XII.Parlamentarier.

Hauptschuld an der Mißstimmung trägt der Beamtencharakter und die zu strenge Gängelung der Lehrerschaft. Ich habe schon manch hartes Wort gedruckt, aber noch nie hat jemand gewagt, an meiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln, jedenfalls habe ich nichts derart zu hören bekommen. Trotzdem liebe ich es, Zeugen für meine Behauptungen beizubringen. Doppelt genäht hält besser. Gymnasialprof. Dr.Paul Förster, auch kein leichtfertiger Knabe mehr, einer, der im großen Kriege mitgekämpft und im Reichstag Sitz und Stimme gehabt hat, schreibt in seiner Streitschrift »Deutsche Bildung, deutscher Glaube, deutsche Erziehung« (Ernst Wunderlich, 1906 Pr. M. 1,60, geb. M. 2.–): »Unsere Schulen sind die Stätten des Zwanges, der Abrichtung, der Unnatur. Wo aber keine Freiheit herrscht, noch Liebe, noch Natürlichkeit, da kann sich auch keine rechte sittliche Reife herausbilden; mindestens leidet sie an Unfertigkeit, Unselbständigkeit, an dem Mangel durchgebildeter Persönlichkeit! Die Unwahrhaftigkeit aber, aus Gehorsam, Berechnung und Gewöhnung Begeisterung für Dinge zu heucheln, für die sie keine hegen, nehmen sie mit ins Leben hinaus.« Wer uns beide aber der Übertreibung zeihen will, dem seien zum Studium all die Äußerungen von Fachmännern empfohlen, über höhere Schüler gefällt, die durch Einblick in ihre Pennalverbindungsakten einmal ihr Geistesleben näher beobachten konnten. Man findet das jetzt alles in einem sehr ernsten, nützlichen und gerechten Buche von Direktor Dr.Max Nath(Schülerverbindungen und Schülervereine, B. G. Teubner, Leipzig 1906) gesammelt, gesichtet und kritisch verwertet. Da sprechen Direktoren und Lehrer mit Bitterkeit und Entrüstung von den Beobachtungen, die sie machen mußten: »Verflachung und Vernichtung alles tieferen, geistigen Lebens.« – »Tagelang«, ruft der eine aus, »habe ich in dem Wust des vor mir aufgeschichteten Materials nach irgendwelchen Symptomen besseren Strebens, ja auch nur nach Anklängen an geistige Bildung gesucht: ich konnte mir nicht vorstellen, daß eine auch noch so weit von ihrem Ziele abgeirrte Gymnasialjugend nicht wenigstens Spuren von höherer Bildung, und wären es auch ganz unbeträchtliche, durchblicken lassen sollte. – Das alles starrt von einer solchen Öde und Inhaltslosigkeit, ist so bar alles ernsteren Interesses, daß es schwer ist, einem anderen eine Vorstellung davon zu geben, ohne inden Verdacht der Übertreibung zu kommen.« – Ein anderer klagt: »Der nichtige Drang, groß zu tun mit Dingen, die dem Schüler noch nicht gestattet sind – schamlose innere Überhebung, Entwöhnung von allen den Empfindungen, welche eine tüchtige Jugend den Erwachsenen gegenüber hat« und fragt, »ob eineso entartete Jugendjemals wieder zu reeller Lauterkeit und Festigkeit der Gesinnung herangebildet werden könne«. Alle Arbeit, alles Mühen, im Unterricht den Schülerndie Ideale des Lebens nahezubringen(sic!), ihren wissenschaftlichen Sinn zu wecken, ihre Geisteskräfte zu entwickeln und zu bilden, ihre sittlichen Anschauungen zu reinigen und die Stärke ihres guten Willens zu kräftigen, scheine vergeblich gewesen zu sein. Diese Urteile stammen aus den siebenziger Jahren vorigen Jahrhunderts, wurden also über Jünglinge gefällt, die heute Männer und zum Teil in einflußreichen Stellungen sind. Dieses Scheinwesen findet dann weitere Pflege in den Korps, wo man es mehr auf gute Beziehungen zu irgendeinem einflußreichen Fuchsmajor oder Leibburschen, als auf gelehrte Bildung, fachmännische Schulung und moralisch-sittliches Reifen absieht; das gleiche Scheinwesen trägt man ins amtliche Leben hinüber und beglückt dann, wenn man es zu hoher Stellung gebracht hat, das deutsche Volk mit den Holzfrüchten solcher Unkultur. Man freue sich ehrlich und von Herzen, daß gerade die deutsche Lehrerschaft, die Leute, denen die Zukunft Deutschlands anvertraut ist, diese Scheinkultur nicht mehr mitmachen wollen. Ihr Protest ist ein Gesundungsprozeß, ihr Freiheitsdrang verbürgt uns eine zwar kampfreiche, aber beglückende Zukunft.

Mannhaftigkeit ist ohneOffenheitnicht denkbar. Bismarck hat uns in seiner überragenden Größe das Bild eines Beamten und Staatsmannes vorgelebt, der die Lüge verabscheute und gerade Wege ging. Er hatte damit das ganze Wesen der Diplomatie geändert, die vordem eine Geheimkunst war, auf List, Lug und Trug aufgebaut, die Diplomaten eine elegante, hochangesehene Gaunerzunft, die ihre französische Sprache dazu gebrauchte, ihre Gedanken zu verbergen, stets das Gegenteil von dem zu sagen, was das Herz meinte. Auch das war im Grunde völlig undeutsch.

Der ehrlicheWalther von der Vogelweidehatte, jede Doppelzüngigkeit verabscheuend, den Deutschen ins Gewissen geredet:Ihre Rede sei ja, ja, nein, nein, ein ehrlich Nein sei ihm lieber als ein erlogenes Ja, ›zwo zungen stan unebene in einem munde.‹ Solche Lehren waren längst vergessen und hätteneinemDiplomaten vorbismarckischer Zeit und Schule nur ein überlegenes listiges Lächeln abgelockt. Die Welt, jedenfalls die gut deutsche, hatte gehofft, daß Bismarcks Reckengestalt mit ihrer derben, aber wahrhaft deutschen Rede all dem heimlichen Getuschel und Gemunkel auf den Hintertreppen der Behörden und Gesandtschaftswohnungen ein Ende gemacht hätte, hatte gehofft, wie Bismarck selbst, daß alle, die in seine Schule gingen, von ihm wenigstens »ein bißchen Vornehmheit« lernen würden. Solange er im Amte war, wagten sich auch die lichtscheuen Nachtgestalten nicht in die Nähe seines Adlerblickes. Jetzt aber lesen wir mit wachsendem Unbehagen, daß selbst in den Regionen höchster Politik das alte Intrigenspiel, das Lügen, Betrügen, Spionieren, Denunzieren und Ehrabschneiden wieder üppig in Blüte steht. Was unsHardenüber die 30jährige Amtstätigkeit des Herrnvon Holsteinberichtet, müßte uns als Mythe erscheinen, wenn er nicht so glänzend unterrichtet und wenn von Holsteins Abwehr nicht so kläglich ausgefallen wäre. Hören wir also, wie dieser uns vordem kaum dem Namen nach bekannte, aber einflußreichste deutsche Staatsmann sein Geschäft betrieb! Nur einige Proben! Wem Deutschlands Geschichte und Deutschlands »neuer Kurs« nicht vollständig gleichgültig sind, der hat natürlich schon das Ganze gelesen (»Zukunft« 1906 Nr. 38).

»Nie hatte ein Beamter in einem modernen Staate solche Stellung gehabt. Bis ins ancien régime muß man zurückgehen, um Ähnliches zu schauen. François le Clerc du Tremblay, den die Geschichte als Pater Josef kennt, hat im dunkeln fünfzehn Jahre lang Frankreichs internationale Politik geleitet. Doch der Kapuziner, dem Richelieu blind vertraute, trat immerhin manchmal hervor, ging nach Regensburg auf den Reichstag, verhandelte selbst mit Bernhard von Weimar und hätte gern den Kardinalshut aufs Haupt gesetzt. Daß er bis zu seinem Tode die Graue Eminenz blieb, war nicht sein Verdienst, sondern Urbans des Achten, der dem skrupellosen Politiker den Purpur weigerte. Holstein hat nie in hellem Licht, nie vor einer Hörermenge eine Verhandlung geführt. Er war noch weniger eitel als der Provinzial der Touraine und fühlte sich eigentlich nurin seinem Winkel wohl. Da spann er still sein Netz und pries den guten Tag, wenn eine arme Fliege sich drin gefangen hatte. Solche Tage waren nicht selten; denn das Netz war von Jahr zu Jahr größer geworden. Polyphemos (so nannten ihn manche, weil er mit einem Auge kaum noch sah und, wie der Sohn Poseidons, Menschen verschlang), der unheimliche Kyklop, hieß es, weiß alles; nie bleibt ihm verborgen, wer die Räume eines Reichsamtes betritt und was dort dann geredet wird. Er hat, wie weiland der spanische Karl, die Hand über den ganzen Erdboden und ist euch alles in allem. Überwacht die Diplomatie, hat in jeder Hauptstadt seine Agenten und Spione und liefert Geheimberichte, aus denen der Kaiser erfährt, wie seine Botschafter, Gesandten, Räte und Sekretäre arbeiten und sich die Zeit vertreiben. Vorsicht! Einer, dem der nicht traut, ist verloren. Den Kaiser sieht er fast nie (das würde ja auffallen), kann sich dennoch mit besserem Recht aber als jeder Minister rühmen, das Ohr des Monarchen zu haben. Er hat Schloezer aus Rom, Radowitz aus Konstantinopel, den Zarengünstling Werder aus Petersburg, den Prinzen Reuß aus Wien weggebracht und alle durch Leute ersetzt, auf die er sich verlassen konnte … So mächtig war, als so mächtig galt dieser Mann, dessen Name öffentlich nie genannt werden durfte.«

Keine Frage, daß ein solcher Mann an solcher Stelle auf die ganze Beamtenschafttief korrumpierendwirken mußte. Unfaßbar, daß ein solcher Schädling sich all seinen zahllosen Gegnern zum Trutze, am hellen Tage der deutschen Geschichte, inmitten unseres von tausend Zeitungen bedienten öffentlichen Lebens jahrzehntelang an einflußreichster und verantwortungsvollster Stelle halten konnte. Das beweist uns, daß die Mächte der Finsternis wieder von unseren hohen Regionen Besitz ergriffen haben, daß da Treue und Glauben, Manneswert und Manneswort nicht mehr gelten. Welch Aufrechter getraut sich noch in solche Umgebung, auf so eisglatten Boden?!

Das also ist die hohe Schule für all die »gewissenhaften Beamten«, die sich Führungslisten über ihre Herren Kollegen, geheime Aktenbündel anlegen, die mit verstellter Schrift den Vorgesetzten »schätzbares Material« liefern und mit Anklagen, die der Beschuldigte nie zu hören bekommt, seinen Ruf und seine Stellung untergraben? Natürlich nur »in Wahrung berechtigter Interessen«, »im Dienste der guten Sache«, um als treuer Diener auch über die Amtspflichthinaus dem Staate und dem Herrn »Chef« nützlich zu sein. Vor unsere Phantasie tritt das häßliche Bild einer ganzen Zunft berufsmäßiger Spione, Ehrabschneider, Hintertreppenzuträger, Lügner, Betrüger und Meineidiger, die für ihre schmutzigen Dienste Ehren und Ämter empfangen und mit dem Gelde deutscher Steuerzahler obendrein ein behagliches Leben führen. Werden von oben her so böse Beispiele gegeben, dann darf man sich nicht wundern, wenn korrupte Seelen der »unteren Organe« auch den Bestechungen zugänglich werden und wertvolle Dokumente an Gegner der Regierung ausliefern. Dann hat sie eben jeder, der gut zu zahlen weiß.

Wenn Beamte, die von dem Wohlwollen ihrer Vordermänner und Vorgesetzten alles zu hoffen, von deren Feindschaft alles zu fürchten haben, erst einmal wissen, daß ihnen Zuträgerei und geheime Anzeigen Vorteil bringen, dann ist es aus mit aller Mannhaftigkeit und Offenheit. Wenn den Denunzianten nicht grob die Türen gewiesen werden, wenn nicht – wie das für einen Menschen von normalen Ehrbegriffen selbstverständlich sein müßte – anonyme Anzeigen sofort zerfetzt in den Papierkorb fliegen oder besser noch (da es ja auch Papierkorbplünderer gibt) ins Feuer wandern, dann wanken alle Fundamente des Vertrauens, dann hat der Pfiffigste und Durchtriebenste gewonnenes Spiel und der Aufrechte tut gut, das Feld rechtzeitig zu räumen. Es ist nicht jedermanns Sache, sein Leben dem Kampfe mit Ratten, Schwaben und Wanzen zu weihen.

In unseren Behörden sitzen schon Poloniusnaturen, zu jeder Heuchelei bereit. Wer da Überzeugungen sucht, könnte ebensogut (wie mein alter Lehrer zu sagen pflegte) »Wurscht im Hundestall suchen«. Diese Leute machen alles mit, was verlangt wird. Ich glaube auf Wunsch selbst ein kleines Konfessionswechselchen. Der pflichttreue Beamte weiß, was er sich schuldig ist. Als Bismarck stürzte, sahen wir schon ein beschämendes Stück »deutscher Mannestreue«. Kein Wunder, daß der greise Kanzler ein Menschenverächter wurde.

Als ich jüngst einen hohen Beamten fragte, was ein Herr eines Ministeriums, den ich von Ansehen kannte, für Überzeugungen habe, lachte der Mann hell auf: »Überzeugungen? Mein Gott, sind Sie anspruchsvoll. Der arme Mensch soll auch noch Überzeugungen haben?DieWare gibt's da oben nicht, da sieht nur jeder zu, daß er nicht falle. Im übrigen wird fortgewurschtelt und man sagt sich: ›Solange ich mitmachen muß, hält die Geschichte wohl noch. Nurkeinen Spektakel! Und die Presse nicht auf sich aufmerksam machen. Denn dann ist man geliefert‹.«

Das sind unsere »altbewährten Stützen«, von denen muß sich der Untergebene quälen, muß sich das deutsche Volk zureiten lassen!

Im Kolonialamte ist es schon zum Bruch gekommen. Andere Ämter werden folgen. Wo nicht Mannhaftigkeit das Regiment führt, wo nur Beamtengehorsam und dienstliche Gesinnungslosigkeit herrschen und der am besten gedeiht, der am besten zu schweigen, sich zu beugen, anzupassen und Gesinnungen zu heucheln versteht, da »kann die Wohlfahrt nicht gedeihen«.

Unser Kaiser, ehrlich bemüht und tätig um Deutschlands Macht und Zukunft, hat richtig erkannt, daß wir vor allemMänner,Charakterebrauchen. Wir handeln monarchisch und nach dem alten Grundsatze: »Mit Gott für König und Vaterland«, wenn wir ihm sagen, daß nicht sowohl auf demSalzwasserals in Berlin, bei den hohen und höchsten Behörden der Anfang gemacht werden müßte. Tüchtige Ruderer und Radfahrer, Sportmänner jeder Art, Boxer, Schwimmer, Reiter, verwegene Wagenfahrer hatte man in dem byzantinischen Kaiserreich auch zu einer Zeit, als alle wahrhaft männlichen Tugenden im Volke schon erstorben waren. Tollkühne Seefahrer finden wir unter den chinesischen Piraten, unter griechischen Hammeldieben, unter verbrecherischem Hafengesindel von Neapel und Konstantinopel. Vertrautheit mit dem Meere, zumal von Jugend an gepflegt, sichert uns wahren Manneswert noch nicht. Es ist nur eine seinerÄußerungenund lange nicht die wichtigste.

In unserem Beamtenstaate wird über die tiefsten ethischen Fragen auf dem Verwaltungswege entschieden. Im Reformationszeitalter hat man doch allen Ernstes um jeden Satz des »Glaubens« gestritten und gerungen. Da ging es wirklich um die Sache. Wenn Luther mit Zwingli um das Wörtchen ἔστι heiß debattierte, da lauschte ihnen in ihrer Gewissensnot mit tiefer Spannung und Erregung die Christenheit und spaltete sich in die zwei Lager der Lutherischen und der Reformierten. Von all dem ist ja gar nicht mehr die Rede.

Was würde geschehen, wenn heute durch Ministerialerlaß den Lehrern »bekannt gegeben« würde, daß der Glaube an den heiligen Geist nicht mehr zu halten und den Lehrern deshalb verboten wäre, diesen Teil des christlichen Glaubens den Schülern weiter vorzutragen? Würden die Lehrer eine große Kundgebung veranstalten? Würdenviele den Dienst aufgeben und lieber mit ihrer Familie darben, als ein solches Opfer ihres Glaubens bringen? Die Religions- und Schulfrage ist keine Gewissensfrage mehr, sondern eine Machtfrage und Verwaltungssache, wird deshalb von Juristen besorgt, die noch nie in ihrem Leben eine Religionsstunde erteilt haben und von denen so mancher wohl schlecht bestehen würde, wenn man ihn in Religion für Untertertia prüfen wollte. Man muß solche Herrn, wie ich das Glück hatte, als flotte Korpsstudenten gekannt und ihre damaligen Glaubensbekenntnisse noch im Gedächtnis haben, um zu wissen, was es mit der Forderung auf sich hat, daß »dem Volke die Religion erhalten bleiben müsse«. Soll und muß das geschehen um des Seelenheils willen der Mühseligen und Beladenen? Ach nein, – aus Staatsräson, damit sie gehorsame Untertanen werden und keine Sozialdemokraten wählen. Wer fragt nach der Überzeugung dieser Menschen? Wen kümmert es, ob sie aus schlauer Berechnung irgendeines materiellen Vorteils wegen oder aus ehrlicher Gewissensnot ihre Stimme für oder gegen den von der Regierung empfohlenen Kandidaten abgeben?

Warum wir also so wenige Männer haben? Weil bei uns Überzeugungen und Ideale verstaatlicht sind und weil die Leute am besten vorwärts kommen, die sich ihren Glauben und ihre politische Gesinnung von der Regierung beziehen. Deshalb haben wir so viele Streber im Lande, einen Menschentypus, den das glückliche England auch nach Carl Peters Zeugnis nicht einmal dem Namen nach kennt. Es ist wohl zu allen Zeiten geheuchelt worden, aber so tief ist man wohl selten in charakterloses Scheinwesen versunken, wie jetzt in unseren herrschenden Kreisen. Von deren sog. Idealen ist auch so gut wie nichts mehr echt und stichhaltig.

Ohne eine tiefgreifende Reform unseres ganzen Staatswesens ist nicht zu helfen. Schon ist unendlich viel versäumt. Nur ein Herkules kann die Arbeit leisten, die vonnöten wäre; nur einganzer Mann! Mit Maßnahmen, Verfügungen, sanften Verschiebungen und dem ganzen nun schon zum Spott gewordenen kleinlichen Bureaubetrieb ist nichts mehr auszurichten, am wenigsten aber mit Vertuscheln und mit dem Maulverstopfen unangenehmer Schreier und:

»Wasser tut's freilich nicht!«

Die Wohlanständigkeit unsererParlamentarierrechnet man ihnen in den Kreisen nicht zum Verdienste an, in denen man, der schön gedrechselten Reden müde endlich Taten sehen möchte. AufBismarcksZunge wohnen Blitz und Donner, auchEugen Richtertraf noch kraftvolle Töne; jetzt ist es fast allein der alteBebel, der das Blut der Hörer noch in schnelleres Tempo bringt.

DieSpracheder Parlamentarier, rein formell betrachtet, ist jetzt »matt wie Limonade«. Wir möchten wieder einmal andere Wendungen und besseren Stil hören, als: »Ich stehe den trefflichen Bemerkungen des sehr verehrten Herrn Vorredners sehr sympathisch gegenüber, möchte mir nur hinsichtlich des ersten von ihm berührten Punktes eine kleine Abweichung gestatten und sodann eine neue Frage anschneiden, eine Materie, die, wie mir scheint, der Beachtung dieses hohen Hauses wohl wert sein möchte.« – Himbeersauce mit Schlagsahne, aber gefälschte natürlich. Wir brauchten, da bei uns jetzt alle Lebensmittel gefälscht werden,alle– körperliche und geistige –, auch ein Reichsgesundheitsamt für geistige Nährmittel, brauchten das um so viel notwendiger als das für körperliche Ernährung, weil der Geist höher steht als der Leib.

Le stil c'est l'homme. Ist das wahr, dann haben wir in Deutschland wenig Menschen – Männer. Vor allem haben wir dann in unseren »maßgebenden« Kreisen sehr wenige geschulte Köpfe, die schlicht denken und ein kerniges, gesundes, ich möchte sagen: hausbackenes Deutsch sprechen.

Maximilian Harden hat sich wiederholt das Vergnügen gemacht, Stilproben unserer staatlichen Volksführer mit der roten Tinte zu bearbeiten. Wir haben aus dem Munde von Ministern und Staatssekretären reine Tertianerleistungen geliefert bekommen. Das Deutschunserer Behörden ist ja schon immer ungenießbar gewesen. Sollten es spätere Geschlechter einmal ausgraben, so werden sie daran erkennen, daß wir Barbaren waren. Nicht nur häßlich und schlecht, sondern vor allem matt ist die Sprache unserer Behörden, ohne Kern, ohne Mark, ohne Schärfe, ohne Überzeugungskraft. An Stelle der Kraft findet man aber ein vollgemessenes Maß von Grobheit: »Sie haben sich – Sie wollen – widrigenfalls Sie sich … zu gewärtigen haben.« Dafür ist manche teils ergötzliche, teils empörende Probe in der »Zukunft«, im »Blaubuch«, im »Türmer«, im »Volkserzieher« abgedruckt zu finden, den deutschen Blättern, die nach meiner Kenntnis am eifrigsten an der Aufrüttelung des deutschen Mannesstolzes arbeiten.

Es wäre zu wünschen, daß sich unsere Volksvertreter in den Parlamenten weniger um die fade parlamentarische Höflichkeit kümmern wollten! Das deutsche Volk schickt sie nicht nach Berlin, damit sie dort unter sich und mit den Vertretern der Regierungen Höflichkeiten austauschen sollen. Vor allem mögen sie darauf halten, daß sie als Männer und als Vertreter des deutschen Volkes mindestens die Behandlung von Seiten der Regierung erfahren, auf die Griechen, Serben, Rumänen, Magyaren und andere Völker zweiter und dritter Größe für ihre Volksvertreter Anspruch machen.

Jeder Abgeordnete steht da kraft der »Majestät des deutschen Volkes«. Was er an Mißachtung einsteckt, das verwundet nicht ihn allein, sondern auch uns, die wir ihn zu unserem Mundstück erwählt haben.

Ob er ein fehlerfreies Deutsch spricht oder nicht, ob er mir und mich, Sie und Ihnen richtig anwendet oder nicht, das ist ganz gleichgültig. Wir wollen nicht vergessen, daß wohl 90% der Deutschen die Schriftsprache, die eine Kunstsprache ist, nicht sprechen, daß man also kein Recht hat, bei jedem diese Sprache vorauszusetzen. Onkel Bräsig spricht auch missingsch, aber sein Deutsch ist uns lieber als die Wassersuppen vieler akademisch Verbildeten.

Wenn unsere Volksvertreter aus Bescheidenheit sich zuviel bieten lassen, so büßt Deutschland das auch an äußerer Achtung ein. Ich habe mit Ausländern gesprochen, die es rein unbegreiflich fanden, daß sich die Deutschen von ihrer Regierung wie Schulbuben behandeln lassen. Der mühsam errungene Ruhm einer Weltmachtstellunggeht leicht wieder in die Brüche und alte bösen Urteile oder Vorurteile werden wieder lebendig.Luthersagte in seinen Tischreden: »Es ist keine Nation verachteter, denn die Deutschen. Italiener heißen uns Bestien; Frankreich und England spotten unser, und alle anderen Länder. Wer weiß, was Gott will und wird aus den Deutschen machen; wiewohl wir ein gute Staupe vor Gott wohl verdienet haben.«

Mit den großen Herren muß man deutlich sprechen. Auch dafür ein gut Wörtlein von unserem Doktor Martinus.

Der junge Markgraf Joachim der Andere hat Anno 1532, als er zu Wittenberg gewesen, Doktor Martinum Luther gefragt: »Warum er doch so heftig und so hart wider die großen Herren schriebe?« Darauf hat Doktor Martinus geantwortet: »Gnädiger Herr, wenn Gott das Erdreich will fruchtbar machen, so muß er zuvor lassen vorhergehen einen guten Platzregen mit einem Donner und danach fein mächtig regnen lassen; also fruchtet er das Erdreich durch und durch. Item«, sprach er, »ein weidenes Rütlein kann ich mit einem Messer zerschneiden, aber zu einer harten Eiche muß man eine scharfe Axt und Barten oder Keile haben, man kann sie dennoch kaum spalten; wie denn eine große Eiche von einem Haun nicht fällt.«

Wenn man das matte, fade, feige Gerede der Leute liest, die heute bei uns das große Wort haben, dann ist eine Flucht zu den alten derben Deutschen, zumal aber zu Luther, ein wahres Labsal. Man nennt ihn mit dem Stolze des »Gebildeten« grob und unfein – ja, das war er, aber herzerquickend gesund, echt, wahr und deutlich. Selbst in der Kirche wetterte er gegen die unruhigen Hörer los: »Wollt ihr ja brüllen, brummen, grunzen und murren, so gehet hinaus unter die Kühe und Schweine, die werden euch wohl antworten, aber lasset die Kirche unbehindert!«

Pfui, wie ordinär!

»Einfältig zu predigen«, sagt er ein andermal, »ist eine große Kunst. Christus tut's selber; er redet allein vom Ackerwerk, vom Senfkorn usw. und brauchet eitel grobe, bäuerische Gleichnisse.«

Wir müssen alles daran setzen, den mehr und mehr schwindenden schlichten Bürgerstolz wieder zu heben. Wer einmal holsteinische oder Mecklenburger Höfe besucht hat, der kennt das altgermanische sichere Selbstbewußtsein der Bauern, deren jeder wie ein Fürst aufseinem Reiche steht. Ein Gleiches besaß ehedem der deutsche Bürger.

Der Bürgerstolz aber ist uns mit dem Bürgerstande selbst entwichen. Wir haben in den Städten nur noch Einwohner, Seelen, keine Bürger mehr. Deshalb ist die sog. Mittelstandsbewegung nützlich, ja notwendig.

Es gilt immer wieder den Behörden, den Verwaltenden gegenüber den Wert der produktiven Arbeiter jeden Berufes stark zu betonen.

Maler, Bildhauer, Gelehrte, Schulmeister, Arbeiter haben nicht den geringsten Anlaß, sich vor irgendeinem Fürsten oder Beamten zu demütigen. Sie sind es, die Werke schaffen, jene verwerten bloß das Geschaffene. Wollen wir auch hierzu wieder Luthers Urteil hören?

»Bürgermeister, Fürsten, Edelleute können wir entraten; Schulen können wir nicht entraten, denn die müssen die Welt regieren. Man siehet heut, daß kein Potentat und Herr ist, er muß sich von einem Juristen und Theologen regieren lassen. Sie können selbst nichts und schämen sich zu lernen, darum muß es aus den Schulen herfließen.«

Will man die Werte der Leistungen richtig einschätzen, so frage man in der Geschichte an.

Holbein, Dürer, Hans Sachs sind heute noch Machtfaktoren und herrschen mit ihrem Geiste auf dem weiten Erdenrunde. Wer aber kann uns einen der vielen Hunderte von kaiserlichen Hofräten und sonstigen Beamten nennen, die damals mit Standesstolz auf die Farbenschmierer und den verseschmiedenden Schuster herabsahen?

Wir kennen alle Rousseau, Pestalozzi, Fröbel – wer aber im deutschen Volke weiß etwas von den Beamten, die diese Männer von Staats wegen bewachten, zum Teil sogar verfolgten und peinigten? Viel schon, wenn wir noch ihre Namen kennen.

Wie hell leuchten die Namen derArbeiterauf allen Feldern geistigen Lebens! Wie geachtet leben in dem Andenken der Menschen die Entdecker auf den Gebieten der Wissenschaft und Technik, der Chemie, der Physik, alle Bahnbrecher unter den Naturforschern, Ärzten, alle Schöpfer neuer Werte unter den Künstlern, den Malern, Bildhauern, Architekten, Musikern, Dichtern, Kunstschriftstellern, Lehrern und Predigern: wie selten haben sich Verwaltungsbeamte um die Menschheit gleiche Verdienste erworben! Woher nehmen alsodiese Staatsdiener das Recht und die Anmaßung, unser Volk zu schulmeistern und unwürdig zu behandeln!

Als im vorigen Jahre Prof.Lehmann-Hohenbergim Berliner Architektenhause einen Vortrag über »Reform der deutschen Rechtspflege« hielt, nahmen zwei Polizisten neben dem Redner Platz. Ja, leben wir denn in einem Zuchthaus? Sind alle deutschen Männer unter polizeiliche Aufsicht gestellte entlassene Sträflinge? Muß man das alles schweigend ertragen?

Ich sagte in jener Versammlung selbst, die nur ehrbare stille Bürger und Bürgerinnen, nur Menschen von gesellschaftlicher Kultur besucht haben, daß ich nicht begreifen könne, wie man uns von Staats wegen eine solche Behandlung antue. Engländern dürfte man so etwas nicht bieten.

Die Polizei mag in solchen Fällen vor der Türe warten, ob wir ihre Hilfe wünschen und, falls wir klingeln, hereinkommen, aber recht schnell, recht bescheiden. Das wäre eher ihres Amtes.

Unsere Beamten haben dem Volke zudienen. Minister ist ein lateinisches Wort und heißt Diener. Man sollte zur Aufklärung des deutschen Volkes diese deutsche Benennung wieder einsetzen: »Kgl. preußischer Diener für Bauwesen etc.«.

Es wird gut sein, in einer Zeit, die das preußische Volk wieder zu den trübsten Besorgnissen nötigt, an die harten Verfolgungen zu erinnern, die treue, edle, fleißige, fromme Vaterlandsfreunde von seiten einer geistlich erleuchteten Regierung zu erdulden hatten. Wir müssen uns mit Proben begnügen, denn sonst entstände uns unter der Feder ein starker Band. AlsoeinGlanzstück!

Als Lützower Jäger kämpfteFriedrich Fröbelfür die Befreiung seines Vaterlandes. Als ihm Körners Tod gemeldet wurde, verband er sich im Felde mit zwei Freunden unter Schwüren, dem heiligen Gedanken treu zu bleiben, deren Erkenntnis ihm im Kriegsgetümmel aufgegangen war, ihr Leben der Erziehung der kleinen Kinder zu weihen, dafür zu arbeiten »daß das Christentum Wahrheit werde«. Er arbeitete dann demgemäß mit beiden Freunden an seiner Schöpfung, dem Kindergarten in Keilhau, und brachte ihn zu Ansehen und zur Blüte.

Seine Grundsätze lauteten: »Alle Erziehung, soll sie Frucht bringen, muß sich auf Religion gründen« – »Alle und jede Erziehung,die sich nicht auf die christliche Religion, auf die Religion Jesu gründet, ist mangelhaft und einseitig.« Ich halte diesen Ausspruch selbst für mangelhaft und einseitig, aber einerlei, er beweist jedenfalls Fröbels streng christliches Denken und Fühlen.

Und so sah man denn diesen Mann mit dem reinen Kinderherzen täglich unter Kindern von 3–6 Jahren auf der Wiese spielen und umherhüpfen, daß ihm die langen Haare und die Rockschöße flogen und die Leute stehen blieben, um über den Narr zu lachen. Er aber ließ sich nicht beirren, in den Kinderherzen den Ausgang seiner Lehre und seines Wirkens zu suchen; das Christentum zur Wahrheit zu machen.

Was aber geschah nun? Auf das Revolutionsjahr von 48 folgte die Demagogenverfolgung, und unser lieber, sanfter Fröbel wurde demagogischer oder sozialistischer Tendenzen beschuldigt. Das damalige preußische Unterrichtsministeriumvon Raumerverbot aus politischen Bedenken die Kindergärten. Fröbel, für sein schönes, frommes, edles Lebenswerk zitternd, bat in seiner Eingabe mit beigelegten Druckschriften, sich über Geist und Ziele seiner Kindergärten besser zu unterrichten. Vergeblich, »das von mir reichlich erwogene Verbot«, schrieb v. Raumer, »der nach Ihrem System eingerichteten und geleiteten Kindergärten« bleibt bestehen! Und die Gründe? »Ihre beiden Systeme stimmen im wesentlichen darin überein, daß sie dem Christentum entschieden abgewandte Theorien zugrunde zu legen beabsichtigen.« – Hat man je von einem gröberen Blödsinn einer hohen Behörde gehört? Freilich, die Kindchen von 3–6 Jahren trugen langes Haar und Sommer und Winter keine Kittel – entsetzlich!

Die Schulen mußten geschlossen werden; Fröbel, bis dahin ein Mann von jugendlicher Frische und unermüdlicher Rüstigkeit, war im tiefsten Lebensnerv getroffen, da er sein Werk dahinsinken sah, und starb bald an gebrochenem Herzen.[13]

So wurden deutsche Männer, die für ihr Volk mit ihrem Herzblute stritten, rangen und litten, von ihrer Regierung behandelt! Wer mochte sich da noch aufrecht erhalten?

Aber getrost! Es gibt noch einen Richter, dem selbst preußische reaktionäre Minister sich beugen müssen: das Urteil der künftigen Geschlechter, das Zeugnis der Gerechtigkeit, Wahrheit, Mannhaftigkeit.

Das sinnlose Verbot gegen die Kindergärten mußte in den sechziger Jahren aufgehoben werden. An Fröbels Grab sprach PfarrerRückertdie stolzen Worte, die ihm jetzt die ganze gebildete Welt aus Überzeugung nachspricht: »Hier ruht ein großes, edles Herz von seiner Arbeit. Er hat gearbeitet für die früheste Kindheit und für die späteste Zukunft, gearbeitet auf Hoffnung, und seine Hoffnung war nicht verloren.«

In allen Städten der Erde blühen Fröbelsche Kindergärten auf, ein Strom des Segens ergießt sich von ihnen auf die Kindheit und damit auf die ganze Menschheit, die Ehre des kleinen närrischen Schulmeisterleins, den der Unwille des Ministers mit einem Hauche still machte, ertönt von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht. Von dem Minister selbst aber gilt, was ich in der neuesten Fröbelbiographie lese: »Er hat sich durch das Verbot der Kindergärten in einer für ihn wenig schmeichelhaften Weise den Ruhm der Unsterblichkeit erworben.«

Wenn man in künftigen Jahrhunderten Fröbels Namen preisen wird, dann, aber auch nur dann, wird man auch den eines engherzigen und beschränkten Ministers nennen,etwawie man den Namen des Herostratus nennt, der auch einen Tempel, freilich nur einen von kaltem, harten Stein, vernichtete, um sich berühmt – berüchtigt zu machen.

Das sei denen gesagt, die vorjedemMinister in Bewunderung platt auf den Bauch fallen und die im kleinen Schulmeister ein Nichts sehen, eine zum Dienen und Gehorchen bestellte Maschine, ein willenloses Werkzeug höherer behördlicher Einsicht; sei allen denen gesagt, die da meinen, ein Mann sei gerichtet und vernichtet, wenn sich ihm die Gnadensonne des hohen Vorgesetzten entzieht; sei all den Unmännlichen gesagt, die im Leben nie aus der Schulbubengesinnung herauskommen, nicht leben können ohne ein Wohlverhaltungszeugnis ihres Meisters, die verstummen, sowie sich ein Urteil oder Wille von »autoritativer Seite« kund tut; sei all den feigen und kriechenden Schranzen gesagt, die wie hungrige Hundedie Ministerien umschleichen und gierig nach Gnadenbrocken schnappen; sei allen denen gesagt, die das stolze Wort des Obersten von Butler noch nicht an sich selbst erlebt haben:

»Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ichMich selbst anschlagen will, das steht bei mir.So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,Daß ich mich selber neben ihm verachte.Den Menschen macht seinWillegroß und klein.Und weil ich meinem treu bin, muß – – –«

»Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ichMich selbst anschlagen will, das steht bei mir.So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,Daß ich mich selber neben ihm verachte.Den Menschen macht seinWillegroß und klein.Und weil ich meinem treu bin, muß – – –«

Nun frage man noch, weshalb wir so viele Knechtseligkeit, Lakaiengesinnung, Feigheit und Charakterlosigkeit in Deutschland haben!

DieFrommenundKorrektensind es, die uns die besten Männer rauben. Der Freigeist Friedrich der Große pflegte nach feilen Kriechern und Speichelleckern, die sich vor seinen Augen entwürdigten, den Krückstock zu werfen. Er sprach die Worte, die man an das noch immer aufschriftlose Reichstagsgebäude anbringen sollte: »Ich will absolument, daß so regieret werde, daß die Leute ins Land kommen und nicht hinauslaufen.« Oder noch zeitgemäßer wäre vielleicht sein zweites Wort von ihm: »Ich finde es unverzeihlich, wenn man in die Gewissen und Bedenken der anderen hineinregieren will.«[14]

Wenn sich selbst ein Fröbel wegen unchristlichen Treibens in Preußen nicht halten konnte, dann war darin nur noch für Mucker und Heuchler Platz.

Sollten jetzt wieder die »Positiven« das Heft in die Hand bekommen, dann dürfte sich positiv mancher überlegen, ob er nicht lieber den Staub von seinen preußischen Pantoffeln schütteln soll, um sich ein besseres – das heißt einfreieres– Land zu suchen, wo er als ehrlicher Mann mit seinem eigenen Glauben unangefochten und ungeschmäht leben und wirken darf.

So denken heute, wie die Zeitungen verraten, viele deutsche Männer, die sich bedroht sehen durch den uns in Aussicht gestellten Zusammenschluß der Konfessionen »zum Kampfe gegen den Unglauben«. Man sollte meinen, es handelte sich um einen Kreuzzug gegen die Mamelucken! Es wäre nicht das erstemal, daß Deutschlandeinen Aderlaß erführe, bei dem wie in der Regel gerade das gesundeste Blut abgeht. In den Kampf für ethische Güter treten natürlich nur die tieferen Naturen ein.

Der stumpfen Masse derer, die, um mit Sallust zu sprechen, ventri et peni ergeben sind, ist es gleichgültig, wer ihnen ihr faules und gedankenloses Leben sichert. Als sich im republikanischen Rom die führenden Männer im hundertjährigen Bürgerkriege gegenseitig erschlagen hatten, konnte, wie Tacitus berichtet, ein Kaiser leicht das erschöpfte und um seine Führer beraubte Volk wie eine scheue Sklavenherde beherrschen: die Catonaturen waren eben sämtlich vernichtet. Eine solche Auslese der Stärksten und Besten, öfters im Laufe der Jahrhundert wiederholt, bringt ein Volk schließlich herunter. Wenn man die Sahne abschöpft, bleibt keine nahrhafte Milch zurück. Nimmt man hinzu, wie viele tapfere und starke Männer in den endlosen Kriegen Deutschlands gefallen sind, so erklärt es sich nach dem Darwinschen Gesetz von der Auslese der Besten, wenn die Qualität des Volkes schließlich heruntergeht.

Wir können tatsächlich nichteinenMann entbehren: Jeder aufrechte Bürger ist uns lieb und kostbar.

Mit dem armseligen Bündel auf dem Rücken entwichen Germanias verschmähte und verfolgte Kinder in die Fremde; ihre Enkel kehren als recht protzige Milliardäre zu einem Besuche unseres Kaisers zurück. Man achte keinen Menschen gering; es könnte sich strafen. Louis XIV. wies spottend den »kleinen Abbé« ab, der sich dann in österreichischen Diensten als der gewaltige Kriegsheld Prinz Eugen entpuppte. Graf von Moltke wäre uns beinahe als junger Offizier an Dänemark verloren gegangen.

Und wieviel gute Kraft und guter Wille wurde in Deutschland zwar zurückgehalten, aber lahmgelegt! Umgekehrt: wieviel guten Zuwachs verdankt unser Volk, zumal Preußen, der früher geübten religiösen Duldung! Sollte es sich nicht empfehlen, zu dieser Regierungspraxis zurückzukehren? Unsere Schüler lernen aus ihren Geschichtsbüchern, daß religiöse Duldung alte Tradition der preußischen Königspolitik sei. Soll das in Zukunft anders werden?

Es ist Sache unserer Parlamentarier, das freie Manneswort des deutschen Bürgers wieder zu Ehren zu bringen!

»Die Hauptsache ist, daß man eineSeele habe, die das Wahre liebt unddie es aufnimmt, wo sie es findet.«Goethe.

»Die Hauptsache ist, daß man eineSeele habe, die das Wahre liebt unddie es aufnimmt, wo sie es findet.«Goethe.

»Die Hauptsache ist, daß man eineSeele habe, die das Wahre liebt unddie es aufnimmt, wo sie es findet.«

Goethe.

Die Menschen sind gewohnt, alles, was sie durch ihr Leben hin getrieben, gedacht und erstrebt haben, als das Natürliche und Notwendige zu betrachten. Jede Abweichung davon erscheint ihnen als sündhaft. Chinesen wollen von ihrem Zopf nicht lassen, Haremfrauen nichts von der Emanzipation des Weibes, nichts von Frauenrechten hören, der Buschmann lehnt das Gewehr ab und bleibt bei Pfeil und Bogen, und unsere guten alten Tanten lassen es sich nicht nehmen, daß der Mensch so erzogen werden müsse, wie sie vor 50 bis 60 Jahren von ihren seligen Eltern erzogen wurden. Sie zweifeln keinen Augenblick daran, daß das die einzig richtige, die Normalerziehung war. Wir, die wir die Früchte dieser Erziehung vor Augen haben, gestatten uns im stillen manchmal einen höchst respektlosen Zweifel.

Nicht jeder freilich ist so ergrimmt über alte Unnatur und Hohlheit der üblichen ererbten Hauserziehung, wie es mein Vater war. Man höre! Eine unberufene Erziehungskünstlerin war ihm in seine häuslichen Herren- und Vaterrechte vorlaut eingebrochen, um seiner Tochter, die sie zu »studentenhaft« fand – sie war nämlich frisch, lustig, derb und unangekränkelt –, in das einzuführen, was der Altenburger Bauer die Kondefitche nennt (conduite). Täglich und stündlich gab es da Ermahnungen: »Ein junges Mädchen darf so laut nicht lachen, darf das nicht sagen, darf soviel nicht essen, darf nicht pfeifen, nicht laufen, nicht über Zäune und auf die Bäume klettern, nicht müßig dasitzen. Es muß französisch fließend sprechen lernen, muß ein Tagebuch führen, muß, muß, muß –« ja, was mußte so ein armes Ding nicht alles?

»Denn sieh, meine Liebe, ich habe schon mit zwölf Jahren …, ich habe als erste Schülerin meiner Klasse …, ich habe –« ja, was hatte die gute Tante nicht alles geleistet! Höchst wunderbar, höchst staunenswert! Freilich, das Wichtigste hatte sie leider versäumt, nämlich zu heiraten und Kinder zu gebären, auf die sie den Schatz ihrer Tugenden hätte vererben müssen.

Der Schluß solcher Belehrungen und Vermahnungen war gewöhnlich ein großer Spektakel, Tränenerguß und Verstimmung des ganzen Hauses.

Mein Vater hatte dem lange mit verhaltenem Ärger zugesehen. Endlich aber platzte ihm die Galle und er warf der Tugendpredigerin die Worte ins Gesicht: »Nun aber hat es sein Ende! Hören Sie, was ich Ihnen sagen muß: Das Fürchterlichste, was mir passieren könnte, wäre, daß meine TochterIhnenähnlich würde!« Das half.

Nach diesen Vorbemerkungen wage ich es, sogar vor unsere selbstbewußtesten Väter, Mütter, Tanten, Lehrer, männliche und weibliche Gouvernanten mit unseren modernen Erziehungsketzereien frohgemut hinzutreten.

Ich merke, ichmußeine Vorstellung dieser allgemeinen pädagogischen Anschauungen und Bestrebungen hier erst einschieben, ehe ich von dem Teile, der Erziehung zur Mannhaftigkeit, sprechen kann. Sonst würde ich ganz unverstanden bleiben. Wir müssen also unseren Bau von dem Grunde an neu aufführen.

Die Erziehung ist eben wieder Problem geworden. »Leider!« sagen die Hüter des angeblich bewährten Alten; »gottlob!« sagen wir Zukunftsfrohen.

Unsere Väter wußten, wie man Kinder zu erziehen habe; und wenn sie es selbst nicht genau wußten, so wußte es jedenfallsganzgenau der Herr Gymnasialdirektor oder Volksschulrektor ihres Heimatstädtchens, die staatlich anerkannten Hüter ererbter Erziehungsweisheit und Lehrpraxis.

»Erziehung zu edler Humanität,« sagte der eine, »und zwar auf dem festen Boden altklassischer, christlich-nationaler Bildung«. ›Drei sei einer in ihm, der Hellene, der Christ und derDeutsche!‹ – Nichts einfacher als das! Sehen Sie mich an!«

»Erziehung nach den Geboten der Heilslehre,« sagte der andere als gehorsamer Diener seiner Kirche; denn unsere Volksschullehrerwaren im Nebenamte und auch in der Gesinnung zumeist Küster und hatte, wie auch viele Gesalbte des Herrn, neben dem schwarzgebundenen und mitgoldenemMarterkreuze gezierten Gotteswort in der Regel eine schwanke Haselgerte liegen. In Ausübung der christlichen Nächstenliebe hielten sie sich lieber an das Alte als an das Neue Testament, lieber an Jesus Sirach als an Jesus selbst. Jener empfahl, die bösen Buben überzubiegen und durchzubläuen, Jesus in seiner unendlichen Güte und Menschlichkeit legte bekanntlich den Kindern – guten wie bösen – segnend die Hände aufs Haupt. Man muss halt die Bibel zu lesen und deuten verstehen. Jeder findet darin, was er sucht.

Wer vor diesen Autoritäten nicht bestand, der war für Deutschland so gut wie verloren. Wenn das alte Latein und der kleine Katechismus plus Haselrute nicht weiterhalfen, dann mußte das junge, damals noch so ferne Amerika helfen.

Viele der vermeintlichen Tunichtgute, die dorthin abgeschoben wurden, haben großen Anteil an der erstaunlichen Kulturarbeit, die »drüben« während eines kurzen Jahrhunderts geleistet worden ist.

Erster Fundamentalsatzwar: Der Junge muß seinePflichttun. Was seine Pflicht sei, das bestimmte ihm der gedruckte Lehrplan und seine Lehrer. Wir Modernen fordern, daß die Pflicht den Kindern nicht mechanisch aufgezwungen, sondern ihren persönlichen Anlagen, Fähigkeiten, Neigungen und Kräften angepaßt werde. Wir bekämpfen eine Erziehung, die ihrer kindlichen Natur nicht gemäß ist und ihnen die Arbeit verleidet.

Mit der »verdammten Pflicht und Schuldigkeit« allein ist es nicht gemacht. Auf so rohe Rezepte reagiert das feinere Leben ablehnend und feindlich. Eine Freude, zu sehen, daß die Natur darauf mit Mißerfolgen antwortet. Es ist nicht wahr, daß in der Zeit strengster väterlicher Autorität die Erziehung besonders edle Früchte gezeitigt habe. Im Gegenteil: Familienkonflikte und als Folge gescheiterte Existenzen waren damals eine allgemeine Erscheinung. Gerade in Königsberg und Ostpreußen, wo mißverstandener »Kantischer Geist« am unerbitterlichsten wütete, hatte fast jede Familie ihren häuslichen Krieg mit seinen Opfern. (Vgl.L. Passagea. a. O. oderFanny LewaldsRoman: »Die Familie Darmer«.)

Kein Erzieher unserer Zeit ist für unsere Forderung früher undlebhafter eingetreten alsBerthold Ottoin Groß-Lichterfelde.[15]Ihn zu hören, verlohnt sich. Denn er spricht keinen Gedanken aus, für den ihm sein wissenschaftliches Gewissen und seine Lebenserfahrung nicht sichere Gewähr gäbe. Deshalb wiegen mir seine Sätze alle so schwer. Es sind Selbstbekenntnisse. Dazu kommt, daß mich meine eigenen Erfahrungen in Haus und Schule vielfach zu gleichen Urteilen geführt haben. Sind wir damit im Rechte, so läßt sich unsere staatliche Schule in ihrer jetzigen Gestalt nicht mehr lange halten.

»Der Zwang,« so lehrt er, »taugt im Unterricht gar nichts; er taugt auch gar nichts, wenn er sich gegen den Lehrer richtet. Ja, man kann kaum im Zweifel darüber sein, daß viele Mißstände in unserem Unterrichtswesen auf dem Zwang beruhen, der auf den Lehrer ausgeübt wird. Darum ist unsere Losung:Keinen Zwang, nicht einmal den Zwang, zwanglos zu unterrichten!« Es gilt ihm, bei der Lehrerschaft wie bei den Eltern die Erkenntnis zu verbreiten, auf der seine ganze Arbeit beruht: »daß das Kind ganz von selber geistig heranwächst zu einem brauchbaren Teil des Volksgeistes, innerhalb dessen es mit uns lebt, daß die ganze Aufgabe des Lehrers vielmehr darin besteht, diese Entwicklung, dieses »Erwachstum« zu beobachten, als es zu beeinflussen; daß es für den Lehrer der höchste Ruhm wäre, wenn er von sich sagen könnte, er habe niemals die Erkenntnisfreude eines Kindes gestört«. Er schilt mitRecht auf die Kurzsichtigkeit der Lehrer, wenn sie die Dichtung des Kindes als Lüge auslegen oder Vorstellungsermüdung als Bockbeinigkeit, Interessenüberhastung als Faulheit – alles, wie er sagt,alltäglicheFehler im Unterricht, deshalb doch schleunigst abzustellen. »Ja, die meisten Verurteilungen, die wir unseren Mitmenschen angedeihen lassen, beruhen auf solchen falschen Interpretationen.« Sehr richtig! Deshalb nannten die Griechen das Verzeihen ein Miterkennen (συγγιγνώσκειν), deshalb sagen die Franzosen: Tout comprendre, c'est tout pardonner.

Weiter: »Das Wachstum und die Entwicklung unseres Geistes vollzieht sich fast ausschließlich in seiner Eigenbewegung von Vorstellungen. Wenn diese Erkenntnis allgemein geworden ist, dann – so folgertOtto– hat für die Kinder alle Qual des ›Beibringens‹ ein Ende; dann weiß man eben, daß man damit höchstens das Geistesleben mit einer Anzahl von Fremdkörpern belastet, aber seine Entwicklung niemals fördern, sondern nur hemmen kann, und dann wird man erschrecken vor der Ungeheuerlichkeit, dem heranwachsenden Kinde tagein tagaus, von Stunde zu Stunde vorschreiben zu wollen, womit es sich beschäftigen, was es denken soll.« Zum Glück kann er sich dabei auf Plato berufen, denn das gibt ihm Halt und Schutz den altklassischen Schulorthodoxen gegenüber.Platosagt nämlich in der Politieia (536 E): »Das freigeborene Kind darf keinen Lehrgegenstand sklavisch erlernen. Der Körper freilich, dem man gewaltsam Strapazen aufnötigt, wird dadurch nicht geschädigt, aber in der Seele haftet keinerlei aufgezwungene Erkenntnis.«

Auch zum sittlichen Handel – und das geht uns hier besonders an – wird man nachB. OttosMeinung nur durch dieÜbungim sittlichen Handel erzogen, niemals aber lediglich durch moralistische (»moralinsaure«) Redereien irgendwelcher Art. Er selbst ist der schweigsamste und vielleicht gerade dadurch wirksamste Erzieher. Die »Drönbartels« aber auf Kanzel und Katheder richten erfahrungsgemäß wenig aus. Es sei denn, daß sie Heiterkeitserfolge erzielen.

»Der Lehrer und der Erzieher kann alsPersönlichkeitden Zögling begeistern und dann in ihm Begeisterung auch für andere Dinge und Persönlichkeiten entzünden. Aber wem das nicht von selber gelingt, dem hilft auch keine Anweisung dazu.« – »DieGegenwartschule ist eine Zwangsanstalt, in der geistige Leistungen als sittliche Pflicht gefordert werden, die Zukunftsschule wird ein Erkenntnisorgan sein, innerhalb dessen die Kinder im freien Spiel ihrem eignen Triebe folgend ihren Geist an den Aufgaben des Volksgeistes versuchen und so auf die natürlichste Weise dem Volksgeist anpassen können.«

B. Otto hofft auch, daß der Volksgeist an reiner Erkenntnis dereinst reichlichen Zuwachs wieder durch den frischen und unverdorbenen Kindersinn erfahren würde, und beruft sich dabei auf Erfahrungen, die er und seine Anhänger schon jetzt im geistigen Verkehr mit Kindern machen. Bei diesem Verkehr wird, wie er abschließend sagt, »unser Denken klarer, unser Empfinden reiner; Lüge und Phrase weichen vor dem fragenden Kinderauge zurück«.

Hier findet man unbewußte Verwandtschaft mit den Erziehungsreformen des AmerikanersJohn Dewey, der als Professor der Pädagogik an der Universität in Chicago auch den Kampf gegen die »mittelalterliche Lernschule« zu gunsten einer Lebensschule organisiert hat. Seine Vorträge »schoolandsociety« (deutsch vonElse Gurlitt: »Schule und öffentliches Leben«, Hermann Walther, Berlin) und mehr noch die praktischen Erfahrungen, die man mit den neuen Methoden in Amerika und England macht, zwingen zu ernster Beachtung.

Auch Dr.Hans Kleinpeter,[16]ein österreichischer Schulreformer, betrachtet die Umgestaltung des Mittelschulunterrichtes auf Grund desArbeitsprinzipsals eine der dringendsten kulturellen Aufgaben der Gegenwart. Denn leider sind wir in dieser Hinsicht jetzt schon anderen Kulturstaaten gegenüber im Rückstande. Amerika und England haben bereits ihren naturwissenschaftlichen Unterricht auf diese neue Grundlage gestellt, Frankreich hat in seinen Realschulen praktische allgemein verbindliche physikalische Schülerübungen eingerichtet, Deutschland hateineganz auf diesem Prinzip aufgebaute Privatschule (Wertheim a. M.)[17]und kürzlich hat derMagistrat der Stadt München auf Veranlassung des hochverdienten Schulreformers und Schulrates Dr.Kerschensteinerbeschlossen, vom Jahre 1907 ab den Unterricht in der achten Volksschulklasse auf diese Grundlage zu stellen.

Schwierigkeiten wird es natürlich wie bei jeder neuen Einführung geben, aber sie werden nicht unüberwindlich sein. Selbst dort, wo Geldmittel zur Errichtung vonSchülerwerkstättenfehlen, steht uns ein großes und schönes Laboratorium kostenlos zur Verfügung, das Laboratorium der Natur. Um darin zu arbeiten, bedarf es vor allem der Zeit. Darum überall fort mit dem theoretischen Nachmittagsunterricht! Der Nachmittagmußvon 12 Uhr ab frei bleiben (wenn um 8 Uhr begonnen wird), teils für den praktischen Unterricht, teils zu körperlicher Kräftigung oder Erholung.

Eine wichtige unerläßliche Forderung ist auch der obligatorische Zeichenunterricht in allen Klassen; er ist viel wichtiger als der Unterricht in fremden Sprachen.

Mit Utopien also hat man es hier nicht zu tun. Diese Gedanken haben z. T. die Proben schon bestanden. In die öffentlichen Massenschulen werden sie sich allerdings schwer übertragen lassen, aber deshalb sind sie nicht unbrauchbar. Man wird eben darauf zu sinnen haben, wie man sich den hier gesteckten Zielen auch in den öffentlichen Schulen nähern könne. »Wo ein Ziel ist, da ist auch ein Weg,« sagt man in England.

Wenn Kinder eignes Verlangen nach Erkenntnis haben, da soll man sie gewähren lassen und ihnen hilfreich entgegenkommen. Sie wollen ja geistig wachsen, und zwar jedes Kind auf seine Art, nach Maßgabe der ihm angeborenen Kräfte und Triebe. Sie fragen deshalb mehr, als ihnen alle Weisen der Welt beantworten können. Man warte daher, bis diese Wißbegier mit ihren Fragen sich meldet. Dann, aber dann erst belehre man sie!

In der Schule verfährt man anders. Man füttert, überfüttert sie dort geistig, ehe ein Hunger nach Erkenntnis verlangt. Schreien Kinder nach geistigem Brot, dann gebe man ihnen Brot, nicht aber Kuchen, Konfekt oder Medizin. Unsere Schulpädagogik kennt auch diese elementare Diätetik der Seele nicht. Sie ist eben ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung, nicht der biologisch-psychologischen Erkenntnis. Sie ist falsch von Grund auf.

Sie erzieht nur Lüge, weil sie vom Kinde Teilnahme fordert, wo keine da ist, keine da sein kann; sie macht die Kinder träge, weil sie in ihnen den eignen Erkenntnistrieb erstickt; sie macht sie stumm, weil sie ihnen zumutet, über Dinge zu sprechen und in einer Sprache darüber zu sprechen, die ihnen fremd und gleichgültig sind. Sie macht sie zu berechnenden Strebern, weil sie anstatt des Sachinteresses und der selbstlosen Hingabe an das Objekt, den Ehrgeiz, die Sucht nach Anerkennung und äußeren Nutzen setzt; sie nimmt den Kindern ihre natürliche Lebensfreudigkeit, weil sie sie aus ihrer Traum- und Spielwelt, aus ihrem sonnigen Kinderparadies vorzeitig in eine öde Welt von Gesetzen zwingt, von Dogmen und Regeln, die ihnen natürlich das Herz kalt und erstarren machen; sie zerstört ihnen oft sogar das häusliche Glück an der Seite ihrer Eltern und Geschwister, weil sie ihnen eine Menge von Pflichten auferlegt, die ihr junges zartes Gewissen zu schwer belasten und als Schulfurcht andere edle Regungen des Herzens verdrängen; sie nimmt ihnen das Köstlichste, was sie mit ins Leben bekommen, ihre Eigenart, um sie in das langweilige Schulschema einzuzwängen; sie fragt wenig nach Anlagen, Fähigkeiten, Neigungen und Stimmungen der Kinder und schätzt die Gebote der Schulorganisation und Schulverwaltung viel zu hoch ein.

Uns Eltern aber sind die Schulen gleichgültig, uns interessieren nur unsere Kinder. Was nützt es uns, wenn die Schulen blühen, unsere Kinder aber verblühen? Was nützen uns die glänzendsten Zeugnisse und die besten Examina, wenn dabei unsere Kinder nicht innerlich erstarken und reifen?

Bildung ist uns nicht die Hauptsache, sondern freie und vielseitige Entfaltung der Persönlichkeit. Bildung ist auch nichts Äußerliches. Man kann Bildung an einen Menschen nicht anwerfen wie Stuck an eine Hausfassade.

Unsere Schulpädagogik glaubt aber jedem jedes zu jeder Stundenahebringenzu können. Die Sprache selbst verurteilt schon dieses Verfahren. Was man einem nahebringt, das ist und wird nicht dessen Besitz und Eigenstes, das haftet ihm bestenfalls nur äußerlich an und fällt ab, sobald die Natur sich selbständig äußert und entwickelt. Ja, man will in der Schule den Kindern sogar Dinge nahe- oder beibringen, die sie selbst schon besitzen und vielleicht in besserer,gewiß für sie und ihr Bedürfnis besserer Qualität, als das, was ihnen mühsam eingepaukt wird: Ich meine da vor allem die Muttersprache und den Sinn für Kunst jeder Art. Und alles das, was derart an die Kinder herangeschleppt wird, müssen sie hinunterwürgen. Warum? Weil es ihrePflichtist.

Die Pflichten, die wir der Jugend predigen wollen, lauten anders, etwa so, wie esEllen Keyformiert hat:

»Sich vor dem Unendlichen und Geheimnistiefen innerhalb des irdischen Daseins und jenseits desselben beugen, die echten sittlichen Werte unterscheiden und wählen; von dem Bewußtsein der Solidarität des Menschengeschlechtesdurchdrungen sein und von seiner eigenen Pflicht, sich um des Ganzen willen zu einer reichen und starken Persönlichkeit auszubilden; zu großen Vorbildern aufblicken; das Göttliche und Gesetzmäßige im Weltall, im Entwicklungsverlauf, im Menschengeiste anbeten – dies sind die neuen Handlungen der Andacht, die neuen religiösen Gefühle der Ehrfurcht und Liebe, die die Kinder des neuen Jahrhunderts stark, gesund und schön machen werden.«

Mich freut, daß mein Kampf »gegen die Pflichtbanausen« (»Der Deutsche und seine Schule«, Berlin, Wiegandt & Grieben. 2. Auflage 1906 S. 148 ff.) schon einiges Echo gefunden hat. Jetzt lese ich, daß – jedenfalls unabhängig von mir – eben auchEllen Keydiesen Kampf aufgenommen hat. Ihr Werk: »DerLebensglaube, Betrachtungen über Gott, Welt und Seele« mit dem Inhalte: Das Verschulen des Christentums, Die Umwandlung des Gottesbegriffes, Der Lebensglaube, Das Glück als Pflicht, Die Evolution der Seele als Lebenskunst, Ewigkeit und Unsterblichkeit« (Verlag S. Fischer, Berlin W.) lernte ich erst mit Abschluß dieser Schrift kennen. Was sie überPflichtensagt, befriedigt nicht sehr.

Sie schreibt neuerdings in dem »Blaubuch« (1906 Nr. 33, S. 1280):

»Nichts zeigt besser, in welchem Grade die Menschen von Phrasen leben und in Phrasen sterben, als daß man meine Behauptung, daß man durch Pflichterfüllung krank an Seele und Körper oder zum Selbstmörder werden kann, als ›Phrase‹ abfertigen zu können glaubte. Daß z. B. Arbeit ohne Rücksicht auf etwas anderes als die Pflichterfüllung unzählige Menschen für immer gebrochen hat, ist doch eineso häufige ärztliche Erfahrung, daßdies allein die Notwendigkeit eines individuellen Pflichtmaßes auf diesem Gebiet beweist, gar nicht davon zu reden, wie geistig kraftaussaugend die Überanstrengung werden kann.EineÄrztin hat kürzlich betont, daß die neuen Begriffe der Arbeitshygiene unserer einstmaligen Bewunderung für ›den Schein der Arbeitslampe in der Nacht‹ unbarmherzig den Garaus gemacht haben. Denn der, für den die Lampe häufig brennt, sitzt bald als ein schlafloser Nervenkranker davor, sich selbst und anderen zur Qual.«

Anders dachte das erste preußische Unterrichtsministerium des Freiherrnvon Allensteinund sein Leiter des gelehrten UnterrichtswesensJohannes Schulze, so recht eigentlich der Vater unseres Gymnasialpflichtbegriffes, ein ErbeHegelscherAllerweltsbildung, ein Schüler des altklassischen und allzu klassischen Philologen Fr.Aug. Wolf, ein Mann, der von 1814–1858, also 40 Jahre lang, gegen die Gesundheit der deutschen Gymnasiasten bei bester Gesinnung doch – gefrevelt hat.

Es ist gut und nützlich, die Wurzeln des Übels kennen zu lernen und im Auge zu behalten. Er schrieb amtlich, daß man »den Schülern der oberen Klassen wohl zumuten kann, sich täglich fünf Stunden hindurch außer der Schulzeit – dabei hatten die Schüler schon täglich sechs Schulstunden! – zu beschäftigen, sei es mit Lösung der ihnen in der Klasse gestellten Aufgaben oder mit frei gewählten Arbeiten, während für die Schüler der unteren Klassen – wieder bei sechs Schulstunden! – drei andere genügen mögen«.

Dieses »genügen mögen« ist köstlich. Man sieht: elf Stunden täglicherSitzarbeitfür die größeren Schüler von 15–20 Jahren, neun Stunden für die kleineren von 8–14 Jahren erscheint ihm als das bescheidenste Pflichtmaß, das er seinem Herzen abzwingen kann. Schauderhaft! Höchst schauderhaft!

Die im Amte stehenden preußischen Lehrer und Direktoren leben vereinzelt noch unter dem Eindrucke und der Nachwirkung dieses krankhaft ausgearteten Pflichtgebotes, dem man die Jugend opferte – körperlich und geistig – und auf das man sich trotzdem »höllisch was« einbildete. Man nannte das Kantschen Geist und meinte dadurch Königgrätz und Sedan gewonnen zu haben. Etwa, auch Roßbach und Leuthen? Noch heute leben unter uns solchePflichtfanatiker, die sich groß dünken, wenn sie ihre Schüler bis zur Erschöpfung an den Schreibtisch fesseln – »zu treuer Pflichterfüllung«. Man muß diese grimmen Herren nur hören, wie sie sich über uns »Modernen« ereifern! Da schreibt einer, der sich als »Abiturient von 1883« vorstellt, aber trotz aller Forschheit in seiner Mannesbrust den Mut nicht findet, sich uns offen zu stellen:

»Der junge Mann soll jetzt nicht mehr zu ernster, strenger Arbeit erzogen werden, sondern wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte flattern, und die Schule soll ihm das bieten, was ihm ›interessant‹ ist. Das ist die moderne ›Waschlappenerziehung‹, die am schärfsten Kritik übt an der altbewährten Einrichtung unserer Gymnasien. Das Abiturium ist der Schlußstein der Gymnasialzeit, es stammt aus der Fichtezeit, als das Bewußtsein der Pflicht zu straffer Erziehung das Volksgewissen durchdrang (und – gestatten Sie Herr Kollege, daß ich Sie unterbreche – und als das SystemMetternichin Kraft war, das jede leise Regung jugendlicher Frische und Kraft als staatsgefährlich schon im Keime erstickte). Es hat nie jemand der deutschen Wissenschaft den Rang streitig gemacht, solange das humanistische Gymnasium mit seinem Abiturientenexamen die Gebildeten unseres Volkes erzog. (Entschuldigen Sie noch eine Unterbrechung: Auch vor dem Abiturientenexamen stand Deutschland in dem Rufe, der Sitz aller Musen zu sein. Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hebbel, e tutti quanti sind nicht durchs Abiturientenexamen gegangen.) Die reformierten Schulen sollen erst noch ihre Berechtigung nachweisen vor der Geschichte, daß sie die Wissenschaft auf der Höhe halten. (Schulen haben gar nicht die Aufgabe,Wissenschaftlerheranzubilden. Dazu sind die Hochschulen da, wie uns oben schon Prof. Dr.Rudolf Hildebrandbelehrte.) Mit hygienischen Bedenken aber komme man bitte nicht! (Wirklich nicht!?) Ist unsere Jugend zu schwächlich, um das ernste Arbeiten zu ertragen, dann sind wir überhaupt fertig. (Eine chinesische Anschauung! Vivant examina, vivant, floreant, crescant! pereat inventus!) Ich habe das Abiturientenexamen gemacht, als es noch entscheidend war (heute entscheiden die Klassenleistungen), und – das gehört zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens (im Grunde doch ein bescheidener Mann! Da stelle ich an meine Lebenserinnerungen höhere Ansprüche!), das stolze, den Charakter stählende Bewußtsein (das zum Grabe wallendenGreisen noch in Träumen den Angstschweiß auf die Stirnen treibt!), sich durchringen zu müssen mit eigner Kraft, nein, das soll unserer vielgefährdeten Jugend keiner nehmen!« (Tägliche Rundschau 1906 Nr. 296.)

»Gut gebrüllt, Löwe!« Aber – wieunklassischgedacht! Nennen Sie mireinengriechischen Heros auf irgendeinem Gebiete der Kultur, der sich sein Recht, ein Großer zu sein, erst von einer Schulbehörde amtlich bestätigen ließ!

Ich kenne selbst persönlich auch solche Examensfreunde. Es sind meist rein rezeptive Naturen. Der Lehrer sagt es ihnen vor, sie behalten es in einem feinen Herzen und geben es dann nach Befehl wieder reinlich zurück – (eine eigene Passion, ein krankhafter Sport, eine Art geistigen Hürdenreitens!) –. Ich kannte einen, der ließ sich zum Vergnügen immer wieder prüfen, machte seinen Doktor in allen möglichen Fakultäten, bestand alle Prüfungen glänzend, war aber dabei ein Durchschnittsmensch, von dem die Welt keinen weiteren Nutzen gehabt hat. Er ist jetzt tot. Auf seinem Grabstein müßte zu lesen sein: »Er bestand alle Examina mit I! R. i. p!« – Ich wiederhole, wasTheodor Fontanesagt (man findet jetzt dessen kostbare Lebensweisheit wie in Gold gefaßt in dem »Fontanebrevier« vonOlgaundHeinrich SpieroBerlin, F. Fontane & Co. 1905, ein köstliches Büchlein!). Fontane also sagt: »Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhängt, ist nie das Höhere. Waren die Patriarchen examiniert, oder Moses, oder Christus? Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie, was dabei herauskommt.« Das Höhere wollen aber doch wohl »höhere« Schulen leisten?

AuchArthur Schulz(der Herausgeber der »Blätter für deutsche Erziehung« 1906, Heft 7) führt unseren Freund, der sich um Deutschlands Zukunft willen für Beibehaltung des Abiturientenexamens so sehr erwärmt, kräftig und überzeugend ab. Er verweist auf ein WortBismarcks, das wohl schwerer wiegt, als das jenes Musterschülers mit seinem Examenstolze, der für das ganze Leben vorhält. Bismarck sagt: »Wir gehen an unsern Examinibus zugrunde!Die meisten, welche sie bestehen, sind so abgewirtschaftet, daß sie zu eigner Initiative unfähig sind, sich bei allem, was an sie herankommt, möglichst ablehnend verhalten und, was das Schlimmste ist, eine große Meinung von ihrer Fähigkeit haben, weil sie siegend aus allen diesen Examina hervorgegangen sind.«

Weiter sagt Schulz über die »Waschlappenerziehung«, die wir nach der Meinung der Gegner erstreben: »Es ist das ein Kniff dieser Herren, stets zu behaupten, wir würden die Jugend nicht zum ernsten Arbeiten erziehen. Wer sich aber nur einigermaßen mit unseren Bestrebungen vertraut gemacht hat, der weiß sehr wohl, daß geradewiralle Kräfte der Jugend auslösen wollen. Unsere Gegner können oder wollen nicht begreifen, daß außerordentlich viele Anforderungen, die man an die Schüler stellt, von diesen nur deshalb nicht erfüllt werden können, weil man mit den Anforderungen zur unrechten Zeit kommt. Und wenn wir behaupten, daß viele Arbeiten, zur rechten Zeit gefordert, spielend bewältigt werden würden, so sagen sie uns nach, wir wollten gleichsam zum Spielen anleiten. Im Gegenteil!

Wir wünschen, daß möglichst alle Kräfte, die in unsern Kindern schlummern, entwickelt und zu höchsten Anstrengungen gesteigert werden, zu ganz anderen Anstrengungen, als man sich heute träumen läßt. Denn wir wissen, daß jeder, der eine seiner Entwicklung und seinen Kräften angemessene Arbeit unternimmt, diese mit Lust und Liebe, mit Zähigkeit, Geduld und Ausdauer und daher auch mit Erfolg leistet.«

Diese Abwehr schließt mit einer Betrachtung, die den Anbetern des bisher in unsern höheren Schulen herrschenden Erziehungssystems eine bittere Pille sein wird. Nach dem Grundsatz »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« sieht er sich die ehemaligen Gymnasiasten aus dem Pflichtgebiete der Äravon Allenstein,Joh. Schulzeusw. etwas näher an und sagt: »Wenn man schon von Waschlappenerziehung reden will, so hätten wir allen Grund, dieses Wort auf den gegenwärtigen Unterrichtsbetrieb zu beziehen. Denn wenn wir uns die vornehmsten Früchte, die Gymnasiallehrer selber, und ihr Verhalten zu einer der wichtigsten Fragen, nämlich der Religionsfrage, ansehen, welches Urteil sollen wir da fällen? – – Merkt man etwa, daß der Gymnasiallehrerstand in seiner Gesamtheit heute etwas tut, um unser Volk aus der herrschenden Heuchelei und Lüge zu erretten? Wo ist dieser Stand denn geblieben, als der Kampf um den Religionsunterricht tobte? Unwissend, ohnmächtig oder feige hat er diesen Kampf allein den Volksschullehrern überlassen. Auch andere ungeheuer bedeutsame Kämpfe werden heute im öffentlichen Leben ausgefochten. Wo steckt aber dabei der Gymnasiallehrerstand? Ja, ja: ›Waschlappenerziehung‹!«

Wir brauchen so bitter nicht zu werden, müssen aber doch bei unserer Behauptung verbleiben, daß man Pflichten dem Menschen mit Brutalität nicht aufzwingen darf, weil sie dann weder bekömmlich, noch beglückend und segenbringend sind. Ganz so urteilt ebenEllen Key:

»Die Pflichtmoralisten handeln noch immer nach dem Aberglauben, daß, wenn man nur seine Pflicht erfüllt, Gott schon die Kraft gibt. Der Lebensgläubige weiß, daß wir ein und dieselbe Kraftquelle für Leib und Seele haben und daß die Natur sich ebenso unbarmherzig rächt, ob wir uns nun in Pflichterfüllung oder in Pflichtvergessenheit überanstrengen. Die Natur ist gleichgültig gegen alle a priori ausspintisierte Sittlichkeit. Aber sie begünstigt die Sitten, die in Zusammenhang mit dem lebenserhaltenden und lebensteigernden Willen der Natur stehen. Und siestraftdie Sitten, die diesen Willen verletzen.« – – Weiter sagt sie zutreffend:

»Alle haben von Männern gehört, die z. B. am Ladentisch und Schreibpult schlechte Pflichtschüler waren, als sie aber diesen Posten verließen, Gesellschaftswerte wurden. Und was von der Arbeit gilt, das gilt auch auf den übrigen Lebensgebieten. Der heiligeFranziskusvermochte die Armut geliebt zu machen, weil er ›sie selbst wie eine Braut liebte.‹Es gibt unerträgliche Pflichterfüller, die ihre Umgebung nach ein wenig Pflichtvergessenheit seufzen lassen, sowie man bei einem anhaltenden Regen nach Sonne seufzt. Das Leben wird für alle durch die Pflicht Unterdrückten schwühl und ängstlich.«

Soviel wissen also meine Leser jetzt schon: Mein Rezept für eine Erziehung zur Mannhaftigkeit wird nicht eben darin bestehen, daß ich eine harte Schulzucht empfehle und die Eltern bitte, nur auch recht streng darauf zu halten, daß die Kinder ihre Schulaufgaben fleißig machen. Leider beschränkt sich schon vieler Eltern erziehliche Tätigkeit allein darauf, die tyrannische Schule noch zu übertyrannisieren. Vom »Büffeln« wird aber unsere Jugend nicht mannhafter. Die Mannhaftigkeit hat ihren Sitz imHerzender Menschen, nicht in ihremSteiße.

Auf die grünen Spielplätze, nicht auf die Hörsäle hinweisend sagteWellington: »Hier werden unsere Siege erfochten« (oder so ähnlich); kein Grieche und Römer hätte eine tägliche zehnstündigeSitzarbeit für das rechte Mittel erklärt, die Jugend zu tüchtigen Männern heranzubilden. UnsereÄrzteverurteilen von Grund aus die nervenzerrüttenden Stubenhockerei,eine der Hauptursachenüberreizter und irregeleiteter Sinnlichkeit. Sogarklügerwerden die Kinder nicht innerhalb der vier Wände, als wenn sie im Freien sich umsähen. Schon der heiligeBernardus(»Von Zeit zu Zeit hör ich die Alten gern!«) sagte zu denen, die in seinen Orden traten: »Glaubet mir, ich rede aus eigener Erfahrung, ihr werdet in den Wäldern finden, was ihr vergebens in den Büchern gesucht hättet. Die Bäume und Felsen werden euch lehren, was ihr von den geschicktesten Meistern nicht hättet lernen können.«

Mein Ruf wird auch hier sein ähnlich wie der der tapferen Bertha Suttner: »Abrüsten! Den Bakel nieder!«

Zweiter Fundamentsatzalter Erziehung: »Der junge Mensch mußgehorchenlernen!« Gut. Aber wem gehorchen? Den Gesetzen? – Natürlich! Den Behörden? Auch das. Freilich lehrte schon der weise Sokrates seine Jünger, daß es auch veraltete, törichte Gesetze und sehr ungerechte, kurzsichtige Behörden gebe. Es wird also nichts schaden, den jungen Leuten gelegentlich auch mal zu sagen, daß Gesetze und Behörden Menschenwerk sind und daß sie selbst einmal berufen sein werden, beide auf ihren Wert zu prüfen und sie nötigenfalls abändern zu helfen.

»Gehorchen muß vor allen Dingen das Kind den Eltern und Erziehern.« Das werden auch wir heute der Jugend mit aller Eindringlichkeit zur Überzeugung bringen. Vorher wollen wir aber besser dafür sorgen, daß Eltern und Erzieher nicht Unbilliges von den Kindern fordern. Dann wird der Zwang von selbst fortfallen undfreiwilligerGehorsam sich einstellen. Denn das Verhältnis der Kinder zu ihren Erziehern soll auf Liebe und Verehrung, auf gegenseitigem Verständnis aufgebaut sein.


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