II.BuchDIE VORSTELLUNGSERNEUERUNG ALS GRUNDLAGE DER HÖHEREN PSYCHISCHEN LEISTUNGEN

II.BuchDIE VORSTELLUNGSERNEUERUNG ALS GRUNDLAGE DER HÖHEREN PSYCHISCHEN LEISTUNGEN

Verfügten wir nur über die bisher aufgezählten Fähigkeiten des Seelenlebens, dann wäre ein nennenswerter Fortschritt nicht zu erreichen. Ein ungefähres, aber längst nicht ausreichendes Bild von der Hilflosigkeit eines solchen Geistes gibt uns der Zustand greisenhafter Gedächtnisschwäche, bei der kein neuer Eindruck haften bleibt. Die psychologische Tatsache also, die wir bei der Analyse und Erklärung der bis jetzt beschriebenen Bewußtseinserscheinungen ganz oder fast ganz unbeachtet ließen, die wir jedoch bei der Besprechung der höheren Leistungen nicht mehr missen können, ist die Tatsache derVorstellungserneuerung. Wenn wir wie immer von dem unmittelbar Gegebenen ausgehen, dann treffen wir bei dem Erwachsenen die Überzeugung, daß uns früher Erlebtes wieder in den Sinn kommt. Die erkenntniskritische Frage, ob diese Erinnerungen mit der tatsächlichen Vergangenheit übereinstimmen, und die erkenntnispsychologische Frage, wie es überhaupt zu dem Bewußtseinsinhalt „mein früheres Erlebnis“ kommt, darf an dieser Stelle ausgeschaltet werden.

1. Die Wiedervergegenwärtigung vergangener Erlebnisse ist eine überaus mannigfache, allzu mannigfach, so möchte es scheinen, als daß sie sich irgendwelchen Gesetzen einordnen ließe. Fragen wir uns aber zunächst einmal nach denErlebnisarten, die sich reproduzieren lassen, so vermissen wir darunter alsbald Willensakte und Gefühle. Wir erinnern uns zwar an die Tatsache, daß wir einen Entschluß gefaßt haben und daß wir traurig waren, ja bei dem Gefühl ist noch etwas mehr vorhanden: taucht die Erinnerung an den Anlaß der früher erlebten Trauer auf, dann werden wir aufs neue traurig, aber dieses Gefühl trägt nicht den Erinnerungscharakter, wie die es veranlassende Vorstellung. Auch sind wir nicht imstande, ein Gefühl unmittelbar und für sich wieder lebendig zu machen, sondern müssen uns zuvor an seinen Anlaß erinnern. Diese Unmöglichkeit, sich des Gefühles zu erinnern, stimmt auch ganz zu der theoretischen Auffassung, die wir uns über das Wesen des Gefühls bildeten, ebenso wie es in der Natur der Akte (des Erkennens und Wollens) liegt, nicht reproduzierbar zu sein. Es bleiben somit für die Reproduktion übrig jene Eindrücke, die unmittelbar von Empfindungen herrühren. Es hat sich aber bei Reproduktionsversuchen gezeigt, daß nicht nur diesinnlichen Eindrückewieder ins Bewußtsein gerufen werden können, sondern auch die Beziehungen, die wir an ihnen entdeckt haben: wir erinnern uns auch anSachverhalte. Oft ist es sogar zunächst ein Sachverhalt, der sich bei der Bemühung um eine Reproduktion einstellt: so besinnen wir uns auf einen Namen und finden zunächst, er sei ganz ähnlich einem anderen. Es muß hier allerdings noch dahingestellt bleiben, ob die Reproduktion eines Sachverhaltes gleich unmittelbar ist wie die von sinnlichen Eindrücken.

2. Vorstellungen und Sachverhalte tauchen beim Besinnen oder gelegentlich auch ungesucht in unserer Erinnerung auf. Sammelt man solche Erinnerungserlebnisse in genügender Zahl, so offenbart sich trotz aller Buntheit der Einfälle eine gewisseGesetzmäßigkeit, die zum Teil schonAristotelesaufgefallen ist. Eine Wahrnehmung oder auch eine Vorstellung ist häufig von einer Reproduktion gefolgt, deren Gegenstand inörtlicheroderzeitlicher Berührungmit dem Gegenstand der vorausgehenden Wahrnehmung oder Vorstellung sich befand; der Anblickeiner Straße ist gefolgt von der Erinnerung an einen Unfall, der sich dort abgespielt.Die Regelmäßigkeit, mit der unter solchen Bedingungen eine Vorstellungserneuerung eintritt, und die eigenartige Erlebnisweise, die manchmal dabei zu beobachten ist: die vorausgehende Wahrnehmung berührt uns merkwürdig; ist inhaltsschwerer als andere; läßt uns nicht so schnell los; wir spüren, wie in unserem Bewußtsein sich irgend etwas herausarbeitet usw.; all dies bestimmt uns sehr bald, in der vorausgehenden Wahrnehmung die Ursache jener Vorstellungserneuerung zu erblicken. Wir sagen: jene Wahrnehmung erinnert mich an, wir bezeichnen sie als dasReproduktionsmotivund behaupten, es gehe von ihr eineTendenzaus, die mit ihrem Gegenstand zeitlich und örtlich verknüpften Gegenstände ins Bewußtsein zu rufen. Eine gleiche Tendenz entdeckte sodann Aristoteles hinsichtlich der dem Wahrnehmungsgegenstand entgegengesetzten und endlich der ihm ähnlichen Dinge:GegensätzlichesundÄhnlichesrufen sich wechselseitig ins Bewußtsein.

Zu diesen drei fand man in unserer Zeit noch andere Reproduktionsfälle. Nicht nur Vorstellungen von Gegenständen, die örtlich oder zeitlich mit andern Gegenständen verknüpft sind, werden zum Reproduktionsmotiv für die Vorstellungen eben jener Gegenstände, auch Vorstellungen, die ersteren nur inhaltlich ähnlich sind, rufen letztere herbei: Die Farbe blau ruft die Wortvorstellung blau ins Bewußtsein, aber auch die Farbe violett soll von dem Kinde, das sie zum erstenmal sieht, blau benannt werden; hier hätte also die Wahrnehmung violett dieselbe Vorstellung reproduziert, wie das ihm ähnliche blau. Dieses Gesetz derSubstitutionist natürlich nicht mit dem aristotelischen Gesetz der Ähnlichkeit zu verwechseln. Weiterhin werden bisweilen Vorstellungen bewußt, ohne daß eines der genannten vier Gesetze dafür verantwortlich gemacht werden kann. Es sind das immer Vorstellungen, die kurze Zeit zuvor erlebt wurden. Man spricht da von derPerseverationstendenz(G. E.Müller): eine Vorstellung, die einmal im Bewußtsein war, hat die Neigung, bald wieder bewußt zu werden. Endlich treten hie und da Vorstellungen ins Bewußtsein ohne jedes erkennbare Reproduktionsmotiv. Man nannte siefreisteigende Vorstellungen. Die Zahl der sicher erwiesenen Fälle von freisteigenden Vorstellungen ist indes nicht so groß — zumeist hatte man das Reproduktionsmotiv übersehen oder wieder vergessen —, daß durch sie die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Vorstellungserneuerung in Frage gestellt würde.3. Man versuchte nun, diedrei aristotelischen Gesetze auf eines zurückzuführen. Zunächst dasKontrastgesetz. Gegensätze finden sich bisweilen in der Natur beieinander, so Berg und Tal, Festes und Flüssiges. Sodann machen Gegensätze einen starken Eindruck auf den Erlebenden. Man wird darum eher auf sie aufmerksam und vereinigt so die gegensätzlichen Inhalte im Bewußtsein, während nichtgegensätzliche Inhalte unter sonst gleichen Bedingungen nur vereinzelt und getrennt aufgefaßt werden. Aus dem nämlichen Grunde stellt die Sprache so häufig die Gegensätze nebeneinander: jung und alt, arm und reich. Es lassen sich also gar manche Fälle der Kontrastreproduktion auf die Berührung in Raum und Zeit zurückführen. In andern Fällen weisen die Gegensätze Ähnlichkeiten auf: schwarz und weiß sind darin einander verwandt, daß sie beide neutrale Farben sind und beide an einem Ende der neutralen Qualitätenreihe stehen. Hier bleibt sonach eine Reduktion auf das Ähnlichkeitsgesetz möglich. Aus diesem Grunde läßt man das Kontrastgesetz heute nicht mehr als ursprüngliches Reproduktionsgesetz gelten.Auch dasÄhnlichkeitsgesetzdürfte sich als nicht elementar erweisen. Die bis jetzt bekannten Fälle, wo eine Vorstellung nicht eine mit ihr örtlich oder zeitlich verbundene, sondern eine nur ähnliche Vorstellung weckt, zeigen alle einepartielle Gleichheitbeider Vorstellungen: Wenn die Silbe pön statt der gleichzeitig mit ihr gesehenen Silbe ref die Silbe lön ins Bewußtsein ruft, so ist dem Reproduktionsmotiv pön und der reproduzierten Vorstellung lön der Teil ön gemeinsam. Dieser Teil perseveriert aus der ersten Vorstellung und zieht nach dem Gesetz der raum-zeitlichen Berührung den früher mit ön gleichzeitig gesehenen Bestandteil l nach sich (Peters). Partielle Gleichheit kann vorhanden sein, auch wenn die Dinge nicht so einfach liegen wie in diesem Fall. Es möge eine kleine schwarze Sicherheitsnadel die Vorstellung einer großen weißen reproduzieren. Auch da haben wir außer der Zweckgleichheit die Gleichheit der Behandlungsweise und der Gestalt. Endlich wird in vielen Fällen die Reproduktion zwischen ähnlichen Vorstellungen keine unmittelbare sein, sondern durch die Reproduktion eines Sachverhaltes bedingt werden: an die Wahrnehmung der Vorstellung eines Dinges schließt sich das Wissen an: hierzu gibt es etwas Ähnliches. Überdies können, wieSelzgezeigt hat, die meisten der bisher erwiesenen Fälle der Ähnlichkeitsreproduktion aus dem später zu besprechenden Gesetz der Komplexergänzung erklärt werden.Somit bleibt von den drei aristotelischen Gesetzennur das Berührungsgesetz als fundamentalesübrig. Damit ist auch die Unebenheit ausgeglichen, daß die beiden ersten Gesetze sich auf inhaltliche Momente stützen, während das letzte dem Inhalt gegenüber völlig indifferent ist und nur auf das zufällige Zusammensein mehrerer Inhalte im Bewußtsein Bezug nimmt. Auch dieses Gesetzhat man durch Ausscheidung des Raummomentes zu vereinfachen und durch Ausweitung des Begriffes der zeitlichen Berührung jenen Tatsachen anzupassen gesucht, in denen eine Reproduktion von aufeinanderfolgenden Vorstellungen beobachtet wurde. In der Tat ist das Raummoment, wie leicht zu finden, überflüssig. Anderseits ist die Ausdehnung der zeitlichen Berührung auf nahe zeitliche Folge unnötig. Wie wir gesehen haben, entfallen die Erlebnisse nicht sofort dem Bewußtsein, sondern klingen langsam ab. Darum findet ein nach kurzer Pause aufgenommener Eindruck die unmittelbar vorausgegangenen noch vor und wird mit ihnen zueinemBewußtseinsinhalt vereinigt. Beachtet man zudem, wie sich bei freier Reproduktion die Vorstellungen aneinanderschließen, so wird man sie nicht so sehr als einzelne für sich abgeschlossene Bewußtseinsinhalte, denn vielmehr als Teile eines Gesamtbewußtseins betrachten und den Nachdruck nicht auf die zeitliche Berührung, sondern auf die Zugehörigkeit zu einem Gesamtbild legen (Poppelreuter). Wir kommen so zu dem einenHauptgesetz der Reproduktion: ein bewußt gewordener Teil eines früheren Gesamtbewußtseins hat die Tendenz, die übrigen Teile jenes Gesamtbewußtseins nach sich zu ziehen.Es scheint nicht ausgeschlossen, auch die meistenPerseverationserscheinungendiesem Hauptgesetz unterzuordnen. Die Tatsache, daß eine bestimmte Vorstellung immer wieder ins Bewußtsein drängt, ist häufig durch die Reproduktion allein verständlich: im Hause des Verstorbenen wird man beständig an den Toten erinnert. Hat gar ein Erlebnis starke Organempfindungen hervorgerufen, so trage ich in den bekanntlich länger anhaltenden körperlichen Erregungen das Reproduktionsmotiv für die Vorstellung jenes Erlebnisses im eigenen Leibe mit mir herum. Der Vorgang kann aber auch anders verlaufen. Gewisse Vorstellungen mögen das Bewußtsein beschäftigt haben und durch andere abgelöst worden sein. Läßt nun letzteren gegenüber die Aufmerksamkeit nach, so kann wieder eine der früheren Vorstellungen bewußt werden, ohne im bisherigen Sinne reproduziert zu sein. Nehmen wir nun an, diese Vorstellung sei nicht ganz aus dem Bewußtsein geschwunden gewesen, sondern nur zurückgetreten, und ihr wende sich jetzt wieder die Aufmerksamkeit zu, so wäre sie eben der bevorzugte Bewußtseinsinhalt und würde sich als solcher nach dem allgemeinen Reproduktionsgesetz wieder zu entfalten suchen. In manchen Fällen kann man allerdings kaum voraussetzen, daß sich die frühere Vorstellung im Bewußtsein erhalten habe. Wir müssen dann annehmen, die dem bewußten Phänomen entsprechende Gehirnerregung habe noch fortbestanden und dank des Zurücktretens der anderen Bewußtseinsinhalte die Vorstellungserneuerung veranlaßt.In ähnlicher Weise deutet auch dieSubstitutionauf die (partielle) Gleichheit physiologischer Prozesse hin, wenn anders sie sich überhaupt bestätigt. Die bisher beigebrachten Nachweise sindnoch zu dürftig. Denn die sinnlosen Silben, an denenMüllerundPilzeckersie entdeckten, enthalten immer gleiche Elemente: wenn die Silbe pön eine zu lön gelernte Silbe herbeiführt, so könnte dies daher kommen, daß nur der beiden Silben gemeinsame Teil ön für die Reproduktion ausschlaggebend wird. Das gleiche gilt von der Reproduktion eines Liedtextes durch eine transponierte Melodie. Gewiß mögen bei dieser alle Noten andere sein als die urspünglich mit dem Text verbundenen, aber es bleibt noch die in beiden Fällen gleiche Gestalt, die Melodie, die zweifellos für die Reproduktion des Textes verantwortlich ist. Als beweiskräftig erübrigt nur noch die Substitution ähnlicher Farben und Gerüche. Leider ist nirgendwo ein exakter Beweis für eine solche Substitution erbracht. Ein solcher hätte übrigens auch eine mittelbare Reproduktion (etwa infolge gleicher Wirkungen auf den Organismus) auszuschließen.Auch die kleine Zahl von wirklichfreisteigenden Vorstellungenmuß wohl durch eine besondere Konstellation physiologischer Prozesse erklärt werden. Wie man sich dies im einzelnen zu denken hat, kann erst weiter unten besprochen werden.Kann die Frage nach dem Hauptgesetz der Reproduktion, d. h. die Frage, welche Inhalte uns bei der Vorstellungserneuerung bewußt werden, als gelöst gelten, so ist die weitere Frage nach demWie der Vorstellungsentfaltungnoch kaum in Angriff genommen. Nur den einen Satz kann man aufstellen: die Vorstellungsentfaltung vollzieht sich meist vom Allgemeinen zum Besondern. Jedoch sind die Bedingungen noch aufzufinden, unter denen dieser Satz aus einer Regel zu einem Gesetz wird.

Zu diesen drei fand man in unserer Zeit noch andere Reproduktionsfälle. Nicht nur Vorstellungen von Gegenständen, die örtlich oder zeitlich mit andern Gegenständen verknüpft sind, werden zum Reproduktionsmotiv für die Vorstellungen eben jener Gegenstände, auch Vorstellungen, die ersteren nur inhaltlich ähnlich sind, rufen letztere herbei: Die Farbe blau ruft die Wortvorstellung blau ins Bewußtsein, aber auch die Farbe violett soll von dem Kinde, das sie zum erstenmal sieht, blau benannt werden; hier hätte also die Wahrnehmung violett dieselbe Vorstellung reproduziert, wie das ihm ähnliche blau. Dieses Gesetz derSubstitutionist natürlich nicht mit dem aristotelischen Gesetz der Ähnlichkeit zu verwechseln. Weiterhin werden bisweilen Vorstellungen bewußt, ohne daß eines der genannten vier Gesetze dafür verantwortlich gemacht werden kann. Es sind das immer Vorstellungen, die kurze Zeit zuvor erlebt wurden. Man spricht da von derPerseverationstendenz(G. E.Müller): eine Vorstellung, die einmal im Bewußtsein war, hat die Neigung, bald wieder bewußt zu werden. Endlich treten hie und da Vorstellungen ins Bewußtsein ohne jedes erkennbare Reproduktionsmotiv. Man nannte siefreisteigende Vorstellungen. Die Zahl der sicher erwiesenen Fälle von freisteigenden Vorstellungen ist indes nicht so groß — zumeist hatte man das Reproduktionsmotiv übersehen oder wieder vergessen —, daß durch sie die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Vorstellungserneuerung in Frage gestellt würde.

3. Man versuchte nun, diedrei aristotelischen Gesetze auf eines zurückzuführen. Zunächst dasKontrastgesetz. Gegensätze finden sich bisweilen in der Natur beieinander, so Berg und Tal, Festes und Flüssiges. Sodann machen Gegensätze einen starken Eindruck auf den Erlebenden. Man wird darum eher auf sie aufmerksam und vereinigt so die gegensätzlichen Inhalte im Bewußtsein, während nichtgegensätzliche Inhalte unter sonst gleichen Bedingungen nur vereinzelt und getrennt aufgefaßt werden. Aus dem nämlichen Grunde stellt die Sprache so häufig die Gegensätze nebeneinander: jung und alt, arm und reich. Es lassen sich also gar manche Fälle der Kontrastreproduktion auf die Berührung in Raum und Zeit zurückführen. In andern Fällen weisen die Gegensätze Ähnlichkeiten auf: schwarz und weiß sind darin einander verwandt, daß sie beide neutrale Farben sind und beide an einem Ende der neutralen Qualitätenreihe stehen. Hier bleibt sonach eine Reduktion auf das Ähnlichkeitsgesetz möglich. Aus diesem Grunde läßt man das Kontrastgesetz heute nicht mehr als ursprüngliches Reproduktionsgesetz gelten.

Auch dasÄhnlichkeitsgesetzdürfte sich als nicht elementar erweisen. Die bis jetzt bekannten Fälle, wo eine Vorstellung nicht eine mit ihr örtlich oder zeitlich verbundene, sondern eine nur ähnliche Vorstellung weckt, zeigen alle einepartielle Gleichheitbeider Vorstellungen: Wenn die Silbe pön statt der gleichzeitig mit ihr gesehenen Silbe ref die Silbe lön ins Bewußtsein ruft, so ist dem Reproduktionsmotiv pön und der reproduzierten Vorstellung lön der Teil ön gemeinsam. Dieser Teil perseveriert aus der ersten Vorstellung und zieht nach dem Gesetz der raum-zeitlichen Berührung den früher mit ön gleichzeitig gesehenen Bestandteil l nach sich (Peters). Partielle Gleichheit kann vorhanden sein, auch wenn die Dinge nicht so einfach liegen wie in diesem Fall. Es möge eine kleine schwarze Sicherheitsnadel die Vorstellung einer großen weißen reproduzieren. Auch da haben wir außer der Zweckgleichheit die Gleichheit der Behandlungsweise und der Gestalt. Endlich wird in vielen Fällen die Reproduktion zwischen ähnlichen Vorstellungen keine unmittelbare sein, sondern durch die Reproduktion eines Sachverhaltes bedingt werden: an die Wahrnehmung der Vorstellung eines Dinges schließt sich das Wissen an: hierzu gibt es etwas Ähnliches. Überdies können, wieSelzgezeigt hat, die meisten der bisher erwiesenen Fälle der Ähnlichkeitsreproduktion aus dem später zu besprechenden Gesetz der Komplexergänzung erklärt werden.

Somit bleibt von den drei aristotelischen Gesetzennur das Berührungsgesetz als fundamentalesübrig. Damit ist auch die Unebenheit ausgeglichen, daß die beiden ersten Gesetze sich auf inhaltliche Momente stützen, während das letzte dem Inhalt gegenüber völlig indifferent ist und nur auf das zufällige Zusammensein mehrerer Inhalte im Bewußtsein Bezug nimmt. Auch dieses Gesetzhat man durch Ausscheidung des Raummomentes zu vereinfachen und durch Ausweitung des Begriffes der zeitlichen Berührung jenen Tatsachen anzupassen gesucht, in denen eine Reproduktion von aufeinanderfolgenden Vorstellungen beobachtet wurde. In der Tat ist das Raummoment, wie leicht zu finden, überflüssig. Anderseits ist die Ausdehnung der zeitlichen Berührung auf nahe zeitliche Folge unnötig. Wie wir gesehen haben, entfallen die Erlebnisse nicht sofort dem Bewußtsein, sondern klingen langsam ab. Darum findet ein nach kurzer Pause aufgenommener Eindruck die unmittelbar vorausgegangenen noch vor und wird mit ihnen zueinemBewußtseinsinhalt vereinigt. Beachtet man zudem, wie sich bei freier Reproduktion die Vorstellungen aneinanderschließen, so wird man sie nicht so sehr als einzelne für sich abgeschlossene Bewußtseinsinhalte, denn vielmehr als Teile eines Gesamtbewußtseins betrachten und den Nachdruck nicht auf die zeitliche Berührung, sondern auf die Zugehörigkeit zu einem Gesamtbild legen (Poppelreuter). Wir kommen so zu dem einenHauptgesetz der Reproduktion: ein bewußt gewordener Teil eines früheren Gesamtbewußtseins hat die Tendenz, die übrigen Teile jenes Gesamtbewußtseins nach sich zu ziehen.

Es scheint nicht ausgeschlossen, auch die meistenPerseverationserscheinungendiesem Hauptgesetz unterzuordnen. Die Tatsache, daß eine bestimmte Vorstellung immer wieder ins Bewußtsein drängt, ist häufig durch die Reproduktion allein verständlich: im Hause des Verstorbenen wird man beständig an den Toten erinnert. Hat gar ein Erlebnis starke Organempfindungen hervorgerufen, so trage ich in den bekanntlich länger anhaltenden körperlichen Erregungen das Reproduktionsmotiv für die Vorstellung jenes Erlebnisses im eigenen Leibe mit mir herum. Der Vorgang kann aber auch anders verlaufen. Gewisse Vorstellungen mögen das Bewußtsein beschäftigt haben und durch andere abgelöst worden sein. Läßt nun letzteren gegenüber die Aufmerksamkeit nach, so kann wieder eine der früheren Vorstellungen bewußt werden, ohne im bisherigen Sinne reproduziert zu sein. Nehmen wir nun an, diese Vorstellung sei nicht ganz aus dem Bewußtsein geschwunden gewesen, sondern nur zurückgetreten, und ihr wende sich jetzt wieder die Aufmerksamkeit zu, so wäre sie eben der bevorzugte Bewußtseinsinhalt und würde sich als solcher nach dem allgemeinen Reproduktionsgesetz wieder zu entfalten suchen. In manchen Fällen kann man allerdings kaum voraussetzen, daß sich die frühere Vorstellung im Bewußtsein erhalten habe. Wir müssen dann annehmen, die dem bewußten Phänomen entsprechende Gehirnerregung habe noch fortbestanden und dank des Zurücktretens der anderen Bewußtseinsinhalte die Vorstellungserneuerung veranlaßt.

In ähnlicher Weise deutet auch dieSubstitutionauf die (partielle) Gleichheit physiologischer Prozesse hin, wenn anders sie sich überhaupt bestätigt. Die bisher beigebrachten Nachweise sindnoch zu dürftig. Denn die sinnlosen Silben, an denenMüllerundPilzeckersie entdeckten, enthalten immer gleiche Elemente: wenn die Silbe pön eine zu lön gelernte Silbe herbeiführt, so könnte dies daher kommen, daß nur der beiden Silben gemeinsame Teil ön für die Reproduktion ausschlaggebend wird. Das gleiche gilt von der Reproduktion eines Liedtextes durch eine transponierte Melodie. Gewiß mögen bei dieser alle Noten andere sein als die urspünglich mit dem Text verbundenen, aber es bleibt noch die in beiden Fällen gleiche Gestalt, die Melodie, die zweifellos für die Reproduktion des Textes verantwortlich ist. Als beweiskräftig erübrigt nur noch die Substitution ähnlicher Farben und Gerüche. Leider ist nirgendwo ein exakter Beweis für eine solche Substitution erbracht. Ein solcher hätte übrigens auch eine mittelbare Reproduktion (etwa infolge gleicher Wirkungen auf den Organismus) auszuschließen.

Auch die kleine Zahl von wirklichfreisteigenden Vorstellungenmuß wohl durch eine besondere Konstellation physiologischer Prozesse erklärt werden. Wie man sich dies im einzelnen zu denken hat, kann erst weiter unten besprochen werden.

Kann die Frage nach dem Hauptgesetz der Reproduktion, d. h. die Frage, welche Inhalte uns bei der Vorstellungserneuerung bewußt werden, als gelöst gelten, so ist die weitere Frage nach demWie der Vorstellungsentfaltungnoch kaum in Angriff genommen. Nur den einen Satz kann man aufstellen: die Vorstellungsentfaltung vollzieht sich meist vom Allgemeinen zum Besondern. Jedoch sind die Bedingungen noch aufzufinden, unter denen dieser Satz aus einer Regel zu einem Gesetz wird.

Literatur

W.Poppelreuter, Über die Ordnung des Vorstellungsablaufes. APs 25 (1912).J.Lindworsky, Beiträge zur Lehre von den Vorstellungen. APs 42 (1921).

W.Poppelreuter, Über die Ordnung des Vorstellungsablaufes. APs 25 (1912).

J.Lindworsky, Beiträge zur Lehre von den Vorstellungen. APs 42 (1921).


Back to IndexNext