ACHTER ABSCHNITTDas elementare Wollen

ACHTER ABSCHNITTDas elementare Wollen

Seit alters drängte sich dem vorwissenschaftlichen Denken wie der zünftigen Philosophie die Überzeugung auf, daß es im Seelenleben Erscheinungen gibt, deren Kern auf keine der bisher besprochenen Erlebnisformen zurückführbar ist, die darum als besondere Klasse unter den psychischen Elementen aufgezählt werden müssen. Die Sprache hat für diese Phänomene den Ausdruck Wollen oder Streben geschaffen. Während nun in früheren Zeiten kein Zweifel gegen diese allgemeine Überzeugung aufkommen konnte, legte man in der ersten Blütezeit der experimentellen Psychologie keinen besonderen Wert auf diese allgemeine Übereinstimmung, sondern schloß sich dem englischen Sensismus an, der das Wollen als Elementarvorgang entschieden ablehnte. Heute, wo man Wesen und Wert der Selbstbeobachtung inner- und außerhalb des Experimentes wissenschaftlich erfaßt hat, trägt man Bedenken, einer so allgemeinen Anschauung leichthin zu widersprechen, und das um so mehr, als auch die experimentellen Untersuchungen in wichtigen Punkten zu der vorexperimentellen Meinung zurückführen. Gleichwohl sind wir von einer Einheitlichkeit der Lehre noch weit entfernt.

Kein Psychologe bestreitet das Vorhandensein von Erlebnissen, die als Ganzes den Namen von Willensvorgängen verdienen. Sehr viele der neueren Psychologen hingegen glauben diese Vorgänge auf Erkenntnis oder Gefühl zurückführen zu können. So meintSpencer, die willkürliche Handlung unterscheide sich nur dadurch von der unwillkürlichen, daß bei ihr die auszuführende Bewegung zuvor vorgestellt wird; im übrigen aber sei jede Willenshandlung nichts anderes als eine Folge von Vorstellungen, an die sich dank angeborener Dispositionen die äußere Handlung anschließt. Wir werden später Tatsachen kennen lernen, die zugunsten einer solchen Auffassung sprechen. Ganz ähnlich urteilt Th.Ziehen. Statt des Willensaktes nimmt ernur eine „intensive, von starken Gefühlstönen begleitete Zielvorstellung“ an. AuchMeumanngehört nebenEbbinghaus,RibotundJanetzu dieser ersten Gruppe. Wenn Meumann auch von der „Zustimmung“ als dem Ursprung der willkürlichen Handlung spricht, so will er damit doch kein nichterkenntnismäßiges Element einführen.Münsterberghingegen suchte das Charakteristische der Strebevorgänge in den Spannungsempfindungen, die der erwarteten Bewegung vorausgehen. Als grundsätzlichen Gegner der Genannten betrachtet sichWundt. Er bezeichnet seine Psychologie mit Vorliebe als voluntaristische, da erst sie der Eigenart des Wollens gerecht werde. Der Willensvorgang ist nach ihm ein Affekt, der in seinem eigenen Verlauf seine Lösung findet. Es sind also Gefühle, in dieWundtdas Wesen des Wollens verlegt. Eine letzte Gruppe endlich erklärt das Wollen als einen von Vorstellungen und Gefühlen wesentlich verschiedenen Vorgang. So außer den Aristotelikern namentlichLotzeund von den neuerenPfänder,Schwarz,AchundMichotte.

Kein Psychologe bestreitet das Vorhandensein von Erlebnissen, die als Ganzes den Namen von Willensvorgängen verdienen. Sehr viele der neueren Psychologen hingegen glauben diese Vorgänge auf Erkenntnis oder Gefühl zurückführen zu können. So meintSpencer, die willkürliche Handlung unterscheide sich nur dadurch von der unwillkürlichen, daß bei ihr die auszuführende Bewegung zuvor vorgestellt wird; im übrigen aber sei jede Willenshandlung nichts anderes als eine Folge von Vorstellungen, an die sich dank angeborener Dispositionen die äußere Handlung anschließt. Wir werden später Tatsachen kennen lernen, die zugunsten einer solchen Auffassung sprechen. Ganz ähnlich urteilt Th.Ziehen. Statt des Willensaktes nimmt ernur eine „intensive, von starken Gefühlstönen begleitete Zielvorstellung“ an. AuchMeumanngehört nebenEbbinghaus,RibotundJanetzu dieser ersten Gruppe. Wenn Meumann auch von der „Zustimmung“ als dem Ursprung der willkürlichen Handlung spricht, so will er damit doch kein nichterkenntnismäßiges Element einführen.Münsterberghingegen suchte das Charakteristische der Strebevorgänge in den Spannungsempfindungen, die der erwarteten Bewegung vorausgehen. Als grundsätzlichen Gegner der Genannten betrachtet sichWundt. Er bezeichnet seine Psychologie mit Vorliebe als voluntaristische, da erst sie der Eigenart des Wollens gerecht werde. Der Willensvorgang ist nach ihm ein Affekt, der in seinem eigenen Verlauf seine Lösung findet. Es sind also Gefühle, in dieWundtdas Wesen des Wollens verlegt. Eine letzte Gruppe endlich erklärt das Wollen als einen von Vorstellungen und Gefühlen wesentlich verschiedenen Vorgang. So außer den Aristotelikern namentlichLotzeund von den neuerenPfänder,Schwarz,AchundMichotte.

So beachtenswert die einhellige Annahme eines ursprünglichen Wollens durch die überwiegende Mehrheit der älteren Philosophen auch war, sie verlor an Bedeutung, als man einerseits die Schwierigkeit und Unzuverlässigkeit einer unkontrollierbaren Selbstbeobachtung, anderseits gewisse Tatsachen kennen lernte, die ein eigentliches Wollen überflüssig erscheinen ließen. Man beobachtete nämlich, wie sich bisweilen die äußere Handlung rein mechanisch ohne Dazwischenkunft eines besonderen Willensaktes, ja vielfach ganz gegen die Absicht des Handelnden an bestimmte Vorstellungen anschloß. Als man später die Willenshandlung in der Form einfachster Reaktionsbewegungen, wobei etwa auf das Hören eines Signals ein Taster niederzudrücken war, dem Experiment unterwarf, stellte sich heraus, daß die Vpn nichts von einem Willensakt erlebten. Die fortschreitende Technik des psychologischen Experimentes zeigte allerdings, daß hier ein doppelter Fehler begangen war. Erstens braucht der bestimmende Willensakt nicht während der gewollten Handlung aufzutreten.Achzeigte vielmehr, daß von dem Vorsatz determinierende Tendenzen ausgehen, die den Verlauf der Willenshandlung auch ohne Erneuerung des Willensaktes sicherstellen. Man hatte sonach den Willensakt an einer verkehrten Stelle erwartet: nicht bei der Ausführung des Versuches, sondern bei der willkürlichen Übernahme der Anweisung des Versuchsleiters hätte er gesucht werden müssen. Zweitens hatte man mechanisierte Vorgänge mit von Haus aus einfachen verwechselt: geläufige Fingerbewegungen enthalten kaum noch irgendwelche bedeutsamen Erlebnisse, sind also zum Studium des Willensvorganges ungeeignet.Achführtedarum die fruchtbare Neuerung ein, durch vorgeschobene Hindernisse einen möglichst ausgesprochenen Willensakt zu veranlassen. Er ließ zuvor Silbenpaare einprägen, bot alsdann die erste der gelernten Silben mit der Anweisung, nicht die hinzugelernte auszusprechen, sondern eine beliebige andere Silbe zu nennen bzw. zu der ersten einen Reim zu bilden u. dgl. Die vorausgehende Einprägung schuf ein Hindernis für die Ausführung der Vp. Um dieses zu überwinden, bemühte sie sich, namentlich wenn sie erfahren, wie die eingeprägte Silbe sich gegen jede Absicht durchzusetzen suchte, mit einem recht energischen Willensakte die verlangte Reaktion sicherzustellen. Auf die Bedenklichkeiten dieses experimentellen Verfahrens brauchen wir hier nicht einzugehen. Es war jedenfalls insofern erfolggekrönt, als esAchzum erstenmal gelang, den Willensakt wirklich beobachten zu lassen. Einen andern glücklichen Versuch unternahmMichotte. Er führte experimentell einenWahlaktherbei, indem er seinen Vpn je zwei Zahlen bot mit der Aufforderung, sich auf ernsthafte Gründe hin zu entscheiden, ob sie die vorgezeigten Zahlen addieren oder subtrahieren, bzw. in anderen Versuchen multiplizieren oder dividieren wollten. Statt der Ausführung der von den Vpn gewählten Rechenoperation verlangte er eine Reaktion mit dem Morsetaster. So gewann er gegenüberAchden Vorteil, den Willensakt in die sogen. Hauptperiode des Versuches zu bekommen, während beiAchder energische Vorsatz jedesmal unmittelbar vor dem eigentlichen Experiment lag, und zweitens gestattete der Verzicht auf die Verwirklichung der gewählten Rechenoperation, den Versuch sofort nach dem Wahlakt abzubrechen, wodurch die schwierige Beobachtung dieses Aktes ungemein gefördert wurde. Trotz der Geringfügigkeit des Wahlgegenstandes erlebten alle Vpn eine ernsthafte Wahl, die mit den Entschließungen des Alltags grundsätzlich vergleichbar war. Auch verschlug es nichts, daß die Vpn die Rechnung nicht ausführen mußten; denn die Tasterreaktion nahm ganz und gar den Charakter einer Verwirklichung des Vorsatzes an. Aber nur ganz allmählich erlernten die Vpn ihr flüchtiges Erlebnis beobachten und beschreiben.

So beachtenswert die einhellige Annahme eines ursprünglichen Wollens durch die überwiegende Mehrheit der älteren Philosophen auch war, sie verlor an Bedeutung, als man einerseits die Schwierigkeit und Unzuverlässigkeit einer unkontrollierbaren Selbstbeobachtung, anderseits gewisse Tatsachen kennen lernte, die ein eigentliches Wollen überflüssig erscheinen ließen. Man beobachtete nämlich, wie sich bisweilen die äußere Handlung rein mechanisch ohne Dazwischenkunft eines besonderen Willensaktes, ja vielfach ganz gegen die Absicht des Handelnden an bestimmte Vorstellungen anschloß. Als man später die Willenshandlung in der Form einfachster Reaktionsbewegungen, wobei etwa auf das Hören eines Signals ein Taster niederzudrücken war, dem Experiment unterwarf, stellte sich heraus, daß die Vpn nichts von einem Willensakt erlebten. Die fortschreitende Technik des psychologischen Experimentes zeigte allerdings, daß hier ein doppelter Fehler begangen war. Erstens braucht der bestimmende Willensakt nicht während der gewollten Handlung aufzutreten.Achzeigte vielmehr, daß von dem Vorsatz determinierende Tendenzen ausgehen, die den Verlauf der Willenshandlung auch ohne Erneuerung des Willensaktes sicherstellen. Man hatte sonach den Willensakt an einer verkehrten Stelle erwartet: nicht bei der Ausführung des Versuches, sondern bei der willkürlichen Übernahme der Anweisung des Versuchsleiters hätte er gesucht werden müssen. Zweitens hatte man mechanisierte Vorgänge mit von Haus aus einfachen verwechselt: geläufige Fingerbewegungen enthalten kaum noch irgendwelche bedeutsamen Erlebnisse, sind also zum Studium des Willensvorganges ungeeignet.Achführtedarum die fruchtbare Neuerung ein, durch vorgeschobene Hindernisse einen möglichst ausgesprochenen Willensakt zu veranlassen. Er ließ zuvor Silbenpaare einprägen, bot alsdann die erste der gelernten Silben mit der Anweisung, nicht die hinzugelernte auszusprechen, sondern eine beliebige andere Silbe zu nennen bzw. zu der ersten einen Reim zu bilden u. dgl. Die vorausgehende Einprägung schuf ein Hindernis für die Ausführung der Vp. Um dieses zu überwinden, bemühte sie sich, namentlich wenn sie erfahren, wie die eingeprägte Silbe sich gegen jede Absicht durchzusetzen suchte, mit einem recht energischen Willensakte die verlangte Reaktion sicherzustellen. Auf die Bedenklichkeiten dieses experimentellen Verfahrens brauchen wir hier nicht einzugehen. Es war jedenfalls insofern erfolggekrönt, als esAchzum erstenmal gelang, den Willensakt wirklich beobachten zu lassen. Einen andern glücklichen Versuch unternahmMichotte. Er führte experimentell einenWahlaktherbei, indem er seinen Vpn je zwei Zahlen bot mit der Aufforderung, sich auf ernsthafte Gründe hin zu entscheiden, ob sie die vorgezeigten Zahlen addieren oder subtrahieren, bzw. in anderen Versuchen multiplizieren oder dividieren wollten. Statt der Ausführung der von den Vpn gewählten Rechenoperation verlangte er eine Reaktion mit dem Morsetaster. So gewann er gegenüberAchden Vorteil, den Willensakt in die sogen. Hauptperiode des Versuches zu bekommen, während beiAchder energische Vorsatz jedesmal unmittelbar vor dem eigentlichen Experiment lag, und zweitens gestattete der Verzicht auf die Verwirklichung der gewählten Rechenoperation, den Versuch sofort nach dem Wahlakt abzubrechen, wodurch die schwierige Beobachtung dieses Aktes ungemein gefördert wurde. Trotz der Geringfügigkeit des Wahlgegenstandes erlebten alle Vpn eine ernsthafte Wahl, die mit den Entschließungen des Alltags grundsätzlich vergleichbar war. Auch verschlug es nichts, daß die Vpn die Rechnung nicht ausführen mußten; denn die Tasterreaktion nahm ganz und gar den Charakter einer Verwirklichung des Vorsatzes an. Aber nur ganz allmählich erlernten die Vpn ihr flüchtiges Erlebnis beobachten und beschreiben.

Die Untersuchungen vonMichottesowie die vonAchund seinen Schülern führten einhellig zu dem Resultat: es gibt ein eigentliches Erlebnis des Wollens. Vorstellungen, Spannungsempfindungen und Gefühle können es gelegentlich begleiten, sind ihm jedoch nicht wesentlich. Auch unterscheidet sich dieses Erlebnis deutlich von jeder rein assoziativen Folge von Vorstellungen oder Bewegungen. SeineEigenart beruht darin, daß es eine innere Tätigkeit ist, und zwar eine solche, die man nur dann richtig beschreibt, wenn man das Ich als Subjekt oder Ausgangspunkt dieser Tätigkeit nennt. Diese Betätigung des Subjektes ist durchaus nicht mit der Konstatierung „ich will“ zu verwechseln. Sie ist vielmehr die Stellungnahme des Subjektes zu einem Ziel, sie ist das, was wir als „Streben“ bezeichnen. Es ist ihr aber nicht wesentlich, wieAchmeinte, daß sie sich stets auf ein zukünftiges Tun bezieht; die Wahlentscheidungen bei Michotte waren Willensakte, die ausschließlich die Gegenwart berücksichtigten.

Man wird die genannten Verschiedenheiten des Wollens wohl kaum alsQualitäten des Willensaktesauffassen dürfen. Als solche findet man öfters Wollen und Widerstreben genannt. Leider kann sich diese Unterscheidung vorerst noch nicht auf experimentelle Befunde stützen, weshalb der Anerkennung eines negativen Wollens gleichmäßig seine Verwerfung gegenübersteht, indem man behauptet, das Widerstreben sei nur das Wollen eines andern Zieles.

Sehr geläufig ist dagegen der Alltagserfahrung die Unterscheidung verschiedenerIntensitäten des Wollens. Wir kennen energisches und flaues Wollen. AuchAchunterscheidet das ausgeprägte primäre und das schwache Wollen. Allein die hier ganz wesentliche Frage, ob die gemeinhin wahrzunehmende Steigerung des gesamten Willensaktes auch seinem inneren Kern, nämlich dem elementaren Wollen beizulegen ist, oder ob nur die Ausstaffierung des Willensaktes durch lebhaftere Gefühle, stärkere Spannungsempfindungen, lautere Beteuerungen eine Intensitätssteigerung vortäuscht, ist heute noch nicht mit Sicherheit zu beantworten. Manche Versuchsergebnisse deuten eher in die Richtung, daß der Willensakt nicht intensiver, sondern nur unbedingter werden kann, d. h. daß er sein Ziel nicht mit vermehrter Kraft, sondern um höheren Preis anstrebt.

Sehr bedeutsam für die Auffassung des Willensaktes ist endlich die BeobachtungMichottes, die sich im Grunde auch beiAchfinden läßt, daß das Wollen nicht an eine bestimmte gewissermaßen äußere Art des Erlebens gebundenist. Das charakteristische Tätigkeitserlebnis des Wollens kann vielmehr gleichsam die Seele der verschiedensten Prozesse bilden: Worte, Gesten, inneres Meinen, inneres Hinzielen ist bald ein willentlicher, bald ein unwillentlicher Vorgang, je nachdem sich das eigentliche Wollen mit ihnen verbindet oder nicht. Anderseits sprechen gute Beobachtungen dafür, daß es ein isoliertes Wollen, einen reinen Willensakt nicht gibt: wie die Seele den Körper, so braucht der Willensakt eine Verhaltungsweise, in der er sich kundgibt.

Das vonAchundMichotteuntersuchte Wollenserlebnis ist zwar nicht als elementares zu bezeichnen, sondern als vollbewußtes. Weitere Untersuchungen zeigen jedoch, daß der „Willenszug“ bei ihm der gleiche ist wie beim triebhaften Wollen. Beide unterscheiden sich nur durch das zum Willensakt hinzutretende Wissen vom Wollen und seinen Zielen. DerTriebist das naturhafte, nach Akt und Ziel nicht beachtete Streben.

Literatur

N.Ach, Über den Willensakt und das Temperament. 1910.A.Michotteet N.Prüm, Etude expérimentale sur le choix volontaire et ses antécédents immédiats. Arch. de Psych., Bd. 10. 1910.J.Lindworsky, Der Wille.³ 1923.

N.Ach, Über den Willensakt und das Temperament. 1910.

A.Michotteet N.Prüm, Etude expérimentale sur le choix volontaire et ses antécédents immédiats. Arch. de Psych., Bd. 10. 1910.

J.Lindworsky, Der Wille.³ 1923.


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