur ist ja so reich an jeglichem Gewächs. Dann sähe es anders aus in den deutschen Landen!
Aber man war schon vor hundert Jahren lieberbesonnenundmaßvollund ließ die leidenschaftlichen Schreier sich ausschreien. Schließlich wird ja wohl jeder matt, müde und still.
Ist aber nicht alles Große auf Erde mitLeidenschafterstritten worden? Waren Luther, Lessing, Schiller, Freiherr von Stein, Arndt maßvoll?
Euren Ohren tut mein »Gepolter« wehe?
Ich schlafe ein bei eurem matten Gerede.
Muß ich sprechen und schreiben wies euch gefällt? Hat nicht eben eure Mattherzigkeit die Schulen heruntergebracht? Klagt man nicht tausendfach in Deutschland, wie ihr jede lebendige Empfindung, jedes wahre, schlichte Gefühl, jedes Aufjauchzen, jede Sehnsucht, jedes Hoffen und Träumen des Herzens, wie ihr das ganze Leben der Jugend eingefangen in eure klirren Verstandesregeln eingefangen, eingeengt und eingesargt habt?
Klagen nicht deutsche Greise noch, daß ihr ihnen die Jugend geraubt? Nein? Nun, so lestL. Passage»Ein ostpreußisches Jugendleben«,[11]wo ein 81 jähriger Geheimer Justizrat sein Herz ausschüttet und »unter dem Beifalle einer großen Zahl von Männern, zumal Lehrern« diese seine schwere Anklage gegen das deutsche Gymnasium erhebt.
Jetzt kommt manmirmit der vermeintlich vernichtenden Anklage, daß ich, nervös überreizt, das rechte Augenmaß für die Dinge verloren hätte. So druckt die »Staatsbürger Zeitung«, die solange sie unter Dr.WachlersLeitung stand, ein ernstes, der Wahrheit dienendes Organ war, jetzt aber inStöckersche Geistesregionen hinabgezogen, den Kampf für den rechten Glauben und eine rechte Verlogenheit rüstig wieder aufgenommen hat. Sie glaubt mich dadurch zu vernichten, daß sie mich, ebenso wie es der gleichfromme »Reichsbote« tat, ihren gläubigen Lesern und einer über Deutschlands Wohl wachenden Behörde als einen Roten, einen Sinnesgenossen von Mehring vorstellt.
Wer nämlich nicht mit den bestehenden staatlichen Einrichtungen einverstanden ist, nicht unduldsam, engherzig, kurzsichtig und verlogen, wie jene Muckerblätter selbst, der ist ein Reichsfeind, ein Umstürzler, ein Kulturschädling. Schade, daß die Scheiterhaufen abgeschafft sind. Es sind dadurch diese treuen Diener Christi um die schönsten Lebensfreuden gekommen.
Wenn sich meine Nerven im Dienste für die deutsche Jugenderziehung abgenutzt haben, so sehe ich darin keinen entwürdigenden Vorwurf. Es urteilen aber gerade so hart wie ich über unsere staatlichen Zustände, zumal über unsere Schulen, junge, gesunde, blühende Männer von ungeschwächter Nervenkraft. Ich werde gleich ein Pröbchen davon geben. Wenn Hüter altbewährter Schulweisheit mir sagen, daß meine geistige Kraft erschöpft, und ich nicht mehr im Stande sei, neue Gedanken zu finden, so antworte ich ihnen: Neue Gedanken habe ich bei euch noch niemals gefunden; ihr kaut nun schon seit hundert Jahren denselben Brei, und daß meine Kraft noch nicht ganz erloschen ist, das sollt ihr, wenn ich am Leben bleibe, an euren sog. Idealen und am eigenen Behagen noch schmerzlich empfinden lernen.
Noch fühle ich Kraft in mir, vor allem die Kraft, Unwürdiges von mir abzuschütteln und mir mein Leben nach meinen inneren Gesetzen zu bauen. – Und nun jenes versprochene Stimmungsbildchen eines jungen, kerngesunden deutschen Mannes, der nicht Lehrer, nicht Vater, also persönlich zunächst nicht interessiert ist. Wie er urteilen viele Tausende deutscher Männer und Frauen mit und ohne Nerven.
Man lese also den Artikel vonH. Ilgensteinüber »Mißhandelte Volkserzieher«, um zu erfahren, wie man in aufgeklärten Kreisen über die Geistesfesselung der Lehrer und Kinder denkt (»Blaubuch« 1906 Nr. 26):
– – »So sind gerade unsere Schulen wahre Brutanstalten für Heuchelei und Verlogenheit. Doch wir wollen nicht mehr. Die Unsittlichkeit eines freien Männern gegen ihre Überzeugung aufgezwungenen Religionsunterrichts stinkt zum Himmel. Wer dieseEinrichtungen in Schutz nimmt, liefert seine Kinder Männern aus, die es für ersprießlich halten, von ihren Untergebenen unsaubere Handlungen an Reinen und Schuldlosen zu fordern.
Die Brüder im Herrn sagen natürlich: »Wenn der Lehrer nicht unsern Glauben hat, so mag er gehen, wo der Pfeffer wächst; wir halten ihn nicht. Das Vaterland ist weit, und derer, die an der Staatskrippe sichere Futterstellen suchen und dafür gern ihr bißchen Überzeugung drangeben, gibt es in Deutschland weiß Gott genug. Brauchen wir Männer oder brauchen wir Beamte? Gott. Religion. Was für ein Unsinn, wenn es sich um die Erziehung von Untertanen handelt. Ihr erklärt es fürunsittlich, mit der Gottessehnsucht werdender Menschen Schacher zu treiben? Habt euch nicht! Wer sagt euch, daß wir Menschen brauchen? Wir brauchen Knechte, Soldaten, Assessoren, Oberlehrer, Schulräte. Wir brauchen Wesen, die befehlen und Wesen, die Ordre parieren. Alles andere ist vom Übel. Was wollt ihr? Lehrer, die sich nicht als Untertanen fühlen, können doch keine Untertanen erziehen. Müssen wir, die Schulräte und Ministerialdirektoren, nicht auch den Pfaffen gehorchen, die im Parlament jede neue Kanone streichen würden, wenn wir euch nicht zwängen, bei den Werdenden immer wieder Reklame für sie zu machen? Geben wir euch deshalb Hungerlöhne, daß ihr euch wie die Reichen gebärdet, die es nicht nötig haben zu dienen? Was Gott ist, das ist in den amtlichen Vorschriften klipp und klar für ewig festgelegt. Wozu der Lärm? Wir verlangen nicht, daß ihr glaubt. Ihr sollt nur andere glauben lehren. Im übrigen seht die Armee: wie herrlich klappt es da mit unserm Gott: »Helm ab zum Gebet! … Fertig!« … Wer nicht fertig ist, wird ins Loch gesteckt.
Viele – sehr viele schon heutzutage – ziehen es natürlich unter diesen Umständen vor, ins Privatlehrerelend zu gehen oder, wenn es nicht zu spät ist, sich nach einem anständigen Berufe umzusehen, wo sie wenigstens vor sich selbst ehrliche Kerle bleiben können. Die meisten aber fügen sich leider noch immer dem auf sie als Beamte ausgeübten Zwange. Aber wer könnte ihnen daraus einen Vorwurf machen? Was soll ein Philologe oder gar ein Elementarlehrer anfangen, wenn er von Ekel erfaßt seinem unerfreulichen Berufe Valet sagt? Es kommt hinzu, daß es draußen impraktischen Beruf jenseits aller Behörden durchaus nicht als Empfehlung gilt, ein »gewesener Lehrer« zu sein. Man verbindet eben durch die eigenen Beobachtungen, die man als Kind gemacht hat, mit dem Lehrer unwillkürlich den Begriff persönlicher Unfreiheit, Unselbständigkeit und nicht selten – von der famosen Religionstunde her – den der Heuchelei. So muß der Volkserzieher in Voraussicht der Not, die seiner harrt, sich vor den Karren der triumphierenden Pfaffen spannen. Er mag mit den Zähnen knirschen. Er muß. Er wird geknebelt. Die Pension ist der Köder, die den sonst Berufslosen gefügig macht. So wird er, der uns den Menschen der Zukunft schuldet, zu einem der gefährlichsten Bazillenträger der Reaktion. Von niemanden beneidet, von keinen geliebt, von den Schülern gehaßt und betrogen, wie er die Schüler betrügt, von der Gesellschaft als notwendiges Übel empfunden, so übt er mit Ekel einen Beruf aus, der ihm als freiem Manne ein Stolz und ein Gottesdienst wäre.«
»Übertreibung!« wird man ausrufen.
»Maßlose Übertreibung!« Mag sein. Doch es kommt hier auf die Stimmung an unddieistecht!
Bei der herrschenden Anbetung des Staates gilt unserem Volke der berufsmäßige Diener des Staates als unentbehrlichste und würdigste Person. Auch der Ehrgeiz des »kleinen« Mannes geht dahin, Beamter zu werden. Es ist das »sichere« Brot, hat auch eine mit dem Amte verbundene sichere Einschätzung und Würde. Der Deutsche trägt seine Beamtenuniform gern. Es kommt ihm nie zum Bewußtsein, daß es eine Tracht der Unfreien sei. Dem Staate dienen gilt ihm als höchste und damit als ehrende Pflicht. Deshalb werden in Deutschland jetzt diejenigen Tugenden am höchsten geschätzt, die ein tüchtiger Beamter braucht. Gehorsam, Pflichttreue, Pünktlichkeit, Amtsverschwiegenheit, Bescheidenheit, Zurückhaltung im politischen Leben, vorbildlich kirchlicher Lebenswandel,Korrektheit. Wie man sieht, eine Reihe trefflicher Tugenden, aber – bei Licht besehen – doch vorwiegend Tugenden von Unfreien, eben von Bediensteten.
Der Beamte hat ein Amt, aber keine Meinung. Er hat seine Pflicht zu tun, dafür wird er bezahlt und dienstlich befördert. Eigene Meinungen hat er am besten für sich zu behalten, höchstens darf er sie – natürlich in angemessen bescheidenem Tone – gegebenen Ortes zur Begutachtung unterbreiten. Man sieht es aber nicht gerne, daß er mit eigenem Kopfe denke. Am angenehmsten ist der Beamte, der seiner Behörde am wenigsten Mühe macht, nie widerspricht, mit seiner Person im verborgenen bleibt, Konflikte vermeidet, gefällige Berichte einreicht und dadurch der Behörde bestätigt, wie doch so weise sie alles eingerichtet hat. Die Staatsmaschine darf halt nicht knarren. Jedes Rädchen hat geräuschlos einzugreifen. Wer sich dazu nicht eignet, der kann gehen. Er ist ja nicht gerufen worden. Unentbehrlich ist keiner. Verstanden?MaximilianHarden, der die deutschen Beamten wohl genügend kennt, nennt sie Regierungskommis: boshaft, aber treffend.
Vom deutschen Beamten erwartet man, daß er sich im Dienste zuschanden arbeite. Der »pflichttreue« Beamte kann übrigens auch nie genug bekommen an Arbeit: er läßt sich geduldig, ja mit rührendem Dankesblick, immer neue Bürden aufpacken. »Überbürdet« sind sie, wenn man ihnen glauben darf, Mann für Mann. Der Staat, den ein Preußenkönig selbst einen »Racker« nannte, ist gegen seine Diener unsagbar anspruchsvoll. Er verlangt den ganzen Menschen. Dagegen hat schon Paul de Lagarde lebhaft protestiert. Erst kommt der Mensch, der Gatte, Vater, Freund, Bürger und dann erst der Beamte. Ich kann es nur als unsittlich bezeichnen, wenn jemand mit Haut und Haar in seinem Dienste aufgeht. Ich kenne Beamte, die nicht Zeit gefunden haben – vor lauter Dienstpflichten – sich zu verlieben, zu heiraten und fortzupflanzen. Das sind die Musterbeamten, die Wonne ihrer Vorgesetzten – nur noch Maschinen, höchst »tüchtig und brauchbar«. Schade, daß mit ihrem Leben die Kette abreißt! Oder wollte Gott nicht, daß diese Menschengattung sich auf Erden ausbreite? Dafür winkt ihnen aber auch in der Ferne die Verdienstschnalle oder irgend ein bunter Adler. Der bekannte Schulmann und pädagogische Schriftsteller GeheimratWilhelm Müncherzählt einmal, – ich zitiere aus dem Gedächtnis! – er habe an einem Handwagen einen Ziehhund mit so wunderlich scheuen Augen beobachtet. Woher, fragte er sich, kenne ich nur diesen Blick? Ach richtig! Es ist der Blick unserer Kanzlisten. Also »hündisch«? Κυνὸς ὅμματ' ἔχων κραδίην ἐλὰφοιο (»Mit dem Blicke eines Hundes und dem Herzen eines Hirsches«) würde Homer sagen.
Ein hoher Ministerialbeamter klagte einmal vor Freunden, daß ihm ein Schuldirektor in unterwürfiger Haltung für die »Gnade« gedankt habe, ihn »zur Audienz« zu empfangen. »Ich war froh,« schloß er seinen Bericht, »wie der widerlich kriechende Mensch wieder zur Tür hinaus war.« Aber, so frage ich, wer züchtet denn erst diese Demut? Ein Regierungsrat G. erzählte mir, er habe endlich in heftigem Tone es sich verbitten müssen – da freundliche Vorstellungen nichts halfen –, daß der »akademisch« gebildete Unterstellte täglich wie ein Pikkolo durch den Museumssaal gelaufensei, um ihm seinen Überrock aus- oder anzuziehen. »Herr Doktor,« sagte er ihm, »es schickt sich das für einen ›gebildeten‹ Mann nicht, der auf sich hält.«
Als ich vor einem Jahre etwa vor einer Versammlung von Volksschullehrern gegen den erschreckend überhandnehmenden Bureaukratismus mit all seinen Schädigungen sprach, dabei auch der unwürdigen Behandlung erwähnte, die sich der deutsche Lehrer von seinem Vorgesetzten bieten lasse, trat ein Rektor auf und sagte unter vielfachem Beifall: »Jedes Kollegium hat den Direktor, den es verdient. Ich möchte meine Herren als meinesgleichen behandeln, aber sie dulden es nicht. ›Herr Rektor vorn und Herr Rektor hinten‹, besonders eifrig sind dabei die Damen im Lehrerkollegium, die möchten am liebsten für jedes Löschblatt, das sie brauchen, erst den direktoralen Segen haben.«
Reichsgerichtspräsidentvon Oehlschlägererzählte mir: »Ich hatte einen jungen Lehrer zum Freund; er hatte meinen Sohnunterrichtet. Als er nach Jahren wiederkam, hatte er seinen ›Doktor‹ gemacht und fragte mich, ob er seine Dissertation seinem früheren Schulrat überreichen solle. ›Gewiß, eine solche Aufmerksamkeit wird man Ihnen danken, zumal Sie nicht mehr im Machtgebiete dieses Herrn wirken.‹ In Frack und weißer Binde trat der Herr zur Zeit der Sprechstunde bei dem Schulrat ein. ›Was wollen Sie?‹ donnerte es dem scheu Eintretenden entgegen. ›Nichts‹ war die Antwort und schleuniger Rückzug. Wir haben wohl auch dann und wann einen groben Juristen, aber so etwas halte ich bei uns doch für ausgeschlossen. So muß sich in Preußen nur der höhere Lehrer behandeln lassen.«
Eine andere Geschichte: Ich machte bei dem liberalen und mir persönlich bekannten Schulrat B. Besuch, um für einen Freund, der Direktor werden wollte, Auskünfte zu erbitten. Ich kam natürlich auch, wie zu einem Fürsten, im Frack und mit weißer Binde. Er fertigte mich ruhig, sachlich – aberstehendab. Zufällig traf ich abends seine Schwägerin. Auf ihre Frage, wie mir's gehe, sage ich: »Schlecht, bin heute von Ihrem Herrn Schwager unhöflich behandelt worden.« – »Darf ich ihm das wieder sagen?« – »Ja, ich bitte darum.« Nach wenigen Tagen: »Ich habe es meinem Schwager bei Tisch erzählt, als mehrere Direktoren und Oberlehrer zugegen waren.«– »Nun, und?« – »Mein Schwager schwieg nachdenklich, die anderen Herren aber entsetzten sich über Ihre Anmaßung. Da hätte ein Schulrat viel zu tun, wenn er jedem Auskunft erbittenden Oberlehrer einen Stuhl anbieten sollte.« Recht so, meine verehrten Herren Kollegen! Ich wünsche Ihnen gute Karriere!
Als unser Kaiser den Herren Primanern zum Besuche einer Parade einen Urlaub erteilte, den ihnen die Direktoren nicht gewähren wollten, nahmen diese Herren diese Demütigung schweigend hin, ebenso wiederholte Anordnungen der Polizei, die als unbefugte Übergriffe hätten abgewiesen werden sollen, zumal von Männern, die mit Wärme die Verse deklamieren:
Si fractus illabatur orbis,inparidum ferient ruinae.
Si fractus illabatur orbis,inparidum ferient ruinae.
In der Regel wird die Beamtenkriecherei begünstigt. Es liegt System darin. Wir lesen ja allwöchentlich in Hardens »Zukunft« seine gesammelten Byzantiaca.
Unsere Tagespresse gab sich allerlei trüben Besorgnissen hin, als gemeldet wurde, daß der englische KriegsministerHaldaneeine Einladung KaiserWilhelms, den großen diesjährigen Manövern beizuwohnen, mit dem Ersuchen beantwortete, davon Abstand zu nehmen und lieber die Einrichtungen des deutschen Generalstabes und einzelner militärischer Anstalten studieren zu dürfen. Dazu bemerkte die »Neue freie Presse« in Wien sehr zutreffend: »Leute, die in der Anschauung groß geworden sind, die Einladung eines Herrschers sei ein Befehl, dem man blindlings zu folgen habe, bezichtigen den Minister des Inselreiches einer Unhöflichkeit.« Ein solcher Gedanke konnte nur in Köpfen entstehen, die sklavischen Gehorsam, nicht aber den Freimut kennen, den englische Männer selbst vor gekrönten Häuptern bewahren. Nach englischer Anschauung bleibt man auch dem Könige gegenüber ein Mensch von freier Selbstbestimmung. Nach der militärischen Anschauung aber bei uns, die in dem Kaiser stets den obersten Kriegsherrn sieht und ihn sich auch am liebsten in Kriegstracht vorstellt, ist jeder seiner Wünsche, selbst jede freundliche Aufforderung, Einladung, Erlaubnis, ein dienstlicher Befehl. Dieser Geist geht durch unser ganzes Heer und von da in das Beamtenleben hinein.
Caprivihielt sich als Soldat zu dem Gehorsam verpflichtetdas Amt eines Reichskanzlers zu übernehmen, zu dessen Führung er sich selbst mit Recht die Kraft nicht zutraute. Mit wachsendem Unwillen macht unsere Presse darauf aufmerksam, daß unsere höchsten Staatsämter mit Männern besetzt sind, die sich vorerst als Offiziere fühlen und selbst Ministerposten gleichsam nur im Nebenamt verwalten. Daher denn auch alle großen öffentlichen Kundgebungen sich wie kriegerische Feste ausnehmen: nichts als prunkende Uniformen, glitzernde Helme und schnarrende Stimmen. So bei Eröffnungen von Kunstausstellungen, bei Einweihungen von Kirchen, bei Enthüllungen von Denkmälern für irgendwelche dichtenden oder musizierenden Zivilisten. Ja, sogar die landwirtschaftliche Ausstellung in Schöneberg eröffnete Se. Exzellenz Grafv. Podbielskiin Uniform der Ziethenhusaren und legte in strammer militärischer Haltung die Hand an die Kopfbedeckung, wenn er über Maschinen oder über Erzeugnisse der Landwirtschaft Auskunft zu geben hatte. Man lese über das Kapitel »Im Nebenamt Minister« den Aufsatz vonGünther v. Vielrogge(»Blaubuch« I, Nr. 36), der der öffentlichen Stimmung einen kräftigen, durchaus zutreffenden Ausdruck gibt.
Als unsere deutschen Journalisten in England waren, gefiel ihnen unter vielem anderen gerade dieses vollständige Fehlen einer Untertanengesinnung. Bei jedem offiziellen Mahle wurde des Königs gedacht, aber das Hoch, das man ihm stehend darbrachte, bestand regelmäßig allein in dem Rufe: »the king!«
So stellen sich freie germanische Männer zu ihrem König. Von all dem unterwürfigen, phrasenhaften und in seiner Übertreibung unwahren Gerede, mit dem man bei uns die regierenden Fürsten und deren Familien bis hinab zu dem Prinzchen in der Wiege huldigt, wendet sich ein Mann von gesunder Selbstachtung mit Unwillen ab. Kann man denn seinen König nur kriechend verehren?
So dürfte also die Hofluft und die davon durchsetzte Luft des gesamten Beamtenheeres für die Entwicklung vorbildlicher Mannesart nicht günstig sein.
Man wird uns zum Gegenbeweise Bismarck nennen. Aber damit widerlegt man uns nicht. Wir wissen zu gut, wie schwer, wie nur mit Aufgabe seiner ganzen Kraft er den Mann aus seiner Beamtenstellung rettete, wissen, daß ihn der Kampf gegen die äußerenFeinde nicht annähernd so mitgenommen hat, wie die inneren Kämpfe, wenn seine bessere Einsicht mit dem Gebote des Beamtengehorsams in Konflikt kam, wissen, daß sein Vorsatz, in den Siehlen zu sterben, doch eben nicht durchführbar war, daß er gehen mußte, nicht weil es ihm an Manneswert gebrach, sondern – weil er von dieser Tugend für einen Beamten zuviel hatte.
Seit Bismarck's Rücktritt haben wir lauter pflichttreue Kanzler gehabt. Auch unsere sonstigen hohen und höchsten Beamtenstellen waren und sind mit Männern besetzt, die allen an sie gestellten Anforderungen genügen. Ihre Verdienste erhalten so lebhafte amtliche Anerkennung, wie man es vordem in Preußen nicht gewohnt war.
»Zu Befehl!« ist fast das einzige, was der Unterstellte im Dienste dem Vorgesetzten zu sagen wagt. Das geht so weit, daß selbst vor Gericht die jüngst als Zeugen geladenen Soldaten allen Vorstellungen zum Trotz, anstatt ruhig, sachlich und freimütig zu berichten, stets stramm standen und, die Hand an der Hosennaht, »zu Befehl!« brüllten – Gehorsamsautomaten! – Wer lange Jahre unter dieser Zucht gestanden hat, der wird auch später im Zivil diese Hosennaht nicht wieder los. Sie zieht als eine Art »geistiger Hosennaht« ihre tiefen Furchen in das Gehirn und zerschneidet darin die edlen Zellen, in denen das Selbständigkeits- und Persönlichkeitsbewußtsein seinen Sitz hat. Ehemalige Militärs sollten deshalb in der Regel von solchen Posten ausgeschlossen bleiben, die eigenes Denken und Handeln, eigene Verantwortlichkeit erfordern. Sie sind unersetzlich, wo pünktlicher Gehorsam gebraucht wird.
Sie leisten getreulich, was man von ihnen verlangt und noch darüber hinaus. Weil in letzter Zeit in dem unendlich verwickelten Verwaltungswesen unseres Reiches hier und da sog. »Unregelmäßigkeiten« oder »Unstimmigkeiten« vorgekommen sind oder sein sollen, meinen unsere Zeitungsmänner, die sich vor Gewissenhaftigkeit nicht lassen können, eine Erschütterung altpreußischer Beamtentreue feststellen zu müssen. Davon kann trotz einiger bösen Symptome wohl nicht die Rede sein. Im Gegenteil, wir »verbeamten« immer mehr, freilich im üblen Sinne.
Man hat uns oft den deutschen Beamten als eine der Säulen geschildert, an denen sich das Volk emporranken werde. Ich habe dem jederzeit Beifall gespendet. Allgemach hat sich aber meineMeinung geändert. Ich fange an, in der rapid wachsenden Menge von Beamten und in der Verbreitung der Beamtenqualitäten eine Gefahr zu sehen. Wenn wir zu viele Beamte, Untergebene haben, so haben wir damit auch zu viele gebundene, unfreie Intelligenzen und Moralitäten. Es gibt ein sehr lehrreiches Buch des SpaniersBalthasar Gracianus»Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit«, aus dem Originale bekanntlich vonArthur Schopenhauerübersetzt, darin rät der Weltweise (7): Sich vor dem Siege über Vorgesetzte hüten! Denn: alles Übertroffenwerden ist verhaßt, aber seinen Herrn zu übertreffen ist entweder ein dummer oder ein Schicksalsstreich. Stets war die Überlegenheit verabscheut; wieviel mehr die über die Überlegenheit selbst – Verstand ist eben die königliche Eigenschaft, und deshalb jeder Angriff auf ihn ein Majestätsverbrechen. Fürsten sind sie, und wollen es in dem sein, was am meisten auf sich hat, Sie mögen wohl, daß man ihnen hilft, jedoch nicht, daß man sie übertrifft: der ihnen erteilte Rat sehe daher mehr aus wie eine Erinnerung an das, was sie vergessen, als wie ein ihnen aufgestecktes Licht zu dem, was sie nicht finden konnten. Eine glückliche Anleitung zu dieser Feinheit geben uns die Sterne, die, obwohl hellglänzend und Kinder der Sonne, doch nie so verwegen sind, sich mit ihren Strahlen zu messen.
Da haben wir denselben Gedanken, denHeinein die Worte kleidete: »Wer einem König widerspricht, der widerspricht mit Unbedacht.«
Der Kampf gegen einen Vorgesetzten oder eine vorgesetzte Behörde ist – zumal in Preußen – stets aussichtslos, es ist der Kampf des Einzelmenschen gegen eine allmächtige Institution. »Ich kann doch nicht«, sagte Voltaire, »wie er (der Große Friedrich) 150 000 siegreiche Soldaten aufmarschieren lassen.« Sehr richtig. Man gebe mir »100 000 Schnurrbärte« (Voltaires Wort) und dann lerne man meinen Kopf respektieren! Der Beamte ist eine Nummer in der großen Personalliste, ein Rädchen, ein Nagel, eine Schraube an einer Rechenmaschine, jederzeit durch eine neue zu ersetzen. Beamte sind zu gebunden, um sich zu freien Männern ausbilden zu können. Man schreibt ihnen in den wichtigsten Lebensfragen die Gesinnungen vor.
Ich nehme praktische Beispiele. Ein Lehrer muß einer Staatskircheangehören. Wenn ein Offizier Dissident wird, muß er den Dienst verlassen. Bekannt ist, daß der Dissident Oberlehrer Dr.Rudolf Penzigvon der Regierung als Mitglied der Schuldeputation in Charlottenburg nicht bestätigt worden ist. Sozialdemokraten dürfen nicht Beamte werden. Nun sind aber viele tausende kleiner Beamten geheime Sozialdemokraten und dadurch zu lebenslänglicher Heuchelei gezwungen. Ich halte die Ausschließung der Sozialisten vom öffentlichen Dienste für verfassungswidrig; denn vor dem Gesetze sind alle Bürger gleich. Die Sozialdemokratie verficht ihre Überzeugungen in legaler Weise. Sie ist im Reichstage vertreten, also eine anerkannte Partei. Wenn sie Verfassungsänderungen anstrebt, so ist das ihr gutes Recht. Von oben her plant man und führt man sogar gewaltsam Verfassungsänderungen durch. Bekannt ist, wie C. BernhardShawsich im »Berliner Tageblatt« über diese angeblich staatsgefährliche Partei aussprach: »… sie ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und bürgerlichste Partei Europas. Ihre Parteivertretung im Reichstage ist keine rohe Partei der Tat, sondern eine Kanzel, von der herab Männer von respektablem Alter und mit alten Ideen einer verworfenen kapitalistischen Welt eindrucksvolle Moralpredigten halten« – –
Es ist wirklich nicht einzusehen, inwiefern ein Sozialdemokrat gefährlicher sein sollte als etwa ein Stockkonservativer. Umsturz wünschen im stillen beide, der eine von oben her, der andere von unten her. Das ist der ganze Unterschied. Und wahr bleibt das auch von Bismarck anerkannte Wort, daß die Revolutionen immer von »oben« verschuldet werden. Betrachtet man sie geschichtlich, so stellt man sich als billig denkender Mensch auf die Seite der bedrückten und den Fortschritt verfechtenden Parteien. Freilich, wer im Besitze ist, der meint auch im Rechte zu sein. Als ob altes Recht nicht zu Unrecht werden könnte!
Jedenfalls also sind Beamte, denen die politische Richtung vorgeschrieben wird, in ihren Überzeugungen nicht frei: verstößt einer gegen die staatliche Vorschrift, so muß er sich verleugnen oder seiner Wege gehen, das heißt zumeist mit Frau und Kindern hungern lernen. Eine Anzahl kostbarer Mannestugenden werden im Beamtenleben gepflegt und herangebildet, die köstlichste aber, die freie Ausübungreligiöser oder politischer Überzeugungen, nicht. Gehorsam ist des Dieners Schmuck.
Dreihundert Lehrer und Lehrerinnen konnten es in Bremen nicht durchsetzen, daß ein Schulinspektor, der sie durch seine bureaukratisch-engherzige Praxis quälte, beseitigt wurde. Im Interesse der Disziplin und amtlichen Autorität mußten diese dreihundert Beamten weiter Unwürdiges ertragen. Der Organismus steht dem Staate höher als die Individuen, das System höher als die lebenden Menschen. Dem Staatsprinzipe werden ernste Überzeugungen und tiefe Empfindungen geopfert. Wenn das nötig ist – was hier nicht untersucht werden soll –, so ist jedenfalls auch das Beamtentum keine Schule zur Pflege und Ausbildung von Mannhaftigkeit.
Einem Sozialdemokraten werden in Preußen amtlich auch die sittlichen Werte abgesprochen, die für das Amt eines Erziehers erforderlich sind. Gewiß, sozialistische Lehren gehören in keine Schule, wie überhaupt jede Politik, auch die kapitalistisch-antidemokratische, ausgeschlossen sein müßte, aber von unseren Lehrern sind schon zahlreiche Sozialdemokraten und es ist gar nicht einzusehen, weshalb ihre politische Überzeugung ihnen als sittlicher Makel angerechnet werden soll. Mit gleichem Rechte hätte man die Revoluzzer von 48, Männer wie Miquel, Richard Wagner, Lothar Bucher als unsittlich bezeichnen dürfen. Sittlichkeit hat mit politischer Parteistellung nichts zu schaffen. Ich erinnere mich im vorigen Jahre eine kleine Broschüre eines Subalternbeamten gelesen zu haben, eines ersichtlich biederen, treuen Menschen, der offen bekannt, er und fast alle die kleinen Beamten, die er persönlich kenne, wären Sozialdemokraten, wagten es nur nicht offen zuzugeben. Sollte Deutschland einmal Republik werden, so wird man den Monarchisten die sittliche Tüchtigkeit absprechen, die Jugend zu lehren, wie etwa im altrepublikanen Rom, wo auf dem Namen König ein Fluch ruhte.
Als überzeugter Anhänger des Königtums, als Gegner der aussichtslosen Sozialdemokratie wünschte ich, daß man auch dieser Partei gegenüber die preußische Devise zu Ehren brächte: suum cuique. Nach der Verfassung sind auch die Sozialisten zu allen Ämtern zuzulassen. Man sieht sie in Amerika, England, Frankreich in einflußreichen Stellen, ohne daß dort die Staaten darüber ins Wanken gerieten. Auch die Zentrummänner galten lange als Reichsfeinde. Jetzt sindsie zu Gnaden aufgenommen. Das war ein notwendiger Akt der Gerechtigkeit. Das deutsche Volk hat das Recht, sich seine religiösen Überzeugungen und ebenso seine politischen selbst zu bilden und der Satz iustitia fundamentum regnorum hat sich noch stets bewährt. Die Zurücksetzung der Sozialdemokraten trägt in unsere niederen Volkskreise eine große Erbitterung. Sollten wirklich drei Millionen deutscher Männer, auf deren Beistand der Staat in jeder Not und Gefahr doch rechnen muß, von denen er Steuern an Gut und Blut einfordert, zur friedlichen Mitarbeit an diesem Staate unfähig sein?
Am klügsten von den Sozialdemokraten, wenn sie, wie es tatsächlich viel geschehen mag, auf die Staatskrippe verzichten, um sich den Rest von Freiheit zu retten, den einem deutschen Proletarier Staat und Gesellschaft und die Zucht seiner eigenen strammen Parteiorganisation noch übrig läßt. »Dort, wo der Staat aufhört,« sagt Nietzsche, »da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist.«
Das Verhältnis des Beamten zu seinem Vorgesetzten ist nicht das des Lehnsmannes zu seinem Lehnsherrn. Es entscheidet nicht die persönliche gegenseitige Zuneigung, es ist kein gleichseitiger, allzeit lösbarer Kontrakt zwischen zwei freien Männern. Nicht daß gegenseitige Achtung und Wohlwollen ausgeschlossen wäre. Es gehört aber nicht zum Wesen des Verhältnisses, ist mehr eine freiwillige Zugabe als ein Pflichtgebot. Gegen Mißhandlung kann der Untergebene zwar klagen, aber gegen eine ganze Skala von demütigenden und herabsetzenden Behandlungen ist er machtlos. Dazu kommt unser völlig veraltetesDisziplinargesetz. Dieses, unmittelbar nach dem Revolutionsjahre von 1848 (nämlich am 21. Juli 1852) zur Niederhaltung jeder freiheitlichen Regung erlassen, macht den deutschen Beamten seinen Vorgesetzten gegenüber fast rechtlos. Man braucht nur an die tief beschämenden Kulturbilder zu erinnern, die in jüngster Zeit sich an den Namen Pötter und an Trakehnen knüpfen. Besonders der Fall Pötter, der sich in Pommern abgespielt hat, zeigte dem erstaunten deutschen Zeitungsleser, welche Tyrannei ein Prediger, der Vorgesetzter von Dorfschullehrern ist, auszuüben vermag, belehrte uns, was – um mit dem »Türmer« zu sprechen (1906, Heft 4, S. 523) – »was deutsche Männer, deutsche Jugenderzieher, jahrelang, ohne mit der Wimper zu zucken, an moralischen und körperlichen Mißhandlungen und Beleidigungen wie stumme Hunde hinunterzuwürgenimstande sind«. Der ›Türmer‹ spricht mit Recht die Hoffnung aus, »daß unser Lehrerstand es nicht bei der Erkenntnis seiner Bedeutung für Volk und Vaterland bewenden lassen, sondern sich auch der eigenen sozialen und politischen Kraft bewußt werden möge. Geschenkt werde einem heut so leicht nichts, zu denbloßartigen Kindern kommen die Kompottschüsseln zuletzt – oder überhaupt nicht«.
Wenn der deutsche Lehrer oder Kanzlist auf der Bühne oder in Romanen auftritt, so zeigt er sich in einer völlig unmännlichen Haltung, ganz Gehorsam, Unterwürfigkeit seinen Vorgesetzten gegenüber; erscheint als ein innerlich gebrochener oder plump trotziger Mann, der zum Äußersten bereit ist: Demut oder Verzweiflung. Man lacht oder spottet darüber. Die Sache ist aber tiefernst, tieftraurig. Schuld daran ist eben unser Disziplinargesetz, das leider nur wenige Deutsche kennen. Würden sie es kennen, sie müßten sich wie ein Mann dagegen auflehnen; denn es ist hart und finster, ist ein trauriges Erbe mittelalterlicher Unduldsamkeit und Menschenentwürdigung.
Man höre: Wenn sich z. B. ein Lehrer über einen Vorgesetzten beschwert, so ist die Behörde nicht verpflichtet, auch den Lehrer nach Vernehmung des Vorgesetzten noch einmal zu hören, sondern die Aussagen des Vorgesetzten gelten als erwiesene Tatsache.
Wenn ein Vorgesetzter über einen Lehrer Klage führt, so entscheidet die Behörde, ohne vorher den Lehrer auch nur gehört zu haben oder etwa Zeugen des Angeklagten. So kann nach der parteiischen Angabe des Vorgesetzten die vorgesetzte Behörde entscheiden und tut es oft im Interesse der Disziplin und keine Verfügung, kein Gesetz steht dem entgegen. Und so verfährt man nicht etwa nur jungen Dorfschullehrern gegenüber, die bei ihren grünen 20 Lebensjahren und bei ihrer deshalb noch mangelnden Lebenserfahrung eine väterliche Amtsüberwachung ertragen könnten und würden – vorausgesetzt, daß sie tatsächlich väterlich wohlwollend wäre – nein, dasselbe Verfahren kommt in Anwendung gegen Gymnasialprofessoren, die schon ein Vierteljahrhundert der Ehre würdig befunden wurden, deutsche Jünglinge zum Höchsten zu bilden und zu erziehen!
Ohne vorheriges Verhör können auch sie auf die Angaben ihres Vorgesetzten Verweise und andere Strafen bekommen. Erfreulicherweise halten sich unsere Behörden in der Regel nicht so streng anden Buchstaben des Gesetzes, daß es in seiner ganzen Härte zur Anwendung kommt. Mir sagte ein namhafter Jurist, daß dieses Gesetz tatsächlich kaum noch zu brauchen wäre. Aber doch bleibt es in Kraft?! Ich mache alle, die es angeht – und eigentlich geht es jeden deutschen Mann an, welchen Standes er immer sei –, auf einen vortrefflichen Aufsatz über »die Reformbedürftigkeit des preußischen Disziplinargesetzes vom 31. Juli 1852« aufmerksam. Er stammt aus der Feder des Berliner Rechtsanwalts Abramczyk, des Syndikus des Berliner Lehrervereins. Der Aufsatz ist in der »Pädagogischen Zeitung«,[12]dem Hauptorgan des deutschen Lehrervereins abgedruckt (34. Jahrg. Nr. 48, 30. Nov. 1905). Wer außerdem die von dem Berliner Stadtlehrer HerrnF. A. Müller(Wilmersdorf, Weimarschestr. 1) in regelmäßigen Jahresberichten gesammelten Disziplinarfälle der Volksschullehrer prüft, der findet sich zu dem Geständnisse gezwungen, daß unter einem solchen Gesetze freie, charakterstarke, ruhige und selbstbewußte Lehrerpersönlichkeiten unmöglich wachsen können. Leider scheint man sich in akademisch gebildeten Kreisen für das Verfassungsleben der alten Spartaner, Athener, Phönizier, Römer und Etrusker, für die Rechtslage auf den Sundainseln oder bei den alten Maias mehr zu interessieren, als für die Rechtslage, den Rechtsschutz und die Gewissensfreiheit der deutschen Volksschullehrer.
Zum Glück erstehen diesen aus den eigenen Reihen tapfere Vorkämpfer, die gern ein Martyrium auf sich nehmen, um die große Sache der deutschen Schule zu retten, die zugleich die Sache des deutschen Volkes ist, Männer, die sich auflehnen gegen den Geist des öden Formalismus, der geistigen und moralischen Knebelung ihres Standes. Wenn die Deutschen mehr Sinn für ethische Probleme hätten und diese wichtigste aller Kulturfragen mit gleichem Ernste studierten wie die Theaterberichte oder Kurszettel, so hätten wir das »Jena« auf dem Schulboden jetzt nicht erlebt und brauchten nicht über erlittenes Unrecht zu klagen.
DieBremenservoran haben den Kampf gegen diesen Ungeist tapfer aufgenommen. Einer ihrer tüchtigsten Mitkämpfer, Gansberg, ein Lehrer von Gottes Gnaden, hat am 11. Mai 1906 im Bremer »Elternbund« unter stürmischem, lang anhaltendem Beifall seinenProtest vorgetragen (»Bremer Nachrichten« vom 13. Mai 1906): »Wir fordern Freiheit und Vertrauen für unsere Arbeit. Wenn aber ein unfruchtbarer bureaukratischer Geist in den Schulen umgeht, dann kann ein so wichtiges kulturelles Werk wie die Schulreform nicht gefördert werden. Wie aber ist dieser Geist, der die freien Regungen der jugendlichen Kräfte zusammenschnürt durch widerliche Rechthaberei und rücksichtslose Draufgängerei, wie ist dieser Geist zu fassen? Nur dadurch, daß man ihn öffentlich brandmarkt. Die Öffentlichkeit hat das größte Interesse daran, zu wissen, was in ihren Schulen vorgeht; alle Staatsbürger und vor allen die Eltern haben die heilige Verpflichtung, sich um den Geist zu kümmern, der unsere Schulen leitet, dennihnenundnicht der Behördegehört die Schule. Und wie ich es für meine Aufgabe erachte, die Öffentlichkeit immer mehr noch für die Bedürfnisse der Schulkinder und die Arbeit der Schulreform zu interessieren, so erachte ich es auch für meine unbedingte Pflicht, allgemeine und prinzipielle Schäden unseres Schulwesens öffentlich als solche zu kennzeichnen. Wie aber, wenn nun dieses schädliche System sich zufällig in der Person eines meiner Vorgesetzten verdichtet? Da heißt es: Gehorsam oder – Opfer! Man wird mir Schweigen gebieten. Wie aber wird die Elternschaft sich stellen? Hat sie ein Interesse daran, daß der Verwaltungsapparat ungestört funktioniert? Ich denke, das ist ihr völlig gleichgültig; ich denke, daß ihr das Wohl der Schulkinder über alles geht und daß sie die gesunde Schulatmosphäre doch viel, viel höher einschätzt, als eine geräuschlos arbeitende Verwaltungsmaschinerie. Darum hoffe ich zuversichtlich, daß die Elternschaft in einem solchen Konflikte auch stets auf der Seite derer zu finden sein wird, die für das Wohlergehen der Kinder eintreten!«
Bravo! Das heißt mannhaft gesprochen.
Ich habe in Berlin und in München Protestversammlungen der deutschen Lehrerschaft mit angehört und begreife nicht, wie es möglich sein soll, Männer, die sich gegen den herrschenden Religionsunterricht so ablehnend verhalten, zu diesem noch fernerhin amtlich zu zwingen. Es wird ja natürlich geleistet werden, was und wie die Instruktion es fordert, daß dabei aber zahlreiche Lehrer innerlich gebrochen werden, davon wird die Welt zunächst nichts erfahren.
Allen denen, die sich über den neuen Geist des Unglaubens, derZersetzung und Auflehnung entrüsten, sei gesagt, was sie selbst wissen müssen, daß nicht unsere Volksschullehrer, sondern unsere gesamte Entwicklung, der Fortschritt der Naturwissenschaften, die gelehrten Forschungen der Theologen selbst an dem herrschenden Zustand schuld sind oder – besser gesagt – das Verdienst daran haben. Die meisten, die über unsere Lehrer klagen, kennen die Lage gar nicht. Ich empfehle ihnen zur Probe einmal ein Jahr lang nach irgendeinem staatlich anerkannten Religionsbuch kleinen Kindern den rechten Glauben beizubringen. Ihre Seele würde sich, wofern sie überhaupt eine Seele haben, vor Qualen winden. Es gehört schon ein gehöriger Grad von Untertanen- und Beamtendemut dazu, um mit sittlichem Ernste, mit Wärme und Überzeugungskraft unschuldigen, vertrauensseligen Kindern jahraus jahrein Glaubenssätze als heiligste Kost darzureichen, an die man selbst nicht mehr glaubenkann. Ich möchte jedenfalls den dritten Artikel meinen Kindern nicht beibringen müssen, der bekanntlich von der Heiligung handelt und – wie die meisten christlichen Lesernichtmehr wissen werden – also lautet: »Ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige, allgemeine, christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden. Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.« Dazu nehme man, weil es unsere armen Kinder doch wörtlich lernen, ihre noch ärmeren Lehrer es ihnen beibringen müssen, bis es »fest sitzt« aus Luthers nunmehr bald 400 (!!) Jahre altem Kleinen Katechismus (1529), seine angeblich klare Erklärung: »Was ist das? Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten« … Zu dieser Erklärung geben nun die neuen Lehrbücher (so Fürbringer-Bertrams »Biblische Geschichte« 4. Aufl.) wieder eine notwendige Erklärung: »Der heilige Geist hat mich mit dem rechten Vertrauen auf die Erlösung durch Christus erfüllt, mich dadurch aus der Gemeinschaft der Sünden genommen und der heiligen Gemeinschaft mit Gott teilhaftig gemacht und hilft mir, daß ich darin bleibe.« Bitte, mein Verehrtester, machen Sie das einmal einer Klasse von 100–120 Bauernkindern klar und glaublich. Vor allem aber bekennen Sie sich selbst aus ehrlicher Überzeugung dazu.
Es sind jetzt 128 Jahre her, daß der sterbende Voltaire auf die Frage, ob er die Göttlichkeit Jesu anerkenne, den Pfarrer mit den Worten abwies: »Mein Gott! Sprecht mir doch nicht von diesem Menschen und laßt mich ruhig sterben!«
Was ist seitdem geschehen, die Göttlichkeit Christi zu erweisen? Nichts! Stets dasselbe Pochen auf Geschichtsquellen: »Es stehet geschrieben«, auf Geschichtsquellen, die sich obendrein als durchaus unzuverlässig erweisen und hundertfach selbst widersprechen. Und dennoch die alte Lehre in Geltung? – stat pro ratione voluntas.
Zur Zeit des Großen Friedrich galt es als ein Verdienst, der Aufklärung seine Kraft zu widmen. Die in ernstester Geistesarbeit gewonnenen Kenntnisse von dem Organismus des Weltalls, der Entwicklung der Erde, der Entstehung des Lebens auf der Erde, die historisch klarere Einsicht in die Stellung des Christentums zum Judentum und den anderen orientalischen Glaubensformen, die Prüfung und Bewertung unserer Glaubensüberlieferung, all das, geleistet unter dem Schutze des Staates und für staatliche Bezahlung, gelehrt in staatlichen Hochschulen, soll trotzdem, wenn es den regierenden Parteien so paßt, als wertloser »Aufkläricht« bespöttelt und beiseite geschoben werden? Gehören zu der wertlosen Aufklärerei etwa auch die Geistestaten des Kopernikus und Galilei? Oder wo sollen wir aufhören, der Wissenschaft zu folgen? Soll vielleicht unser Kaiser die Grenze ziehen? – wie er es ja tatsächlich im Falle der Babel-Bibel-Forschung tun wollte. Hüllen sich nicht die Vertreter der staatlichen Kirchen selbst in den Prunkmantel der Wissenschaft? Gehen sie nicht selbst mit trockenen Schlüssen und »Beweisen« an die ewigen Geheimnisse heran, um dann, sowie sie nicht mehr weiter können, den Glauben anzurufen? Immer wieder kommen sie, uns zu sagen, daß die Wissenschaft noch keines der letzten Rätsel gelöst habe, daß Darwin, Haeckel und die Naturforscher alle uns nichts Dauerndes geben könnten. Das wissen wir auch. Aber das gleiche gilt von der Kirche. Auch der Glaube gibt uns nur menschliches Hoffen und Wähnen. Alle Götter der Erde waren bisher Menschenschöpfung. Die Wissenschaft führt uns jedenfalls weiter und belebt unsere Geisteskräfte. Sie hat für den, der ihr mit Hingabe dient, etwas Befreiendes. Das gleiche kann man von der kirchlichen Bildung nicht sagen. Im Gegenteil.Was Ludwig Thoma in seinem die katholischen Kreise tief erregenden Roman Andreas Vöst schreibt, werden Unzählige gern unterschreiben. »Alles Befreiende war dieser klerikalen Bildung genommen. Ohne Fühlung mit der Gegenwart, schöpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte. Mit ängstlichem Bemühen waren die Schranken aufrecht gehalten, in denen von jeher der Geist verkümmerte. – Neun Jahr unter den Händen von Lehrern, die alles in eine Form gießen, wie sollte sich da ein junger Mensch ganz frei halten von ihren Einflüssen? Es war viel, wenn das Wachstum nicht ganz erstickt war.«
Leider gilt das gleiche von der religiösen Seminarerziehung, einem Fegefeuer, durch das unsere evangelischen Volksschullehrer geläutert werden. Ausgedörrt kommen sie daraus hervor, nämlich dürr und trocken an Glauben, aber zugleich heiß vor Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis. WennFriedrich Paulsenmit Recht sagt, daß nie ein solcher Bildungshunger gesehen worden sei als jetzt in Deutschland, so gilt dieses Lob besonders unseren Volksschullehrern. Hier kommt es nur darauf an, zu sagen, daß unsere Volksschullehrer zu hoch stehen, als daß sie zu einem orthodoxen Religionsunterricht kommandiert werden könnten. Sie kennen die theologische Literatur, haben zum Teil wohl Schriften von Dr. Fr. Strauß, A. Harnack, O. Pfleiderer, B. Weiß, und wenn nicht diese größeren Werke, so doch E. von Hartmanns »Das Christentum des Neuen Testamentes« oder W. von Schnehens »Der moderne Jesuskultus« gelesen (Neuer Frankfurter Verlag, 1906. Preis 1 M.), vielleicht auch dessen Aufsatz »Die jüdische Natur der Lehre Christi« (Der Vâhan VII, 1906, Nr. 12), vor allem auch K. Kalthoff gelesen. Die pädagogischen Fachblätter, zumal Wilhelm Schwaners »Volkserzieher«, lassen keine dieser Erscheinungen unbeachtet und ungewürdigt. Allso gebildete Männer stehen der Bibel völlig frei gegenüber und verdienen deshalb nicht den leisesten Tadel. Man könnte ihnen mit gleichem Rechte vorwerfen, daß sie nicht mehr an die stillstehende Erde, an ein massives Himmelsgewölbe glauben oder daß sie mit der Eisenbahn fahren. Was soll also die Klage, daß sie nicht mehr »rechtgläubig« sind? Rechtgläubig im Sinne Luthers ist heute niemand mehr. Denn auch der Glaube, solange er noch etwas Leben hat, wandelt sich. Der Glaube an Jupiter und Hera freilich ist endgültig fest und – erstorben.